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1) Burning Bush

burning bush

"Der brennende Dornbusch" - Aquarell von Bianca Nichtern, Absolventin der Artaban-Schule - Katharina Gutknecht Berlin

Geschichtsphilosophie aus Anthroposophie - Intro:

   Hier handelt es nicht von Buschbränden, wie sie seit lemurischen Zeiten in den ewigen Kreisläufen der Natur vorkommen, es handelt nicht von der Asche der schwelenden Geschicke der Menschheits-geschichte, nicht von der Asche, die das Dogma vom künftigen Wärmetod des Universums prophezeit. Auch nicht dem Geist, der Asche auf das Haupt und Sand in die Augen streut, soll hier Raum gegeben werden. Worum es geht, läßt sich mit Goethes Faust sagen:   

"Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, 

Wenn es nicht aus der Seele dringt 

Und mit urkräftigem Behagen 

Die Herzen aller Hörer zwingt. 

Sitzt ihr nur immer! Leimt zusammen, 

Braut ein Ragout von andrer Schmaus, 

Und blast die kümmerlichen Flammen 

Aus eurem Aschenhäufchen 'raus! 

Bewund'rung von Kindern und Affen, 

Wenn euch darnach der Gaumen steht – 

Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen,

Wenn es euch nicht von Herzen geht"  

Die vier Grade der inneren Entwicklung, abgebildet in den Stufen des Raben, des Pfaus, des Schwanes und des Pelikan (Stein: Weltgeschichte im Lichte des Heiligen Gral). Der Pelikan steht nicht im Feuer wie der Phoenix, der verbrennt und aus der Asche wiedergeboren wird. Der Pelikan ist in der Symbolik der Vogel, der notfalls seine Jungen mit 

eigenem Blut füttert, der Gipfel der Selbstlosigkeit! Dies ist hier dargestellt. Das böse Gegenbild stellt sich in den Herren/Damen dar, die sich in wohltätigen Veranstaltungen das Hemd aufreissen, Herzlichkeit zur Schau stellen, es sich ansonsten aber gut gehen lassen. Anhang 18 Poeppig, Goethe.

 

  Es geht um die Asche, aus der der Vogel Phoenix seine Wiedergeburt erlebt, um die befeuernde Begeisterung an der Philosophie der Geschichte, und es soll gleich gesagt werden, in welchem Geist diese hier behandelt werden soll. Die Begründung der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie - denn es geht ja seit der Aufklärung um den Mut, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen - kommt auf den folgenden Seiten nicht zu kurz, die Bezüge auf Rudolf Steiner und seine Schüler werden 

benannt. Das Motto, das über dem Quellen-verzeichnis mancher Doktorarbeit stehen sollte: "Ja, ich weiß, woher ich stamme", ist das eigentliche Motiv der Geschichts-philosophie und ganz persönlich zu nehmen. Der Mensch der Postmoderne kommt nicht mehr mit sich zurecht, wenn er sich nicht eine solche Antwort geben kann. Gleichzeitig ist dieses Zitat eine Warnung am Eingangstor der Philosophie seit 1889:


"Ja, ich weiß, woher ich stamme 

Ungesättigt gleich der Flamme. glühe und verzehr' ich mich.  

Licht wird alles, was ich fasse, Kohle, alles, was ich lasse".


Nietzsche ist zwar auch schon Asche, das Problem Nietzsche lebt aber weiter. Diskursives Denken und gefühlvolles Wähnen kommen heute nicht mehr an ein Ziel. Die Philosophen können aber nicht wie die Päpste die Unfehlbarkeit in Anspruch nehmen, die diesen seit 1870 zugesprochen wird. In ihrer Hybris ist diese "Infallibilität" aber nicht weniger eine geistesgeschichtliche Katastrophe wie die Fallibilität eines Nietzsche 1889 nur in geistig entgegengesetzter Art. Erst ein lebendiges Denken, wie es Rudolf Steiner in seiner 'Philosophie der Freiheit' 1894 aufspürt und mit dem er die Anthroposophie begründet, hilft weiter (GA4,LauerIIIS69ff). Zwischen die Barbarei des toten Kopfdenkens und die Wildheit manischer Willkür stellte schon Schiller die 'ästhetische Gesinnung'. In ihr kommt das Rein-

Menschliche ins "Spiel", zwischen 'Form- und Stofftrieb', die den Menschen in die Selbstentfremdung treiben und ziehen. Nicht nur durch Anthroposophie fällt es auf, daß Goethes Mephisto zwei Gesichter hat: zum einen das kalte, anzügliche und zum andern den Hitzkopf. Seit jeher kleiden die Kostüm-bildner den einen grau-schwarz, den anderen rot-schwarz. Steiner entlehnt nur die Namen, nicht die Erkenntnis dieser Wesen: Aus dem Persischen, wo dieser in der Menschheitsentwicklung erstmals eine bemerkbare Rolle spielte, den Namen "Ahriman", für den anderen den Namen "Luzifer" aus dem Lateinischen als dem biblischen Lichtbringer am Baum der Erkenntnis, der die Vertreibung aus dem Garten Eden verursachte. Der Cherub mit dem flammenden Schwert war nur der Vollstrecker. 

 

  In einem mittelalterlichen Taufspruch aus der Zeit der Rosenkreuzer heißt es: "...Die Asche kehre zurück zu dem lebendigen Wasser (das im alten und im neuen Paradies sprudelt) und werde zur fruchtenden Erde und lasse sprießen den Baum des Lebens. Im Salze der ewigen Weisheit und im Wasser der Wiedererneuerung und in der Asche, die die neue Erde sprießen läßt, geschehe alles...". In der aus der Anthroposophie erneuerten Christengemeinschaft spielt Asche im Taufsakrament eine zentrale Rolle. Asche erweist sich aber als nur ein Aspekt, gründliche Forschung kommt wie die Alchymisten immer in der einen oder anderen Weise auf zwei weitere konstitutionelle Aspekte, besonders wenn es sich um Werdendes und Lebendiges handelt.  "Aller guten Dinge sind Drei" - der Volksmund spricht damit wie Tolstois 'drei Greise' naiv die Trinität an. 

