Hans Erhard Lauer:

"Aggression und Repression"

INKA Achberg:

... Man kann aber auch weniger weit hinter uns liegende, europäische Epochen der Erkenntnisentwicklung zurückblicken und darauf hinweisen, wie in der Zeit der eigentlichen "Philosophie": in der Antike und im Mittelalter die hauptsächliche Erkenntnismethode der Weg der Deduktion gebildet hat: d.h. das Ausgehen von allgemeinsten Begriffen, die durch unmittelbare geistige Ideenoffenbarung empfangen wurden, und das Hinabsteigen von diesen zu spezielleren Begriffen auf der Leiter der Syllogistik. Auf diesem Wege bewegte sich namentlich die Scholastik des späteren Mittelalters fast ausschließlich. Wo er in dieser Einseitigkeit beschritten wird, führt er niemals ganz an die Sinneswelt heran. Das Verbleiben im Elemente des bloßen Begriffs ist denn auch das Grundcharakteristikum aller Philosophie.

   

   In der neueren Naturwissenschaft ist der umgekehrte Weg der Induktion zur Vorherrschaft gekommen - das Aufsteigen von sinnlichen einzelnen Erfahrungen zu Allgemeinbegriffen, in denen das Gemeinsame der ersteren zusammengefaßt wird - wie es z.B. Bacon forderte -, führt er nicht an die wirkliche Begriffswelt heran, sondern lediglich zu Abstraktionen, die keine echte Erkenntnis, sondern bloße Ordnungsschemata zur praktischen Bewältigung der Erfahrungstatsachen bedeuten. Den Agnostizismus haben wir denn auch als das Grundmerkmal der Naturwissenschaft kennengelernt.


   Der neue Erkenntnisweg des seelisch-geistigen Atmens (im Gegensatz zu dem alten Yoga-Weg) zwischen Wahrnehmen und Denken, wie wir ihn oben charakterisiert haben, könnte als eine Synthese der Wege der Deduktion und der Induktion angesehen werden, allerdings nur als eine solche, in der beide zugleich eine Metamorphose erfahren haben. Der Induktion ist er verwandt, indem auch er von der Erfahrung ausgeht und zu Begriffen aufsteigt; er unterscheidet sich von ihr dadurch, daß er nicht durch Abstraktion bloße Allgemeinvorstellungen gewinnt, sondern durch Intuition wirkliche Begriffe schöpferisch hinzufügt. Der Deduktion ist er verwandt, insofern auch er von den Begriffen sich wieder zu den Wahrnehmungen hinwendet. Nur geht er dabei nicht von geoffenbarten (oder überlieferten) Allgemeinbegriffen aus und steigt bloß zu spezielleren, der Erfahrung näherstehenden herunter. Sondern er kehrt von selbstgeschaffenen Begriffen zur Erfahrung selbst zurück, wartend, ob und wie sie mit dieser eine Verbindung eingehen.


(Aus: Hans Erhard Lauer:

"Die Wiedergeburt der Erkenntnis"

- Die Erkenntnislehre Rudolf Steiners -

Der objektive Aspekt der Erkenntnis

S204

°

 

Geistige Forschung - Vom Land aufs Meer 

Anthroposophie als zeitgemässe Geisteswissenschaft 

 

   Mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft kann ein neues Paradigma greifen. Die alte Glaubenshaltung und die Ignoranz der neuen Wissenschaftsgläubigkeit halten gleichermaßen konkrete geistige Forschung nicht für möglich. Dabei wird übersehen, daß das ins pure Nichts führt. Man kann vielleicht ohne große Ideen ganz gut leben. Geschichte wird dann aber zur 'Fable convenue' gemacht(14.1). Der Aufruf zur Selbstbeschränkung des Menschen klingt schon um 200vC wie abgewandelt aus dem Mythischen ins Allzumenschliche, ein feiner Unterschied liegt darin, ob man die folgende Mahnung aus Götter- oder aus Menschenmund vernommen denkt:

 

"Gilgamesch, was streunst du einher? Das Leben, nach dem du suchst, wirst du nicht finden. Als die Götter die Menschheit erschufen, setzten sie der Menschheit den Tod, das Leben aber behielten sie in ihrer eigenen Hand. Du, Gilgamesch, laß voll sein den Bauch, und hab' Freude bei Tag und Nacht! An jedem Tag bereite dir Freude, spiele und tanze bei Tag und bei Nacht. Strahlen mögen all deine Kleider. Dein Kopf sei gewaschen, im Wasser seist du immer gebadet! Schau auf das Kind, das greift nach deiner Hand! Die Gattin möge sich immer erfreuen in deinem Schoß! Nur dies ist das Schicksal des Menschen"

 

    Spießer gab es auch schon früher. Sie sind allwissend und haben alles erreicht, was eben im Bereich ihrer Ideale liegt. Für Fragen nach der Unsterblichkeit haben sie kein Verständnis und leben im Hier und Jetzt(14.2). Fichte hat diesen Leuten schönes Wetter und ungestörten Kreislauf der Säfte gewünscht! 

Ohne Verständnis geschichtlicher Strukturen kann aber auch nicht neugestaltet werden und es bleibt dann alles im alten Geleise(14.3). Da Geschichte anders als das natürliche Leben vom Menschen gestaltet wird, entsteht hier ein Vakuum, in dem auch Gestaltungskräfte wirken können, die dann nicht menschlicher Herkunft sind. Und wer die Übernatur der Welt leugnet, der liefert sich der Unternatur aus(14.4). Herr Ratzinger hat im September 2011 in Berlin von dem Bösen gesprochen, das im Einzelnen und im Gesellschaftlichen wirkt. Die Kirche differenziert dabei nicht in Übernatur und Unternatur. Klerikern scheint die Übernatur gnadenbringend, obgleich aus dieser Region heute hauptsächlich Luziferisches wirkt. Industriellen ist die Unternatur gewinnbringend, den Technikern scheint sie beherrschbar trotz Katastrophen. Ahrimanische Intelligenz ist aber um Dimensionen größer und schneller als menschliche. Wissen wir bezüglich der Atomtechnik denn, wie die Welt nach einem Bruchteil der Halbwertzeiten aussieht, wo immer noch todbringende Strahlung produziert wird, auch wenn diese Form der Energieerzeugung längst überholt ist? Und sind denn die Atomwaffen schon abgeschafft? Was sind denn die großen Unbekannten in der Rechnung der Politiker und Techniker? Wenn einmal möglich ist, woran schon gearbeitet wird, daß menschliche mit maschineller Intelligenz gekoppelt wird, dann steht man nicht mehr Menschen gegenüber, sondern diesen großen Unbekannten. Menschlichkeit kann dann nur noch mit der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Zufallstreffern angefunden werden.

   

