3. Lebenslauf und intellektuelle Entwicklung

siehe zu den Lebensaltern auch unter:  Biographiearbeit  


   Es könnte als ein Widerspruch erscheinen, wenn wir im vorangehenden Kapitel ein literarisches Dokument aus dem Griechentum, ja sogar aus dessen Spätzeit, als Hinweis auf eine Auffassung vom menschlichen Lebenslauf anführten, die in alten Zeiten, namentlich in den altorientalischen Kulturen, geherrscht habe, - und am Schlusse des Kapitels darauf hindeuteten, daß gerade die griechische Kultur eine entscheidende Wandlung in dieser Auffassung gebracht habe. Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn man berücksichtigt, daß ja überall in der Menschheitsgeschichte, wo ein Neues auf irgend einem Gebiete auftritt, das Alte, bisher Herrschendgewesene, durch dieses Neue nicht sogleich zum Verschwinden gebracht wird, sondern neben ihm noch eine Zeitlang - oftmals sogar noch sehr lange -, wenn auch allmählich absterbend, einhergeht. In diesem Sinne haben wir es bei der im Vorangehenden wiederge-gebenen Darstellung des Ptolemäus nicht mit einer für die damalige Zeit neuen Erkenntniserrungenschaft zu tun, sondern mit der literarischen Fixierung von Anschauungen, die auf viel ältere Zeiten zurückgehen und einen Bestandteil insbesondere auch der altägyptischen Tempelweisheit bildeten, deren damals allmählich in die Öffentlichkeit dringende Überlieferungen dem in Alexandria lebenden Ptolemäus wohlbekannt waren (Siehe hierzu Franz Boll S20). Bildet es doch ein Grundmerkmal des damals in Alexandria blühenden hellenistischen Geisteslebens, daß es das geistige Erbe des Griechentums mit demjenigen des Orients zu einer umfassenden Synthese verschmolz! Ja, man darf vielleicht sogar annehmen, daß in diesem Falle ein Ähnliches vorliegt, wie wir es auch sonst an vielen Punkten der Menschheitsgeschichte finden: daß die schriftliche Fixierung altüberlieferten Geistesgutes gerade dann erfolgt, wenn es im Begriffe ist, unterzugehen, - und eben zu dem Zwecke erfolgt, um es vor dem Versinken in die Vergessenheit zu retten. Von der Darstellung des menschlichen Lebenslaufs und seiner Beziehung zu den S34 Planetensphären, wie sie Ptolemäus gegeben hat, darf jedenfalls behauptet werden, daß ihr Inhalt zur Zeit ihrer Abfassung nicht mehr voll der Wirklichkeit entsprach, sondern von dieser bereits überholt war.

   Denn in Wahrheit brachte die griechische Kultur in bezug auf die den menschlichen Lebenslauf gestaltenden Kräfte ganz neue Verhältnisse herauf. Neben diesen neuen Realitäten erhielt sich jedoch, allerdings mehr und mehr nur im Elemente der literarischen Überlieferung, die Erinnerung daran, wie es ehemals gewesen war. Und zusammen mit der Herrschaft des ptolemäischen Weltsystems überhaupt wurde auch die ptolemäische Darstellung von den Beziehungen zwischen Lebensaltern und Planetensphären noch durch das ganze Mittelalter hindurch tradiert. Es sind uns aus dieser Zeit noch eine Reihe von auf Ptolemäus fußenden teils literarischen, teils bildlichen Darstellungen dieser Beziehungen erhalten. Ja, sogar bis in die Zeit hinein, in der das ptolemäische Weltsystem bereits durch das kopernikanische abgelöst war, setzt sich die Überlieferung von den 7 Lebensaltern und ihrem Zusammenhang mit den Planeten fort. Hier ist vor allem die bekannte Stelle aus Shakespeares <<Wie es Euch gefällt>> (II. Akt,7. Szene) zu nennen, in welcher, allerdings ohne Nennung der Planeten, die 7 Lebensalter des Menschen so charakterisiert sind, daß der Zusammenhang mit jenen noch deutlich zu bemerken ist. Wir wundern uns nicht, daß der Schauspieler und Bühnendichter die Lebensalter als die 7 Akte des Lebensschauspiels auffaßt und sie mit einem derben Humor in den ihm eigenen vollsaftigen Bildern malt. (Hierbei erscheinen das Mars- und das Sonnenalter verwechselt).


Die ganze Welt ist Bühne

Und alle Fraun und Männer sind bloße Spieler.