Die Dreiheit, man mag sich drehen und wenden, kommt überall zur Erscheinung - in Mineral, Pflanze, Tier und Mensch (nebenstehende Bildergalerie) und erst recht in der Welt der geistigen Hierarchien. "...Diese Zuordnung hat ihr Abbild wiederum im Pflanzenwesen, insofern in dem den menschlichen Haupteskräften entsprechenden Wurzelbereich das Salzartige (Sal), im Blatthaften das Merkurialische, im Blütenhaften das Sulfurische sich offenbart. In der irdischen Dreiheit offenbart sich wiederum die himmlische, und zwar, wenn wir von der Dreigliederung des menschlichen Organismus ausgehen, im Salzprinzip (Sal, Wurzelkräfte, Haupteskräfte) der Vater, im Merkurialisch-Rhythmischen der Sohn, im Sulfurischen, das den unteren Menschen beherrscht, der Geist. So auch Angelus Silesius:

Daß Gott dreieinig ist, zeigt dir ein jedes Kraut,

Da Schwefel, Salz, Merkur in einem wird geschaut..."

(aus:  8b Beckh: Alchymie 2-3) 


Und immer ist die Mitte zwischen Gegensätzen das Problem und gleichzeitig die Erfüllung, die sich zwar in den Geschlechtern manifestiert, aber urbildlich ein geistiges Geschehen ist. Der androgyne Mensch der ersten Schöpfung war noch nicht in den Gegensatz gefallen, der die individuellen von den kollektiven Belangen trennt bzw. die irdischen von den geistigen. Der 'Sündenfall' besteht hauptsächlich in diesem Geschehen (3e Ursprung im Lichte I und Fred Poeppig: Ursymbole der Menschheit, Anhang 18b)    Und so motiviert das oben gezeigte Logo, das ich den "burning bush" nennen möchte, auch mit der Bildhaftigkeit aus der Anthroposophie heraus zu beginnen, die seit biblischen Zeiten das geistige Streben des Abendlandes kennzeichnet. Das ist kein Rückfall in den Mythos, denn fällig ist ein Aufstieg in das Verständnis mystischer Tatsachen (Lorenzo Ravagli, Steiner GA8),

gerade wenn man Geschichte anhand alter Texte verstehen und dabei in der Postmoderne angekommen sein will. "Imagination an die Machtl" wurde nicht nur von den 68-ern gefordert, sondern ist die Forderung des Denkens dieser Postmoderne, die über kahles, kaltes Schädeldenken und pures Machtstreben hinaus die goldene Mitte sucht. Den Alchymisten war Gold das Sinnbild und Ziel dieser Mitte, die der Christus in der Menschheitsentwicklung verkörpert (Abbildung der Holzplastik Rudolf Steiners des 'Menschheitsrepräsentanten' im Goetheanum/Schweiz). Zeichenhaft wird der Ab- und Aufstieg der Menschheitsgeschichte im Bild der Parabel verständlichRudolf Steiner hat sich in diesem Zeichen geoutet und der Anthroposophie damit eine zentrale Stellung im Weltgeschehen gegeben. (Anna Samweber: Aus meinem Leben):

   A                       +                         O

Eine kleine physikalisch/geschichtsphilosophisch/theologische Denkaufgabe:

Bei einer Skaterbahn kommt der Schwung vom Abwärtsfahren.  

Was bewirkt, daß es wieder aufwärts geht ohne Terrainverlust?

Beim Skater ist die Frage gleich gelöst: Der Skater - also ein Lebewesen!

Eine Kugel rollt hinunter und herauf, aber nur, bis der Schwung verbraucht ist. 

Wer bewirkt den Aufschwung in der Menschheitsgeschichte? 

Der Vater? Der Sohn? Der Heilige Geist?

Throne, Cherubim und Seraphim opfern sich in die Schöpfung = abwärts (Vater) 

Kyriotetes, Dynameis, Exusiai bearbeiten das Geschaffene = in der Mitte (Sohn) 

Archai, Archangeloi, Angeloi verwalten das Gewordene = von unten (Geist) 

Die Geschöpfe leben in dem Geschaffenen, jedes nach seiner Art.

Der Mensch ist so frei, daß er sich seine Bestimmung + Ortung selber gibt.

Nicht enthalten in dieser Fragestellung ist die Linie, die nur weiter nach unten führt und in der materialistischen Kultur die unbewußt bestimmende ist: die biologische und planetarische Alterslinie, die rein physiologisch betrachtet, nun einmal nur unter die Grasnarbe führt bzw. in den Wärmetod.

s.a.  Anhang 18 Poeppig, Goethe

  Joachim de Fiore wird in einer modernen politologischen Analyse als Vordenker eines ganzen Jahrtausends und Urheber der 'Ideologie der beginnenden Neuzeit' bezeichnet, die in Kommunismus und Sozialismus ihren Ausdruck findet, bis hin zu den politischen Entwürfen der Grünen (Matthias Riedl: Joachim de Fiore S336). Seine 'Bruderschaften autonomer Personen' - in Abgrenzung zum hierarchisch klösterlichen Leben - schaffen das Reich der Freiheit und bewirken schließlich das Absterben des Staates zugunsten der Autonomie des Geistes. Joachim de Fiore hat die Menschheitsgeschichte dreigegliedert in die Zeitalter des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Im dritten Zeitalter entsteht die Empathie der autonomen Geister. Die Schüler-Studentenbewegung, auch die Friedens-Atomkraftgegnerbewegung und die Selbstver-waltungsinitiativen bis hin zum 'Marsch durch die Institutionen' und der Grünen-Parteigründung ist von ihnen verursacht. 

Ein Kulminationszeitpunkt ist das Jahr 1968, 700 Jahre nach Joachim Fiores 'Zeitalters des Heiligen Geistes', des von ihm so benannten 'Dritten Reiches'. Diese Bezeichnung wurde von den Faschisten in einer furchtbaren Verzerrung der modernen Geschichtsimpulse in Anspruch genommen. Aber auch heute, überall wo kollektive Strukturen höher bewertet werden als individuelle Anliegen, wirkt dieser faschistische Virus (3a-f Das individuelle Prinzip).  Wo liegen die Ursprünge der geschichtlich-fortschrittlichen Entwicklung? In dem nebenstehenden Text Hans Erhard Lauers, der die Geschichtsphilosophie aus der Anthroposophie heraus begründet, finden sich die neuzeitlichen Paradigmen ganz im Geiste des Joachim de Fiore, der von der Bibelexegese ausgegangen und im Gegensatz zu den Templern der Ketzerverfolgung knapp entgangen ist. Ihm fühlte sich Hans Erhard Lauer wesenhaft verbunden (Lauer, Im Frühlicht des Geistes). 

