4. Grundphänomene des Lebenslaufs im Zeitalter der Naturwissenschaft


   Wie alles, was auf irgend einem Gebiete charakteristische Erscheinungen des modernen Lebens sind, so müssen auch die Verhältnisse, die sich in neuerer Zeit hinsichtlich der Gestaltung des menschlichen Lebenslaufs herausgebildet haben, in erster Linie im Zusammenhang betrachtet werden mit derjenigen geistigen Macht, welche den letzten Jahrhunderten am stärksten das Gepräge gegeben hat: mit der modernen Naturwissenschaft, wie sie sich seit den Tagen des Kopernikus und Galilei entwickelt hat. Wenn auch die ersten Anfänge der Naturwissenschaft schon im alten Griechenland lagen, so ist diese doch in ihrer modernen Gestalt etwas ganz anderes geworden, als sie in der Antike gewesen war. Und dieses Andere ist sie vor allem durch die Umwandlung geworden, die das menschliche Denken im Übergang zur neueren Zeit erfahren hat.

   Wir wiesen im vorangehenden Kapitel darauf hin, in welch inniger Verbindung im Griechentum das Denken noch mit der Sprache gestanden hatte. Diese Verbindung hat es an der Wende zur Neuzeit gelöst und ist  eine andere eingegangen: mit dem Elemente der Mathematik. Deutlich tritt dies auf philosophischem Felde schon in Erscheinung bei dem Begründer der modernen Philosophie, bei Descartes, und noch mehr bei Spinoza. Noch früher zeigt es sich auf naturwissenschaftlichem Gebiete selbst in der Art, wie Galilei und Kepler die ersten von ihnen entdeckten mechanischen und astronomischen Naturgesetze formulieren. Es geschieht dies in Gestalt von mathematischen Gleichungen. Und in dieser Form sind seither fast alle von der modernen Naturwissenschaft gefundenen Naturgesetzmäßigkeiten zur Darstellung gebracht worden. Hierin liegt aber ein deutlich sprechendes Symptom für die Veränderung, welche das Denken im Übergang zur neueren Zeit durchgemacht hat. Die Sprache entwickelt sich im Verkehr des Menschen mit seiner menschlichen und außermenschlichen Umwelt. In ihr kommen die Beziehungen zwischen Mensch und Welt zum Ausdruck. Die Mathematik - und zwar sowohl als Arithmetik wie auch als Geometrie - quillt ausschließlich aus S48 dem menschlichen Innern. Sie ist ein reines, freies Innenerzeugnis. Ihre Wahrheiten lassen sich zwar auf Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung anwenden, aber sie selbst werden nicht auf dem Wege der sinnlichen Erfahrung gewonnen und bedürfen auch nicht der Betätigung durch diese. Denn sie beziehen sich auf rein ideelle Inhalte. Darum empfindet der moderne Mensch im Gebiete der Mathematik - wie schon Descartes ausgesprochen hat - so stark das Element der unbedingten Wahrheit und Gewißheit. Denn es mischt sich in ihre Inhalte nichts Unsicheres, Unüberschaubares. Sie sind nichts anderes als das, als was sie durch das Denken produzierte werden. Und darum empfand man seit dem Beginne der neueren Zeit das Bedürfnis, die Sinneserscheinungen für ihre erkenntnismäßige Bewältigung ausschließlich mit mathematischen Begriffen zu durchdringen. Und so verwandelte sich denn die Erforschung der Natur seitdem in ein Wägen, Zählen und Messen desjenigen, was unmittelbar beobachtet oder auf dem Wege des Experiments zur Erscheinung gebracht wird. Und Kant prägte den Satz, daß in jeder Wissenschaft nur so viel Wissenschaft enthalten sei, als Mathematik in ihr enthalten ist. Der Übergang des Denkens von der Sphäre des Sprachlichen in diejenige des Mathematischen bedeutet also, daß es sich verinnerlicht hat, gewissermaßen tiefer in das menschliche Innere eingezogen ist. In der Tat hatte es in der Zeit seiner Sprachverwandtschaft - wie wir im vorigen Kapitel andeuteten - mit der Sprache auch das gemein, daß es im geistigen Verkehr des Menschen mit der Welt sich entfaltete. Es verband den Menschen noch auf naturhaft geistige Art mit der Welt. Für den Griechen gehörten die Begriffe noch der Welt selbst an. Und das Denken war gleichsam nur das Auge, mit dem sie geschaut wurde.

   Der moderne Mensch fühlt sich in seinem Denken ganz mit sich allein. Er empfindet es als eine innere, schöpferische Tätigkeit. Und seine Begriffe muß er als das Erzeugnis dieser seiner Tätigkeit betrachten.

   Damit aber sieht er sich geistig in noch viel höherem Grad auf sich selbst, als dies für den Griechen gegolten hatte. Ja, er fühlt - wie der Descartessche Satz <<Ich denke, also bin ich>> zeigt - sein Sein als Ich geradezu auf diese seine schöpferische Denktätigkeit begründet. Und damit ist seine Verselbständigung gegenüber der Welt, die im Griechentum erst ihren Anfang genommen hatte, jetzt eine vollständige geworden. Er ist geradezu zum kosmischen Eremiten geworden. S49

   Was ihn mit der Welt verbindet, ist heute nurmehr die sinnliche Wahrnehmung. Oder anders ausgedrückt: die sinnlich-ideelle Wahrnehmung von ehemals hat sich auf eine rein sinnliche reduziert. Und weil diese Art der Wahrnehmung die einzige Brücke geblieben ist, die noch von ihm zur Welt führt. darum hat sie für die moderne Naturwissenschaft eine so große Bedeutung gewonnen. Diese bezeichnet sich ja mit Emphase als <<empirische>>, das heißt auf die Sinnesbeobachtung begründete.

   Diese inneren Voraussetzungen der modernen Naturwissenschaft: die Verinnerlichung des Denkens beziehungsweise der Begriffswelt einerseits, die Reduktion einer ehemals umfassenderen auf eine bloß sinnliche Außenweltserfahrung andererseits, hatten nun aber zur Folge, daß ihrer Betrachtung die ganze äußere Welt als eine rein sinnlich-stoffliche und alles Seelische und Geistig-Ideelle als eine bloße Tatsache des menschlichen Innenlebens erscheinen mußte. So entstand der materialistische Charakter der naturwissenschaftlichen Weltauffassung.

