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Zweiter Teil, Zweites Kapitel:

Geschichtliche Epochen

E. Neuzeit
(S160)   Wir kommen damit zu dem bedeutungsvollsten Vorgang, der sich, vom Gesichtspunkt der kosmisch-moralischen Mächte aus betrachtet, im Verlauf der neueren Menschheitsgeschichte abgespielt hat. Wir haben es da nämlich mit einem neuen Eingreifen der ahrimanischen Macht in die Menschheitsentwicklung zu tun - mit einem Eingreifen, das nicht nur ein erneutes ist, sondern zugleich ein solches von neuer Art, verglichen mit jenem erstmaligen, das in der zweiten Hälfte der atlantisch-vorgeschichtlichen Entwicklung stattgefunden hatte. Damals waren es insbesondere die in den Blutszusammenhängen und Generationsvorgängen wirkenden Kräfte gewesen, die in dem Maße, als Jahve sich aus ihnen zurückzog, von der ahrimanischen Macht durchdrungen wurden. Diese machte daher ihren Einfluß noch nicht unmittelbar auf den einzelnen Menschen, sondern auf die Blutsverbände als solche geltend. Seither aber war der Inkarnationsprozeß der menschlichen Individualität im Lauf der geschichtlichen Entwicklung um viele Stufen weiter fortgeschritten und erreichte gerade in den letzten fünf Jahrhunderten einen äußersten Punkt. Dies kam vor allem darin zum Ausdruck, daß das Denken in einem Maße wie nie zuvor übergegangen war an die Mitbeteiligung der physischen Gehirnorganisation; die physiologischen Vorgänge aber, durch welche diese Mitbeteiligung erfolgt, sind eben dadurch zu solchen eines Abbaus, eines Ersterbens in einem Maße geworden, wie sie es in keiner früheren Zeit gewesen waren. Damit aber wurden diese Prozesse - es sind die spezifischen des Sinnes- und Nervensystems - zum vornehmlichsten Angriffspunkt in der menschlichen Organisation für Ahriman als den Herrn des Todes; und da in den Seelenbetätigungen des Wahrnehmens und Denkens, die an sie geknüpft wind, das menschliche Ich dennoch das im wesentlichen Sich-Betätigende ist, erlangte Ahriman auch zu dem letzteren jetzt unmittelbaren Zugang. Die Wirkung nun, die er in dieser Art seit dem Aufgang der neueren Zeit auf die Menschheit ausgeübt hat, war von solcher Stärke, daß dadurch nicht nur der luziferische Einfluß eine Zeitlang weitgehend verdrängt wurde, sondern die Menschheit in nichts geringeres als in einen zweiten Sündenfall hineingerissen wurde. Im Gegensatz zu dem einstmals durch Luzifer bewirkten kann dieser als ein ahrimanischer bezeichnet werden, obwohl er zugleich die letzte Auswirkung des ersteren darstellt. Im Unterschied von jenem, der vornehmlich den menschlichen Willen betraf (in welchem der egoistische Freiheitsimpuls entzündet wurde), kann dieser, da er sich vor allem im menschlichen Denken abspielte, auch als der intellektuelle Sündenfall bezeichnet werden (Siehe Rudolf Steiner: Intellektueller Sündenfall und spirituelle Sündenerhebung). So steht nun dem luziferischen Sündenfall der Urzeit symmetrisch bezüglich der in der (S161) Vorgeschichte liegenden Zeit-Achse des irdischen Menschheitswerdens der ahrimanische in der Kulminationsphase der Geschichte gegenüber. Hierbei zeigt sich aber, daß Ahriman, obzwar auch er, wie wir sehen werden, noch nicht ein absolutes, sondern ein bloß relativ Böses darstellt, ein solches dennoch von größerer Macht, von höherem Grade ist als Luzifer. Ist er doch auch ein älterer "Gegner" der guten göttlichen Mächte als Luzifer, da er schon auf einer früheren Stufe der kosmischen Evolution sich von jenen getrennt und ihnen entgegengestellt hat.

   Worin kommt nun der ahrimanische Sündenfall, den die Menschheit im Laufe der neueren Zeit erlitten hat, zum Ausdruck? Er offenbart sich zu allernächst in dem, worin das an die Absterbeprozesse des menschlichen Leibes (Nervenorganisation) gebundene und damit in sich selbst in gewissem Sinne erstorbene Denken des modernen Menschen am unmittelbarsten sich ausgewirkt hat: es ist dies die erkenntnismäßige Durchdringung der Gesetzmäßigkeiten der anorganisch-mineralischen Welt, die es ihm - gemäß dem Gesetz, daß Gleiches von Gleichem erkannt wird - gebracht hat. Das eine Hauptmerkmal dieser Welt, das die in ihr stattfindenden Bewegungen betrifft - die den Gegenstand der physikalischen Forschung bilden -, ist das des Mechanischen, das heißt der Verursachung dieser Bewegungen durch von außen wirkende Kräfte. Ihr anderes Hauptmerkmal, das sich auf die qualitativen Veränderungen der Materie als solcher bezieht - die den Gegenstand der chemischen Forschung ausmachen -, ist ihr fortschreitendes Zerfallen in Teile, das im selben Maße stattfindet, als die Materie "materiell" wird, das heißt von feineren in dichtere Zustände übergeht. So wurden Mechanistik und Atomistik die Grundprinzipien der physikalischen und chemischen Erklärungsweise. Liegt hierin der positive Gewinn des ahrimanischen Sündenfalls, so zeigt sich seine negative Auswirkung darin, daß die mechanistisch-atomistische Erklärungsart durch die moderne Naturwissenschaft sämtlichen Welterscheinungen gleichsam übergestülpt und zum universellen Erklärungsprinzip verabsolutiert wurde. Es sei hier nur erinnert an die die von Newton begründete Himmelsmechanik, an die zuerst durch Descartes postulierte Maschinentheorie der pflanzlichen und tierischen Organismen, an das schon im 18. Jahrhundert erschienene Buch "L'homme machine" von De La Mettrie. Im Sinne der Tendenzen des des letzteren wurde der physikalisch-mechanistische Kausalbegriff im 19. Jahrhundert denn auch in die Psychologie, Soziologie und Geschichte eingeführt. Unter dem Einfluß der inzwischen in der Chemie zur Herrschaft gelangten Atomlehre (Dalton) nahm das erwähnte Erklärungsprinzip in dieser Zeit die Form an, daß als das letzte Ziel der Naturerkenntnis die Herleitung aller Weltvorgänge aus der Mechanik der Atome proklamiert wurde. Das Phänomen des Atomismus zeigt die moderne Wissenschaft aber auch in methodischer Beziehung - und erweist sich dadurch, als die Betätigung des (S162) "toten" Denkens, das sie darstellt, auch selbst dem Atomisierungs- bzw. Zerfallsprozeß unterworfen. Sie ist nämlich aus dem lebendigen Ganzen, das die menschliche Erkenntnis im Altertum und Mittelalter noch war, im Lauf der neueren Zeit in unzählige Spezialdisziplinen auseinandergefallen, die sich - in Analogie zu der Spaltung der ehemals für unteilbar gehaltenen "Atome", die inzwischen gelungen ist - in sich selbst seither ins Grenzenlose in immer engere Spezialgebiete aufspalten.