 *

    Gerade die Bibel beschreibt die Einsetzung einer Kultur, die wie keine andere eine menschheitliche Dimension hat und auf den hinführt, der das + O der Mensch-heitsgeschichte darstellt (Apok.21,6). Man spricht von Inauguration durch berufene Eingeweihte. Aber selbst Augustinus, der nur ein Zeitalter des Vaters und eines des Sohnes annimmt und die lineare Geschichtsauffassung den Kreisläufen der Natur entgegengesetzt hat - die Parabel symbo-lisiert beide - (LauerI), konnte den Umschlag vom alttestamentarischen Empfinden in neutestament-liche Zeiten noch nicht realisieren, wo nicht mehr ewige und kollektive Vorbestimmung waltet, 

sondern mit der Aussendung des 'Parakleten'- der Ausgießung des 'Heiligen Geistes'- die Freiheitsveranlagung des einzelnen Menschen, der sich nicht mehr geknechtet sehen muß und will, ein konstitutives Element wird (Anhänge 1-17Anhang I). Nur in alten Zeiten war der Einzelne tatsächlich unfrei, Volksautoritäten und ihre Gesetze haben sein Tun und Lassen bestimmt, weil er sich selber noch nicht lenken konnte. Erziehung zur Freiheit war aber das Ziel aller fortschrittlichen Kulturen. Lessing hat diesem aufsteigenden Aspekt der Geschichte ein würdigendes Dokument gewidmet: 


'Die Erziehung des Menschengeschlechts'.

Anthroposophie erhebt diese Schrift in den Rang eines zentralsten Dokuments.

*

   So stand einmal ein Mensch auf einem Berg vor einem Dornbusch, der brannte, ohne dabei zu verbrennen. Er vernahm aus diesem 'Burning Bush' den Namen seines Gottes, schaute das Werden der Schöpfung in den 'sieben Tagewerken' und empfing die Weisungen für die Mission seines Volkes paradigmatisch in den 'Zehn Geboten', und für die 'Stiftshütte' - diesen mobilen Tempel - und erließ weiterhin noch mehr als 600 Gesetze und Verfügungen (Man zähle im Alten Testament einmal nach!).    Solche alttestamentlichen Bilder können Kindern ein starkes Erlebnis sein. Und wenn ein solcher Mensch später das Glück hat, die Bildersprache zu verstehen, dann ist die Bibel für ihn gerettet. Man ist kein unmoderner Mensch, wenn man als Kind mit archaischen Bildern umgegangen ist. Man wird aber zum Fundamentalisten, wenn man 

zum Fundamentalisten, wenn man  beim Offen-barungsglauben stehenbleibt,der heute nur noch zum Ungeist führt. Dieser hat in der modernen Geisteswissenschaft auch einen Namen - man fuhrwerkt unerleuchtet dann wie der Riese in Goethes 'Märchen' in der sozialen und geistigen Welt mehr oder weniger zerstörerisch herum. Der Urheber der Bibel dagegen war ein Eingeweihter in den riesigen Tempeln Ägyptens gewesen. Mit seinem Namen sollte Israel fortan verbunden bleiben. Das kulturstiftende Wissen des Juden Moses und auch das des Ägypters  Hermes führt aber noch weiter zurück in urpersische Zeiten, als Zarathustra in seinen Feuertempeln die Wege der 'großen Sonnenaura' hin zur Erde erforschte und die Träger der folgenden ägyptischen und jüdischen Kultur mit seinen Kräften ausstattete  (GA 109). 


"Die Welt ist tiefer, als der Tag gedacht"

(Friedrich Nietzsche)

   "...In jenen Seelentiefen ist Zarathustra mehr als ein Name, den dann irgendeine Willkür oder Laune des Tagesbewußtseins aufgreift und irgendwo hinstellt. In diesen Seelentiefen, in denen ja die höchste aller Wesenheiten, die kosmisch-irdische Wesenheit des Christus gefunden wird, existieren auch alle diejenigen großen Persönlichkeiten der Vergangenheit und Zukunft, die in ihrem Zusammenwirken mit Christus erst den großen Christus-Sinn der Weltgeschichte in einer ganz konkreten Weise erkennen lassen, da führt die Seele eine ganz reale Zwiesprache auch mit Krischna und Buddha, mit Moses und Elias, mit Salomo und Hiram, mit Plato und Aristoteles. Dort unten lebt sie auch zusammen mit der Geistpersönlichkeit des großen 

Gesetzgebers der Urzeit, des ersten, der der Menschheit einer noch kindlichen Urzeit vom Sinn der Erde, von Entwicklung im Kampf des Lichts gegen die Finsternis, von Persönlichkeit, Willenserziehung und Willensfreiheit sprach, des ersten, der sie Gut und Böse erkennen lehrte, des ersten auch, der sie auf Christus und Christus-Erdenzukunft hinwies, des Verkünders des großen Weltenjahres und der Wiederkehr aller Dinge, Zarathustra. Da findet sie den Zarathustra, von dem wir in Büchern und äußeren Dokumenten nur eine so fragwürdige Überlieferung haben, in seiner lebensvollen Wirklichkeit..." (Hermann Beckh, Mitbegründer einer "Christengemeinschaft" aus der Anthroposophie heraus: Zarathustra, s.a. Anhänge 1-17).

*

   Als die Zeit für die Eigenständigkeit des für den Messias 'auserwählten' - Volkes gekommen war, wurde es von Moses aus Ägypten durch die 'Wüste' in die 'Mitte der Erde' (Schad/Suchantke/Schmutz, Bock: Moses) an den Jordan geführt. Genaugenommen handelte es sich um eine paradigmatische Umerziehung über 40 Jahre hin, so daß die neue Generation keine Erinnerungen mehr an die alte imaginative Kultur Ägyptens hatte und über den Jordan hinüber in das 'Gelobte Land' von Moses Nachfolger Josua erst geführt wurde, als die 12-stämmigen Nachkommen der Brüder Josephs, wie an Abraham vorausgesagt nach der kosmischen Ordnung differenziert, zu bildlosem intellektuellen Denken und damit zum inspirativen Studium des Wortes Gottes und zur Avantgarde der Menschheit gereift waren. Jeder Stamm bekam ein eigenes Territorium zugeteilt und erkämpfte dieses von der schon ansässigen Bevölkerung 'mit der Schärfe des Schwertes' - da ging es prosaisch mosaisch zu, denn die vorchristlichen Geschehnisse waren nur innerhalb enger Blutgrenzen brüderlich. Die heutigen Zionisten outen sich als Alttestamentarier, wenn sie genauso verfahren, denn der Name Josua ist auch eine Prophetie auf Jesus, den Messias, dessen Reich 'nicht von dieser Welt' ist und der sich die Waffen im Kampf mit dem 'Fürsten dieser Welt' nicht von diesem diktieren läßt (Bock: Moses). Man denke an die 'geistige Waffenrüstung' des Paulus.

