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Eine Zusammenschau atomphysikalischer und anthroposophischer Aspekte des Themas Radioaktivität.
Aus der Monatszeitschrift "Die Drei" 9/1978  http://www.diedrei.org/


Unsichtbare Gewalten im Innern der Stoffeswelt (I)
Vergangene und gegenwärtige Gestaltungskräfte in Elektrizität und Magnetismus
Prof. Dr. BODO HAMPRECHT
I Die Wesensfrage und der Alte Mond
S461   Viel wird heute aufgewendet, um Menschen von dieser oder jener großen oder kleinen technischen, sozialen oder religiösen Idee zu überzeugen. Selten ist aber eine Überzeugung so gründlich und nachhaltig, von allen Skrupeln menschlicher Skepsis unberührt auf den Boden allgemeiner Verhaltensweisen gesunken, wie jene nun fast 300 Jahre alten Worte des Baco von Verulam: Wissen ist Macht!

   Wenn dieser Satz aus Bacos Schriften selbst noch mehr im Sinne einer Lust an unumschränkter Herrschaft glänzt, so wurde er doch später zunehmend in die Alltäglichkeit emsigen Fortschrittstrebens umgemünzt. In der Wissenschaft, diesem stolzesten Sproß der Neuzeit, führt jener Satz das naiv selbstverständliche Regiment der angewandten Disziplinen. Und oft genug rechtfertigt sich die reine, nicht auf technische Anwendung ausgelegte Grundlagenforschung damit, daß ihre Ergebnisse schon vielfach den Ingenieuren unerwartet neue Wege erschlossen hätten. Zwar gibt es daneben auch das Motiv reinen Erkenntnisstrebens als Wert für sich selbst, ohne welches z.B. die Astrophysiker ihre Bemühungen um die entlegeneren Teile des Universums schwerlich ganz rechtfertigen könnten, doch erscheint es neben dem großen Bruder des technischen Nutzens in etwas dürftigerem Gewand.

   Kein Wunder, daß mit dem beginnenden Erwachen für die umweltzerstörende Seite der Technik auch sogleich der Wert der Wissenschaft überhaupt von vielen in Frage gestellt wird. Indem der Glanz des bloßen Pragmatismus in der Wissenschaft nachläßt, mag seine S462 unscheinbarere Schwester, die den Namen »wissenschaftliche Erklärung« trägt, jedoch ein wenig mehr an Aufmerksamkeit gewinnen. Sie hat im Laufe der Geschichte verschiedene Wandlungen durchgemacht. Je unscheinbarer ihre jeweilige Grundlage war, um so lauter tönte der Jubelgesang von ihren Möglichkeiten. Die Enttäuschungen blieben dann auch nicht aus. Anfangs waren die dumpfen, kaum bewußten Erlebnisse des in seinen Gliedern inkarnierten Menschen ihr Maß für alle Bemühungen: Die undurchdringlichen Körper und ihr unmittelbarer Stoß aufeinander sollten die Erklärungsgrundlage aller Erscheinungen abgeben. Noch Newton fand in seiner eigenen Entdeckung den Gedanken einer auf Entfernung durch den leeren Raum wirkenden und zu allem Überfluß nicht stoßenden, sondern anziehenden Schwerkraft unbefriedigend und enttäuschend. Gegen die Vorstellung elektrischer und magnetischer Felder, also räumlicher Gebilde ohne die gewohnte ponderable Stofflichkeit, hat man sich lange gewehrt. Als schließlich im Zeitalter von Relativitätstheorie und Quantenmechanik sogar die naiven Begriffe von Raum, Zeit und Kausalität in Gefahr gerieten, verlagerte sich das Erklärungsbedürfnis selbst auf die völlig neue Grundlage mathematischer Gesetzmäßigkeiten und Strukturen. Besonderen Reiz gewann jetzt sogar das Aufsuchen solcher mathematischer Objekte hinter den Erscheinungen, die nur in ungewöhnlichen, dem Vorstellen sich entziehenden Raumesverhältnissen denkbar sind. Die sinnenfernen Bereiche der atomaren Vorgänge und der kosmischen Unendlichkeit boten solchen Bestrebungen ein fruchtbares Feld. Untersucht man z. B. die mathematischen Gesetzmäßigkeiten der Drehungen gewöhnlicher Körper, so ergeben sich wohl-bestimmte Ausgestaltungen dieser Gesetzmäßigkeiten, die in keiner Weise in gewöhnlichen räumlichen Verhältnissen vorgestellt werden können; sie lassen sich als »innere« Eigenschaften denken, die nach außen keine Drehbewegungen sind, aber als innere Qualitäten mit äußeren Drehungen nach deren Gesetzen korrespondieren und Zusammenwirken. Es wurde keineswegs mehr als Enttäuschung, sondern als eine bedeutende Begegnung mit verborgenen Geheimnissen der Stoffeswelt erlebt, als sich im Experiment mit Elektronenstrahlen solche inneren Zustände, die heute als halbzahlige Spins bezeichnet werden, bemerkbar machten.

   Ein in allem Wechsel gleichbleibender Grundzug wissenschaftlicher Erklärungsbemühungen ist das Streben nach einer »einheitlichen Weltauffassung«, in der möglichst alle Erscheinungen auf eine Grundtatsache (etwa in Gestalt einer »Weltformel«) zurückgeführt werden können. Wenn wissenschaftliches Erklären in solchen Neigungen Züge des altgewohnten Monotheismus zeigt und sich sein Einfluß auf das Gemüt als Hinneigen zum Vereinheitlichungs-gedanken tatsächlich schwer leugnen läßt, so muß doch anerkannt werden, daß das Herstellen von Beziehungen und das Auffinden von Zusammenhängen die vornehmste Aufgabe aller Erklärungen darstellt; ein alles umfassendes Netz zu weben, liegt also in ihrer Natur. Und die Versuchung, dieses zunächst frei schwebende Netz an einem vereinheitlichenden Mittelpunkt festzumachen, hat beträchtliche Angriffsfläche.

  Aber wissenschaftliches Erklären wird über monotheistische Einheitlichkeitsgelüste einmal genau wie über leibinspirierte Mechanismen unter Bewahrung ihrer berechtigten Aspekte hinauswachsen. Gegenwärtig nährt das Streben nach Vereinheitlichung der S463 Erkenntnis vor allem die großen Hoffnungen, die man auf eine wissenschaftliche Welterklärung baut und läßt ihre Schwachstelle bisher nicht im rechten Licht erscheinen. Aber hinter dem auf Zusammenhänge zielenden Erklären verbirgt sich, wie dieses von der Nützlichkeitsfrage überschattet wird, eine schon sehr im Zwielicht stehende Aufgabe der Wissenschaft, die sie eigentlich viel lieber verleugnet: die Wesenserkenntnis oder Ontologie.

   Im Felde heute üblicher Wissenschaft wird man tatsächlich vergeblich zu ergründen versuchen, was mit einer Frage wie z. B. der nach dem Wesen der Schwerkraft oder nach dem Wesen der Elektrizität gemeint sein könnte. Was läßt sich überhaupt noch Sinnvolles fragen, wenn der gesetzmäßige Zusammenhang einer Naturerscheinung mit allen anderen Naturerscheinungen bekannt ist? Die einzige Möglichkeit liegt in der Frage nach Zusammenhängen mit Tatsachen, die nicht der Natur angehören; und das trifft eigentlich nur für die moralische Ordnung der Welt zu. Wo sie aber als soziologisches Endergebnis von bloßen Naturwirkungen vorgestellt und die Welt damit ganz auf Naturerscheinungen reduziert wird, dort ist die Wesensfrage ohne Inhalt.

   Dennoch erscheinen alle Naturerklärungen, die sich nicht am Ende doch durch Nützlichkeitsgedanken legitimieren, schwerlich über die Stufe einer bedeutungslosen Spielerei hinauszukommen, wenn sie nicht in eine irgendwie geartete Wesenserkenntnis einmünden. Der Boden für eine solche Erkenntnis ist nicht leicht zu bereiten; auch eine
dualistische Weltauffassung, die Geist und Stoff als zwei Welten getrennten Ursprungs ansieht, kann der Wesensfrage ebensowenig einen Sinn beilegen wie ein bloßer Natur-Monismus. Erst eine Anschauung, die nicht nur die Dinge der natürlichen Welt, sondern auch deren Prinzipien und Gesetze einer Entwicklung unterworfen sieht, kann im Entwicklungsgedanken von Naturprinzipien die Verbindung von Moral- und Naturordnung finden, vor deren Hintergrund die Frage nach dem Wesen der Naturerscheinungen ihren Sinn gewinnt.


   Die üblichen wissenschaftlichen Abhandlungen über vergangene Zustände der Welt gehen von der Annahme statischer, unwandelbarer Gesetze aus, um mit ihrer Hilfe von gegenwärtigen Funden und Beobachtungen auf vergangene Formen zurückzuschließen. Sei es nur zur Verdeutlichung der ungeheuren Einschränkung, die diese Annahme bewirkt; es muß geprüft werden, welche Wege sich eröffnen, wenn man sie fallenläßt. Dabei sollte man wandelbare Naturgesetze sich nicht in der trivialen Form von zeitlich zu- oder abnehmenden Kräften vorstellen, sondern - wenn man schon mit der Phantasie an gegenwärtigen physikalischen Vorstellungen ansetzen will - sich einmal für die Vergangenheit Zustände ausmalen, in denen etwa das quantenmechanische Unschärfeprinzip nach Art und Umfang eine größere Rolle spielt, so daß die Kausalität selbst flukturierender und unbestimmter wird.

   Will man sich solch einen Embryonalzustand der Naturgesetzlichkeit veranschaulichen, so sind unsere gegenwärtigen Verhältnisse dazu zunächst ungeeignet. Aber ein gewisser Abglanz solch einer Welt, der gemessen an der naiven Gegenständlichkeit des Naturgeschehens nur mit dem Realitätswert des Scheins begabt ist, erschließt sich einem Beobachter, der mit Aufmerksamkeit die gegenseitigen Einwirkungen z. B. von Farb-, Klang- S464, Gestalt- und Bewegungsqualitäten verfolgt. Wie etwa ein bestimmter Farbwert in einem Bild einen Spannungszustand hervorruft und zu allen anderen Elementen in ein Verhältnis tritt, ohne dabei einer strengen, konsequenten Ablauf fordernden Kausalität unterworfen zu sein, so kann man sich die Urform einer Naturkraft in einem Weltenmoment vorstellen, als gleichsam die entstehenden Gesetze noch nach kompositorischen Gesichtspunkten aufeinander abstimmbar sind.
   Ein solcher Weltenzustand wird in den Werken Rudolf Steiners als Alter Mond bezeichnet und aus übersinnlicher Geistesforschung unter vielen verschiedenen Aspekten als eine vorangegangene Entwicklungsstufe unserer jetzigen Erdenverhältnisse beschrieben. Im Vergleich zur Erde können wir ihn als einen Zustand etwa von der Substantialität
heutiger Traumbilder und noch nicht ponderabel vorstellen, obwohl er sich für sich allein betrachtet durchaus wie eine physische Welt ausnimmt. Man wird vielleicht eher geneigt sein, auf eine solche Zumutung an die Vorstellungsfähigkeit einzugehen, wenn man bedenkt, daß sich selbst die Substantialität unserer heutigen Welt unter den Händen der Physiker in das Mit- und Durcheinander substanzloser, ja nicht einmal im vollen Sinne räumlich realer Felder auflöst und doch auf der anderen Seite recht handgreifliche Eigenschaften zeigt. Im Grunde erscheint diese alte Mondenwelt noch überall dort an den Erdendingen, wo diese in Anordnungen, Verhältnisse und Beziehungen zueinander treten, die nicht mit Naturnotwendigkeit gefordert sind. Obwohl nur Schein, beinhaltet sie vieles, was im menschlichen Leben von Bedeutung ist. Für den Wert des Lebens und für die Lebensqualität spielt z. B. die Schönheit - eine den Naturgesetzen höchst gleichgültige Angelegenheit - eine wichtige Rolle.