   Unter den besonderen Auswirkungen dieser Weltanschauungsart, für die sich alles in der Welt aus "Kraft" und "Stoff", das heißt aus Materie und den ihr innewohnenden Kräften erklären läßt, darf wohl an erster Stelle der Atheismus aufgeführt werden: die Leugnung alles dessen, was früher in irgend einer Art als ein weltschöpferisches und welterhaltendes Göttliches statuiert worden war. "Gott ist tot", so formulierte Nietzsche in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dieses Ergebnis der modernen wissenschaftlichen Entwicklung, - und die kommunistische Welt von heute führt nun seit schon bald einem halben Jahrhundert einen Krieg der Propaganda und der gewalttätigen Aktionen, der die allmähliche völlige Auslöschung alles religiösen Lebens in der Menschheit zum Ziele hat.

   Eine weitere hauptsächliche Auswirkung besteht darin, daß dem Menschen Seele und Geist als selbständige Wesensprinzipien abgesprochen und für bloße "Epiphänomene" der in seiner Leiblichkeit sich abspielenden materiellen Prozesse erklärt werden. Das bedeutet, daß im Sinne dieser Auffassung weder von Präexistenz noch von Postexistenz (Unsterblichkeit) der Seele oder des Geistes gesprochen werden kann, vielmehr die besondere Charakterveranlagung und geistige Begabung eines Menschen ausschließlich aus Vererbung, Körperbeschaffenheit und Einflüssen des äußeren Milieus herzuleiten seien. Auf der anderen Seite bedeutet es, daß auch von menschlicher Freiheit keine Rede sein kann, und damit auch alle moralische Verantwortlichkeit, alle Unterscheidung von Gut und Böse als von etwas in irgend einem Sinne Realem dahinfällt. Was diese Bezeichnungen trägt, sind nach dieser Auffassung lediglich Konventionen oder Festsetzungen von herrschenden Gruppen oder Klassen zum Zwecke der Aufrechterhaltung ihrer Macht, die aber von Zeitalter zu Zeitalter und von Staat zu Staat wechseln. Es geht diese Auffassung Hand in Hand mit derjenigen, die sich ja auch aus der Entwicklung der neueren Naturwissenschaft ergeben hat: daß der Mensch von tierischen Ahnen abstamme und in gewisser Beziehung eigentlich überhaupt nur als die höchstentwickelte Tierspezies aufzufassen sei. Im Hinblick auf all dies kann der ahrimanisch-intellektuelle Sündenfall seiner essentiellen Bedeutung nach auch dahin gekennzeichnet werden, daß im Gegensatz zum luziferischen von einstmals, bei dem ihm verheißen wurde, daß er gleich werde wie Gott und (S163) unterscheide das Gute und Böse, dem Menschen diesmal dem Menschen in Aussicht gestellt wurde, daß er gleich werde wie das Tier und kein Gut und Böse mehr kenne.

   Auch dieses Moment desselben hat Nietzsche erstmals klar formuliert, indem er das "Jenseits von Gut und Böse", den Immoralismus oder moralischen Nihilismus als das wichtigste Ergebnis der modernen wissenschaftlichen Entwicklung bezeichnete. Für die Gestaltung des menschlichen Lebens stellt der moralische Nihilismus oder - wie er heute auch bezeichnet zu werden pflegt: - der Existentialismus in der Tat die schwerwiegendste, verhängnisvollste Folge-Erscheinung dar, welche die Entwicklung der modernen Wissenschaft gezeitigt hat. Sie ist dadurch bedingt, daß die Begriffswelt dieser Wissenschaft zufolge ihres oben gekennzeichneten Charakters für das menschliche Handeln keinerlei sittliche Werte, Normen, Zielsetzungen oder Sinngebungen zu produzieren vermag - Max Weber bezeichnete sie deshalb als "wertfrei" - und darum die moralischen Tatimpulse und Werturteile in der menschlichen Seele immer mehr abdämpft und ablähmt und so den Sinn für die Unterscheidung von Gut und Böse verkümmern läßt. Und dies ist es, was der Lebens- und Schicksalssituation der Menschheit in unserer Zeit ihren ganz eigentümlichen Stempel aufprägt. Gewiß ist die Menschheit heute ihren Anlagen nach nicht "böser", als sie es in früheren Zeiten gewesen ist. Was aber dem Bösen, das sich in unserer Zeit verübt hat, die besondere Note gibt und es zu so ungeheuerlichen Ausmaßen hat anwachsen lassen, das ist dies, daß es durch ein Denken bedingt ist, das die Unterscheidung von Gut und Böse überhaupt verneint und den Menschen für ein in seinem Handeln bloß durch Naturgesetze und Naturtriebe bestimmtes Wesen erklärt. Denn der Mensch erlangt durch dieses Vergessen des Unterschiedes zwischen Gut und Böse, zu dem ihm Ahriman in der neueren Zeit verführt, keineswegs in die Unschuld zurück, die ihm vor dem Erkennen dieses Gegensatzes eigen war, sondern verfällt nur seiner niederen Trieb- und Begierdenwelt. Er lebt diese nun aber sozusagen mit "gutem Gewissen", das heißt ohne jegliche Skrupel und Rücksichten und, weil er nicht wie das Tier durch weisheitsvolle Instinkte im Einklang mit dem Leben der Gesamtnatur gehalten wird, in zerstörerischer Weise aus. "Zu allen Zeiten der Menschheitsgeschichte" - so schreibt Hermann Steinhausen in seinem 1939, noch vor Beginn des zweiten Weltkrieges erschienenen Buch 'Die Rolle des Bösen in der Weltgeschichte' - "ist man sich darüber klar gewesen, daß der Mensch ein gebrechliches Wesen sei, zwar fähig, das Bessere, Höhere, Reinere zu erkennen, aber dennoch geneigt, das Schlechtere, Niedrigere, Böse zu tun, sobald es ihm eine Augenblickslust und einen Augenblicksnutzen versprach. Was aber unser beginnendes 20. Jahrhundert von allen früheren Epochen unterscheidet, das ist nicht das Böse, das Dumme, das Bestialische, das in ihm freilich in reichlichstem Maße getan wird, sondern das ist der radikale Verzicht auf Wertmaßstäbe überhaupt: man glaubt allgemein den Begriff des (S164) Guten und den des Wahren als Illusion durchschaut zu haben; man hat allmählich verlernt, das, was frühere Epochen noch als böse, frevlerisch, verboten empfunden haben, ganz sachlich als Sprengkraft in den Dienst nationaler oder sozialer Ziele zu stellen. Auch im Mittelalter hat es blutige Kriege gegeben; aber über den sich befehdenden Völkern und Staaten war noch immer die gemeinsame Vorstellung eines richtenden und strafenden Gottes lebendig. Der Weltkrieg von 1914 war in dieser Beziehung die erste Probe aufs Exempel dafür, was der aufgeklärte Normalmensch unserer Epoche sich an systematischer Zerstörung, an bewußter Manipulierung des Bösen im Dienste politischer Machtziele zutraute. Auch in früheren Zeiten, die noch altmodisch genug waren, den Begriff der Sünde aufrechtzuerhalten, hatte man Verträge gebrochen, Wehrlose niedergeschlagen, den individuellen und den kollektiven Rachedurst gestillt, man war sich aber klar darüber, daß man damit das dem Menschen erlaubte Maß überschritten, die Schleusen des Bösen mit frevlerischer Hand geöffnet hatte... Der moderne Mensch, und dies scheint ihn in einzigartigem Sinne zu kennzeichnen, kennt überhaupt keine Maße und Gebote, die er nicht selbst erlassen und aufheben könnte, keine Sünde außer jener, die er gegen sich selbst und seine eigene Art begehend könnte."

