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Hans Erhard Lauer

Die Forderungen des 20. Jahrhunderts an die Geschichtsforschung

Geschichte als Wissenschaft von der Zukunft

Studienmaterial zur Geschichte, Verlag Die Kommenden Freiburg 1966


Vorbemerkung

Die nachstehenden Darstellungen wurden vom Verfasser im Rahmen eines von ihm geleiteten Wochenendseminars über Geschichte vorgetragen, das vom Mitteleuropäischen Studienwerk in Freiburg i.Br. am 15./16. Januar 1966 veranstaltet wurde. Zwischen den drei Vorträgen fanden ausführliche Aussprachen über das in ihnen Vorgetragene statt. Die Vorträge, auf Tonband aufgenommen, wurden in dieser Wiedergabe im wesentlichen so belassen, wie sie, in freier Rede, gehalten wurden.

Die mit diesem Seminar begonnene Arbeit soll in weiteren Wochenendveranstaltungen im selben Rahmen fortgesetzt werden.

Dr. Hans Erhard Lauer


Erster Vortrag

Geschichtsforschung und Geschichtsphilosophie der Gegenwart


   Wir wollen in diesem Seminar einige Arbeitsaufgaben ins Auge fassen, welche die Probleme der Geschichte, der Geschichtsauffassung, der Geschichtsforschung betreffen, Aufgaben, wie sie sich für die Gegenwart und für die Zukunft stellen. Bevor wir aber an das Thema im engeren Sinne herangehen, scheint es mir unerläßlich, daß wir uns die Situation vergegenwärtigen, die in Bezug auf des Verhältnis des heutigen Menschen zur Geschichte überhaupt besteht. Diese Situation ist nämlich eine solche, wie sie bisher in geschichtlichen Zeiten noch niemals da war. Man kann sie in einer vielleicht etwas krassen Formulierung dahin kennzeichnen, daß es für den heutigen Menschen gar nicht mehr um die Frage geht, wie er sich zur Geschichte stellen, wie er sich mit der Geschichte auseinandersetzen soll, sondern um die Frage, ob er das überhaupt tun soll, ob es führ ihn überhaupt noch einen Sinn hat, sich mit der Geschichte zu beschäftigen, und ob es nicht wichtiger wäre, die ganze Geschichte auf sich beruhen zu lassen. Diese Situation hat sich dadurch ergeben, daß das Leben der Menschheit in unserem Jahrhundert eine solche Form angenommen hat, daß für die Erfüllung der Aufgaben, die aus dieser Form heraus sich stellen, der Mensch aus dem Studium der Geschichte in dem Sinne, in dem man dieses Wort bisher verstanden hat, gar nichts gewinnen kann. Diese Situation kann auch in der Weise charakterisiert werden, daß die Menschheit heute in einer Zeit lebt, die nicht mehr aufgefaßt werden kann als die Fortsetzung oder vielleicht auch als das Ende einer Vergangenheit, sondern so, daß man sagen muß, der heutige Mensch steht bereits jenseits der Grenze dessen, was wir als Geschichte im bisherigen Sinne bezeichnen. Daß wir uns jedenfalls in unserem Jahrhundert S2 an einem Wendepunkt der Menschheitsentwicklung befinden, wie es ihn in geschichtlichen Zeiten niemals gegeben hat, an einem Wendepunkt, der nur jenem verglichen werden kann, an dem die Menschheit aus einer vorgeschichtlichen Phase ihres Werdens überhaupt erst in die Geschichte eingetreten ist, dafür kann man sehr viele Symptome anführen. Im Jahre 1946, nach dem Ende des zweiten Weltkrieges, hat der bekannte, vor einigen Jahren verstorbene deutsche Soziologe Alfred Weber ein Buch geschrieben "Abschied von der bisherigen Geschichte", in welchem er breit und ausführlich den Gedanken ausgeführt hat, daß wir am Ende dessen angelangt sind, was man im bisherigen Sinne des Wortes als Geschichte bezeichnet, und daß wir eben Abschied zu nehmen haben von der Geschichte. Dieser Gedanke hat ihn seit der damaligen Zeit nicht mehr losgelassen, und er hat dann diesem Gedanken in seinem allerletzten Werk, das er kurz vor seinem Tode veröffentlichte, noch einmal eine Schrift gewidmet unter dem Titel: "Der dritte oder der vierte Mensch". Er unterscheidet in dieser Schrift zunächst drei Menschentypen, die nacheinander die Erde bevölkert haben. Als den ersten faßt er den Urmenschen auf, von dem wir eigentlich gar nichts mehr wissen, von dessen Dasein wir nur Kenntnis haben durch Knochenreste, durch Skelettfunde, die von ihm übrig geblieben sind; als den zweiten Menschentyp unterscheidet er dann den vorgeschichtlichen Menschen, von dem wir heute ja schon viel mehr wissen; als den dritten Menschentypus den geschichtlichen Menschen, der etwa seit dem Jahre 3000 v.C. aufzutreten begonnen hat, und er meint nun eben, in unserem Jahrhundert erleben wir das Heraufkommen eines vierten Menschentypus, den man eben nicht mehr als einen geschichtlichen bezeichnen kann und für den wir zunächst noch gar keinen Namen haben, den man nur den "vierten Menschen" nennen kann. Ein Hauptcharakteristikum dieses neuen Menschentypus, der in unserem Jahrhundert heraufkommt, besteht eben darin, daß alle geschichtlichen Traditionen für ihn abgerissen sind, daß er eigentlich kein Interesse mehr hat an dem, was das Wesen gerade des geschichtlichen Menschen ausmacht: sein Verbundensein mit der geschichtlichen Überlieferung. Er weist darauf, wie sich dieser heutige Mensch auch dadurch kennzeichnet, daß er in der S3 Kunst sehr stark anknüpft an die Primitiven, das sind ja diejenigen Teile der Menschheit, die überhaupt noch nicht in die Geschichte eingetreten, sondern auf der vorgeschichtlichen Daseinsstufe stehengeblieben waren. Sie wissen, wie große Anregungen gerade die Kunst des 20. Jahrhunderts aus der Kunst der Primitiven gewonnen hat, wie aber überhaupt Erzeugnisse der Primitiven in unserem heutigen Leben sich immer mehr durchsetzen, wie zum Beispiel die ungeheuere Ausbreitung, die der Jazz in der europäischen Kultur erlangt hat. An einer Stelle seines Buches, an der er gerade die Verhältnisse in der Kunst ins Auge faßt, schreibt er das folgende, was ich auch in meinem eigenen Geschichtswerk (Hans Erhard Lauer: Geschichte als Stufengang der Menschwerdung, Bd.I-III)Stufengang der Menschwerden, Bd.I-III) an einer Stelle zitiert habe. Er sagt da: "Ich sehe in der unzweifelhaft verworrenen und umwälzenden Kunstphänomenologie der Gegenwart ein Symptom, ein sehr eindringliches, weil in künstlerischer Konzentration optisch sichtbares Symptom einer allgemein historisch-soziologischen Situation. Es erscheint mir vor allem in den letzten Jahren schon ins allgemeine Bewußtsein übergegangen und allgemein anerkannt zu sein, daß diese Situation die eines Umbruchs, einer Krisen- und Übergangszeit von einer Tiefe darstellt, derart, daß sie ein Ende einer jahrtausendelangen Art, genauer der von 3500 vC dauernden Art der geschichtlichen Bewegung und der menschlichen Lage in ihr widerspiegelt. Wir haben Abschied zu nehmen von der bisherigen Geschichte, und wir haben allem, was uns umgibt, zu begegnen mit der Frage: Was bedeutet es als Symptom dieses Abschieds?... Wir haben seit 1914 mit explosiver Gewalt die äußerlichen und innerlichen Umwälzungen und geschichtlichen Abschlußerscheinungen tellurischer Art erlebt, in deren Abrollen wir noch mitten drinnenstehen. Im Kalten Krieg, der die gesamte Erde umfaßt und der uns umgibt, handelt es sich nicht nur um die äußere, sondern ganz ebenso um die geistige Existenz und die künftige Art des Menschen. Das fühlt heute jeder. Einige prophetische Geister haben S4 diese umwandelnde Katastrophe schon längere Zeit vorausgesagt, während ihr Publikum über diese Voraussagen im ganzen hinweggegangen ist. Aber wie Seismographen haben die bildenden Künstler bereits seit 1890 das Kommende und seine Wendebedeutung antizipiert. Mit und nach Cézanne verlassen die Maler das alte perspektivisch geordnete Daseinsbild. Sie verwerfen damit das durch die Jahrhunderte, ja, allgemein gesehen, durch die Jahrtausende sorgfältig entwickelte Ausdrucksmittel der räumlich geordneten menschlichen Daseinssicht und suchen bewußt nach neuen Ausdrucksmitteln. Was nichts anderes heißt, als daß sie eine andere, neue Weltsicht haben und sie zu vermitteln suchen. Wenn sie dabei vielfach anscheinend an die Primitiven anknüpfen, so heißt das eben, daß sie sich nicht mehr als die Fortsetzer der bisherigen Geschichte fühlen. Dem geht parallel die ganz bewußte Revolutionierung der Architektur, die nach den tastenden Versuchen des sogenannten Jugendstils etwa 1910 einsetzt. Sie heißt Abschüttelung der gesamten jahrtausendealten Formensprache, die ihre Wurzeln für die westliche Hemisphäre bekanntlich im alten Ägypten hat und ergänzt, erweitert und umgeformt in den Grundelementen seitdem bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts beibehalten worden ist. Man schüttelte diese Formensprache als leer und verlogen gewordenen Formelkram ab. Ich hebe hervor: Es war das eine seelische Reinigungs-, Befreiungs- und Vertiefungstat... Es war vor allem ein seelischer Akt. Und es war und wirkte wie ein Signal, daß etwas lange Dauerndes, Altes zu Ende sei und etwas ganz weitgehend Neues unternommen werden müsse als Ausdruck einer neuen inneren und äußeren Situation".