   Das Anliegen dieses Aufsatzes ist die Behandlung der Frage nach dem Wesen der Kernkräfte. Dazu erweist es sich als notwendig, in den Gesichtskreis auch andere, ebenfalls nicht direkt der Sinneswahrnehmung zugängliche Kräfte und Wirkungen im innerstofflichen Bereich, besonders die Elektrizität und den Magnetismus, einzubeziehen und sie durch eine geeignete Untersuchung der qualitativen bildhaften Seite ihrer indirekten Erscheinungen zunächst zur alten Mondenstufe, der Embryonalstufe ihrer Gesetze, zurückzuverfolgen. Die gewonnenen Bilder werden jedoch erst sprechend, wenn man ihre Elemente mit den umfassenden Evolutionsgebärden der Welt vergleicht. Der Bilderwelt des Alten Mondes müssen noch zwei Zustände vorangehend gedacht werden, will man nicht absolute Unveränderlichkeit von Raum und Zeit postulieren, sondern im Sinne des Entwicklungsgedankens auch ihre Embryonalformen aufsuchen. Auch solche vorangehenden Zustände sind als Alte Sonne und Alter Saturn im Werk Rudolf Steiners ausführlich behandelt. Unter einem für das Vorhaben dieses Aufsatzes wichtigen Gesichtspunkt soll einiges über sie im nächsten Abschnitt ausgeführt werden. In den dritten Abschnitt fällt dann eine erste Behandlung von Elektrizität und Magnetismus. Als Grundlage für die weitere Untersuchung unserer Frage, muß dann noch eine andere große Linie von sehr prinzipieller Bedeutung in der Weltentwicklung angerissen werden, die mit dem Problem der Entstehung der Freiheit und dem damit verknüpften Ursprung des Bösen zu tun hat. Das soll im vierten Abschnitt geschehen. Ein vor diesem Hintergrund möglicher Aufriß der Kernkraftvorgänge ist als Fortsetzung für die nächste S465 Ausgabe dieser Zeitschrift vorgesehen. Die Fortsetzung wird sich in drei Abschnitte gliedern, beginnend mit einer Beschreibung der natürlichen, schon vor dem Eingriff des Menschen vorhandenen Radioaktivität und ihrer Eigentümlichkeiten, gefolgt von der Darstellung technisch erzeugter Kernreaktionen und deren Grundprinzip. Ein abschließendes Resümee soll den Ausblick auf die Gestaltungsimpulse öffnen, die nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Zukunft der Weltentwicklung zusammenhängen, ohne daß die nähere Untersuchung ihrer Bedeutung für den Bereich untersinnlicher Wirkungen dort schon in Angriff genommen wird. Dennoch wird sich zu der Frage des Verhältnisses von Elektrizität, Magnetismus und Kernkraft zu den von Rudolf Steiner mehrfach erwähnten und in manchen Andeutungen umrissenen »drei Kräften der untersinnlichen Natur« ein Gesichtspunkt beitragen lassen.


II Innerlichkeit, Raum und Zeit
   In frühe Weltzustände, die durch die Anwendung statisch gedachter Naturgesetze von heutigen Beobachtungen nach rückwärts extrapolierend erschlossen werden, bezieht sich der urteilende Mensch nicht selbst ein: Er steht dem ganzen gedachten Weltprozeß in unveränderter Bewußtseinsgestalt äußerlich und nur seine logischen Fähigkeiten engagierend gegenüber. Er ahnt nichts vom Rätsel des Seins. Eine solche Ahnung beginnt zu keimen, sobald er die Grundtatsachen der eigenen Existenz ihrer naiven Selbstverständlichkeit zu entkleiden lernt.
   Wer beim Versuch, die Weltentstehung in Vorstellungen nachzubilden, erst bei einem Universum voll Wasserstoff beginnt, der bereit ist, sich mit gesicherter Existenz in den Reigen schlichtweg bestehender gesetzmäßig geregelter Prozesse zu stürzen, hat den schwierigsten und eigentlich interessanten Teil dieser Entwicklung übergangen. Der ponderable Stoff im Raum, der trägt und stützt und nicht in sich zusammenstürzend ins Nichts verschwindet, ist sicher Endergebnis einer langen Entwicklungsreihe. Ihre Anfangsstadien werden in der Anthroposophie beschrieben. Sie zu begreifen, erfordert ungewohnte Vorstellungen, die mühsam gebildet werden müssen.
   Um einen Eindruck von einem unräumlichen Universum zu gewinnen, versuche man einmal, sich eine ganze Welt nach dem Muster einer Symphonie vorzustellen, ohne ein räumliches Orchester, das sie spielt. Ihren Formen und Gestalten im geregelten Nacheinander das Weltendasein zu sichern, ist die Aufgabe einer ersten Weltenrunde, die den Namen Alter Saturn trägt. Während dieser taucht aus einem zeitlosen Zustand, der allenfalls noch annähernd von der Art eines umfassenden, in sich selbst ruhenden Begriffes vorgestellt werden kann, auf, was den Charakter der Zeit ausmacht: Vorangehen und Folgen, atmendes Schwingen und Beginnen und Enden, bleibendes Verharren und Schwinden. Die zeitliche Folge trägt schon in sich den Keim des Vor- und Nacheinander der Kausalität. Das Prinzip der Schwingung und die Gebärde, im Verharren Dauer zu erlangen, tragen die Signatur physischer Existenz. Was sich in solcher Weise keimhaft ins Dasein hebt, hat die innere Qualität der Wärme, jenes »Stoffes«, der wegen seiner Raumlosigkeit unter heutigen Verhältnissen nicht als Substanz, sondern nur als Zustand erscheinen kann.


Tabelle S466

Bodo Hamprecht, Die Drei 9/1978

 S467   Die Alte Sonne als zweite Weltenrunde bringt in das Geschehen jene ungeheuer die Verhältnisse umwälzende Neuigkeit des gleichzeitigen Nebeneinanders. Der Raum entsteht. Einzelereignisse müssen nicht mehr, wie im bloß Zeitlichen, durch Vorgänger und Nachfolger fest eingekeilt, Nichts oder Alles sein; sie können zu einer Vielzahl von Nachbarn in Beziehung treten. Beziehungsreichtum mit der Möglichkeit zur Differenzierung, zum Ausgleich und Gleichgewicht schafft die Voraussetzung für organische Prozesse. Das Leben beginnt. Die Wärmequalität, vom Wesen des Raumes berührt, entläßt aus ihrer jetzt quellenden und drückenden finsteren Stützkraft das Licht, jenen großartigen Interpreten alles räumlichen Seins. Was dabei übrig bleibt, trägt den inneren Charakter der den Raum ausfüllenden Luft. Eine trockene, winddurchwehte, im bloßen Hell-Dunkel nach Ausdruck ringende Welt gibt einen guten Eindruck dieses alten Sonnenzustandes.
   Mit dem Übergang zum Alten Mond werden diese scharfen Kontraste, die ein reiner Exzeß an Äußerlichkeit sind, allmählich durch sanfte Farbschimmer gedämpft und von dampfender Feuchte geheimniswitternd durchrieselt. Die Welt wird zum Bild. Neue Errungenschaften sind die Qualitäten, das mannigfaltigste So-Sein in Farbigkeit und Klang, in Duft und Behagen - alles, was die Welt mit einem Hauch von Seele überzieht, tritt hervor. Die Voraussetzung für Innerlichkeit ist entstanden. Innenwelt kann aber nur dadurch sein, was sie ist, daß sie in wenigstens teilweise abgrenzender Einstülpung getrennt lebt. Diese Tatsache ruft nun in bedeutsamster Weise Sehnsuchtszustände hervor. Die Sehnsucht treibt von innen zu Bewegungsimpulsen. Bewegung als Weltengeste ist so betrachtet nicht ein gleichgültiges Durchmessen des Raumes in der Zeit, sondern als Geschöpf der dritten Weltenstunde Ausdruck von Innerlichkeit, die sich erst unter geeigneten Umständen in Raum und Zeit manifestiert.    Im Übergang zur Erdenwelt schlägt in die Innerlichkeit der Funke des selbstbewußten Geistes ein: das Ich. Das ist keine Kleinigkeit im Weltprozeß und hat für die ganze Natur tiefgreifende Folgen; darunter vor allem die beginnende Ablähmung ihrer Vorgänge zur Kausalität heutiger Gesetzmäßigkeit. Veranschaulichen kann man sich den Vorgang durch die Vorstellung, daß die ihr Wesen in imaginativer Bildhaftigkeit offenbarenden Gestalten des Alten Mondes unter dem Einschlag des Ich-schaffenden Geistes zerbersten und zerstäuben. Mit dem entstandenen Staub, der die Eigenschaften von Festigkeit und Masse trägt, werden die »Schatten« der zerborstenen Mondengestalten allmählich ausgefüllt. Erst jetzt bilden sich Zustände heraus, die mit den Vorstellungen »technischer Weltentwicklungsideen« auf rein physikalischer Grundlage gemeinsame Berührungspunkte haben.


Die beschriebenen und im nebenstehenden Schema zusammengefaßten Eigenschaften der vier Weltentwicklungs-stufen dürfen nicht im Licht der nüchternen Begrenztheit ihrer heutigen Bedeutung gesehen werden, sondern sie sind als gewaltige und umfassende Grundmotive im Weltendrama anzuschauen, von denen jedes ein ganz unerwartet neues Moment in alle Nuancen der szenischen Entwicklung hineinarbeitet. So verstanden, haben wir eine Chance, die Spuren dieser großen Weltengesten in den Eigenschaften heutiger Naturkräfte wiederzufinden.