   Nietzsche hat ja denn auch die Triebkraft bezeichnet, die das in diesem Sinne moralisch-nihilistische Verhalten bestimmt: es ist der rücksichts- und mitleidlose "Wille zur Macht", also die höchste Steigerung dessen, was einstmals durch Luzifer beim ersten Sündenfall als selbstsüchtiger Freiheitsdrang im Menschen entzündet worden ist. Und so zeigt sich auch hieran, wie die Frucht, die aus jenem Keim erwuchs, nun in die Wirkenssphäre Ahrimans hinübergleitet. Die Idee des Willens zur Macht entstammte ja der Vorstellungswelt, die Darwin hinsichtlich der Evolution der Lebewesen entwickelt hatte. Diese verdankte den großen Erfolg, der ihr beschieden war, bezeichnenderweise dem Umstand, daß Darwin anstelle einer teleologischen Erklärungsprinzips ein mechanisches gesetzt hatte, indem er Anpassung, Kampf ums Dasein, natürliche Zuchtwahl (Auslese der Tüchtigsten) und Vererbung als die Faktoren bezeichnete, die ohne Zielstrebigkeit auf reich mechanische Weise den Aufstieg der Lebewesen zu höheren Stufen der Vollkommenheit vorwärtstreiben. Diese Idee aber hatte er keineswegs den Naturtatsachen selber abgelesen, sondern aus den national-ökonomischen und bevölkerungspolitischen Theorien von Robert Malthus geschöpft und auf die Natur lediglich übertragen.

   Damit werden wir auf jenes Lebensgebiet gewiesen, auf dem der "Kampf ums Dasein" in der neueren Geschichte am heftigsten getobt und der "Wille zur Macht" im Sinne des moralischen Nihilismus am hemmungslosesten sich ausgewirkt hat: es ist das Wirtschaftsleben, wie es sich seit der Entstehung des Maschinenwesens, also seit der (S165) (ersten) "industriellen Revolution", gestaltet hat. Zunächst ist ja zu sagen, daß zu den hauptsächlichsten Auswirkungen des ahrimanischen Sündenfalls auch diese gehört, daß im Laufe der neueren Zeit das Wirtschaftsleben überhaupt sich immer mehr aufgebläht und die andern Sphären menschlichen Gemeinschaftslebens: rechtlich-staatliche und die geistig-religiöse im selben Maß an Bedeutung hat verlieren lassen. Heute ist die Wirtschaft - wie übrigens Marx im 19. Jahrhundert feststellte - so gut wie die einzige und ausschließliche Realität geworden, um die es im geschichtlich-sozialen Leben geht; und politisches und kulturelles Leben bedeuten nurmehr durch diese Realität bedingte und ihre harten Tatsachen verbrämende Ideologien. Zwar hat das Wirtschaftsleben durch diese ungeheure Entfaltung den Lebensstandart, wenigstens innerhalb der westlichen Welt, auf ein Niveau gehoben und einen technischen Lebenskomfort geschaffen, die für frühere Zeiten unvorstellbar gewesen wären. Aber es haben sich hierbei im Verhältnis zwischen Mensch und Wirtschaft zugleich Mittel und Zweck immer mehr in ihr Gegenteil verkehrt. Heute ist die Wirtschaft nicht mehr um des Menschen, sondern der Mensch um der Wirtschaft willen da. Er ist zu einem bloßen Mittel und Werkzeug einer wirtschaftlichen Produktion herabgesunken, die unter der Devise einer ständigen Steigerung des materiellen Wohlstandes für alle - in Wahrheit um der Rendite des investierten technischen Kapitals willen, nach schlechthin grenzenloser Expansion strebt. Damit er die Funktion erfüllen könne, die ihm als diesem Werkzeug zukommt: die Erzeugnisse dieser ständig wachsenden Produktion zu konsumieren, hat es diese moderne Wirtschaft seit lange auch übernommen, durch das von ihr entwickelte Werbewesen (das heute einen großen Teil ihrer Gesamtbetriebsamkeit ausmacht) im Menschen immer wieder neue materielle Begehrlichkeiten und Wünsche heranzuzüchten, wofür sie heute auch schon in raffiniertester Weise die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie auswertet. All dies geschieht im Zeichen des Ideals, ein "irdisches Paradies" zu schaffen, - also auch in diesem Sinne den luziferischen Sündenfall umzukehren; nur wäre das ein Paradies einer rein irdischen Glückseligkeit, die dadurch erzeugt würde, daß sämtliche materiellen Wünsche und Begehrungen erfüllt werden. Dies würde bedeuten, daß der Mensch seines höheren, geistigen Wesens endgültig vergäße und zu einem rein irdisch-leiblichen Wesen würde. Diese Tendenzen erfahren seit jüngster Zeit eine gewaltige Verstärkung dadurch, daß die ungeheuer gesteigerte Produktivität, welche die technischen Produktionsmittel durch die Automation (zweite industrielle Revolution) erlangt haben, eine fortschreitende Verkürzung der Arbeitszeit bzw. Ausdehnung der Freizeit möglich macht. Um die letztere mit Unterhaltung jeglicher Art auszufüllen, hat sich bereits eine vielverzweigte Freizeitindustrie entwickelt, die selbstverständlich wie die übrige Industrie nach uferloser Steigerung ihrer Produktion strebt und das Publikum demgemäß propagandistisch bearbeitet. So stürmt heute auf (S166) den Menschen in seiner Freizeit eine Flut von Verlockungen ein, durch welche seine Sucht nach materiellen Genüssen unaufhörlich aufgepeitscht wird, so daß er in Gefahr ist, sich selbst völlig zu verlieren und in seinen Begehrungen und Bedürfnissen, Interessen und Beschäftigungen ganz von außen her, gemäß den Bedürfnissen der wirtschaftlichen Produktion, gelenkt und gesteuert zu werden.

   Trotz all dem ist das irdische Paradies, das dadurch erstehen soll, doch kein Paradies; denn es ist durchtobt vom wirtschaftlichen Konkurrenzkampf, der durch eben diese stetige Steigerung der Begehrlichkeiten, der Sucht nach Erfolg, Profit, Gewinn, Reichtum immerfort neu angefacht wird. Die westliche Welt erblickt hierin die Verwirklichung und Erhaltung ihres Freiheitsideals. In Wahrheit ist es der rücksichtslose Kampf der wirtschaftlichen Egoismen miteinander. Damit aber, daß das Freiheitsideal hier so in das rücksichtslose-selbstsüchtige Streben nach wirtschaftlich-materieller Macht pervertiert wurde, ist der eigentliche Sinn des Freiheitsbegriffes völlig verloren gegangen. Indem Ahriman sich des Freiheitsimpulses bemächtigte und ihn in sein Gegenbild verwandelte, fesselt er die Menschen, während er sie von Freiheit reden läßt, in ihrem Bewußtsein völlig an die Erde.

