UA-34182763-1
6. Altersentwicklung und Menschenwesenserkenntnis


S97   In den vorangehenden Ausführungen wurde versucht, in mehr oder weniger schematischer Darstellung zu zeichnen, was urbildlich-ideell dem menschlichen Lebenslauf, wie er sich in unserem Zeitalter gestaltet hat, zugrundeliegt. Diese Idee muß ihrem Wesen nach schon für die mittleren und noch mehr für die höheren Stufen des menschlichen Lebens den Charakter eines Ideals annehmen, ist sie doch ihrem Inhalte nach dadurch gekennzeichnet, daß der Lebenslauf in seiner Gesamtheit zum Erziehungsprozeß geworden ist, der sich von einem solchen der Fremderziehung in einen solchen der in immer höherem Sinne zu verstehenden Selbsterziehung metamorphosiert. Man könnte nun speziell gegenüber dem, was so als Entwicklungsziel des höheren Alters dargestellt wurde, einwenden, daß es so hoch gesteckt sei, daß es in der Wirklichkeit kaum je oder nur in ganz seltenen Fällen erreicht werde. Und man könnte des weiteren der Charakteristik der besondern Entwicklungsmöglichkeiten, welche den einzelnen Stufen des höheren Alters zukommen, entgegenhalten, daß es sich dabei um eine fragwürdige Deutung derselben handle.

   Dazu wäre fürs erste zu sagen, daß das zuletzt geschilderte, der Natur der Sache nach, allerdings das höchste Ideal individueller menschlicher Entwicklung darstellt. Wenn es aber im Wesen des Menschen und in der Struktur seines Lebenslaufs begründet ist, so muß dennoch von ihm ausgegangen werden, um einen Maßstab für die Beurteilung dessen zu gewinnen, was im einzelnen konkreten Fall erreicht wird. Um Beispiele seiner Verwirklichung zu finden, muß man freilich Geister höchsten Ranges ins Auge fassen, die außerdem mit einer langen Lebensdauer begnadet waren. Eines der hervorragendsten in neuerer Zeit bildet zweifellos Goethe, in dessen Leben durch den Reichtum seiner Anlagen und seine außerordentliche Wandlungs- und Verjüngungskraft überhaupt die spezifischen Charaktere aller Altersstufen in seltener Reinheit zur Ausprägung gelangt sind. Es ist denn auch kein Zufall, daß von ihm das bekannte Wort stammt, daß <<geniale Naturen eine wiederholte S98 Pubertät erleben>>, - womit wohl in allgemeinerem Sinne ein Prozeß innerer Verwandlung gemeint ist. Freilich gehören zu diesem Wort als seine ergänzenden Gegenstücke jene andern von dem <<Stirb und Werde>>, und von der Notwendigkeit, daß man <<seine Existenz aufgeben müsse, um zu existieren>>, - Worte, die auf den Willen zu <<Entsagung>> und <<Verzicht>>, das heißt auf die moralischen Impulse hindeuten, ohne welche solche Wandlungen nicht erlangt werden können. (A.L.Vischer hat in seinem gedankenreichen Buche Seelische Wandlungen beim alternden Menschen (Basel 1949) denn auch mit Recht ein eigenes Kapitel diesen innern Wandlungen Goethes durch seine verschiedenen Altersstufen hindurch gewidmet.)

   Ein anderes Beispiel seltener Wandlungskraft bis ins höchste Alter hinaus ist der Philosoph Schelling. Die Dynamik seiner innern Wandlungen war eine so mächtige, daß er, obwohl in seiner gedanklichen Produktivität von außerordentlicher Genialität und Frühreife, doch zu keiner Zeit seines Lebens ein über das Programmatische hinaus durchgearbeitetes Weltanschauungssystem zustandegebracht hat als erst in seinem spätesten Alter in seiner monumentalen Philosophie der Mythologie und der Offenbarung.

   Was nun aber die besonderen Charaktere und Entwicklungsmöglichkeiten der einzelnen Stufen des höheren Alters betrifft, so ist allerdings zuzugeben, daß es schwierig ist, sie durch Altersleistungen hervorragender geschichtlicher Persönlichkeiten in konkreter und gewissermaßen <<schlagender>> Weise zu belegen. Dies hat verschiedene Gründe.

   Ein erster liegt darin, daß in dem Maße, als die Entwicklung mit zunehmendem Alter in gesteigertem Grade den Charakter der Selbsterziehung annimmt, oder anders ausgedrückt: vom Leiblichen durch das Seelische zum Geistigen fortschreitet, die Ausprägung des <<Urbildlichen>> immer individueller und individueller wird. Das Generell-Typische tritt immer mehr zurück. Man hat es, zumal bei den höheren Alters- und Entwicklungsstufen, eigentlich mit lauter individuellen Fällen zu tun.

   Dies gilt sowohl von der Art wie von dem zeitlichen Tempo dieser Entwicklung. Je nach Geistesrichtung, Charakteranlage und Tätigkeitsgebiet wird vornehmlich eine der betreffenden Möglichkeiten verwirklicht und bleiben die andern ihr gegenüber zurück. Ferner ist zu berücksichtigen, daß nicht alle <<Altersproduktivität>> auf wirklichem Fortschritt in der inneren Entwicklung und Wandlung beruht, sondern ein großer Teil S99 derselben auf Rechnung einer bewahrten leiblichen Vitalität und Gesundheit, angesammelter Erfahrung, erworbener Routine, vervollkommneten technischen Könnens usw. zu buchen ist. Vielfach stellt sie darum lediglich eine Fortsetzung von Leistungen des mittleren Lebensalters dar. Diese Tatsache drängt sich stark auf zum Beipiel bei der Lektüre des Buches Schöpferisches Alter. Geschichtliche Spätaltersleistungen in Überschau und Deutung (1939) von Paul Herre, - obwohl es dem Verfasser dabei darauf ankommt, den besonderen Charakter und Stil dieser Leistungen herauszuarbeiten. Er stellt darin auf 356 Seiten solche Altersleistungen von gegen 1000 Persönlichkeiten aus allen Zeiten und Völkern zusammen. Freilich bleibt die Darstellung in vielen Fällen gar sehr an der Oberfläche und besteht sogar in den meisten nur in nach der Art eines Konversationslexikons gegebenen summarischen Hinweisen.

   Schließlich ist auch das Zeitmaß der Entwicklung bei verschiedenen Persönlichkeiten ein sehr verschiedenes. Denn zum Individuellen eines menschlichen Lebenslaufs gehört auch seine zeitliche Länge.

   Nun bildet es aber ein Grundmerkmal alles Lebendigen, daß es stets als Ganzes wirkt, das heißt seine einzelnen Teile jeweils vom Ganzen her bestimmt werden. Und so scheint, wo der Tod nicht durch einen aus äußeren Zivilisationsverhältnissen heraus bewirkten Unfall eintritt, zugleich mit dem Wesen einer Individualität von vornherein auch die Länge ihres Lebens festzustehen, und sie bedingt in geheimnisvoller Weise auch den Rhythmus der einzelnen Entwicklungsphasen. Diese erscheinen daher gegenüber dem im vorangehenden Kapitel dargestellten zeitlichen Schema bei der einen Persönlichkeit zeitlich auseinandergezogen, bei der anderen zusammengedrängt. In besonderem Grade gilt das letztere von denjenigen, die man in ausgesprochenem Maße als <<Frühvollendete>> bezeichnen kann wie etwa Raffael, Novalis, Mozart, Schubert. Ihre Lebensleistung erscheint, im Ganzen gesehen, nicht als Torso, sondern als in sich abgeschlossene Totalität. Sie haben in außerordentlich beschleunigtem Tempo eine volle menschliche Entwicklung bis zu höchster Reife durchlaufen. Ihnen stehen andere, Langlebige gegenüber, deren Entwicklung in gemächlicherem Schritte sich vollzieht.

   Von beiden wiederum unterschieden sind diejenigen, deren Leben, wie lang es auch sei, seinen Schwerpunkt in ganz überwiegendem Maße in einer seiner Phasen hat. Da sind diejenigen, S100 die in ihrer Jugend durch ihre Schönheit, ihr frisches, gewinnendes, strahlendes Wesen sich die Herzen erobern und, wenn sie älter werden, nurmehr wie eine lebende Erinnerung an ihre frühere Glanzzeit wirken. Da sind die andern, die in der Mitte ihres Lebens den Zenith ihrer Energie und Tatkraft erreichen. Und da sind endlich jene, die erst im höheren Alter zur Produktivität erwachen, indem diese die in der leiblichen Konstitution gelegenen Widerstände, die sie bis dahin zurückgestaut hatten, erst jetzt, beim Zurückweichen der körperlichen Kräfte, zu überwinden vermag. In all diesen Fällen handelt es sich um besondere Geistes- und Charakteranlagen der betreffenden Individualitäten, die, je nach ihrer Beschaffenheit, eine besondere Affinität zeigen zu den spezifischen Entwicklungsmöglichkeiten, welche die eine oder andere Lebensphase gewährt. Schopenhauer macht in seiner Abhandlung über den <<Unterschied der Lebensalter>> hierüber den treffenden Hinweis. <<Ich habe die Bemerkung gemacht, daß der Charakter fast jedes Menschen einem Lebensalter vorzugsweise angemessen zu sein scheint; so daß er sich in diesem vorteilhafter ausnimmt. Einige sind liebenswürdige Jünglinge, und dann ist's vorbei; andre tätige, kräftige Männer, denen das Alter allen Wert raubt; manche stellen sich am vorteilhaftesten im Alter dar, wo sie milder, weil erfahrener und gelassener sind. ...Die Sache muß darauf beruhen, daß der Charakter selbst etwas Jugendliches, Männliches, Älteres an sich hat, womit das jedesmalige Lebensalter übereinstimmt oder als Korrektiv entgegenwirkt.>>

   So erfährt also die Ausprägung des Urbildlichen des menschlichen Lebenslaufs je nach der Individualität die mannigfaltigsten Abwandlungen.

   Was aber insbesondere zum Verständnis der Entwicklungsmöglichkeiten des höheren Alters in entscheidendster Weise berücksichtigt werden muß, das ist der Umstand, daß - wie schon im letzten Kapitel betont - die spezifischen Fähigkeiten, die auf dieser Lebensstufe entwickelt werden können, überhaupt nur zutagetreten, wenn sie als die ausschließliche Frucht einer ganz aus dem Innern erfließenden systematischen Selbsterziehung erwachsen. Da aber eine solche Selbstbildung, wenn sie zu wesentlichen Ergebnissen führen soll, voraussetzt, daß ihr eine andere, den Bedingungen des mittleren Lebensdrittels entsprechende, schon vorausgegangen ist, so läßt sich wohl einsehen, daß die Eigenart der Fähigkeiten, die da entwickelt S101 werden können, im allgemeinen nur in mehr oder weniger rudimentärer Form, nur in schwacher Andeutung zur Erscheinung kommt. Man muß, um sie zu bemerken, schon in sehr intimer Art die seelischen Nuancierungen, die Grundstimmungen ins Auge fassen, welche sich in den den verschiedenen Phasen des Alterswirkens oder Altersschaffens menschlicher Persönlichkeiten unterscheiden lassen.

   Wenn aber auch diese Entwicklungsmöglichkeiten in neuerer Zeit nur in ganz seltenen Fällen eine deutlich ausgeprägte Verwirklichung erfahren haben, so weisen auf ihren Charakter dennoch gewisse allgemeine Altersmerkmale hin, von denen an dieser Stelle nur das eine, aber vielleicht allerbezeichnendste, hervorgehoben sei:

   Es ist die Neigung der altgewordenen Menschen, sich in rückblickender Betrachtung mit sich selbst, ihrem eigenen Leben, ihrer Vergangenheit zu beschäftigen, - eine Neigung, die ja sehr häufig auch dazu führt, daß sie ihre Erinnerungen aufzeichnen oder eine Darstellung ihres Lebens verfassen. Selbstverständlich ist diese Neigung in erster Linie daraus zu erklären, daß der altgewordene Mensch dem Ende seines Lebens entgegengeht, sein irdisches Tagewerk im wesentlichen getan hat und nun über die Muße verfügt, auf das Getane zurückzublicken. Hat er zudem Großes entweder selbst geleistet oder wenigstens erlebt und miterlebt, so kommen seine Gedanken von diesem Großen umso weniger los. Selbstverständlich spielt auch, besonders bei der Aufzeichnung der Lebenserinnerungen, das Bedürfnis vielfach eine maßgebende Rolle - namentlich da, wo es sich um große, aber noch umstrittene Leistungen handelt -, sein Wollen und Streben mit seiner Darstellung zugleich zu rechtfertigen oder der Nachwelt ein bestimmtes Bild seines Wesens zu überliefern. Dennoch aber wirkt in all dem zugleich noch ein anderes Moment mit, das gerade an den Selbstbiographien bedeutender, geistig hochstehender Persönlichkeiten deutlich wahrgenommen werden kann: es ist die Tatsache, daß im Alter die Bedeutung, die Zusammenhänge des in der Jugend Erlebten und Getanen erst im tieferen Sinne verständlich werden. Was in der ersten Lebenshälfte aus mehr oder weniger dumpfem Drang heraus erstrebt, was als glücklicher Zufall eingetreten oder als scheinbar sinnloses Mißgeschick erlitten worden ist, - es ordnet sich jetzt in größere Zusammenhänge ein und offenbart seinen Sinn. In seiner schon erwähnten Abhandlung charakterisiert Schopenhauer diese Tatsache durch das treffende S102 Bild: <<Man kann das Leben mit einem gestickten Stoff vergleichen, von welchem jeder, in der ersten Hälfte seiner Zeit, die rechte, in der zweiten aber die Kehrseite zu sehen bekäme: letztere ist nicht so schön, aber lehrreicher, weil sie den Zusammenhang der Fäden erkennen läßt.>> Dies beruht aber darauf, daß dieselben Kräfte, die in der ersten Lebenshälfte beziehungsweise im ersten Lebensdrittel sich <<inkarniert>> hatten, aus unbewußten Tiefen der Seele heraus gestaltend und schicksalbestimmend ins Leben und zur Tat drängten, einem jetzt gewissermaßen wieder begegnen im Prozeß ihrer <<Exkarnation>> und sich dabei in ihrem Wesen und ihrer Bedeutung enthüllen. Durch die Umkehrung ihrer Strebensrichtung haben sie sich aus Kräften des Handelns und Erlebens in solche des Erkennens und Verstehens umgewandelt. Es erbildet sich dadurch ein seelischer Blick in das eigene Innere, in die wirkenden Kräfte des eigenen Schicksals, der einen gewissermaßen <<hellsichtig>> macht für Tatbestände, die einem früher tief verborgen waren. Was sich solcher <<Hellsichtigkeit>> an Beobachtungen und Erfahrungen ergeben kann, bezeugen zum Beispiel Worte, wie sie Goethes Freund R.L.von Knebel im Alter von 90 Jahren in einem seiner letzten Briefe, zurückblickend auf sein Leben, geschrieben hat: <<Man wird bei genauer Beobachtung finden, daß in dem Leben der meisten Menschen sich ein gewisser Plan findet, der, durch eigene Natur, oder durch die Umstände, die sie führen, ihnen gleichsam vorgezeichnet ist. Die Zustände ihres Lebens mögen noch so abwechselnd und veränderlich sein, es zeigt sich doch am Ende ein Ganzes, das unter sich eine gewisse Übereinstimmung bemerken läßt. Ich habe dieses, bei meinem hohen Alter, unter den mancherlei Umständen, die mein Leben leiteten, sonderlich bemerkt. Es ist nicht meine Absicht, und würde sich auch nicht sonderlich lohnen, solche einzeln hier anzuführen; aber wenn ich zusammenrechne, was mein und der Meinigen Los im Leben also gewürfelt hat, so finde ich in dem Facit meist vollkommene Übereinstimmung. Die Hand eines bestimmten Schicksals, so verborgen sie auch wirken mag, zeigt sich auch genau, sie mag nun durch äußere Wirkung oder innere Regung bewegt sein; ja widersprechende Gründe bewegen sich oftmals in ihrer Richtung. So verwirrt auch der Lauf ist, so zeigt sich doch immer Grund und Richtung durch.>>

   So kann man zusammenfassend sagen, daß das höhere Alter als eine spezifische Begabung die Anlage zur Erkenntnis der S103 verborgenen Seiten des Menschenwesens und Menschendaseins in sich trägt. Diese Tatsache kann zum Verständnis dessen führen, worauf im Anschluß an die vorangehende Darstellung hier noch in besonderer Weise hingewiesen werden soll:

   Wie schon erwähnt, ist ein höchstes Beispiel menschlicher Altersentwicklung in dem Sinne, wie sie im letzten Kapitel schematisch skizziert wurde, in unserer Zeit durch Rudolf Steiner, den Begründer der anthroposophischen Geisteswissenschaft, dargelegt worden (Siehe Rudolf Steiner: Mein Lebensgang). Zwar hatte er schon im ersten und im mittleren Lebensdrittel eine außerordentliche innere Entwicklung durchlaufen. Am allermeisten kennzeichnet seinen Lebensgang aber wohl doch die schlechthin unvergleichliche Entwicklung, die er vom Beginn seiner 40er Jahre bis zu seinem im 65. Jahre erfolgten Tod durchlief. Entsprechend steigerte sich seine geistige Produktivität, obgleich sie bereits in seiner Lebensmitte einen Grad erreicht hatte, der sich nur mit den höchsten Beispielen geistigen Schaffens vergleichen laßt, in seinem letzten Lebensdrittel zu Ausmaßen, die für den größten Teil unserer Zeitgenossen noch unvorstellbar geblieben sind. Die seit drei Jahrzehnten im Erscheinen begriffene Gesamtausgabe seiner Schriften, Dichtungen und (nach stenographischen Nachschriften wiedergegebenen) Vorträge wird auf ca. 320 Bände veranschlagt. Hinzu kommen seine bahnbrechenden Schöpfungen auf dem Gebiete der bildenden Künste. Bezeichnend ist außerdem, daß, nachdem er gegen die Mitte seiner 30er Jahre in seiner Philosophie der Freiheit dasjenige Werk veröffentlicht hatte, in welchem der innerste Kern seiner geistigen Sendung zuerst in entschiedener Ausgestaltung ans Licht getreten war, von dieser Zeit an als ein selbstverständliches Bedürfnis seines Lebens die Pflege einer meditativen Schulung seiner seelisch-geistigen Kräfte sich geltend machte. Und weiter ist bezeichnend, daß er als Verkünder der von ihm inaugurierten Geisteswissenschaft erst, nachdem er in der zweiten Hälfte seiner 30er Jahre durch die intensivste Selbstprüfung hindurchgegangen war, vom Beginne seiner 40er Jahre an hervortrat, so daß das Ganze dessen, was als <<Geisteswissenschaft>> im eigentlichen Sinne von ihm entwickelt worden ist, seinem letzten Lebensdrittel angehört.

   Nun beruht ja diese Geistesforschung, wie schon angedeutet, auf der Ausbildung einer leibfreien, übersinnlichen, rein seelisch- S104 geistigen Erfahrungsfähigkeit. Diese Fähigkeit glieder sich allerdings in drei verschiedene Formen beziehungsweise Stufen der geistigen Erfahrung, die von Steiner als diejenigen der Imagination, der Inspiration und der Intuition bezeichnet worden sind. Sie ergeben sich durch bestimmte Umwandlungen, welche auf dem Wege geistiger Schulung die drei Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und des Wollens erfahren können. Diese Umwandlungen können, wie es im vorigen Kapitel geschah, auch als schrittweise Loslösung derselben von den leiblichen Organen charakterisiert werden, an die sie zunächst gebunden sind. Steiner verfügte über die entsprechende geistige Erfahrungsfähigkeit zwar schon bei Beginn seines Auftretens als Geistesforscher im vollen Umfang, - war doch die Fähigkeit des <<Hellsehens>> schon während seiner Kindheit in ihm erwacht. Und es bilden diese Erfahrungsmöglichkeiten auch ein zusammenhängendes Ganzes, das als solches vorhanden sein muß, wenn geistige Forschung in dem hier gemeinten Sinne zustandekommen soll. Dennoch läßt sich im Verlauf von Steiners geisteswissenschaftlichem Wirken deutlich eine Dreiheit von je etwa siebenjährigen Epochen unterscheiden, in denen jene Fähigkeiten der Reihe nach noch eine besondere Ausgestaltung erfuhren beziehungsweise, in deren jeder eine derselben seinem Wirken in besonderem Maße das Gepräge verlieh (Siehe dazu H.E.Lauer: Rudolf Steiners Lebenswerk. Basel 1926; ders: <Rudolf Steiners Leben und Lehre, wie sie einander gegenseitig beleuchten>, in: R.Steiners Anthroposophie im Weltanschauungskampfe der Gegenwart. Basel 1927. Auf die Bedeutung dieser stufenweisen Entfaltung fällt nun aber ein erhellendes Licht durch die Darstellung, die Steiner selbst in einem Vortrag vom 4. Oktober 1919 (Geistverstehen - Menschenverstehen, veröffentlicht in <Blätter für Anthroposophie>, April 1951). gibt über den Zusammenhang dieser höheren, übersinnlichen Erkenntnisfähigkeiten mit den Kräften, die im Menschen während der Zeit seines Heranwachsens zur Ausbildung gelangen. Er sagt da:

   <<Es wird sehr häufig gefragt, durch welche Kräfte der Menschennatur die Erkenntnis der höheren Welten erlangt wird. Man versucht sich die Frage bloß so zu beantworten, daß man eben davon spricht: Es gibt die Möglichkeit, Übersinnliches durch gewisse Kräfte der Menschennatur zu erkennen. Aber in welchen Beziehungen diese Kräfte zur Menschennatur S105 stehen, darnach wird nicht immer gefragt. Daher wird auch so wenig Rücksicht genommen darauf, die Erkenntnisse der übersinnlichen Welten für das gewöhnliche Leben richtig fruchtbar zu machen. Man kann sagen: Gerade für unser Zeitalter werden die übersinnlichen Erkenntnisse den Menschen immer notwendiger und notwendiger werden. Dann aber müssen sie auch in ihrer Beziehung zum gewöhnlichen alltäglichen Leben erfaßt werden.

   Sie wissen, die erste Fähigkeit, die den Menschen hinaufführt ins übersinnliche Wesen, ist die Kraft der Imagination, die zweite Fähigkeit ist die Kraft der Inspiration, die dritte Fähigkeit ist die Kraft der Intuition. Nun fragt es sich: Sind das Fähigkeiten, die man einfach nur ins Auge fassen muß, wenn von Erkenntnis der übersinnlichen Welt die Rede ist, oder sind dies Fähigkeiten, die auch irgendeine Rolle spielen im sonstigen Leben des Menschen? - Das Letztere, sehen Sie, ist der Fall. Wir verfolgen ja das menschliche Leben, wie Sie das ersehen können aus der kleinen Schrift: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft, nach drei Epochen: nach der Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis etwa zum einundzwanzigsten Jahre. Wer nicht oberflächlich die menschliche Natur betrachtet, der wird darauf kommen, daß die ganze Art der Entwicklung des Menschen eine  andre ist in den ersten sieben Jahren, eine andre in den zweiten sieben Jahren, eine andre in den dritten sieben Jahren des kindlich-jugendlichen Lebens. Damit, daß die dann bleibenden Zähne herausgetrieben werden, hängt zusammen die Entfaltung nicht bloß von Kräften, die etwa, sagen wir, in den Kiefern oder in ihren Nachbarorganen sitzen, sondern die Kräfte, welche diese Zähne heraustreiben, sitzen im ganzen physischen Menschen. Da geht etwas vor in diesem physischen Menschen zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre, was seinen Abschluß findet, indem die bleibenden Zähne herausgetrieben werden aus der Menschennatur.

   Diese Kräfte, die da arbeiten an der menschlichen physischen Wesenheit, die sind übersinnlicher Natur. Das Sinnliche ist bloß das Material, in dem sie arbeiten. Diese übersinnlichen Kräfte, die in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen in seiner ganzen Organisation tätig sind, werden gewissermaßen stillgelegt, wenn ihr Ziel erreicht ist, wenn die bleibenden Zähne erschienen sind. Diese Kräfte gehen nach dem S106 siebenten Jahre, ich möchte sagen, schlafen. Sie sind verborgen in der Menschennatur. Und sie können hervorgeholt werden aus dieser Menschennatur; sie schlafen in der Menschennatur. Und sie können hervorgeholt werden aus dieser Menschennatur, wenn man solche Übungen macht, wie ich sie in dem Buche <Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?> beschrieben habe, die da führen bis zur Intuition. Denn die Kräfte, die in der intuitiven Erkenntnis angewendet werden, sind dieselben Kräfte, mit denen man bis zum siebenten Jahre so wächst, daß dieses Wachsen seinen Ausdruck findet im Zahnwechsel. Diese schlafenden Kräfte, die bis zum siebenten Jahr tätig sind in der Menschennatur, die benützt man in der übersinnlichen Erkenntnis, um zur Intuition zu kommen.

   Die Kräfte wiederum, die vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, bis zur Geschlechtsreife, tätig sind und dann schlafen gehen, drunten in der Menschennatur ruhen, die werden heraufgeholt und bilden die Kraft der Inspiration. Und diejenigen Kräfte, welche, nun, sagen wir, in früheren Zeiten den Menschen vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre die jugendlichen Ideale eingegeben haben - es wäre zu viel behauptet, daß sie das jetzt noch tun - und Organe geschaffen haben im physischen Leib für diese jugendlichen Ideale, das sind dieselben Kräfte, die dann aus ihrem schlafenden Zustand hervorgeholt werden und die Imaginationen bewirken können.

   Sie sehen daraus, daß die Kräfte der Imagination, die Kräfte der Inspiration und die Kräfte der Intuition nicht beliebige, von unbekannt woher geholte Kräfte sind, sondern daß es dieselben Kräfte sind, mit denen wir von unsrer Geburt bis zum einundzwanzigsten Jahre wachsen.>>

   Diese Worte bestätigen einerseits, was im vorangehenden Kapitel über die Wandlungsprozesse des menschlichen Lebenslaufs, besonders über die Beziehungen zwischen Jugend- und Altersentwicklung ausgeführt wurde. Andererseits machen sie zugleich verständlich, warum die übersinnlichen Erkenntnisfähigkeiten, auch wenn sie durch geistige Schulung schon um die Lebensmitte errungen worden sind, in dem Lebensalter, das mit den 40er Jahren beginnt, noch eine stufenweise Steigerung erfahren können. Es kommt ihrer Ausbildung da zu Hilfe der naturgemäße Prozeß ihrer stufenweisen Loslösung vom Leibe, der von dieser Zeit an einsetzt. Sie sind in der Ausgestaltung, die sie dann erfahren können, nicht nur die Frucht der selbsterzieherischen Schulung, sondern zugleich auch die spezifische S107 Gabe, die das höhere Alter dem Menschen schenken kann. Es muß also, wenn sie zur vollsten Ausreifung gelangen sollen, beides zusammenwirken. Da aber, wie wir im vorangehenden Kapitel gesehen haben, das letzte Lebensdrittel überhaupt im Zeichen der Selbsterziehung in der höchsten Bedeutung dieses Wortes steht, das heißt diejenigen Fähigkeiten, die da errungen werden können, nur durch eine zur geistigen Schulung gesteigerte Selbsterziehung hervortreten können, so bedeutet der in den Worten Rudolf Steiners aufgewiesene Zusammenhang nichts geringeres, als daß die Möglichkeiten, welche das höhere Alter als solches dieser Selbsterziehung entgegenbringt, eben ganz spezifisch auf dem Gebiete der geistig-übersinnlichen Erkenntnis liegen, - einer Erkenntnis, die sich ihrem Inhalte nach zur Menschenwesenserkenntnis oder Anthroposophie ausgestaltet. Und so spricht Rudolf Steiner an anderer Stelle, in dem Vortragszyklus Das Initiatenbewußtsein, auch deutlich aus, daß man - im Gegensatz zu früheren Zeiten, wo die Zugehörigkeit zu bestimmten Blutszusammenhängen hierfür ausschlaggebend war - heute <<in der Initiation (Einweihung) in gewissem Sinne von seinem Lebensalter abhängig ist.>> <<Man kann ganz gut mit 37 Jahren aus der Initiation heraus sprechen; aber man kann anders mit 63 Jahren aus der Initiation heraus sprechen, weil man da andre Organe ausgebildet hat. Die Lebensalter sind Organe>> (S149). (Als <<Initiation>> oder <<Einweihung>> wurde in alten Zeiten jene bis auf den Grund beziehungsweise bis zum Kern seines Wesens sich vertiefende Selbsterkenntnis des Menschen bezeichnet, wie sie heute durch die geschilderte Befreiung der verschiedenen Seelenkräfte von der Leibgebundenheit erlangt werden kann. Denn durch sie wird der Mensch in Geheimnisse seines Wesens <<eingeweiht>>, die ihm ohne eine solche Erkenntnis verschlossen bleiben. In früheren Epochen wurde dieses Ziel auf anderen Wegen, mit anderen, der damaligen Entwicklungsstufe der Menschheit angemessenen Mitteln (Meditation, Yoga, kultische Magie, Askese, Drogengenuß) erreicht, welche innerhalb der Mysterienstätten verwaltet und gehandhabt wurden. <<Mysterien>> wurden diese Stätten von den Griechen genannt, weil sowohl die Wege und Mittel wie auch die Erkenntnisergebnisse der Einweihung wegen der mit ihnen verbundenen Gefahren nicht öffentliche bekannt gemacht wurden.)

   Damit ist ein höchst Bedeutungsvolles ausgesprochen. Wir haben ja am Ende des vorletzten Kapitels darauf hingewiesen, S108 daß die Ausbildung einer <<Lehre vom Menschen>>, die das <<Menschliche>> in ihm wirklich zu erfassen imstande ist, die zentrale Forderung unserer Zeit darstelle. Wir zeigten, wie die durch den Gesamtcharakter der neueren Zivilisation immer stärker drohende Gefahr einer Auslöschung des eigentlich <<Menschlichen>> nur gebannt werden kann durch eine Wissenschaft vom Menschen, deren Inhalt auch die Wege weist zur Verwirklichung dessen, was uns zu Menschen macht. Denn die Wissenschaft war es auch, die als moderne Naturwissenschaft das Menschliche im Menschen in der neueren Zeit dem Bewußtsein hat entschwinden lassen. Die moderne Zivilisation benötigt daher, um nicht ins Un- oder Untermenschliche zu versinken als ihr wichtigstes Ferment eine echte Menschenwesenserkenntnis.

   Nachdem wir nun aber in den Ausführungen dieses Kapitels gesehen haben, in welchem Sinn die Erlangung einer solchen Menschenwesenserkenntnis an die besonderen Möglichkeiten des höheren Alters gebunden ist, enthüllt sich uns hier noch ein weiterer Zusammenhang, - der Zusammenhang nämlich zwischen den Verhältnissen, wie sie sich hinsichtlich der Gestaltung des menschlichen Lebenslaufs in der neueren Zeit herausgebildet haben, und dem, was der modernen Kultur als geistiger Inhalt eigen ist und was ihr fehlt. Wir haben gesehen, wie - im Gegensatz zur Altersverehrung früherer Zeiten - der Schwerpunkt des menschlichen Lebens in den letzten Jahrhunderten heruntergerückt ist in die erste Lebenshälfte, genauer: in die 20er Jahre. Wir sahen weiter, wie die Kräfte, mit denen die Natur den Menschen heute noch ausstattet: die Sinneswahrnehmung und das an diese sich haltende Denken, gerade in diesem Alter ihren Gipfel- und Endpunkt erreichen, und wie eben sie es sind, die der modernen Naturwissenschaft und Technik zugrundeliegen und in diesen der neueren Zeit ihren Erkenntnis- und Lebensinhalt gegeben haben. Wir hatten auch darauf hinzuweisen, wie durch diesen Sachverhalt für den modernen Menschen seine innere Entwicklung gegen die Lebensmitte entweder zum Stillstand kommt oder in eine fortschreitend sich vertiefende Krise eintritt.

   Aus all dem wurde ersichtlich, daß eine zentrale Forderung unserer Zeit in der Ermöglichung einer inneren Weiterentwicklung des Menschen über die Lebensmitte hinaus besteht. Wir wiesen auf die seit dem 19. Jahrhundert aufgekommenen Bestrebungen einer Erwachsenenbildung hin. Wir machten aber S109 auch geltend, daß diese um die notwendige Wirkungskraft zu erlangen, einer Menschenerkenntnis als ihrer Grundlage bedürfen, die das Wesen des Menschlichen zu erfassen imstande ist.

   Und jetzt hat sich uns gezeigt, wie die Ausbildung einer solchen an die Aktivierung der besondern Erkenntnismög-lichkeiten der zweiten Lebenshälfte, ja des höheren Alters geknüpft ist. Was unserer Zeit fehlt, was sie braucht, - es wird so von zwei Seiten her sichtbar. Daß sie es bisher noch nicht zu einer wirklichen Menschenerkenntnis gebracht hat, ist nur die andere Seite der Tatsache, daß sie die Wege einer echten Altersentwicklung noch nicht zu erschließen vermocht hat, - und umgekehrt.

   Man würde nun freilich, was wir so von zwei Seiten als die wesentlichste Zukunftsaufgabe aufzuweisen hatten, mißverstehen, wenn man glaubte, wir befürworteten damit die Rückkehr zu einer so einseitigen Hochschätzung des Alters, wie sie in früheren Zeiten geherrscht hat. Davon kann für denjenigen, der die wirklichen Forderungen der Gegenwart versteht, keine Rede sein: Worauf diese hinzielen, ist vielmehr eine gleichmäßig-harmonische Ausgestaltung aller Stufen des menschlichen Lebens in dem Sinne, daß das wesentlich Menschliche durch sie zur Verwirklichung kommt. Es ist die Ausbildung des vollmenschlichen Lebenslaufs. Was aber verlangt diese?

   Wir haben im vorangehenden Kapitel darauf hingewiesen, wie fruchtbar die von Rudolf Steiner begründete Anthroposophie sich bereits erwiesen hat für die Ausgestaltung einer Erziehungs- und Unterrichtsmethodik für die Jugend, - indem wir zugleich auf die Prinzipien hindeuteten, die sich aus ihr für die pädagogische Behandlung der verschiedenen Altersstufen des heranwachsenden Menschen ergeben haben. Wir sprachen davon, wie durch diese Erziehungsmethodik dem Menschen wieder ein wahrhaft menschengemäßes Jungsein ermöglich worden ist.

   Wir haben des weiteren gezeigt, wie die aus der inneren Entwicklungslage der modernen Menschheit heraus für Gegenwart und Zukunft notwendig gewordene Erwachsenenbildung erst durch die Erkenntnisse der Anthroposophie die erforderliche innere Stoßkraft und Fruchtbarkeit wird erlangen können, weil erst durch diese in konkreter Weise sowohl der einzelne Mensch wie auf die Menschheit als in Entwicklung befindliche Wesen zur Darstellung kommen und die Gesetze und Bedingungen ihrer Entwicklung aufgewiesen werden. S110

   Und wir haben schließlich in diesem Kapitel gesehen, wie die Quellen, aus denen diese Menschenwesenserkenntnis immer wieder neu geschöpft werden kann, im einzelnen Menschenleben in vollem Maß erst im höheren Alter zum Fließen gebracht werden können durch jene seelisch-geistige Schulung, welche eben die Methodik dieser Geisteswissenschaft selbst darstellt. Oder umgekehrt gesagt: wie die Erringung dieser Erkenntnis die spezifische Möglichkeit - und damit zugleich die Aufgabe - des höheren Alters bildet.

   Aus all dem ergibt sich, daß die Menschheit in Zukunft ihr Menschentum nur wird bewahren können, wenn dem menschlichen Lebenslauf die Möglichkeit geschaffen wird, sich als das, was er in der neueren Zeit geworden ist: als kontinuierlicher Erziehungsprozeß durch alle seine drei Hauptstufen hindurch nach seinen wechselnden Bedingungen zu entfalten. Das bedeutet, daß in Zukunft innerhalb des menschlichen Geisteslebens drei wesentlich unterschiedene Formen oder Stufen von Erziehungswesen und Bildungsinstitutionen zur Ausgestaltung kommen müssen:

  Ein Erziehungswesen für die Jugend beziehungsweise das erste Lebensdrittel, dessen Methodik und Lehrziele abzulesen sind den sich wandelnden Bedürfnissen und Bedingungen, welche den drei Jahrsiebenten dieser Lebensphase eigen sind.

   Ein Bildungswesen für die Erwachsenen beziehungsweise die im mittleren Lebensdrittel Stehenden, welches in seinen Formen und Aufgaben den im vorigen Kapitel aufgewiesenen Entwicklungsstufen und -forderungen dieses Lebensalters angepaßt ist.

   Und endlich eine Schulungsmethodik, die den besonderen Möglichkeiten des höheren Alters, des letzten Lebensdrittels entspricht. Sie wird den Charakter eines Weges der inneren, seelisch-geistigen Entwicklung tragen müssen. Sie wird man anderen Worten ein modernes Initiationswesen darstellen müssen. Das heißt: sie wird in einer unserer Zeit entsprechenden Art die Funktion zu erfüllen haben, die in alten Zeiten einstmals die Mysterienstätten erfüllt haben. Nur wird eben anstelle des Geheimnisses, in welches jene sich hüllten, die volle Öffentlichkeit solcher Bestrebungen treten müssen, - und anstelle der autoritativen Führung der Novizen und Adepten durch die Hierophanten, Gurus usw. die bloße, an das eigene Denken des Schülers sich wendende Darstellung des Weges zu höherer Erkenntnis, wie er sich aus den Entwicklungsbedingungen der S111 Menschennatur selbst ergibt. Diesem Initiationswesen aber wird innerhalb des künftigen Geisteslebens - nicht äußerlich, sondern innerlich, dem Wesen nach - dieselbe zentrale Stellung zukommen müssen, die einstmals die Mysterien im Geistesleben älterer Zeiten eingenommen haben. Denn, wenn auch die Teilnahme an ihm nur für verhältnismäßig Wenige in Betracht kommt und in Betracht zu kommen braucht, so bildet es doch die Quelle, aus der immer wieder neu geschöpft werden können, was an Erkenntnissen und Richtlinien auch für die Erwachsenenbildung und die Jugenderziehung benötigt wird. Und so stellt ja auch die Begründung der Anthroposophie, wie sie durch Rudolf Steiner erfolgt ist, nichts anderes und nichts geringeres dar als die Begründung eines modernen, den Entwicklungsbedingungen unseres Zeitalters entsprechenden Initiationswesens, eines Schulungsweges, auf dem in einer dem heutigen Bewußtsein gemäßen Form die Forderung erfüllt werden kann, die über der Eingangspforte des delphischen Mysterientempels mit den Worten bezeichnet war: <<Erkenne dich selbst>>. Erst dann, wenn in solcher Weise ein Gesamtaufbau der Erziehungs-, Bidlungs- und Entwicklungsmöglichkeiten in entsprechenden Methoden und Formen des Wirkens ausgestaltet sein wird, wird das geistige Leben diejenige Gestaltung und Gliederung erlangt haben, die den Lebensbedingungen der modernen Menschheit entspricht. Es wird dann in dieser so gegliederten Gestaltung ein Spiegelbild des sich entwickelnden Menschenwesens selbst beziehungsweise des wahrhaft menschlichen Lebenslaufs sein. Dann wird der Mensch selbst das <<Maß>> des kulturellen Lebens geworden sein und dadurch auch die <<Kultur>> wiederum dem Menschen ermöglichen, auf allen seinen Stufen seines Lebens <<Mensch>> zu sein und zu bleiben.

---------------

nächstes Kapitel:  Lebenslauf + soziale Gestaltung