   Zu dieser Situation gehört ja auch die Tatsache, daß in unserem Jahrhundert die Primitiven die zu ihrem allergrößten Teil bisher auf einer vorgeschichtlichen, einer steinzeitlichen Entwicklungsstufe stehengeblieben war, nun plötzlich ruckartig in die Geschichte eingetreten ist, daß außerdem auch der "Ferne Osten", der zwar eine zeitlang eine geschichtliche Entwicklung S5 durchgemacht hatte, aber seit fast 2000 Jahren in einen Zustand geschichtlicher Stagnation, in eine Art geschichtlichen Schlafzustand verfallen war, in unserem Jahrhundert wieder aus diesem Schlafzustand aufgewacht ist und ebenfalls wiederum in die Geschichte eintritt. Dieser "Ferne Osten" charakterisiert sich ja auch dadurch, daß er ein Geschichtsbewußtsein nicht entwickelt hat. Und wenn Sie nun bedenken, daß dieser "Ferne Osten" zusammen mit Afrika ja weit mehr als die Hälfte der menschlichen Bevölkerung ausmacht, daß also diese Massen von Bevölkerung jetzt in die Geschichte eintreten, so werden Sie ja schon daraus ersehen, daß das, was künftig Menschheitsentwicklung sein wird, einen völlig anderen Charakter haben wird als das, was in den letzten 4 bis 5000 Jahren sich als Geschichte entwickelt hatte.


   Daß die Gegenwart nicht mehr als Fortsetzung eines Vergangenen angesehen werden kann, sondern nur als der Anfang eines Zukünftigen, das hat ja auch ein bekannter Schriftsteller in einem berühmten Buche in der Titelgebung zum Ausdruck gebracht, ich meine Robert Jungks Buch "Die Zukunft hat schon begonnen". Mit diesem Titel hat ja Robert Jungk auch die Empfindung zum Ausdruck gebracht: das, was in unserem Jahrhundert geschieht, kann nicht im Zusammenhang betrachtet werden mit dem, was vorangegangen ist, sondern eigentlich nur im Zusammenhang mit dem, was kommen wird. Es ist der erste Anfang einer Zukunft, einer künftigen Epoche der Menschheitsentwicklung und kann nur im Zusammenhang mit dieser Zukunftsepoche verstanden werden. Aus diesem Gedanken hat ja Jungk auch die folgerichtige Konsequenz gezogen, indem er nämlich in den letzten Jahren bekanntlich eine Wissenschaft von der Zukunft zu entwickeln versucht hat, eine Futurologie, ja auch ein eigenes futurologisches Forschungsinstitut in Wien gegründet hat. Es kommt nun nicht darauf an, ob das zureichend oder unzureichend ist, was er da macht - aber der Grundgedanke ist durchaus richtig. Jungk ist der Meinung, an die Stelle, die bisher die Geschichte S6 eingenommen hat im geistigen Leben der Menschheit, muß in der Zukunft die Futurologie treten, nämlich nicht mehr die Wissenschaft von der Vergangenheit, sondern wir brauchen eine Wissenschaft von der Zukunft, um unser Leben gestalten zu können.


   Andere Menschen empfinden wiederum in etwas anderer Art das Eigentümliche der Gegenwart, nämlich so, daß wir in unserem 20. Jahrhundert in jene Zeit eingetreten sind, die der Apokalyptiker Johannes in der letzten Schrift des Neuen Testaments geschildert hat, daß wir eingetreten sind in ein apokalyptisches Zeitalter, also auch aus der Geschichte herausgekommen sind in die Endphase der Menschheitsentwicklung. Diesen Gedanken finden sie vielfach variiert ausgesprochen in Günther Anders in seinen verschiedenen Schriften. Sie finden ihn auch etwa in dem Buche von Bernhard Philbert dargelegt "Christliche Prophetie und Nuklearenergie", das in den letzten Jahren in Deutschland erschienen ist, schon eine ganze Reihe von Auflagen erlebt hat und besonders auf die Jugend einen großen Eindruck gemacht hat. Es ist das Buch eines Kernphysikers, der darin den Versuch unternimmt, in allen Einzelheiten zu zeigen, wie die prophetischen Gesichte der Apokalypse des Johannes in dem gegenwärtigen Nuklearzeitalter sich erfüllt haben. Er bringt also in vielen Einzelheiten die Darstellungen der Apokalypse in Verbindung mit dem, was in unserem Jahrhundert geschehen ist und geschieht. Er nennt in diesem Buch nicht umsonst unser Zeitalter das der Nuklearenergie, denn gerade die Atomtechnik und vor allem die Erfindung der Atombombe ist ja das hervorstechendste Kennzeichen dafür, daß wir in diese Endzeit eingetreten sind. Durch die Erfindung der Atombombe hat ja die Menschheit in unserem Zeitalter nicht nur zum ersten Mal die technische Möglichkeit errungen, ihrem Dasein tatsächlich ein Ende zu machen, sondern die Gefahr, daß dieses Ende über kurz oder lang eintreten wird, ist heute eine so große geworden, daß viele Menschen der Meinung sind, die S7 Menschheit werde auf die Dauer dieser Gefahr gar nicht mehr entrinnen können, also das Ende ist bereits unabwendbar. Und es darf in diesem Zusammenhang auch darauf hingewiesen werden, daß bereits vor der Konstruktion der Atombombe im Jahre 1930 Spengler, der berühmte Prophet des Unterganges des Abendlandes, in seinem letzten Buch "Der Mensch und die Technik" den Untergang der Menschheit überhaupt vorausgesagt hat auf dem Wege ihrer Selbstvernichtung mit den Mitteln der Technik. Also bereits bevor die Atombombe konstruiert worden war, hatte Spengler die Empfindung, daß die Menschheit durch die moderne technische Entwicklung derartige Zerstörungskräfte entfesselt habe, daß sie auf die Dauer dieser Kräfte immer weniger wird Herr bleiben können und daß einfach mit unentrinnbarer Notwendigkeit diese technische Entwicklung zur Selbstvernichtung der Menschheit führt. Und wenn man bedenkt, daß wenige Jahre nach Erscheinen seiner Schriften die Atombombe erfunden worden ist und die Atomrüstung ihren Anfang genommen hat, durch die ja heute schon in den Arsenalen der verschiedenen Mächte ein Vielfaches dessen an Vernichtungswaffen aufgehäuft ist, was genügen würde, die ganze Menschheit auszurotten, dann kann man ja durchaus den Eindruck haben, daß die Selbstvernichtung der Menschheit viel rascher eintreten wird, als selbst Spengler hat denken können. Nun, mit dieser Atomrüstung steht in unmittelbarem Zusammenhang das andere, was unserem Jahrhundert vielleicht am meisten die Signatur gibt, die Kosmonautik, mit der ja auch etwas absolut Neues in die Menschheit eingetreten ist. In unserem 20. Jahrhundert hat es die Menschheit dahin gebracht, Körper in den Weltraum hinauszuschießen, die nun wie kleine Planeten die Erde umkreisen, wenn natürlich auch in kosmischen Maßstäben gesehen in allerdichtester Nähe der Erde, aber immerhin, die nun die Erde umkreisen, ja, man ist ja bereits dahin gekommen, auch Menschen in den Weltraum hinauszuschiessen, die die Erde mit diesen Satelliten umkreisen, die nun sogar im Weltraum aussteigen in einem Raum, in dem die Schwerkraft nicht mehr in der Weise wirkt wie hier auf der S8 Erde, ja, man hat ja bereits in unserem Jahrhundert mit Geschossen den Mond erreicht. Mit dieser Kosmonautik ist ja nun ganz unmittelbar verknüpft - Sie brauchen nur die Schriften der Menschheit zu lesen, die daran beteiligt sind, eines Sänger in Deutschland, eines Wernher von Braun in Amerika - der Gedanke einer Auswanderung der Menschheit auf den Mond, auf die Planeten, eine Auswanderung, die auch notwendig sei, weil nämlich von Seiten dieser Kosmonauten die Erde bereits abgeschrieben wird. Sie ist ja durch die ganze Atomtechnik in einen Zustand der Zerstörung übergegangen, der auch die allmähliche Zerstörung der Menschheit mit sich bringen wird. Man ist da der Meinung, daß die Menschheit durch die Auswirkungen der Atomrüstung in ihrer Erbmasse bereits so geschädigt ist, daß diese Schädigung nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Man faßt da also ins Auge, in allem Ernste eine neue Menschenart zu züchten, den 'Übermenschen'. Dieses Übermenschen-Ideal, das im 19. Jahrhundert nur die Idee Nietzsches war, ist ja heute ein Ideal einer breiten wissenschaftlichen Forschungsrichtung geworden. Sie kennen ja wohl alle das bekannte Buch "Die Menschenmacher". Es ist das Ideal der heutigen Genetiker, auf diese Weise einen künstlichen Übermenschen zu züchten, der dann die Möglichkeit haben wird, wenn die Erde immer mehr ihrem Verfall entgegengeht, auf anderen Planeten sein Dasein fortzusetzen. So hat man heute durchaus die Meinung, daß das, was früher die Menschheit in bildlicher, imaginativer Art sich vorgestellt hat, - das Ende der Geschichte, das Weltgericht und daß die Seelen im Himmel weiterleben, - diese Vision heute die Technik verwirklicht. Nach dem Weltgericht, nach der allgemeinen Vernichtung der Erde werden die, die das überstehen, dann im Himmel, auf anderen Planeten, im Außerirdischen weiterleben in einem übermenschlichen Dasein. Das sind also die Perspektiven, von denen aus man heute die Gegenwart betrachtet.