   Wir wollen in der Schilderung des ahrimanischen Sündenfalls und seiner Auswirkungen an dieser Stelle zunächst einhalten und nur noch erwähnen, daß genauso, wie die erneuerte luziferische Verführung der Menschheit in frühgeschichtlicher Zeit - zufolge einer Darstellung Rudolf Steiners - ihre Kulmination erreichte in einer im Beginne des dritten vorchristlichen Jahrtausends in China erfolgten menschlichen Inkarnation Luzifers, gemäß derselben Darstellung auch die ahrimanische Verführung der modernen Menschheit einem Kulminationspunkte zustrebt, den eine menschliche Inkarnation Ahrimans bilden wird, die für das kommende Jahrhundert im Westen zu erwarten steht. Dies gibt Anlaß, hier noch den folgenden Hinweis einzuschalten:

   Wir sprachen weiter oben davon, wie die christlich-europäische Kultur in der zweiten Hälfte des Mittelalters stark luziferische Züge annahm, in der Zeit der Flagellanten und Mystiker, des überhandnehmenden Mönchswesens und Asketismus, die aber zugleich auch eine Zeit mannigfacher Ausartungen auf erotisch-sexuellem Gebiete war. In das Gesamtbild jener Epoche gehört auch der Mongolensturm des 13. Jahrhunderts, der damals von den Steppen Innerasiens bis in die Mitte Europas vorstieß und für kurze Zeit ein Weltreich entstehen ließ von einer Ausdehnung, wie es die Geschichte bis dahin noch nie gesehen hatte. Träger dieses Völkersturmes waren Reiternomaden, in welchen jenes Jäger- und Hirtenkriegertum, das wir oben als den vom luziferischen Einfluß durchdrungenen Teil der frühgeschichtlichen Menschheit kennzeichneten, auf einer frühen, primitiven Kulturstufe stehen geblieben und sich so verfestigt hatte, daß es eines Aufstiegs zu einer höheren nicht mehr fähig war. (S167) In geradezu urphänomenaler Gestalt zeigten diese Stämme all die Merkmale, die wir als den Ausdruck der frühgeschichtlichen luziferischen Durchdringung hervorhoben: Verehrung von Himmelsgottheiten, ausgeprägtestes Patriarchat (das im Großkhan seine Spítze hatte), ein in weiten Räumen beheimatetes Nomadenleben, Kriegertum, Machtwille, Sichverbundenfühlen mit dem Tier, in diesem Falle vornehmlichst mit dem Pferd, das schon von jeher kriegerischen Geist, Herrschertum und Machtstreben in seinen Züchtern entzündete, - sowie Haß und Verachtung gegenüber allem, was zu Seßhaftigkeit und städtischer Kultur übergegangen war, welch letztere von ihnen als der Herd der Lasterhaftigkeit und Dekadenz betrachtet wurde (Siehe Michael de Ferdinandy: Tschingis Khan. Der Einbruch des Steppenmenschen, Hamburg 1958. Ferner Rudolf Steiner: Kosmische und menschliche Geschichte, III.Band,2.Vortrag). In ihren Eroberungszügen erfolgte ein letzter und größter Einbruch der in ihrer luziferisch geprägten Lebensform frühzeitig erstarrten Kriegernomaden in die seit lange zur Seßhaftigkeit und Städtegründung fortgeschrittene Kultur der geschichtlichen Menschheit. Hätte dieser sein Ziel erreicht, so hätte dies eine völlige Luziferisierung der letzteren zur Folge gehabt und sie auf die Stufe des Nomadentums zurückgeworfen, womit auch ein Rückfall in primitive, mit atavistisch-hellsichtigem Geist-Erleben durchsetzte Formen des Denkens verbunden gewesen wäre. In der europäischen Kultur lebte damals aber doch noch so viel christliche Substanz, daß dieser Einbruch abgewehrt werden konnte. Nur im europäischen Osten und in Asien (China) vermochte sich die Macht dieser Mongolen noch eine Zeitlang zu behaupten, erwies sich aber als unfähig, eine Staatsbildung von Dauer zu begründen.

   Das weltgeschichtliche Gegenstück hierzu bildete die anderthalb Jahrhunderte darnach erfolgte Entdeckung Amerikas, welche in gewisser Beziehung die neuzeitliche Geschichte eingeleitet hat. Sie setzte sich unmittelbar fort in der Eroberung der altamerikanischen Reiche (Mexiko, Peru), in der Vernichtung ihrer Kultur und der Ausraubung ihrer Goldschätze durch die europäischen Konquistadoren. Hier war es, wo zuerst jene Gier nach Gold als dem Inbegriff irdischer Macht und irdischen Reichtums in wildesten, brutalsten Formen sich entzündete, in deren Aufflammen der ahrimanische Sündenfall sich ankündigte. Schon in der alten atlantischen Zeit hatte der vorausgegangene luziferische Sündenfall der Menschheit dem damaligen ersten Eingreifen Ahrimans gleichsam den Weg bereitet und die Tore geöffnet. Ein analoger Zusammenhang zwischen luziferischer und ahrimanischer Verführung offenbarte sich in bedeutsamer Weise auch jetzt wieder in dem Umstand, daß Columbus zur Entdeckung Amerikas geführt worden war auf der Suche nach einem Seeweg in westlicher Richtung nach Indien und China, und (S168) zu deren sagenhaften Reichtümern an Goldschätzen und Naturerzeugnissen, von denen u.a. Marco Polo in seinem Bericht über seinen Aufenthalt am Hofe Kublai Khans, des Nachfolgers Tschingis Khans, erzählt hatte. Wie die weiten Steppen Innerasiens, die in alten Zeiten nur als die unterste Sphäre des über ihnen sich wölbenden Himmels angesehen wurden, einstmals die günstigsten Vorbedingungen für die Einwirkung Luzifers auf die Menschheit abgegeben hatten, so bildete der Boden Amerikas mit seinen Goldschätzen und sonstigen natürlichen Reichtümern seit dem Beginne der neueren Zeit das Territorium, von dem aus die ahrimanische Macht die moderne Menschheit am stärksten zu durchdringen vermochte. Hierin liegt es auch begründet, daß der Schwerpunkt der neuzeitlichen, überwiegend ahrimanisch bestimmten Zivilisation sich immer mehr nach Amerika hinüber verlagert hat.

   Wollte man sinnbildlich die Situation zur Darstellung bringen, in welcher sich der Angehörige der ersten geschichtlichen Hochkulturen, also jener geschichtlichen Epoche befand, in welcher die luziferischer Verführung der Menschheit sich im Medium der Geschichte wiederholte, so müßte man der Gestalt des damaligen Menschen diejenige Luzifers zur Seite stellen. Die Aufgabe der damaligen Menschheit bestand darin, sich in irgendeiner Art mit der luziferischen Macht auseinanderzusetzen. In analogem Sinne müßte man auch dem modernen Menschen wie er seit dem 15. Jahrhundert geworden ist, wollte man das Wesentliche seiner inneren Seelensituation zum Ausdruck bringen, wiederum eine Gestalt des Bösen als seinen Begleiter zur Seite stellen; nur eben in diesem Falle die ahrimanische Macht. Denn wiederum ist es zu seiner hauptsächlichsten Aufgabe geworden, sich mit einem Bösen auseinanderzusetzen; nur eben jetzt mit dem ahrimanischen. Von diesem Gesichtspunkt aus muß es als außerordentlich bedeutungsvoll erscheinen, daß im 16. Jahrhundert eine Sage entstanden ist, welche diese Grundsituation der modernen Menschen zum Ausdrucke bringt und daher geradezu als der Mythus unserer Epoche bezeichnet werden darf: es ist die Faust-Sage. Hat diese doch zu ihrem eigentlichen Thema die Auseinandersetzung des modernen Menschen mit der besonderen Gestalt des Bösen, mit der gerade er es zu tun hat. Von daher wird auch verständlich, warum diese Sage seit ihrer Entstehung bis auf den heutigen Tag (Thomas Manns "Doktor Faustus") von unzähligen Dichtern immer wieder bearbeitet wurde und in der Gestalt, die ihr Goethe verliehen hat, zur modernen Menschheitsdichtung schlechthin geworden ist.

