"Unter allen Forderungen unsrer Zeit ist die Geschichtserkenntnis selbst die Urforderung"

Luis de Matteo, Uruguay: Senor del Destino

Hans Erhard Lauer (1899-1979), der Begründer der anthroposophischen Geschichtsphilosophie (Zitat), fehlte als Stimme in den Auseinandersetzungen um das Buch "Anthroposophie" von Helmut Zander, dem Religionshistoriker, dem diesesThema für seine Habilitation an der Humboldt-Universität/Berlin gewährt wurde. Deutungshoheit ist ein akademisches Steckenpferd - aber als nur eine beiläufige Spielart auf dem Gebiet der Geschichtsphilosophie erweist sich

der Zander'sche "Historismus",

der Rudolf Steiner, den Begründer der Anthroposophie, als einen Wiederkäuer der Geschichte statuieren will. Diese Spezies aufzuspüren hätte es dem Habilitanden genügt, den Historiker-Rückspiegel auf 180° einzustellen. Auf einer Tagung der Humboldt-Universität mit dem "EFFE - Europäisches Forum für Freiheit im Bildungswesen" im Jahr 2000 habe ich als anthroposophischer Buchhändler nicht mit den Teilnehmern aus der "Waldorfschulbewegung", sondern überraschenderweise mit interessierten Koryphäen dieser Universität einen stattlichen Umsatz mit Büchern zu politologischen, sozialen und pädagogischen Themen gemacht. Da wurde eifrig studiert und das Ergebnis dieses Professoriums (oder heißt es: Provisorium?) ist das Buch von Helmut Zander. Bald erschien von anthroposophischer Seite im Gegenzug ein Kompendium "Anthroposophie", herausgegeben von Rahel Uhlenhoff, in dem mehrere Vertreter der Anthroposophie aus ihren Quellen berichten.

   Nun sind verschiedenste Gesichtspunkt immer hilfreich, sie dürfen aber nicht nur nebenein-andergestellt bleiben. Sonst beengen langatmige Ausführungen da, wo ein freier Atem walten möchte. Zander hat für seinen Output jahrelang recherchiert, dabei nicht zu leugnende praktische Ergebnisse anthroposophischer Arbeit in Landwirtschaft, Pädagogik und Medizin vorder-

gründig anerkannt, deren Quellorte und wissenschaftliche Reputation aber durch seine Interpretationen letztlich hinweggeblasen sehen wollen. Doch der Wind (Pneuma=Geist) weht, wo er will, und so haben die versammelten Autoren im Gegenzug nicht erst lange herumhecheln müssen - ihre Lebensluft ist seit Jahren die konstruktive Arbeit an ihrer jeweiligen Thematik und deren Quellen. Dennoch: Wer hier wie da seine Erkenntnisfragen und Lebensprobleme im Mainstream ignoriert sieht, muß nicht nur gegen einen Strom schwimmen - es werden deren auf dem Weg zu den Quellen immer mehr und es wird schwer, die Strömung zu finden, die zur reinsten und stärksten Quelle führt. Mit Beginn der Neuzeit (um 1500nC) ist ein Luther an eine solche Quelle der Wahrheit als Einzelner gegangen und er mußte sich gegen die alten Machtströmungen verteidigen, die hierarchisch kanalisiert in der katholischen Kirche (in deren Sukzession Zander steht) seit den Zeiten des Dionysius Areopagita dahinfliessen. Rudolf Steiner, der mit Beginn des "Lichten Zeitalters" ~1900nC aufgetreten ist, hat den Quellort der Anthroposophischen Bewegung eingefaßt mit der 1924 gegründeten "Freien Hochschule für Geisteswissenschaft". Christian Morgenstern hat auf seiner Quellensuche in einem Gedicht das Wirken Rudolf Steiners so gewürdigt:

 

Sag' nicht: dies ist nicht vorzustellen,

Nicht auszudenken! Eines Tages
Erscheint ein Mensch bestimmten Schlages
Und steigt hinunter zu den Quellen.
Und trägt vom Urborn der Natur
Zwei Hände voll ins lichte Leben.
Und als Erfahrung bleibt gegeben,
Was Vorzeit nur als Traum erfuhr.
Und wie sie kommen all und trinken,
Verwandelt Sinn sich und Gesicht:
Wie Schleier scheint's hinwegzusinken,
Und Dunkelstes wird seltsam licht.

Die "Neuzeit", die das "Mittelalter" ablöste, und der Beginn des "Lichten Zeitalters" ist mittlerweile von einer noch "neueren Zeit" überholt worden, wie überhaupt künftige Zeiten auch unsere "neueren Zeiten" überholen werden. Das liegt nun einmal im Wesen des Zeitlaufes, daß es immer ein gewordenes "Dasein" zum alten Eisen macht und ein Werdendes an dessen Stelle setzt, bis dieses - deutlich geworden - selbst wieder alt aussieht. Derzeit befinden wir uns im Zeitalter "alternativer" Fakten. Wie es um deren Wahrheitsgehalt steht, ist zwischenzeitlich klarer geworden - ihr Quellpunkt liegt in brodelndem braunen Magma. Und was kommt nach dem "postfaktischen" Zeitalter? Noch verdrehtere Visionen noch abenteuerlicherer Machtergreifer? Aber gleichzeitig mit diesen treten scheinbar machtlose Einzelne stellvertretend für die ganze Menschheit ein wie z.B. Edward Snowden, Träger des "alternativen" Nobelpreises 2014. Es gebiert sich in der neuesten Zeit der "Kosmopolit", der nicht nur verfolgt, sondern auch in die absolute Heimatlosigkeit verstoßen wird und zur sozialen Unwirksamkeit verurteilt wird. Das geht vielen so, mehr als man denkt. Auch den Millionen Flüchtlingen geht es nicht anders. Die Brüchigkeit der alten Strukturen wird deutlich, wo befürchtet wird, daß Individuelles die bestehenden, aber eigentlich maroden Rahmen sprengt: "Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure, deswegen suchen wir alle, nur blinzelnd so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen"