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   Aber wir brauchen gar nicht auf solche Anschauungen zu reflektieren, wir können uns mehr an die faktischen Tatsachen halten, an die, in denen wir heute drinnenstehen. Und da ist als die wichtigste diese zu nennen, daß die Menschheit durch die Entwicklung der Technik und der Wirtschaft heute bekanntlich über die ganze Erde hin in allen ihren Teilen zu einer einzigen Lebensgemeinschaft zusammengeschmolzen worden ist und daß schon dadurch die Geschichte unseres Jahrhunderts etwas völlig anderes werden wird, als was sie bisher war. Bisher war die Geschichte identisch mit der Geschichte einzelner Völker, einzelner Kontinente. Das aber hat sie aufgehört zu sein, in unserem Jahrhundert beginnt die einheitliche Geschichte der Gesamtmenschheit. Man könnte daher auch umgekehrt sagen - es kommt ja nicht auf Bezeichnungen an - die Menschheit hatte bisher nur im Präludium ihrer eigentlichen Geschichte gelebt. Heute, im 20. Jahrhundert, stehen wir am Anfang der Menschheitsgeschichte. Man wird nicht mehr von unserem Jahrhundert von einer deutschen, einer französischen oder einer englischen Geschichte sprechen können. Wir erleben es ja von Tag zu Tag, wir brauche nur am Morgen oder Abend die Nachrichten zu hören, da greift alles auf dem ganzen Erdplaneten unmittelbar ineinander. Jedes einzelne Ereignis zieht die ganze Menschheit in Mitleidenschaft, es ist also die einheitliche Geschichte der Menschheit, die da begonnen hat. Aber diese Menschheit setzt sich nun zusammen aus Teilen, die heute gerade im Begriffe sind, ein allererstes Mal aus vorgeschichtlichen Zuständen in eine geschichtliche Daseinsform einzutreten, aus einem Teil, der eben noch auf frühgeschichtlichen Stufen stand,und dann aus einem anderen Teil, der schon durch die Geschichte gegangen ist. Alle diese Zivilisationen sind ja in der Zukunft darauf angewiesen, miteinander zu leben. Nun kommt als weiteres hinzu, daß diese Gesamtmenschheit im Zustand einer explosiven Vermehrung begriffen ist. Man rechnet ganz fest damit, daß bereits am Ende unseres Jahrhunderts die Menschheit etwa 5 Milliarden Seelen umfassen wird und die Bevölkerungszahl sich in den nächsten Jahrhunderten so steigern S10 wird, daß es alles übertrifft, was jemals in der Vergangenheit dagewesen ist. Daraus entsteht nun als die eigentliche Hauptaufgabe: wie kann diese so vermehrte Weltbevölkerung ernährt werden? Das wird nur dadurch möglich sein, daß erstens der ungeheure Raubbau, den die heutige Zivilisation an der Erdennatur noch treibt, aufhört, daß ihm Einhalt geboten wird, sonst kann die Erde unmöglich dieses so gewachsene Weltbevölkerung noch ernähren. Zweitens daß die gesamte Weltwirtschaft vollkommen umgestaltet wird im Laufe der nächsten hundert Jahre, denn es ist natürlich ein unhaltbarer Zustand, daß ein Drittel der Menschheit im Überfluß lebt, während zwei Drittel hungern. Das kann auf die Dauer nicht so bleiben und da entstehen die allergewaltigsten Aufgaben, die nun die nächste Zukunft mit sich bringt. Um noch irgend etwas anderes zu nennen: Durch die moderne Nachrichtentechnik - Radio - Television - ist eine so ungeheure Revolution in unserem geistigen Leben hervorgebracht worden, die man heute ja noch gar nicht abschätzen kann, weil wir noch mitten drinnenstehen in dieser Revolution. Denken Sie, wie heute durch Radio und Television der Mensch jeden Tag, durch das, was da von den verschiedensten Seiten her geboten wird, derart überschüttet wird mit allen möglichen geistigen Inhalten, daß tatsächlich ein vollkommener Ausverkauf der ganzen menschlichen Geisteskultur stattfindet. Und dieses bringt eine Umwälzung des ganzen geistigen Lebens mit sich, die sich erst in den nächsten Jahrzehnten völlig auswirken wird. Man könnte noch vielerlei anführen; Denken Sie an unser heutiges Verkehrswesen. Ich habe gerade gestern gelesen, daß heute allein von den Volkswagenwerken alle 7 Sekunden ein Auto fabriziert wird, und wenn das so weitergeht, wird bald kein Platz mehr auf der Erde sein, alle diese Autos unterzubringen. Es bedarf also einer vollkommenen Umgestaltung unserer Städte, unserer ganzen Landschaft. Vieles andere könnte noch angeführt werden, aber ich wollte nur darauf hinweisen, daß eine ungeheure Summe von dringenden Aufgaben völlig neuer Art in unserem Jahrhundert entstanden sind, zu deren Lösung man aus der Geschichte gar nichts lernen kann, weil S11 diese Aufgaben niemals früher da waren. Un so kann man es begreifen, wenn Menschen der Meinung sind, wozu sollen wir uns noch mit der Vergangenheit beschäftigen? Viel, viel wichtiger ist, eine Wissenschaft der Zukunft zu entwickeln, eine Wissenschaft des Planens, denn ohne diese werden wir in der Zukunft gar nicht mehr auskommen.


   Ich möchte über diese Dinge zunächst nicht weitersprechen. Ich wollte sie nur am Anfang einmal hinstellen, um den Hintergrund anzudeuten, vor dem sich nun das alles abspielt und abzuspielen hat, was heutige Beschäftigung des Menschen mit der Geschichte noch ist und was ja auch hier von uns besprochen werden soll. Denn dieser Zeithintergrund muß ja natürlich allem, was die Fragen der Geschichte sind, sein Gepräge aufdrücken, der muß allem durch und durch seine Tingierung geben. Und, wenn wir nun uns auf die Probleme selbst einlassen, so wie sie sich dem heutigen Menschen stellen, werden wir auch gleich sehen, daß tatsächlich die ganze heutige Geschichtsproblematik bestimmt ist durch den Hintergrund, auf dem sie sich abspielt.


   Werfen wir einmal einen Blick auf die Art, wie Geschichtsbetrachtung und Geschichtsforschung in jüngster Vergangenheit betrieben worden ist, so zeigt sich ja, daß auch diese Art verhältnismäßig noch ganz jungen Datums ist,nicht älter als etwa 200 Jahre. Ich meine mit dieser Art dieses, daß in völlig gleichmäßiger Weise alle Epochen und alle Schauplätze der Geschichte durchforscht werden. Dieser universal-geschichtliche Zug der Geschichtsforschung hat sich ja erst seit 200 Jahren herausgebildet, denn seit dem 18. Jahrhundert sind Persönlichkeiten wie Vico in Italien, Voltaire in Frankreich, Herder in Deutschland, im wesentlichen die Väter jener Art der Geschichtsbetrachtung geworden, die seither sich eingebürgert hat. Diese Menschen waren es, die die ersten Entwürfe einer Universal-Geschichte geschrieben haben, Vico, Voltaire und Herder, um nur die wichtigsten zu nennen. Und wenn wir dann in das 19. Jahrhundert hereinkommen, dann kommen S12 wir in das klassische Zeitalter der Geschichtsforschung und der Geschichtsschreibung hinein. Das ist eigentlich das 19. Jahrhundert gewesen. Auf der einen Seite sehen wir, wie in diesem 19. Jahrhundert die universal-geschichtliche Geschichtsbetrachtung weiterentwickelt wird in den verschiedenen vielbändigen Weltgeschichten, die da erstmals geschrieben wurden von Historikern wie Schlosser, wie Rotteck, wie Ranke und manchen anderen. Und auf der anderen Seite sehen wir, wie im 19. Jahrhundert die Spezialgeschichtsforschung sich entwickelt, wie da für jede einzelne geschichtliche Epoche, für jedes einzelne geschichtliche Territorium eine spezielle Geschichtsforschung sich entwickelt, wie das nebeneinander hergeht. Wir sehen, wie auf der einen Seite die universal-geschichtliche Forschung immer weitergetrieben wird, indem da immer wieder neue Darstellungen der Universalgeschichte entstehen im 19. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert hinein, und auf der anderen Seite sehen wir, wie die Spezialisierung der geschichtlichen Forschung auch immer weiter und weiter fortschreitet während dieser Zeit. Und so sehen wir, wenn wir die großen Weltgeschichten des 20. Jahrhunderts betrachten, etwa die Helmontsche oder die Propyläen-Weltgeschichte oder die "Historia mundi" - es gibt ja noch andere -, wie die nun nicht mehr von einzelnen Menschen geschrieben werden, wie das im 19. Jahrhundert noch der Fall war, sondern von großen Teams oder Gemeinschaften von geschichtlichen Spezialforschern, von denen jeder eine bestimmte Epoche, ein bestimmtes Territorium dieser Universalgeschichte darzustellen unternimmt. So schreitet also die Spezialisierung der Geschichte immer mehr fort, aber der universal-geschichtliche Gesichtspunkt bleibt erhalten, nur daß es nicht mehr einzelne Menschen sind, die nun das Ganze umfassen können.


   Gleichzeitig geht etwas anderes vor sich im Laufe des 19. und des 20. Jahrhunderts, eine Verschiebung des Schwerpunktes, des S13 geschichtlichen Interesses. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es noch die klassische Antike, die im Vordergrund der Geschichtsschreibung stand, sagen wir, Geschichtsschreiber wie Niebuhr, Curtius, Gibbon in England, Mommsen in Deutschland haben im wesentlichen die klassische Antike beschrieben. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert, mit der Entzifferung der Keilschrift und der Hieroglyphen, treten dann die Kulturen des Vorderen Orients in den Mittelpunkt der geschichtlichen Interesses, und im 20. Jahrhundert schließlich ist es die Früh- und Vorgeschichte, die ganz eindeutig das hauptsächlichste Interesse der Historiker beansprucht. Wenn Sie die verschiedenen Weltgeschichten sich anschauen im 20. Jahrhundert, so sehen Sie, wie die Vor- und Frühgeschichte, die im 19. Jahrhundert überhaupt noch nicht berücksichtigt worden war, immer breiteren und breiteren Umfang annimmt und einen immer größeren Teil der Darstellung einnimmt. So können wir sehen, wie nun die Geschichtsforschung allmählich sich immer mehr erweitert, nur jetzt nicht nach vorwärts, sondern nach rückwärts in die Vorgeschichte hinein, so wie die Geschichte selbst in die Nachgeschichte fortschreitet. So bewegt sich auch die Geistesforschung allmählich aus dem Rahmen der geschichtlichen Phase heraus.