III Elektrizität und Magnetismus
S468   Elektrizität läßt sich auf verschiedene Weise aus der stofflichen Welt hervorholen. Ist die Reibung von verschiedenen Stoffen aneinander die älteste Art, so stellt die von Galvani entdeckte sogenannte Berührungselektrizität das eigentliche Urphänomen dar, welches die charakteristischen Merkmale des Entstehungsvorganges am ausgewogensten zeigt. Ein kleiner Vorversuch diene als Ausgangspunkt: Einige Tropfen einer Kupfersulfatlösung (CuS04) werden auf ein blankes Eisenstück gegeben und nach kurzer Zeit wieder abgetupft; wo die Lösung das Eisen berührt hat, erscheint ein feiner rötlicher Belag aus Kupfer. In der abgetupften Flüssigkeit läßt sich Eisen nachweisen1. Es ist also Eisen in Lösung gegangen, während sich Kupfer abgeschieden hat (siehe Abb. 1 und 2). Noch ein Drittes trat zunächst unbemerkt hervor, nämlich Wärme. Sie läßt sich mit dem Thermometer gut nachweisen, wenn der Versuch mit Eisenpulver im Reagenzglas ausgeführt wird.

   Nun führen wir dasselbe Experiment ein zweites Mal in etwas anderer Art durch: Eine Eisenplatte wird in ein Glasgefäß mit Wasser gestellt.


 (siehe Abb.2+3).

Bodo Hamprecht, Die Drei 9/1978


   In das Wasser wird S469 die Kupfersulfadösung gebracht, aber nicht direkt, sondern selbst in einem porösen Tongefäß, so daß der Ausgleich fordernde chemische Spannungszustand zwischen Eisen und Kupfersulfat gleichsam »aktualisiert« wird (weil die Tonwand porös ist), aber der chemische Prozeß doch am Ablauf gehindert ist (weil die Tonwand schließlich doch kein Kupfersulfat durchläßt). In diesem Zustand von unausgeglichenem Chemismus erscheint ein elektrisches Feld zwischen Eisenplatte und Kupfersulfadösung, das am einfachsten nachweisbar ist, indem man (etwa über einen eingetauchten Kohlestab) eine leitende Verbindung zwischen Eisen und Kupfersulfat herstellt, in die eine (sehr kleine) Glühbirne eingeschaltet ist (siehe Skizze). Säuert man jetzt das Wasser im Gefäß zur Verbesserung der Leitfähigkeit leicht an, leuchtet die Glühbirne.
   Nach genau diesem Muster läßt sich die Elektrizität an vielen Stellen der Stoffeswelt finden, zu der sie einen außerordentlichen Beziehungsreichtum entwickelt. Notwendig ist erstens ein Qualitätsunterschied im Stofflichen. Er kann chemischer Natur sein, aber für Konzentrations-, Temperatur- und andere Unterschiede gilt dasselbe. Zweitens muß dieser Unterschied dadurch »aktualisiert« werden, daß die verschiedenen Partner zueinander in eine jeweils nach den Umständen geeignete Beziehung gebracht werden; und drittens muß der direkte (z.B. chemische) Ausgleich des Unterschiedes verhindert werden. Im vorliegenden Beispiel ist der Unterschied ein chemischer, nämlich der zwischen Kupfersulfat und Eisen, während die zweite und dritte Bedingung durch das besondere Material des porösen, aber doch Flüssigkeiten haltenden Tongefäßes erfüllt werden. Mit einem Glas-, Porzellan- oder lackierten Tongefäß an seiner Stelle wäre das Experiment nicht gelungen.
   Die zweite und dritte Bedingung können zusammengefaßt werden in der einen: es muß eine Grenze gebildet werden. Dabei ist der Begriff der Grenze sehr prinzipiell aufzufassen: die Grenze kann im Einzelfall ganz unterschiedliche Gestalt annehmen. Und es ist auf die Doppelseitigkeit dieses Begriffes zu achten, nämlich im Angrenzen auf ein vermittelndes, »aktualisierendes« Element und im Abgrenzen auf eine den Ausgleich verhindernde Komponente. Das Prinzip der Berührungselektrizität heißt also: Elektrisches Feld erscheint an der (doppelwertigen) Grenze verschiedener Qualitäten, die einen Ausgleich fordern.


   Von dort erschließt sich ein Zugang zu den großen Gebärden der Weltentwicklung: der alte Mondenprozeß tritt im Abbild vor uns hin: In ihm bestimmen Qualitäten schwerpunktmäßig die Entwicklung, und Grenzbildungen lassen ein Innensein entstehen, in dem sich Sehnsuchtszustände entwickeln. Das Innensein kommt in den unterschiedlichen Stoffesqualitäten zum Ausdruck. Die Grenzbildung ist zwar Voraussetzung für mondenhaftes Innensein, ihre Elemente des Trennens und Verbindens haben aber schon als räumliche Urbeziehungen während der Sonnenstufe Eingang in die Entwicklung gefunden. Elektrizität ist also ein totes Bild alter, im heutigen Stoff begrabener Mondensehnsucht, und in der elektrischen Spannung findet dieses tote Bild der Sehnsucht einen quantitativen Ausdruck. An ihrem Zustandekommen ist ein Sonnenprozeß beteiligt.

   Der durch die Spannung bewirkte Bewegungsimpuls äußert sich im elektrischen Strom, wenn eine leitende Verbindung geschaffen wird. Lassen wir in unserem Experiment den S470 Strom eine Weile fließen, so finden wir alle Teilprozesse wieder, die wir schon aus dem Vorversuch kennen: Kupfer scheidet sich ab, und zwar am Kohlestab; Eisen geht im umgebenden Wasser in Lösung, und die Wärme entsteht in den Wendeln der Birne und bringt sie zum Glühen. Dieselben drei Prozesse wie im Reagenzglas, doch mit einem gewaltigen Unterschied: Was vorher eng verbunden, weil auch als Gesamtvorgang zusammengehörig, sich jeweils im gleichen Punkt abspielte, tritt jetzt räumlich getrennt auf: Kupferabscheidung, Eisenauflösung und Erwärmung sind drei Glieder einer einheitlichen Prozeßgestalt; die Elektrizität hat in sie das Nebeneinander, den Raum, hineingebracht.

   Es gibt in der ganzen physischen Natur keine andere Kraft, die gestattet, einen einheitlichen Vorgang in solcher Weise räumlich auseinanderzulegen. Diese Eigenschaft wird technisch in umfangreicher Weise ausgenutzt. Telefon und Funk lassen die Partner im Zwiegespräch und in öffentlichen Darbietungen in weite Entfernungen auseinandertreten. Die elektrische Kaffeemühle und die Turbine im Kraftwerk sind als Teile eines einheitlichen Vorgangs zu denken. Prinzip jeder automatischen Steuerung ist, getrennte Prozeßteile richtig aufeinander zu beziehen.

   Eine solche Betonung des Nebeneinander erinnert an die große Weltenaufgabe der Alten Sonne. Was dort der Entwicklung eingepflanzt wurde, findet sich als totes Abbild in Vorgängen wieder, die der elektrische »Monden-Spannungs-Zustand« in Bewegung setzen kann. Genau betrachtet hat der räumlich zergliederte Prozeß aus den drei genannten noch ein viertes, neues Glied, welches der punktuellen Form des chemischen Ausgleiches (wie z.B. im Reagenzglas) nicht angehört. Der ganze Ablauf ist nämlich umgeben und begleitet von der Erscheinung eines magnetischen Feldes. Seine Natur muß im Zusammenhang mit der Eigenart des Aufgliederns einer einheitlichen Prozeßgestalt verstanden werden. Im zergliederten Vorgang tritt die Abstimmung seiner einzelnen Teile aufeinander in die »sichtbare« Dimension und erfährt daher eine besondere Betonung. Das Prinzip der Abstimmung von Prozeßelementen bildet den »organischen Prozeß« der alten Sonnenentwicklung nach, so daß das Magnetfeld, als seine spezifische Begleiterscheinung, in der Art seines Auftretens als bildhafte Zusammenfassung des alten Organismenbildeimpulses erscheint.


   In der Elektrizität haben wir es also mit einer alten Mondenkraft zu tun, die in ihrem Wirken Bildegebärden der alten Sonnenzeit erstens als Magnetfeld und zweitens als allumspannende Prozeßgestaltung zur Erscheinung kommen läßt. In subtiler Weise ist der Sonnenprozeß auch an der Entstehung der Elektrizität selbst beteiligt. Erzeugung elektrischer Felder ist auch auf andere Art möglich, wenn nämlich an die Stelle stofflicher Qualitätsunterschiede entweder das elektrische oder das magnetische Feld selbst tritt. Die entsprechenden Vorgänge werden als Influenz bzw. Induktion bezeichnet. Ihre Beschreibung soll zeigen, wie sie sich in das entwickelte Bild einfügen.


Abbildung 4+5 S471

Bodo Hamprecht, Die Drei 9/1978


   Bei den Influenzvorgängen werden, ausgehend von einem vorhandenen elektrischen Feld, neue elektrische Felder durch einen Vorgang der Trennung erzeugt. Immer wenn ein materieller Körper in einem elektrischen Feld geteilt wird, erscheint zwischen beiden Teilstücken ein neues elektrisches Feld. Es ist zwar dem ursprünglichen Feld entgegen-S471-gerichtet und schwächt dieses zunächst, aber ein nachträgliches Vertauschen der Teilstücke führt zur Verstärkung des ursprünglichen Feldes


   In den Influenzmaschinen wird die ständige Wiederholung dieses Vorganges ausgenutzt, um Felder von vielen tausend Volt Spannung zu erzeugen. Bei der in Abbildung 5 skizzierten Wasserinfluenzmaschine ist die Tropfenbildung am Ende feiner Wasserstrahlen der geschickt ausgenutzte entscheidende Trennungsvorgang.
   Vergleichen wir die Influenz mit der Berührungselektrizität, so fällt auf, daß sich die Trennung als Vorgang vom Schaffen einer Grenze als Vorgang dadurch unterscheidet, daß ihr das verbindende Moment des Angrenzens fehlt. Dieses verbindende Moment hatte bei der Berührungselektrizität die Aufgabe, einen qualitativen Unterschied zu »aktualisieren«. Liegt er, wie hier im elektrischen Feld, schon »äußerlich aktuell« vor, so kann dieses Moment entfallen, so daß das Abgrenzen oder wie hier die Trennung die ganze Rolle allein übernehmen kann. Interessant ist, daß zur Verstärkung des ursprünglichen Feldes noch eine zusätzliche Mondengeste, nämlich die der umwendenden Bewegung nötig ist. Die übrigen Bildgebärden bleiben unverändert.