Wegen dieser kosmisch-menschheitlichen Wende vom kriegerischen Mars zum heilenden Merkur wurde der prophetische Aufwand des Alten Testamentes getrieben, wo immer auf einen künftigen Heiland hingewiesen wurde.

Warum auch sollte Zukunft vorausgesagt werden, wenn es nur um 'neuen Wein in alten Schläuchen' gehen würde? Der Merkurstab ist das Zeichen der Heil- und Pflegeberufe - da ist auch der 'Landwirt', ein Pflege-"Kultur"-Beruf nach dem Motto: 'Schwerter zu Pflugscharen'. Aus der Anthroposophie können diese Bilder neu gegriffen werden. Der biblische Elias (=Weg), der sich zu Moses (=Wahrheit) verhält wie der Gegensatz des roten zum blauen Blut, geht all diesem voran. Auch im Salomonischen Tempel sind diese Farben zu finden: an den Säulen Boas und Jachin, die für Stärke und Weisheit stehen (1.Könige 7,21). Zur Zeit der prophetischen Erfüllung sind Elias und Moses auf dem 'Berg der Verklärung' gleichzeitig gegenwärtig - im Geiste der Stärke (Weg) und Weisheit (Wahrheit) -, und ihre Gegensätzlichkeit wird überhöht und ausgeglichen durch den Messias (Anhang 13b-Der Lebensbaum), der bald darauf die Menschheit mit kosmischer Essenz impft, die in seinem Blut den irdischen Ausdruck findet. Er ist nicht nur stark oder weise, er hält es mit der selbstlosen Liebe, ist aber nicht das naive 'liebe Jesulein', sondern führt auch das 'zweischneidige Schwert' (im Munde - nicht in der Hand!). Der Messias aber war in übertragenem Sinne der erste Blutspender, der aber nicht mehr einer Nationalität (Geburtszugehörigkeit) oder Blutgruppe zuzuordnen ist. Im 'Stein der Weisen', auch der Gral genannt, wurde der Sage nach das heilende Blut des 'Erlösers' in einer Schale des Joseph von Arimathia durch Longinus, den römischen Söldner, aufgefangen und fortan von einer heiligen Ritterschaft im esoterischen Christentum gehütet, nach dem Motto:


"Auf daß die Erde einst auch Sonne werde".

Christian Morgenstern


Denn die Erde soll der 'Planet der Liebe' werden, wie ihre planetarischen Vorgänger die 'Planeten des Lebens und der Weisheit' waren, auch wenn es damals wie heute jeweils gar nicht nach solchen idealen Qualitäten aussah und aussieht (SteinerGA13). In der Entwicklung kommt es immer zu Polarisierungen, bis schließlich die Gegensätze sich ausgleichen - wie in der Goetheschen Steigerung oder der Hegelschen Synthese. Im 'Neuen Jerusalem' (Apokalypse 22,2), das so weit in der Zukunft liegt wie das mosaische 'Tagewerk' in der Vergangenheit, findet sich all das wieder. In der Mitte dieser Zeiten wurde die 'Weltseele' an das Kreuz geschlagen (Plato-'Timaios'/Justin/Irenäus). Lebendiges Denken überwindet im Laufe der Heilsgeschichte (Augustinus) den Todesaspekt des Erkenntnisbaumes und findet wieder den Zugang zum Lebensbaum. Manche Kreuzigungsbilder zeigen deswegen das Kreuz in grünendem Holz (Anhang 13b) und es wird gesagt, daß Gott die Weisheit und die Macht mit seinen Widersachern geteilt habe, nicht aber die Liebe (GA143,209). Durch die Schlange am Baum der Erkenntnis - Luzifer heißt 'Lichtbringer, Lichtträger', hat im Menschen das Bewußtsein "gezündet". Die Schlange hat einen in der Genesis noch ungenannten Genossen, den Widersacher am Lebensbaum. Er vergiftet dessen Früchte und zeigt sich so richtig erst in unserer Zeit. Luzifer mit seiner abgeschnürten Weisheit hat die menschliche Erkenntnis korrumpiert und sein älterer Genosse Ahriman - der biblische Satan - das Leben durch egoistisches Machtstreben. So schrumpfen nach Tolstoi die Früchte der Erde und werden zur Mangelware ("Vom Weizenkorn, so groß wie ein Hühnerei").  Gerade Israel hat durch seine Vorgeschichte paradigmatisch mit all diesem zu tun, man denke an die 'ägyptischen Plagen', es trägt auch die Ausgleichsmöglichkeit in seinem Wesen. Es kann Moses mit Elias verbinden, und schließlich auch Sem mit Ham, Kain mit Abel in Frieden versöhnen, auch wenn es das Neue Testament noch ignoriert. In Bradford UK ist ein Muslim in den Rat der jüdischen Gemeinde aufgenommen worden. Er hat, religiös motiviert, aber in religiöser Toleranz geholfen, die Synagoge vor dem Verfall zu retten (Tagesspiegel 12.6.15), dieses Beispiel sollte Schule machen. In Berlin war am 15.6.2015 das Richtfest des Kammermusiksaales für die 'Barenboim-Said-Akademie', die kommenden Jahres eröffnet wird. Daniel Barenboim hat ihn mit seinem palästinensischen Freund Edward Said projektiert. Am 10. Mai 2004 wurde Daniel Barenboim in der Knesset, dem israelischen Parlament, der Wolfpreis für freundschaftliche Beziehungen unter den Völkern verliehen. In seiner Dankesrede zitierte Barenboim aus der israelischen Unabhängigkeitserklärung folgende Passage. „Der Staat Israel... wird all seinen Bürgern ohne Unterschied von Religion, Rasse und Geschlecht soziale und politische Gleichberechtigung verbürgen.“ Anschließend sagte er: „In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabhängigkeitserklärung in Einklang gebracht werden kann. Wie steht es um die Unabhängigkeit eines Volkes, wenn der Preis dafür ein Schlag gegen die fundamentalen Rechte eines anderen Volkes ist?“ Edward Said: "Der Humanismus ist die letzte Verteidigungslinie, die wir haben",