   Dieser trat ja sogleich in Erscheinung, als im 16. Jahrhundert Kopernikus das geozentrische Weltbild des Ptolemäus durch das heliozentrische ersetzte. Während für das erstere noch jedem Planeten eine Sphäre göttlich-geistiger Wesenheiten und Kräfte zugeordnet war, durch welche er bewegt wird, und die Gesamtheit dieser Sphären einen in sich geschlossenen Kosmos darstellte, der im Schoße der Gottheit ruht, - sind im Sinne des modernen Weltbildes die Sterne als rein materielle Körper in einen nach allen Richtungen ins Unendliche sich ausdehnenden leeren Raum gestreut und bewegen sich - nach der Annahme Newtons - vermöge der allem Materiellen innewohnenden Kraft der gegenseitigen Anziehung seiner Teile. So wurde der große englische Mathematiker zum Begründer der <<Himmelsmechanik>>, das heißt von der Auffassung von unserm Planetensystem als einem kosmischen Mechanismus. Was nun den Menschen betritt, so konnte dieser in der neueren Zeit nicht mehr unmittelbar dem Gesamtkosmos als dessen mikrokosmisches Abbild zugeordnet werden - denn einen <<Kosmos>> als in sich geschlossenes Ganzes im früheren Sinn gibt es ja nicht mehr -, sondern er wurde jetzt ausschließlich im Zusammenhang mit jenem <<Staubkorn>> betrachtet, als welches die Erde, die er bewohnt, innerhalb des grenzenlosen Universums erscheint. Und so stellt er sich auch von diesem Gesichtspunkt aus gesehen als kosmischer Eremit dar. Dieses Eremitendasein wurde S50 allerdings dadurch <<gemildert>>, daß er jetzt in der wissenschaftlichen Betrachtung viel stärker, als es früher der Fall gewesen war, in Verbindung gebracht wurde mit den Genossen, die mit ihm das Erdendasein teilen: den verschiedenen Naturreichen. Und es bedeutete nur den Schlußpunkt in der Entwicklung dieser Betrachtungsweise, wenn schließlich im 19. Jahrhundert durch den Darwinismus das Menschengeschlecht zur höchsten, vollkommensten Gattung des Tierreiches proklamiert wurde.

   Was war damit eigentlich gesagt?

   Zweierlei Kennzeichen bestimmen das Wesen des Tieres. Es ist - wie schon eingangs dieser Darstellung angedeutet - einerseits bloßes Gattungswesen. Es lebt lediglich aus den Kräften seiner Gattung und nur für seine Gattung. Es bringt die gattungstypischen Fähigkeiten aus der Vererbung heraus schon durch die Geburt mehr oder weniger fertig mit ins Dasein herein. Und sein Leben steht ganz im Dienste der Erhaltung seiner Gattung. Jede Tiergattung ist andererseits in eine ganz bestimmte räumliche Umwelt hinein organisiert, - sowohl im <<vertikalen>> wie im <<horizontalen>> Sinne. Sie ist für das Leben entweder in der Luft, im Wasser, auf der Erde oder unter der Erde gebildet, ihr Dasein spielt sich entweder in der polaren, gemäßigten oder äquatorialen Zone ab, entweder im Wald oder auf der Wiese, im Dschungel oder in der Wüste. Das Tier ist daher essentiell ein Raumeswesen. Die Zeit spielt im Vergleich zum Raum für sein Leben nur eine untergeordnete Rolle. Zwar hat jede Tiergattung ihr bestimmtes durchschnittliches Lebensalter und entwickelt sich in spezifischen zeitlichen Rhythmen. Auch sind teilweise die Fortpflanzung und andere Erscheinungen des tierischen Lebens an den Wandel der Jahreszeiten gebunden. Dennoch: in der inneren Entwicklung des Tieres selbst, namentlich des höheren, - in seinem <<Lebenslauf>> - gibt es nur spärliche zeitliche Gliederungen. Verhältnismäßig rasch erreicht es die Geschlechtsreife, seinen Lebenshöhepunkt; von da an findet ein langsames Altern und Hinwelken statt. Das Alter eines ausgewachsenen höheren Tieres ist daher nach dem bloßen äußeren Anblick schwer, ja kaum zu bestimmen.

   Die Degradierung des Menschen zur höchsten tierischen Spezies hatte zur Folge, daß auch für ihn als die seine Prägung bestimmenden Faktoren in neuester Zeit Vererbung und Umwelt geltend gemacht wurden. Es ist seit dem 19. Jahrhundert üblich geworden, in Lebensbeschreibungen geschichtlicher Persönlichkeiten deren Begabung und Charaktereigenschaften S51 aus denjenigen der verschiedenen Glieder ihrer Vorfahrensreihe gewissermaßen addierend herzuleiten, - obwohl gerade hervorragende menschliche Erscheinungen beweisen, wie fragwürdig solche <<Erklärungen>> sind. Und wir sind gewohnt geworden, den Menschen außerdem noch als das Produkt seines Milieus zu betrachten, - welcher Begriff im Bereiche des Menschlichen selbstverständlich nicht bloß im räumlich- geographisch-klimatischen, sondern auch im kulturellen, sozialen und geschichtlichen Sinne aufzufassen ist. Dennoch aber: der Mensch gilt ausschließlich als das Ergebnis von Vererbung und Milieu. Nicht das Individuelle, sondern das Typische, das diese beiden Faktoren aus ihm machen, wird ins Auge gefaßt und in <<Rechnung>> gestellt. Denn es läßt sich mit den Mitteln der Statistik auch weitgehend berechnen. Und so ist es denn kein Wunder, daß im 20. Jahrhundert der Durchschnittsmensch allenthalben zur Herrschaft gelangt ist: der Durchschnittsbürger, der Durchschnittsamerikaner, der Durchschnittsfranzose usw., - als ob der Mensch nur <<Exemplar>> seiner Gattung oder einer Varietät derselben sei. In den Umfragen der Meinungsforschung-(Gallup)Institue findet diese Auffassung ihren signifikantesten Ausdruck.

   Versuchen wir nun, uns darüber klarzuwerden, was alle die geschilderten Tatbestände für die Auffassung und Gestaltung des menschlichen Lebenslaufs in unserer Zeit zur Folge hatten, so ist wohl davon auszugehen, daß der moderne Mensch der Realität nach in höherem Grade zum auf sich selbst gestellten Ichwesen geworden ist, als es der antike Mensch war. Sieht man das, was den Menschen zum Menschen macht, in seinem geistigen Wesen, das heißt in dem, was ihn zum Denken und zu dem durch begriffliche Motive begründeten beziehungsweise durch sittliche Ideale geleiteten Handeln befähigt, so kann der moderne Mensch, weil sein Denken sich ganz zu seiner eigenen, schöpferischen Tätigkeit verinnerlicht hat, sein Menschentum nicht mehr durch das Element des <<Gesprächs>>, das heißt durch die bildenden Wirkung der <<Gesellschaft>>, des <<Staates>> im antiken Sinn erlangen, sondern nur durch Entfaltung seiner inneren, denkerisch-geistigen Aktivität. Denn das <<Gespräch>> ist für ihn nicht mehr die unmittelbare Quelle der Wahrheitsfindung; diese muß er vielmehr in seinem eigenen Innern suchen. Alles, was der Welt des <<Gesprächs>> angehört, kann ihm hierbei nur Hilfe leisten, kann ihn zur inneren Aktivität lediglich anregen. An der Stelle seines Lebens - in der Zeit nach S52 erreichter Volljährigkeit -, an welcher ehemals der <<Staat>> ihm in seine menschenbildende Wirksamkeit aufgenommen hat, muß heute seine eigene denkerische Regsamkeit einsetzen. Das bildende Wirken der Natur, das damals die im Staate verkörperte menschliche Gesellschaft fortsetzte, muß er in unserer Zeit unmittelbar selbst weiterführen. (Daß der Staat heute nicht mehr die Funktion der Menschenbildung zu erfüllen imstande ist, liegt - wie weiter unten zu zeigen sein wird - außerdem auch in dem ganz veränderten Charakter begründet, den er in der neueren Zeit angenommen hat.) Die Bildung des Menschen zum Menschen ist aus der Kompetenz des Staates in die Verantwortung des eigenen menschlichen Ichs übergegangen. Sie ist zu einer Aufgabe der Selbsterziehung des Menschen geworden. Dies ist ein erstes Grundfaktum des modernen Lebens. Dem Menschen unserer Zeit stellt sich in dem Alter des Erwachsenseins - will er überhaupt zum Menschen im vollen Sinne des Wortes werden - die Forderung der Selbsterziehung. Denn jenes Ziel ist heute auf keinem andern Wege mehr zu erreichen.