Vergleichen wir die Influenz mit der Berührungselektrizität, so fällt auf, daß sich die Trennung als Vorgang vom Schaffen einer Grenze als Vorgang dadurch unterscheidet, daß ihr das verbindende Moment des Angrenzens fehlt. Dieses verbindende Moment hatte bei der Berührungselektrizität die Aufgabe, einen qualitativen Unterschied zu »aktualisieren«. Liegt er, wie hier im elektrischen Feld, schon »äußerlich aktuell« vor, so kann dieses Moment entfallen, so daß das Abgrenzen oder wie hier die Trennung die ganze Rolle allein übernehmen kann. Interessant ist, daß zur Verstärkung des ursprünglichen Feldes noch eine zusätzliche Mondengeste, nämlich die der umwendenden Bewegung nötig ist. Die übrigen Bildgebärden bleiben unverändert.


S472   Die dritte Form der Erzeugung elektrischer Felder ist die Induktion² (² Reibungselektrizität erweist sich als ein zusammengesetztes Phänomen von Berührungselektrizität (zwei verschiedene Materialien sind notwendig) und Influenz (durdh die Reibung finden an den Oberflächen ständig Trennungsvorgägne statt).


(Abb. 6).

Bodo Hamprecht, Die Drei 9/1978


   Dieser Vorgang liegt der Erzeugung von Elektrizität durch sogenannte Generatoren z. B. in Kraftwerken zugrunde. Während die umwendende Bewegung für die Verstärkung des Feldes im Influenzvorgang nur geometrische Bedeutung hatte, tritt bei der Induktion die Bewegung insofern »substantiell« auf, als die Spannung des erzeugten elektrischen Feldes direkt von der Schnelligkeit der Bewegung abhängt. Die Bewegung übernimmt als Mondengebärde die Rolle der Qualitätsunterschiede. Das Analogon zur »Aktualisierung« durch Angrenzen wird für die Bewegung schon dadurch erreicht, daß sie im Magnetfeld stattfindet, so daß ein verbindendes Element nicht noch gesondert in Betracht kommt. Dem notwendigen trennenden Grenzelement wird entweder in Gestalt weit voneinander entfernter »offener Enden« des bewegten Leiters Rechnung getragen, oder es kann, wenn diese Enden in einem geschlossenen Stromkreis münden, durch Unterschiede in Stärke oder Richtung benachbarter Teile des durch die Bewegung überstrichenen Magnetfeldes realisiert werden (³ in Spezialfällen auch durch unterschiedliche Bewegung verschiedener Teile desselben Leiters.).

   Sonnencharakter des Magnetfeldes offenbart sich in den Induktionsvorgängen, indem das zentrale Sonnenmotiv der Raumentstehung sich im Magnetfeld noch so stark erweist, daß es äußere Raumeswirkungen stellenweise ersetzen kann. Der Raum wird nämlich sowohl für den Bewegungsvorgang als auch in der Ausgestaltung des trennenden Grenzelementes entbehrlich; beide genügen in ihrer Zeitgestalt: Ein zeitlich sich änderndes Magnetfeld 

S473   induziert auch in einer ruhenden Leiterschleife elektrische Felder, und das Magnetfeld selbst darf dabei räumlich ganz undifferenziert sein.

   Neben der Beschreibung ihrer Gemeinsamkeiten läßt ein Vergleich der drei Arten von Elektrizitätserzeugung auch eine Bewertung ihrer unterscheidenden Merkmale zu. Die Induktion zeigt den Sonnen-Monden-Prozeß der Elektrizitätserzeugung im Sinne alter Saturn-Prinzipien abgewandelt, während er in der Influenz eine Gestalt annimmt, die schon auf Motive der Erdenstufe hindeutet. Ein wichtiges Saturnmotiv ist die Erhaltung und Befestigung im Sein. Sie findet ein Abbild z. B. in dem bei chemischen Vorgängen beobachteten Prinzip von LeChatelier. Unter geeignet ausgewogenen Umständen reagiert ein chemisches System auf äußere Einflüsse so, daß der Äußerung größtmöglicher Widerstand entgegengesetzt wird. Als Beispiel: Eine bei bestimmter Temperatur gesättigte Salzlösung, in der sich noch ungelöstes Salz beendet, nimmt unter Erwärmung weiteres Salz in die Lösung immer dann auf, wenn Lösen mit Abkühlung verbunden ist. Geht aber Lösen von Salz mit Erwärmung einher, so wird bei Wärmezufuhr von außen - gleichsam als kühlende Gegenmaßnahme - Salz auskristallisiert. Ein entsprechendes Verhalten zeigt das Magnetfeld in allen Induktionsvorgängen. Sie verlaufen immer so, daß dadurch einer Änderung des Magnetfeldes maximal entgegengewirkt wird. Diese Gesetzmäßigkeit der Induktionsvorgänge ist als Lenzsche Regel bekannt. In ihr zeigt sich noch, was einmal Hauptentwicklungsmotiv des Alten Saturn war. Die Erdenverwandtschaft der Influenz ist etwas versteckter. Sie kommt in ihrem typischen Trennungsvorgang zum Ausdruck, der hier den Charakter des Zerreißens, ja unter Umständen des Zerstäubens der Form annimmt, wobei die Stofflichkeit der zerberstenden Form fast ohne Belang ist. - Für die weitere Verfolgung des Themas kommt eine bisher noch nicht erwähnte Gestaltungsgeste in Betracht, die der nächste Abschnitt in großen Zügen schildern soll.


IV Kosmische Auflehnungszustände und das Fortpflanzungsprinzip
Der Weltprozeß kann, wenn für ihn allein in Betracht käme, was vorangehend von der Entstehung der Zeit bis zur Ausgestaltung kausaler Gesetzmäßigkeit skizziert wurde, nichts anders zum Ergebnis haben als eine vollkommene Entrollung dessen, was vor allem Anfang schon, wenn auch in sehr verschiedener Gestalt, Inhalt seines Entstehungsimpulses war. Würde eine solche Welt einmal wieder in unräumliches und zeitloses Sein zurückgenommen, so könnte das Endprodukt nichts enthalten, was der Keim nicht schon barg. Die Weltentwicklung hätte einen ergebnislosen Zyklus durchlaufen.

   Soll eine wirklich fortschreitende Entwicklung - nicht bloß, wie das Wort leider suggeriert, eine Auswicklung oder Entrollung eines schon Gegebenen - stattfinden, so ist die schwierige Weltenaufgabe zu lösen, einen neuen Einschlag, der aus keinem schon Bestehenden kommen darf, also tatsächlich neu aus dem Nichts erstehen muß, in den Weltprozeß zu ermöglichen.

   Schöpfung aus dem Nichts ist das Urmotiv der Freiheit. Die Welt muß so gestaltet S474 werden, daß Freiheit möglich wird, weil allein sie das Nadelöhr ist, durch welches in die Welt kommen kann, was dem gewaltigen Unternehmen einer Entwicklung Sinn gibt. Bloßes Ornament oder sogar Hemmnis für die Entwicklung muß bleiben, was auf ewig nicht von der Freiheit berührt sein will. Eine Welt, die ein Neues gebären soll, das nicht weniger bedeutend ist als sie selbst schon war, muß sich die Freiheitsmöglichkeit bis in ihre tiefsten Schichten einpflanzen. Da Freiheit aber nur insoweit echt ist, als das Risiko des Mißlingens und Verderbens tatsächlich besteht, ist eine volle Freiheit ohne den Blick in den Abgrund totaler Verderbnis undenkbar.

   Der Weltprozeß muß von allem Anfang an bis in die tiefsten seiner Tiefen von einem gewaltigen »Riß« durchzogen sein. Eine Welt, die ohne solche Mitgift ihren Lauf begänne, könnte nicht mehr als ein Weltenspielzeug sein. Es kann auch keine »übergeordnete Instanz« geben, die aus »heiler, ungerissener Welt« nun anordnet, daß und wie die Freiheitsmöglichkeit zu ergreifen sei. Bleibt sie ungenutzt, geht ein großer Weltenzyklus wesenlos vorüber.
   Unsere Welt hat offensichtlich das Risiko des Irrtums und Verderbens nicht gemieden. Diejenigen Wesen, die von allen, welche die Möglichkeit des Abweichens ergriffen haben, der menschlichen Seele am nächsten stehen, werden in der Anthroposophie die luziferischen Wesen genannt. Ihre Zeit war erst gekommen, als sich mit der Entwicklung des Innenlebens auf dem Alten Mond, in seelischen Nischen und Winkeln, Auflehnungszustände herausbilden und halten konnten. Die Mondenwelt ist ganz und gar die geistige Heimat dieser Wesen. Erdenzustände sind ihnen im Vergleich dazu fremd. Indem sie und in ihrem Gefolge noch andere, mächtigere, in Sonnenzuständen beheimatete, sogenannte ahrimanische Wesen auf den Erdenmenschen wirken, schaffen sie für ihn die Möglichkeit zur Freiheit und notwendigerweise damit die Möglichkeit zum Bösen.
   Das eigentliche Anliegen dieser Wesen ist aber nicht der Mensch, sondern die Gewinnung einer eigenen, dem Weltprozeß abgetrotzten Sphäre. Der Mensch ist ihnen nur ein wichtiges Mittel zu diesem Ziel. Während der Zeit des Alten Mondes haben sie sich aus dessen Bildsubstanz eine Enklave schaffen können. Das ist ihr Reich. Auch ältere Entwicklungsergebnisse der Saturn- und Sonnenepoche sind in dieses Reich eingearbeitet und zur Bilderstufe der Mondensubstanz verdichtet worden, so daß ihm auch alte Erhaltungsimpulse des Saturns und organisierende Gleichgewichtsleistungen des alten Sonnenzustandes in urbildlicher Wirksamkeit angehören.
   Aber beim Übergang zur Erdenstufe hat dieses Reich an der Verfestigung und Verstofflichung nicht teilgenommen, so daß es eine schattenhafte, traumbilderartige Sphäre geblieben ist. Um vollgültigen Bestand im Universum zu erlangen, müßten dieser Sphäre die Errungenschaften der Erde, vor allem das Prinzip ponderabler Stofflichkeit, eingepflanzt werden. Eine solche Verstofflichung ihrer eigenen, sogenannten »achten« Sphäre ist das große, durch allen Erdenwandel gleichbleibende Ziel jener Wesen. Würden sie es erreichen, wäre es ein erschreckender Schritt auf dem Weg zur Vernichtung der Menschheit.

   Dazu finden sich aber Vorbilder in der Welt, denn auch für den regulären Entwicklungprozeß vom Alten Mond zur Erde stellt sich das Problem, die imaginativ-bildhafte S475 Ätherwelt der Mondenstufe in die mit ponderabler Materie erfüllte der Erde zu wandeln, so daß in der um uns ausgebreiteten Erdennatur das Problem dieses Übergangs gelöst sein muß. In zwei Schritten vollzieht sich dieser Übergang. Zerstäuben und Zerbersten der Mondenformen, so daß aus Mondensubstanz Erdenmaterie entsteht, ist der grundlegende erste Schritt, der den Erdenzustand einleitet. Sobald die Materie da ist, kann sie in einem zweiten Schritt in die Schemen der Mondenformen eingearbeitet werden. Der entsprechende Vorgang einer »Ausfüllung« von Äthergestalten mit Materie findet tatsächlich ständig über die ganze Erde hin statt. Es ist der Vorgang der Fortpflanzung.