 das ist das Motto der Akademie-Broschüre (Tagesspiegel 15.6.15). Es wird früher oder später das Motto der Israelis werden. "Versöhnen" - das ist nicht nur ethymologisch die Sache des Sohnes, man darf getrost an die Trinität dabei denken. Versöhnung erlöst die Widersacher, 'unversöhnlich' geht da nichts und: der 'Versöhnte' ist auch mit seinen Menschenbrüdern kompatibel. Günter Grass, der nicht gerade als der Vertreter des Neuen Testamentes dasteht, wollte angesichts des palästinensischen Problems nicht Israel kritisiert haben, sondern dessen unversöhnlichen Regenten, das ist legitim und kein geopolitisch getarnter Antisemitismus (Bln.Tagesspiegel 29.4.15, C.D.Piorkowski). Wie sollte man hinnehmen können, wenn dort Waffenhändler die Palästinenser als "zum Sterben geboren" bezeichnen und ihre Waren als "Hilfe" zu dieser Bestimmung? (Dokumentation 3-Sat, 13.5.15). Selbst Avraham Burg, der ehemalige Knessetpräsident, spricht von 'Katastrophen-Zionismus', wenn bei anti-semitischen Geschehnissen in der Welt die Juden aufgefordert werden, nach Israel zu kommen, wie es jüngst Benjamin Netanjahu nach dem Anschlag in Paris getan hat. Auch will Burg eine Einstaatenlösung für Palästina. (Deutschlandfunk 10.5.15). Mit einer solchen wird Israel zum globalen Vorreiter, wenn gegliedert wird in das Hoheitsgebiet des Staates einerseits und die Hoheit unterschiedlicher Kulturen und Religionen andererseits innerhalb gemeinsamer Staatsgrenzen. Die kulturellen Belange sind ebenso Hoheitsgebiete wie die staatlich eingegrenzten! Wer sich über die Religions-freiheit hinwegsetzt, ob aufgeklärt agnostisch oder fundamentalistisch gnostisch, schafft nur Zündstoff, das muß jetzt auch ein kabarettistischer Herr Nuhr erleben - auch er ist eine Art Haßprediger und darf mittlerweile gerichtlich sanktioniert als ein solcher bezeichnet werden. Die Hoheit der Kultur zieht eben andere Grenzen als das staatliche Leben, diese haben mit Toleranz und Achtung zu tun. Wenn dann auch das Wirtschaften den Bedarf Aller bedienen darf, dann entsteht eine Dreigliederung. Martin Michael Levy, der eine heilpädagogische Dorfgemeinschaft in Israel begründete, hat sich wie manch andere Zionisten aus der Anthroposophie heraus für die Koexistenz unterschiedlicher Kulturen und Religionen eingesetzt und diese wird mit einer sozialen Gliederung möglich. Denn in der jüdischen Geschichte ging es nie um einen engen Nationalismus, der jetzt eingegrenzt werden soll mit einer Mauer und einer anachronistischen Zwei-Staaten-Lösung, die nur unorganisch ausgrenzend sein kann. Der Sonnengeist ist nicht nationaler, sondern kosmischer Natur, so wie es auch keine Sonne gibt, die von einem Land als eigene reklamiert werden kann. Man sollte die Wandlung des Sonnengeistes zu dem Geist der Erde zu verstehen suchen, wie sie der Kosmopolit Paulus - Jude und römischer Bürger - vor dem heute so leidgeprüften Damaskus schon erlebt hat (s.Anhang 16,1). Der 'Kosmopolit' ist das Leitbild des modernen Menschen, und in diesem Licht sind die abertausend Flüchtlinge moderner als die seßhaften Bürger, die sich in Europa wieder so zahlreich in den Ruch von 'Blut und Boden' begeben (Anhang 13,16 und Emil Bock: Moses).

*

2) Outing

In der Wochenschrift 'Das Goetheanum' Nr.1/2-2016 bringt Ronald Richter einen exoterisch gehaltenen Rückblick auf das anthroposophische

"Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe". Dazu hier ergänzend ein

esoterisch gehaltener Rückblick seines anteilhabenden ehemaligen anthroposophischen Buchhändlers:

Ein 68-er ist 68-jährig in den Unruhestand gegangen und zieht die Summe aus seinem wechselvollen Leben. Er freut sich, nach seinem Exodus aus einer esoterischen Supernova noch einmal 21 Jahre als Buchhändler in der ersten Reihe gestanden zu haben, wenngleich auch dort die Stiche von hinten schmerzhafter sind als die von vorne. Er hat es aber nie mit dem aufrührerischen Sozialgehabe der 68er gehalten, er ist zufrieden mit dem Erkenntnisgewinn, den er mitnimmt - ein anderer ist mit Büchern kaum noch zu machen - und er fühlt sich wie Hans im Glück, der immer unbeschwerter der Sonne nachwandert und 'gutes Geistesschaffen' im Sinn hat. Diese Sinnfindung hat er der Anthroposophie (GA270,IV) zu verdanken, und in dieser fängt bekanntlich sowieso alles erst richtig an mit einundzwanzig Jahren. Der 'Abschied von der Gemeinde' (A.Laudert) fällt um so leichter, als ihn sein Freiheitsempfinden schon vor dem Eintritt in eine solche gehindert hat. Das Verhältnis Individuum-Kollektivität ist ein zunehmend ungelöstes, aber davon mehr in:

3a-f Das individuelle Prinzip.

Und so läßt der Platoniker die ungekelterten Beeren im Dorf und sucht lieber das Wasser des Lebens, zu dem manche Pioniere außer Rudolf Steiner selbst die Quellen freigelegt und erschlossen haben (8b Beckh: Alchymie 2-3 +  12h Kap. B I, 6/7 - Teich von Bethesda  Beckh: Johannes-Evangelium, siehe auch die anderen Anhänge). Christian Morgenstern hat Rudolf Steiners Schaffen so gekennzeichnet:

"Sag' nicht: dies ist nicht vorzustellen,

nicht auszudenken! Eines Tages

erscheint ein Mensch bestimmten Schlages

und steigt hinunter zu den Quellen.


Und trägt vom Urborn der Natur

zwei Hände voll ins lichte Leben.

Und als Erfahrung bleibt gegeben,

was Vorzeit nur als Traum erfuhr.


Und wie sie kommen all und trinken,

verwandelt Sinn sich und Gesicht:

wie Schleier scheint's hinwegzusinken,

und Dunkelstes wird seltsam licht."