Sie treten auf und gehen wieder ab,

Sein Lebenlang spielt einer manche Rollen

Durch sieben Akte hin. Zuerst das Kind,

Das in der Wärtrin Armen greint und sprudelt;

Der weinerliche Bube, der mit Bündel

Und glattem Morgenantlitz wie die Schnecke

Ungern zur Schule kriecht; dann der Verliebte,

Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied

Auf seiner Liebsten Brau'n; dann der Soldat,

Voll toller Flüch' und wie ein Pardel bärtig,

Auf Ehre eifersüchtig, schnell zu Händeln,

Bis in die Mündung der Kanone suchend

Die Seifenblase Ruhm. Und dann der Richter

Im runden Bauche, mit Kapaun gestopft,

Mit strengem Blick und regelrechtem Bart,

Voll weiser Sprüch' und Allerwelts-Sentenzen,

Spielt seine Rolle so. Das sechste Alter

Macht den besockten, hagern Pantalon,

Brill' auf der Nase, Beutel an der Seite;

Die jugendliche Hose, wohl geschont

'Ne Welt zu weit für die verschrumpften Lenden;

Die tiefe Männerstimme, umgewandelt

Zum kindischen Diskante, pfeift und quäkt

In seinem Ton. Der letzte Akt, mit dem

Die seltsam wechselnde Geschichte schließt,

Ist zweite Kindheit, gänzliches Vergessen,

Ohn' Augen, ohne Zahn, Geschmack und alles.


S35   Ja, selbst im 19. Jahrhundert finden wir noch bei Schopenhauer, obwohl für ihn die Astrologie eine längst abgetane Sache ist, am Schlusse seiner Abhandlung <<Vom Unterschiede der Lebensalter>> einen Hinweis auf die Beziehungen zwischen Lebensaltern und Planeten, wobei er diese allerdings im Sinne des kopernikanischen Systems zuordnet. Gerade diese Bemerkungen Schopenhauers aber zeigen deutlich, wie solche Zuordnungen in seiner Zeit längst zu einem bloßen Gedankenspiel geworden waren. <<Zwar ist nicht, wie die Astrologie es wollte, der Lebenslauf der Einzelnen in den Planeten vorgezeichnet; wohl aber der Lebenslauf des Menschen überhaupt, sofern jedem Alter desselben ein Planet, der Reihenfolge nach, entspricht und sein Leben demnach sukzessive von allen Planeten beherrscht wird.

- Im 10. Lebensjahr regiert Merkur. Wie diese bewegt der Mensch sich schnell und leicht, im engsten Kreise; er ist durch Kleinigkeiten umzustimmen, aber er lernt viel und leicht, unter der Herrschaft des Gottes der Schlauheit und Beredsamkeit.

- Mit dem 20. Jahre tritt die Herrschaft der Venus ein: Liebe und Weiber haben ihn ganz im Besitze.

- Im 30. Lebensjahre herrscht Mars: der Mensch ist jetzt heftig, stark, kühn, kriegerisch, trotzig.

- Im 40. regieren die 4 Planetoiden: sein Leben geht demnach in die Breite: er ist frugi, das heißt frönt dem Nützlichen, kraft der Ceres: er hat seinen eigenen Herd, kraft der Vesta: er hat gelernt, was er zu wissen braucht, kraft der Pallas: und als Juno regiert die Herrin des Hauses, S36 seine Gattin.

- Im 50. Jahre aber herrscht Jupiter. Schon hat der Mensch die meisten überlebt, und dem jetzigen Geschlechte fühlt er sich überlegen. Noch im vollen Genuß seiner Kraft, ist er reich an Erfahrung und Kenntnis; er hat Autorität über alle, die ihn umgeben. Er will demnach sich nicht mehr befehlen lassen, sondern selbst befehlen. Zum Lenker und Herrscher, in seine Sphäre, ist er jetzt am geeignetesten. So kulminiert Jupiter und mit ihm der Fünfzigjährige. - Dann aber folgt, im 60. Jahr, Saturn und mit ihm die Schwere, Langsamkeit und Zähigkeit des Bleies...