   Schon in dem 1857 in Frankfurt erschienenen Volksbuch von Dr.Faust, in welchem sie ihren ersten literarischen Niederschlag gefunden hat, erscheint Faust durchaus als Repräsentant des modernen Menschen, indem da von ihm gesagt wird, er habe die Heilige Schrift eine Weile hinter die Tür und unter die Bank gelegt, wollte sich "hernacher keinen Theologum mehr nennen lassen, (S169) ward ein Weltmensch und nannte sich einen Doctorem Medicinae". Er hat also die Wendung von der Religion zur Naturwissenschaft, vom Glauben zum Wissen vollzogen, und sein Streben nach Erkenntnis der Natur und nach Macht über deren geheime Kräfte ist es, was ihn den Pakt mit dem Teufel schließen läßt. In den Zauberkunststücken, die er mit dessen Hilfe ausführt, nimmt er manches von dem voraus, was zustandezubringen uns heute die Technik möglich gemacht hat. Auch bei Goethe ist es der ungestüme, alle Schranken überwinden wollende Erkenntnisdrang, an dem Faust von Mephisto gepackt wird. Aber dieser erweist sich sehr bald als die ahrimanische Macht durch die Art, wie er für jeglichen Hochflug des Geistes, für allen Idealismus nur Hohn und Spott übrig hat und Faust mit allen Mitteln der Verführung in die Niederungen der Sinnlichkeit herabzuziehen sucht. So wird denn Faust unter seinem Einfluß zum Verführer Gretchens, - und Rudolf Steiner weist gelegentlich darauf hin, wie im Gegensatz zu der Verführung des Mannes durch die Frau beim luziferischen Sündenfall der hier stattfindende ahrimanische sich als solcher auch dadurch dokumentiert, daß der Mann zum Verführer der Frau wird (Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes Faust, Bd.I,S223). Freilich weist Mephisto, insbesondere im ersten Teil der Dichtung, auch luziferische Züge auf, - worauf wir an späterer Stelle zurückkommen werden.

   Hier sei zunächst nur darauf hingewiesen, daß in der ursprünglichen Faustsage und in vielen ihrer späteren dichterischen Bearbeitungen (bis zu Th.Mann) ihr Held dem Teufel verfällt. Denn hierin offenbart sich ein entscheidend wichtiges Faktum: die Tatsache nämlich, daß die christliche Vorstellungswelt, aus welcher heraus die Faustsage ihre Gestalt erhalten hat, dem Menschen die Fähigkeit nicht zuerkennen konnte, dasjenige Böse zu überwinden, mit dem er sich in der neueren Zeit eingelassen hat. Und es is von besonderem Interesse, daß dies im Speziellen die Vorstellungswelt des damals gerade erst aufgekommenen Protestantismus war. Denn in den Kreisen seiner Bekenner hat die Faustsage ihre Ausgestaltung erfahren. Wird doch Faust in ihr mehrfach zur Gegengestalt Luthers gestempelt, der dem Teufel, als er ihn bei seiner Bibelübersetzung auf der Wartburg (einem Geschäft des Intellekts!) versuchte, nicht verfiel, sondern das Tintenfaß nachwarf. Auch Goethe hat dieses Motiv noch übernommen, indem er Mephisto gerade in dem Moment zunächst als knurrenden Pudel sich bemerkbar machen und dann - als "des Pudels Kern" - in seiner wahren Gestalt hervortreten läßt, da Faust den Prolog des Johannes-Evangeliums "in sein geliebtes Deutsch zu übertragen" beginnt. Mit dem bezeichneten Ausgang der Faustsage wurde aber im Grund das Urteil über den Weg der modernen Menschheit überhaupt gesprochen und ihr seelisch-geistiges Zugrundegehen als unausweichlich hingestellt. Es kam (S170) darin dieselbe Haltung zum Ausdruck, die sich auch darin zeigte, daß der damals aufkommende Kopernikanismus, in dem sich der Aufgang der modernen naturwissenschaftlichen Forschungsweise ankündigte, ganz gleichermaßen von Luther wie von der katholischen Kirche abgelehnt und sein erster Apostel Giordano Bruno noch in Rom als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

   Daß aus der Vorstellungswelt der christlichen Konfessionen heraus Faust als dem Teufel verfallen betrachtet werden mußte, das beweist aber nichts anderes, als daß, wie oben bereits angedeutete, das durch die Kirchen vertretene Christentum schon damals ganz darin festgefahren war, die Erlösungstat auf Golgatha als Ausgleichstat einseitig nur nach rückwärts auf den luziferischen Sündenfall der Urzeit zu beziehen, also gleichsam nurmehr die eine Hälfte seiner Bedeutung zu sehen. Die ganze Art der Entstehung bzw. des Eintrittes des Christentums in den innern Gang der Menschheitsgeschichte, wie wir ihn oben andeutend schilderten, erweist aber, daß es gleichsam in einem Zweifrontenkampf drinnenstehend gesehen werden muß, der sich sowohl gegen die luziferische wie gegen die ahrimanische Verführung richtet. Dies zeigt sich auch in den Mysterien, in die Anfang und Ende des Christuslebens getaucht sind. Der Anfang desselben - ganz gleichgültig, ob man ihn in der Geburt des Jesuskindes oder in der Erscheinung Christi in der Jordantaufe erblickt, denn es gilt für beide in gleichem Sinne, ist in das Mysterium der unbefleckten Empfängnis bzw. der jungfräulichen Geburt gehüllt. Dies deutet auf die Überwindung des luziferischen Sündenfalls hin, durch den, wie schon erwähnt, erst die geschlechtliche Zeugung und Geburt des Menschen ihren Anfang genommen hat. Die Menschwerdung (Inkarnation) Christi ist außerdem der urbildlich-vorbildliche Akt der Liebe zur Menschheit, die in jener Liebe zu Gott und zu seinen Mitmenschen, welche das Christentum seinen Bekennern gebietet, und welche zur Überwindung des Egoismus als der Wurzel der Sündhaftigkeit führt, nur ihre Imitation, ihre Nachfolge und zugleich ihre Beantwortung findet. Durch das Ende des Christuslebens aber: Tod und Auferstehung, ist die Voraussetzung dafür geschaffen worden, daß der Mensch den Tod, der wiederum die Folge des geschlechtlichen Gezeugt- und Geborenwerdens darstellt, dereinst, wenn die Zeit dafür gekommen sein wird, überwinden kann, - was das Christentum in der Lehre von der Auferstehung der Toten am Jüngsten Tage zum Ausdruck gebracht hat. Denn im Grunde wurde die Macht des Todes schon durch die Auferstehung Christi in ihrer Wurzel überwunden und die Kraft des todüberwindenden Lebens der Menschheit eingepflanzt. Darum bezeichnete schon Paulus die Auferstehung Christi als den eigentlichen Grundstein des christlichen Glaubens, - war doch gerade er, der den Herrn im Leibe nicht gekannt hatte, nur durch die geistige Schau des Auferstandenen vor Damaskus aus dem die Christen verfolgenden Saulus (S171) in den machtvollsten Verkünder des christlichen Evangeliums verwandelt worden (1.Kor.15).