(aus Christian Morgenstern "Einkehr" - Sämtliche Dichtungen - Bd. 9 im Zbinden Verlag Basel 1973)


-  Die Platoniker in der Bewegung haben in der Vergangenheit mit ihrer Empathie schon manchem Aristoteliker seinen Job hoch zu Roß erst verschafft (GA28 - Schröer und Steiner). Heute sind es eher die coolen Aristoteliker, die den idealistischen Platonikern in der Anthroposophie die Steigbügel halten. Und es darf behauptet werden: die objektive Zusammenarbeit dieser beiden Geistesrichtungen, konstruktiv - im Gegensatz zum Mittelalter - hat stattgefunden, auch wenn diese Prognose Rudolf Steiners für die jüngste Vergangenheit von vielen bezweifelt wird, weil wieder so viele Scheiterhaufen zu verzeichnen sind (GA237). Dort landen heute allerdings nur noch die Gedankenprodukte unliebsamer Querdenker - für Steiner war 'Totschweigen' die moderne Form der Verbrennung. Und wenn es für 'Johanniter' und 'Malteser' bis heute eine historische Sukzession gibt, aber für die Strömung der'Templer' nicht - kann gefragt werden, wo letztere rund 700 Jahre nach ihrer Verbrennung vielleicht wieder aufgetaucht sind. Wer heute den modernen Scheiterhaufen instrumentalisiert und unliebsame Mitarbeiter als "Hirnverbrannte" entsorgt, ist sich nicht über die Zusammenhänge klar, in denen er wie der Riese in Goethes Märchen fuhrwerkt - als Brückenbauer ist er ungeeignet. Möge ihm ein gütiges Schicksal kluge Menschen zur Seite gestellt haben - meistens ist es die eigene Ehefrau, die in sein Oberstübchen frischen Wind bringt! Diese 'Zusammenarbeit' einst gegnerischer Protago-nisten im Ehebund ist nach Frank Teichmann, der jahrelang ein Studienseminar für Anthroposophie leitete, als historische Tatsache zu verzeichnen. Und leider ist im subjektiven Bewußtsein das 'fullfilling' der Steinerschen Prognose wenig realisiert worden. Es ist damit aber auch die Voraussetzung für ein weiteres Mitein-ander nicht gegeben, denn Prozeßbewußtsein gehört zur Konfliktlösung, anders wird ein freier Level und der für künftige Konfliktlösungen erforderliche Lerneffekt nicht erzielt. Der Anthroposoph Friedrich Glasl schildert dies paradigmatisch in seinem Essay "Der Weg in die Zukunft" - dieser ist mit Konflikten gepflastert". Organisationsentwickler und betrieblich geschulte Konfliktlotsen werden aber zu Handlangern des Prestiges, wenn substantielle Aufgaben der Leitbildumsetzung an sie delegiert werden. Erst ein auf 360° erweiterter Bewußtseinshorizont kann die angebrachte Achtsamkeit schaffen und damit die Resonanz auf geistig bewirkender Seite fördern, wozu der vertikale Horizont aber erforderlich ist. Dort wird die Freiheit der Beteiligten erwartet, die beim Blick in den Hohlspiegel nicht entsteht. Sozialmotivierte Freiheit passt nicht mit Ehrgeiz als Triebfeder des Handelns zusammen, selbst wenn dieser auf einen Betrieb erweitert wird, dadurch aber dessen Klima bestimmt. Nur integrierendes Bewußtsein über die punktuellen Bezüge von Raum und Zeit hinaus und von Anthroposophie befruchtet, kann soziales Leben be- und ergreifen und dazu braucht es den geschichtsphilosophisch erweiterten Horizont, sonst entsteht Betriebsblindheit inkl. der verbreiteten Ehrenkäserei. "Alles kann der Edle leisten, der versteht und rasch ergreift", diese Einflüsterung aus Goethes Faust kenn-zeichnet die Situation. Denn die Gelegenheit zur Betriebsgründung fällt den Akteuren meist in den Schoß, sie brauchen nur noch zuzugreifen. Wird die sozial-karmische Konstellation zu brenzlig, dann locken höhere Funktionärsposten, oder man entledigt sich unliebsamer Mitarbeiter. Mit Walter Johannes Stein darf auch realisiert werden, daß sich die spirituelle Geschichte heute nicht mehr wie im Mittelalter auf der Grundlage von familiären Zusammenhängen abspielt. Wie ist es zu verstehen, wenn bei einer wesentlichsten Initiative alles in zweiter Generation vertreten ist, was Rang und Namen in den Gruppen-zusammenhängen hat? Wird hier nach Qualifikation entschieden oder nach Blutgruppen 