   Unsichtbar und ewig ist, was jede Pflanze ihrer Tochterpflanze als die gemeinsame Art überträgt. Die Art der Pflanze ist eine Äthergestalt, von der die einzelnen vergänglichen Exemplare als stofferfüllte ponderable Erdengestalten zeugen. Bei jedem Fortpflanzungsvorgang wird toter Materiestaub neu in die Ätherwelt der Pflanzenarten eingegliedert und für eine Weile darin festgehalten. Wie nun der Mikrokosmos des Menschenleibes am umfassendsten von allen Naturdingen die Macht und Großartigkeit des ganzen Makrokosmos in sich trägt, so ist auf dem Felde der Fortpflanzung diejenige des Menschenleibes der am tiefsten in den Weltzusammenhang eingreifende Vorgang. Im Menschenleib findet sich der Stoff so weit seiner Eigengesetzlichkeit entkleidet und in die Bahnen geistiger Existenz hineingearbeitet, daß sich durch ihn und an ihm der Geist als selbstbewußtes Ich aussprechen und die eigene Freiheitssphäre erfahren kann.
   Viel hätten die luziferischen und ahrimanischen Wesen erreicht, könnten sie diesen Vorgang einmal ganz in seinem verborgenen Wesen erfassen und in die eigene Handhabung bekommen (4-Die Verlagerung der Fortpflanzung aus dem Zugriff eines einzelnen Menschen in die Zusammenwirkung von zwei Geschlechtern gibt den Fortpflanzungskräften eine gewissen Schutz gegen die Bestrebungen jener Wesen. Erst als Gegenschlag gegen dieses durch die Gechlechtertrennung geschaffene Bollwerk haben sie die Sexualität zu einem Angriffsfeld ihrer Wirkungen auf den Menschen gemacht). Manche Welterscheinung trägt die Spuren ihrer darauf gerichteten Anstrengungen, erkennbar an schemenhaften Abbildern von Fortpflanzungsvorgängen in der leblosen Stoffeswelt. Besonders offen gegenüber solchen Wirkungen erweist sich der sogenannte untersinnliche Bereich physikalischer Wirkungen, wo Elektrizität, Magnetismus und Kernkräfte zunächst als sinnlich nicht wahrnehmbare Vorgänge eine dem Mondendasein ähnliche Existenz führen, dann sich aber doch, anders als die reine Mondenbilderwelt, durch unmittelbares Kräftewirken an der toten Materie bemerkbar machen.
   Auf dem Weg vom Mondensein in die Erdenwelt sind Elektrizität und Magnetismus ein Stück weiter vorangeschritten als die Kernkräfte. An ihnen ist sogar der fundamentalere Prozeß des Schaffens von Erdensubstanz im Abbild zu erkennen. Zunächst können sie als statische Gebilde nicht für sich allein, sondern nur gebunden an andere Stofflichkeit in der Erdenwelt bestehen: das Magnetfeld stützt sich auf das Eisen S476

oder auf die Erde als Ganzes; das elektrische Feld spannt sich zwischen zwei ziemlich beliebigen, aber voneinander isolierten materiellen Basisflächen auf, die zu Trägern sogenannter elektrischer Ladungen werden 


(Abb. 8).

Bodo Hamprecht, Die Drei 9/1978


Eine gewisse Lösung von der Stofflichkeit findet schon statt, wenn sich das Magnetfeld nicht mehr auf das Eisen, sondern auf den fließenden elektrischen Strom stützt (Abb. 9),

S477 der allerdings zunächst eines materiellen Leiters bedarf. Das Magnetfeld verschwindet sofort, wenn der Strom unterbrochen wird. Diese Erscheinung hat ein duales Spiegelbild im Induktionsvorgang, bei dem ein elektrisches Feld durch Magnetismus gestützt wird


(Abb. 10).

Bodo Hamprecht, Die Drei 9/1978

 Allerdings ist räumliche oder »zeitliche« Bewegung des Magnetfeldes erforderlich, was jedoch keine Verletzung, sondern im Gegenteil eine Bekräftigung der Analogie zum zuerst beschriebenen Prozeß bedeutet, weil der dort maßgebliche elektrische Strom auch gerade der dem elektrischen Feld zugeordnete Bewegungsvorgang ist.

   In diesen Vorgängen zeichnet sich eine Möglichkeit für elektrische und magnetische Felder ab, sich gegenseitig stützend im Raum zu halten, ohne sonstiger Materie zu bedürfen. Das sich bewegende Magnetfeld kann ein elektrisches Feld induzieren. Letzteres würde, die Bewegung des Magnetfeldes mitmachend, zum elektrischen Strom werden, der seinerseits ein Magnetfeld stützt. Gesetzt den Fall, es gelänge, die gemeinsamen Bewegungsabläufe der Felder so einzurichten, daß das vom Strom gestützte Magnetfeld gerade das ursprüngliche Magnetfeld ist, dann könnte sich das ganze Gebilde in sich selbst halten.

 (Abb. 11).
   Da es auf der Ebene der Kräfte mit der materiellen Welt korrespondieren könnte, würde es Baustein einer Welt werden können, die ganz nach dem Muster der materiellen Erden-Raumes-Welt bloß aus dem »alten Sonnenstoff« des Magnetismus und »alten Mondenstoff « der Elektrizität gewoben ist. Nach und nach könnte die ganze Welt in solche Gebilde der achten Sphäre übergeführt werden. 

S478   Wie sähe nun die Bewegung aus, die das ermöglichen würde? Mit ihr hat es eine besondere Bewandtnis: Es gibt sie schon; aber sie fügt sich nicht in der Art wie die gewöhnlichen geometrisch-physikalischen Bewegungen in Raum und Zeit ein. Diese Bewegung tritt auf mit einer schlichtweg absoluten Geschwindigkeit, der sogenannten Lichtgeschwindigkeit; und die durch sie ermöglichten Gebilde sind die elektromagnetischen Wellen. 

   Absolut ist diese Geschwindigkeit insofern, als sich die Wellen, im Widerspruch zu allen sonstigen Erfahrungen mit Geschwindigkeiten, vom noch so schnell ihr Nacheilenden nicht um das Geringste weniger schnell entfernen als vom Ruhenden; genausowenig wie sich die Annäherungsgeschwindigkeit der Wellen für einen noch so flink Entgegeneilenden vergrößert. Sie behält in allen Fällen - das ist experimenteller Tatbestand - ihre absolute Größe (5- Daß die begrifflichen Schlußfolgerungen aus dieser Tatsache unter dem Namen Relativitätstheorie laufen, gehört auf das Konto einer unglücklichen Nomenklatur). Insbesondere lassen sich die elektromagnetischen Wellen nicht anhalten. Sie eilen in jedem Fall mit ihrer enormen Geschwindigkeit von ca. 300 000 km/s an allen materiellen Körpern vorbei und entschwinden in die Fernen des Universums. Diesem Umstand, der etwas vom Charakter der zerstäubenden Mondenformen offenbart, ist zu verdanken, daß solche Gebilde nicht nach und nach die ganze Erde ausfüllen.
   Bilder von Fortpflanzungsvorgängen, die eigentlich erst bei den Kernkräften eine größere Rolle spielen, sind allerdings auch auf elektrischem und magnetischem Feld nicht ganz unbekannt. Noch sehr dürftig ist dieser Bildcharakter bei der Elektrizität, wo er als Elektrizitätsleitung in Andeutung erscheint. Sie bewirkt zwar, daß neuer Stoff unter elektrischen Einfluß kommt, jedoch ohne daß dabei die Elektrizitätsmenge zunimmt. Es findet lediglich eine Umverteilung statt. Aber schon der Magnetismus überwindet diese Starrheit. Eisen wird von ihm ergriffen und mit Magnetismus imprägniert, ähnlich wie toter Stoff von einer Pflanzenwelt zu deren Gestalten ausgeformt wird, einschließlich der Tatsache, daß eine Zunahme des Magnetismus und nicht nur seine Umverteilung auf die größere Eisenmenge zu beobachten ist.
(Der Beitrag wird im nächsten Heft fortgesetzt)

 


Unsichtbare Gewalten im Innern der Stoffeswelt (II)
Radioaktivität und Kernkraft als Ausdruck von Weltgebärden
BODO HAMPRECHT
Ein Beitrag in der Zeitschrift "Die Drei" Oktober 1978
(in Bearbeitung)


S537   In einem ersten Teil dieses Aufsatzes"' wurden die großen Motive dreier vorangegangener Entwicklungsstufen unserer Welt als auch diejenigen der gegenwärtigen Auseinandersetzung um das Problem der Freiheit und des Bösen herangezogen, um in der Sprache ihrer Gebärden etwas über das Wesen von Elektrizität und Magnetismus zum Ausdruck zu bringen. Dieser zweite Teil soll das Begonnene auf das Feld von Radioaktivität und Kernkraft erweitern. Nach einer Schilderung der natürlichen Radioaktivität in ihrem Naturzusammenhang enthält der dann folgende Abschnitt, was über das weite Feld künstlich erzeugter Kernvorgänge hier Prinzipielles ausgeführt werden kann. Einige Schlußbemerkungen fassen Verschiedenes zusammen und zeigen zugleich auf, welche Richtung eine Fortführung der begonnenen Untersuchungen nehmen könnte.

V Natürliche Radioaktivität
Während Elektrizität und Magnetismus ihre nahe Verwandtschaft zu den Erdenverhältnissen auch dadurch offenbaren, daß sie in den Raum hinein Felder bilden, ausgestattet mit physischen Kräften, treten die im weiteren Sinne hier unter dem Namen Kernkräfte zu behandelnden Wirkungen nicht in solcher feldbildenden Art aus dem Stoffinneren hervor. Ihre Wirkungen sind indirekter und folglich schwerer zu beobachten. Erste Hinweise auf ihre Existenz zeichneten sie auf die fotografische Platte, wodurch der (*Teil I s. »die Drei«, 1978/9,461ff. Zwischentitel, Abbildungen und Fußnoten sind durch Teil I und Teil II fortlaufend durchnummeriert.) S538 französische Physiker Henri Becquerel 1896 zur Entdeckung der Radioaktivität an Uranmineralien geführt wurde. Dann lernte man ihre Wirkung auf die elektrische Leitfähigkeit von Luft oder anderen Gasen zu ihrer Beobachtung ausnutzen, ein Prinzip, das erheblich verfeinert auch heute noch in sogenannten Geigerzählern Anwendung findet. Mit der Entwicklung der Wilsonschen Nebelkammer gelang im Jahre 1911 die Erschließung einer relativ direkten Beobachtungsmethode für die Radioaktivität. Es wird ausgenutzt, daß radioaktive Strahlung in einem Gas Kondensationskeime erzeugt, an denen sich das Gas, wenn es in den Zustand eines übersättigten Dampfes versetzt wird, in winzigen Tröpfchen niederschlägt, die bei seitlicher Beleuchtung gut als hell-leuchtende Pünktchen zu erkennen sind

(Abb. 12).