   Mit all dem ist natürlich auch verbunden ein Wechsel der geschichtlichen Methoden. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch die Philologie die hauptsächlichste Hilfswissenschaft der Geschichte war, namentlich die klassische Philologie, wird dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Erforschung der Keilschrift, der Hieroglyphen, anderer Schriftsysteme eine wesentliche Hilfswissenschaft der Geschichte, und im 20. Jahrhundert ist es schließlich die Wissenschaft des Spatens geworden, die Archäologie, auf die sich hauptsächlich die Vorgeschichtsforschung aufbaut. Mit all dem geht nun aber zugleich noch etwas anderes Hand in Hand, ein Wandel in der Geschichtsauffassung. Wenn wir noch einmal das 19. Jahrhundert ins Auge fassen, so könnte man zumindest für das zweite und dritte Drittel, also für die eigentlich klassische Zeit der Geschichtsforschung und S14 Geschichtsschreibung, wie ein Motto hinsetzen jenen Satz, der ja in der Tat in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts schon geschrieben worden ist, also am Beginn des zweiten Drittels, von Ranke: daß die Aufgabe der Geschichtsforschung darin bestehe, "zu erforschen, wie es eigentlich gewesen". Womit eigentlich ausgedrückt war: Die Hauptaufgabe der Geschichtsforschung besteht darin, die geschichtlichen Tatsachen zu ermitteln, die Tatsachen der Vergangenheit. Das hat Ranke in den dreißiger Jahren als das große Programm aufgestellt und die Geschichtsforschung im 19. Jahrhundert ist die Ausführung dieses Programms gewesen. Dieses Programm hat sozusagen eine negative und eine positive Seite. Die negative Seite lag darin, daß dieser Ausspruch Rankes gerichtet war gegen die Geschichtsphilosophie vom ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, besonders des deutschen Idealismus, sagen wir eines Fichte, Schelling, Hegel und mancher anderen. Denn diese Geschichtsphilosophie krankte auf der einen Seite daran, daß sie noch nicht genügend Tatsachenmaterial hatte, auf das sie gestützt werden konnte, sie bewegte sich sozusagen über die Tatsachen hinweg. Auf der anderen Seite war die Sache noch schlimmer, sie wurde zum Teil aus dem Inneren heraus konstruiert, ohne überhaupt die Tatsachen der Geschichte zu konsultieren. Wenn Sie eine solche Geschichtsphilosophie nehmen wie diejenige, dich Fichte entwickelt hat in seiner Schrift über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters, so haben Sie da eine Geschichtsphilosophie, die rein aus dem Inneren heraus konstruiert ist, ohne im geringsten auf die geschichtlichen Tatsachen Rücksicht zu nehmen. Das war also das, was Ranke ablehnte. Diese Geschichtsphilosophie, so wollte er sagen, wollen wir nicht weiter fortsetzen. Bevor wir wieder einmal anfangen, über die Geschichte zu philosophieren, wollen wir zunächst einmal ein möglichst vollständiges Tatsachenbild der Geschichte gewinnen. Aber auf der anderen Seite kam in diesem Programm Rankes auch noch etwas anderes zum Ausdruck: daß nämlich nun auch auf dem Gebiete der Geschichtsforschung herrschend wurde der S15 Geist, der ausgeht von der beherrschenden Geistesmacht der neueren Zeit überhaupt, von der modernen Naturwissenschaft. Diese Naturwissenschaft ist ja die geistige Großmacht der neueren Zeit geworden, und der Ausspruch Rankes bedeutet den Einbruch des Geistes der Naturwissenschaft auch in das Gebiet der Geschichtsforschung. Denn diese moderne Naturwissenschaft bezeichnet sich ja bekanntlich als empirische, auf die Erfahrung, Sinneserfahrung begründete. Sie ist durchdrungen vom Geiste des Empirismus, also der Tatsachenforschung, und es hat ja auch diese moderne Naturwissenschaft uns eine Unmenge von Tatsachen der Natur kennengelehrt, die der Menschheit früher völlig unbekannt waren. Und indem nun dieser Geist der Naturwissenschaft in die Geschichte einbricht, wird es auch zum maßgebenden Ideal der Geschichte, Tatsachen der Geschichte zu erforschen.


   Nun muß man allerdings sagen, daß zwischen Natur und Geschichte ein radikaler Unterschied besteht. Aber der Einfluß der Naturwissenschaft auf die Geschichte war ein so großer im 19. Jahrhundert, daß man sich gegen diesen Unterschied weitgehend blind machte, oder daß man ihn einfach nicht empfunden hat unter der Suggestion des naturwissenschaftlichen Geistes. Worin besteht denn dieser Unterschied? Er besteht zunächst darin, daß ja die Geschichte uns für die Sinneserfahrung überhaupt nicht gegeben ist. Denn ein Grundmerkmal aller Sinneserfahrung ist dieses, daß sie in der jeweiligen Gegenwart gemacht werden muß. Nur das, was gegenwärtig ist, können wir wahrnehmen. Das Zukünftige können wir nicht wahrnehmen, es ist noch nicht, das Vergangene können wir auch nicht wahrnehmen, weil es nicht mehr ist, wahrgenommen werden kann nur das, was gegenwärtig ist. Und so kann die ganze Geschichte ja überhaupt nicht sinnlich wahrgenommen werden. Diesen radikalen Unterschied zwischen Geschichte und Natur hat man im 19. Jahrhundert völlig übersehen. Man hat sich da nämlich S16 das folgende gesagt: Auch in der Natur ist ja nicht alles unseren Sinnen zugänglich. Und die Größe und der besondere Charakter der modernen Naturwissenschaft, durch den sie sich von der Naturwissenschaft älterer Zeiten unterscheidet, liegt gerade darin, daß sie die Tatsachen erforscht hat, die unseren Sinnen unmittelbar gar nicht zugänglich sind, die nämlich erst zugänglich werden, indem wir ein Mikroskop bauen auf der einen Seite und indem wir ein Teleskop bauen auf der anderen Seite. Durch das Mikroskop dringen wir in die Welt des Kleinsten, das unseren Sinnen unzugänglich ist, durch das Teleskop in die Welt des Größten, die auch unseren Sinnen nicht zugänglich ist. Hinzu kommt als Drittes die Kunst des Experimentes, die ja für die neuere Naturwissenschaft charakteristisch ist, die frühere Zeiten auch nicht gekannt haben. Durch das Experiment zwingen wir die Natur, Tatsachen preiszugeben, die ohne das Experiment niemals an den Tag kämen. Und gerade diese drei Dinge kennzeichnen ja die moderne Naturwissenschaft. Und so sagte man, etwas ähnliches habe man durchaus in der Geschichte! Gewiß, unser sinnliches Auge reicht nicht in die Vergangenheit zurück. Aber wir haben etwas, wodurch wir die Vergangenheit so mittelbar wahrnehmen können, wie der Naturforscher mittelbar durch das Mikroskop das Kleinste wahrnimmt, das sind nämlich die geschichtlichen Dokumente, die sogenannten geschichtlichen Quellen. Diese liegen uns ja in der Gegenwart vor, die können wir unmittelbar studieren und durch die Quellen, durch die Dokumente hindurch dringen wir zu den Tatsachen der Vergangenheit vor. Und so meinte man, genau wie der moderne Naturwissenschaftler es zu tun hat mit der Kunst des Experimentierens, mit der Handhabung des Mikroskopes, des Teleskopes, so hat es der Geschichtsforscher zu tun mit der Handhabung, mit der Behandlung der geschichtlichen Dokumente, der geschichtlichen Quellen, und so ist der Geschichtsforscher im wesentlichen quellenkundlich, quellenforschend gewesen. Durch die Quellen sehen wir sozusagen in die zeitliche Tiefe, so wie wir durch das Teleskop in die räumliche Tiefe sehen. Und so ist also die Quellenforschung das eigentliche Instrument der Geschichtsforschung im 19. Jahrhundert geworden. S17 Auch da war ja Ranke bahnbrechend, indem er bekanntlich eine ungeheuer ergiebige Quelle der Geschichtsforschung erschlossen hat, die venezianischen Gesandtschaftsberichte.


   Nun liegt aber diese Auffassung, die ich eben charakterisiert habe, eine gewaltige Täuschung zugrunde. Wenn wir nun ins 20. Jahrhundert herüberkommen, so sehen wir, wie das Neue, was in unserem Jahrhundert auftritt, darin liegt, daß man sich dieser Täuschung bewußt geworden ist, oder anders ausgedrückt, daß man voll und ganz sich des radikalen Unterschieds bewußt geworden ist, der zwischen Natur und Geschichte besteht. Ich will da nur drei Hauptpunkte zunächst hervorheben.


   Der erste Punkt ist der, daß ja doch in gar keiner Weise ein Mikroskop oder ein Teleskop verglichen werden kann mit der geschichtlichen Quelle, mit einem geschichtlichen Dokument. Denn das Teleskop tut ja nichts anderes, als daß es die Naturerscheinung vergrößert, daß es sie uns näher heranbringt. Aber im Prinzip besteht kein Unterschied, ob man eine Naturerscheinung mit freiem Auge betrachtet oder durch ein Vergrößerunsglas, man nimmt immer die Naturtatsache wahr, in der natürlichen oder in der vergrößerten Gestalt. Aber durch eine geschichtliche Quelle nehme ich niemals eine geschichtliche Tatsache wahr, sondern immer eine Auffassung, eine Interpretation. Denn die geschichtliche Quelle, ob ich es nun mit Memoiren zu tun habe oder mit Verträgen, mit Akten usw., sie wird mir nie eine geschichtliche Tatsache als solche geben, sondern immer eine Auffassung, eine Interpretation von geschichtlichen Tatsachen durch Menschen und ich komme durch die Quellen nicht unmittelbar an die Tatsachen heran. Es ist ja bekannt, daß sogenannte Aktenpublikationen, die von Regierungen herausgegeben werden über den einen oder anderen Konflikt, immer dazu bestimmt sind, Meinungen zu fabrizieren. Akten sagen gar nichts über Tatsachen aus, sondern geben oder S18 stützen immer Interpretationen von Tatsachen. Der zweite Unterschied ist dieser: Wenn ich ein Teleskop konstruiert habe, kann ich mit dem Teleskop den ganzen Himmel ableuchten, ich kann anschauen, was ich will, am Himmel. Ganz anders ist es bei einer geschichtlichen Quelle. Sie sagt mir in einem gewissen Sinne etwas über eine geschichtliche Tatsache aus. Aber ich kann nur diese Quelle nicht beliebig für alle Tatsachen verwenden, sondern ich bin in der Geschichte darauf angewiesen, daß mir von den verschiedenen Epochen der Geschichte Quellen erhalten geblieben sind. Wenn vor irgendeinem Ereignis keine Quelle, kein Dokument sich erhalten hat, dann bleibt es mir unwahrnehmbar, es bleibt mir unerforschbar. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Eine Geschichtsforschung, die sich auf die Quellen stützt, kann nur das erforschen, worüber Quellen erhalten geblieben sind. Nun ist es ja aber so, daß viele Dokumente zugrunde gegangen sind, sagen wir durch Naturkatastrophen, Überschwemmungen, Feuer usw., aber ebenso viele sind auch bewußt und absichtlich vernichtet worden, weil man nicht wollte, daß gewisse Tatsachen bekannt werden. Daher muß man sagen, eine Geschichtsforschung, die sich auf Dokumente stützt, steht auf einem völlig unsicheren, fragwürdigen Grund, sie ergibt ein rein zufälliges Bild der Geschichte. Es kann sein, daß aus irgendeinem Wüstensand - was ja auch tatsächlich geschehen ist - nach Jahrhunderten ein Dokument zutage tritt und unsere ganze bisherige Auffassung von der betreffenden Geschichtsepoche über den Haufen wirft. Was wir da aufgrund von Dokumenten über die Geschichte erforschen, das läßt sich überhaupt nicht vergleichen mit dem, was wir in der Natur erforschen, wo uns ja die Tatsachen immer zugänglich sind.


   Also auch dieser Vergleich stimmt nicht. Nun kommt aber ein Drittes hinzu. Und das ist dieses, daß wir in der Naturwissenschaft von Einzelbeobachtungen ausgehen, wir beobachten einzelne Fälle, einzelne S19 Erscheinungen, wir suchen von da ausgehend immer das Allgemeine in der Natur. Wir suchen das allgemeine Gesetz des freien Falles, das allgemeine Gesetz der Planetenbewegung oder, in der organischen Natur, wir suchen die Gattungen, wir beschreiben da in der Botanik, in der Zoologie die Gattungen. Wir schreiten also vom Einzelnen zum Allgemeinen fort in der Naturwissenschaft. In der Geschichte ist es genau umgekehrt. Die Geschichte besteht aus lauter Einzelfakten. Wir beschreiben einzelne Fakten, einzelne Ereignisse und Gestalten, den Cäsar, Alexander den Großen, den Michelangelo, den Shakespeare, den Tolstoi, den Lenin usw. Wir suchen gerade nicht das Allgemeine in der Geschichte. Aber nun ist es ja so, daß wir nicht alle Fakten der Vergangenheit in der Weltgeschichte aufzählen, sondern nur eine verhältnismäßig ganz geringe Auswahl davon. Und es entsteht die Frage: Nach welchen Kriterien wählen wir denn die Fakten aus, die wir dann in der Geschichte zur Darstellung bringen? Es ist ja wirklich von alledem, was in der Vergangenheit geschehen ist, nur eine ganz kleine Zahl von Fakten, die wir in der Geschichte festhalten. Nun, ich erwähne das nur, um einige Hauptfragen herauszugreifen, die im 20. Jahrhundert aufgeworfen worden sind, mit welchen man nun angefangen hat, sich zu beschäftigen, und die zur Folge hatten, daß mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nun wiederum die Geschichtsphilosophie in den Vordergrund getreten ist, die ja im zweiten und dritten Drittel des 19. Jahrhunderts völlig abgelehnt worden war, von der man gar nichts mehr hat wissen wollen. Lassen Sie mich zunächst nur ein paar wenige Erscheinungen nennen. Nehmen Sie eine Gestalt wie Dilthey, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wirkte als Geschichtsphilosoph, er hat es besonders stark betont, daß die Geschichte nicht auf die Feststellung von allgemeinen Gesetzen ausgeht, sondern auf die Darstellung von Einzeltatsachen, von Einzelgestalten. Er selber hat ja viele solcher Einzelgestalten in Monographien dargestellt. Anschließend an Dilthey entstand dann eine andere Richtung der Geschichtsphilosophie, S20 die sogenannte "Badische Schule" von Windelband und Rickert. Diese hat sich hauptsächlich mit der Frage beschäftigt: Welches ist denn der Maßstab, nach dem wir eine Auswahl treffen von geschichtlichen Fakten? Und sie sind bekanntlich dazu gekommen, daß sie sagten: Je nach dem Werte, den wir den geschichtlichen Gestalten zuschreiben. Wir brauchen daher, damit wir nun nicht willkürlich solche Werte festsetzen, ein System von Werten. Und so hat ja besonders Rickert eine sogenannte Wertphilosophie begründet, das System der Werte, weil er geglaubt hat, die Geschichte kann gar nicht getrieben werden, ohne daß einem die Wertphilosophie einen Maßstab liefert, eine Wertskala, an der man nun messen kann, was wichtig, was weniger wichtig in der Geschichte ist. Oder nehmen Sie einen anderen Geschichtsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Theodor Lessing, mit seinem Buche über die Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen. Er hat die Auffassung vertreten, daß in der Geschichte überhaupt kein Sinn ist. Die Geschichte besteht aus bloßen Zufällen und das, was wir als geschichtlichen Zusammenhang feststellen, das wird erst nachträglich hineininterpretiert.


   Es kommt zunächst noch nicht auf die verschiedenen Meinungen an, sondern nur auf die Tatsache, daß dieser gewaltige Umschwung stattgefunden hat vom 19. in das 20. Jahrhundert, von der Geschichte der Tatsachenforschung zu dem Wiederaufkommen der Geschichtsphilosophie. Ich möchte Ihnen diesen Umschwung ein wenig illustrieren, indem ich Ihnen einige Zitate aus einem kürzlich erschienenen Büchlein vorlese, das den Titel trägt "Was ist Geschichte?". Es stammt von einem bekannten und bedeutenden englischen Geschichtsforscher der Gegenwart, E.H.Carr, der besonders bekannt geworden ist durch eine sechsbändige Geschichte der Sowjetunion, aber auch manche andere Geschichtswerke geschrieben hat. Er ist im Jahre 1892 geboren, hat also diesen ganzen Umschwung miterlebt, und er schildert ihn im ersten Kapitel dieser Schrift: "Das 19. Jahrhundert war das große S21 Zeitalter der Tatsachen. Was ich brauche, sagte Mister Gradgrind von Dickens, das sind Tatsachen. Im Leben braucht man überhaupt nur Tatsachen. Die Historiker des 19. Jahrhunderts stimmten im großen und ganzen mit ihm überein. Als Ranke etwa um 1830 in einem berechtigten Protest gegen die moralisierende Geschichtsphilosophie äußerte: "Die Aufgaben des Historikers bestehen nur darin, aufzuzeigen, wie es eigentlich gewesen", hatte dieser nicht besonders tiefe Aphorismus einen erstaunlichen Erfolg. Schon drei Generationen deutscher, englischer und sogar französischer Historiker waren die magischen Worte "Wie es eigentlich gewesen" die Kampfparole, die sie wie eine Beschwörung anstimmten, um sich der ermüdenden Verpflichtung selbständigen Denkens zu entziehen. Die Positivisten, denen viel daran lag, die Geschichte unter die Wissenschaften einzureihen, warfen das Gewicht ihres Einflusses in die Waagschale dieses Tatsachenkultes. Zunächst handelt es sich darum, die Tatsachen zu ermitteln, so sagten sie, dann erst kann man Schlüsse ziehen. Diese Sicht der Geschichte fand sich in England mit der dort seit Locke die Philosophie beherrschenden empirischen Tradition reibungslos zusammen. Geschichte besteht also aus einer Summe festgestellter Tatsachen. Die Fakten sind dem Historiker in Dokumenten, Inschriften usw. zugängig, wie feilgebotene Fische. Der Historiker holt sie ein, nimmt sie mit nach Hause, kocht und serviert sie im wohlgefälligen Stil. Lord Acton, also ein berühmter englischer Historiker, dessen kulinarischer Geschmack streng war, wollte sie schmucklos serviert haben. In einem Briefe stellt er die Forderung, daß unsere Darstellung so sein muß, daß sie gleicherweise die Franzosen und Engländer sowie die Deutschen und die Holländer zufriedenstellt. Daß niemand, ohne sich der Verfasserverzeichnisses zu bedienen, sagen kann, wo der Bischof von Oxford die Feder niederlegte und ob Fairbain oder Gasquet, Liebermann oder Harison sie wieder aufnahm. Sir George Clark unterschied in der Geschichte, obwohl er doch Actons Einstellung kritisch gegenüberstand, zwischen dem festen Kern der Fakten und dem S22 Fruchtfleisch der anzweifelbaren Interpretationen, vergaß dabei aber vielleicht, daß der fleischige Teil der Frucht doch lohnender ist.

