Anhang IX

Wie in Anhang VII schon vermerkt, steht dieser für die anthroposophischen Mediziner wesentliche Vortrag in einem entwicklungsgeschichtlichen Zusammenhang mit den Betrachtungen Karl Hublows über die Fresken der Georgskirche auf der Reichenau/Bodensee.

Rudolf Steiner:

"Der unsichtbare Mensch in uns. Das der Therapie zugrundeliegende Pathologische"

- Der sogenannte "Kästchen"-Vortrag -

   

Steiner Wandtafelzeichnung

Steiner, Wandtafelzeichnung: "Der unsichtbare Mensch in uns"

  

  In dem Menschen, wie er vor uns steht, sind eigentlich deutlich zwei Wesenheiten zu unterscheiden. Sie erinnern sich, daß in in verschiedenen Betrachtungen der letzten Zeit ausführte, wie die physische Organisation des Menschen geistig vorbereitet wird im vorirdischen Leben, wie sie dann gewissermaßen als geistige Organisation heruntergeschickt wird, bevor der Mensch selbst mit seinem Ich in das irdische Dasein hereinkommt. Diese geistige Organisation ist im wesentlichen auch während des ganzen physischen Erdenlebens nachwirkend, nur drückt sie sich während des physischen Erdenlebens nicht in etwas äußerlich Sichtbaren aus. Das äußerlich Sichtbare wird bei der Geburt im wesentlichen abgestoßen, denn es sind die Hüllen, in welche der Menschenkeim während der Embryonalzeit eingehüllt ist: Chorion und Amnionsack, die Allantois, alles das, was also abgestoßen wird als physische Organisation, wenn der Mensch aus dem Mutterleibe heraus ein freies physisches Dasein gewinnt. Aber tätig bleibt im Menschen diese vorirdische Organisation sein ganzes Leben lang. Nur ist ihre Beschaffenheit etwas anders als die Leibes-Seelen-Geistwirksamkeit des Menschen während des physischen Erdenlebens. Und darüber möchte ich heute etwas sprechen.   Wir haben also gewissermaßen in uns einen unsichtbaren Menschen, der enthalten ist in unseren Wachstumskräften, auch in denjenigen verborgenen Kräften, wodurch die Ernährung zustande kommt, der enthalten ist in alledem, worüber sich die bewußte Tätigkeit des Menschen eigentlich nicht erstreckt. Aber auch in diese unbewußte Tätigkeit, bis in die Wachstumstätigkeit, bis in die tägliche Wiederherstellung der Kräfte durch die Ernährung, geht seine Wirksamkeit hinein. Und diese Wirksamkeit ist eben die Nachwirkung des vorirdischen Daseins, das im irdischen Dasein ein Kräfteleib wird, der in uns wirkt, aber der nicht eigentlich zur bewußten Offenbarung kommt. Diesen unsichtbaren Menschen, den wir alle in uns tragen, der in unseren Wachstums-, in unseren Ernährungskräften steckt, der auch in den Reproduktionskräften steckt, diesen unsichtbaren Menschen möchte ich Ihnen zunächst seiner Beschaffenheit nach schildern.   Wir können das schematisch tun, indem wir uns sagen: Auch in diesem unsichtbaren Menschen sind enthalten das Ich, die astralische Organisation, die ätherische Organisation, also der Bildekräfteleib, und die physische Organisation. Natürlich, diese physische Organisation steckt bei dem geborenen Menschen in der anderen physischen Organisation drinnen, aber Sie werden im Laufe der heutigen Betrachtungen das Eingreifen des unsichtbaren Menschen in die physische Organisation erfassen können.   Wenn ich schematisch zeichne, so muß ich es so zeichnen (siehe Zeichnung links):

Zeichnung folgt

   Wir haben in diesem unsichtbaren Menschen zunächst die Ich-Organisation (gelb), wir haben die astralische Organisation (rot), dann die ätherische Organisation (blau), und wir haben die physische Organisation (weiß). Diese physische Organisation, die in Betracht kommt für den unsichtbaren Menschen, greift nur in die Ernährungs-Wachstumsprozesse, in alles das, was von dem unteren Menschen, wie wir ihn öfter geschildert haben, von dem Stoffwechsel-Gliedmaßenmenschen sich in der menschlichen Organisation geltend macht. Alle Strömungen, alle Kräftewirkungen in diesem unsichtbaren Menschen gehen so vor sich, daß sie ausgehen von der Ich-Organisation, dann in die astralische, in die ätherische und in die physische Organisation gehen, und in der physischen Organisation sich dann ausbreiten (siehe Pfeil in Zeichnung 69). Beim Menschenkeim ist dasjenige, was hier physische Organisation genannt wird, in den Häuten, in den Hüllen des Embryos vorhanden, im Chorion, in der Allantois, in dem Amnionsack und so weiter. Beim geborenen Menschen ist all das, was hier physische Organisation genannt wird, enthalten in denjenigen Vorgängen, welche Ernährungs-Wiederherstellungsvorgänge im ganzen Menschen sind. Also nach außen hin ist diese physische Organisation hier (siehe Zeichnung rechts) von der anderen physischen Organisation des Menschen nicht getrennt, sondern mir ihr vereinigt.   