Bodo Hamprecht, Die Drei 10/1978

  Überraschenderweise erscheint die Strahlung nicht als gleichmäßiges Fluidum, wie etwa die Wärmestrahlung eines Ofens, um die radioaktive Probe, sondern die Tröpfchen ordnen sich längs einzelner meist geradliniger Strahlen,

(Abb. 13)

die in regelloser Folge aus der Probe hervortreten: ein atomistisches Phänomen in der unmittelbar sinnlichen Beobachtung!
Vor dem Beginn der Kerntechnik fanden sich solche Wirkungen als sogenannte natürliche Radioaktivität (von einigen extrem schwachen Strahlern abgesehen) nur in Uran- und Thoriumerzen, in allen Kaliumverbindungen und in den Kohlenstoffverbindungen der lebendigen Welt, aber weder in Kohlenstoffverbindungen des Mineralreiches noch in
Stein- oder Braunkohlelagern.

  Bekanntlich hat die radioaktive Strahlung drei Komponenten, die mit a, ß und Y bezeichnet werden. Sie unterscheiden sich z.B. nach Geschwindigkeit, Ablenkbarkeit durch Elektrizität und Magnetismus sowie in ihrer Substanz und Durchschlagskraft bzw. Reichweite in Luft. Die Einzelheiten sind untenstehend in einer schematischen Übersicht zusammengestellt. S539 


Schema S539

Bodo Hamprecht, Die Drei 10/1978


S540   Gemeinsames Merkmal aller radioaktiven Vorgänge ist ihre totale Unbeeinflußbarkeit durch sämtliche sonstigen bekannten Naturprozesse. Weder durch Hitze oder Kälte, durch mechanische Beanspruchung, Magnetfelder oder Durchgang des elektrischen Stroms noch durch Schmelzen, Verdampfen, chemische Umwandlungen oder ihr Einbeziehen in Lebensvorgänge kann die radioaktive Strahlung auch nur im geringsten verstärkt oder abgeschwächt werden. Ihre vollständige Isoliertheit steht in einem starken Gegensatz zu der mannigfaltigen Korrespondenz vor allem der Elektrizität, aber auch des Magnetismus zum sonstigen Naturgeschehen. In dieser Isoliertheit ist sie aber nicht unveränderlich, ihre Stärke nimmt ab, allerdings auch wieder, ohne daß die Geschwindigkeit dieses Abnehmens irgendwie zu beeinflussen wäre. Die radioaktive Substanz bleibt nicht unverändert erhalten, sondern erfährt, indem sie strahlt, tiefgreifende Veränderungen ihrer Stofflichkeit, durch die, eventuell über mehrere radioaktive Zwischenstufen, schließlich eine nicht mehr strahlende Substanz an ihre Stelle tritt. Im Falle von Uran und Thorium ist es das Blei, beim Kalium hauptsächlich das Kalzium und zu geringerem Teil Argon, und beim Kohlenstoff der Stickstoff. Die Abschwächung der Radioaktivität einer Probe geht genau mit der Abnahme der radioaktiven Substanz in ihr Hand in Hand und gibt dem Strahlungsvorgang eine strenge, jeweils charakteristische Zeitgestalt. So wie ein Rhythmus als Zeitgestalt den Charakter der Gegenwart und der Dauer hat, so trägt jeder zeitlich abklingende Prozeß die Züge der Vergangenheit. Vergangenheitscharakter, Isolation von der Erde und Einbettung in eine streng geordnete Zeitwelt sowie der zu ihr durch sein chaotisc.hes Gewimmel im Gegensatz stehende Atomismus sind soweit die Hauptmerkmale der natürlichen Radioaktivität. Die auffällige Differenzierung des Kohlenstoffs zwischen belebter und unbelebter Substanz eröffnet noch zusätzliche Perspektiven: Wenn sich eine einmal vorhandene Radioaktivität auch durch nichts mehr beeinflussen läßt, so ist die Erzeugung radioaktiven Materials aus »gewöhnlichen« Stoffen nicht ausgeschlossen. In solch einem Vorgang, ausgelöst durch eine aus dem Kosmos kommende Strahlung, wird an der oberen Grenze der Erdatmosphäre vor allem Stickstoff der Luft ständig zu radioaktivem Kohlenstoff umgewandelt, der, wenn er in tiefere Atmosphärenschichten gelangt, in den Kreislauf der Lebewesen aufgenommen wird. Die Aktivität des Kohlenstoffs klingt nach einigen Jahrtausenden ab, so daß sie in lange aus dem Lebensprozeß ausgeschiedenen Kohlelagern nicht mehr zu finden ist.

6 Einmal erweist sich die natürliche Radioaktivität im Licht dieser Tatsachen als ein isoliertes, aber nicht nur in Vergangenheiten, sondern auch in kosmische Fernen deutendes Phänomen; zum anderen zeigt der Vorgang der Aktivierung von Stoffen durch radioaktive Strahlung selbst das Signum des Fortpflanzungsprinzips: In die Qualität
»Radioaktivität«, was auch immer sich dahinter verbergen mag, wird gewöhnliche Materie neu hineingezogen. So unscheinbar diese Beobachtung zunächst sein mag, so gibt sie doch das Prinzip ab, welches eine künstliche Ausweitung der Radioaktivität bis in alle Bereiche heutiger Kerntechnik ermöglicht hat.

(6 Auf dieser Basis arbeitet die sogenannte C H-Methode, die aus der verbleibenden Radioaktivität alter Holzteile auf den Zeitpunkt zu schließen versucht, wann der das Holz liefernde Baum gefällt wurde).

S541 Die natürliche Radioaktivität ist im menschlichen Leib selbst keine völlig nebensächliche Erscheinung. Wenn auch ihre Bedeutung für den Wunderbau dieses Leibes und seine Entwicklung noch ungeklärt ist, so hat ihre »natürliche« Stärke von ca. 10 000 jener beschriebenen atomistischen Ereignisse in jeder Sekunde eine beachtliche Größe.


VI Künstlich erzeugte Kernprozesse

Der interessante Versuch, die in den oberen Atmosphäreschichten stattfindende »Aktivierung« von Stoffen durch radioaktive Strahlen künstlich nachzuahmen, beginnt naheliegenderweise bei der Untersuchung der Wirkung von »Uranstrahlung« auf alle möglichen anderen Stoffe. Bei einigen wenigen Stoffen, nämlich den Verbindungen des Aluminiums, des Bors und des Magnesiums gelingt tatsächlich eine Aktivierung. Auf diese Stoffe greift die Radioaktivität über, wenn sie für einige Zeit in unmittelbarer Nähe des Uranerzes gebracht werden, und sie hält nach Entfernung des Urans für einige Sekunden bzw. Minuten an, wobei das Abklingen jetzt zwar sehr schnell, aber in seiner Schnelligkeit wieder unbeirrbar in den typischen isolierten Zeitgestalten erscheint.

  Die kosmische Strahlung unterscheidet sich allerdings in mancher Hinsicht von der des Urans, was sich z. B. schon daran zeigt, das letztere den Stickstoff nicht zu radioaktivem Kohlenstoff umwandelt. Nun ist aber auf elektrischem Wege aus so gut wie allen Stoffen eine große Vielfalt an Strahlungen hervorzulocken. Neben einer künstlichen Erzeugung von a -, ß - und у -Strahlen erweist sich sogar die elektrische Nachahmung fast aller Komponenten der kosmischen Strahlung als möglich.

 In den sogenannten Gasentladungen findet man das Grundexperiment elektrischer Erzeugung von »Materiestrahlen« (Abb. 14). Diese Gasentladungen umfassen eine 


Abb.14 S541

Bodo Hamprecht, Die Drei 10/1978


S542  äußerst vielfältige Reihe verschiedenster Erscheinungen, die beim Durchgang von Elektrizität durch mehr oder weniger verdünnte Gase auftreten. In ihnen liegt der Ausgangspunkt fast der gesamten Materiephysik. Verdünnung der Materie und Erhöhung der elektrischen Spannung auf viele tausend Volt schafft eine Situation, in der die elektrischen »Monden-Eigenschaften« den ponderablen Erdencharakter des Stoffes beherrschen können. Auffällige farbig leuchtende und vielfältig gegliederte Formen erscheinen schon bei mäßigen Verdünnungen im Gas; sie treten bei weiterer Verdünnung zurück und überlassen das Feld den Materiestrahlen, die zunächst als sogenannte Kanal- und Kathodenstrahlen erscheinen. Wo die Kathodenstrahlen auf kompakte Materie (insbesondere Schwermetalle) auftreffen, lösen sie eine dritte Strahlungsart aus: die Röntgenstrahlen.

   Kanalstrahlen sind den a-Strahlen verwandt. Wo man sie auffängt, sammeln sich wie bei den зс-Strahlen positive elektrische Ladungen und allgemeiner als bei den a-Strahlen nicht nur Helium, sondern Spuren der verdünnten Stofflichkeit aus dem Entladungsraum an. Kathodenstrahlen vergleichen sich entsprechend mit ß-Strahlen, die negativ elektrische Ladung liefern; und Röntgenstrahlung verhält sich ähnlich wie die y-Strahlen. Von der Ähnlichkeit kommt man immer mehr zu einer Gleichheit im Verhalten, wenn die elektrische Spannung der Entladungen in den Bereich von einigen Hunderttausend bis zu mehreren Millionen Volt gesteigert wird.

   Solch stark elektrische Wirkungen sind technisch nur durch häufig wiederholte Einwirkung schwächerer Felder realisierbar; eine Methode, die in den »Teilchenbeschleunigern« angewendet wird. Sie erlaubt heute unter großem Aufwand den in seiner Wirkung mit der natürlichen Radioaktivität vergleichbaren Millionen-Volt-Bereich noch um etwa das Tausendfache zu überschreiten und so wenigstens die Hauptkomponenten der kosmischen Strahlung künstlich nachzuahmen.

   Auch ohne zu solchen Extremen zu greifen, läßt sich aus den Beschleunigern sowohl auf der Seite der Kanalstrahlen als auch auf der Seite der Kathodenstrahlen eine Strahlung gewinnen, unter deren Einwirkung sämtliche Stoffe der Erde in eine große Mannigfaltigkeit radioaktiver Zustände überführt werden können. So demonstrieren die Gasentladungen eine enge Verwandtschaft zwischen elektrischen und radioaktiven Vorgängen, in der sie selbst das Bindeglied darstellen.