   Damit hängt es zusammen, daß die speziell geschichtliche Bedeutung des Christusereignisses nach dieser Richtung hin darin liegt, daß es die Voraussetzung dafür geschaffen hat, daß die Menschheit dem ahrimanischen Sündenfall, wenn dieser, gemäß der inneren Gesetzmäßigkeit des geschichtlichen Werdens, einmal eintrat und eintreten mußte, nicht endgültig zu erliegen verurteilt war, sondern sich von ihm wieder erheben kann. In diesem Sinne geht in diesem Falle die Überwindung dem Falle voraus. Denn dieser Sündenfall besteht, wie wir gesehen haben, darin, daß das menschliche Denken bzw. Bewußtsein den Todeskräften verfällt, die eben den Herrschaftsbereich Ahrimans darstellen. Seinen Ausdruck findet dieser Fall im Aufkommen der materialistischen Weltanschauung, wie sie die moderne Naturwissenschaft durch ihre mechanistisch-atomistische Weltdeutung begründet. Und da diese für alles, was nicht dem Reiche des Anorganischen angehört, falsch ist, so kann man sie auch als die große Weltenlüge bezeichnen und in diesem Sinne Ahriman den Vater der Lüge nennen, wie Luzifer die Selbstsucht entzündet hat. Und wie in dieser die Wurzel, so kann man in jener die Frucht der Sündhaftigkeit erblicken. Wie aber der Egoismus durch die Liebe, so wird die Weltenlüge (der Materialismus) allein durch die Wahrheit als die Erkenntnis der geistig-schöpferischen Hintergründe der Natur überwunden.

   Die christliche Kirche hat zwar die Botschaft vom Ostergeschehen in ihr Glaubensbekenntnis (Credo) mit aufgenommen. Sie hat auch die Prophetie von der Auferstehung der Toten am Jüngsten Tage, wie die zahlreichen künstlerischen Darstellungen dieses Thema bis hin zu Michelangelos "Jüngstem Gericht" beweisen, mit in ihre Vorstellungswelt eingegliedert. Dennoch kann kein Zweifel darüber bestehen, daß - die Gründe hierfür haben wir von einem andern Gesichtspunkt aus schon im 2. Bande (S164f) angeführt - gerade die Vorstellung von der Auferstehung - sowohl Christi als auch der Toten am Jüngsten Tag - wenigstens innerhalb der westlich-römischen Christenheit sich nicht im selben Maße eingewurzelt hat wie die andern Teile des christlichen Credos. Dies gilt schon für das Mittelalter, und im Laufe der neueren Zeit ist diese Vorstellung sogar immer mehr zum Gegenstand ausgesprochener Verlegenheit geworden. Ganz besonders der Protestantismus hat das Bild des Auferstandenen hinter dem des Gekreuzigten immer mehr zurücktreten, ja verblassen lassen. Anstelle des Ostersonntags erhob er den Karfreitag zum höchsten kirchlichen Feiertag. An dieser Stelle sind diejenigen Gründe hierfür hervorzuheben, die in dem Umstand liegen, daß innerhalb des kirchlichen Christentums allmählich diejenige Auffassung des Christusereignisses zur absoluten Herrschaft gelangt ist, die es einseitig retrospektiv (S172) als Ausgleichstat nur mit dem luziferischen Sündenfall der Vergangenheit in Beziehung bringt.

   Ein Gegengewicht gegen diese Einseitigkeit suchte schon im frühen Mittelalter jene Strömung zu schaffen, von der dann an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert durch die bekannten großen Dichtungen allerdings nur eine sagenhafte Kunde an die geschichtliche Öffentlichkeit gelangt ist: die Gralsströmung. Von ihrem zentralen Symbol: der Grals-Schale, berichtet die Legende, daß Christus sich ihrer beim letzten Abendmahle bedient habe. Josef von Arimathia fing dann in ihr das Blut des Erlösers auf, das am Kreuz aus seinen Wunden floß. Später wurde sie von Engeln in überirdischen Höhen durch Jahrhunderte aufbewahrt und schließlich wieder auf die Erde heruntergebracht. Titurel errichtete ihr als dem höchsten Heiligtum der Menschheit eine Burg, deren Ritter durch ihren Anblick eine Nahrung empfangen, die Krankheit und Tod von ihnen fernhält. All das deutet auf die Beziehung dieser Strömung zu der Seite des christlichen Mysteriums, die die Verwandlung des Irdischen und die Überwindung des Todes betrifft. Daß die Gralsburg viele Meilen weit von undurchdringlichem Wald umgeben und nur für diejenigen auffindbar ist, die hierzu berufen sind, weist zugleich darauf hin, wie dieser Teil der christlichen Botschaft im Geheimnis verblieben ist und zunächst auch verbleiben sollte. Bezog er sich doch noch in einem spezielleren Sinne auf die Zukunft als die übrigen Teile derselben.

    Im Ausgang des Mittelalters, in der Zeit, da das offizielle Kirchenchristentum völlig jener luziferischen, ganz der Vergangenheit zugewendeten Haltung verfiel, war es dann abermals eine "geheime" Strömung, die als Gegengewicht dazu das andere, auf die Überwindung des Todes zielende Motiv des christlichen Mysteriums zum Gegenstand ihrer besonderen Pflege machte: die Strömung der Rosenkreuzer. Denn wenn auch die Kunde von ihr - ähnlich wie bei der Gralsströmung - erst lange nach ihrer Begründung: im Anfange des 17. Jahrhunderts durch die Schriften Joh.Val.Andreaes in die Öffentlichkeit drang, bestand sie doch schon seit dem 15. Jahrhundert und entfaltete im Übergang zur neueren Zeit eine Wirksamkeit, die zwar auf geheimen Wegen, aber doch vielfältig in das damalige Kulturleben ausstrahlte (Siehe Rudolf Steiner: Das rosenkreuzerische Christentum. Zwei Vorträge). Die hauptsächlichste Form, in der ihre Bestrebungen, freilich in streng verschlüsselter Weise, sich dokumentierten, war die Alchymie. Zwar kam es bei den von dieser praktizierten Stoff-Umwandlungen wesentlich auf die Wandlungsvorgänge an, die im Durchführen und inneren Erleben dieser Umwandlungen im Menschen selbst hervorgerufen werden konnten. Und die Bereitung des "Steins der Weisen" bzw. des "Lebenselixiers", in welcher diese Umwandlungsprozesse gipfelten, war gleichbedeutend mit der Bildung des "Leibes der Auferstehung" (S173) bzw. mit der vollen Geburt jenes höheren Selbstes im Menschen, die untrennbar mit einer bis ins Leibliche hineingehenden Verwandlung des menschlichen Wesens verknüpft ist. Bedeutsam bleibt trotzdem, daß diese inneren Transmutationen damals verbunden wurden mit einem tieferen Eindringen in die Geheimnisse der Natur, der Stoffeswelt. Hierin besteht der wesenhafte Unterschied zwischen der Alchymie und der Mystik, welch letztere auf dem Wege der Askese nach rein innerseelischen Geist-Erlebnissen strebte. Hierin lag zugleich aber auch der Hinweis auf die "Frontänderung" (R.Steiner), welche das Christentum im Zeitalter der heraufziehenden Naturwissenschaft vollziehen mußte, wenn es die spezifischen Forderungen sollte erfüllen können, die ihm dieses Zeitalter, durch die Gesetzmäßigkeit des ganzen geschichtlichen Werdens bedingt, stellte: die Frontänderung nach einer Durchgeistigung der Naturerkenntnis, nach einer "Transsubstantiation" der sinnlichen Erfahrungsinhalte durch die Auferweckung des Denkens von dem Tode, dem es im Beginne dieses Zeitalters verfallen war. Das kirchliche Christentum hat diese Frontänderung völlig versäumt; es hat sich entweder, wie der Katholizismus, mit einer bloßen Ablehnung der materialistischen Naturauffassung begnügt, ist dieser gegenüber also in einer rein negativen Haltung verharrt, - oder es ist, wie es dem Protestantismus in weitem Umfang passierte, der materialistischen Weltauffassung allmählich erleben, zwar nicht in der Form, daß er sich direkt zur deren Wortführer gemacht hätte, aber in der Art, daß er, namentlich in der "Leben-Jesu-Forschung" des 19. Jahrhunderts, ihre Grundanschauungen und Forschungsmethoden übernommen hat. Durch all das hat das kirchliche Christentum gegenüber der Aufgabe, die ihm unser Zeitalter stellte, versagt und dieses Versagen mit einem fortschreitenden Rückgang der Zahl seiner Bekenner und mit dem Verlust seiner geschichtlichen Lebensbedeutung bezahlt.