Wir haben gewissermaßen neben diesem unsichtbaren Menschen dann den sichtbaren Menschen, den wir vor uns stehen haben, wenn der Mensch eben geboren ist. Diesen sichtbaren Menschen will ich gewissermaßen daneben zeichnen. So also würde die gegenseitige Durchdringung des physischen und des überphysischen Menschen während des Erdenlebens sein. Nun ist es aber während des Erdenlebens so, daß fortwährend diese Strömung (Pfeil): vom Ich zum astralischen Leib, zum ätherischen Leib, zum physischen Leib. Diese Strömung verläuft beim geborenen Menschen in der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation, in alledem, was Bewegunskräfte sind, welche die aufgenommenen Nahrungsmittel in den ganzen Organismus tragen bis zum Gehirn hinauf.   Dagegen gibt es auch ein unmittelbares Eingreifen, eine Kräftewirkung, die nun von dem Ich direkt in den ganzen Menschen hineingeht (siehe Zeichnung 1). Wir haben also ein Eingreifen einer Tätigkeit, einer Strömung gewissermaßen, die direkt von dem Ich aus in die Nerven-Sinnesorganisation hineingeht, die also nicht erst durchgeht durch den Astralleib, durch den Ätherleib, sondern die direkt in den physischen Leib des Menschen eingreift. Natürlich ist dieses Eingreifen ja nur am stärksten am Kopfe, wo die meisten Sinnesorgane zentriert sind. Aber ich müßte diese Strömung eigentlich so zeichnen, daß sie sich zum Beispiel über den Hautsinn über den ganzen Menschen ausbreitet, gerade wie ich auch eine Strömung zeichnen müßte für das Einnehmen der Nahrungsmittel durch den Mund. Aber schematisch ist die Zeichnung so, wie ich sie eben gemacht habe, durchaus richtig. Wir haben also im menschlichen Haupte eine solche Organisation, die von unten heraufströmt, die vom Ich ausgeht, aber durchgegangen ist durch das Astralische, Ätherische, Physische und dann zum Ich heraufströmt. Wir haben eine andere Strömung, die direkt in das Physische hineingeht und hinunterströmt.   Wenn wir den menschlichen Organismus prüfen, dann kommen wir dazu, einzusehen, daß diese unmittelbare Strömung, die also vom Ich direkt in das Physische hineingeht und sich dann im Körper verzweigt, entlang den Nervenbahnen geht (siehe farbige Zeichnung 1, gelb). So daß also, wenn die menschlichen Nerven im Organismus sich ausbreiten, der äußere sichtbare Nervenstrang das äußere sichtbare Zeichen ist für die Ausbreitung derjenigen Strömung, welche direkt vom Ich nach dem ganzen Organismus geht, aber unmittelbar vom Ich aus in die physische Organisation hineingeht. Längs der Nervenbahnen läuft zunächst die Ich-Organisation. diese ist für den Organismus eine wesentlich zerstörende. Denn da kommt der Geist direkt hinein in die physische Materie. Und überall, wo der Geist direkt in die physische Materie hineinkommt, liegt Zerstörungsprozeß vor, so daß also längs der Nervenbahnen, von den Sinnen ausgehend, ein feiner Todesprozeß im menschlichen Organismus sich ausbreitet.   Diejenige Strömung, welche zuerst im unsichtbaren Menschen nach dem astralischen, ätherischen und dem physischen Leibe geht, die können wir im Menschen verfolgen, wenn wir die Blutbahnen bis zu den Sinnen hin verfolgen (siehe farbige Zeichnung 1, rot), so daß wir also, wenn wir den Menschen, so wie er vor uns steht, prüfen, sagen können: In dem Blute strömt das Ich. - Aber das Ich strömt so, daß es zuerst seine Kräfte durchseelt hat durch die Astralorganisation, durch die ätherische und durch die physische Organisation. Das Ich strömt, nachdem es zuerst die astralische, die ätherische Organisation mitgenommen hat, durch die physische Organisation im Blute von unten hinauf. Es strömt also der ganze unsichtbare Mensch in dem Blutsvorgang als ein aufbauender, als ein Wachstumsvorgang, als derjenige Vorgang, der immer von neuem den Menschen erzeugt durch die Verarbeitung der Nahrungsmittel. Dieser Strom strömt im Menschen von unten nach oben, können wir schematisch sagen, ergießt sich dann in die Sinne, also auch in die Haut, und kommt derjenigen Strömung entgegen, die direkt vom Ich aus die physische Organisation ergreift. Allerdings ist die Sache in Wirklichkeit noch komplizierter. In Wirklichkeit müssen wir auf auf den Atmungsvorgang sehen.   Beim Atmungsvorgang ist es so, daß das Ich allerdings bis in den astralischen Leib strömt, dann aber direkt in die Lunge mit Hilfe der Luft. So daß den Atmungsvorgängen auch etwas vom übersinnlichen Menschen zugrunde liegt, aber so, daß nicht wie beim Nerven-Sinnesprozeß das Ich direkt eingreift in die physische Organisation, sondern als Ich-Astralorganisation, in den Organismus eingreift, und dann erst, jetzt nicht als reine Ich-Organisation, sondern als Ich-Astralorganisation, in den Organismus eingreift mit Hilfe des Atmungsprozesses (siehe farbige Zeichnung 1, dritter Pfeil). Man können also sagen: Der Atmungsprozeß ist ein abgeschwächter Zerstörungsprozeß, ein abgeschwächter Todesprozeß. Der eigentliche Todesprozeß ist der Nerven-Sinnesprozeß, ein abgeschwächter Zerstörungsprozeß ist der Atmungsprozeß.   