   Welchen Begriff von Verantwortung haben die Politiker, wenn sie diese wie bisher für die Atomtechnik übernommen haben wollen? Ein Herr Filbinger in Baden-Württemberg sagte dazumal, er'übernehme'die Verantwortung für die Atomkraftwerke. Hielt er sich für unsterblich? Da hat er nur sich selbst 'übernommen'. Und mit dem schon mehrmals eingetretenen'Restrisiko'fangen die Probleme ja erst an! Wenn ca. alle 25 Jahre statt für unwahrscheinlich gehaltenem Eintreten in höchstens einem Jahrtausend ein Atomunfall passiert, wie das jetzt realistischerweise auch öffentlich prognostiziert wird, dann sind das statistisch nach 1000 Jahren 40 havarierte Atomkraftwerke. Was ist mit der sicheren(!) Atomkraft? Der letzte GAU (größter anzunehmender Unfall) fand ausgerechnet in einem Ort namens Shima (Fuku/Hiero-) statt. Kann die Lebenssphäre der Erde das auf Dauer verkraften? - von der Gesundheit der Menschen ganz zu schweigen! Wohl nicht zuletzt deswegen erwägt man in Japan auch den Ausstieg aus der Atomkraft Die radioaktive Strahlung um Fukushima soll neuerlich gar nicht so hoch sein - welches Wunder soll denn da passiert sein? Mittlerweile werden schon Mutationen in der Tierwelt bei Schmetterlingen verzeichnet! Aber auch die sogenannte Entsorgung ist eine pure Illusion: Mit den atomaren Endlagern fangen die Sorgen doch erst an. Nicht umsonst gibt es in der Kette der Atomtechnik noch kein einziges Endlager, man spricht vom Atommülldilemma. Eine andere Statistik bewegt die Politiker jetzt zur Umkehr: die Wahlanalysen machen aus Wölfen Geissenmütter! Ein ganzheitlicher Blick zeigt: Moralische Technik kommt nicht ohne die Frage nach geistigen Prozessen und Wesen aus. Politiker und Atomphysiker stellen diese Fragen nicht.Ein Physiker, der auch Anthroposoph ist, Torger Holtsmark aus Norwegen, meinte einmal:

 

„die höheren Hierarchien sind bei der Gestaltung des menschlichen Schicksals Künstler“

 

Wenn schon einzelne Menschen aus ihrem Leben ein Kunstwerk machen können, was müssen dann die höheren Wesen für Künstler sein, die letztlich bis ins Physische gehende Vorgaben nicht nur für das einzelne menschliche Leben, sondern auch für ganze Epochen gestalten? Vielleicht können unvoreingenommene Physiker das am besten verstehen(14.5). Oder findet jemand das Leben langweilig? Dann trifft auf ihn die Aussage aus dem Faust zu:

 

„der Mensch liebt sich bald die unbedingte Ruh‘, drum geb‘ ich ihm den Gesellen zu, der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen“

   

     Man könnte auch sagen: Wer nicht hören will, muß fühlen. Und das Wissen um die Unternatur und ihre Wesen gehört zur Debatte um die Kernkraft. Wenn sie sich nicht dem Wirken der Unternatur ausliefern will, muß die neuzeitliche Menschheit sich von ihrer Vorlage - der physischen Welt - zur neu zu erforschenden Übernatur aufschwingen. Denn die Unternatur hat sich im letzten Jahrhundert in den technischen, menschlichen und sozialen Entgleisungen schon sehr zur Geltung gebracht.

    Die Frage nach der Übernatur, nach geistigen Wesen, auch nach Engeln, Erzengeln und höheren Hierarchien kann heute neu gestellt werden. Diese haben ihre Lebensumgebung zunächst in der ätherischen Welt, die sich im physischen Bereich in dem beweglichen Element des Wassers ausdrückt. Die Wasserprobe, die Karl der Große noch einem Abt überlassen konnte, kommt heute im Leben jedes Menschen in Betracht. Der Mainstream mag da bisher strömen in was für trockenen Gefilden auch immer, neue Paradigmen sind immer von Einzelnen geprägt worden: Vom Land aufs Meer (14.6), und demgemäß müßte es eigentlich bei Morgenstern heißen

 

„Wer zur Wahrheit wandert, der schwimmt allein“(14.7)

 