   Das Gegenstück zu diesem Tatbestand stellt der andere dar, daß die bildende Kraft der Natur, des Kosmos, im modernen Menschen noch um einen Grad weiter zurückgegangen ist als beim antiken Menschen. Leuchtete für den letzteren selbst im Denken, das ihn in der Lebensmitte zum <<Vollmenschen>> - im Sinne des Aristoteles - werden ließ, noch ein letzter Schimmer von Naturhaftigkeit, durch welche es ihn mit dem Kosmos verband, so ist - wie geschildert - dieser Schimmer heute ebenfalls erloschen. Begriffe erscheinen heute im menschlichen Bewußtsein nur in der Weise, daß der Mensch selbst sie tätig erzeugt. Was die Natur dem heutigen Menschen einzig noch schenkt, ist die sinnliche Wahrnehmung und alles das, was mit dieser - ohne denkerische Verarbeitung - an Empfindungen, Erlebnissen, Gestaltungskräften verbunden ist. Wie aber das Denken, der logische Scharfsinn, gegen die Lebensmitte hin seinen Höhepunkt erreicht, so eignet der sinnlichen Erlebnisfähigkeit ihre größte Frische und Stärke in dem Alter, das der Lebensmitte vorangeht. Verläßt sich der moderne Mensch nur auf das, was er an Naturgaben ins Leben mit hereinbringt, so ist er in einem Alter, das gegen das Ende der 20er Jahre hin liegt, bereits am Ende. Seine produktiven Kräfte sind erschöpft, und er kann sich dann in dem, was er bis dahin geleistet hat, nur noch wiederholen, - wobei durch die Verfestigung, die in der Folge eintritt, sich in der Regel eine bestimmte Manier ausbildet. S53

   Durch diese beiden Grundtatbestände ist zunächst das Urphänomen des menschlichen Lebenslaufs in unserm Zeitalter gekennzeichnet: Es besteht einerseits in der Erschöpfung der naturhaft wirkenden Bildungs- und Schaffenskräfte gegen das Ende der 20er Jahre, das heißt vor der Lebensmitte, und andererseits in der Notwendigkeit, die Bildung zum vollen Menschentum von diesem Alter an durch die eigene selbsterzieherische Bemühung weiterzuführen. In weltgeschichtlich beispielhafter Weise sind diese Tatsachen dargelebt und diese Forderungen erfüllt worden innerhalb des deutschen Geisteslebens vom letzten Drittel des 18. Jahrhundert, als aus dem <<Sturm und Drang>>, welcher das literarische Schaffen der 70er Jahre durchbraust hatte, Goethe und Schiller sich durch jene Selbsterziehung und Selbstverwandlung herausrangen, die sie dann zu den Klassikern der deutschen Dichtung hat heranreifen lassen. Diese Bewegung des <<Sturmes und Dranges>> war damals in der jungen Generation, mit unter dem Einfluß von Rousseaus Parole <<Zurück zur Natur!>>, als Reaktion gegen das durch die französische Klassig gepflegte, inzwischen aber bereits in Dekadenz und Sterilität versunkene verstandesmäßige Regelwesen entstanden. Man machte diesen Verstandesregeln gegenüber das Natürliche, Ursprüngliche, <<Geniale>> geltend, spielte den in seinem derben <<Realismus>> und seiner <<Regellosigkeit>> allem Schematismus spottenden <<Naturdichter>> Shakespeare gegen die in steifen Formen ein künstlich erhöhtes Menschentum darstellenden französischen Tragiker aus und ergab sich einem maßlosen Empfindungsüberschwang, der vielfach in einer rohen, ungezügelten Sprache sich entlud. Im Sinne dieser Tendenzen hatten sowohl Goethe wie Schiller - jener im Götz, Werther und Urfaust, dieser in den Räubern, Fiesco und Kabale und Liebe - Werke geschaffen, in denen eine unerhörte Jugendgenialität sich auslebte, - Werke von hinreißendem Schwung, voll tiefster Empfindung, aber auch durchglüht vom Feuer heiligen Zornes über die moralische Verderbnis der Zeitwelt. Während nun aber die meisten der anderen <<Stürmer und Dränger>>, nachdem die Flamme der Jugendgenialität erloschen war, in Haltlosigkeit oder künstlerische Mittelmäßigkeit versanken, traten Goethe und Schiller gegen Ende ihrer 20er Jahre in einer Schule der strengsten Selbsterziehung ein, - Goethe durch seine naturwissenschaftlichen Forschungen und durch die ernsteste Ergreifung und Erfüllung seiner Aufgaben und Pflichten als Minister des weimarischen Staates, - Schiller S54 durch das damals aufgenommene Studium der Philosophie und der Geschichte. Die poetische Produktion ruhte bei beiden während dieser Periode fast völlig oder schritt nur langsam vorwärts. Diese Selbsterziehung führte bei beiden zu einer tiefgehenden Wandlung, die namentlich bei Schiller eine so durchgreifende war, daß Wilhelm v. Humboldt sie als <<den vielleicht seltensten Wendepunkt, den je ein Mensch in seinem geistigen Leben erfahren hat>>, bezeichnete (Über Schiller und den Gang seiner Geistesentwicklung). Nur auf Grund dieser Selbstverwandlung war es ja dann auch möglich, daß zwei so gegensätzliche Naturen wie sie ihren so einzigen Freundschaftsbund schließen konnten. Was aber in jenen Jahren sie vor allem beschäftigte, das waren gerade die Fragen, die sich auf die Wege der Bildung des Menschen zum Menschen beziehen. Zeugnis hiervon legen auf seiten Goethes sowohl die großen in jener Zeit (wenigstens in ihren ersten Fassungen) entstandenen Dichtungen wie Wilhelm Meisters Lehrjahre und Iphigenie ab wie auch die Gedichte Das Göttliche und Die Geheimnisse, - welch letztere übrigens das <<Geheimnis der Menschwerdung>> im höheren Sinne in menschheitlicher Sicht in so umfassender Weise hätten darstellen sollen, daß Goethe von diesem Plan damals nur den ersten Anfang zur Ausführung zu bringen vermochte. Dennoch ist gerade in diesem Gedicht vielleicht das Tiefste und Entscheidendste über die Bedingungen der <<Menschwerdung>> für unser Zeitalter ausgesprochen, wenn es da im Hinblick auf die Mittelpunktsgestalt desselben: Humanus, den Repräsentanten des Menschentums, heißt:


<<Wenn einen Menschen die Natur erhoben,

Ist es kein Wunder, wenn ihm viel gelingt;

Man muß in ihm die Macht des Schöpfers loben,

Der schwachen Ton zu solcher Ehre bringt.

Doch wenn ein Mann von allen Lebensproben

Die sauerste besteht, sich selbst bezwingt,

Dann kann man ihn mit Freuden andern zeigen

Und sagen: <Das ist er, das ist sein eigen!>


Denn alle Kraft dringt vorwärts in die Weite,

Zu leben und zu wirken hier und dort;

Dagegen engt und hemmt von jeder Seite

Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort;

In diesem innern Sturm und äußern Streite

Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:

<Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,

Befreit der Mensch sich, der sich überwindet!>>


S55   Bekannt und bezeichnend ist freilich auch, daß Goethe gerade für die menschlichen und künstlerischen Errungenschaften seiner 30er Jahre, die ja dann auf seiner Italienreise zur vollen Reife kamen, nicht nur in der weiteren Öffentlichkeit, sondern selbst bei seinen Freunden zunächst wenig Verständnis zu finden vermochte, - daher denn auf die Rückkehr aus Italien Jahre der Vereinsamung in Weimar für ihn folgten. Für das breite Publikum blieb er auch weiter der Dichter des Werther und des Urfaust, - wie ja auch mit Schillers Namen für lange die Räuber verbunden blieben, weswegen ihn noch 1790 die französische Revolution zum Ehrenbürger ihres neuen Staates ernannte.

   Auf diese Lobrede seiner Jugendwerke und Kritiker seiner reifen Kunst münzte Goethe im Alter die bekannten Verse:

<<Da loben sie den Faust

Und was noch sunsten

In meinen Schriften braust

Zu ihren Gunsten;

Das alte Mick und Mack,

Es freut sich sehr;

Es meint das Lumpenpack,

Man wär's nicht mehr!>>


   Auch für Schiller stand während jener Epoche der Selbstverwandlung im Zentrum seines geistigen Ringens die Klärung der Probleme der Bildung des Menschen zum vollen, wahren Menschentum. In seinen philosophischen Schriften, die als Frucht dieser Jahre entstanden, namentlich in Anmut und Würde und in den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen hat er geradezu grundlegende - und auch heute noch längst nicht genügend gewürdigte - Darstellungen dessen gegeben, was für den Menschen unserer Zeit in dieser Beziehung zur Aufgabe geworden ist. Daß auch er sich des oben gekennzeichneten Urphänomens des heutigen Lebenslaufs aufs deutlichste bewußt war, bezeugt eine Fußnote zu Anmut und Würde, die wie im Hinblick auf die einstigen Genossen aus der Zeit des <<Sturmes und Dranges>> verfaßt erscheint:

   <<Ich bemerke beiläufig, daß etwas Ähnliches (wie mit der S56 leiblichen Schönheit D.V.) zuweilen mit dem Genie vorgeht, welches überhaupt in seinem Ursprunge wie in seinen Wirkungen mit der architektonischen (d.i. der rein leiblichen D.V.) Schönheit Vieles gemein hat. Wie diese, so ist auch jenes ein bloßes Naturerzeugnis; und nach der verkehrten Denkart der Menschen, die, was nach keiner Vorschrift nachzuahmen und durch kein Verdienst zu erringen ist, gerade am höchsten schätzen, wird die Schönheit mehr als der Reiz, das Genie mehr als erworbene Kraft des Geistes bewundert. Beide Günstlinge der Natur werden bei allen ihren Unarten (wodurch sie nicht selten ein Gegenstand verdienter Verachtung sind) als ein gewisser Geburtsadel, als eine höhere Kaste betrachtet, weil ihre Vorzüge von Naturbedingungen abhängig sind und daher über alle Wahl hinaus liegen.

   Aber wie es der architektonischen Schönheit ergeht, wenn sie nicht zeitig dafür Sorge trägt, sich an der Grazie eine Stütze und eine Stellvertreterin heranzuziehen, ebenso ergeht es auch dem Genie, wenn es sich durch Grundsätze, Geschmack und Wissenschaft zu stärken verabsäumt. War seine ganze Ausstattung eine lebhafte und blühende Einbildungskraft (und die Natur kann nicht wohl andre als sinnliche Vorzüge erteilten), so mag es bei Zeiten darauf denken, sich dieses zweideutigen Geschenks durch den einzigen Gebrauch zu versichern, wodurch Naturgaben Besitzungen des Geistes werden können: dadurch, meine ich, daß er der Materie Form erteilt; denn der Geist kann nichts, als was Form ist, sein eigen nennen. Durch keine verhältnismäßige Kraft der Vernunft beherrscht, wird die wild aufgeschossene, üppige Naturkraft über die Freiheit des Verstandes hinauswachsen und sie ebenso ersticken, wie bei der architektonischen Schönheit die Masse endlich die Form unterdrückt.

   Die Erfahrung, denke ich, liefert hiervon reichlich Belege, besonders an denjenigen Dichtergenien, die früher berühmt werden, als sie mündig sind, und wo, wie bei mancher Schönheit, das ganze Talent oft die Jugend ist. Ist aber der kurze Frühling vorbei, und fragt man nach den Früchten, die er hoffen ließ, so sind es schwammige und oft verkrüppelte Geburten, die ein mißgeleiteter blinder Bildungstrieb erzeugte. Gerade da, wo man erwarten kann, daß der Stoff sich zur Form veredelt und der bildende Geist in der Anschauung Ideen niedergelegt habe, sind sie, wie jedes andre Naturprodukt, der Materie anheimgefallen, und die vielversprechenden Meteore erscheinen S57 als ganz gewöhnliche Lichter - wo nicht gar als noch etwas weniger. Denn die poetisierende Einbildungskraft sinkt zuweilen auch ganz zu dem Stoff zurück, aus dem sie sich losgewickelt hatte, und verschmäht es nicht, der Natur bei einem andern solidern Bildungswerk zu dienen, wenn es ihr mit der poetischen Zeugung nicht mehr recht gelingen will.>>

   Durch ihre beispielhafte Selbsterziehung und die von ihnen hierbei errungenen Einsichten sind Goethe und Schiller in ihren späteren Werken zugleich die hervorragendsten Verkünder des <<Humanitätsideals>> geworden, das heißt jener Wiege zum höheren Menschentum, die der Entwicklungslage der modernen Menschheit entsprechen.


   Nun hat aber der weitere Verlauf der Geistesentwicklung des 19. Jahrhunderts, wie schon erwähnt, die Degradierung des Menschen zu einer bloßen Spezies des Tierreiches und damit die Auffassung mit sich gebracht, daß er, ähnlich wie <<andere>> Tiere, ausschließlich durch Vererbung und Milieu bestimmt sei. Im Nationalsozialismus hat diese Auffassung in unserem Jahrhundert eine besondere Nuancierung dahingehend erfahren, daß der Mensch durch <<Blut und Boden>> bestimmt sei, wobei unter Blut vor allem die Rasse verstanden wurde. Der praktischen Konsequenzen, die aus dieser Auffassung von ihm gezogen wurden, sind wir alle, die die 30er bis 40er Jahre erlebt haben, Zeugen geworden. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hat dieselbe Grundauffassung wieder andere Blüten getrieben. Man hat inzwischen gelernt, Fortpflanzung und Vererbung zu manipulieren durch künstliche Befruchtung mit Spermien, die heute mittels Tiefkühlung konserviert werden können, sowie auch durch chemische Beeinflussung beziehungsweise Mutierung des keimenden Lebens. Und da heute intellektuelle Fähigkeiten die höchste Schätzung genießen, diese aber ebenfalls ausschließlich als Resultat von Vererbung und Milieu-Einwirkungen betrachtet werden, so wird heute von wissenschaftlicher Seite die Idee propagiert, zwecks Hebung des durchschnittlichen Intelligenzniveaus Menschen mit größerer Gehirnmasse zu züchten und die dadurch erhöhten Intelligenzanlagen durch ein schon in den ersten Lebensjahren einsetzendes Training mittels geeigneter Lernmaschinen zu wesentlich gesteigerter Leistungsfähigkeit zu bringen (Siehe: Das umstrittene Experiment: Der Mensch). Da aber alles S58, was dem Menschen auf diese Weise an Fähigkeiten angezüchtet oder <<anerzogen>> wird, in unserer Zeit gegen Ende seiner 20er Jahre seine Produktivität erschöpft, und durch die projektierten Methoden der <<Erziehung>> diejenige Kraft geradezu unterdrückt wird, durch welche er allein sich über jenes Alter hinaus innerlich weiterentwickeln kann: die Fähigkeit der Selbsterziehung, so würde die Verwirklichung dieser Projekte zur Folge haben, daß die Menschen, die als Resultate derselben heranwachsen, bezüglich ihrer inneren Reife über das Alter von 27 bis 28 Jahren schlechterdings nicht mehr hinauskommen. Daß eine ständig zunehmende Zahl unserer Zeitgenossen bereits seit geraumer Zeit auf dieser Reifestufe lebenslang verharrt, wurde schon vor einem halben Jahrhundert von Rudolf Steiner als ein Grundfaktum der Gegenwart aufgewiesen. Es dokumentiert sich dieses Verharren in der Unreife und Oberflächlichkeit der Vorstellungen über Welt und Leben, an denen solche Menschen ihr ganzes Leben festhalten, - in ihrer Sucht, dem ganzen Leben nur immer neue Möglichkeiten des Genusses abzujagen, - in ihrer Ungeneigtheit und Unfähigkeit, ihren Horizont zu erweitern und aus den Erfahrungen des Lebens zu lernen, - in ihrer Abneigung dagegen, ihre Interessen über die bloß persönliche Sphäre hinaus auszudehnen, - in ihrem Unvermögen und Widerwillen, andersgeartete Anschauungen und Auffassungen kennen zu lernen, gelten zu lassen und nach der ihnen zukommenden Berechtigung zu würdigen. Es darf hier nochmals an die schon in der Einleitung zitierten Sätze aus J.Bodamers Buch Der Mensch ohne Ich erinnert werden: <<Die Grenzen zwischen Jung und Alt werden so verwischt, daß Jugend nicht mehr einen Zeitabschnitt der menschlichen Lebensentwicklung bedeutet, sondern als permanente, gewollte und dann habituelle Unreife festgehalten wird. Der innere Mensch, der im Alter hervortreten müßte, wenn der äußere zu verblassen beginnt, bleibt aus, weil sich dieser innere Mensch, die inwendige geistige Figur einer menschlichen Existenz, das Ich des Alters - könnte man sagen - gar nicht hat bilden können. Denn die Struktur unserer Zeit ist so, daß sie zwar organisatorisch und karitativ alles tut, um das Alter seine Nutzlosigkeit nicht allzusehr fühlen zu lassen, gleichzeitig aber verhindert diese Zeit auch mit allen Mitteln, daß wir im geistigen Sinn richtig alt werden können.>>

   Bedenkt man nun aber, daß - wie wir sahen - der Mensch in unserem Zeitalter zum vollen Menschtum überhaupt nur S59 durch die Selbsterziehung gelangen kann, die er sich aus der inneren Aktivierung seines Ichs angedeihen läßt, so bedeutet das geschilderte Grundfaktum nichts Geringeres, als daß der Charakter der Gegenwartszivilisation dem Menschen, sofern sich dieser ihm überläßt, die Bildung zum vollen Menschentum geradezu verunmöglicht. Man hat diesen ihren Tiefstand in menschlicher Beziehung da, wo man sich seiner bewußt wurde, seit längerer Zeit dadurch zu kennzeichnen versucht, daß man sagte, unsere Zeit habe zwar eine bewunderungswürdige <<Zivilisation>>, aber keine <<Kultur>> mehr, - insofern eben das spezifisch Menschliche in der Kultur sich bezeuge. Die letzten Jahrzehnte haben jedoch erwiesen, daß diese Kennzeichnung die Wirklichkeit der Gegenwart keineswegs mehr erschöpfend charakterisiert. Sie muß heute vielmehr dahin verschärft werden, daß wir in die Epoche einer Barbarei eingetreten sind, die zwar mit dem höchsten technischen Komfort ausgestattet ist, gleichzeitig aber sich mit den furchtbarsten Waffen ausgerüstet hat, durch die sie alles Menschliche mit der Auslöschung bedroht. Einer Barbarei, die den Ansturm auf den Menschen in aller Form eröffnet hat und ihn auf immer wieder neuen Fronten vorantreibt. Die hiermit zunächst im Allgemeinen geschilderten Verhältnisse erlangen nun ihre Ausprägung im Besonderen durch die charakteristischen Erscheinungen, die im Gefolge der neueren Naturwissenschaft dem modernen Leben das Gepräge gegeben haben. Als unmittelbarste Lebensfrucht der Naturerkenntnis erwuchs die Naturbeherrschung in Gestalt der modernen Technik. Die folgenreichste Wirkung der letzteren aber ist ohne Zweifel diejenige, die sie auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens hervorgerufen hat. Sie hat seit der industriellen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur die maschinelle Massenproduktion von Gütern und deren durch die technischen Verkehrs- und Transportmittel erleichterte und beschleunigte Zirkulation über weiteste Entfernungen hin gebracht, nicht nur infolge davon die bis dahin noch relativ in sich geschlossenen Nationalwirtschaften in die einheitliche, die ganze Erde umfassende Weltwirtschaft übergeführt, - sie hat darüber hinaus das wirtschaftliche Leben überhaupt gegenüber dem staatlichen und dem geistigen, kulturellen ungeheuer aufgebläht und zum allbeherrschenden Bereich des sozialen Daseins werden lassen. Unter dem Eindruck dieser Entwicklung drängte sich schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Karl Marx die Überzeugung auf, daß die Wirtschaft und die in ihr S60 stattfindenden Kämpfe um die Herrschaft über ihre Produktivkräfte die einzige Wirklichkeit des sozialen und geschichtlichen Lebens ausmache und alles übrige, was sonst noch zwischen Menschen spielt: politische Beziehungen, religiöse Bekenntnisse, wissenschaftliche Lehrmeinungen, Kunstpflege usw. nur wesenlose Ideologie sei, - gewissermaßen Schaumgebilde, die, von den Strömungen und Wirbeln des Wirtschaftslebens erzeugt, auf seiner Oberfläche schwimmen. Wenn auch diese materialistische Geschichtsauffassung von bürgerlichen Kreisen vielfach scharf abgelehnt wurde, und wenn sie auch gewiß für ältere Epochen der Geschichte nicht gilt, - heute hat sie sich auch im bürgerlichen Westen allgemein durchgesetzt, und als Wiedergabe moderner Tatsächlichkeit kann ihr ja auch die Wahrheit nicht abgesprochen werden.

   Was dies bedeutet, wird erst völlig klar, wenn man außerdem noch das folgende berücksichtigt: In früheren Zeiten war die wirtschaftliche Betätigung noch ganz eingebettet in eine aus religiösen Quellen entsprungene theokratische Lebensordnung und bekam ihren menschlichen Sinn dadurch, daß sie ihm Dienste dieser Ordnung ausgeübt wurde. Ja, sie war ihrem Wesen nach im ethisch-religiösen Sinn verstandener <<Dienst>>, - wurde sie doch ausschließlich von den unteren, <<dienenden>> Klassen oder Kasten geleistet. Und sie war, insofern die damalige Lebensordnung die Herrschaft des Göttlichen über die Menschheit darstellte, im eigentlichen Sinn <<Gottes-Dienst>>. In einer späteren Zeit - man denke an die Handwerkerzünfte der mittelalterlichen Städte - war die Erzeugung wirtschaftlicher Güter einerseits noch in so hohem Grade mit künstlerischer Gestaltung verbunden, andererseits durch die unmittelbare Beziehung zwischen Hersteller und Verbraucher sowie durch ihr Getragensein von den berufsständischen Gemeinschaftsbildungen noch so stark mit seelisch-gemüthaften Werten verknüpft, daß man sich in ihr im vollen Sinne als Mensch innerhalb eines menschenwürdigen sozialen Ganzen fühlen konnte.

   In der neueren Zeit aber hat sich das Wirtschaftsleben zu einer autonomen, sich nach eigenen Gesetzen regulierenden sozialen Sphäre entwickelt, indem nämlich durch die Ausbildung des Handels zu einem selbständigen Element desselben eine Polarität zwischen Produktion und Konsum erzeugt wurde, deren Spannungen durch den Handel in der Preisbildung nach Angebot und Nachfrage immer wieder ausgeglichen S61 werden. In der Entwicklung dieses modernen Händlerwesens haben sich schöpferische Geisteskräfte, die früher in der religiösen oder künstlerischen, in der geistigen oder staatlichen Sphäre sich betätigt hatten, in das Wirtschaftsleben ergossen, aber jetzt mit rein ökonomischer Zielsetzung: zum Zwecke der Steigerung materiellen Gewinns. In noch höherem Maße geschah dies in der Zeit der Industrialisierung, das heißt der Entstehung des Fabrikwesens. Andererseits wurde durch dieses die Tätigkeit der Handarbeiter fortschreitend entseelt, mechanisiert und in einen Produktionsfaktor verwandelt, dessen Preis auf dem Arbeitsmarkt sich nach Angebot und Nachfrage richtet. Wenn die anfänglich unmenschlichen Formen dieser <<Lohnsklaverei>> inzwischen beseitigt wurden, so besteht sie im Prinzip doch heute noch. Dieses verselbständigte, rein ökonomisch orientierte Wirtschaftsleben unterscheidet sich aber sowohl von der theokratischen Lebensordnung alter Zeiten wie von der staatlich-politischen Gestaltung des menschlichen Lebens, wie sie in der Antike bestanden hat, dadurch, daß es aus sich selbst heraus nichts dazu beizutragen vermag, den Menschen zum Menschen zu bilden. Der <<Mikrokosmos>> alter Zeiten war noch Mensch, wenn auch nur als Abbild des Makrokosmos. Mensch war auch das <<Zoon politikon>> (das in staatlicher Gemeinschaft lebende Wesen) der griechisch-römischen Zeit. Der homo oeconomicus der neueren Nationalökonomie repräsentiert nicht mehr das volle Menschentum, wenn auch Sklaventum und Leibeigenschaft formell abgeschafft wurden und alle Menschen politisch frei und gleichberechtigt geworden sind. Denn das moderne Wirtschaftsleben wirkt, wenn ihm nicht von der geistig-kulturellen Seite her ein Gegengewicht geschaffen wird, durch sich selbst so, daß es die menschliche Natur fortdauernd korrumpiert. Es verwandelt, wenn es alleinherrschend wird, das menschliche Leben in einen Kampf aller gegen alle, in welchem der Schwächere vom Stärkeren rücksichtslos ausgebeutet oder zugrunde gerichtet wird. In allerneuester Zeit, da durch seine ins Unbegrenzte gesteigerte Produktivität seine Aufgabe nicht mehr darin besteht, die Knappheit der materiellen Güter zu beseitigen, sondern darin, seine Überproduktion abzusetzen, ist der Mensch als Konsument nurmehr dazu da, ihm die Erzeugnisse derselben immer wieder abzunehmen; und er wird durch ein aus allen Rohren donnerndes unaufhörliches Trommelfeuer von Propaganda und Reklame hierfür mürbe gemacht. Am allermeisten sieht er sich diesen Attacken S62 in seiner Freizeit ausgeliefert, deren ständige Verlängerung inzwischen als ein Mittel zur Steigerung seiner Konsumbereitschaft erkannt worden ist. Von dieser nur auf Expansion und Wachstum ausgerichteten Wirtschaft, da sie auf unablässigen Verbrauch und Verschleiß angewiesen ist, werden, da ihre mächtigste Branche die Rüstungsindustrie geworden ist, auch unbedenklich Kriege provoziert und Kriegsverwüstungen im Gang gehalten, um ihre Produktion ständig auf höchsten Touren laufen und ihre Gewinne nicht absinken zu lassen.

   Daß sich ihr von seiten des geistig-kulturellen Lebens ein Gegengewicht entgegenstelle, vermag die Wirtschaft aber dadurch weitgehend zu verhinder, daß sie als die beherrschende Macht unseres Lebens, die sie geworden ist, heute auch maßgebend die Gestaltung des Erziehungs- und Unterrichtswesens bestimmt. Sie zwingt zwar die heranwachsenden Menschen heute nicht mehr, wie in der Frühzeit des Industrialismus, bereits im kindlichen Alter von 6, 8 und 10 Jahren zur Fabrikarbeit; sie saugt aber noch immer den größeren Teil derselben schon im Pubertätsalter in sich auf. Die hierfür notwendige elementare intellektuelle Vorbildung wird dadurch in immer frühere Unterrichtsstufen vorverschoben. Und ebensosehr wird die im Hinblick auf den späteren Beruf erfolgende fachliche Spezialisierung des Unterrichts auf immer frühere Zeitpunkte verlegt. Dadurch aber werden die Gemütskräfte und die allgemein-menschlichen Interessen des heranwachsenden Menschen, die gerade im Schulalter der Pflege und Nahrung bedürfen, immer mehr vernachlässigt. Sie werden schon in diesem frühen Entwicklungsstadium zum Verkümmern verurteilt. Wie das Tier die für seine spezielle Art typischen Fähigkeiten bereits fertig mit der Geburt ins Dasein mitbringt, so soll der Mensch wenigstens möglichst frühzeitig über jene speziellen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen, die der wirtschaftliche Kampf ums Dasein von ihm verlangt. Schließlich wird durch unser heutiges Schulwesen praktischer Darwinismus auch darin getrieben, daß die gesamte Unterrichts- und namentlich die Examensgestaltung durch das Prinzip der Leistung beziehungsweise der Auslese der Tüchtigen, Begabten und der Ausscheidung der Untauglichen bestimmt wird.

   Damit aber wird dem heutigen Menschen immer mehr die Möglichkeit genommen, durch die verschiedenen Stufen seines Jugendalters so hindurchzugehen, wie es den in seinem Wesen begründeten Bedingungen entspricht, das heißt aber, ein S63 wahrhaft menschliches Jungsein darzuleben. Denn die intellektuelle Schulung, wie sie heute durchwegs schon in der Volksschule, ja bereits im Kindergarten geschieht, muß im Verhältnis zu den seelischen Kräften und Bedürfnissen dieser Altersstufe als eine weit verfrühte bezeichnet werden. Mit intellektuellem Wissensballast überladen, bedrückt von Examensängsten, bereits beschwert von Berufssorgen, keuchen heranreifende Menschen heute seelisch ausgetrocknet, vielfach als jugendliche Greise dahin - und vermögen ihre Jugendlichkeit dann nurmehr zu dokumentieren in Exzessen der Vergnügung, des Sex, des Sports. Oder aber in aggressiven Protesten, in zerstörungswütigen Revolten gegen die herrschenden Mächte - oder in der Flucht aus dieser unmenschlichen Welt auf dem Wege des Drogenrausches. Wenn ihnen so bestimmte innere Möglichkeiten verloren gehen, so bietet das heutige Leben freilich dem jugendlichen Menschen dafür besonders auf wirtschaftlichem Gebiete große äußere Chancen. Denn gerade all das, was ihn in der ersten Lebenshälfte beseelt: Unternehmungslust, Tatendrang, der Wille, es zu etwas zu bringen, - bildet zugleich die Triebfedern, welche das Räderwerk der modernen Wirtschaft in Bewegung erhalten. Und so saugt das Wirtschaftsleben gerade das, was der Jugendliche mitbringt, gleichsam willig auf und trägt ihn selbst damit vorwärts. Dazu kommt, daß seine Vitalität noch groß, und daß mit Krankheiten und Gebrechen bei ihm noch weniger zu rechnen ist als bei Ältergewordenen.

   Ja, nicht nur in der Wirtschaft, auch im politischen Leben sehen wir, wie die Chancen des Aufstiegs für die Menschen jüngeren Alters sich immer mehr vergrößern, angefangen von der in den meisten Staaten durchgeführten Herabsetzung des Wahlalters. Denn auch hier gelten heute am meisten diejenigen Eigenschaften, die gerade der ersten Lebenshälfte eignen: Vitalität, Draufgängertum, Rücksichtslosigkeit, Strebertum, Tatmenschentum um jeden Preis. Die Maßstäbe der Bewertung haben sich gegenüber alten Zeiten ins völlige Gegenteil verkehrt. Was einstmals am höchsten geschätzt wurde: Besonnenheit, Lebenserfahrung, Weisheit, Überschau über größere Zusammenhänge, Hinausgewachsensein über die eigene Persönlichkeit, Überwindung egoistischer Wünsche, - all dies steht heute in Wirtschaft und Politik tief im Kurs. Und so werden auf den leitenden Posten heute immer mehr die Alten durch die Jungen ersetzt. Wenn es auch in der Regel nicht so ausgesprochen wird, es liegt doch im ganzen Charakter unserer Zeit, über S64 jung und als so zu denken, wie es in klassischen Worten der Baccalaureus in Goethes Faust zum Ausdruck bringt:

<<Anmaßend find' ich, daß zur schlechtsten Frist

Man etwas sein will, wo man nichts mehr ist,

Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo

Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?

Das ist lebendig Blut in frischer Kraft,

Das neues Leben sich aus Leben schafft.

Da regt sich alles, da wird was getan,

Das Schwache fällt, das Tüchtige tritt heran.

Indessen wir die halbe Welt gewonnen,

Was habt ihr denn getan? Genickt, gesonnen,

Geträumt, erwogen, Plan und immer Plan.

Gewiß! Das Alter ist ein kaltes Fieber

Im Frost von grillenhafter Not;

Hat einer dreißig Jahr vorüber,

So ist er schon so gut wie tot.

Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen.>>

Mit diesen Worten ist aber auch schon hingedeutet auf die Folgen, welche diese Überbewertung der Jugend beziehungsweise der ersten Lebenshälfte, im Zusammenhang mit all den anderen im Vorangehenden geschilderten charakteristischen Tatbeständen der modernen Zivilisation, nach sich zieht. Sie bestehen darin, daß das Erreichen der Lebensmitte, wie schon erwähnt, in zunehmendem Maße gleichbedeutend wird mit dem Eintreten in eine Lebenskrise, - eine Krise, die an Tiefe und Schwere in der Zukunft sich immer mehr steigern muß.

   Da wir vorhin die Worte des Baccalaureus aus dem <<Faust>> erwähnten, so darf hier vielleicht darauf hingewiesen werden, daß in der Lebenssituation des Helden der Dichtung - dieses Urbildes des modernen Menschen -, wie sie sich gerade am Eingang des Dramas darstellt, durchaus auch schon das Bild dieser Krise der Lebensmitte gemalt wird. Zwar ist es gewiß in erster Linie der Agnostizismus der modernen, an die äußere Sinneserscheinung gebundenen Wissenschaft, das Nicht-erkennen-können dessen, was <<die Welt im Innersten zusammenhält>>, - was zur Krise in Faustens Leben führt. Bedeutsam und bezeichnend muß es aber doch erscheinen, daß Faust diese Krise gerade in der Mitte seiner 30er Jahre erlebt. Denn so alt müssen wir uns ihn - wenn er nach üblichem Brauch um die Mitte seiner 20er Jahre als akademischer Lehrer zu wirken begonnen hat - am S65 Anfange des Dramas denken, - hat er doch inzwischen <<schon an die zehen Jahr' herauf, herab und quer und krumm die Schüler an der Nase herum>> gezogen. Er ist nachgerade <<gescheiter>> geworden <<als alle die Laffen: Doktoren, Magister, Schreiber, und Pfaffen>>. Ihn <<plagen keine Skrupel noch Zweifel>> mehr. Er <<fürchtet sich weder vor Hölle noch Teufel>>. Dafür ist ihm aber auch <<alle Freud' entrissen>>. Er bildet sich nicht mehr ein, <<was rechts zu wissen>>. <<Es möchte kein Hund so länger leben!>> Um einen Ausweg aus dieser Sackgasse zu finden, hat er sich jetzt <<der Magie ergeben>>. Aber wenn es ihm auch gelingt, durch deren Zaubersprüche den >>Erdgeist>>, den Geist der <<lebendigen Natur>> zu zitieren, so muß er von diesem doch das ihn vernichtende Wort vernehmen: <<Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!>> Dieser Geist aber ist - sein Famulus Wagner - der <<trockne Schleicher>> -, der eben in diesem Augenblick sein Zimmer betritt. Und so steigert sich denn seine Verzweiflung bis zum Entschlusse, seinem Leben durch Gift ein Ende zu machen.