   Bringt zunächst Eure Fakten in Ordnung, dann stürzt Euch auf eigene Gefahr in die Ungewißheit einer Interpretation, das war die letzte Weisheit der empirischen Common-sense-Schule der Geschichtsforschung". Nun sagt er aber, daß man allmählich an dieser Tatsachengeschichte doch gezweifelt hat, und wirft nun die Frage auf: Was ist denn ein historisches Faktum? Das ist eine entscheidende Frage, die wir nun näher betrachten müssen. Die Anhänger der Common sense vertreten die Auffassung, es gäbe gewisse Grundlagen für sämtliche historisch verbindliche Fakten, die sozusagen das Rückgrat der Geschichte ausmachen. Fakten z.B., daß die Schlacht bei Hastings 1066 ausgetragen wurde. Dazu ist zweierlei zu bemerken. Erstens hat es der Historiker nicht in erster Linie mit derartigen Fakten zu tun. Zweifellos ist wichtig, daß die große Schlacht 1066 und nicht 1065 oder 1067 stattfand und daß sie bei Hastings und nicht etwa bei Eastbourne geschlagen wurde. Freilich darf der Historiker diese Dinge nicht durcheinander bringen. Aber bei solchen Diskussionen fällt mir immer Housmans Äußerung ein: "Genauigkeit ist ein Pflicht und keine Tugend". Er meint nun, "der einzige Grund, warum es uns interessiert, daß die Schlacht bei Hastings 1066 stattfand, liegt darin, daß dieser Umstand von den Historikern als ein bedeutendes historisches Ereignis angesehen wird. Daß Cäsars Überschreitung jenes unbedeutenden Flusses Rubikon ein Faktum der Geschichte ist, während es keinen Menschen interessiert, daß Millionen andere vorher oder nachher den Rubikon auch überschritten haben, ist vom Historiker nach seinen eigenen Gründen bestimmt worden. Die Tatsache, daß wir vor einer halben Stunde zu Fuß oder mit dem Rad oder dem Auto vor diesem Gebäude angekommen sind, ist genauso gut ein Tatbestand der Vergangenheit, wie die Tatsache, daß Cäsar den Rubikon überschritten hat. Aber wahrscheinlich wird sie von den Historikern S23 unbeachtet bleiben. "Der Glaube an einen festen Kern historischer Fakten, die objektiv und unabhängig von der Interpretation des Historikers bestehen, ist also ein lächerlicher, aber nur schwer zu beseitigender Trugschluß". (Das ist doch für einen Engländer sehr viel.) "Betrachten wir nun einmal des Prozeß, durch den eine bloße Tatsache der Vergangenheit zu einer historischen Tatsache wird. 1850 wurde in Stalybridge Wakes ein Pfefferkuchenverkäufer anläßlich eines kleinen Streits vom wütenden Mob vorsätzlich totgeschlagen. Ist das nun ein geschichtliches Faktum? Vor einem Jahr noch hätte ich ohne zu zögern mit nein geantwortet. Es wurde von einem Augenzeuge in irgendwelchen wenig bekannten Memoiren berichtet. Aber meines Wissens hatte noch kein Historiker dieser Gegebenheit seine Aufmerksamkeit gewidmet. Vor einem Jahr jedoch führte Dr. Clark diesen Vorfall in seinen Vorlesungen in Oxford an. Macht ihn das nun schon zu einem historischen Faktum? Noch nicht, scheint mir. Sein gegenwärtiger Status, möchte ich meinen, besteht darin, daß er als Mitglied des auserlesenen Clubs der historischen Fakten vorgeschlagen wurde. Er wartet jetzt auf Förderer und Paten. Es kann leicht sein, daß wir diese Tatsache im Verlaufe der nächsten Jahre in Artikeln und Büchern über das England des 19. Jahrhunderts, zuerst in Fußnoten, dann im Text, auftauchen sehen und daß es bereits in 20 oder 30 Jahren ein anerkanntes historisches Faktum ist. Ebenso gut kann es aber auch sein, daß sich ihrer niemand annimmt, womit sie dann als unhistorisches Faktum der Vergangenheit, der Vergessenheit wiederum anheimfällt, der Dr. Clark sie in so galanter Weise zu entreißen versuchte. Was wird die Entscheidung über diese beiden Möglichkeiten herbeiführen? Sie wird, denke ich, davon abhängen, ob die These oder Interpretation, zu deren Stütze Dr. Clark diesen Vorfall anführte, von anderen Historikern als gültig und bedeutend gebilligt wird. Seine Aufnahme unter den historischen Fakten ist also eine Frage der Interpretation. Und dieses Element der Interpretation fließt in jedes historische Faktum mit ein". Er meint also, historische S24 Fakten sind nur diejenigen, die zu historischen Fakten interpretiert werden. Z.B. "das Bild, das wir uns vom Griechenland des 5. Jahrhunderts v.Chr. machen, ist nicht in erster Linie deswegen fehlerhaft, weil so viele Stücke zufällig verlorengegangen sind, sondern weil es alles in allem die Vorstellung einer kleinen Gruppe von Athenern ist. Wir wissen eine ganze Menge darüber, wie das Griechenland des 5. Jahrhunderts einem athenischen Bürger erschien, aber fast nichts darüber, wie es den Spartanern, den Korinthern erschien, ganz zu schweigen von den Persern oder den Sklaven oder den sonstigen nicht eingebürgerten Bewohnern der Stadt. Unser Bild der Geschichte ist schon vor uns für uns ausgewählt und bestimmt worden, nicht so sehr durch den Zufall als durch Leute, die bewußt oder unbewußt von einer ganz bestimmten Sicht durchdrungen waren und die Tatsachen, die diese Sicht stützten, des Aufschreibens wert fanden". Es gibt also keine historischen Tatsachen, wie es Naturtatsachen gibt. "Der fetischistische Glaube, mit dem das 19. Jahrhundert an den Fakten hing, fand nun in einer blinden Anbetung der Dokumente seine Ergänzung und Rechtfertigung. Die Dokumente waren die Bundeslade im Tempel der Fakten. Der ehrerbietige Historiker nahte ihnen gesenkten Hauptes und sprach von ihnen mit schauernder Ehrfurcht. Die Dokumente verbürgen die Wahrheit. Aber was besagen diese Dokumente denn eigentlich, all die Verfügungen, Abhandlungen, Pachturkunden, die amtliche Korrespondenz, die privaten Briefe und Tagebücher, wenn man der Sache auf den Grund geht? Jedes Dokument sagt uns nur, was sein Autor dachte, was seiner Meinung nach geschehen war,geschehen sollte und geschehen würde. Vielleicht auch nur, was er uns als seine Meinung darlegen wollte oder auch das, was er selbst dafür hielt. Alle diese Dokumente bedeuten nichts, ehe sie der Historiker nicht unter die Lupe genommen und entziffert hat. Der Historiker muß die Fakten, ob sie nun durch Dokumente belegt sind oder nicht, erst einem Prozeß unterziehen, ehe er sie verwenden kann. S25

   Nun sagt er weiter, wie die Geschichtsphilosophie im 19. Jahrhundert so ganz verachtet war wegen des Tatsachenkultes. Aber warum? "Hier möchte ich nun gerne einige Worte dazu sagen, warum der Historiker des 19. Jahrhundert im großen und ganzen der Geschichtsphilosophie gleichgültig gegenüberstand. Das 19. Jahrhundert war für die Intellektuellen Westeuropas eine behagliche Zeit, die Vertrauen und Optimismus ausschwitzte. Die allgemeine Lage war im großen und ganzen zufriedenstellend und dementsprechend war die Neigung, verfängliche Fragen bezüglich der Fakten zu stellen und zu beantworten, gering. Ranke hatte den frommen Glauben, daß sich die göttliche Vorsehung schon des Sinnes der Geschichte annehmen würde, wenn nur er sich der Fakten annehmen würde".

   Und nun gibt er noch eine merkwürdige Erklärung. Er sagt, diese Sicht der Geschichte im 19. Jahrhundert war eng verbunden mit der wirtschaftlichen Doktrin des laisser faire, die jedenfalls auf dem Boden einer von heiterem Selbstvertrauen getragenen Weltanschauung erwuchs. Sie wissen vielleicht, daß Adam Smith die Auffassung begründete, wenn jeder nur seinem Vorteil nachgeht im Wirtschaftlichen, sei damit allen am besten gedient. Und so meinten die Leute, "wenn jeder nur seine besondere Arbeit vorantreibt, dann wird sich schon eine unsichtbare Hand der allgemeinen Harmonie annehmen. Waren doch die geschichtlichen Fakten ihrerseits schon ein Beweis für die höchste Wirklichkeit eines wohltätigen und offensichtlich unendlichen Fortschritts zu Höherem. Das war das Alter der Unschuld. Im Angesicht des Gottes der Geschichte, der dann schon die Harmonie herstellt, ergingen sich die Historiker im Garten Eden ohne jeden Fetzen Philosophie zu ihrer Bedeckung und schämten sich ihrer Blöße nicht. Inzwischen sind wir gefallen in den Zweifel, wir haben die Sünde kennengelernt und jeder Historiker, der heutzutage vorgibt, ohne Geschichtsphilosophie aufzukommen, versucht nur eitel und selbstbewußt, wie die Anhänger der Nacktkultur, den Garten Eden wieder erstehen zu S26 lassen". Das Bedeutsame der Sache ist eben dieses, daß dieser Engländer sieht, wir kommen heute nicht mehr ohne Geschichtsphilosophie aus. Nun stellt er einige Thesen auf in Bezug auf die Geschichtsphilosophie. Da wäre z.B. die erste: "Wir haben die Fakten der Geschichte nie rein, da es sie in reiner Form gar nicht gibt, nicht einmal geben kann. Im Geiste des Berichterstatters erfahren sie schon immer eine Brechung. Daraus folgt, daß wir uns, wenn wir ein Geschichtswerk lesen, in erster Linie für den Historiker interessieren sollten, der es geschrieben hat. Studiere den Historiker, ehe du anfängst, die Fakten zu studieren. Geschichte, so faßt er zum Schluß zusammen, "heißt Interpretation der Geschichte". Wie kommt nun aber der Historiker zu seiner Interpretation? Natürlich soll er nicht willkürlich da irgendeinen Sinn hineindeuten, sondern er meint nun, es handelt sich darum daß der Historiker fähig sein muß, sich die geistige Verfassung seiner Personen und die Gedanken, die hinter ihren Aktionen stehen, vorzustellen und zu begreifen. Er muß sich also in die historische Persönlichkeit hineindenken. Ich komme nachher noch auf diesen Punkt zurück. Dann macht er aber geltend, daß doch jeder Historiker ein Kind seiner Zeit ist und es natürlich ganz unvermeidlich ist, daß er immer die Auffassung seiner Zeit in die Geschichte hineindeutet, wie das Goethe ja schon sagte im Faust "Der Geist der Zeiten ist der Herren eig'ner Geist". So ist der Historiker immer in der Gefahr, die Vergangenheit aus der Sicht der Gegenwart zu verstehen und zu interpretieren, also sozusagen Geschichte zu verfälschen. Wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt, könnte man vielleicht dazu kommen, daß es ein objektives Bild von der Geschichte gar nicht gibt. Nun meint er aber, das ist doch nicht der Fall, das wäre eine zu pessimistische Auffassung. Er sagt da den schönen Satz: Der Historiker muß sich vor zwei Extremen, vor zwei Abwegen bewahren. Der eine Abweg ist nämlich der, daß er meint, er könne ein historisches Faktum an sich darstellen. Das gibt es natürlich nicht, jedes Faktum ist S27 schon gesehen durch eine Interpretation. Das andere ist, daß er meint, er sei nur der Willkür ausgeliefert. Er muß eben eine Mitte finden. So sagt er diesen Satz: "Die Untersuchung der Beziehung der historischen Fakten hat uns also offensichtlich in eine schwierige Lage gebracht. Hüben die Skylla der unhaltbaren Theorie, Geschichte sei eine objektive Anhäufung von Fakten, wobei den Fakten der unumschränkte Primat über die Interpretation zuerkannt wird, und drüben die Charybdis der ebenso unhaltbaren Theorie, Geschichte sei nur das subjektive Produkt des Historikers, der sich den geschichtlichen Fakten gegenüberstellt und durch den Prozeß der Interpretation beherrscht. Also hüben eine Ansicht, die den Schwerpunkt der Geschichte in die Vergangenheit verlegt und drüben eine Auffassung, die ihn in der Gegenwart sieht". Und er meint nun, es kommt darauf an, daß der Historiker ungefähr einen Mittelweg einschlägt. Die Beziehung zwischen dem Historiker und den Fakten liegt im Gleichgewicht von Geben und Nehmen. Nun, das eben die typische Art des Engländers, der immer Kompromisse sucht. Er läßt sich da nicht so sehr auf die Geschichtsphilosophie ein, er meint, man muß da eben schließlich zu einem Kompromiß kommen zwischen den Fakten und der Interpretation.