Auch die Orientierung, die man an alten Dogmen hat, verlieren sich – die geistige Welt ist kein Schwimmbassin mit abgeteilten Bahnen. Wer als Kind selbst das Schwimmen gelernt hat, weiß, wie schwer die Orientierung unter Wasser sein kann. Und in Sachen geistiger Erfahrung sind wir alle wie Kinder. Johannes der Täufer hat bekanntlich die Täuflinge untergetaucht, da konnte wohl schwerlich einer den Kopf über Wasser halten. Für den Psychologen C.G.Jung ist das Ich-Bewußtsein eine Insel im Meer des Unbewussten, wo es kollektive Archetypen des Seelischen gibt, aber keine geistige Wesenhaftigkeit. Steiner spricht vom Geistes-Meeres-Wesen, charakterisiert die darin wirkenden hierarchischen Wesen und präsentiert die Stufen der höheren Erkenntnis,wo als geisteswissenschaftliche Disziplinen Imagination, Inspiration und Intuition erarbeitet werden, die sonst nur der Künstler anwendet, der im übrigen, zumindest wissenschaftlich, vogelfrei ist(14.8). Und last not least: auch die Übernatur mit ihren Hierarchien wartet mit Widersachern, d.h. mit dem Bösen auf! Das gilt es genauso zu beachten, wenn die menschliche Mitte nicht verlorengehen soll! Goethe wußte davon und hat das in seinem Faust thematisiert. Die arkadischen Sehnsüchte der deutschen Klassiker, auch eines Fichte und Hegels werden mit den anthroposophischen Ergebnissen erfüllt und das Hölderlinsche Streben erlöst und in gesunde Bahnen gebracht(14.9). Das historisch gewachsene Gegenstandsbewußtsein droht mit dem Beginn des Wassermannzeitalters mit Neuem, noch nie Dagewesenen überschwemmt zu werden, das wie ein Tsunami aus dem Geistesmeereswesen sich auftürmt. Auch hier gilt es die wesenhafte Mitte zwischen oben und unten, zwischen Luzifer und Ahriman zu erringen. Dabei ist geschichtlich eine Umkehr zu erwarten: Der Christus ist im Jahre 33 zum Himmel aufgefahren, d.h. er hat sich mit dem ätherischen Umkreis der Erde verbunden, der all die Lebensprozeße im Jahreslauf ermöglicht. Heute kommt der Christus wieder - aus diesem gleichsam wässrigen Umkreis mit den Wolken des Himmels (14.10). Steiner spricht vom Erscheinen des ätherischen Christus, das im 20. Jahrhundert zu bemerken war, im Jahr 1933 kulminierte und gleichzeitig mit den bekannten Ereignissen seinen Widerpart erfahren mußte, der uns Menschen dieses Geschehen verdunkeln sollte(14.11). Wir sollten dem Christus entgegenrudern!

 

***

7b) Geistige Reife, Moral und Freiheit

Biographiearbeit aus Anthroposophie 

 

     Man darf vom Geisteswissenschaftler eine Reife erwarten, die nicht nur intellektueller Natur ist, sondern moralischer Art. Bei geistigen Schulungswegen gilt die Regel der Verhältnismäßigkeit:  "Mache einen Schritt in der Erkenntnis und drei in der Moral!"(15.1). Die Schulungswege führen zur Wahrnehmung geistiger Welten. Diese sind wesenhafter Natur und es handelt sich um Wesensbegegnungen, die aber auch vereinnahmend sein können, wenn es sich nicht um fortgeschrittene, zeitgemässe und damit freilassende Wesen handelt.

 

"Heute erkennen wir in einem Spiegel, dann aber von Ich zu Ich“(15.2)

 

    Der höchste Sinn des Menschen im Reigen der 12 Sinne, der Ich-Sinn, ist nach oben offen(15.3), und der Sinn der Sinne ist ja der, daß wir uns das Wahrgenommene gegenübergestellt sehen und so durchaus frei bleiben können. Im Übersinnlichen wird alles deutlicher durchschaut, als das unter Menschen so üblich ist. Wären wir alle wie Engel, dann könnten wir mit ihnen auch verkehren! Wer sich über brütende Meisen freut, wird nicht erwarten, daß er sich mit den Meisenkinderchen eines Tages unterhalten kann. Aber die Hierarchien dürfen das beim Menschen erwarten, denn sie haben ihn an die Schwelle der Freiheit geführt, wo er sich umwenden und dann seines Schöpfers als seines Urbildes bewußt werden kann. "Nach unserem Bilde" ist keine launige Bemerkung. Durch die Dreigliederung sind wir mit der Trinität verwandt. Religuere heißt Rückverbinden und betrifft das willensmäßige Verhältnis zum Vatergott. Gefühlte Moral hilft uns zur Besinnung und stellt eine Beziehung zu dem Sohnesgott her. Und der Anschluß an geistige Welten ist heute schon gelegt, er muß nur noch genutzt werden, wenn wir vielleicht auch die Software noch nicht downgeloaded haben.