   Die vom kirchlichen Christentum liegengelassene Aufgabe in beispielhaft vorbildlicher Weise in Angriff genommen und, soweit dies in eines Menschen Möglichkeiten liegt, durchgeführt zu haben, ist die epochale Leistung einer Persönlichkeit, die allerdings gerade von kirchlich-christlicher Seite gern als der "große Heide" verschrieen wird, weil sie, der das Kirchenchristentum nicht viel sagte, sich ihm gegenüber scherzweise gelegentlich als solchen bezeichnete: die Leistung Goethes, - nämlich in der von ihm durch ein ganzes Leben auf vielen Gebieten betriebenen naturwissenschaftlichen Forschung. Und so ist es denn für Goethe charakteristisch, daß gerade er in jene Art von Zweifrontenkampf hineingeriet, den wir oben als für den christlichen Impuls bezeichnend aufgewiesen haben: einerseits gegen eine luziferisch gewordene, auf bloßen Glauben sich gründende Reliion ("Du hältst aufs Glauben, ich aufs Schauen", Goethe an Fr.H.Jacobi), andererseits gegenüber einer ahrimanisch inspirierten materialistischen Naturwissenschaft. Sein Kampf gegen Newtons Optik (S174) bezeugt letzteres ebenso wie die Ablehnung, die er selbst von seiten der zünftigen Naturwissenschaft bis in unsere Tage herein erfahren hat.

   Goethes Streben ging dahin, in sein Naturbild nicht nur die Materie, sondern auch den Geist aufzunehmen, der als Idee die Welt ordnend und gestaltend durchwaltet. Wie die Sinne die Organe für die Wahrnehmung des Materiellen, so war ihm das Denken dasjenige für die Wahrnehmung des Geistig-Ideellen. In diesem Sinne hat er in seiner Farbenlehre die Farben als das Ergebnis des verschiedenartigen Zusammenwirkens von Licht und Finsternis aufgewiesen, in welch letzteren er die Repräsentanten des Geistigen und des Stofflichen im Bereiche des Sichtbaren erschaute. Daß der Mensch die Fähigkeit hat, die in der Natur wirkenden Ideen mit "Augen des Geistes zu schauen" - wie es Goethe von sich Schiller gegenüber bekannte -, sah er darin begründet, daß der Mensch selbst auch zum Ganzen der Natur gehört, ja sogar "der Kern der Natur Menschen im Herzen" wohnt, - oder wie er es auch in seiner Farbenlehre in dem Epigramm ausspricht:

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken;
Lebt' nicht in uns des Gottes eigene Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?

   In seiner Morphologie, von der Rudolf Steiner sagt, daß Goethe durch sie zum "Kopernikus und Kepler der organischen Welt" geworden sei (R.Steiner: Goethes naturwissenschaftliche Schriften), vermochte er die Gesetzmäßigkeit der Metamorphose, des Grundgeschehens des Lebendigen, dadurch zu entdecken, daß er sein Denken selbst dem Tode entriß und durch ein übendes "Anschauen der immerschaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Produktionen würdig" machte. Damit hatte er den ahrimanischen Sündenfall des Intellekts zu überwinden begonnen und eine nicht im religiös-dogmatischen, sondern im geistig-realen Sinne vom christlichen Impuls durchdrungene Naturerkenntnis begründet, die auf dem Prinzip der Transsubstantiation beruht. Was im Sakramentalismus des kirchlichen Christentums durch Jahrhunderte in Form eines kultischen Geschehens vollzogen worden war, hatte er, den Forderungen unserer Epoche entsprechend, in verwandelter Form innerhalb des Erkenntnislebens als solchen verwirklicht. Darum konnte Steiner im Hinblick auf Goethes Erkenntnisart mit Recht den Satz prägen: "Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen." Wie in andrer Form in Schillers Freiheitslehre, so hatte auch in Goethes Naturforschung der Same aufzugehen begonnen, der durch das Christusereignis in den Boden des geschichtlichen (S175) Menschheitswerdens versenkt worden war. Deshalb errang Goethe - ähnlich wie von einem anderen Gesichtspunkte aus Schiller - ein Verständnis für den innersten, recht eigentlich in die Zukunft weisenden Nerv des Christentums, indem er es in dem Kapitel über die "pädagogische Provinz" in "Wilhelm Meisters Wanderjahren" als die Verkörperung der letzten der drei Ehrfurchten: nämlich derjenigen vor dem, was unter uns ist, charakterisierte und damit als das letzte und höchste, wozu die Menschheit gelangen konnte und mußte. Wir haben die betreffenden Sätze schon an früherer Stelle (S122) zitiert.   In diesen geistigen Errungenschaften, die er selbst erlangt hatte, liegt auch der Grund dafür, daß Goethe sich schließlich für berechtigt halten durfte, der Faustsage in seiner Dichtung die entscheidende Wendung zur Errettung von Fausts Seele zu geben, - trotz der Sünden und Verbrechen, deren sich dieser seit seiner Verbindung mit Mephisto schuldig gemacht hat. Denn dieser Verbindung vermag Faust dennoch, schon im ersten Teil der Dichtung, jene Naturerkenntnis abzuringen, die er in den an den Erdgeist gerichteten Worten in der Szene "Wald und Höhle" also charakterisiert:

"Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alle,
Worum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
Vergönnest mir in ihre tiefe Brust
Wie in den Busen eines Freunds zu schauen.
Du führst die Reihe der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen...,"

jenes Eindringen ins Innere der Natur, das er im zweiten Teil der Dichtung dann noch vertieft bis zum Vorstoß ins Reich der "Mütter", durch welchen er in einer Welt, die für Mephisto ein "Nichts" ist, das "All" findet und durch den er sich in entscheidender Weise der Macht Mephistos über ihn entwindet. Wodurch aber werden ihm alle diese Errungenschaften möglich?: Dadurch, daß in seiner Lebensmitte, da er eben im Begriff war, aus Verzweiflung über das "Nichtwissenkönnen" den Giftbecher an die Lippe zu setzen, in der Osternacht die Botschaft von der Überwindung des Todes an sein Ohr und und in sein Herz drang:

(S176)

"Christ ist erstanden!
Freude den Sterblichen,
Den die verderblichen,
Schleichenden, erblichen
Mängel umwanden.
Christ ist erstanden
Aus der Verwesung Schoß:
Reißet von Banden
Freudig euch los!
---
Euch ist der Meister nah,
Euch ist er da!"