   Ich wollte Ihnen das nur vorlesen, weil es von einem Engländer geschrieben ist und zeigt, wie sogar die Engländer diese Tatsachen zugeben müssen, daß man heute nicht nur Historiker sein kann, sondern daß jede Beschäftigung des Historikers voraussetzt eine Beschäftigung mit der Geschichtsphilosophie, eine geschichtsphilosophische Bildung. Und aus diesem Grund möchte ich nun noch einen kurzen Blick werfen auf die Geschichtsphilosophie, wie sie sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat. Ich will auch diesen kurzen Überblick über die Geschichtsphilosophie unseres 20. Jahrhunderts anhand eines Buches geben, das kürzlich erschienen ist von einem deutschen Philosophieprofessor, Walter Brünung. Es hat den Titel "Geschichtsphilosophie der Gegenwart" S28. Es gibt einen sehr instruktiven Überblick über die Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts. Ich möchte diese Darstellung meinen folgenden Ausführungen deshalb zugrunde legen, weil es eine sehr gute Darstellung ist. Sie gibt einen sehr instruktiven Überblick über die Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts. Der Verfasser schildert nämlich nicht in einer chronologischen Reihenfolge, sondern in einer typologischen Reihenfolge. Er reiht die verschiedenen Geschichtsphilosophien in bestimmte Typen ein, und zwar in einer solchen Reihenfolge, die sich aus der Sache selbst heraus ergibt, die also nicht einfach willkürlich hingestellt wird. Er stellt im ersten Teil seines Buches zunächst zwei Haupttypen fest. Er stellt im ersten Teil seines Buches zunächst zwei Haupttypen fest. Er stellt da zwei Haupttypen der Geschichtsphilosophie einander gegenüber. Der eine Typ geht davon aus, daß es darauf ankomme, eine Geschichtswissenschaft zu begründen, zu einer Wissenschaft der Geschichte zu kommen. Nun sagen diese Leute, die Wissenschaft sucht ihrem Wesen nach immer das Allgemeine, sie sucht die allgemeinen Gesetze. Das liegt im Wesen der Wissenschaft. Denn alle Wissenschaft geht von der Beobachtung aus und schreitet von ihr zum Begriff fort. Aber die Beobachtung ist immer eine einzelne, eine spezielle. Der Begriff ist seinem Wesen nach immer etwas Allgemeines. Und weil die Wissenschaft von Beobachtungen zu Begriffen fortschreitet, ist ihr Weg der von der Einzeltatsache zum allgemeinen Gesetz oder zum Gattungsbegriff. Das liegt im Wesen der Wissenschaft. Und darum meinen nun diese Leute, wenn wir Geschichtswissenschaft treiben, kann es uns nur darauf ankommen, die allgemeinen Gesetze aufzufinden, die in der Geschichte wirksam sind. Das ist der eine Typus von Geschichtsauffassung und -Philosophie, der sich besonders in Westeuropa entwickelt hat im 19. Jahrhundert, da sind seine hauptsächlichen Vertreter. Was ist aber die Folge davon, daß man eine solche Geschichtswissenschaft sucht? Daß eben die Geschichte nicht mehr wird eine Geschichte von Einzelfakten, man berichtet keine Einzelfakten, keine Einzelgestalten, sondern man stellt geschichtliche Zustände dar. S29 Also man schaut nicht auf die Einzelmenschen, sondern auf die menschliche Gesellschaft, die Geschichte verwandelt sich weitgehend in Soziologie, in Sozialgeschichte. Man stellt die Zustände dar und erklärt nun die Einzelfakten bloß als den Ausdruck bestimmter Gesellschaftszustände. Man schildert das Zeitalter der aristokratischen Gesellschaft, das Zeitalter der bürgerlichen Gesellschaft, das Zeitalter der proletarischen Gesellschaft. Die Einzelereignisse illustrieren das nur. Aber die sind eigentlich unwesentlich. Oder man sagt, die Massen machen die Geschichte, nicht die Einzelnen. Und die Masse reagiert nach dem Gesetz der Massenpsychologie. Man sucht also die Gesetze der Massenpsychologie und erklärt aus diesen Gesetzen dann die einzelnen geschichtlichen Ereignisse. Der Marxismus ist ja auch ein Beispiel, indem er sagt: Was ist das Allgemeine der Geschichte? Es sind Klassenkämpfe, die aus dem Wechsel der Produktionsweise, der in der Geschichte stattfindet, entstehen. Man sucht also das Allgemeine. Diese Suche nimmt auch vielfach die Form an, daß man sagt, in der Geschichte wiederholt sich immer wieder dasselbe. Die Geschichte verläuft im Kreislauf. Diese Auffassung ist auch sehr häufig. Denken Sie etwa an Spengler. Sie haben es da mit einer Reihe von Kulturen zu tun. Jede dieser Kulturen dauert etwa 2000 Jahre, es ist also eine ständige Wiederholung. Eine ähnliche Auffassung hat Kurt Breysig, auch ein Geschichtsphilosoph unseres Jahrhunderts, entwickelt. Er hat ein dickes, mehrbändiges Werk über die Weltgeschichte geschrieben, wo er alles in Kulturen auflöst, in denen er bestimmte Entwicklungsstufen unterscheidet. Er nennt sie Frühgeschichte, Mittelalter, Neuzeit usw. Ein anderes Beispiel war Karl Lamprecht, der zwar nur eine deutsche Geschichte geschrieben hat, aber sie als Beispiel eines Geschichtsablaufs überhaupt genommen hat. Er unterscheidet fünf Stufen, durch die jede Kultur hindurchgeht. Am Anfang ist das Symbol das Maßgebende, dann der Typus, dann die Konvention und schließlich das Individuum. Er sagt, das wiederholt S30 sich immer wieder. Das ist also der eine Typus von Geschichtsauffassung, der das Allgemeine, das Gesetzmäßige in der Geschichte sucht, nicht das Individuelle, der Zustände beschreibt oder Altersstufen.


   Dem steht nun ein anderer Typus von Geschichtsauffassung gegenüber. Das ist derjenige, der darauf hinweist, daß das Wesentliche der Geschichte, wodurch sie überhaupt Geschichte ist, darin besteht, daß alle geschichtlichen Ereignisse einmalig sind. Es gibt in der Geschichte im strengen Sinne keine Wiederholung, es gibt nur einmalige Ereignisse, so wie auch die Geschichte als Ganzes ein einmaliger Prozeß ist. Was vor ihr liegt, ist Vorgeschichte, was nach ihr kommt, wird etwas anderes sein als Geschichte. Daher kann die Geschichtsforschung nur darauf ausgehen, die einmaligen Ereignisse in ihrer Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit zu fassen und zu schildern. Gewiß, es gibt Ähnlichkeiten zwischen geschichtlichen Prozessen, man kann Napoleon mit Alexander dem Großen vergleichen usw., aber sie sind doch verschieden, und der Historiker muß gerade das Verschiedene herausarbeiten. Diese Auffassung wirft nun der anderen, der zuerst geschilderten vor, sie vernichte die Geschichte. Sie verwandle sie in einen Naturprozeß, sie hebe gerade das Geschichtliche an der Geschichte auf, kurz: diese andere Auffassung, die ich vorher geschildert habe, stehe ganz und gar unter dem Einfluß der Naturwissenschaft. Demgegenüber sagt diese zweite Auffassung: Wir betonen das Eigentümliche, das Selbständige der Geschichte. Diese Richtung hat dann gegipfelt in dem, was man den Historimus genannt hat, der eben auf das Einmalige der Geschichte hinschaut.

   Nun gibt es allerdings auch eine Zwischenform. Man könnte sagen, die eine Auffassung ist die, die nur die Kreisläufe in der Geschichte sieht. Die andere könnte man durch eine Linie darstellen. Die Geschichte hat einen Anfang, sie hat ein Ende und jedes einzelne Ereignis ist ein Einmaliges. Das wären die zwei Gegensätze. Nun gibt es aber auch einen S31 Kompromiß. Wenn man die Geschichte als eine Spirale anschaut, wenn man sagt, gewisse Dinge wiederholen sich immer wieder, aber im ganzen genommen schreitet die Geschichte eben doch fort, ist sie doch ein einmaliger Prozeß. Diese Auffassung, ein Mittel zwischen den beiden, die vertritt etwa Toynbee. Er ist der Anschauung, daß wir es immer mit einzelnen Kulturen in der Geschichte zu tun haben, daß aber doch die Geschichte als Ganzes fortschreitet. Er sagte einmal: Die Geschichte lasse sich mit einem Wagen vergleichen. Wenn man ihn anschaut, drehen sich fortwährend seine Räder, aber der Wagen als ganzer bewegt sich doch vorwärts. So meint er, die Geschichte in sich selbst verläuft zwar immer in Kreisläufen, aber im Ganzen schreitet sie doch fort. Toynbee sieht allerdings die Gesamt-Geschichte nur auf religiösem Gebiet, nicht auf weltlichem Gebiet. Er faßt vor allen Dingen ins Auge den Unterschied zwischen der vorchristlichen und nachchristlichen Zeit.

   Das wäre also ein Mittelweg. Man kann aber auf dieser Linie noch weitergehen in diesem Historismus, man kann ihn bis zu einem Extrem treiben. Denn, schon dann, wenn ich eine Linie ziehe, dann habe ich etwas Allgemeines. In Wirklichkeit hat ja eine solche Linie ein bestimmte Richtung. Das heißt, man könnte auch sagen: Geschichte ist ein einmaliger Prozeß, sie hat lauter einmalige Ereignisse, aber sie ist im Ganzen ein Aufstieg, sie ist der Fortschritt. Oder ich kann die Meinung haben, die Geschichte sei Abstieg, sei Verfall. Das verträgt sich ja mit der Einmaligkeit. Aber es ist bereits ein Allgemeines. Wenn ich aber historisch im strengsten Sinne sein will, also historistisch, dann habe ich eigentlich nur noch einzelne Fakten, dann löst sich auch die Richtung auf und es bleiben nur noch einzelne Fakten übrig. Was ist aber damit geschehen? Dann habe ich es nicht mehr mit einer Geschichte zu tun, sondern nur mit einzelnen Fakten. Denn ohne einen Zusammenhang der Fakten ist keine Geschichte möglich. Das ist also das andere Extrem. Und so ist das Merkwürdige, daß man nach beiden S32 Seiten hin aus der Geschichte herauskommt, nur auf verschiedene Weise.