sagte Goethe schon, der zwar in feudalen Verhältnissen lebend, dennoch aus vielerlei Zwängen ausgebrochen ist und selber ein ganzes Quellsystem darstellt. Die kollektiven Strukturen stehen in den Achsenzeiten der Ge-schichte (Jaspers) der Emanzipation des Indivi-duums entgegen, auch wenn diese durch "Massenträgheit" behindert wird, als gäbe es "nichts Neues unter der Sonne". "Neu" ist, daß Wahrheiten nicht mehr verortet werden können aus Alleinvertretungsanspruch und Deutungs-hoheit. Funktionäre der Anthroposophischen Ge-sellschaft unterscheiden sich da nicht von den Leithengsten des Mainstreams. Eine neuzeitliche Haltung z.B. hat die Donauschwaben im 18./19. Jahrhundert in ihrem geraden Sinn - jeglichem philosophischen Spekulieren fern - bewogen, trotz Mißgunst seitens kirchlicher und weltlicher Obrig-keit den zentralen Quellpunkt der Geschichte, die Christ-Geburt nachzuspielen, die hier "en minia-ture" gebracht wird: im Oberuferer Christgeburt-Spiel. Es darf gesagt werden, die Protagonisten dieser Spiele ins Auge fassend: Wahre Hirten und Könige gehen mit offenen Augen auf zentrales geschichtliches Geschehen zu, während Vasallen blind dafür sind, sie sehen nur die ewige Wiederkehr des Gleichen und fürchten Neues, weil sie dann um ihre alten Pfründe fürchten müssten. Rudolf Steiner hat diese Spiele durch seinen Lehrer Julius Schröer kennengelernt und später szenisch neu eingerichtet. Wir können bei ihm in die Schule gehen, sie führt zu den eigentlichen und einzigen Urquellen des Daseins.

    "...Eine wirkliche Überwindung der durch den Historismus eingetretenen Relativierung wird, wie dies auch immer gefühlt wurde, nur möglich von einer "metahistorischen" Sphäre aus. Diese wird aber als eine nicht nur glaubensmäßig erlebbare, sondern erkenntnismäßig zu erfassende nur erschlossen, wenn sie in der die Epochen der Urzeit, der Vorgeschichte und der Geschichte umfassenden gesamtirdischen Entwicklung des "Menschlichen" gefunden wird, wie sie in diesem Buche (H.E.Lauer: Geschichte 1.Band)  darzustellen versucht wurde. Dies ist allerdings, wie wir gezeigt haben, nur möglich durch jene "Erweiterung des Begriffes des Menschen", wie sie durch die Anthroposophie errungen worden ist. Denn von daher ergibt sich eine bestimmte urbildliche Idee des Ganzen der Geschichte und zugleich die Erkenntnis, daß dieses Ganze der Geschichte in der fünften (nachatlantischen) Phase der letzteren erst vollständig zur Ausprägung gelangt, wodurch das geschichtliche Dasein der Menschheit in dieser Phase restlos "geschichtlich" wird... Der Menschheit erwächst in dieser Phase die Aufgabe einer absoluten, auch im Bereich des Ideell-Archetypischen zu vollziehenden Neuschöpfung... weil keinerlei Wiederspiegelungen alter Impulse und Formen wie eine Re-Naissance oder Re-Formation erfolgen ..."

    "...Eine wirkliche Überwindung der durch den Historismus eingetretenen Relativierung wird, wie dies auch immer gefühlt wurde, nur möglich von einer "metahistorischen" Sphäre aus. Diese wird aber als eine nicht nur glaubensmäßig erlebbare, sondern erkenntnis-mäßig zu erfassende nur erschlossen, wenn sie in der die Epochen der Urzeit, der Vorgeschichte und der Geschichte umfassenden gesamtirdischen Entwicklung des "Menschlichen" gefunden wird,

wie sie in diesem Buche (H.E.Lauer: Geschichte, Band I)  darzustellen versucht wurde. Dies ist allerdings, wie wir gezeigt haben, nur möglich durch jene "Erweiterung des Begriffes des Menschen", wie sie durch die Anthroposophie errungen worden ist. Denn von daher ergibt sich eine bestimmte urbildliche Idee des Ganzen der Geschichte und zugleich die Erkenntnis, daß dieses Ganze der Geschichte in der fünften (nachatlantischen) Phase der letzteren erst vollständig zur Ausprägung

gelangt, wodurch das geschichtliche Dasein der Menschheit in dieser Phase restlos "geschichtlich" wird... Der Menschheit erwächst in dieser Phase die Aufgabe einer absoluten, auch im Bereich des Ideell-Archetypischen zu voll ziehenden Neuschöpfung, weil

keinerlei Wiederspiegelungen alter Impulse und Formen wie eine Re-Naissance oder Re-Formation erfolgen ..."