 

   "...Mit Steiner beginnt etwas, was für viele Zeitgenossen zunächst obszön schien, aber auf die Dauer unvermeidlich, er hat die menschliche Subjektivität nach oben anschlußfähig gemacht. Er hat den Stecker entdeckt, mit dem man Energien anzapfen kann, die normalerweise aus der Konversation zwischen bürgerlichen Individuen längst verbannt war. Er hat Vertikale neu definiert und er hat es auch in eigener Person praktiziert..."Peter Sloterdijk (15.4)

 

     Ist das materialistisch gedacht? Seelenqualitäten können auch geformt, konfiguriert werden. Dann hat man ein geordnetes Seelenleben, und bildet entsprechende Organe aus – im Indischen heißen diese: Lotusblumen (15.5). Warum sollen sich die Götter nicht über einen solchen Blumenstrauß freuen? Unsere Verhältnisse sind vielleicht schon geistiger, als es uns dämmert, gerade weil zwischen Untersinnlichem und Übersinnlichem unterschieden werden muß. Die Illusion beginnt erst, wenn man virtuell sich schon im siebten Himmel wähnt, während gerade das Chaos in unserem geistigen Haushalt eingerissen ist. Tohuwabohu aus dem Hebräischen heißt eigentlich Unten alles wie oben, es ist eine hermetische Weisheit aus der ägyptischen Zeit der Juden, das Hexagramm ist auch das Zeichen des Makrokosmos(15.6).

 

Sechseck, Sechsstern

Hexagramm: Kosmos, Tohuwabohu = unten wie oben

      Kosmos heißt Ordnung. Da die Erde eine Pflanzstätte für freie Geister ist, sind Kollisionen mit dieser Ordnung vorauszusehen(15.7). Das muß dem Pflanzer aber klar gewesen sein! Was fruchtet und was nicht, sehen hierarchische Wesen genau. Wenn wir in unserem täglichen Denken und Handeln die geistigen Wesen mit Erfolg vertreiben, wissen wir ja nicht, welche Möglichkeiten in unserer nachtschlafenden Zeit die Engel haben, um uns zu durchschauen und tiefe Einsichten einzugeben. Nur greifen die fortgeschrittenen geistigen Wesen nicht in die Freiheitssphäre ein, auch wenn es da böse aussieht. Wer seine Freiheit verspielt, ist eigentlich selber schuld, denn wir können zwischen Gut und Böse unter- und entscheiden(15.8). Es ist eine Frage der Moral. Luzifer kann dann zum Diener des Heiligen Geistes werden. In der Gralsgeschichte wird diese Beziehung Luzifers zu dem Christus, der der Menschheit den Heiligen Geist erst vermittelt, in einer Imagination dargestellt: Im Kampf mit dem Erzengel Michael verliert Luzifer einen Stein aus seiner Krone, als er auf die Erde stürzt. Aus diesem Stein wurde eine Schale geformt, in der beim Mysterium von Golgatha das Blut des Christus aufgefangen wurde, nachdem dessen Seite durch den Römer Longinus geritzt wurde, als dieser zu prüfen hatte, ob noch Leben in dem gekreuzigten Körper ist. Dieser Gral mit Christi Blut wurde zentraler Inhalt der Gralssage im Mittelalter. Wie er räumlich und zeitlich dahinkam, wird in diesem Zusammenhang ebenfalls beschrieben(15.9). Zu welchem Eingreifen die Engel in der Lage sind und was daraus wird, wenn tagwache Menschen nicht das Menschenmögliche tun, das führte Steiner in einem Vortrag aus: Was tut der Engel in unserem Astralleib? (15.10)Freiheit kann auch zu Scheußlichkeiten führen: Wir sind so frei. So ermöglicht das Böse aber auch entwicklungsgeschichtlich die Freiheit, die nicht entstanden wäre oder entstehen könnte, wenn der Mensch immer im Willen der Gottheit beschlossen geblieben wäre. Irrtum und Lüge sind die seelischen, Alter, Krankheit und Tod die leiblichen Begleiterscheinungen der Freiheitsentwicklung des Menschen. Der buddhistischen Abwendung von der Inkarnation hat der Christus die Ausgleichsmöglichkeiten zugesellt, die durch seine Erlöser-Gnade im Bilde des guten Hirten gegeben sind. Dadurch wird der Entwicklung der Zukunftsaspekt in lichtvoller Weise erschlossen und dem Verirren und Erkranken der Heilerimpuls verhiessen, der ja mit dem Heiligen Geist verbunden ist.