   Das sieht man heute auch vielfach. Da ist einmal die naturwissenschaftliche Auffassung und das ist die historische Auffassung. Bei beiden Auffassungen fällt man, wenn man sie bis zum Extrem treibt, aus dem Element des Geschichtlichen heraus. Und weil man das heute auch vielfach empfunden hat, hat man versucht, eine Verbindung zwischen beiden zu finden. Man hat es nun so versucht, nicht etwa wie bei Toynbee, der einfach sagt, es ist ein Kreislauf da und es ist etwas Einmaliges a, man ist da von einer anderen Sache ausgegangen. Man ist ausgegangen von der ebenfalls fundamental wichtigen Tatsache, daß ja alle Geschichtsdarstellungen auf einer Auswahl der Tatsachen beruhen, daß eben der Betrachter der Geschichte aus den geschichtlichen Fakten einzelne auswählt. Es ist doch das Entscheidende, daß man eine Auswahl triff. Aber man fragt sich, wonach wählt man eigentlich aus? Da kommt nun diese Auffassung heraus, von der wir ein Beispiel haben bei Windelband und Rickert, daß man sagt: Wir brauchen ein Werte-System. Es ist das Eigentümliche des Menschen, daß er alles wertet. Une weil der Mensch das macht, darum werden die Fakten der Vergangenheit zur Geschichte, indem eine gewisse Auswahl getroffen und diese dann zur Darstellung gebracht wird. Und so sagt man, der Mensch als Betrachter der Geschichte ist es eigentlich, der die Geschichte erzeugt durch die Wertung der Fakten. Und so sagt man weiter, die Geschichte ist, je nachdem, wie der Mensch sie wertet, ein Zusammenhang von Ereignissen, der von dem Betrachter hergestellt wird und der abhängt von dem Wertmaßstab, den der Mensch an die Geschichte anlegt.

   Eine andere Auffassung ist die des bedeutenden englischen Geschichtsphilosophen unserer Zeit, Collingwood, der ein bedeutendes Buch über Geschichtsphilosophie geschrieben hat. Collingwood geht auch von einer bedeutsamen Tatsache aus, die von der Naturwissenschaft gar S33 nicht gesehen wird. Er sagt nämlich, man kann Naturereignisse und geschichtliche Ereignisse nicht miteinander vergleichen, denn Naturereignisse folgen aufeinander nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Naturwissenschaftlich gesinnte Geschichtsforscher, wie Lamprecht, haben ja auch gesagt, auch in der Geschichte müsse im strengsten Sinne der Kausalbegriff angewendet werden, wir müssen zu jedem Ereignis die Ursache finden, in strengstem Sinne kausal. Das ist ja eine vollkommene Verkennung der Geschichte. Denn Collingwood sagt nun, bei geschichtlichen Ereignissen haben wir es immer mit menschlichen Taten, mit menschlichen Handlungen, nicht mit Naturereignissen zu tun. Und es ist das Charakteristische jeder menschlichen Handlung, sich auf eine Absicht zu gründen, einen Plan. Und darum, sagt Collingwood mit Recht, die Aufgabe, die dem Historiker eigentlich gestellt ist, ist, die Absichten herauszufinden, die Gedanken, die die Menschen gehabt haben, die in der Geschichte tätig gewesen sind. Erst wenn er die gefunden hat, kann er den wirklichen Zusammenhang der Dinge erkennen. Er sagt, es ist in der Geschichte objektiv ein Zusammenhang der Tatsachen da. Er ist durch den Umstand gegeben, daß wir es mit Menschen zu tun haben, die aus Absichten, aus bestimmten Gedanken heraus handeln. Die Gedanken liegen ja ihren ganzen Handlungen zugrunde. Der Historiker muß also versuchen, die Gedanken herauszufinden, dann hat er das, was den geschichtlichen Zusammenhang gibt. Und so meint Collingwood, im Historiker muß das wieder aufleben können, was als Gedanken tätig gewesen ist. Nur in dem Maße, in dem ihm das gelingt, kann er einen geschichtlichen Zusammenhang darstellen.

   Zum Abschluß möchte ich nur noch einen einzigen Gedanken anschliessen. Ich werde noch darauf zurückkommen von einer anderen Seite her. Die Anhänger des Historismus werfen den anderen immer wieder vor, daß sie die Geschichte vernichten, daß sie sie zu einem Naturprozeß degradieren, daß sie besessen seien von dem Geiste der Naturwissenschaft. Das werfen sie ihnen mit Recht vor. Aber das, was sie nicht S34 wissen, ist dieses, daß sie selber genau unter der Herrschaft der Naturwissenschaft stehen, nur auf eine andere Art. Und das ist das, womit ich heute vormittag schließen möchte, daß eben alles, was heute als gegensätzliche Richtungen in der Welt da ist, die Folge davon ist, daß unsere gesamte Welt unter der Herrschaft des Geistes der Naturwissenschaft steht. Die einen verwandeln die Geschichte in Natur. Bei den anderen kann ich ein berühmtes Wort von Ranke anführen. Ranke hat einmal einen Ausspruch getan gegenüber denen, die meinen, Geschichte sei ein Fortschritt zu immer höherer Vollendung, der Mensch nähere sich immer mehr dem Göttlichen. Ranke hat dagegen den Ausspruch getan: Jede Epoche ist unmittelbar zu Gott. Er meint, jede Epoche ist dem Göttlichen gleich nahe. Er wollte damit sagen, der ganzen Geschichte liegt eine göttliche Vorsehung zugrunde, Gott waltet in der Geschichte. Wir Menschen können nur die Tatsachen darstellen. Für den Zusammenhang der Tatsachen sorgt die Gottheit. Jedem Zeitalter ist Gott gleich nahe. Wir Menschen können nur die einzelnen Tatsachen sehen. Aber das, was den Zusammenhang darstellt, das ist die göttliche Vorsehung, an die können wir nur glauben. Und so steht die eine Seite gläubig zur Geschichte und die andere naturwissenschaftlich. Ich könnte sagen, die eine will wissenschaftlich sein, sie verliert aber die Geschichte, das eigentlich Geschichtliche. Die andere will geschichtlich sein, aber sie verliert die Wissenschaft. Und die Anhänger sagen ja auch nur, man kann einzelne Dinge darstellen, man kann sie nur beschreiben, aber eine Wissenschaft der Geschichte gibt es nicht. Es gibt nur eine beschreibende Darstellung der Geschichte, keine wissenschaftliche Darstellung. Oder man kann sie auch darstellen wie einen Roman, als Künstler. Wir können also die Geschichte nur als Künstler auffassen oder, wenn wir nicht künstlerisch begabt sind, können wir nur Tatsachen beschreiben, aber eine Wissenschaft von der Geschichte gibt es nicht. S35

   Warum ist aber dieser Gegensatz da? Er ist aus dem Grunde da, weil eben beide Richtungen einen Wissenschaftsbegriff haben, der rein naturwissenschaftlich ist. Für beide Auffassungen ist Wissenschaft identisch mit Naturwissenschaft. Und was ist das Charakteristische der Naturwissenschaft? Daß sie nur den Gegensatz kennt zwischen Einzelnem und Allgemeinem. Die Naturwissenschaft kennt nur diesen Gegensatz. Er fällt ja zusammen mit dem Gegensatz von Anschauen und Denken. Im Anschauen sind wir beim Einzelnen und im Denken umfassen wir das Allgemeine. In der Natur gibt es auch nichts anderes als Einzelnes und Allgemeines. Es gibt einzelne Fälle und es gibt das allgemeine Gesetz. Es gibt einzelne Exemplare und es gibt die allgemeine Gattung. Etwas Drittes gibt es nicht. Aber sehen Sie, beim Menschen, da gibt es etwas anderes, was in der Natur nicht vorkommt, das ist die menschliche Individualität. Individualität gibt es nur beim Menschen. Und diesen Begriff der Individualität kennt unsere gesamte heutige Wissenschaft nicht. Was ist das Wesentliche der Individualität? Daß in ihr dieser Gegensatz überwunden ist. Der einzelne Mensch ist nämlich nicht nur Exemplar der menschlichen Gattung, wie das einzelne Tier Exemplar der Tiergattung ist. Er ist zwar ein Einzelwesen, aber als dieses Einzelwesen legt er das allgemein Menschliche auf eine einmalige Weise dar. In der menschlichen Individualität ist etwas vorhanden, was durch diese bloßen Begriffe allein gar nicht zu fassen ist. Man kann das Menschliche eben nur begreifen, wenn man sieht, jeder Mensch ist zwar ein Einzelwesen, aber als dieses Einzelwesen ist er mehr als ein Einzelwesen. Rudolf Steiner sagte einmal: Jeder einzelne Mensch hat Gattungscharakter. Der einzelne Mensch lebt das allgemein Menschliche dar. Das ist das Wesen des Menschen. Und worin drückt sich dieses aus? Es drückt sich darin aus, daß die menschlichte Individualität sich reinkarniert. Denn in jeder einzelnen Inkarnation erscheint diese Individualität als ein bestimmter Einzelner. Das Einzelne ist ja dasselbe wie das Spezielle. Sagen wir z.B. ich bin Franzose oder Italiener, ich habe einen bestimmten Beruf, einen bestimmmten Stand, dadurch bin ich ganz spezialisiert als S36 Einzelner, ich bin ein Einzelwesen. Aber dieses, als was ich in einem einzelnen Leben mich darstelle, ist ja nur eine Erscheinungsform einer Individualität, die im Laufe ihrer Inkarnation durch viele solcher Erscheinungsformen hindurchgeht. Und das, was nun den Zusammenhang herstellt, ist beim Menschen nicht etwas Allgemeines, sondern es ist gerade die Individualität in wiederholten Erdenleben. Die stellt ja den Zusammenhang dar. Also diese Individualität erscheint in jedem Leben als ein bestimmter Einzelner, den man beschreiben kann. So wie man sie ja heute in der Biographie als Einzelner beschreibt. Aber diese verschiedenen Biographien verbindet dieselbe Individualität. Und jede einzelne Individualität, indem sie durch die Reihe der Inkarnationen hindurchgeht, repräsentiert die Gesamtmenschheit. Die Reinkarnation ist ja die eigentliche Grundlage der Geschichte. Gäbe es keine Reinkarnation, so gäbe es keine Geschichte. Ich wollte damit nur einen Hinweis geben, daß eine Geschichtswissenschaft nur begründet werden kann von einer wirklichen Wissenschaft vom Wesen des Menschen, einer Wissenschaft, die das Spezifische erkennen kann.

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Zweiter Vortrag:  Heidentum und Judentum