Anhang XIV

Kyrios - der Herr der Seele

Dieser Vortrag Rudolf Steiners aus 'Exkurse in das Gebiet des Markus-Evangeliums' in München am 12.12.1910 (GA124) beleuchtet den Zusammenhang des Christus-Impulses mit der menschlichen Seele im Geschichtsverlauf bei der Überkreuzung der vor- und nachgeschichtlichen Ströme. Aus ihm kann deutlich werden, wie die sogenannten 'Nebenübungen', die Rudolf Steiner als 'neben' allem stehend behandelt, letztlich im Zentrum eines nachchristlichen Schulungsweges stehen. Es sei auch auf das Buch von Hermann Beckh: "Die kosmischen Rhythmen im Markus-Evangelium" hingewiesen, dort werden die hier genannten mikro/makrokosmischen Hinweise aufgegriffen und ausgearbeitet:  Markus, Einleitung .


  

   Im Laufe der Jahre sind in den verschiedenen Zweigen bei den verschiedenen Kursen, jedenfalls auch vor einem großen Teile der anthroposophischen Freunde, die hier sitzen, Betrachtungen über das Johannes-Evangelium, das Lukas-Evangelium, das Matthäus-Evangelium angestellt worden, und wir haben versucht, bei diesen Betrachtungen über die frei Evangelien vor unser geistiges Auge treten zu lassen von drei verschiedenen Seiten aus, gleichsam auf drei verschiedene Arten, das große Ereignis von Palästina, das Mysterium von Golgatha. Und es sind diese Betrachtungen vielleicht doch geeignet gewesen, eine immer steigende Hochschätzung dieser einzigartigen Ereignisse in unserer Seele zu begründen. Wir haben ja auch darauf schon darauf aufmerksam gemacht, wie der Grund, warum wir vier Evangelien haben, im wesentlichen doch darin zu suchen ist, daß die Evangelienschreiber als inspirierte Okkultisten darstellen wollten das große Ereignis, jeder sozusagen von einer Seite aus, wie man irgend etwas Äußerliches abbildet oder photographiert von einem Standpunkt aus. Und wenn man Aufnahmen eines Dinges macht von verschiedenen Seiten her, so kann man durch Kombinationen dessen, was die Aufnahmen ergeben können, gleichsam durch Zusammenschauen vor die Seele rücken, was eigentliche Wirklichkeit, Realität ist. Jeder der vier Evangelisten gibt uns eigentlich Anlaß, das große Ereignis von Palästina von einer ganz besonderen Seite zu betrachten.

   Von einer Seite her, die wir zugleich nennen können die Eröffnung der höchsten menschlichen, okkulten und sonstigen Ziele, und neben diesem höchsten Menschlichen auch berücksichtigend das höchste Weltenprinzip, von dieser Seite her gibt uns da Johannes-Evangelium einen Einblick in die großen Ereignisse von Palästina.

   Das Lukas-Evangelium eröffnet uns einen Ausblick auf die Geheimnisse, welche die Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, des salomonischen und des nathanischen Jesus umschweben bis zu dem (S212) Moment, da die große Inspiration des Jesus von Nazareth durch den Christus eingetreten ist.

   Das Matthäus-Evangelium hat für diejenigen, die den Zyklus entweder gehört haben, als er vorgetragen wurde, oder die ihn später lesen werden, zu zeigen, wie sozusagen aus dem Volkstum des alten Hebräertums heraus, aus den Volksgeheimnissen des hebräischen Volkes heraus, sich vorbereitet sozusagen das physische Leibesprinzip, in welches inkarniert werden sollte für drei Jahre das Christus-Prinzip.

   In einer gewissen Beziehung ist nun eigentlich wiederum das Markus-Evangelium dasjenige, das uns in die höchsten Höhen geisteswissenschaftlicher Betrachtungsweise führen kann, und durch das Markus-Evangelium wird uns Gelegenheit geboten, in manches hineinzuschauen, was uns mitgeteilt werden soll gerade durch die Evangelien, was uns aber durch die anderen Evangelien nicht in solcher Weise nahegebracht wird, wie eben durch das Markus-Evangelium. Und einige Worte, weil gerade die Gelegenheit noch ist, in Anknüpfung an das Markus-Evangelium heute schon zu Ihnen zu sprechen, das habe ich mir für diesen Abend zur Aufgabe gesetzt.

   Nun müssen wir allerdings, wenn wir darüber sprechen, uns klar werden, wie sehr es notwendig ist, in mancherlei hineinzublicken, in das hineinzublicken die oberflächliche Welt der Gegenwart keine rechte Neigung hat. Wenn man das Markus-Evangelium und alle seine Tiefen verstehen soll, dann muß man sich bekanntmachen mit der ganz andersartigen Ausdrucksweise des Menschen zu der Zeit, als der Christus Jeus noch auf Erden wandelte. Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich versuche, durch eine deutliche Schattierung, ein deutliches Helldunkel, Ihn das zu sagen, was ich Ihnen eigentlich mit diesem sagen will.

   Wir drücken durch die Sprache das aus, was wir eben sagen wollen, und in den Worten der Sprache soll das in einer gewissen Weise veranschaulicht werden, was in unserer Seele lebt. In der Art, durch die Sprache auszudrücken, was in unserer Seele lebt, unterscheiden sich die verschiedenen Epochen der Menschheitsentwickelung gar sehr. Und wenn wir zurückgehen würden in die Epoche der althebräischen (S213) Entwickelung, zu jener wunderbaren Ausdrucksweise, die noch möglich war in der althebräischen Tempelsprache, da würden wir eine ganz andere Art finden, die Geheimnisse unserer Seele in Worte zu kleiden, als die Menschen heute auch nur ahnen. Wenn ein Wort angeschlagen wurde in der althebräischen Sprache - es wurden ja nur die Konsonanten geschrieben, die Vokale wurden dann ergänzt -, so tönte in dieses Wort hinein nicht nur das, was heute hineintönt, ein ziemlich abstrakter Begriff, sondern eine ganze Welt. Und gerade deshalb wurden die Vokale nicht eigentlich ausgeschrieben, weil derjenige, der das sprach, gerade in der Art und Weise der Vokalisierung sein Innerstes gab, während in den Konsonanten mehr die Schilderung, die Abmalung dessen, was draußen ist, lag. Man darf sagen, daß zum Beispiel ein alter Hebräer, wenn er ein B hinzeichnete - das, was unserem heutigen B entspricht -, immer so etwas fühlte wie eine Abmalung von äußeren Verhältnissen, von etwas, was hausartig ein Wesen umschließen kann. Man konnte das B nicht aussprechen, ohne daß das in der Seele lebte. Und wenn man ein A vokalisierte, so konnte man das nicht, ohne daß in dem A etwas lebte von Stärke, von Kraft, ja selbst von hinstrahlender Kraft. So lebte die Seele weiter; es schwebte der Seeleninhalt mit den Worten hinaus und schwebte weiter in den Raum und schwebte zu den anderen Seelen hin. Also es war eine viel lebendigere Sache, das Sprachliche. Es ging viel mehr auf die Geheimnisse des Daseins ein als unsere Sprache.

   Das ist das Licht, das ich Ihnen hinmalen möchte. Und den Schatten möchte ich dagegenstellen: daß wir in unserer Zeit in dieser Beziehung in hohem Grade Philister geworden sind. Unsere Sprache drückt nur noch Abstrakta, Allgemeinheiten aus. Das fühlen die Menschen gar nicht mehr. Sie drückt wirklich im Grunde genommen nur mehr Philiströses aus. Wie sollte es auch anders sein in einer Zeit, wo die Menschen anfangen, die Sprache sogar schriftstellerisch zu handhaben, lange bevor sie einen geistigen Inhalt haben; in einer Zeit, wo so unendlich viel als Druckware in die breite Masse hineingeht, wo jeder glaubt, etwas schreiben zu müssen, wo alles zum Gegenstand (S214) des Schreibens genommen wird. Ich habe erleben müssen, daß sich bei der Gründung unserer Gesellschaft Schriftsteller aus Neugierde einfanden, die die Absicht gehabt haben, vielleicht nur einen Roman herausziehen zu können aus dieser Sache. Warum sollte es da nicht Gestalten geben, die man verzapfen kann in öffentlicher Schriftstellerei? Also wir müssen uns klar sein, daß wir im Gegensatz zu der Art und Weise, wie man über Sprache dachte als über etwas Heiliges, demgegenüber man die Verantwortung hat, daß der Gott daraus sprechen soll -, daß wir eine Sprache haben, die abstrakt, leer, philiströs geworden ist. Daher ist es so unendlich schwierig, jene großen, gewaltigen Tatsachen, die uns mitgeteilt werden und anklingen zum Beispiel in den Evangelien, in heutige Wort hineinzupressen. Warum sollte auch der heutige Mensch nicht glauben, daß man alles in unserer Sprache geben kann! Er kann nicht verstehen, daß unsere Sprache irgend etwas sagt, was leer ist gegenüber dem, was selbst noch die griechische Sprache mit einem Worte meinte. Und wenn wir heute die Bibel lesen, lesen wir etwas, was gegenüber dem ursprünglichen Inhalte einmal gesiebt, zweimal gesiebt, dreimal gesiebt ist, aber so gesiebt ist, daß nicht das Beste, sondern daß immer das Schlechteste bleibt. Daher ist es natürlich billig, sich in einer gewissen Weise auf die heutigen Worte der Bibel zu berufen. Aber am schlechtesten kommen wir weg, wenn wir uns beim Markus-Evangelium auf die Bibel berufen , wie sie uns heute vorliegt. Das dürfen wir auf keinen Fall.

   Nun wissen Sie, daß das Markus-Evangelium bei den ersten Worten zur Grundlage die Worte hat, welche die als vorzüglich geltende Übersetzung von Weizsäcker, die aber - man könnte sich das schon denken, weil sie eben heute als so vorzüglich angesehen wird - gar nicht so vorzüglich ist, folgendermaßen gibt: "Wie geschrieben steht in dem Propheten Jesajas: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der soll dir den Weg bereiten. Hört, wie es ruft in der Wüste: bereitet den Weg des Herrn, macht eben seine Pfade."

   Ehrliche Menschen müßten im Grunde genommen, wenn das Markus-Evangelium in dieser Weizsäckerschen Übersetzung so beginnt, sich sagen: Ich verstehe von alledem kein Wort, denn der, der (S215) das verstehen will, muß sich etwas vormachen. Wer ehrlich zu Werke geht, kann gar nichts verstehen, wenn gesagt wird: "Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der soll dir den Weg bereiten, hört, wie es ruft in der 'Wüste: bereitet den Weg des Herrn, macht eben seine Pfade." Denn entweder ist eine Trivialität gesagt, oder aber es ist irgend etwas gesagt, was man nicht verstehen kann. Nun muß man allerdings erst die Begriffe zusammentragen, die es möglich machen, zu verstehen einen solchen Ausspruch, wie der des Jesajas hier ist. Denn Jesajas wies hin auf das gewaltige Ereignis, das das bedeutsamste Ereignis der Menschheitsentwickelung sein sollte. Auf was wies er eigentlich hin? Nun, wir können aus dem, was wir schon beschrieben haben, sehr wohl auf das hindeuten, was Jesajas voraussagte; wir können hindeuten, indem wir sagen:

   In uralten Zeiten hatte der Mensch eine Art Hellsehen. Er hatte eine Möglichkeit, hineinzuwachsen mit seinen Seelenkräften in die geistig-göttliche Welt. Was war denn eigentlich mit dem Menschen der Fall, wenn er also hineinwuchs in die göttlich.-geistige Welt? Das war der Fall, wenn er hineinwuchs in die göttlich-geistige Welt, daß er aufhörte, sein "Ich" zu gebrauchen, soweit es dazumal schon entwickelt war; er gebrauchte seinen astralischen Leib, und in diesem waren die Kräfte, die im Ich sitzen, an der Wahrnehmung der physischen Welt zunächst allmählich erweckt wurden. Das Ich ist es, das sich der sinnlichen Werkzeuge bedient. Der alte Mensch gebrauchte aber, wenn er sich Aufklärung verschaffen wollte über die Welt, seinen astralischen Leib. Also im Astralleib sah, nahm wahr der alte Mensch. Und darin besteht die Fortentwickelung, daß Sie finden den Übergang vom Astralleib zum Gebrauch des Ich. Und in bezug auf dieses Ich sollte der Christus-Impuls der intensivste Impuls sein. Wenn aufgenommen werden sollte in das Ich der Christus so, daß das Wort des Paulus wahr ist: Nicht ich, sondern der Christus in mir, - dann hat das Ich die Kraft, hineinzuwachsen in die geistige Welt durch sich selber. Früher konnte dies nur der Astralleib.

   So haben wir eine Entwickelung der Menschheit also vor uns, so, daß wir sagen können:; Der Mensch gebrauchte als Erkenntnisorgan (S216) seinen Astralleib, und immer mehr und mehr verlor er im Astralleib die Möglichkeit, überhaupt ein Erkenntnisorgan darin zu entwickeln. Es gab, gerade eben je mehr man sich dem Christus-Ereignis näherte, die Entwickelungsstufe, daß der Mensch sich sagen mußte: Mein Astralleib hat immer weniger und weniger die Möglichkeit, in die geistige Welt hineinzuschauen. Es wurde nichts mehr mit seiner Verbindung mit der geistigen Welt, und das Ich war noch nicht kraftvoll genug, um seinerseits irgend etwas an Aufklärung aus der Welt zu bekommen. Das war das Zeitalter, wo Christus sozusagen herannahte.

   Nun handelt es sich in der wirklichen Entwickelung der Menschheit darum, daß gewisse große Fortschritte nach und nach vorbereitet werden und dann eben eintreten. So war es auch beim Christus-Impuls. Es mußte aber einen Übergang geben. Es konnte die Sache nicht so verlaufen, daß der Mensch sah, wie sein Astralleib nach und nach stumpf für die geistige Welt wurde, so daß er vollständige Öde und Wüstheit in sich gefühlt hätte, bis das Ich entzündet wurde durch den Christus-Impuls. So durfte es doch nicht kommen. Sondern bei einigen geschah es so, daß sie durch einen besonderen Einfluß der geistigen Welt schon im Astralleib etwas Ähnliches sahen, wie man es später durch das Ich erkennen und sehen sollte. Es wurde im Astralleib sozusagen die Ichheit vorbereitet. Das war eine Vorausnahme der Ichheit im Astralleib. Der Mensch war ja erst durch das Ich und durch seine Entwickelung Erdenmensch geworden. Der Astralleib gehörte eigentlich dem alten Monde an. Dazumal war der Angelos, der Engelmensch, auf der Menschheitsstufe. Der Engel war auf dem alten Mond Mensch, auf der Erde ist der Mensch Mensch. Das wissen wir. Für den Menschen schickte es sich auf dem Monde, seinen Astralleib zu gebrauchen. Alles übrige war nur Vorbereitung für die Ich-Entwickelung. Der Anfang unserer Erdenentwickelung war ein Wiederholen der Mondenentwickelung. Denn im astralischen Leib konnte der Mensch überhaupt nie völlig Mensch werden, sondern es konnte nur der Engel auf dem Monde Mensch werden im astralischen Leib. Ebenso wie im Erdenmenschen, um das Ich zu inspirieren, der Christus lebte, mußte daher zur Vorbereitung dieser Ichheit die Möglichkeit sein, daß von den Engeln des Mondes, von den Mondmenschen (S216) also, den Angeloi, Propheten da waren, die den Astralleib des Menschen inspirierten, damit sich die Ichheit schon vorbereiten konnte. Es mußte also das eintreten, was etwa ein Prophet so hätte charakterisieren können: Es wird in der Menschheitsentwickelung ein Zeitpunkt kommen, da wird die Menschheit reif werden zur Ich-Entwickelung. Im Astralleib haben sich zum Höchsten erhoben bloß die Angeloi des Mondes. Damit aber der Mensch vorbereitet werden kann zu dieser Ichheit, müssen gewisse Menschen, die das durch Gnade in Ausnahmezuständen erfahren, so inspiriert werden auf der Erde, daß sie wie Engel wirken, trotzdem sie Menschen sind, daß sie Engel in Menschengestalt sind.

   Da kommen wir zu einem wichtigen okkulten Begriff, ohne den Sie überhaupt nicht verstehen können die Entwickelung der Menschheit im Sinne des Okkultismus. Äußerlich gesagt, ist es natürlich leicht, wenn man einfach davon spricht, daß alles Maya ist. Aber das ist ein Abstraktum. Das muß man wirklich ernst nehmen. Daher muß man sagen können: Nun ja, da steht ein Mensch vor mir, der ist aber Maya - wer weiß, ist der überhaupt ein Mensch? Vielleicht ist das Menschsein nur die äußere Hülle, und es benützt ein ganz anderes Wesen, als der Mensch es ist, diese äußere Hülle, um gerade etwas zu bewirken, was durch den Menschen noch nicht bewirkt werden kann. - Ich habe etwas davon angedeutet in meiner "Pforte der Einweihung".

   In der Vorzeit wurde ein solches Ereignis aktuell für die Menschheit, als die Individualität, die im alten Elias gelebt hatte, in Johannes dem Täufer wiedergeboren wurde, und als in die Seele des Johannes de Täufers für seine damalige Inkarnation ein Engel einfuhr und die Leiblichkeit und auch die Seelenhaftigkeit Johannes' des Täufers benützte, um das zu bewirken, was kein Mensch hätte bewirken können. In Johannes lebte ein Angelos, der vorherzugehen und vorherzuverkündigen hat, was als wahre Ichheit im umfassendsten Sinne in Jesus von Nazareth leben sollte. Das ist außerordentlich wichtig zu wissen, daß Johannes der Täufer eine Maya ist und in ihm ein Angelos, ein Bote lebt. Im Griechischen steht auch: Siehe, ich sende meinen Boten, Angelos, Engel. - Daran denkt nur der Deutsche nicht (S217) mehr, daß im Griechischen an dieser Stelle Angelos steht: Siehe, ich sende meinen Engel vor ihm her. - Es ist also hingedeutet auf ein tiefes Weltenmysterium, das mit dem Täufer vorgegangen ist, das Jesajas vorausgesagt hat. Er charakterisiert den Johannes den Täufer als eine Maya, als eine Illusion, ihn, der in Wahrheit umschließt den Engel, den Angelos, der als Engel zu verkündigen hat, was der Mensch eigentlich werden soll durch die Aufnahme des Christus-Impulses, weil Engel vorher verkündigen müssen, was der Mensch erst später werden soll. Zu sagen wäre also an dieser Stelle: Siehe, das, was der Welt die Ichheit gibt, sendet den Angelos vor dir, dem die Ichheit gegeben werden soll, her.

   Jetzt gehen wir zu dem dritten Satz. Was bedeutet er? Da muß man sich einmal die ganze welthistorische Situation vergegenwärtigen. Wie war es denn geworden in der Menschenbrust, da der Astralleib allmählich die Fähigkeit verloren hatte, seine Kräfte wie Fangarme auszustrecken und hellseherisch in die göttlich-geistige Welt hineinzuschauen? Früher, wenn der Astralleib in Tätigkeit versetzt worden war, konnte er hineinschauen in die göttlich-geistige Welt. Jetzt verschwand allmählich immer mehr und mehr diese Möglichkeit, und dunkel wurde es im Menschen. Der Mensch konnte früher ausbreiten seinen Astralleib über all die Wesenheiten der göttlich-geistigen Welt. Jetzt war er in sich einsam - einsam ist gleich: (griechische Lautzeichen). In der Einsamkeit lebte jetzt das, was Menschenseele war. Das steht auch da noch im griechischen Text: Siehe, wie es sich ausnimmt, wie es da drinnen spricht in der Einsamkeit der Seele - meinetwillen sagen Sie, in der Wüstheit der Seele -, als der Astralleib sich nicht mehr ausbreiten konnte zu der göttlich-geistigen Welt. Höre hin, wie es ruft in deiner Seelenwüste, in deiner Seeleneinsamkeit.

   Was aber verkündet sich voraus? Da müssen wir uns jetzt klar werden, was ein ganz bestimmtes Wort bedeutete, wenn man es gebrauchte von Seelenerscheinungen, von geistigen Erscheinungen überhaupt, vor allen Dingen im Hebräischen, aber auch noch im Griechischen: das Wort Kyrios. Wenn man das übersetzt mit "der Herr", wie da gewöhnlich geschieht, so übersetzt man einen wahrhaftigen knüppeldicken Unsinn. Was ist damit gemeint? Jeder in (S219) alten Zeiten, der einen solchen Ausspruch in den Mund nahm, wußte, daß damit etwas gemeint ist, was mit dem Seelenfortschritt des Menschengeschlechtes zusammenhängt. Daher wußte er, daß das Wort Kyrios hindeutete auch auf Seelengeheimnisse. Wir haben in der Seele, wenn wir auf den Astralleib blicken, verschiedene Kräfte, Denken, Fühlen und Wollen nennen wir sie gewöhnlich. Die Seele denkt, fühlt, will. Das sind die drei Kräfte, die in der Seele wirken. Aber es sind die dienenden Kräfte der Seele. Indem der Mensch fortschritt in der Entwickelung, wurden diese Kräfte, die früher die Herren waren, denen der Mensch hingegeben war - denn der Mensch mußte warten, ob sein Denken, Fühlen, Wollen gerufen wurde -, diese einzelnen Seelenkräfte wurden unterstellt dem Kyrios, dem Herrn der Seelenkräfte, dem Ich. Und nichts anderes wurde verstanden unter dem Wort, wenn es auf die Seele bezüglich war, als das Ich, das nun nicht mehr im alten Sinne festhielt: das Göttlich-Geistige denkt, fühlt, will in mir, sondern: ich denke, ich fühle, ich will - der Herr macht sich geltend in den Seelenkräften. Bereitet euch vor, ihr Menschenseelen, solche Seelenwege zu gehen, daß ihr in eurer Seele erwecken laßt das starke Ich, Kyrios, den Herrn in eurer Seele. Hört, wie es ruft in der Seeleneinsamkeit. Bereitet die Kraft oder die Richtung des Seelenherrn, des Ich. Macht offen seine Kräfte! - So muß man ungefähr übersetzen: macht offen, daß es hereinkommen kann, daß es nicht der Sklave von Denken, Fühlen und Wollen ist, macht offen seine Kräfte! Und wenn Sie übersetzen diese Worte: Siehe, das, was die Ichheit ist, sendet her vor dir seinen Engel, der soll dir die Möglichkeit geben, zu verstehen, wie es ruft in der Einsamkeit der astralischen Seele; bereitet die Richtungen des Ich, macht offen für es, für das Ich, die Kräfte! - so haben Sie einen Sinn in diesen bedeutsamen Worten des Propheten Jesajas; so haben Sie den Hinweis auf das größte Ereignis der Menschheitsentwickelung; so verstehen Sie daraus, wie Jesajas von Johannes dem Täufer spricht, wie er hinweist darauf, daß die Menschenseeleneinsamkeit sich sehnt nach der Herankunft des Herrn in der Seele, des Ich. Und jetzt werden erst die Worte zu Mark und Erz, und so müssen wir solche Worte auffassen.

   (S220) Und warum konnte Johannes der Täufer der Träger des Angelos sein?  Er konnte es sein, weil er eine ganz bestimmte Initiation hatte. Die Initiationen spezialisieren sich nämlich. Diese Initiationen sind nicht etwas Allgemeines, sie spezialisieren sich. Bei denjenigen Individualitäten, die eine ganz besondere Aufgabe haben, muß eine Initiation eintreten nach einer ganz bestimmten Art. Nun ist für alles das, was überhaupt in der geistigen Welt vorgeht, vorgesorgt, so daß wirklich am Himmel sich in Sternenschrift das zeigt, was eigentlich geistige Tatsachen sind. Man kann die Sonnen-Initiation empfangen, das heißt in die Geheimnisse der geistigen Welt eintreten, die die Welt des Ahura-Mazdao ist, für die die Sonne der äußere Ausdruck ist. Aber man kann auf zwölferlei Art eingeweiht werden in die Sonnen-Initiation, und jede Initiation ist in gewisser Beziehung eine Sonnen-Initiation, aber sie ist doch verschieden ausgestaltet in bezug auf die anderen elf. Je nachdem der Mensch nun diese oder jene Aufgabe für die gesamte Menschheit hat, bekommt er eine Initiation, von der man sagen kann: Dies ist eine Sonnen-Initiation, aber eine solche, die man so ausdrücken muß, daß man sagt, die Kräfte ließen so hinein, als wenn die Sonne im Zeichen des Krebses steht. Das ist anders, als wenn man eine Sonnen-Initiation empfängt, die man ausdrücken muß, indem man sagt: Die Kräfte fließen so hinein, wie wenn die Sonne im Zeichen der Waage steht. Das sind die Ausdrücke für verschieden spezialisierte Initiationen. Und diejenigen Individualitäten eben, die eine so hohe Aufgabe, eine so hohe Mission haben wie die hier für Johannes den Täufer charakterisierte, müssen in ganz besonderer Weise in eine Spezial-Initiation eingeweiht sein, weil sie ja nur aus dieser heraus die starke Kraft haben können, um auch unter Umständen in ganz einseitiger Weise diese Mission in der Welt durchzuführen. Und da hatte denn Johannes der Täufer, damit er der Träger des Angelos werden konnte, diejenige Sonnen-Initiation, die man nennen kann die Initiation aus dem Zeichen des Wassermanns heraus. So wie die Sonne im Zeichen des Wassermanns steht, so ist das ein Symbolum für die Art der Initiation, die Johannes der Täufer bekommen hatte, um der Träger des Engels zu werden, indem er die Kraft der Sonne aufnahm, wie sie eben zufließt, wenn sie so steht zu den anderen Sternen (S221), daß man es bezeichnet mit dem Ausdruck: Sie steht im Zeichen des Wassermanns. Das war das Symbolum. Johannes hatte die Wassermann-Initiation. Das Zeichen bekam sogar den Namen Wassermann, weil derjenige, der die Wassermann-Initiation hatte, als geistige Einweihung ganz besonders die Fähigkeit hatte, dasjenige mit dem Menschen vorzunehmen, was Johannes als der "Wassermann", als der Täufer vornahm: nämlich die Menschen wirklich dazu zu bringen, daß sie mit dem Untertauchen unter das Wasser ihren Ätherleib soweit frei bekamen, daß sie zu einer solchen Selbsterkenntnis kamen, die es möglich macht, einzusehen, was in der betreffenden Zeit das Wichtigste ist. Die Menschen wurden untergetaucht, und da wurde frei für einen Moment der Ätherleib. Durch die Jordantaufe konnte der Mensch die ganz besondere Wichtigkeit dieser welthistorischen Epoche empfinden. Deshalb war Johannes eingeweiht in eben die Tauf-Initiation. Und weil man das symbolisch ausdrücken muß mit dem Herfließen der Sonnenstrahlen aus dem Zeichen, in dem die Sonne steht, so nannte man dieses Zeichen auch den Wassermann. So ist die Benennung von der menschlichen Fähigkeit hinauf übertragen.

   Heute machen eine ganze Anzahl gelehrter Nichtswisser den Versuch, sagen wir, die geistigen Ereignisse zu deuten, indem sie sozusagen den Himmel auf die Erde heruntertragen. Sie sagen: Nun, das bedeutet das Vorrücken der Sonne. - Alle gelehrten Herren, die im Grunde genommen nichts wissen, die deuten aus dem Himmel herein die Menschheitsereignisse. Umgekehrt war es: Was geistig im Menschen lebt, wurde auf den Himmel übertragen, indem man den Himmel als Ausdrucksmittel benutzte. So daß Johannes der Täufer sagen konnte: Ich bin der, der euch mit Wasser tauft. - Und das war dasselbe, wie wenn er gesagt hätte: Ich taufe euch mit Wasser, ich bin versehen mit der Initiation des Wassermanns. - Das wäre das Wort gewesen, das Johannes der Täufer hätte zu seinen intimsten Schülern sagen können. Und so wie die Sonne entgegengesetzt vorrückt zu ihrem sinnlichen Gang, wenn Sie entgegengesetzt vom Wassermann gehen, so steht gegenüber die Jungfrau, dann geht es zur Waage. Wenn wir die Initiation aber nehmen, so müssen wir einen entgegengesetzten Gang auf der anderen Seite nehmen, von dem Wassermann zu den (S222) Fischen. So konnte Johannes sagen: Es wird etwas kommen, das nicht mehr so wird wirken müssen, wie es entspricht dem Wirken der Sonne aus dem Wassermann heraus, sondern wie es entspricht dem Wirken der Sonne aus den Fischen heraus. Es wird einer kommen, der wird eine höhere Taufe bringen. Wenn die geistige Sonne höhersteigt, so wird aus der Wassermann-Taufe die Taufe aus dem geistigen Wasser heraus. Die Sonne steigt vom Wassermann im Geistigen zu den Fischen herauf. Daher das bekannte Fischzeichen für den Träger des Christus, das ein altes Symbolum ist. Denn ebenso wie in Johannes durch ganz besondere geistige Einflüsse eine Wassermann-Initiation war, so war die Initiation, von der ich Ihnen da und dort schon gesprochen habe, die auf geheimnisvolle Weise durch alle Mysterien zustande kam, die sich um den Jesus abgespielt haben, eine Fisch-Initiation. Ein Vorrücken der Sonne um ein Sternbild - das war das, was den Jesus von Nazareth hineinstellt in seine Zeit: daß er einer Fisch-Initiation zunächst unterworfen war.

   Und im Evangelium des Markus wird uns das ja, man möchte sagen, genügend angedeutet; nur können solche Dinge nur bildhaft angedeutet werden. Der Christus Jesus zieht alle diejenigen an, die nach dem Fisch suchen. Daher sind seine ersten Apostel alle Fischer. Und wir können das, was ich gesagt habe, das Vorrücken zu den Fischen, handgreiflich finden, wenn uns gesagt wird: Ich habe euch mit Wasser getauft, Er wird euch mit Heiligem Geiste taufen.


   Und da er am galiläischen See hinzog - das heißt, da die Sonne so weit gekommen war, daß man ihr Gegenbild hat kommen sehen von den Fischen herauf -, da finden sich inspiriert diejenigen, die genannt werden Simon und Simons Bruder, Jakobus und Jakobus' Bruder - Fischer, sie finden sich in der entsprechenden Weise inspiriert. Und wie können wir das alles verstehen? Wir können das nicht verstehen, wenn wir nicht noch ein wenig genauer auf die Ausdrucksweise der damaligen Zeit eingehen.

   Philiströs ist unsere heutige Ausdrucksweise. Wenn ein Mensch vor uns steht, so sagen wir, das ist ein Mensch. Wenn ein zweiter vor uns steht, so sagen wir wieder, das ist ein Mensch. Ein dritter - wieder einer, und so weiter. Aber wir haben da bloß die Maya vor uns.

   (S223) Wenn ein Wesen zwei Beine und ein menschliches Antlitz hat, so haben wir in unserer philiströsen Ausdrucksweise nur das eine Wort: Das ist ein Mensch. Aber was ist für den Okkultismus ein Mensch? Nichts als Maya, nichts zunächst, wie der vor uns steht, ist der Mensch, wirklich nichts. Er ist ungefähr ebensoviel wie der Regenbogen, der am Himmel steht. Wie lange ist der Regenbogen etwas? Nur so lange, als die betreffenden Bedingungen zwischen Regen und Sonnenschein gegeben sind. Wenn die Sonne und der Regen ihr Verhältnis ändern, so ist er weg. Genauso ist es mit dem Menschen. Der ist nur ein Zusammenströmen von Kräften des Makrokosmos. Kräfte müssen wir suchen am Himmel, da oder dort im Makrokosmos. Da wo man vielleicht einen Menschen vermutet irgendwo auf der Erde, da ist nichts für den Okkultisten. Aber Kräfte strömen da oben herunter und da unten hinauf, und da schneiden sie sich. Und wie die eigentümliche Konstellation bei Regen und Sonnenschein den Regenbogen ergibt, so geben Kräfte, die von oben und unten aus dem Makrokosmos zusammenströmen, eine Erscheinung, und die sieht so aus wie der Mensch - das ist der Mensch. Nichts ist der Mensch so, wie er vor uns dasteht. In Wahrheit ist er ein Schemen, eine Maya, ein Scheinbild. Denn wirklich sind die kosmischen Kräfte, die sich da schneiden, wo unser Auge einen Menschen zu sehen glaubt. Versuchen Sie ernst zu nehmen den Ausdruck: Der Mensch ist nichts, so wie er vor uns steht. Er ist Schatten von vielen Kräften. Die Wesenheit aber, die sich offenbart im Menschen, die kann ganz woanders sein als an dem Punkt, wo gerade der Mensch mit seinen zwei Beinen herumgeht. Da sind drei Menschen: Der eine ist ein urpersischer Arbeiter, der mit dem Pflug in der altpersischen Landwirtschaft wirkt. Er sieht aus wie ein Mensch. In Wahrheit ist er eine der Seelen, die gespeist werden in ihren Kräften aus dieser oder jener Welt von unten oder oben. Der zweite ist vielleicht ein urpersischer Beamter. Er wird von einer anderen Welt aus durch Kräfte gebildet, die sich in ihm schneiden. Wollen wir ihn kennen, so müssen wir zu diesen Kräften aufsteigen. Sie alle, wie Sie hier sitzen, sind in Ihrer Wirklichkeit ganz woanders. Hier herein strahlen nur die Kräfte von Ihrer eigentlichen Wesenheit. Dann stand ein dritter Perser da, von dem mußte man (S224) sagen: Der ist erst recht ein rechtes Trugbild, der ist erst recht ein Schemen, das dasteht. Was war das in Wahrheit? Da muß man bis auf die Sonne hinauf gehen; da sind die Kräfte, die dieses Schemen speisten. Da oben findet man unter den Sonnen-Geheimnissen dasjenige, was man nennen kann Goldstern, Zarathustra. Das sendet die Strahlen herunter, und hier unten steht ein Schemen, das man Zarathustra nennt. In Wahrheit ist sein Wesen gar nicht da. Das ist der dritte.

   Nun ist das Wichtigste, daß man in alten Zeiten sich bewußt war, was mit solchen Bezeichnungen gemeint ist; daß man nicht Namen gab wie heute, sondern daß man die Menschen benannte nach dem, was in ihnen lebte, nicht nach ihrem äußerem Scheinbilde. Darüber müssen wir uns schon ganz klar sein. So daß man hätte sagen können: Es hätte ein alter Mensch zur Zeit Christi es sehr wohl verstanden, wenn man hingewiesen hätte auf Johannes den Täufer und gesagt hätte: hier ist der Angelos des Gottes. Man hätte nur Rücksicht genommen auf da, was da Platz genommen hatte; man sprach von der Hauptsache, nicht von der Nebensache. Und nehmen wir nun einmal an, dieselbe Ausdrucksweise wurde angewendet auf Christus Jesus selber. Wie mußte man da, als man solche Sachen verstand, von dem Christus Jesus sprechen? Ja, was da auf der Erde wandelte, diesen Leib im Fleische den Christus Jesus zu nennen, das wäre einem Menschen der damaligen Zeit nicht im Träume eingefallen; sondern das war das Zeichen, daß dasjenige, was aus der Sonne geistig herunterströmte, in diesem Punkte in ganz besonderer Weise aufgefangen wurde. Ging dieser Leib, der der Leib des Jesus war, von einem Ort zum anderen, so war das die Sichtbarmachung der Sonnenkraft, die von einem Ort zum anderen ging. Diese Sonnenkraft konnte auch allein gehen. Zuweilen wurde der Ausdruck so gebraucht, daß der Christus Jesus <im Heim>, im Fleisch war, aber was in ihm war, bewegte sich auch ohne seinen Leib weiter. Namentlich im Johannes-Evangelium ist der Ausdruck so gebraucht, daß unter Umständen, wenn dieselbe Wesenheit sich rein geistig bewegt, der Evangelienschreiber ganz genau so spricht, wie wenn diese Sonnenkraft im fleischlichen Leibe wohnt.

   (S225) Daher ist es so wichtig, daß die Taten des Christus Jesus immer in Beziehung gebracht werden zur physischen Sonne, die der äußere Ausdruck ist für die geistige Welt, die aufgefangen wird an dem Punkte, wo der fleischliche Leib herumwandelt. Wenn also der Christus Jesus zum Beispiel heilt, dann ist es die Sonnenkraft, die da heilt. Die muß aber an dem richtigen Orte des Himmels stehen: "Da es aber Abend geworden war, als die Sonne unterging, brachten sie zu ihm alle, die ein Leid hatten", Krankheiten und so weiter. - Es ist wichtig, daß man andeutet, daß diese Heilkraft herunterfließen kann, wenn die äußere Sonne untergegangen ist, wenn die Sonne nur noch geistig wirkt. Und als er wieder eine bestimmte Kraft braucht, um zu wirken, da mußte er diese auch noch aus der geistigen Sonne nehmen, nicht aus der physischen sichtbaren Sonne. "Und früh morgens, noch im Dunkeln stand er auf und ging hinaus." - Der Weg der Sonne und der Sonnenkraft wird uns ausdrücklich angedeutet: daß diese Sonnenkraft wirkt, und daß im Grunde genommen der Jesus nur das äußere Zeichen ist, daß dieser Weg der Sonnenkraft auch dem bloßen äußeren Auge sichtbar werden konnte. Und überall, wo wir im Markus-Evangelium die Rede haben von dem Christus, ist gemeint die Sonnenkraft, die für jene Epoche unserer Erdenentwickelung ganz besonders wirksam geworden ist auf diesem Fleck der Erde, der da Palästina heißt. Und man konnte die Sonnenkraft sehen: In der oder jener Zeit ging der Christus von dem Ort zum dem Ort. Man könnte ebensogut sagen: In dieser Zeit bewegte sich die geistige Kraft der Sonne, wie in einem Brennpunkte gesammelt, von dem Ort zu jenem Ort. Und der Leib des Jesus war das äußere Zeichen, das den Augen sichtbar machte, wie sich die Sonnenkraft bewegte. Die Wege des Jesus in Palästina waren die Wege der auf die Erde herabgekommenen Sonnenkraft. Und zeichnen Sie die Schritte des Jesus als eine besondere Landkarte auf, dann haben Sie ein kosmisches Ereignis: das Hereinwirken der Sonnenkraft aus dem Makrokosmos in das Land Palästina. Und auf diese makrokosmische Sache kommt es an. Darauf deutet insbesondere der Schreiber des Markus-Evangeliums hin, der das wohl kannte, daß ein Leib, der der Träger eines solchen Prinzipes war, wie es das Christus-Prinzip ist, in einer ganz besonderen Weise (S226) von seinem Prinzip mußte überwunden werden. Es war also das Hinausweisen gerade in jene Welt, die Zarathustra so großartig hinter der sinnlichen Welt angekündigt hat, das Hinausweisen auf diese Welt, wie sie wieder hereinwirkt auf die Menschenwelt. So war jetzt durch den Christus Jesus angedeutet, wie die Kräfte wieder hereinwirken auf die Erde. Daher mußte in dem Leib, der ja, wie wir gesehen haben, in einer gewissen Weise - wenn er auch jetzt schon der Leib des nathanischen Jesus war - doch beeinflußt war von der Zarathustra-Individualität, auch eine Art Wiederholung der Zarathrustra-Vorgänge vor sich gehen.

   (Anmerkung: Hermann Beckh hat in seinem Buch: "Die kosmischen Rhythmen im Markus-Evangelium" die im vorangehenden Abschnitt gegebenen Hinweise aufgegriffen und anhand der biblischen Zeugnisse akribisch ausgeführt und belegt).

   Nun hören wir die große schöne Legende von Zarathrustra. Als ihn seine Mutter geboren hatte, da zeigte Zarathustra als erstes Wunder das berühmte Zarathustra-Lächeln. Das zweite Wunder war das, daß der damalige König jenes Distriktes, wo Zarathustra geboren worden war, Duransarun, den Beschluß faßte, zu ermorden den Zarathustra, von dem ihm die rückschrittlichen Magier besondere Dinge gesagt hatten, daß aber dem König, als er erschien, das Kind zu erdolchen, der Arm gelähmt wurde. Das war das zweite der Wunder nach der Geburt des Zarathustra. Und da ließ dieser König, der seinen Dolch nicht gebrauchen konnte gegenüber Zarathustra, das Kind hinausführen zu den wilden Tieren der Wüste. Das ist der Ausdruck dafür, daß jetzt schon in frühester Kindheit Zarathustra sehen mußte dasjenige, was der Mensch sehen muß, wenn er unrein hinaussieht. Er sieht statt der edlen Gruppenseele und der edlen, höheren geistigen Wesenheiten den Ausfluß seiner wilden Phantasie. Das ist das Hinausführen in die Wüste zu den wilden Tieren, von denen Zarathustra unversehrt bleibt. Das ist das dritte der Wunder. Das vierte war wieder ein Wunder bei den wilden Tieren und so weiter. Immer waren es die guten Geister des Ahura Mazdao, die dem Zarathustra dienten.

   Jene Wunder finden wir im Markus-Evangelium wiederholt: "Und alsbald treibt ihn  der Geist in die Wüste" - eigentlich heißt es Einsamkeit - "vierzig Tage lang, und wurde versucht vom Satan, und war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm." Da wird uns gezeigt, daß der Leib vorbereitet wurde, sozusagen wie in einem Brennpunkte dasjenige aufzunehmen, was im Makrokosmos vorging. (S227) Es mußte das wieder geschehen, was bei Zarathustra geschehen war: das Hinausführen zu den wilden Tieren. Der Leib nahm auf, was aus dem Makrokosmos hereinkam.

   Das Markus-Evangelium stellt uns schon in den allerersten Zeilen in die größten Zusammenhänge hinein. Und ich wollte Ihnen zeigen, wie im Grunde genommen dieses Markus-Evangelium, wenn man nur erst die Worte im rechten Sinne versteht - nicht wie in dem der heutigen philiströsen Sprache, sondern in dem der alten Sprachen, wo jedes Wort hinter sich lebendige Welten hat -, wenn man es im Sinne dieser alten Sprachen versteht, dann bekommt das Markus-Evangelium neues Leben, neue Kraft. Aber man muß sagen: Unsere heutigen Sprache kann erst mit vielen Umschreibungen das wiederum herausfinden, was für die alten Sprachen schon in den Worten gelegen hat. Das, was wir sprechen, wenn wir sagen: Der Mensch lebt auf der Erde und bildet sein Ich aus; der Mensch lebte früher auf dem Monde, da waren es die Engel, die ihre Menschheitsstufe durchmachten -, das liegt alles zugrunde, wenn es heißt: "Siehe, ich sende meinen Engel vor den Menschen her." Diese Worte sind nicht zu verstehen ohne die Voraussetzung dessen, was in der Geisteswissenschaft geboten wird. Und die Leute in der Gegenwart sollten ehrlich sein und sollten sagen bei den Worten am Beginne de Markus-Evangeliums: Das ist unverständlich. - Statt dessen stehen sie im billigen Hochmut da und erklären, die Geisteswissenschaft sei eine Phantasterei, die allerlei hineinlegt in das, was sie in einfacher Weise wissen. Sie wissen es eben gar nicht, die Menschen der Gegenwart. Und man hat heute nicht mehr das Prinzip, das man zum Beispiel im alten Persien hatte, wo von Epoche zu Epoche die alte heilige Urkunde umgeschrieben wurde, um für jede Epoche neu eingekleidet zu werden. So wurde das göttlich-geistige Wort als Zend Avesta umgestaltet und wieder umgestaltet. Und was heute da ist, ist die letzte Gestalt. Siebenmal wurde die persische Bibel neu geschrieben. Und die Anthroposophie soll den Menschen lehren, wie notwendig es ist, daß die Bücher, in denen die heiligen Geheimnisse geschrieben werden, von Epoche zu Epoche umgeschrieben werden müssen. Denn gerade wenn man den großen alten Stil bewahren will, dann darf man nicht versuchen (S228), sozusagen soviel als möglich bei den alten Worten zu bleiben. Das kann man nicht, die versteht man nicht mehr, sondern man muß versuchen, in unmittelbares Verständnis der Gegenwart die alten Worte umzusetzen. Wir haben das versucht in bezug auf die Genesis im Sommer (siehe GA122: 'Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte', dieser Zyklus wurde wie der hier wiedergegebene Vortrag in München gehalten). Da haben Sie gesehen, wie manche der Worte umgesetzt werden müssen. Sie haben vielleicht heute einen kleinen Begriff davon bekommen, wie auch im Markus-Evangelium die Worte umgesetzt werden müssen.

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