Hans Erhard Lauer 1899-1979 "Geschichte als Stufengang der Menschwerdung", (oben: III.5-S241-43, unten: II-S17-21)


"Über den Historismus"

aus Hans Erhard Lauer: Geschichte als Stufengang der Menschwerdung

2.Band: Die Wiederverkörperung des Menschen als Lebensgesetz der Geschichte

Einleitung: Die Gegenwartslage der Menschheit und ihre Forderungen (S17-21):

Hans E. Lauer: Geschichte II:


    Hinblickend auf diese im Gleichschritte mit der Zunahme des geschichtlichen Wissens fortschreitende Abnahme kulturschöpferischer Kräfte stieß bereits in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Nietzsche den in seiner Schrift "Über den Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" zum Ausdruck kommenden Alarmruf aus. Die moderne Menschheit leidet, so lautete die darin von ihm gestellte Diagnose, an der "historischen Krankheit", d.h. an einem "Übermaß von Historie, durch welches die plastische Kraft ihres Lebens angegriffen ist". Denn was für den einzelnen Menschen sein Gedächtnis, das ist für die Menschheit ihr geschichtliches Wissen. Wie aber ein Mensch, der nichts vergessen könnte, auch nichts zu produzieren vermöchte, weil er keiner neuen Situation mit frischen, unbefangenen Sinnen, mit für Neues empfänglicher Seele gegenüberzutreten imstande wäre, so hat das Übermaß ihres historischen Wissens die kulturschöpferische Kraft der neueren Menschheit gelähmt. "Zu allem Handeln gehört Vergessen; wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen wäre, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer (S18) wiederholten Wiederkäuen fortleben sollte. Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu sein, wie das Tier zeigt. Es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder, um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären: es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinn, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrundegeht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur..." Als "Gegenmittel gegen diese Krankheit" forderte Nietzsche "das Unhistorische und das Überhistorische. Das Unhistorische: die Kraft, vergessen zu können, - das Über-historische: Kunst und Religion".

   Welche Bedeutung diese von ihm erstmals empfohlenen Rezepte in unserem Jahrhundert erlangen sollten, davon wird sogleich zu reden sein. Zunächst freilich - nicht umsonst hatte Nietzsche diese Schrift seinen "Unzeitgemäßen Betrachtungen" eingereiht - verhallte der in ihr erhobene Ruf ohne Echo. Denn die "Historisierung" der modernen Weltschau war in vollem, unaufhaltsamem Gange und eilte ihrem Gipfelpunkte zu. Sie erreichte diesen um die Jahrhundertwende mit der Vollendung des Historismus. Dieser bedeutet die restlose, absolute Historisierung aller auf den Menschen und die menschliche Kultur bezüglichen Betrachtung. Ob es sich um Religion, Kunst, Philosophie, Moral, Recht, Wirtschaft oder was immer handelte, - es ausschließlich nach seinen geschichtlichen Bedingungen und Wirkungen, seinem geschichtlichen Werden und Vergehen zu erforschen, erschien im Sinne seiner Prinzipien als die einzige Art von Verständnis, die gegenüber den Phänomenen menschlicher Kultur sinnvollerweise angestrebt werden könne.

   Es wäre ungerecht, die großen Verdienste zu leugnen, die dem Historismus zu verdanken sind. Er hat in einem nie zuvor erreichten Grade den Blick erschlossen für das Einmalige, Situationsbedingte, Nichtwiederholbare, das die geschichtlichen Phänomene am allerwesentlichsten kennzeichnet und sie von den Naturerscheinungen grundlegend unterscheidet. Er hat damit auch entscheidend dazu beigetragen, den Eindruck der auf das Allgemeine, Gesetzmäßige, Gattungshafte zielen-den naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise in die Geschichtsforschung, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert erfolgt war, abzuschlagen und die geschichtliche Erkenntnis-weise sich in ihrer Eigenart und Selbständigkeit gegenüber der naturwissenschaftlichen behaupten zu lassen. Aber, wie alle Dinge in der Welt, so hatte auch er seine Kehrseite. Indem er nämlich den geschichtlichen Beziehungen und Zusammen-hängen der Kulturerscheinungen absolute Bedeut-ung zuerkannte, musste er ihnen das nehmen, was sie bisher besessen hatten: die Gültigkeit ihrer geistigen Werte. Mit anderen Worten: die Verabsolutierung der Geschichte bedeutete die Relativierung aller kulturellen Werte. Seien es nun Werte der Wahrheit, der Schönheit oder der sittlichen Güte (d.h. der Erkenntnis, der Kunst oder der Moral), - indem diese bloß nach ihren geschichtlichen Relationen ins Auge gefaßt (S19) wurden, verflüchtigte sich ihr Anspruch auf absolute, übergeschichtliche Gültigkeit. Ja, durch diese Verabsolutierung der Geschichte relativierte der Historismus auch seine eigene Wahrheit; denn er musste ja auch sich selbst als bloß geschichtlich bedingt verstehen. Und so musste sich denn unter seinem Einfluß der Mensch unseres Jahrhunderts in die Geschichte wie in einen Strom hinein-geworfen empfinden, der von einer unbekannten Quelle zu einer unbekannten Mündung fließt, der in seinem Fließen ständig neue Wirbel erzeugt und wieder auflöst, in dem man nur immer mitzu-schwimmen verurteilt ist, ohne jemals auf einem Boden Fuß fassen und einen festen Stand gewinnen zu können. Die so aufgefasste Geschichte sagt ihm nurmehr, was er in einer bestimmten Lage - je nach ihren Gegebenheiten - tun kann oder nicht tun kann, aber nicht, was er tun soll. Sie gibt ihm keine Antriebe und Richtlinien für sein Verhalten, sie offenbart ihm aus sich selbst heraus keinen Sinn und kein Ziel ihrer Bewegung. Das geschichtliche Wissen ist - nach Max Weber - "wertfrei", d.h. aber in höherem Sinne für das Leben und Handeln wertlos geworden. Pointiert ausgedrückt: unser Jahrhundert hat uns nicht nur die Begründung der physikalischen Relativitäts-theorie, sondern - als Ergebnis des Historismus -