   Denn wenn auch Faust sich glaubte gestehen zu müssen, daß er wohl die Botschaft höre, aber der Glaube ihm fehle, so verband sich in diesem Augenblicke doch die todüberwindende Kraft mit seinem Wesen, die auf Golgatha in die Menschheit eingezogen war. Bezeichnend ist auch, daß Goethe sowohl dieses Ostererlebnis Fausts wie auch die Errettung von dessen Seele erst in der zweiten Hälfte seines Lebens der Dichtung einfügte bzw. dichterisch ausführte, als er diese in gewisser Weise zum zweitenmal konzipierte, aber jetzt in ihrer ganzen Bedeutung als das Weltgedicht, das die Auseinandersetzung des modernen Menschen mit dem Bösen in der spezifischen Gestalt zum Thema haben sollte, in der dieser sich ihm gegenübergestellt sieht. Mit dieser Wendung zur "Himmelfahrt" Fausts brachte Goethe seinen Glauben, seine Überzeugung zum Ausdruck, daß die moderne Menschheit auf dem Wege, den sie eingeschlagen und auf dem sie zunächst den Sturz in den ahrimanischen Sündenfall erlitten hat, nicht zum Scheitern und zum Untergang verurteilt, sondern sich von diesem Sturz zu erheben imstande sei.   Um die Mitte des 19. Jahrhunderts versank allerdings die abendländische Menschheit zunächst noch tiefer in den Abgrund, in den sie durch diesen Fall gestürzt war. Es kam die Zeit der Hochblüte des Weltanschauungsmaterialismus und des Wissenschaftsaberglaubens, der damals insbesondere von Westeuropa (England, Frankreich) aus sich über die Welt ausbreitete (Siehe F.A.Hayek: Mißbrauch und Verfall der Vernunft, Frankfurt 1959). In Mitteleuropa wurden unter der Flut dieses Materialismus die geistigen Errungenschaften Goethes und Schillers und ihrer Gesinnungsgenossen begraben. Wenn in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die ethisch-moralischen Auswirkungen dieses Falles durch Nietzsche ihre radikalste Formulierung erfuhren, so ist hier nur nochmals darauf hinzuweisen, daß durch die naturwissenschaftlich-materialistische Denkweise, ja durch die moderne wissenschaftliche Denkweise überhaupt bedingt waren, deren menschlich-sittliche Konsequenzen eben von Nietzsche durch seinen Drang zu geistiger "Redlichkeit" in (S177) unvergleichlicher Klarheit und Entschiedenheit erlebt wurden. Zwar hat Nietzsches Philosophie wegen der unzulänglichen Therapie, die sie in der Krise des moralischen Nihilismus mit ihren vagen Ideen vom "Übermenschen", vom "Großen  Mittag", von der "Ewigen Wiederkehr des Gleichen" usw. zu bringen versuchte - einer Therapie, die in Wahrheit Nietzsches persönliche und in unserem Jahrhundert die Katastrophe der europäischen Zivilisation mit heraufbeschwor -, heute ihre einstmalige Hochschätzung fast völlig eingebüßt. Doch darf demgegenüber auf die Berechtigung von Sätzen hingewiesen werden, wie sie Karl Schlechta, dem wir die Reinigung von Nietzschebildes von den Verfälschungen seiner Schwester verdanken, in seiner Schrift "Der Fall Nietzsche" (München 1958) niedergeschrieben hat: daß nämlich "heute in nurmehr schattenhafter Weise lebendig ist, was sich für Nietzsche aus seiner geistigen Grundsituation als verzweifelte Folgerungen ergeben hatte... Kennte man die Voraussetzungen, dann müßte man auch wissen, daß sie - diese Voraussetzungen - praktisch nach wie vor die unsrigen sind; dann wäre Nietzsche auch mit einem Schlage wieder aktuell. Aber das ist ein beinahe müßiger Wunsch, denn es gehört zum Wesen dieser Gegenwart, daß sie ihre Voraussetzungen gar nicht kennen will, weil sie an ihre Grundlagen rühren, wei sie dieselben in Frage stellen müßte; weil sie erkennen müßte, daß Nietzsche eine zwar glänzende Diagnose, aber keine Therapie zu bieten hat. Da ist es schon billiger und darum bequemer, das Unangenehme, weil Aktuelle der Diagnose zu übersehen und sich an pseudo-therapeutischen Ideologien zu erheben. Noch bequemer ist es natürlich, aus der Blamage der Notauskünfte auf die Unzulänglichkeit, wenn nicht Irrelevanz der Diagnose zu schließen: an diesem Punkt sind wir heute" (S76f).

   Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatte allerdings bereits Rudolf Steiner die entscheidende Tat vollbracht, durch welche der Weg eröffnet wurde, auf dem der ahrimanische Sündenfall völlig überwunden werden kann. Es geschah dies in einem geistigen Ringen, durch welches die Errungenschaften Goethes und Schillers von der vergangenen Jahrhundertwende wieder aufgegriffen und, zur Einheit miteinander verschmolzen, weitergeführt wurden (Siehe H.E.Lauer: Die deutsche Klassik. Urbild und Erdengestalt, Basel 1944). In der von ihm entwickelten Erkenntnistheorie hatte er rein im Denken als solchen den intellektuellen Sündenfall überwunden, indem er es in der Selbsterfassung desselben (welche die Voraussetzung für die Beantwortung der erkenntnistheoretischen Grundfrage nach dem Wesen des Erkennens bildet) zu einem neuen Leben auferweckte. Diese Erkenntnislehre stellte er aber literarisch zuerst dar im Anschluß an Goethes Naturwissenschaft als "Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" (1886) und in anderen auf Goethes Naturforschung bezüglichen Schriften, wie zum (S178) Beispiel "Goethes Weltanschauung" (1898). auf der andern Seite zeigte er in seiner "Philosophie der Freiheit" (1894), wie erst durch solche Selbsterfassung des Denkens für das sittliche Handeln jene Freiheit errungen wird, die Schiller in seinen kunstphilosophischen Schriften zunächst für das ästhetische Erleben als einen Zustand neutralisierender Mitte zwischen dem Bestimmtsein durch den Formtrieb und demjenigen durch den Stofftrieb geltend gemacht hatte. Das auf diesem Wege errungene geistige Erleben charakterisierte Steiner in der Folge als in der Mitte stehend zwischen Naturforschung und Mystik, - der ersteren verwandt durch das Weben im Elemente des Denkens, in klaren Begriffen, dem letzteren durch die Geburt eines höheren, geistigen Menschen im Menschen, aber zugleich die Abirrungen beider vermeidend: die ahrimanische der ersteren in bloße Materie-Erfassung, die luziferische der letzteren in bloße Gefühlsschwärmerei. Aus dem also gearteten geistigen Erleben erwuchs, was Steiner seit dem Beginn unseres Jahrhunderts als anthroposophische Geisteswissenschaft vertrat und entwickelte. Und diese gestaltete sich, wie an früherer Stelle schon bemerkt, zugleich zu einer Christosophie, in der das zu einer reichen Blüte sich entfaltete, was als Keim einer solchen durch Paulus gelegt worden war. Im Zusammenhang mit dieser Christosophie wurde aber zum erstenmal das Geheimnis der kosmischen Mächte des Bösen und ihrer gegensätzlichen Zweiheit als luziferischer und ahrimanischer enthüllt, die wir in ihrer Bedeutung für das geschichtliche Werden in diesem Kapitel skizzenhaft geschildert haben. Damit werden wir aber schon an die moralische Problematik unseres 20. Jahrhundert herangeführt, deren genauere Darstellung den Gegenstand des folgenden Kapitels bilden soll.

 

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