 

Dazu LauerIII, S189/90:

...Das luziferische Böse, dem wir die Geburt unseres Ichbewußtseins und unserer Freiheit verdanken, braucht nicht mehr gemieden zu werden, kann es auch gar nicht, da wir seine Frucht alle in uns tragen und uns dieser nicht mehr entäußern können, ohne uns dem Gang der Entwicklung entgegenzustellen. Wir brauchen es aber auch deshalb nicht mehr zu meiden, weil wir durch das Golgatha-Ereignis die Möglichkeit erlangt haben, unsere Ichheit und unsere Freiheit, soweit sie noch selbstsüchtig-egoistisch sind, zu läutern und zu verwandeln. Heute besteht die eine moralische Hauptaufgabe des Menschen darin, sein Ich, sein Selbst durch entsprechende Läuterung und Wandlung über die Sphäre des bloß Persönlichen hinaus zu erweitern und (wie im Kapitel über die drei Sphären der moralischen Verantwortung geschildert) in seine Interessen und seine Verantwortung die Belange der ganzen Menschheit, ja der Erde aufzunehmen. (Insofern ist die in der Einleitung wiedergegebene Charakteristik Alfred Webers vom Wesen des Guten und des Bösen durchaus zutreffend). Soweit der Mensch dies vermag, ist er - nach der Darstellung Rudolf Steiners - in der Lage, luziferische Mächte selbst von dem zu "erlösen", was sie zu "bösen" macht. Dann werden gerade sie es, die ihm beim Aufschwung zum Geiste, beim Ergreifen höherer Erkenntnisse hilfreich zur Seite stehen. Durch Christus wird, was Luzifer in der Menschheit begonnen, im rechten Sinne weitergeführt und geheiligt: die Freiheit, die einst das Böse war, wird jetzt selbst das Gute. In der Fähigkeit der "moralischen Phantasie", in der sie sich nun äußert, wirkt als ihr Inspirator der erlöste Luzifer. Wir sehen hier vom kosmischen Aspekt her, was wir früher vom menschlichen her darstellten. Eine ältere Zeit kleidete dieses Geheimnis in die Worte "Christus verus Luciferus" (Christus ist der wahre Luzifer).