Ihm steht dann gegenüber derjenige Prozeß, wo das Ich sich auch noch verstärkt dadurch, daß seine Strömung bis zum Ätherleib geht und dann erst aufgenommen wird (siehe farbige Zeichnung 1, vierter Pfeil). Dieser Prozeß, der schon sehr stark im Übersinnlichen liegt, so daß er von der gewöhnlichen Physiologie eben nicht verfolgt werden kann, wirkt im Pulsschlage noch äußerlich vernehmbar. Das ist ein Wiederherstellungsprozeß, der nicht so stark ist wie der direkte Stoffwechsel-Herstellungsprozeß, sondern ein abgeschwächter Wiederherstellungsprozeß. Und er begegnet sich dann mit dem Atmungsprozesse.   Der Atmungsprozeß ist bis zu einem gewissen Grade ein Zerstörungsprozeß. Würden wir mehr Sauerstoff aufnehmen, so würde unser Leben viel kürzer sein. Unser Leben wird in dem Maße verlängert, je mehr der Kohlensäurebildungsprozeß durch das Blut entgegenkommt der Aufnahme des Sauerstoffes im Atmungsprozeß.   So wirkt alles innerlich im Organismus zusammen, und man kann eigentlich dasjenige, was in dem Organismus vor sich geht, nur verstehen, wenn man zu diesem Verständnis den übersinnlichen Menschen zu Hilfe nimmt, weil der ja äußerlich sichtbar mit den Hüllen des Embryos abgestreift wird und im geborenen Menschen eigentlich nur noch durch unsichtbare Kräfte wirkt, die war aber genau bezeichnen können, wenn wir von der anthroposophischen Menschenerkenntnis ausgehen.   Wenn wir mit anthroposophischer Menschenerkenntnis zum Beispiel das Auge sehen, so haben wir, im Auge ankommend, den Blutprozeß, der in den feinen Verzweigungen verläuft (siehe farbige Zeichnung 2, rot) und der dann ergriffen wird von dem Nervenprozeß (gelb), der nach der anderen Richtung geht. Der Blutprozeß geht eigentlich immer nach der Peripherie, zentrifugal im Menschen. Der Nervenprozeß, der eigentlich ein Abbauprozeß ist, geht immer zentripedal, geht gegen das Innere des Menschen zu. Und alle Vorgänge, die im Menschen stattfinden, sind Metamorphosen dieser zwei Vorgänge.   Wenn der Vorgang, der sich abspielt zwischen Puls und Atem, in Ordnung ist, dann ist der untere Mensch mit dem oberen Menschen in einer richtigen Verbindung, und dann muß eigentlich der Mensch, wenigstens innerlich, wenn nicht äußere Verletzungen an ihn herantreten, im Grunde gesund sein. Nur wenn der Abbau überwiegt, dann werden übergreifende Zerstörungsprozesse im Organismus sich abspielen. Der Mensch ist dadurch krank, daß sich Fremdartiges in seinem Organismus ansammelt, das nicht in der richtigen Weise verarbeitet ist, das zuviel der Abbaukräfte in sich enthält, das zuviel enthält von dem, was verwandt ist der äußeren physischen Natur, die auf der Erde in des Menschen Umgebung ist.   Durch das direkte Eingreifen des Geistigen auf dem Umwege des Ich werden im Menschen alle diejenigen Vorgänge von krankhafter Art erzeugt, welche Fremdbildungen sind: Fremdbildungen, die vielleicht nicht gleich in physischen Ansammlungen sichtbar sind, Fremdbildungen, die zum Beispiel im flüssigen, ja sogar im luftförmigen Menschen sein können, die aber Fremdbildungen sind. Die werden sich heraus bilden, und denen kommt dann nicht ein gesundender Prozeß, wie er längs der Blutbahnen verläuft, von unten entgegen, so daß diese Fremdbildungen, die zuerst die Tendenz haben, geschwulstartige Anhäufungen im Körper zu bilden, und dann innerlich zu zerbröckeln, sich nicht auflösen können. Kommt ihnen der Blutbildungsprozeß in der richtigen Weise entgegen, dann können sie sich auflösen, dann gehen sie wiederum in den Vorgang des allgemeinen Leibeslebens über. Aber wenn eine Stauung dadurch entsteht, daß gewissermaßen von oben herunter ein zu starker Abbauprozeß Platz greift, so ergreift er das eine oder andere Organ. Es bilden sich Fremdkörper, die zuerst exsudatartig, geschwulstartig sind, dann die Tendenz aber haben, gerade so zu verlaufen, wie eben die äußeren Prozesse der irdischen Natur verlaufen, die sich zerbröckeln. Und da ist es dann notwendig, daß man sich klar darüber ist, daß eben nicht genügend von dem übersinnlichen Menschen auf dem Wege, den ich hier eigentlich neben den physischen Menschen gezeichnet hat, in den Menschen aufgenommen wird.   Man kann eigentlich von Heilen durch Menschenkunst nicht unmittelbar reden, denn die Sache ist so: In dem Momente, wo zuviel Tätigkeit entwickelt wird nach der Nerven-Sinnesorganisation hin in zentripetaler Richtung, wo also zuviel von den Vorgängen der äußeren Umgebung in den Menschen hineingestopft wird, so daß diese geschwulstartigen Bildungen, die dann zerbröckeln, irgendwo entstehen, in dem Moment wird das andere System, das längs der Blutbahnen verläuft, rebellisch und will die Heilung herbeiführen, will dasjenige, was im Organismus ist, durchdringen mit der richtigen astralischen und ätherischen Kraft, die von unten heraufkommen kann, will abhalten das Ich oder den astralischen Leib mit dem Ich, für sich allein zu wirken. Solch einem revolutionären Prinzip im menschlichen Organismus muß der Helfer dann entgegenkommen, und das Heilen besteht eben darin, daß man dasjenige, was im Organismus als ursprüngliche Heilkraft schon vorhanden ist, durch äußere Mittel unterstützt.   Wenn also, sagen wir, eine geschwulstartige Bildung auftaucht, so ist das ein Symptom dafür, daß nicht in richtiger Weise die Ich-Tätigkeit vom Ätherleibe aus eingreift. Sie macht sich geltend, aber kann manchmal nicht herankommen an die Geschwulst. Man muß nach dieser Richtung hin gewissermaßen den Ätherleib unterstützen, so daß er zur Wirksamkeit kommt. Denn wenn der Ätherleib in der richtigen Weise zur Wirksamkeit kommt, indem er zuerst vom Ich und vom astralischen Leib durchdrungen ist und dann zur Wirksamkeit kommt, wenn er heran kann an das, was von oben kommt und nicht die Ätherwirksamkeit aufgenommen hat, sondern höchstens die Ich- und Astralwirksamkeit, wenn man also der Ich- und Astralwirksamkeit, die vergiftend in den Organismus eingreifen, die ätherische Wirksamkeit entgegensenden kann, dann unterstützt man den Heilungsprozeß, der durch die menschliche Organisation selber da sein will. Man braucht eigentlich nur zu wissen, durch welche Mittel in einem solchen Falle die ätherische Organisation durchzogen, in den Körper eingreifen muß. Man braucht sozusagen der ätherischen Organisation durch die Mittel nur zu Hilfe zu kommen. Man muß also wissen, welche Mittel in einem solchen Falle die ätherische Organisation stark machen, so daß sie ihre aufbauende Kraft der zu starken abbauenden Kraft entgegensetzen kann. Was der Therapie als die Pathologie zugrunde liegt, läßt sich eben durchaus nicht begreifen, wenn man nicht zu dem unsichtbaren Menschen seine Zuflucht nimmt.   Es kann aber auch so sein, daß der Mensch, indem er geboren wird, mit seiner Ich- und astralischen, also sagen wir, mit seiner geistig-seelischen Organisation nicht richtig in die physische Organisation eingreift, daß also gewissermaßen die geistig-seelische Organisation nicht genügend hineinstößt in die physische Organisation. Dann wird der ganze Mensch fortwährend ein Überwiegen haben desjenigen, was von unten nach oben als Wachstumskräfte vorhanden ist, was aber nicht in genügender Weise Schwere bekommt durch die Eingliederung der physischen Organisation. Der Mensch kann so geboren werden, daß sein physischer Leib nicht genügend von dem unsichtbaren Menschen ergriffen wird, daß also dieser hier gezeichnete unsichtbare Mensch gewissermaßen sich weigert, in der gehörigen Weise einzugreifen in den Blutprozeß. Dann kann der Geist des Menschen nicht an den Blutprozeß heran, und wir sehen dann die Folgen daran, daß solche Menschen uns schon von Kindheit auf blaß entgegentreten, mager bleiben, oder wohl auch durch die überwiegenden Wachstumskräfte schnell in die Höhe schießen. Dann haben wir das vor uns, daß das Geistig-Seelische nicht richtig hinein kann in den Organismus. Und weil der Körper sich weigert, das Geistig-Seelische aufzunehmen, müssen wir dahin wirken, daß wir im ätherischen Leibe, wo dann eine zu starke Tätigkeit vorhanden ist, diese abschwächen. Wir müssen also bei solchen blaß und hager und aufgeschossen auftretenden Menschenkindern dahin wirken, daß wiederum die im ätherischen Leib hypertrophisch, übermäßig wirkenden Kräfte auf ihr gehöriges Maß zurückgeführt werden, daß der Mensch Schwere in den Leib bekommt, daß das Blut zum Beispiel durch Empfangen des nötigen Eisengehaltes die entsprechende Schwere bekommt, so daß der ätherische Leib weniger nach oben wirkt, in  seiner Wirkung nach oben abgeschwächt wird.   Man merkt einen solchen Zustand auch daran, daß bei einem solchen Menschen stärker auftritt etwas, was ich gegenüber den Tagprozessen, den Tagvorgängen, die Nachtvorgänge nennen möchte. Denn man möchte sagen: In der Nacht weigert sich ja bei jedem normalen Menschen die physisch-ätherische Organisation, das Geistig-Seelische aufzunehmen. Diese Nachtorganisation des im Bette liegenden Menschen - nicht des unsichtbaren Menschen, der heraußen ist -, diese Nachtorganisation ist zur stark bei denjenigen, die eine Art angeborener Schwindsucht, wie ich sie eben geschildert habe, in sich tragen. Man muß dann die Tagorganisation unterstützen, das heißt, ihr eine gewisse Schwere geben dadurch, daß man die Abbauprozesse geradezu fördert. Denn wenn man die Abbauprozesse fördert und dann innerlich dieses sich Verhärtende und zuletzt Zerbröckelnde auftritt - es muß natürlich nur in sehr geringem Maße beim Heilen stattfinden -, dann drängt man die überquellende Kraft des Ätherleibes zurück, und man hält das Schwindsuchtsmoment zurück.   