   Doch alle elektrische Aktivierung führt immer nur zu jenen monoton abklingenden Prozessen, mit denen sich die Radioaktivität wieder aus der Erdenwelt hinausstiehlt. Die in der Kerntechnik geweckte Seite urgewaltiger, um sich greifender Kräfte, die in der Lage sind, die Welt mit ungeheurer Zerstörung zu überziehen, nimmt ihren Ausgangspunkt von einer noch anderen Erscheinung. Sie hängt mit dem zusammen, was heute den Namen Neutronenstrahlung trägt. Es seien zunächst ihre Eigenschaften geschildert. Im Jahre 1930 wurde bemerkt, daß das chemische Element Beryllium, ein dem Magnesium verwandtes Leichtmetall, unter der Einwirkung von a-Strahlen z.B. des Uranerzes oder des Radiums, das sich aus Uranerz gewinnen läßt, in seiner Umgebung bis dahin unbekannte Wirkung zeigt: andere gewöhnliche Stoffe werden in dieser Umgebung sehr (7 In der Fachliteratur wird diese aggressive Seite als »starke Wechselwirkung«, die für die abklingende Radioaktivität verantwortliche als »schwache Wechselwirkung« bezeichnet. Letztere zeigt auch in der theoretisch-mathematischen Analyse eine hervorstechende Verwandtschaft mit den Gesetzmäßigkeiten elektrischer Vorgänge). S543


Abb.15 S543

Bodo Hamprecht, Die Drei 10/1978


stark radioaktiv (Abb.15). Was als Abbild des Fortpflanzungsprinzips geschildert wurde, nämlich das Ubergreifen einer nicht-sinnlichen Qualitätsgestalt auf neuen Stoff, erfährt hier in der Umgebung einer sogenannten Neutronenquelle eine enorme Steigerung.

   Für die Herstellung einer schon recht kräftigen solchen Quelle ist lediglich die Mischung einiger Milligramm pulverisierter Radiumverbindung mit einer ähnlich kleinen Menge von Berylliumpulver notwendig, eine Vorschrift, die eher an alchemistische Zauberei als an apparatestrotzende moderne Forschung erinnert. Stoffe, die zu radioaktiven Vorgängen mit sehr schnellem Abklingverhalten angeregt werden können, reagieren in der Nähe der Neutronenquelle praktisch momentan ohne jegliche Verzögerung und auch ohne merkliches Nachklingen. Besonders ausgeprägt ist das schnelle Reaktionsvermögen bei den Borverbindungen, dies deshalb als Anzeige für die sonst - auch in der Nebelkammer - unwahrnehmbaren Wirkungen der Neutronenquellen Verwendung finden.

   Diese Wirkungen offenbarten in der näheren Untersuchung erstaunliche Eigenschaften. Zunächst sind sie sehr durchdringend; sie werden z. B. beim Durchgang durch Blei oder andere Schwermetalle nur wenig geschwächt. Leichtmetalle und auch leichte Nichtmetalle, vor allem alle Wasserstoffverbindungen wie Paraffin und Wasser sind schon eher zur Abschirmung geeignet. Wo Abschirmung möglich ist, lassen sich durch teilweise Abschirmung auch Blenden bauen (Abb. 16). Der an diesen Blenden entstehende sehr präzise geradlinige »Schattenwurf« rechtfertigt den Namen Neutronen-»Strahlen«.


S544  Abb.16

Bodo Hamprecht, Die Drei 10/1978


S544   Der Frage nach der Geschwindigkeit, mit der sich diese Wirkungen oder Strahlen ausbreiten, ist man mit Methoden nachgegangen, die verblüffend einfach sind und an die Schlichtheit der Herstellungsvorschrift für Neutronenquellen erinnern. Für einen dünn ausgeblendeten Neutronenstrahl wurde eine Art »Rennstrecke« aufgebaut (Abb. 17), auf der durch sich rhythmisch öffnende und schließende Blenden (rotierende Scheibe mit einem Schlitz) für bestimmte Geschwindigkeiten »grüne Welle« und für andere Geschwindigkeiten »rote Welle« herrscht. Am Ende der Strecke wird registriert, was hindurchkommt.

   Die gemessenen Geschwindigkeiten sind stets kleiner als die absolute Geschwindigkeit (Lichtgeschwindigkeit), können ihr aber (nicht gerade bei der beschriebenen, aber bei anderen heute bekannten Neutronenquellen vor allem in Verbindung mit Beschleunigern) sehr nahe kommen. Interessanter ist der andere Grenzfall sehr kleiner Geschwindigkeiten und des sogar völligen Anhaltens. Dann tritt als Endprodukt dieser Neutronenstrahlung wieder etwas Ponderables auf, das mit einem gewissen Recht als ein radioaktives »Neutronengas« beschrieben werden könnte, weil es für sich allein aufbewahrt im Laufe einiger Stunden8 unter Abgabe von ß-Strahlung eine Umwandlung in normales Wasserstoffgas erfahren würde.

   Aber gerade im Aufbewahren liegt die Schwierigkeit, es gibt nämlich für dieses Neutronengas keine Behälter. Wenn »schnelle« Neutronenstrahlen noch von Wasseroberflächen oder dickeren Paraffinblöcken wie von Spiegeln recht gut zurückgeworfen werden, so sickert das Neutronengas praktisch ohne Widerstand und in Sekundenbruchteilen in alle Wände ein und verschwindet dort, indem es zu einer Radio-Aktivierung der Wandmaterialien kommt. Und ein Gas, das sich jedem Behälter entzieht, ist für die irdische Handhabung schon eine arge Zumutung. Wo sich andere Gase durch einen Druck auf die Oberfläche bemerkbar machen, greift es sofort durch diese Oberfläche hindurch zerstörend in das innere Gefüge der hinter ihr liegenden Stofflichkeit ein.

   Einige Jahre nach der Entdeckung der Neutronenstrahlen erkannte Max Planck, daß einerseits reines Uran selbst auch ohne Zufügung von Beryllium oder anderen Stoffen  (8 Die Halbwertszeit beträgt ca. 15 min.)


Abb.17 + 18 S545

Bodo Hamprecht, Die Drei 10/1978


eine allerdings äußerst schwache Neutronenquelle ist (9 Dieser Vorgang heißt <<spontane Kernspaltung>>), daß aber andererseits Uran, in die aktivierende Umgebung irgendeiner Neutronenquelle gebracht, die eigene Wirkung als Neutronenquelle erheblich verstärkt. (Abb. 18).
   Diese Entdeckung war nun offensichtlich das Sprungbrett für Kernkraftwirkungen in die Erdenwelt, denn indem das Uran sich selbst aktivieren kann, eröffnet es ihnen die Möglichkeit, sich wie dereinst der wackere Baron von Münchhausen am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf ewig bloß abklingender Vergangenheitsgestalten herauszuziehen und sich im Bereich der ponderablen Stofflichkeit zu befestigen. (10 Die übliche Terminologie spricht hier von <<Kettenreaktionen>>).

  Die Verstärkung allein würde nun zwar stärkere, aber in ihrer Stärke doch abklingende Prozesse hervorbringen, solange nicht die Schwelle zu jenem Bereich erreicht und überschritten wird, wo durch gegenseitig aufschaukelnde Anregung die abklingende Zeitgestalt selbst in eine anschwellende umschlägt. Erreicht werden könnte dieser Punkt,

wenn es gelänge, durch Konzentration die Anregung, die jeder Punkt der Uranmasse von seiner Uranumgebung erfährt, genügend zu steigern. Die fortschreitende Technologie hat auf zwei verschiedenen Wegen an diesen Punkt
herangeführt; auf dem einen Weg wird die anregende Wirkung der Neutronenstrahlung verstärkt, (11 Und zwar durch sogenannte >>Moderatoren<<, die z.B. in der Form von Kohlestäben in die Uranmasse eingelagert werden, um >>schnelle Neutronen<< zu wirkungsvolleren >>langsamen Neutronen<< abzubremsen. Außerdem wird die ganze Masse mit >>Neutronenspiegeln<< umgeben), auf dem anderen wird ausgenutzt, daß weniger als 1% des natürlich vorkommenden Urans Träger der geschilderten Wirkungen ist. Durch Abtrennung dieser seltenen »spaltbaren« Komponente mit dem Namen U235 ließ sich eine enorme Konzentration erreichen. Der erste Weg findet Anwendung in »langsamen« (12 >>langsam<< wegen der verwendeten >>langsamen Neutronen<<) Kernreaktoren, der zweite in »schnellen Brütern« und Atombomben. 

S546   Solche Anwendungen beruhen auf einer Erscheinung, die diese Neutronenstrahlung des Urans - wie übrigens alle sonstigen radioaktiven Prozesse auch - begleitet, und zwar eine Erwärmung des Materials, die ganz ungeheure Ausmaße annehmen kann, und die z. B. im Kernkraftwerk aus dem Reaktor abgezogen wird, um damit anstelle konventioneller Feuerung den Dampf für den Antrieb von Turbinen zu erhitzen. Während durch richtig bemessene Konzentration des Urans und eine Reihe von Steuervorrichtungen der Kernprozeß im Reaktor in möglichst gleichmäßiger Stärke ablaufen soll, wird in der Bombe durch plötzliche starke Konzentration des Urans der Kernprozeß extrem angefacht.

   Dabei ist das Prinzip wieder erstaunlich einfach. Die entstehende Wärme dehnt zwar wie alle Wärme Stoffe aus und wirkt damit tendenziell der den Kernprozeß anfachenden Konzentration entgegen.


(Abb. 19)

Bodo Hamprecht, Die Drei 10/1978

Hierin liegt eine Andeutung des auf Erhaltung gehenden Saturnprozesses, wie sie uns schon im Le Chatelierschen Prinzip und in der Lenzschen Regel begegnete. Die Gegenwirkung der Wärme wird aber bei Zündung einer Atombombe durch die Gewalt einer Dynamitexplosion kurzfristig überwunden.

   Eine etwa kokosnußgroße Kugel aus Uran-235, einem harten, glänzenden Metall, so schwer wie Gold, wird mit einem Mantel aus Dynamit umgeben. Bei gleichzeitiger Zündung an vielen Punkten seiner Oberfläche läuft eine Stoßwelle nach innen, die für einen Moment die massive Metallkugel auf die Hälfte ihres Volumens zusammendrückt. Diese gewaltsam herbeigeführte Konzentration reicht aus, um den totalen Kernprozeß anzufachen.

(Abb. 20s.o.)

Die Urankugel muß eine genau zu bestimmende Größe haben: zu groß veranlagt, ist sie nicht herstellbar, weil der Kernprozeß sogleich in überkritische, das heißt anwachsende

S547   Bereiche kommt und die entstehende Wärme alles auseinander treibt; zu klein hingegen wird die zur Explosion notwendige Konzentration unerreichbar. Die Abmessung der Kugel tritt mit absoluter Bedeutung auf! Das ist eine auffällige Besonderheit, die zwar im Bereich des Lebendigen, wo jedes Wesen seine ihm gemäße Größe hat, gut bekannt ist, in der toten, von der Physik beschreibbaren Welt jedoch, wo sich alles fast beliebig verdoppeln oder halbieren läßt, eine ähnlich beachtenswerte Ausnahme darstellt, wie etwa die Tatsache der absoluten Geschwindigkeit im elektromagnetischen Bereich.