und Vitamin B? Ist denn die Anthroposophische Gesellschaft ein Familienunternehmen? Der Buch-händler empfiehlt aus seiner Erfahrung mit den Akteuren, in die vorhandene Literatur der Pioniere hineinzuschauen, die näher an den Inspirations-quellen der Anthroposophie (z.B.Sigismund von Gleich) waren und noch in der Nähe der intuitiven Größe Rudolf Steiners (z.B.Hans Erhard Lauer: Im Frühlicht). Es ist nicht damit getan, sich immer nur die Neuerscheinungen ins Regal zu stellen, wenn uptodate eine echte Größe sein soll. Das gilt auch für Vorstände, Geschäftsführer und Schatzmeister! Es ist ein Unterschied zwischen sozialer und geistiger Kompetenz, erstere bleibt unbenommen, darf aber auch hinterfragt werden. Und geistige Kompetenz wird von Funktionären nicht per se verkörpert. "Nicht alles, was glänzt, ist Gold". Der goldene König in Goethes 'Märchen' steht für das Leben im Geistigen, nicht für den Glanz der Welt. Da hilft es auch nicht, die Gesellschaft um eine weitere glanzvolle Gemeindebildung zu bereichern und, weil man gerade ein großes Gelände erworben hat, den Gärtner zum Anthroposophen zu machen. Der hat seinen Vorgesetzten sowieso schon viel voraus in Sachen Anthroposophie. Wenn er von diesen statt freier Hand minutiöse Vorgaben bekommt, macht man den Gärtner zum Bock und Anthroposophie zur Spielwiese, was sie aber höchstens für ehrgeizige Funktionäre und Apparatschiks ist. Hehre Ziele eigneten sich schon immer für solches Gebaren (s.a.3a-f Das individuelle Prinzip). Das Verhältnis Individualität/Sozialität bereitet zunehmend Probleme, wird in Zukunft aber nicht mehr hierarchisch unter der Hand abgewickelt werden können, sondern zunehmend die Gremien beschäftigen, wenn nicht gar eine dafür brennend interessierte Öffentlichkeit. Die Frage nach dem Leitbild stellt sich immer wieder neu und das Zentralmotiv der Anthroposophie ist nun einmal die Freiheit, daran müssen Anthroposophen sich messen lassen. "Freiheit ist viel mehr als man darf" - dieser Zuruf junger DDR-ler in den 80-er Jahren an ihre Oberen ist paradigmatisch, im Westen sprach man von der '3-Meter-Freiheit'. Man gibt nun einmal beim Eintritt in ein Beschäftigungsverhältnis nicht seine geistige Freiheit ab, die mehr umfaßt als nur subjektive Meinungsfreiheit (s.Kap.3). Sicher läßt sich äußere Freiheit von innerer Freiheit unterscheiden, ihre Gegenstände und Haltungen sind u.U. sehr gegensätzlicher Natur. Letztlich gipfeln sie in dem Gegensatz von Exoterik und Esoterik, die Rudolf Steiner in der Anthroposophischen Gesellschaft vereint hat und die heute wieder auseinander-zugehen drohen, wie er auch Platoniker-Aristoteliker in Person verinnerlichte und verkörperte. Wo ist die geistige Kompetenz geblieben? Zieht sie sich wieder in die Verborgenheit zurück, wie früher schon bei der Entstehung des esoterischen Christentums? Dann bleiben für den exoterischen Strom nur Machtspiele, die auch heute sicher nicht zu umgehen sind, wie die Apparatschiks betonen, die auch in den Christengemeinschaften beheimatet sein können. Wegen jahrelang gewachsener Aversionen ziehen sich die Akteure allmählich aus den Problemfeldern heraus, um Machtkämpfen aus dem Weg zu gehen - die einen mittels höherer Posten, die anderen mittels Ruhestand. Unter Machtkämpfen hat früher schon christliche Substanz gelitten und in der anthroposophischen Gesellschaft leidet sie auch heute. Mitte im sozialen und geistigen Raum entsteht aber nicht durch arithmetische Gleichgewichtung von Angriffsflächen! Die "Mittler" selbst leiden unter den Machtkämpfen, und durch die damit einhergehenden Abschottungen entsteht nur das alte essäische Problem neu auf einer banalen Ebene in dem so geläufigen Sankt-Floriansprinzip. Die Leidtragenden sind dann immer die Anderen! Die "weiße Magie" der Weißbekittelten nimmt Schaden, Anthroposophie wird zum Aushängeschild. 

(s.a. 3ab Das individuelle Prinzip,  6a Freiheitsgesellschaft)

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Für weiteres Nachdenken hier noch ein Text von Hans Erhard Lauer (aus "Geschichte als Stufengang der Menschwerdung" Band II, Kap. 6 - "Die Wiederverkörperung im Bewußtsein der Menschheit" S 172ff:


   "...Nur nach einer Richtung hin soll hier die Frage noch beantwortet werden, womit man es bei diesem ganzen hier angedeuteten Prozeß eigentlich zu tun hat. Durch ihn wird ja die menschliche Leiblichkeit, insoweit sie als naturhaft-gattungsmäßige Bildung dem Absterben, dem Tode entgegengeht, diesem Tode entrissen und vom Ich her mit einem Leben ausgestattet, das der Vergänglichkeit nicht mehr unterliegt, weil es aus Kräften gespeist wird, die als ichhaft-gewordene an der Unvergänglichkeit des menschlichen Ichs teilhaben. Wir haben es mit anderen Worten hierbei mit dem zu tun, was das Christentum als die Prophetie der künftigen Auferstehung der menschlichen Leiblichkeit vom Tode verkündigt. Nur enthüllt sich jetzt eben, daß diese Auferstehung nicht ein einmaliges mirakulöses Geschehen darstellt, das sich am Ende der Tage ereignen wird, sondern einen Prozeß, der, durch die Tat auf Golgatha veranlagt, durch die ganze kommende Geschichte der Menschheit hindurch stufenweise sich vollzieht und am "Ende" der Geschichte nur eben seine Vollendung erreichen wird. Der Weg aber, auf dem dieses Ziel erreicht wird, ist die geschichtlich fortschreitende Individualisierung der ursprünglichen Kollektivgeistigkeit und die im Durchgang durch den (S173) "Kreislauf" der Wiederverkörperungen stufenweise erfolgende Verwandlung der naturhaft-gattungsmäßigen in geistig-ichhafte Kraft der Leibesgestaltung.


Man kann daher zwar wohl sagen, daß das Christentum - sowohl als Tatsache des Erlösungsgeschehens wie als dieses Geschehen interpretierende Lehre verstanden - wesenhaft und zentral sich bezieht auf die Probleme von Sündenfall und Auferstehung, - nicht auf die Reinkarnation als solche. Mann kann diese Tatsache sowohl interpretieren ohne Berücksichtigung der Reinkarnation, wie es in der bisherigen Geschichte des Christentums geschehen ist, als auch mit Berücksichtigung derselben. Der Unterschied ist eben nur der, daß ohne ihre Berücksichtigung alle diese Geschehnisse: Sündenfall, Erlösungstat, Auferstehung mirakulöse Ereignisse bleiben, die nur Inhalt eines Glaubens, aber nicht einer erkenntnismäßigen Vorstellung werden können, - während sie dagegen unter Berücksichtigung der Reinkarnation erkenntnismäßig faßbar und in ihrem Wie vorstellbar werden. Da aber unsere Zeit die Forderung mit sich gebracht hat, die bisherigen Glaubensinhalte als Inhalte eines Erkennens neu zu erringen, so mußte eben mit der Erfüllung dieser Forderung notwendig mitauftreten die Erringung einer neuen Erkenntnis der Reinkarnation.

Daß wir die Auferstehung nicht erst am Ende der   

Tage als ein mirakulöses Geschehen zu erwarten haben, sondern schon im jeweiligen Hier und Jetzt an ihr arbeiten können, war übrigens bereits die Überzeugung der mittelalterlichen Alchimisten; nur wurde sie von ihnen noch nicht vom geschichtswissenschaftlichen und damit vom Aspekte der Reinkarnation aus vertreten, sondern noch vom naturwissenschaftlich-physiologischen Gesichtspunkt aus. Denn der "Stein der Weisen" (lapis philosophorum), den sie zu bereiten suchten, ist nichts anderes als der Leib der Auferstehung. Und daß dieser Stein in Beziehung steht zu dem Auferstehungsleib Christi, wurde schon von Raimundus Lullus, aber auch von vielen anderen ausgesprochen. In anderer Weise kommt dieselbe Überzeugung auch im Namen des "Christian Rosenkreutz" zum Ausdruck, mit welchem der Begründer jener Strömung bezeichnet wurde, die ja der wesentliche Träger der christlichen Alchimie war. Denn das Bild des Rosenkreuzes symbolisiert ebenfalls den Prozeß jener inneren Verwandlung, deren Ziel die Überwindung des Todes bildet. Schließlich spricht sich eben diese Überzeugung und das aus ihr resultierende Streben sogar schon in den Bildern der Gralssage aus.