So wird aus der Erkenntnis des ganzen Menschen eben dieses eigentümliche Zusammenwirken von Gesundheit und Krankheit durchsichtig, das immer da ist, und das im wesentlichen ausgeglichen wird durch dasjenige, was sich zwischen Puls und Atem abspielt. Und lernt man dann erkennen, durch welche äußeren Mittel man das eine oder das andere fördern kann, dann kommt man eben in die Lage, die ja immer vorhandenen, aber nicht immer aufkommenden Naturheilungsprozesse zu unterstützen. denn einen ganz fremdartigen Prozeß kann man in den menschlichen Organismus nicht hineinbringen. Was im menschlichen Organismus vor sich geht, ist immer so: Wenn man irgendeinen fremdartigen Prozeß in ihn hineinbringt, so wird er innerlich sogleich in den entgegengesetzten verwandelt. Essen Sie irgend etwas, so hat das Nahrungsmittel gewisse chemische Kräfte in sich. Indem der Orgnanismus sie aufnimmt, verwandelt er sie sogleich innerlich in die entgegegesetzten. Und das muß möglich sein. Denn behält zum Beispiel ein Nahrungsmittel, nachdem es aufgenommen wird, zu lange seine äußere Beschaffenheit, dann geht es eben an den Abbauprozeß heran, und das bewirkt äußere, im Menschen zerstörende, todbringende Abbauprozesse. Es muß gewissermaßen dasjenige, was mit den Nahrungsmitteln in den Menschen hineinkommt, sogleich durch innere Prozesse in Empfang genommen und in sein Gegenteil verwandelt werden.   Sie können diese Prozesse, dich ich Ihnen jetzt hier aus dem Ganzen des Menschen heraus entwickelt habe, an Einzelheiten verfolgen. Nehmen Sie einmal an, Sie stechen sich irgendwo einen Fremdkörper ein (siehe farbige Zeichnung 3, gelb). Das Verhalten Ihres Leibes zu diesem Fremdkörper kann in zweierlei Art vor sich gehen. Nehmen wir an, Sie können den Fremdkörper nicht herausziehen, er bleibt drinnen. Dann kann zweierlei geschehen. Rings um den Fremdkörper ist tätig die aufbauende Kraft in dem fließenden Blute (rot). Die sammelt sich rings um den Fremdkörper an, ist aber von ihrer Stelle gerückt. Das führt dazu, daß die Nerventätigkeit sogleich anfängt zu überwiegen. Es sondert sich um den Fremdkörper eine exsudatartige Bildung ab (blau). Der Fremdkörper wird eingekapselt. Dadurch, daß das geschieht, bildet sich an der Stelle des Körpers das Folgende: Während sonst, wenn wir keinen Fremdkörper an der Stelle haben, dort in einer gewissen Weise der ätherische Leib in den physischen Leib eingreift, wird der ätherische Leib jetzt in den Fremdkörper nicht eingreifen können, sondern dadrinnen wird gewissermaßen eine Blase entstehen, die nur vom Ätherischen ausgefüllt ist. Wir haben in uns ein Stückchen Leib, das einen Fremdkörper enthält, und wo ein Stückchen ätherischer Leib nicht vom Physischen durchorganisiert ist. Da kommt es dann darauf an, da drinnen den astralischen Leib so stark zu machen, daß er ohne die Hilfe des physischen Leibes bei dem Stückchen Ätherleib wirken kann. Und durch diese Einkapselung hat sich eigentlich unser Leib an die abbauenden Kräfte gewandt, um diese abbauenden Kräfte in einem Stück Leib herauszusondern und da nun den heilenden Ätherleib einzugliedern, der in der entsprechenden Weise aber dann durch eine richtige Behandlung unterstützt werden muß von dem Astralischen und dem Ich.   Wir müssen also gewissermaßen sagen, daß in einem solchen Falle dasjenige, was über dem Physischen im Menschen liegt, so stark werden muß, daß es ohne das Physische für diesen kleinen Teil der menschlichen Organisation wirken kann. Das geschieht immer, wenn im Sinne einer sogenannten Heilung irgendein Fremdkörper im Menschen, ein Splitter, der eingestochen wird zum Beispiel, sich einkapselt. Da also wird der Mensch für diesen Teil seines Leibes gewissermaßen mit seiner ganzen Organisation ein Stück nach oben gerückt. Nun bildet sich ja natürlich auch Fremdkörperliches rein aus der Organisation heraus. Das muß dann in der gleichen Weise angesehen werden.   Aber nun kann ein ganz anderer Prozeß sich abspielen, wenn wir uns einen Splitter eingestoßen haben. Es kann so sein, daß nun, wenn wir uns den Splitter eingestochen haben (siehe farbige Zeichnung 4, gelb), ringsherum die Nerventätigkeit anfängt stärker zu werden und über die Bluttätigkeit überwiegt. Dann erregt die Nerventätigkeit, wo das Ich oder wohl auch das durch den astralischen Leib verstärkte Ich drinnen wirkt, dann erregt diese Nerven-Sinnestätigkeit, die durch den ganzen Leib geht, die Bluttätigkeit, läßt es nicht zum Gerinnen eines Exsudates kommen, sondern regt dasjenige, was sich aussondert, auf, und es führt das dann zur Eiterbildung (weiß). Und weil die Nerven nach außen stoßen (Pfeile), so wird der  Eiter durch den Stoß, der in der abbauenden Tätigkeit durch die Nervenbahnen geht, durch den Stoß auch nach der Peripherie, nach außen des Körpers getrieben, und der Splitter eitert aus, kommt heraus, und das Ganze vernarbt dann.    Sie können also unmittelbar an den Vorgängen der Einkapselung sehen, die ja namentlich dann geschehen wird, wenn der Splitter zu weit drinnen sitzt im Organismus, so daß die Stoßkraft des Abbausystems, des Nerven-Sinnessystems nicht ausreicht, um ihn nach außen zu führen, dann wird das Aufbauende in den Blutbahnen stärker sein und zur Einkapselung führen.   Wenn der Splitter mehr an der Oberfläche sitzt, so wird die Nervenstoßkraft, die abbauende Kraft, stärker sein, sie exzitiert, erregt dasjenige, was Exsudat werden will, wird so die ja sonst immer vorhandenen Abbaubahnen, welche nach außen führen, abbauend benutzen, und das Ganze wird vereitern. So daß wir eigentlich sagen können: Im Anfange, gewissermaßen im Momente der Entstehung, im Status nascendi tragen wir eigentlich immer latent die Tendenz in uns, daß unser Organismus verhärten werde nach innen, zentripetal, und daß er wieder aufgelöst werde nach außen, zentrifugal. Nur sind die nach innen wirkende, geschwulstbildende Kraft, und die nach außen wirkende, eiterig entzündliche Kraft im normalen Menschenleibprozeß im Gleichgewichte, gleichen sich aus. Wir entzünden uns immer so stark, daß wir die nach dem Abbau hingehende geschwulstbildende Kraft überwinden. Nur wenn das eine stärker ist als das andere, so entsteht entweder eine wirkliche Geschwulstbildung oder eine wirkliche Entzündungsbildung.   Nun dürfen Sie nicht glauben, daß das alles sich in der Wirklichkeit so leicht ausnimmt, wie man es - was man ja muß - im Beschreiben schematisch darstellt. In Wirklichkeit greifen eben die Prozesse durchaus ineinander. Sie können ja beobachten, daß dann, wenn die entzündlichen Kräfte im Menschen stark sind, fiebrige Erscheinungen auftreten. Das sind im wesentlichen zu starke, überwiegende Aufbauprozesse, die im Blute liegen. Mit dem, was man im Fieber oftmals an Eigenkraft im Menschen entwickelt, könnte man jedenfalls noch ein starkes Stück von einem zweiten Menschen versorgen, wenn man die Kräfte in der richtigen Weise ableiten könnte.   Auf der anderen Seite, da wo die Abbaukräfte stark wirken, treten eigentlich Erkältungserscheinungen auf, die nur nicht so leicht zu konstatieren sind wie die Fiebererscheinungen. Aber es treten auch abwechselnd die einen und die anderen Erscheinungen auf, so daß man es in der Wirklichkeit immer mit einem Durcheinanderwirken desjenigen zu tun hat, was man eben auseinanderhalten muß, wenn man die Sache durchschauen will.   Wenn man in der Natur Gifte hat, sagen wir zum Beispiel das Gift, das in der Belladonna, in der Tollkirsche sitzt, dann entsteht ja die Frage: Was sind gegenüber den gewöhnlichen Stoffen, die wir in unserer Umgebung finden, und die ja nicht Giftstoffe sind, weil wir sie essen können, was sind denn die eigentlichen Gifte?   Wenn wir unsere Nahrungsmittel essen, dann bekommen wir in den Organismus dasjenige hinein, was in der Natur draußen auf eine ähnliche Weise gebildet wird wie unser unsichtbarer Mensch. Wir bekommen dasjenige in uns hinein, was von einer geistigen Tätigkeit ausgeht (siehe farbige Zeichnung 5, gelb), in eine astralische Tätigkeit hineingeht (rot), dann in eine ätherische Tätigkeit (blau) und dann in eine physische Tätigkeit hineingeht (weiß). Wenn eine solche Tätigkeit, die in der Natur von oben nach unten geht, die also gewissermaßen von dem Umkreis herein auf die Erde wirkt, eine Tätigkeit, die unserer innerlichen Ich-Tätigkeit, die eine rein geistige ist, verwandt ist, wenn also das, was ich hier schematisch gelb gezeichnet habe, herunterfließt, aber sich auf dem Wege vom Astralischen umwandelt, weiterhin auf dem Wege vom Ätherischen umwandelt, dann ins Physische geht, dann nimmt die Pflanze in der Regel eine solche Tätigkeit auf. Die Pflanze wächst dieser Tätigkeit von unten nach oben entgegen und nimmt diese ätherische Tätigkeit auf, die aber schon von oben richtig die astralische und Ich-Tätigkeit, also die seelische und geistige Tätigkeit in sich hat.   Aber es kann auch so geschehen, wie es bei dem Gifte ist. Die Giftstoffe haben die Eigentümlichkeit, daß sie sich nicht an das Ätherische wenden wie die gewöhnlichen grünen Stoffe in der Pflanze, sondern sich direkt an das Astralische wenden, daß also das Astralische, das ich hier rot gezeichnet habe, in diesen Stoff hineingeht (siehe farbige Zeichnung 5, unteres Rot im Weiß). Bei der Tollkirsche ist es so, daß die Frucht außerordentlich gierig wird und durch ihre Gier sich nicht damit befriedigt, das Ätherische aufzunehmen, sondern daß die Frucht direkt das Astralische aufnimmt, bevor dieses Astralische die Lebenskräfte durch das Ätherische beim Herunterströmen in sich aufgenommen hat. Ich möchte sagen, es tropft immerfort, statt in das Ätherische hineinzugehen, auch Astralisches aus der Weltenumgebung auf die Erde nieder. Und solche Tropfen astralischen Wesens, die nicht in der richtigen Weise durch die Ätherathmosphäre der Erde hindurchgegangen sind, finden sich zum Beispiel in dem Gift der Tollkrische. Auch in dem Gift, sagen wir des Stechapfels, in dem Hyoscyamin, dem Gifte des Bilsenkrautes und so weiter, haben wir gewissermaßen ein Niedertropfen des Kosmisch-Astralischen in die Pflanze hinein.   Dadurch aber ist dasjenige, was in diesen Pflanzenstoffen lebt, zum Beispiel was in der Belladonna, in der Tollkirsche lebt, verwandt jener Tätigkeit, die direkt vom Ich oder astralischen Leib hineingeht in die menschlichen Nerven und in den menschlichen Sauerstoffkreislauf. Wir bekommen also, wenn wir das Gift der Tollkirsche aufnehmen, eine wesentliche Verstärkung der Abbauprozesse in uns, derjenigen Prozesse, die sonst vom Ich direkt in den physischen Leib hineingehen. Das menschliche Ich ist nicht so stark, daß es eine solche Verstärkung ertragen kann. Wenn die entgegenwirkende, von unten nach oben in den Blutbahnen gehende Wirkung einmal zu groß ist, dann kann man ihr entgegenschicken solche Abbauprozesse, und es kann in einer kleinen Dosierung das Atropin, das Gift der Tollkirsche, ein Gegenmittel sein gegen die zu starken Wachstumsprozesse. Aber in dem Augenblicke, wo zuviel von diesem Gift kommt, dann kann nicht mehr die Rede davon sein, daß ein Gleichgewicht da ist: dann werden zunächst die Wachstumsprozesse zurückgedrängt, und der Mensch wird ganz benebelt von einer geistigen Tätigkeit, die er noch nicht mit seinem Ich ertragen kann, die er vielleicht erst in zukünftigen Zuständen, im Venus- und Vulkanzustand, wird ertragen können. Dadurch treten die eigentümlichen Vergiftungserscheinungen auf. Zuerst wird untergraben der Ausgangspunkt der im Blute wirkenden Tätigkeit. Es treten dann jene gastrischen Erscheinungen auf, die, wenn Tollkirschengift genossen wird, den Anfang bilden. Dann werden die Kräfte stark abgehalten, in der richtigen Weise von unten nach oben zu wirken, und es tritt eben die völlige Bewußtlosigkeit, die Zerstörung des Menschen von den Abbauprozessen aus ein.   So können wir richtig verfolgen, wenn wir überall wissen, was vom Geistigen in irgendeiner Substanz, die wir aufnehmen, enthalten ist - und am besten ist das ja immer an den Pflanzen zu studieren -, wie eine solche Substanz im menschlichen Organismus wirkt. Es muß sich eben vereinen mit einer richtigen Erkenntnis der äußeren Natur. Wir müssen wissen, was in den einzelnen Pflanzen lebt und werden dann auch wissen, wie die einzelnen Pflanzen zum Beispiel in Diätverordnungen auf den Menschen wirken, und wir werden etwas damit erreichen, wenn man zu gleicher Zeit einen solchen sozialen Zustand herbeiführt, daß die Sachen auch wirklich vollzogen werden können. Heute ist man ja, wenn man irgend etwas auch weiß, zumeist in der Lage, daß es nicht beschafft werden kann, weil unsere sozialen Zustände gar nicht angepaßt sind den Erkenntnissen der Natur. Die Erkenntnisse der Natur werden abgezogen, abstrakt getrieben. Da kommt man nicht dazu, das wirkliche Drinnenstehen des Menschen im ganzen Universum zu erfassen. Man kommt nicht dazu, in größerem Umfange wirklich etwas so ausführen zu können, daß man sich zum Beispiel sagt: Da hat man einen Menschen, für den ist es notwendig, daß man ihm diese oder jene Pflanzenstoffe in diesem oder jenem Rhythmus beibringt. Ja, damit das in umfassender Weise geschehen kann, muß eben unsere wissenschaftliche Medizin einen anderen Charakter annehmen. Man muß verbinden die äußeren Einrichtungen im ganzen sozialen Leben mit demjenigen, was man wissen kann über die Beziehungen des Menschen zur umgebenden Natur.   Gewiß, im einzelnen kann ja viel gemacht werden. Man kann Wurzeln auskochen für einen Menschen, bei dem man weiß, daß die Abbauprozesse, vom Kopfe ausgehend, zu stark sind. Man kocht bestimmte Wurzeln aus, von denen man weiß, daß da Stoffe drinnen sind, welche dadurch, daß man es eben mit einer Wurzel zu tun hat, in der richtigen Weise nach abwärts gezogen haben das Geistige, das Seelische, das Ätherische, bis in das Physische in der Wurzelbildung hinein. Dadurch bekommt man in den menschlichen Organismus von den Stoffen der Wurzelbildung aus etwas, was, wenn man es im Organismus zur Wirkung bringt bis in die äußerste Peripherie der Blutbahnen, bis in den Kopf, man dann aufrufen kann, dem zu starken Abbauprozeß des Nervensystems entgegenzuarbeiten. Aber man muß eine genaue Vorstellung haben, was für Veränderungen etwas durchmacht, was in der Pflanzenwurzel sitzt, wenn es aufgenommen wird, sagen wir, durch den Mund und dann verarbeitet wird, um bis in die äußerste Peripherie der Kopforganisation oder auch der Hautorganisation nach außen zu gehen. Man wird in einem anderen Falle wissen müssen, sagen wir, wie Stoffe wirken, die man der Blüte einer Pflanze entnimmt, die also schon etwas wackelig sind in ihrem Verhältnis zum Ätherischen, die schon sehr stark das Astralische in sich aufnehmen, die schon in einer gewissen Beziehung, wenn auch leise, an das Giftartige stoßen, wie man, wenn man diese Stoffe Bädern zumischt und dadurch sie auf dem ganz anderen Wege in den Organismus bringt, die zu schwache Aufbauorganisation, die in den Blutbahnen liegt, anregen kann, um dadurch von der anderen Seite dem entgegenzuwirken, was von der Abbauwirkung eben nach außen wirkt.   