Anhang VI:

Die Seth-Legende

Diese Legende steht im Zusammenhang mit der Überkreuzung der Entwicklungsströme bzw. der Überkreuzung zweier Dreiecke im Sechsstern. 

Seth-Legende Münster Schwäbisch Gmünd

- Seth-Legende am Münster Schwäbisch Gmünd - Seth empfängt vom Engel des Paradieses drei Samenkörner für seinen kranken Vater Adam - - Eva betreut Adam auf dem Krankenlager

    

   "Der Lichterbaum des Weihnachtsfestes ist uns ein Sinnbild für den Paradiesesbaum, der innerhalb des Paradieses das Belebende und Erkennende darstellt. Das Paradies selbst stellt dar die ganze umfassende materielle Natur. Die Darstellung der geistigen Natur ist der Baum inmitten derselben, der die Erkenntnis umschließt, und der Baum des Lebens. / Eine Erzählung gibt es, die den Sinn dessen gibt, was der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens bedeuten: Seth stand vor dem Tore des Paradieses und begehrte Einlaß. Der Cherub, der den Eingang hütete, ließ ihn herein. Das will sagen: Seth wurde ein Eingeweihter. Als Seth nun im Paradies war, fand er, daß der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis fest ineinander verschlungen waren. Der Erzengel Michael - der vor Gott steht - erlaubte ihm, daß er drei Samenkörner nehmen dürfe von diesem verschlungenen Baum.

   Dieser Baum steht da als prophetischer Hinweis auf die Zukunft der Menschheit: wenn die ganze Menschheit die Erkenntnis gefunden hat und eingeweiht sein wird, dann wird sie nicht nur den Baum der Erkenntnis in sich tragen, sondern auch den andern Baum, den des Lebens. Der Tod wird dann nicht mehr sein. Vorläufig aber darf nur der Eingeweihte von diesem Baum die drei Samenkörner nehmen, die da bedeuten die drei höheren Glieder des Menschen.

   Als Adam starb, gab Seth diese drei Körner ihm in den Mund, und es erwuchs aus dem Grabe Adams heraus ein flammender Busch, der die Eigenschaft hatte, daß sich aus dem Holz, das von ihm abgeschnitten wurde, immer neue Triebe und Blätter entwickelten. / Von demselben Holz ist geformt das Kreuz des Christus Jesus, das Holz des Kreuzes, das uns zeigt das absterbende, das im Tode vergehende Leben, das aber die Kraft in sich hat, neues Leben hervorzubringen. Das große Weltensymbolum steht da vor uns: das Leben, das den Tod überwindet. Das Holz dieses Kreuzes, das ist erwachsen aus den drei Samenkörnern des Paradiesesbaumes. - Ist auch das Kreuz ein Symbolum für Ostern, empfangen wir doch auch für die Weihnachtsstimmung aus ihm eine Vertiefung. Wir empfinden in ihm, was in der Christus-Idee in dieser Geburtsnacht des Christus Jesus im neuen quellenden Leben uns entgegenströmt."

 

Aus Rudolf Steiner, Berlin, 17.12.1906: "Zeichen und Symbole des Weihnachtsfestes" GA 54+96

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 Buchhinweis:

Thomas Meyer: 'Der Neue Kain'

Die Tempellegende als geistig-moralischer Entwicklungsimpuls und ihre Vollendung durch Rudolf Steiner