   Die Vorgänge im Reaktor und in der Bombenexplosion haben eine verstärkte »Fortpflanzungstendenz.«. Sie imprägnieren die gesamte Stofflichkeit mit ihrer eigenen Qualität. Alle Stoffe werden im Reaktor aktiviert, d. h., zu radioaktiven Strahlern gemacht; Thorium und die hauptsächliche »nicht-spaltbare« Komponente des Urans (U238), die schon radioaktiv sind, werden eine Stufe weiter geführt und verlassen den Reaktor als »spaltbares« Uran-233 (aus Thorium) bzw. Plutonium (aus Uran-238), so daß der Reaktor aus vorher dazu ungeeigneten Stoffen seinen eigenen Brennstoff »brüten« kann, was im »schnellen Brüter« ausgenutzt wird.
   Noch einen Schritt tiefer in das Inferno der Kernkräfte werden auch andere Stoffe durch die Explosion selbst geführt, die, mitgerissen, das Uran noch an explosiver Heftigkeit übertreffen können. Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt bei schwerem Wasserstoff und bei Lithium, die, um den Urankern der Bombe als Mantel gelegt, deren zerstörende Wirkung wesentlich erhöhen. Solche Gebilde sind unter der Bezeichnung Wasserstoffbombe bekannt. Praktisch alle Stoffe können zur Mitwirkung in solche Erdensein vernichtenden Feuerstrudel hineingezogen werden, nur das Eisen und die eisenähnlichen Stoffe Kobalt und Nickel bilden eine Ausnahme: sie tragen nicht bei, und alle anderen Stoffe erfahren, soweit sie von den Kernprozessen ergriffen werden, Umwandlungen, die alle die Richtung auf das Eisen nehmen, so daß durch jeden Reaktorlauf, durch jede nukleare Explosion die Materie etwas eisenähnlicher wird, der Eisenanteil etwas zunimmt.
   Die Existenz des Eisens ist ein Zeichen dafür, daß die Prozeßgestalt dieser Mondenkräfte nicht alle Erdenstoffe in ihren Bereich ziehen und dort festhalten kann. Das Eisen erscheint wie ein Riegel vor dem Schlund dieser Hölle. Und ein merkwürdiges Zeichen findet ein für Bildelemente wacher Beobachtungssinn auf diesen Riegel geprägt: es wiederholt im Abbild die wichtigsten Gebärden des Kernkraftwirkens. Geprägt ist das Zeichen aus dem »Material« des Magnetismus, der sich in der Stoffeswelt eben nur auf die drei Stoffe der Eisengruppe (Eisen, Kobalt, Nickel) stützt und selbst, wie schon erwähnt, gerade in seinem Verhältnis zu diesen Stoffen wieder ein Abbild des Fortpflanzungsprinzips zeigt.
   Ein weiterer gemeinsamer Punkt im Bild ist der Atomismus, der analog zu den Nebelkammererscheinungen der Radioaktivität für das Eisen als Barkhausen-Effekt bekannt ist: jede Magnetisierung eines Stücks Eisen verläuft nicht als kontinuierlicher Prozeß, sondern in einer ungeheuren Zahl kleiner Sprünge, deren elektrische Begleiterscheinungen (hervorgerufen durch Induktion) aufgefangen, verstärkt und auf einen Lautsprecher gegeben, ihre Sprunghaftigkeit durch Knacken und Rauschen zu erkennen geben.

   Wie die Wärme die Tendenz hat, durch ihre ausdehnenden Kräfte Kernprozessen S548 entgegenzuwirken, so hebt sie entsprechend den Magnetismus im Eisen auf, und zwar immer dann, wenn die Temperatur über den sogenannten Curie-Punkt hinausgeht, der für Eisen bei einigen hundert Grad liegt.
   Schließlich haben Magnetismus und Radioaktivität die Verwandtschaft zur Elektrizität gemeinsam, die den einen im Elektromagneten, die andere im Beschleuniger erzeugen kann.

   Als größeres Element fügt sich in dieses Bild das Magnetfeld der Erde selbst ein. Es fängt in großen Höhen einen beträchtlichen Teil der kosmischen Strahlung ab und sorgt nach dieser Seite hin für eine genügende Bewahrung der Erdenstoffe vor der Gefahr eines übermäßigen Eintauchens in die Radioaktivität. Von der ganzen Erde getragen und geprägt, wird der Magnetismus an dieser Stelle dem Kosmos gegenüber vom bloßen Zeichen zum Wirkenden, und wie in einer Umkehrung antwortet der Kosmos mit dem im Meteor selbst zum leuchtenden Zeichen gewordenen Eisen.


VII Einige Schlußbemerkungen
Wie bei der Elektrizität sind es wieder drei nach den Hauptmotiven der großen Weltentwicklungsstufen zu ordnende Vorgänge, die die Radioaktivität tragen oder erzeugen. Zeigt die natürliche Radioaktivität nämlich in ihren dem Erdendasein fremden Zeitgestalten eine Gebärde des Alten Saturn, und fällt überall dort, wo Kernkräfte durch Neutronenstrahlung vermittelt werden, das charakteristische Prinzip bloßen bewegungslosen Anordnens von Stoffen auf, dessen Nebeneinander mit der Berücksichtigung absoluter Maßverhältnisse ein dem alten Sonnenraum fremdes Erdenelement offenbart, so stehen in der Mitte Erzeugungsprozesse, die auf sonnen- und mondverwandte Prinzipien in den räumlichen Bewegungsabläufen, in Elektrizität und Magnetismus der Beschleunigertechnik zurückgreifen.
   Die untersinnlichen Kräfte ordnen sich ebenfalls nach ihrer Erdenverwandtschaft gut in eine Reihe ein. Da steht zwischen der allgegenwärtigen Elektrizität mit ihren Ladungen, die ihre in den Raum greifenden Felder abstützen, und der erdenfremden Kernkraft, die weder Ladungen noch Felder bildet, der Magnetismus, der zwar Felder, aber keine Ladungen bildet und die ersteren in der Stofflichkeit nur verankern kann, wo er in der Erde als ganzer oder im Eisen als ihrem repräsentativsten Stoff eine besondere Verbindung zu Erdenverhältnissen eingeht.
   Aber an Elementen, wie sie z.B. in der Rolle des Eisens oder in der abschirmenden Wirkung des Erdmagnetfeldes gegen kosmische Radioaktivität zum Ausdruck kommen, wird deutlich, daß die Analyse von Bildelementen zwar zu einer tieferen Betrachtung eines Bildes anregen, aber diese nicht ersetzen kann. So kann sich einer genauen Gewichtung der geschilderten Qualitäten ergeben, daß die bloße Ansiedlung untersinnlicher Kräfte im Arsenal der eine »achte Sphäre« anstrebenden luziferischen und ahrimanischen Wesen, unbefriedigend bleibt. Es deutet sich in verschiedenen Erhaltungsgebärden etwas an, das nicht bloß an der Weltengröße der Vergangenheit gemessen werden kann. Tatsächlich muß sich ein gründliches Nachdenken eingestehen, daß auch die bisher S549 geschilderten großen Weltengebärden, von allen Einzelheiten abgesehen, einen entscheidenden Punkt der Befestigung im Sein noch nicht berühren.

   Befestigungsgebärden traten in verschiedenen Stadien und mit verschiedener Wertigkeit auf. Neben der wuchtigen alten Saturnstütze erscheinen im Zerstäuben alter Mondenformen und in den verschiedenen Prozessen, durch die Erdenstaub nach Mondenbildern geformt wird, schwächere Erhaltungsmotive. Es muß aber noch einen zukunftsweisenden, auf Erhaltung gerichteten Weltenvorgang geben, wenn das, was auf der Erde aus dem Nichts in Freiheit entsteht, für die Welt Bedeutung erlangen soll. Denn auch die Freiheit findet ihren Ansatzpunkt zunächst in der mondenähnlichen Flüchtigkeit einer Welt von Gedankenformen. Ihnen Bestand zu verleihen, sie ins Weltendasein zu heben, zu sammeln und zur »Stofflichkeit« einer neuen Welt vorzubereiten, erfordert eine Kraft, die erst mit dem Erdensein die Weltenbühne betritt. Diese von den anderen Erhaltungsimpulsen zu unterscheidende Gebärde, die eng mit dem zentralen Erdenereignis von Golgatha zusammenhängt, kann auch für die Stoffeswelt nicht gleichgültig sein.

   Ein solcher Gesichtspunkt eröffnet Perspektiven, die sich einer anschauenden Beschreibung nur schwer fügen wollen. Die Moralität der Vergangenheit ist unsere Natur, aber die Natur der Zukunft, die aus Menschengedanken gewoben werden soll, ist unsere heutige Moralität, zu der es schwer fällt, bildschaffende Distanz einzunehmen. Das Rätsel ihrer Befestigung in Weltvorgängen ist zugleich das Rätsel magischen Wirkens. Seine Dämmerschatten fallen in das »Reich der Mütter«, der Materie, in das schon Faust von Mephisto geschickt wurde, um seine Zauberkünste zu erweitern. Aber was die Naturwissenschaft zutage gefördert hat, ordnet sich noch nicht recht auf solchen Bahnen.

   Wohl wäre die von Rudolf Steiner erwähnte »dritte Kraft« hier anzusiedeln, indem in ihr die Moral als gegenwärtiges, die Wirkungen jener Kraft unmittelbar konstituierendes Element beschrieben wird, während die Kernkraft in dem entworfenen Bild wie eine Variante der Elektrizität erscheint, die wohl jene dritte Kraft als Bild in sich tragen könnte, aber nicht mit ihr identisch ist. Ebenso liegt nahe, im heute bekannten, ganz und gar elektrizitätsverwandten Magnetismus noch nicht die »zweite Kraft«, sondern wiederum nur ihr Abbild im Felde der Elektrizität zu erblicken.
   Einige Figuren aus dem »Reich der Mütter« sind in diesem Aufsatz zu den großen Weltgebärden der Vergangenheit in Relation gesetzt worden. Indem wir an den Punkt kommen, wo sich abzeichnet, daß auch die Zukunft Gestaltungskräfte birgt, soll mit solchem Ausblick die Abhandlung zu Ende geführt werden. Es ist der Versuch unternommen worden, den Blick - vorbei an dem für Laien ziemlich unbegehbaren Dickicht mathematisch-atomistischer Modelle - auf die Qualitäten des untersinnlichen Bereichs zu führen. Dabei erschien es sinnvoll, als Hintergrund die Weltentwicklung selbst mit einigen groben Pinselstrichen anzudeuten. Jedenfalls möchte aber das in Umrissen entworfene Bild auch Bild bleiben und nicht als dogmatische Qualitätsbehauptung zu Aspekten anderer, in dieser reichen Welt möglicher Bilder in Widerspruch treten.

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