   Wenn er nun auch durch den in diesem Momente erklingenden Ostergesang von diesem Schritt zurückgehalten wird, so führt ihm dennoch der Weg der Magie, den er betreten hat, alsbald Mephistopheles als Gesellen zu. Und dieser sucht seine Verzweiflung zu betäuben und ihn über seine wahren Sehnsuchten hinwegzutäuschen, indem er ihn - angefangen mit Auerbachs Keller - <<durch das wilde Leben, durch flache Unbedeutendheit>> schleppt. Da die abgeschmackten Zauberspäße, die er hier vollführt, nicht verfangen, geleitet er ihn in die Hexenküche, in der Faust <<verjüngt>> wird. So beginnt er nun Gretchen gegenüber die Rolle des jugendlichen Liebhabers zu spielen. Aber in der Tragödie, in welcher dieses Liebesspiel nach kurzer Zeit endet und welche ihn in mehrfache Blutschuld verstrickt, entpuppt sich sogleich in vollem Maß, welche Macht ihn in dieser Weise über die Lebenskrise hinweggeführt hat. Der das Menschliche immer mehr mit der Auslöschung bedrohende Charakter unserer Gegenwartszivilisation hat namhafte Kulturphilosophen unserer Zeit - Oswald Spengler, Theodor Lessing u.a. - zu der pessimistischen Überzeugung geführt, daß das Menschendasein auf der Erde zum unentrinnbaren Untergang verurteilt sei, der sich im Laufe der nächsten Jahrhundert vollziehen werde. Der seit dem letzten Weltkrieg aufgekommene Einsatz der durch die Technik entfesselten Atomenergie für kriegerische und friedliche Zwecke sowie die seither durch S66 die Industrie und Technik erfolgte Verschmutzung und Zerstörung der Erdennatur läßt heute die Gefahr der Selbstvernichtung der Menschheit als eine weit akutere erscheinen. Manche sind der Meinung, daß nur eine radikale Umkehr von dem seit den letzten Menschenaltern eingeschlagenen Wege und eine Rückwendung zu den überlieferten Glaubenslehren - die ja heute kaum mehr ernst genommen werden - im Sinne eines erneuerten Ernstnehmens derselben die Menschheit vor dem Untergang bewahren könne. Andere wiederum vertreten die Auffassung, daß es genüge, wenn der Mensch innerhalb des Wirtschaftslebens als Mensch respektiert und behandelt werde. So hört man heute von vielen Seiten den Ruf: der Mensch sei nicht um der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft um des Menschen willen da -, der Mensch müsse wieder in den Mittelpunkt der Wirtschaft gestellt werden.

   Betrachten wir die Situation vom Gesichtspunkte des Lebenslaufes aus, so zeigt sich, daß der Mensch nicht schon vorhanden ist und nur ins Zentrum der Wirtschaft gerückt zu werden braucht, sondern daß er erst herangebildet, erst verwirklicht werden muß. Aus unserer Darstellung konnte nun hervorgehen, daß in alten Zeiten der Mensch im Verlaufe seines Lebens, namentlich als Erwachsener, zum <<Menschen>> gebildet worden ist durch die Kräfte, die er aus dem religiösen Leben empfing - vermittelst der kultischen Weihen, die mit seinen verschiedenen Lebensaltern verknüpft waren und sich in gewisser Weise in den christlichen Sakramenten noch bis heute erhalten haben. In einer mittleren Zeit war es die Pflege des Künstlerischen - der Rede-, Dicht- und Tonkunst, aber auch der verschiedenen bildenden Künste -, durch welche er sich zur vollen Höhe des <<Menschlichen>> erhob. Man denke zum Beispiel daran, wie - nach der Lehre des Aristoteles - der Zweck der altgriechischen Tragödie geradezu darin bestand, eine <<Katharsis>>, eine Läuterung der Seele im Durchgang durch die Erlebnisse von Furcht und Mitleid herbeizuführen.

   In unserer Epoche, da die Menschheit mehr als in irgend einer früheren Zeit zur Bewußtheit vorgerückt ist, müßte ihr die Möglichkeit zur vollen <<Menschwerdung>> in erster Linie von seiten der Wissenschaft geboten werden. Die heutige Bewußtseinsstufe macht es dem Menschen der Gegenwart unmöglich, unmittelbar wieder religiösen Vorstellungsweisen und kultischen Handlungen sich zuzuwenden, die, aus alten Zeiten überliefert, einer ganz anderen Bewußtseinsform entsprechen. Was S67 aber die Wissenschaft dem Menschen unserer Zeit geben müßte, das wäre ein Bild seines Wesens, das ihm möglich machte, das, was sein <<Menschentum>> begründet, erkenntnismäßig zu erfassen und dadurch vollbewußt auch in sich zu verwirklichen. Und hier tritt nun die Tragik ins Licht, die darin liegt, daß das, was als <<Wissenschaft>> in Gestalt der Naturwissenschaft in den letzten Jahrhunderten entstanden ist, aus dem Bilde des Menschen, indem sie ihn zum höchsten Tier degradiert, gerade das ausgestrichen hat, was ihm seine Menschenwürde verleiht, und ihm damit auch die Möglichkeit geraubt hat, dieses Menschliche in sich zur Ausprägung zu bringen. Heute ist man sich bereits weitgehend im Klaren darüber, daß das Wesen, das auf dem durch die Naturwissenschaft gemalten Bilde als <<homo sapiens>> erscheint, mit dem wirklichen Menschen nichts zu tun hat, und daß dieser wirkliche Mensch für die Naturwissenschaft bis heute - wie es im Titel eines in viele Sprachen übersetzten Buches unserer Zeit schon zum Ausdrucke gebracht wurde - das unbekannte Wesen geblieben ist.

   Eben darum sehen wir auch, wie in Philosophie und Naturwissenschaft, in Psychologie und Historie seit einigen Jahrzehnten auf breitester Front darum gerungen wird, eine Lehre vom Menschen zu begründen, die seiner Sonderart und seiner Sonderstellung in der Welt gerecht wird. Die Zahl der wissenschaftlichen Schriften, die diesem Thema gewidmet sind, ist bereits Legion, und unter ihren Verfassern befinden sich die hervorragendsten Denker und Forscher unsres Jahrhunderts wie Max Scheler, Karl Jaspers, Martin Heidegger, Paul Häberlin, Arnold Gehlen, Theodor Litt, Martin Buber, Werner Sombart, Alexis Carrel, Adolf Portmann u.a. So bedeutend die Errungenschaften sind, die auf diesem Wege bereits gemacht wurden, eines fehlt ihnen allen, um in vollem Maße zu erreichen, was in dieser Richtung von der Zeit selbst gefordert wird: die dem Gegenstand völlig entsprechende Erkenntnismethode. Denn sie alle stehen - auch wenn sie dies nicht zugeben - noch unter dem unmittelbaren oder mittelbaren Einfluß der naturwissenschaftlichen Erkenntnisart, die auf der Sinnesbeobachtung und deren denkerischer Verarbeitung beruht. Diese Erkenntnisart wird aber niemals an das eigentlich Menschliche heranführen, da dieses unmittelbar nicht im Gebiete des Physisch-Sinnlichen zu finden ist, sondern im Seelisch-Geistigen liegt. Der wirkliche <<Mensch>> wird nur gefunden, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit von einer sinnlichen zu einer seelisch-geistigen fortgebildet S68 wird und erhoben wird. Diesen Schritt hat in unserer Zeit am entschiedensten die von Rudolf Steiner begründete anthroposophische Geisteswissenschaft getan. In der von ihr errungenen Menschenwesenserkenntnis wurde erst dasjenige Menschenbild in seinen Grundzügen erarbeitet, das die Verwirklichung des <<Menschlichen>> in der unserer Epoche entsprechenden Art ermöglicht. Wie diese im Stufengang des menschlichen Lebenslaufs erfolgen kann, soll im nächsten Kapitel zur Darstellung kommen.

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5. Lebenslauf als Erziehungsprozeß