- Zuletzt kommt Uranus, da geht man, wie es heißt, in den Himmel...>>

   Kehren wir nun aber zum Griechentum zurück, so liegt die Wurzel der Umgestaltung, welche in ihm der menschliche Lebenslauf erfährt, in der intellektuellen Entwicklung, wie sie mit dem Aufgang der griechischen Kultur einsetzt. Das Geistesleben des vorgriechischen Orients trug noch ganz unintellektuellen Charakter. Die Weisheit des Morgenlandes war eine instinktive. Sie erwuchs in der menschlichen Seele als eine Gabe der Natur, des Kosmos. Und sie kleidete sich in die Sinnbilder des Mythos. In Griechenland wandelt sich das mythische Vorstellen in das begriffliche Denken um. Gewiß findet ein ähnlicher Vorgang um dieselbe Zeit auch in Indien und China statt. Aber er ist dort bei weitem nicht ein so durchgreifender wie in Griechenland. In jenen östlichen Ländern reift das begriffliche Denken als letzte Frucht am Baume uralter Kulturen. Es prägt diesen keinen neuen Charakter mehr auf, sondern erwächst auf dem Untergrunde eines mythischen Vorstellens, in welchem die breiten Massen der Bevölkerung stecken bleiben. In Griechenland durchläuft diesen Prozeß ein jugendliches Volk im Aufgang seiner kulturellen Entfaltung. Es findet eine vollkommene Umwandlung des Seelenlebens statt, die das begriffliche Denken zur maßgebenden, die ganze Kulturgestaltung bestimmenden Seelenkraft werden läßt. Wir können diese Umwandlung in der vorsokratischen Epoche des griechischen Geisteslebens Schritt für Schritt verfolgen. Sie läßt die Anfänge der Philosophie und der Naturwissenschaft entstehen. Und auf dem Höhepunkt dieser ganzen Entwicklung bringt schließlich Aristoteles in seiner Logik die Gesetze des Denkens zur Darstellung. Zufolge all dessen treten an die Stelle der Weisheit als höchstgeschätzter menschlicher Fähigkeit in Griechenland die Gescheitheit, die Klugheit, der Scharfsinn, die Schlauheit. Als Repräsentant dieser neuen Seelenkräfte erscheint schon in der S37 griechischen Sagenwelt Odysseus, der vielgewandte, listenreiche, - der Schützling der Göttin Athene. Wenn diese auch als die Göttin der <<Weisheit>> verehrt wird, so deutet auf den Charakter dessen, was jetzt unter diesem Worte verstanden wird, doch der Zug der Sage hin, daß sie aus dem Haupte des Zeus entsprungen sei. (Die ältere Weisheit war nicht eine kopfmäßige, sondern eine ganzmenschliche gewesen.) Odysseus ist es, der durch den Bau des hölzernen Pferdes die Trojaner überlistet und ihrer Stadt den Untergang bringt. Das Pferd ist in der Bildersprache des Mythos immer das Symbol der Klugheit, des Verstandes. Der tiefere Sinn der Erzählung liegt in der Überwindung der instinktiven Weisheit des Orients durch die neuen intellektuellen Fähigkeiten des Griechentums.

   Diese Fähigkeiten aber sind nicht mehr im selben Sinne eine Naturgabe wie die Weisheit des Morgenlandes. Sie können nur durch Übung, durch Schulung erworben werden. Darum mußte früher oder später ein solches Schulungsbuch des Denkens wie die Aristotelische Logik entstehen. Der Intellekt entfaltet sich als des Menschen eigene Errungenschaft. Darum befreit sich der Mensch durch ihn von seiner früheren kosmischen Abhängigkeit. Zwar geschieht das nicht mit einem Schlag. Es macht vielmehr gerade die Eigentümlichkeit des griechischen Denkens - im Unterschied vom modernen - aus, daß es den Menschen geistig noch mit dem Kosmos verband, nu eben nicht mehr in so differenzierter Weise mit dessen einzelnen Sphären, wie dies die ältere Seelenart des Orients getan hatte. Allerdings hat dann bezeichnenderweise gerade innerhalb des alexandrinisch-hellenistischen Geisteslebens die Gesamtheit der intellektuellen Bildung jene Gliederung in die <<Sieben freien Künste>> erfahren, in welcher noch einmal ein differenzierter Bezug derselben zu der Siebenheit der planetarischen Sphären in Erscheinung getreten ist. Wurden doch die einzelnen dieser Künste: Grammatik Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie mit den sieben Planeten in Verbindung gebracht. Andererseits beweist gerade ihre Bezeichnung als <<Künste>>, wie sehr man die Betätigung der Intellektualität auf den verschiedenen Gebieten des geistigen Lebens als ein durch Übung zu erwerbendes Können betrachtete. Und als ein solches sind sie denn auch durch das ganze Mittelalter hindurch, während dessen sie ja den wesentlichen Inhalt aller intellektuellen Bildung ausmachten, vornehmlich gepflegt worden. Für die S38 Griechen waren Begriffe und Ideen noch ein Bestandteil der Welt selbst, sei es, daß sie - wie von Plato - als die Urbilder der Sinnendinge oder - wie von Aristoteles - als das Form-Element in den Dingen aufgefaßt wurden. Und das Denken bedeutete nur das Organ für ihre Wahrnehmung. Erst im Ausgang der griechischen Philosophie (zur Zeit der Skeptiker und Stoiker) verblaßte dieser kosmische Charakter der Begriffswelt und fühlte sich der Mensch im Denken ganz isoliert und auf sich gestellt. Dafür lebte jetzt zuerst das Freiheitsideal in der menschlichen Seele auf.