zugleich auch einen geschichtlichen Relativismus gebracht.

   Die Entwicklung des geschichtlichen Bewußtseins hatte sich überspitzt und musste dadurch mit Notwendigkeit in eine gegenläufige Bewegung umschlagen. Diese Bewegung ist es, die unserer Gegenwart die Signatur gibt. Da die Über-steigerung der Bedeutung der Geschichte uns aller absoluten Wertmaßstäbe und Verhaltensorien-tierungen beraubt hat, musste sie die Meinung entstehen lassen, daß wir, wenn wir zu solchen wieder gelangen wollen - denn ohne solche können wir als Menschen nicht leben und handeln -, von dieser Überschätzung der Geschichte zurückkom-men müssen (M.Eliade). Da diese aber mit unserem heutigen geschichtlichen Wissen untrennbar ver-knüpft, ja mit ihm geradezu identisch ist, so schien keine andere Möglichkeit übrig zu bleiben, als die notwendigen absoluten Gültigkeiten aus dem Glauben herauszuschöpfen (K.Löwith). Da wir unser geschichtliches Wissen jedoch nicht geradezu "aufheben" können, so bedeutet dies, daß wir ihm, die Sphäre seiner Gültigkeit begrenzend, eine Sphäre des Glaubens ergänzend entgegen-stellen müssen, die ein Überhistorisches repräsentiert. So hat die Forderung Nietzsches nach Religion als dem Überhistorischen heute breiteste Aktualität erlangt. Das Streben nach ihrer Erfüllung tritt in unserem Jahrhundert in den mannigfaltigsten Varianten in Erscheinung.

   Wo gefühlt wird, daß die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte und die mit ihr verbundene geistige Verselbständigung der menschlichen Individualität heute eine Wieder-belebung dogmatischer Glaubenslehren unmöglich macht, wird eine je individuell geartete und im je eigenen Tatenleben zu bewährende bewußte innere Wiederverbindung (S20) des Menschen mit den das menschlich-geschichtliche Dasein durch-wirkenden "immanent transzendenten Mächten" gefordert (A.Weber).

   Wo dagegen der Glaube an die  an die geistigen Ansprüche und Fähigkeiten der menschlichen Inidividualität durch den Gang der neuzeitlichen Geistesentwicklung und die Ausartungen des modernen Individualismus erschüttert wurde - wie dies heute in weiten Kreisen der Fall ist -, wendet man sich zu den christlichen Glaubensüber-lieferungen, namentlich in ihrer ihrer katholischen Ausgestaltung, zurück. Denn diese stellt ein "Weltanschauungsgehäuse" dar, welches als ein umfassender, überpersönlicher, in Gemeinschaft erlebbarer Kosmos von Werten und Gültigkeiten das Gefühl der geistigen Standfestigkeit und zugleich des Geborgenseins zu verleihen vermag. Man spricht in solchen Kreisen vom "Ende der Neuzeit", das in unserem Jahrhundert gekommen sei, und vom Anbrechen eines "neuen Mittelalters" (R.Guardini). Die katholische Weltanschauung versteht sich selbst ja als ein überzeitlich Gültiges und erkennt dem Wandel der geschichtlichen Erscheinungen und Epochen nur eine begrenzt-relative Bedeutung zu. Die Geschichte erscheint in ihrem Lichte in ein umfassenderes, übergeschichtliches Heilsge-schehen eingeordnet, innerhalb dessen ihr nur ein bestimmt umgrenzter Sinn zukommt.