In einem noch engeren Sinne ist es das Einmünden dieses Weges in jenen Prozeß innerer geistiger Entwicklung, durch welchen die Erkenntnis der Wiederver-körperung als Erfahrung erlangt wird. Denn so viel an wirk-licher Erfahrung der Wieder-verkörperung durch höhere Er-kenntnisfähigkeiten errungen wird, so viel wird jeweils an Kraft errungen, auf dem Wege der Auferstehung Fortschritte zu machen. Reinkarnationser-kenntnis als Erfahrung zu gewinnen und  Auferstehungs-kraft zu entwickeln, sind nur die zwei - auf Vergangenheit und Zukunft bezüglichen - Seiten einer und derselben Sache. Hierdurch erweisen sich Rein-karnationserkenntnis in dem Sinne, wie sie heute durch die Anthroposophie vertreten wird, und Auferstehungsimpuls un-trennbar in eins verschlungen, - und damit ist ein letzter (S174) fundamentaler Unterschied zwi-schen der ersteren und der einstigen altorientalischen Rein-karnationslehre aufgewiesen.    Die letztere konnte den Auferstehungsgedanken noch nicht in sich enthalten, weil die menschliche Ichentwicklung da-mals noch nicht in genügendem Maße fortgeschritten und im besonderen das Christusereignis als der mächtigste Impuls derselben noch nicht in die Welt getreten war. Sie brauchte ihn aber auch noch nicht in sich zu enthalten, weil die menschliche Leiblichkeit damals noch voll jugendfrischen Lebens war und aus dessen Kraftüberschüssen die seelische Entwicklung des Menschen durch das ganze Leben hindurch mit schöpfe-rischen Kräften speisen konnte. Dafür aber war die orientalische Reinkarnationsauffassung mit jener Erlösungssehnsucht verbunden, die den Menschen dazu drängte, das irdisch-leibliche Leben abzutöten und die Reihe der Inkarnationen so bald wie möglich zu beenden. Denn das noch übermächtige Leben des

Leibes wurde als ein Kerker der Seele empfunden, dessen Fesseln man nur durch Askese und Weltentsagung sprengen konnte. Die moderne Reinkar-nationserkenntnis ist nicht mit einer solchen welt-flüchtigen Stimmung verbunden; sie erzeugt nicht die Sehnsucht, die Folge der Verkörperungen durch Weltentsagung nach Möglichkeit abzukürzen. Denn aus ihr ergibt sich die Einsicht, daß die Erlangung des persönlichen Heils, d.h. der Aufstieg in die geistige Welt nach dem Tode nicht das Endziel, sondern nur Mittel und Weg ist, um im Prozesse der Auferstehung einen Schritt vorwärts zu machen, - in jenem Prozeß, durch welchen die ihrem Ersterben entgegen-gehende menschliche Leiblich-keit dem Tode entrissen werden kann. Und es erfließt aus ihr die weitere Einsicht, daß dieser Prozeß nicht in einem Leben vollendet werden kann, sondern daß es dazu vieler Leben bedarf; vor allem, daß sein Fortgang an die Aufeinanderfolge der ge-schichtlichen Epochen gebunden ist, weil man in der Entwicklung der Auferstehungs-kräfte auf die Möglichkeiten angewiesen ist, welche einem die verschie-denen Zeitalter hierfür bieten. Und so resultiert aus dieser Reinkarnationsanschauung im Gegenteil der Wille, immer wieder zu neuem Leben auf der Erde zu erscheinen, um alles das sich an solchen Kräften zuzu-eignen, was bis zum Ende der Geschichte von solchen erworben werden kann. Man sieht Aufgaben von solcher Größe vor sich, daß man keinen anderen Wunsch empfinden kann als den, solange auf Erden sich wiederverkörpern zu dürfen, bis man diese vollendet haben wird. Man ist sich aber dessen bewußt, daß man diese Aufgaben nur in dem Maße zu erfüllen vermag, als man in seiner Seele die Verbindung findet mit der göttlichen Wesenheit, die durch ihre Menschwerdung und 

ihre vorbildhafte Besiegung des Todes erst den Keim der Auferstehung in die Mensch-heitsentwicklung hineingepflanzt hat.    Damit lenkt sich der Blick schließlich auch noch auf den Fortgang, welchen die Entwick-lung der christlichen Heilsbot-schaft selbst durch die Erringung der modernen Rein-karnationserkenntnis erfährt. Indem durch sie erfahren wird, daß die Unvergänglichkeit, die dem Menschenwesenskern zu-kommt, nicht in der Form einer bloßen Fortdauer desselben nach dem Tode in einem ewigen Dasein himmlischer Seligkeit dargelebt wird, bzw. in einem zunächst rein geistigen Him-melsdasein, das schließlich am Jüngsten Tage durch eine rätselhafte Wiedererweckung des Leibes zu einem auch leiblichen Ewigkeitsdasein er-höht wird, sondern vielmehr in der Weise, daß das, was den Menschen an geistig-moralischen Lebenserträgnissen nach dem Tode in die göttlich-geistige Welt hinaufträgt, ihn wieder ins Erdendasein hinunterführt, um dort, in erhöhte Fähigkeiten umgewandelt, ihm eine weitere Durchgeistigung der naturhaft-leiblichen Kräfte zu ermög-lichen, und daß dieser von ir-dischem und himmlischem Dasein so lange fortdauert, bis alles Natürliche in Geistiges, alles Vergängliche in Unvergängliches umgewandelt sein wird, - schließt sich die Kluft zwischen dem Erstreben des persönlichen Heils des Einzelnen nach dem Tode und dem Erhoffen dessen, was der ganzen Menschheit für den Jüngsten Tag verheißen ist. Die individuelle Daseinsvoll-endung erweist sich in diejenige der Menschheit verschlungen, wie sie sich stufenweise im Gang der Geschichte erfüllt, - und die Auferstehung verliert das unbegreiflich Mirakulöse und enthüllt sich als der wesenhafte innere Prozeß, der sich in der Geschichte seit ihrer Mitte vollzieht.

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