   Damit kam aber nur zur vollen Reife, was durch die ganze griechische Geistesgeschichte hindurch in Entwicklung begriffen war. Es sei hier nur daran erinnert, wie Sokrates seine philosophische Lehrtätigkeit als einen geistigen Hebammendienst auffaßte und betätigte, durch den der Geburt der Begriffe aus dem selbständigen Denken seiner Schüler heraus Hilfe geleistet werden sollte. Auf die geistige Verselbständigung der Heranwachsenden war auch das ganze Erziehungswesen des Griechentums angelegt - im Unterschied zu demjenigen des alten Orients (Chinas, Indiens, Ägyptens), das noch unter strengster Lehrautorität der Erzieher vornehmlich die Schulung des Gedächtnisses und die Einfügung der Zöglinge in eine in starren Formen sich forterhaltende geistige Tradition zum Ziele gehabt hatte. Neben der denkerischen Schulung bildeten die wichtigsten Bestandteile der Erziehung im alten Griechenland freilich noch die Gymnastik und die Pflege von Sprache und Poesie. Daß die körperlichen Kräfte als einer systematischen Ausbildung und Übung bedürftig betrachtet wurden, deutet darauf hin, daß die naturhaft-leiblichen Fähigkeiten im Griechentum schon nicht mehr in solcher Überfülle und Selbstverständlichkeit zur Verfügung standen wie in vorgriechischen Zeiten. Und daß außerdem die sprachliche Schulung ein Hauptstück der Erziehung ausmachte, hat darin seinen Grund, daß das Denken im Griechentum noch aufs innigste mit der Sprache verbunden war, - worauf ja auch das Wort Logos hinweist, das zugleich Wort und Gedanke bedeutet. Wie ein Bäumchen an einen Pfahl gebunden wird, damit es gerade in die Höhe wachse, so rankte sich gleichsam der noch junge Stamm des Denkens im Griechentum am Stabe der Sprache empor. Aus den Wort- und Satzarten hat Aristoteles in seiner Logik weitgehend die Lehre von den Begriffen (Kategorien), Urteilen und Schlüssen abgeleitet. So war die Schulung im Elemente der S39 Sprache zugleich eine solche im Denken, ja geradezu der Weg zur Ausbildung des Intellekts.

   Weil das Denken durch Übung erlernt werden muß, darum brachten es die einzelnen Menschen darin zu den verschiedensten Graden des Könnens. Damit traten aber nicht nur die mannigfaltigsten persönlichen Unterschiede zwischen ihnen hervor, sondern es wurde das Denken zum eigentlichen Bildner der menschlichen Persönlichkeit überhaupt. Und das Hervortreten der Persönlichkeit als solcher ins Licht der Geschichte bildet ja den anderen Grundunterschied zwischen der griechischen und der vorgriechisch-orientalischen Geschichte. Während uns aus der letzteren fast nur die Namen der Könige überliefert sind, die über eine namenlose Masse von Untertanen geherrscht haben, tritt uns in der griechischen - und römischen - Geschichte ein Gewimmel von Persönlichkeiten auf allen Gebieten des Lebens entgegen, deren Namen geschichtliche Unsterblichkeit erlangt haben. Dem unpersönlichen, durch Jahrhunderte fast gleichbleibenden Stil der anonymen orientalischen Kunstwerke steht das durchaus persönliche Gepräge der Schöpfungen der großen griechischen Künstler sowohl auf dem Gebiete der Dichtkunst wie auf dem der bildenden Künste gegenüber. Und so entsteht in Griechenland und Rom (Plutarch, Nepos) zuerst auch die Lebensbeschreibung berühmter Männer. Weil es in der griechischen Erziehung letzten Endes auf die Ausbildung der Persönlichkeit ankam, darum wurde sie damals erst der einen Hälfte der menschen: den Angehörigen des männlichen Geschlechts zuteil, - woran ja noch der Ausdruck <<Pädagogik>> (Knabenführung) erinnert. Denn der Mann ist mehr auf die Entfaltung und Geltendmachung des Individuell-Persönlichen hin veranlagt, während die Frau mehr die Kräfte der Gattung repräsentiert und darum auch zur Hüterin von Tradition und allgemein geltender Sitte bestimmt erscheint. Hierin liegt auch der Grund, warum die mutterrechtliche Sozialordnung der orientalischen und der Frühphasen der griechisch-römischen Kultur mit der Entfaltung der letzteren zu ihrer Reife von der vaterrechtlichen abgelöst wurde.