Ebenso ist es, wenn man innerlich verfolgen will die Wirksamkeit desjenigen, was man injiziert. Da hat man es auch im wesentlichen zu tun mit einer Verstärkung der Aufbauprozesse, damit ein richtiges Gleichgewicht gegenüber den Abbauprozessen zustande kommt. Man wird daher insbesondere bei Injektionen immer sehen, wie die Abbauprozesse reagieren müssen. Bei Injektionen hat man keine richtige Wirkung, wenn man nicht sieht, wie die Abbauprozesse sich zuerst sträuben, und erst nach und nach in der richtigen Weise einlaufen in die Aufbauprozesse. Injiziert man also irgend etwas, so wird man sehen, daß da kleine Sehstörungen oder auch Ohrensausen auftreten, weil da zunächst die Abbauprozesse sich weigern, in das richtige Gleichgewicht zu kommen mit den verstärkten Aufbauprozessen. Aber man hat auch eine Garantie dafür, daß ein Eingreifen in die Prozesse stattfindet, wenn solche Symptome der Reaktion wirklich auftreten.   Sie sehen daraus, daß es sich bei der Anthroposophie wirklich nicht darum handelt, für sektiererische Tanten- oder Onkelversammlungen Schematas zu liefern, nach denen sie auseinander setzen können: der Mensch besteht aus physischem Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich, sondern daß es sich hier handelt um ein ganz ernsthaftes Erfassen des Menschen und seines Verhältnisses zur Welt, um ein Hineintragen des Geistigen in alles Materielle. Und daß Anthroposophie das Geistige im dem Materiellen verfolgen kann, das ist etwas, was eingesehen werden muß, wenn Anthroposophie wirklich sich ihre Stellung in der Welt erobern will. Denn solange man bloß für die Tanten- und Onkelversammlungen in sektiererischen Zirkeln arbeitet, die da tradieren ihre Einteilungen des Menschen, so lange hat man es nur zu tun mit etwas, was in Streit kommt mit allen möglichen anderen sektiererischen Dingen. In dem Augenblicke aber, wo man tatsächlich zeigt, wie dasjenige, was man begreift in der Anthroposophie, eingreift in alles übrige Wissen, wie es, nach dem Ausspruche, den ich gestern getan habe, alles übrige Erdenwissen beleuchtet, so wie früher die Astrologie alle Erdenvorgänge beleuchtet hat, dann hat man an der Anthroposophie eben etwas, was in den modernen Zivilisationsprozeß eingreifen muß, damit ein wirklicher Aufbau auch gegenüber den von älteren Zeiten her kommenden Abbauprozessen in dem menschlichen Zivilisationsprozeß Platz greifen kann.   Solcher Ernst ist zu verbinden mit demjenigen, was man sein Bekenntnis zur Anthroposophie nennen kann. Gewiß kann der einzelne ja nicht immer in der Weise mitwirken, daß er zum Beispiel selber darauf kommt, wie Belladonna auf der einen Seite, Chlor auf der anderen Seite auf den menschlichen Organismus wirkt. Aber darum handelt es sich nicht, daß der einzelne das findet, sondern darum, daß in weiteren Kreisen ein Verständnis, ein allgemeines Gefühls- und Empfindungsverständnis da ist, wie das dem Menschen Heilsame gerade aus anthroposophischer Welt- und Menschenerkenntnis heraus gewonnen werden kann.   Man verlangt ja auch nicht in der Waldorfschul-Pädagogik, daß jeder einzelne Mensch erziehen oder wenigstens die Kinder vom volksschulpflichtigen Altern an erziehen kann. Man verlangt aber, daß im allgemeinen ein Verständnis dafür vorhanden ist, wie da aus Menschen- und Welterkenntnis heraus eine Pädagogik aufgebaut ist. Was Anthroposophie braucht, ist ein ihr entgegenkommendes Verständnis. Es wäre ganz falsch, wenn man glauben würde, jeder einzelne sollte alles wissen. Aber es sollte die Wirksamkeit anthroposophischer Gemeinschaft darin bestehen, daß sich ein allgemeines, auf den gesunden Menschenverstand sich bauendes Verständnis findet für dasjenige, was im Sinne von Menschenheil und Menschenzukunft gerade durch die Anthroposophie angestrebt und zu verwirklichen versucht wird.   

*

nächste Seite anklicken:  10 Steiner: Welt, Erde und Mensch

In den vorangehenden Betrachtungen über den Freskenzyklus der St.Georgskirche auf der Insel Reichenau im Bodensee liegt eindeutig eine Viergliederung zugrunde, die an den Fresken abgelesen ist. Diese ist auch in der anthroposophischen Menschenkunde zu finden. In dem sogenannten Kästchenvortrag "Der unsichtbare Mensch in uns. Das der Therapie zugrundeliegende Pathologische" vom 11.2.1923 (GA221) hat Rudolf Steiner die Viergliederung im Ineinanderwirken mit der Dreigliederung des menschlichen Leibes- und Seelenorganismus behandelt. Damit steht dieser Vortrag in einem wesenhaften Verhältnis zu den Reichenauer Fresken, auch wenn er 1000 Jahre später erfolgt ist. Noch einmal 1000 Jahre weiter zurück spielt das Allerwesentlichste: das in den Evangelien Dargestellte. Für den historisch Interessierten ist das ein im guten Sinne des Wortes fragwürdiger Sachverhalt und deswegen sei der betreffende Vortrag hier gebracht - wenn er auch das Gebiet der medizinischen Menschenkunde betrifft, das in den ganzen hier vorgelegten Betrachtungen nicht der Gegenstand ist.