   Noch um einen Schritt weiter wird dort gegangen, wo man auch den Glauben an die begrenzte Bedeutung preisgibt, welche der Geschichte in christlicher Sicht zuerkannt wird, und ein Absolutes nur in der Beziehung des Einzelnen zu göttlichen Mächten in Natur und Kosmos, unabhängig von allem Geschichtlichen, meint finden zu können. In der Preisgabe dieses Glaubens zieht man die radikalste Konsequenz aus der Relativierung aller auf die Geschichte bezüglichen geistigen Weltordnungen, welche der Historismus bewirkt hat. Die Folge davon ist in den meisten Fällen die Hinwendung zu den völlig ungeschichtlichen Weltdeutungen und Daseins-interpretationen des Orients, deren geistige Erbschaften daher heute in breitem Strome die abendländische Zivilisation überfluten. Den Konversionen zum Katholizismus treten so in stets wachsender Zahl die Bekehrungen zu den Lehren des Buddhismus, Hinduismus, Taoismus zur Seite. Auch das Auftreten der indisch orientierten theosophischen Bewegung in unserer Zeit gehört in diesen Zusammenhang.

   Was in all den zuletzt genannten Strömungen auf relativ höherer geistiger Ebene in der Gegenwart als ein Verlust oder eine Preisgabe des im Abendland entstandenen und entwickelten historischen Sinnes sich vollzieht, dem entspricht auf tieferem geistigen Niveau jenes rapide Hinschwinden geschichtlichen Interesses und Wissens, das wir in den großen Massen unter dem Einfluß ihrer geistigen Betäubung durch die Errungenschaften der Technik und ihrer geistigen "Ernährung" durch Kino, Radio und Television heute wahrnehmen (1958 geschrieben!). Mit ihm geht Hand in Hand das Abreißen fast aller Kulturtraditionen und Bildungsüberlieferungen, das unsere Zeit kennzeichnet. Es ist, als (S21) ob die Massen bis zu einem fas tierisch zu nennenden Hinvegetieren in jenen Geistesschlaf des Vergessens gegenüber allem Geschichtlichen versinken wollten, den Nietzsche als das andere Gegenmittel gegen die "historische Krankheit" bezeichnet und empfohlen hatte, - oder mindestens auf eine vorgeschichtlich-unge-schichtliche Bewußtseinsstufe zurückzufallen im Begriffe wären. "Es scheint heute möglich, daß die gesamte Überlieferung... verloren geht, daß die Geschichte von Homer bis Goethe in Vergessenheit gerät. Das mutet an wie die Drohung des Untergangs des Menschseins, jedenfalls ist unabsehbar und unvorstellbar, was unter solchen Bedingungen aus dem Menschen wird" (K.Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, S169).

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Zur Entstehung einer Geschichtswissenschaft in Ergänzung einseitig aufgefaßter Wissenschaftlichkeit des naturwissenschaftlichen Selbstverständnisses sei hier ein Ausschnitt gebracht aus:


Hans Erhard Lauer

"Die Wiedergeburt der Erkenntnis:

Die Anthroposophie - Die Stufen des Erkennens"

(S245-7)


   ...Im weiteren Verlaufe seines anthroposophischen Wirkens hat Rudolf Steiner in vielen umfangreichen Vortragsreihen über das Christentum und insbesondere über die Schriften des Alten und Neuen Testaments eine umfassende Christosophie entwickelt, in der überhaupt zum erstenmal eine erkenntnismäßige Darstellung des Christuswesens selbst und seiner Wirksamkeit innerhalb der Menschheitsgeschichte gegeben worden ist. Doch ist deren Inhalt, unabhängig von jeder äußern Tradition, restlos aus der übersinnlichen Anschauung geschöpft. Durch nachträgliche In-Beziehung-Setzung desselben zu den christlichen Urkunden wurde freilich zugleich eine völlig neue Interpretation der letzteren errungen. Während die neuere Bibelforschung, die sich nur an die äußeren Dokumente hielt, aus diesen die Christusgestalt allmählich gänzlich verloren hatte und nur mehr ein - übrigens höchst dürftiges und unsicheres - Bild des Menschen Jesus in ihnen zu finden vermochte, ist hier gerade durch die von allen äußeren Dokumenten unabhängige Geistesforschung das Christuswesen und -wirken zum erstenmal für die Erkenntnis erobert und nachträglich dann auch in den Evangelien wiederentdeckt worden. So bedeutet die Steinersche Christosophie zugleich eine Erneuerung speziell der christlichen Religion aus dem Geiste der Erkenntnis, nachdem diese als eine vom Glauben getragene durch die moderne Naturwissenschaft im allgemeinen und die neuere Bibelkritik im besondern zum Absterben gebracht worden war.

    Das andere aber, was die intuitive Geist-Erkenntnis enthüllt, ist die kosmische, die weltschöpferische Bedeutung des Moralischen. Sie zeigt, wie der Kosmos gewissermaßen aus Kräften der "Götter-Moralität" heraus: durch göttliche Opfertaten entstanden; wie er in der Mitte seiner Entwicklung über deren kritische Wende durch die freieste göttliche Liebestat (des Christus) hinweggebracht worden ist; und wie er, nachdem der Mensch seit jener Zeit zum selbständigen geistigen Wesen herangereift ist, nur durch das Zusammenwirken von menschlicher mit göttlicher Moralität seinem Ziele entgegengeführt werden kann. Der selbständig gewordene Mensch ist zum Mitarbeiter der Götter am Weltenfortgange berufen. Und er wirkt in diesem Sinne auf der gegenwärtigen Stufe der kosmischen Entwicklung durch das regelmäßige Abwechseln zwischen irdischem Dasein, durch das er immer wieder die Impulse des Geistes der Sinneswelt einverleibt, und geistig-himmlischem Dasein, durch das er immer wieder seine Erdenerfahrungen in die Götterwelt hinaufträgt und in dieser zu neuen Fähigkeiten und Absichten umwandelt. Seine moralischen Handlungen erweisen sich so als die Saaten, aus denen die künftigen Gestaltungen des Weltendaseins erblühen. Und der intuitiven Erkenntnis ergibt sich durchaus eine gewisse Schau in die Zukunft sowohl der geschichtlichen wie der kosmischen Entwicklung.   Damit aber entsteht erst eine wirkliche Geschichts-wissenschaft. Denn in der Geschichte handelt es sich um den Menschen. Darum kann nur eine wirkliche Menschenerkenntnis auch zu einer wahrhaften Geschichtserkenntnis führen. Der Mensch aber, wie er zwischen der geistig-göttlichen und der physisch-natürlichen Welt als ihr Vermittler drinnensteht, steht ebenso auch als das eigentliche Gegenwartswesen zwischen Zukunft und Vergangenheit drinnen S246 und ragt zugleich in beide hinein. Darum ist eine echte Geschichtserkenntnis nur diejenige, die sowohl von seiner Vergangenheit wie von seiner Zukunft zu sagen weiß. 

Eine Geschichtsforschung, welche - wie die bisherige - nur Vergangenes beinhaltet, beschreibt nur, was das wirkliche geschichtliche Leben als Leichnamartiges von sich ausgeschieden hat, nicht aber die treibenden Kräfte, die in ihm gewirkt haben und auch in seiner Gegenwart wirken. Sie ist im Grunde eine bloß als Geschichtsforschung verkleidete Naturwissen-schaft. Und so wird hier noch einmal sichtbar, daß es die neuere Zeit bisher nur zu einer Naturwissenschaft gebracht hat. Denn die Natur repräsentiert die kosmische Vergangenheit. Sie ist das, was aus der kosmischen Entwicklung ausgeschieden wurde. Sie ragt als Vergangenes nur in die Gegenwart herein. Aber in ihr geschieht nichts Neues. Sie hat keine Geschichte. Sie wiederholt nur immer das Gleiche. Dagegen ist die Zukunft nur in der geistigen Welt zu finden. Diese ist gleichsam die Sphäre der Absichten, der Möglichkeiten. Ihre Wesenheit repräsentieren, was der Mensch künftig einmal werden soll. Dessen Enthüllung fordert daher die Ausbildung einer übersinnlichen Erkenntnis.

    Die Wesenheit des Menschen aber erstreckt sich in beide Welten hinein, - in die natürliche hinunter und in die geistige hinauf. Und so verbindet er in seinem Leben auch Vergangenheit und Zukunft. Darum muß eine echte Geschichtswissenschaft ebenfalls beides in sich enthalten. Sie muß Zukunft und Vergangenheit gegenseitig in sich spiegeln lassen. Sie muß seine Zukunft im Lichte seiner Vergangenheit und diese im Lichte jener darstellen. Darum auch muß sie nicht nur unser Erkennen beschäftigen, sondern zugleich unser Handeln impulsieren können. Sie kann nicht moralisch neutral, nicht "wertfrei" sein wie die Naturerkenntnis. Daß die "Wertfreiheit" - man könnte auch sagen: die Wertlosigkeit für unsere praktischen Aufgaben - zum Grundmerkmal der gesamten, heute noch herrschenden "Erkenntnis" geworden ist, wie Max Weber einmal ("Wissenschaft als Beruf") festgestellt hat, beweist von einer letzten Seite her, daß die neuere Zeit bisher nur eine Naturwissenschaft ausgebildet hat - auch dort, wo sie geschichtlich-kulturelle Phänomene behandelte -, noch nicht aber einer wirkliche Geschichtserkenntnis. Eine solche ist erstmals von Rudolf Steiner aus der Anthroposophie heraus begründet worden. Und sie ist in der Tat nicht "wertfrei". Sie gibt auch Antwort auf die Frage: "Was sollen wir tun?" Allerdings nicht in der Form von moralischen Geboten oder allgemeinen Kulturprogrammen. Auch nicht indem sie ein System von abstrakten "Werten" aufstellt, denen kein "Sein", sondern bloße "Geltung" zukommt, - wie dies die moderne "Wertphilosophie" tut. Sondern indem sie eine Erkenntnisart pflegt, welche die Gesetze zu erfassen vermag, die dem Menschen- und Weltenwerden von seinem göttlich-geistigen Ursprunge her zugrunde liegen. Indem sie uns diese Gesetze ins Bewußtsein heben lehrt, nimmt sie ihnen den Charakter des Zwingenden, macht uns von ihnen frei. Die Beschaffenheit aber dieses Erkennens gibt uns zugleich die Möglichkeit, seine Inhalte zu sittlichen Zielsetzungen - in ganz individueller Weise, je nach dem Platze, an dem der einzelne steht - schöpferisch umzugestalten; Zielsetzungen, die dann nicht subjektiv-willkürlich, seinsfremd sind, sondern in unserm Sein selbst wurzeln. So eröffnet sie uns durch die Art ihrer Menschen- und Welterkenntnis die Möglichkeit, freie Schöpfer der Menschen- und S247 Weltenzukunft zu werden. Und diese Möglichkeit, im höchsten, kosmischen Sinn ein freies Wesen zu werden, tritt durch sie zum allererstenmal in der Weltgeschichte für den Menschen auf.,,

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..."Nehmen wir einmal an, hier wäre ein Berg oder ein Hügel und daneben ein schroffer Abhang. An diesem schroffen Abhange entspringe eine Quelle; die Quelle stürze senkrecht wie ein richtiger Wasserfall den Abhang hinunter. Unter den ganz gleichen Verhältnissen sähe man weiter oben auch eine Quelle. Die will ganz dasselbe wie die erstere; aber sie tut es nicht. Sie kann nämlich nicht als Wasserfall hinunterstürzen, sondern rinnt ganz hübsch in Form eines Baches oder Flusses hinunter. - Hat das Wasser andere Kräfte bei der zweiten Quelle als bei der ersten? Ganz offenbar nicht. Denn die zweite Quelle würde ganz dasselbe tun wie die erste, wenn der Berg sie nicht hinderte und nicht seine Kräfte hinaufschicken würde. Sind die Kräfte, die der Berg hinaufschickt, die Haltekräfte nicht vorhanden, so wird sie wie die erste Quelle hinunterstürzen. Es kommen also zwei Kräfte in Betracht: Die Haltekraft des Berges und die Schwerkraft der Erde, vermöge der die eine Quelle hinunterstürzt. Wenn nun jemand ein Skeptiker wäre, so könnte er dies bei der zweiten Quelle leugnen und sagen: Da sieht man zunächst nichts, während bei der ersten Quelle jedes Wasserstäubchen heruntergezogen wird. Man muß also bei der zweiten Quelle in jedem Punkte hinzufügen die Kraft, welche der Schwerkraft entgegenwirkt, die Haltekraft des Berges.


Nehmen wir nun an, es käme jemand und sagte: Was du mir da von der Schwerkraft erzählst, glaube ich nicht recht, und das, was du mir von deiner Haltekraft sagst, glaube ich dir auch nicht. Ist der Berg dort die Ursache, daß die Quelle jenen Weg nimmt? Ich glaube es nicht. - Nun könnte man diesen fragen: Was glaubst du denn dann? - Er könnte antworten: Ich glaube, da unten ist etwas von dem Wasser; gleich darüber ist ebenso etwas von dem Wasser, darüber wieder und so weiter. Ich glaube, daß das Wasser, welches unten ist, von dem Wasser darüber hinuntergestoßen wird, und dieses obere Wasser wird von dem über ihm hinuntergestoßten. Jede darüberliegende Wasserpartie stößt immer die vordere hinunter. -Das ist ein beträchtlicher Unterschied. Der erste Mensch behauptet: Die Schwerkraft zieht die Wassermassen herunter. Der zweite dagegen sagt: Das sind Wasserpartien, die schieben immer die unter ihnen liegenden hinunter, und dadurch geht dann das darüberliegende Wasser hinterher.


Nicht wahr, es wäre ein Mensch recht albern, der von einer solchen Schieberei sprechen würde. Aber nehmen wir an, es handle sich nicht um einen Bach oder einen Strom, sondern um die Geschichte der Menschheit, und es würde ein solcher zuletzt Charakterisierter sagen: Das einzige, was ich dir glaube, ist dies: Jetzt leben wir im zwanzigsten Jahrhundert, da haben sich gewisse Ereignisse abgespielt; die sind bewirkt von solchen im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts; diese letzteren sind wieder verursacht von denen im zweiten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und diese wieder von denen aus dem ersten Drittel. - Das nennt man pragmatische Geschichtsauffassung, wo man in dem Sinne von Ursachen und Wirkungen spricht, daß man immer aus den betreffenden vorhergehenden Ereignissen die folgenden erklärt. So wie jemand die Schwerkraft leugnen und sagen kann, da schiebe bei den Wasserpartien immer jemand nach, so ist es auch, wenn jemand pragmatische Geschichte treibt und den Zustand im neunzehnten Jahrhundert als eine Folge der Französischen Revolution erklärt. Wir freilich sagen: Nein, es sind noch andere Kräfte da außer denen, die da hinten schieben, die überhaupt gar nicht einmal im richtigen Sinne vorhanden sind. Denn geradesowenig, wie jene Kräfte beim Bergstrome dahinten schieben, sowenig schieben die dahinterstehenden Ereignisse in der Geschichte der Menschheit; sondern es kommen immer neue Einflüsse aus der geistigen Welt, wie bei der Quelle die Schwerkraft immerfort wirkt, und mit anderen Kräften kreuzen sie sich, wie sich die Schwerkraft bei dem Strom kreuzt mit der Haltekraft des Berges. Wäre nur die eine Kraft vorhanden, dann würdest du sehen, daß die Geschichte ganz anders verläuft. Aber du siehst nicht die einzelnen Kräfte darin. Du siehst nur das, was physische Weltordnung ist, was beschrieben wurde als Folge der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwicklung in der Erdenentwicklung; und du siehst nicht das, was fortwährend mit den Menschenseelen vorgeht, welche die geistige Welt durchleben und wieder herunterkommen. Das leugnest du einfach.


Aber wir haben eine solche Geschichtsauffassung, die sich ausnimmt, wie wenn jemand mit solchen eben charakterisierten Anschauungen kommen würde, und sie ist nicht so besonder selten. Sie (der Historismus -kk) wurde sogar im neunzehnten Jahrhundert als ungeheuer geistreich aufgefaßt. Was würden wir aber dazu sagen können von dem eben gewonnenen Gesichtspunkte aus? Wenn jemand von dem Bergstrome dasselbe behauptete wie von der Geschichte, so würde er einen absoluten Unsinn behaupten. Was liegt denn aber da vor? Daß er denselben Unsinn behauptet in bezug auf die Geschichte, nur daß er es nicht merkt. Und die Geschichte ist so kompliziert, daß sie als pragmatische Geschichte fas überall so vorgetragen wird; nur merkt man es nicht.


Wir sehen daraus, daß allerdings die Geisteswissenschaft, welche für die Auffassung des Lebens gesunde Prinzipien zu gewinnen hat, auf den mannigfaltigsten Gebieten des Lebens etwas zu tun hat; daß tatsächlich eine gewisse Notwendigkeit besteht, das Denken erst zu lernen, sich erst bekanntzumachen mit den inneren Gesetzen und Impulsen des Denkens. Sonst kann einem nämlich allerlei Groteskes passieren." ...

(GA151 S21, das Folgende S25:)

...

..."Woher kommt es denn, daß man die einfachsten Überlegungen nicht anstellt, die notwendig wären, um einzusehen, daß es so etwas wie eine pragmatische Geschichtsschreibung, wonach immer das Folgende aus dem Vorhergehenden sich herleitet, nicht geben kann? Woher kommt es, daß eine solche Überlegung nicht angestellt wird, die einen stutzig machen würde in bezug auf das, was in den weitesten Kreisen als eine eben unmögliche Art der Auffassung menschlicher Geschichte sich verbreitet hat? Woher kommen alle diese Dinge?


Sie kommen davon her, daß man sich wirklich auch dort, wo es sein sollte, viel zuwenig Mühe gibt, in einer präzisen Art die Verrichtungen des geistigen Lebens handhaben zu lernen. In unserer Zeit will ja jeder wenigstens das Folgende berechtigterweise beanspruchen können, er will sagen können: Denken, nun selbstverständlich, das kann man doch. Also fängt man an zu denken. Da gibt es Weltanschauungen in der Welt. Viele, viele Philosophen haben existiert. Man merkt, der eine hat diese, der andere jenes gesucht, und daß das auch so halbwegs gescheite Leute waren, die auf vieles aufmerksam machen konnten. Was man selber als Widerspruch bei ihnen findet, darüber reflektiert man nicht, darüber denkt man nicht nach. Aber man tut sich um so mehr darauf zugute, daß man doch 'denken' kann. Also man kann nachdenken, was die Leute da gedacht haben, und ist überzeugt davon, daß man schon selber das Rechte finden werde. Denn man darf heute nicht auf Autorität etwas geben! Das widerspricht der Würde der Menschennatur. Man muß selber denken. Auf dem Gebiete des Denkens hält man das durchaus so.


Ich weiß nicht, ob die Leute sich überlegt haben, daß sie es auf allen anderen Gebieten des Lebens nicht so halten. So fühlt sich zum Beispiel keiner dem Autoritätsglauben oder der Autoritätssucht hingegeben, wenn er sich seinen Rock beim Schneider oder seine Schuhe beim Schuhmacher machen läßt. Er sagt nicht: Das ist unter der Würde des Menschen, daß man sie die Dinge von Menschen machen läßt, von denen man wissen kann, daß sie die entsprechenden Dinge handhaben können. Ja, man gibt vielleicht sogar zu, daß man diese Dinge lernen müsse. Bezüglich des Denkens gibt man das im praktischen Leben nicht zu, daß man Weltanschauungen auch haben müsse von dorther, wo man Denken und noch manches andere gelernt hat. Das wird man heute wirklich in den wenigsten Fällen zugeben.


Das ist eines, was unser Leben in den weitesten Kreisen beherrscht, was geradezu dazu beiträgt, daß der menschliche Gedanke in unserer Zeit kein sehr verbreitetes Produkt ist. Ich denke, man könnte das ja auch begreiflich finden. Denn nehmen wir an, es würden einmal alle Menschen sagen: Stiefel machen lernen, das ist eine längst nicht mehr menschenwürdige Sache; wir machen einmal alle Stiefel - so weiß ich nicht, ob dabei lauter gute Stiefel herauskommen würden. Aber jedenfalls gehen in bezug auf das Prägen richtiger Gedanken in der Weltanschauung die Menschen in der Gegenwart meistens von solchen Gedanken aus. Das ist das eine, was dazu beiträgt, daß der Satz, den ich gestern ausgesprochen habe, schon seine tiefere Bedeutung hat: daß der Gedanke zwar dasjenige ist, in dem der Mensch sozusagen völlig drinnen ist und den er daher in seinem Innenwesen überschauen kann, daß aber der Gedanke nicht so verbreitet ist, als man denken möchte."...

GA151