   Für die Gestaltung des menschlichen Lebenslaufs gewinnen alle die geschilderten Verhältnisse nun dadurch ihre Bedeutung, daß sowohl der denkerische Scharfsinn, das begriffliche Unterscheidungsvermögen wie auch die mit ihm verbundene Ausprägung der Persönlichkeit ihren Gipfelpunkt in der Lebensmitte erreichen. (Im höheren Alter entwickelt sich mehr S40 die Fähigkeit der Überschau über ein Ganzes, für welche die Unterschiede und Gegensätze zwischen einzelnen Teilen an Schärfe und Bedeutung verlieren. Und damit geht ein gewisses Hinauswachsen auch über die eigene Persönlichkeit Hand in Hand.) Damit aber wurde für die Griechen die Lebensmitte zum Höhepunkt des Lebens überhaupt. Dieses stellte sich ihnen gleichsam dar im Bilde einer Pyramide, zu deren Spitze der Menschen in der ersten Lebenshälfte hinauf-, und von der er in der zweiten wieder herabsteigt. Auf diese Spitze selbst aber - der <<Akme>>, wie er sie nannte - lag für den Griechen aller Glanz des Lebens. Und als das glücklichste Lost erschien es ihm, auf dieser Höhe des Lebens und der Schaffenskraft, auf dem Gipfel des Ruhms - wie Achilleus oder Alexander der Große - durch den Tod hinweggenommen und davor bewahrt zu werden, den körperlichen Verfall und die Gebrechen des Alters erleiden zu müssen. Schon ein homerischer Hymnus sagt davon, daß es den Göttern verhaßt sei. Insbesondere aber die frühgriechische (jonische) Lyrik, die gerade in der Zeit des Aufstiegs der Philosophie geblüht hat, ist voll des Jammers über das Altern. Auch die griechische Plastik bildete ja mit Vorliebe jugendliche oder auf der vollen Höhe ihrer leiblichen Kräfte stehende Gestalten.

   Wir sprachen davon, wie in Griechenland das Denken noch aufs innigste mit dem Sprechen verbunden war und darum die intellektuelle Schulung durch eine solche im Elemente der Sprache erfolgte. Die letztere war von dreifacher Art: sie umfaßte die Dichtkunst, die Redekunst und die Kunst des Gesprächs. In allen drei Ausgestaltungen des Wort-Elementes hat das Griechentum ein Höchstes erreicht. In der Dichtkunst hat es in allen ihren Gattungen: Epik, Lyrik, Dramatik unsterbliche Meisterwerke hervorgebracht, - die Redekunst hat es zur höchsten Vollendung ausgebildet, und die Kunst des Gesprächs handhabte es mit größter Virtuosität. Man erinnere sich nur daran, wie Sokrates seine ganze, so tief eingreifende philosophische Wirksamkeit ausschließlich im Elemente des Gesprächs - auf Markt und Straßen - entfaltete; wie Plato seinen sämtlichen Schriften die Form von Gesprächen (Dialogen) gegeben hat, in welchen er für diese Darstellungsweise die vollendetsten Muster aufstellte. Das Gespräch war für die Griechen überhaupt die wesentlichste Quelle der Wahrheitsfindung. Und es hat sich als solche ja noch bis in die neuere Zeit herein behauptet. S41

   Besonders an den mittelalterlichen Universitäten bildete die Disputation, die in den verschiedensten Zusammenhängen gepflegt wurde, eine Hauptform des wissenschaftlichen Lehrbetriebs. Am allermeisten aber darf wohl von der altgriechischen Kultur gesagt werden, daß sie eine im eminentesten Sinne redende Kultur war. Auch darin bildet sie ja den polaren Gegensatz zur altorientalischen, die man als eine solche des Schweigens bezeichnen kann. Es sei nur daran erinnert, in welches undurchdringliche Geheimnis die Mysterien gehüllt waren, die bei allen orientalischen Völkern bestanden hatten. Die Griechen aber haben, was ehemals als Weisheit in den Mysterien - auch in ihren eigenen - gepflegt und gehütet wurde, in ihrer Philosophie weitgehendst enthüllt. Der Unterschied zwischen ihrer redenden und der schweigenden Kultur der orientalischen Völker tritt einem aber auch entgegen, wenn man eine griechische Plastik etwa mit einer ägyptischen vergleicht. Hier die Gelöstheit und freie Bewegung der Glieder, wie sie die Sprache begleitet, - dort ihr Gefesseltsein an den Leib oder in die kultische Geste, mit einem Blick, der über alles Irdische hinaus in die Fernen der Ewigkeit gerichtet ist, und einem Lächeln, das sphinxartig alles Wissen in die Stummheit verschließt.

   Im Orient gab es aber auch auf sozialem Felde nichts zu <<reden>>. Das Kastensystem herrschte. Innerhalb desselben ertönten von oben her lediglich Gebote, und von unten her antwortete diesen nur der schweigende Gehorsam. Eine Diskussion über Inhalt oder Berechtigung dieser Gebote wäre undenkbar gewesen. Denn Priester und Könige waren ja nur der Mund, durch den die Götter ihren Willen verkündigten. Sie waren die eigentlichen Herrscher über ihre Völker, und ihrem Willen gegenüber gab es von seiten der Menschen nur die stumme Unterwerfung. Die alte Kastenordnung was in diesem Sinne Theokratie (Gottesherrschaft); einen Staat im eigentlichen Sinne gab es noch nicht.

   Dieser entstand weltgeschichtlich zum erstenmal in Griechenland und Rom. Von der alten Kastenschichtung blieb zuletzt im wesentlichen nurmehr die Unterscheidung von Freien und Sklaven übrig. Die Freien aber standen im Staate nicht unter-, sondern als gleichberechtigte nebeneinander. Nicht mehr so sehr die Standeszugehörigkeit als vielmehr die Persönlichkeit des Menschen war es, die seine Stellung innerhalb des Staates bestimmte. Denn was bildete das wesentliche Element, in welchem das Leben des Staates sich entfaltete? Wieder die S42 Rede, das Gespräch, - wie sie in den Volksversammlungen und Ratskörperschaften gepflegt wurden. Aus diesen Diskussionen gingen die Entscheidungen und Beschlüsse hervor, die das politische Schicksal des Staates bestimmten. Die Macht der Rede, über die ein einzelner verfügte, - die Fähigkeit, seine Mitbürger durch Argumente zu überzeugen, bestimmte aber auch das Maß an Einfluß und Führung, welches diesem innerhalb der staatlichen Gemeinschaft zufiel. Diese Teilnahme am Leben des Staates übte auf die Menschen, namentlich wenn sie in das Alter des Erwachsenseins eingetreten waren, eine bildende, und zwar gerade die sie erst voll zum Menschen bildende Wirkung aus. Denn in den Wortgefechten und Redeschlachten, die in den staatlichen Körperschaften ausgefochten wurden, vermochten sie jene Kunst der Rede, jene Gewandtheit der Argumentation, jene Fähigkeit des Denkens zu erwerben, auf denen für sie die Würde des Menschen beruhte. Und diese politische Betätigung war ja in den kleinen griechischen Stadtstaaten - aber auch noch in Rom - eine viel intensivere, als sie es in unserer Zeit, bei allem Streit der Parteien, geworden ist. Denn an ihr war der Mensch nicht nur durch seine wirtschaftlichen Interessen, sondern mit seinem ganzen Menschenwesen beteiligt. Eine private Sphäre gab es ja bekanntlich in Griechenland noch nicht; der Mensch gehörte mit seinem ganzen Wesen dem Staate, - er bildete einen Bestandteil desselben. Er wurde dadurch Mensch, daß er in und mit dem Staate lebte. So konnte denn Aristoteles jene neue Definition des Menschen geben, in welcher der ganze Umschwung zum Ausdruck kommt, welcher sich in bezug auf die Weltstellung des Menschen im Fortgang von der orientalischen zur griechischen Kultur vollzogen hatte. Während für den Orient der Mensch der Mikrokosmos, das heißt Zusammenfassung und Abbild der Welt, des Makrokosmos, gewesen war, wurde er für den Griechen das Zoon politikon: das im Staate lebende Wesen. Ehemals war der Kosmos in seinen verschiedenen Kräftesphären - in der Art, wie es im vorangehenden Kapitel geschildert wurde - der Bildner des Menschen gewesen; jetzt ging die menschenbildende Wirksamkeit an die zum Staate sich gestaltende menschliche Gesellschaft über. Während jedoch für die ehemalige Auffassung der Mensch als Mikrokosmos zwar alles abbildlich in sich trug und zusammenfaßte, was urbildlich im Makrokosmos weste, aber auch nichts in sich enthielt, was nicht auch in diesem zu finden war, - ist für den Griechen das, was den Menschen zum Menschen S43 macht; sein Leben im Staate, etwas, das ihm ganz allein eigentümlich und nirgends außer ihm anzutreffen ist. Denn Aristoteles betont in seiner Politik ausdrücklich, daß weder Götter noch Tiere in staatlicher Gemeinschaft leben, sondern einzig der Mensch, und daß dieser in einem nicht-staatlichen Zustand als Mensch gar nicht zu denken sei. So wird also in Griechenland das Menschliche zuerst als selbständiges Eigenwesen geboren.

   Wie wird nun aber im Genaueren nach griechischer Auffassung der Mensch durch den Staat zum Menschen gebildet?

   Die ehemals vom Kosmos dem Menschen auf naturhafte Art geschenkte Weisheit war in Griechenland versiegt. Das bedeutete aber - wir wir am Beispiel des Ptolemäus sahen - nicht, daß ihr Inhalt untergegangen wäre. Er wurde vielmehr erst mündlich, dann literarisch den nachkommenden Geschlechtern überliefert. Ja, er ging erst jetzt völlig in das Element der Überlieferung über. Wie jemand, der an einer Quelle sitzt, es nicht nötig hat, das Wasser in Krügen aufzubewahren, weil er es in jedem Augenblick wieder frisch aus der Quelle schöpfen kann, so hatten die <<Krüge>> der Überlieferung im alten Orient noch keine große Bedeutung, weil das Wasser der Weisheit damals immer wieder neu aus den <<Quellen>> der kosmischen Sphären geschöpft werden konnte. Die Überlieferung der Weisheit erhielt erst ihren vollen Wert, als deren Quellen aufgehört hatten zu fließen. Und zu Hütern dieser Überlieferung wurden in Griechenland besonders die altgewordenen Menschen. Sie wußten die überkommene Weisheit, vermöge ihres Altgewordenseins, am meisten zu schätzen. Und sie mußten sie ums so höher einschätze, als sie selbst sie nicht mehr in derselben Art zu produzieren vermochten. Aber gerade dadurch, daß sie etwas bewahrten, das keine lebendige Gegenwart mehr darstellte, sondern Vergangenheit war, wurden sie in ihrem Verhalten konservativ. Sie verfügten zwar über Lebenserfahrung und <<altersgraue>> Weisheit, vermochten aber nicht mehr genügend Tatkraft zu entfalten, um jenes Neue zu schaffen, das dem Leben eine Zukunft eröffnet. Diese Fähigkeiten besaßen dagegen die Jungen; dafür ermangelten sie der Besonnenheit und der Lebenserfahrung. Und eben wegen dieses Mangels waren sie immer bereit zu unbedachter Neuerung, ja zum Umsturz. In den Versammlungen der verschiedenen staatlichen Körperschaften aber kamen Alte und Junge zusammen und mußten miteinander reden. Da konnte sich Tatkraft mit Lebenserfahrung, S44 Neuerungssucht mit Beharrungsvermögen ausgleichen, da konnte aber auch Unbesonnenheit durch Lebensweisheit korrigiert und die Schwerfälligkeit des Alters durch die Unternehmungslust der Jungen überwunden werden. So konnte aus dem Zusammenwirken der Alten und der Jungen doch im Ganzen das <<Rechte>> resultieren, - und dieses Rechte war für den Griechen gleichbedeutend mit dem rechten Maß, mit dem <<goldenen Mittelweg>>. Aber auch für jeden Einzelnen bedeutete dieses Zusammenwirken eine Harmonisierung und <<Komplettierung>> seines Menschentums. Und diese erreichte in ihm selbst ihren höchsten Grad, wenn er in der Lebensmitte stand. Dann war die Tatkraft der Jugend in ihm noch nicht erloschen und doch schon eine gewisse Lebenserfahrung in ihm gereift. Dann vermochte er die Erinnerung an das Vergangene in rechter Weise mit der Hoffnung auf das Künftige zu verbinden.

   In dem hier geschilderten Sinne kennzeichnet Aristoteles in seiner Rhetorik (II,12-14.Kap.) die verschiedenen Phasen des menschlichen Lebenslaufs. Er unterscheidet deren drei: Jugend, Lebensmitte oder <<Akme>> - Lebenshöhepunkt - und Alter. Sowohl der Jugend wie dem Alter ist eine gewisse Unvollkommenheit eigen. Beide haben gleichzeitig etwas zuviel und etwas zuwenig. Die Jugend: zuviel Zukunftserwartung, zuwenig Erfahrung. Das Alter: zuviel Erinnerung, zuwenig Hoffnung und Tatkraft. Die Lebensmitte allein ermöglicht, dieses verschiedene Zuviel und Zuwenig auszugleichen. Die in ihr stehen <<sind nüchtern in Verbindung mit Mut und mutig mit Nüchternheit; denn bei Jünglingen und Greisen ist das gesondert, indem die Jugend mutig und zügellos, das Alter nüchtern und furchtsam ist. Kurz: das Gute, das zwischen Jugend und Alter geteilt ist, haben sie vereinigt; und wo beide zuviel oder zuwenig haben, hat der Mann das mitten inne Liegende und Rechte>> (Kap.14). Nur in der Mitte seines Lebens vermag daher der Mensch sein Wesen in Vollkommenheit darzustellen.

   Damit hängt ein Weiteres zusammen, auf das Aristoteles in seiner <<Politik>> zu sprechen kommt. Er unterscheidet da die drei Verfassungsformen der Monarchie, der Aristokratie und der Politie (oder Demokratie), welche letztere besonders in Athen während seiner Blütezeit zur Ausbildung gekommen ist. In der ersteren herrscht ein Einziger, in der zweiten einige Wenige, die als die Besten gelten; in der letzteren herrschen Alle. Wie aber ist eine Herrschaft Aller möglich? Nur dadurch, daß die Regierenden nicht - wie in der Monarchie und S45 der Aristokratie - ihre Ämter auf Lebenszeit bekleiden, sondern nur auf befristete Dauer. Denn so können immer wieder andere - und damit grundsätzlich alle - an die Reihe kommen. Das bedeutet aber praktisch, daß die Älteren immer wieder die Plätze räumen müssen, damit die Jüngeren nachrücken können, - oder anders gesehen: im Durchschnitt immer diejenigen im Regierungsamte sind, die in der mittleren Epoche ihres Lebens - in ihrer <<Akme>> - stehen. Das Problem des Generationenwechsels tritt da erstmals als ein solches der sozialen Regelung auf.

   Im alten Orient existierte es in dieser Art noch nicht. Dort gelangte - wie im vorangehenden Kapitel geschildert - der Mensch erst im höheren Alter an leitende Stellen, und er verblieb in diesen dann bis zum Tode. Erst wenn durch sein Hinscheiden sein Platz frei wurde, konnten seine Nachfolger oder Nachkommen diesen einnehmen. Der Wechsel der Generationen, auch in ihrer sozialen Position, wurde noch durch die Natur geordnet. Ebenso war es auch in der Familie und ist es zum Teil noch bis heute im Orient geblieben. War einer einmal zum Haupt einer Familie geworden, so blieb sein Rat und Wille, solange er lebte, maßgebend, auch wenn seine Kinder schon längst erwachsen waren. Einen letzten Überrest dieser Verhältnisse haben wir heute noch in den christlichen Kirchen, vor allem in der Katholischen, sowie in den wenigen Erbmonarchien, die heute noch bestehen. Die Kirchenfürsten und besonders das Oberhaupt der Kirche gelangen zu ihren Würden in der Regel erst in sehr vorgerücktem Alter und bekleiden sie dann auf Lebenszeit. Erst der gegenwärtige Papst Paul VI. hat wenigstens für die Ausübung der Ämter der Bischöfe und Kardinäle eine Altersgrenze eingeführt. Und die weltlichen Monarchen sind - wenn nicht außergewöhnliche Verhältnisse eintreten - wenigstens auch unabsetzbar. Und mancher Kronprinz erreichte schon selbst das Patriarchenalter, bis er endlich den Thron seiner Väter besteigen konnte. In Griechenland verschob sich der Höhepunkt des menschlichen Lebens in dessen Mitte. Wie die Jüngeren in bezug auf die Fähigkeiten, die damals am höchsten geschätzt wurden, zu diesem Höhepunkt hinauf-, die Älteren aber von ihm wieder herabstiegen, so mußte es auch in bezug auf ihre Position in der menschlichen Gemeinschaft geschehen. Und so ist es im Abendland in den neuen, modernen Formen menschlicher Vergemeinschaftung, die sich im Laufe seiner Geschichte herausbildeten, bis in die S46 Gegenwart herein im wesentlichen geblieben. Allerdings sind demgegenüber in den letzten Jahrhunderten auf denjenigen Gebieten, die als die modernsten des heutigen sozialen Lebens sich entwickelt haben, abermals neue Verhältnisse eingetreten. Und aus diesen sind erst jene Probleme erwachsen, vor die wir uns heute gestellt sehen. Von ihnen soll im folgenden Kapitel die Rede sein.

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nächstes Kapitel: Grundphänomene des Lebenslaufs im Zeitalter der Naturwissenschaft