Das ahrimanische Böse aber zu bekämpfen, hat heute seinen Sinn verloren. Denn wie früher im Zeichen Luzifers, so steht heute die Menschheitskultur (mit dem "intellektuellen Sündenfall" - LauerIII,S160) nun einmal im Zeichen Ahrimans. Auch er ist, wie früher schon bemerkt, noch nicht ein absolutes, sondern nur ein relatives Böses. Das heißt: auch er hat seine positive Mission. Wir haben oben geschildert, wie seiner Wirksamkeit alles zu verdanken ist, was als moderne Naturwissenschaft, Technik und Wirtschaft sich entwickelt hat. Ohne diese vermöchte die Menschheit weiterhin nicht mehr zu existieren. Es kann sich also nicht darum handeln, sie bekämpfen oder gar abschaffen zu wollen. Die Aufgabe kann nur darin liegen, den schädlich- gefährlichen Wirkungen, die von dieser Dreiheit ausgehen, ausgleichende Gegengewichte entgegenzustellen. Solche können aber nur von einer Geisteserkenntnis geschaffen werden, welche das Positive, das in den Errungenschaften unserer heutigen Zivilisation liegt, als Kraft-Element auch in sich trägt. Und so gestaltet sich nach dieser Seite hin zur andern moralischen Hauptaufgabe diese, den Kräften des Todes, welche die moderne Zivilisation durchwirken, immerfort jenes unvergängliche geistige Leben abzuringen, aus dessen Quellen heraus er dereinst auch für das äußere Dasein wird überwunden werden können.

  Das Grundmotiv, auf das hier noch hingewiesen werden sollte, ist also dasjenige, was die Tiefenpsychologie als das "Annehmen und Integrieren des Bösen" bezeichnet. Es wurde ebenfalls, vom Gesichtspunkt der menschlichen Freiheitsentwicklung aus, an früherer Stelle schon geltend gemacht und sollte hier nur ergänzend auch vom Aspekte der kosmischen Mächte aus noch hervorgehoben werden. Es gilt heute, zu erkennen, daß diese, insofern sie die "bösen" sind, nicht geflohen oder bekämpft, sondern in ihrer auch positiven Funktion bejaht und, insoweit sie als böse wirken, verwandelt werden sollen. Damit wächst der Mensch über seine bloß menschliche Beurteilung derselben hinaus und allmählich in neuer Art in eine kosmische Schau ihres Wesens hinein, wie er ja selbst auch in die Zukunft hinein aus einem bloß irdischen zu einem dem ganzen Kosmos angehörigen Wesen sich entwickeln soll. 

 

 ***

Rudolf Steiner hat auf die Bedeutung der Texte Goethes zur Metamorphose der Pflanze als Meditationsstoff hingewiesen. Daher hier + auf der nächsten Seite:  

Dia-Shows, Bilder und Texte zur Pflanze im Jahreslauf 

Zunächst das Prosagedicht:

Die Metamorphose der Pflanzen

Johann Wolfgang von Goethe

 

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung dieses Blumengewühl über dem Garten umher; viele Namen hörest du an, immer verdränget mit barbarischem Klang einer den andern im Chor. Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern; und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, auf ein heiliges Rätsel. O könnt ich dir, liebliche Freundin, überliefern sogleich glücklich das lösende Wort! -  

  Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze, stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht. Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde stille befruchtender Schoß hold in das Leben entläßt und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten, gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt. Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt. Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos; trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt, quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend, und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht. Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung, und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind. Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet, Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild. Zwar nicht immer das gleich; denn mannigfaltig erzeugt sich, ausgebildet, du siehsts, immer das folgende Blatt, ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile, die verwachsen vorher ruhten im untern Organ.

  Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung, die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt. Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche, scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein. Doch hält hier die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung an, lind lenket sie sanft in das Vollkommnere hin. Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße, und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkungen an. Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke, und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus. Blattlos aber und schnell erhebt sich der zärtere Stengel, und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.

  Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin. Um die Achse gedrängt entscheidet der bergende Kelch sich, der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt.  

  Also prangt die Natur in hoher, voller Erscheinung, und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft. Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die Blume über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt.

  Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung. Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand, und zusammen zieht es sich schnell; die zärtesten Formen, zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt. Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen, zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar. Hymen schwebet herbei, und herrliche Düfte, gewaltig, strömen süßen Geruch, alles belebend, umher. Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime, hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt.

Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte; doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an, daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge, und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.

  Nun, Geliebte, wende den Blick zum bunten Gewimmel, das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt. Jede Pflanze verkündet dir nun die ewgen Gesetze, jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir. Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern, überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug.

  Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,

bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.

  O, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft nach und nach in uns holde Gewohnheit entsproß, Freundschaft sich mit Macht in unserm Innern enthüllte, und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt. Denke, wie mannigfach bald diese, bald jene Gestalten, still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn!

  Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf, gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt. 

***  

Die Bilder werden auf der nächsten Seite gebracht

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"Gilgamesch, was streunst du einher? Das Leben, nach dem du suchst, wirst du nicht finden. Als die Götter die Menschheit erschufen, setzten sie der Menschheit den Tod, das Leben aber behielten sie in ihrer eigenen Hand. Du, Gilgamesch, laß voll sein den Bauch, und hab' Freude bei Tag und Nacht! An jedem Tag bereite dir Freude, spiele und tanze bei Tag und bei Nacht. Strahlen mögen all deine Kleider. Dein Kopf sei gewaschen, im Wasser seist du immer gebadet! Schau auf das Kind, das greift nach deiner Hand! Die Gattin möge sich immer erfreuen in deinem Schoß! Nur dies ist das Schicksal des Menschen" (s.nebenan)


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Rudolf Steiner hat auf die Bedeutung der Texte Goethes zur Metamorphose der Pflanze als Meditationsstoff hingewiesen. Daher hier + auf der nächsten Seite:  

Dia-Shows, Bilder und Texte zur Pflanze im Jahreslauf 

Zunächst das Prosagedicht:

Die Metamorphose der Pflanzen

Johann Wolfgang von Goethe

 

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung dieses Blumengewühl über dem Garten umher; viele Namen hörest du an, immer verdränget mit barbarischem Klang einer den andern im Chor. Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der andern; und so deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, auf ein heiliges Rätsel. O könnt ich dir, liebliche Freundin, überliefern sogleich glücklich das lösende Wort! -  

    Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze, stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht. Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Erde stille befruchtender Schoß hold in das Leben entläßt und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten, gleich den zärtesten Bau keimender Blätter empfiehlt. Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes Vorbild lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt. Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos; trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt, quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend, und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht. Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung, und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind. Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet, Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild. Zwar nicht immer das gleich; denn mannigfaltig erzeugt sich, ausgebildet, du siehsts, immer das folgende Blatt, ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile, die verwachsen vorher ruhten im untern Organ.

     Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung, die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt. Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche, scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein. Doch hält hier die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung an, lind lenket sie sanft in das Vollkommnere hin. Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße, und gleich zeigt die Gestalt zärtere Wirkungen an. Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke, und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus. Blattlos aber und schnell erhebt sich der zärtere Stengel, und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an.

     Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin. Um die Achse gedrängt entscheidet der bergende Kelch sich, der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt.  

     Also prangt die Natur in hoher, voller Erscheinung, und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft. Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die Blume über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt.

     Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung. Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand, und zusammen zieht es sich schnell; die zärtesten Formen, zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt. Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen, zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar. Hymen schwebet herbei, und herrliche Düfte, gewaltig, strömen süßen Geruch, alles belebend, umher. Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime, hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt.

Und hier schließt die Natur den Ring der ewigen Kräfte; doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an, daß die Kette sich fort durch alle Zeiten verlänge, und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei.

     Nun, Geliebte, wende den Blick zum bunten Gewimmel, das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt. Jede Pflanze verkündet dir nun die ewgen Gesetze, jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir. Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern, überall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug.

  Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig,

bildsam ändre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt.

     O, gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft nach und nach in uns holde Gewohnheit entsproß, Freundschaft sich mit Macht in unserm Innern enthüllte, und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt. Denke, wie mannigfach bald diese, bald jene Gestalten, still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn!

     Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf, gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt.