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2. Der Lebenslauf als Abbild der Planetensphären


   Für eine oberflächliche Betrachtung könnte es scheinen, als sei der menschliche Lebenslauf eine Naturtatsache, die wir, wie andere Naturtatsachen, schlechterdings hinzunehmen haben, - an der es nichts zu deuteln und zu rätseln gebe, und an der vor allem nichts zu ändern sei. Wie die Pflanze sproßt, blüht, Früchte trägt und hinwelkt, so wird auch der Mensch geboren, wächst, reift, altert und stirbt: es scheint dies das Selbstverständlichste von der Welt zu sein.

   Geht man jedoch in der Betrachtung nur ein wenig tiefer, so zeigt sich sofort, daß ein solcher Vergleich des Menschenlebens mit dem Pflanzenleben, des menschlichen Lebenslaufs mit dem Jahreskreislauf - so sehr er sich auch aufdrängt und so oft er auch, namentlich in dichterischen Darstellungen, angestellt worden ist - ganz an der Oberfläche bleibt. Denn sogleich treten fundamentale Unterschiede hervor. Um aus vielen nur den allerelementarsten herauszugreifen: Bei der Pflanze ist jede Phase ihrer Entwicklung und jede Gestalt, die sie im Laufe derselben annimmt, teils durch ihre eigene Natur, teils durch die Wirkungen ihrer Umwelt - im weitesten Sinne dieses Wortes - eindeutig bestimmt. Ihr kommt nur ein Sein zu, das in jeder Beziehung durch die Gesamtnatur, von der sie selbst ein Glied bildet, bestimmt ist.


Die Ros' ist ohn' warum, sie blühet, weil sie blühet,

Sie acht' nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius


Der Mensch dagegen hat nicht nur ein Sein, sondern auch ein Bewußtsein, ja ein Selbstbewußtsein. Er lebt nicht nur sein Dasein, sondern er erlebt es auch, und zwar als das seinige. Und diese Tatsache ist nur der Ausdruck der andern, daß ihm außer seiner äußern, physischen Erscheinung auch noch eine seelische Innenwelt eignet. Diese ist aber nicht im selben Sinne an den Ablauf der Zeit gebannt wie jene. Der Mensch vermag durch sie erinnernd sich in die Vergangenheit zu versetzen und planend die Zukunft vorauszunehmen. Er weiß in der S15 Gegenwart um das, was gewesen ist, und in gewissem Maß um das, was sein wird. Dadurch hat die Gestaltung des Lebenslaufs für ihn nicht bloß den Charakter einer Tatsache, sondern bekommt zugleich den einer Aufgabe, - der Aufgabe nämlich, sein Innenleben jeweils in die rechte Beziehung zum äußeren Ablauf seines Lebens zu setzen, - es von Altersstufe zu Altersstufe so zu gestalten, daß es im Einklang mit den Möglichkeiten und Forderungen seines leiblichen Daseins steht. Dies meinen wir, wenn wir dem menschlichen Dasein den Charakter der Existenz zusprechen. Eine unter den Aufgaben, die aus diesem seinem Daseins-Charakter erwachsen, besteht darin, altersgemäß zu leben. Er kann diese Aufgabe in zweifacher Weise verfehlen: entweder - um nur die äußersten Extreme zu nennen - indem er als Jüngling schon zum Greis wird oder wenn er als Greis noch immer Jüngling geblieben ist.

   Eine andere grundlegende Eigentümlichkeit des menschlichen Lebenslaufs zeigt sich beim Vergleich mit demjenigen des Tieres. Diese hat ja - im Unterschied von der <<schlafenden>> Pflanze - mit dem Menschen das Moment des Bewußtseins, der Beseeltheit gemeinsam. Wir kennen nicht nur eine Psychologie des Menschen, sondern auch eine solche des Tieres. Dem Tiere aber fehlt die Fähigkeit des Selbstbewußtseins, der Charakter der Persönlichkeit, - es ist bloßes Gattungswesen. Sein ganzes Leben steht im Dienste der Erhaltung seiner Gattung. Den Höhepunkt desselben, dem es - verglichen mit dem Menschen - mit großer Schnelligkeit entgegeneilt, bildet die Erlangung der Geschlechtsreife, die meist mit dem vollen körperlichen Ausgewachsensein zusammenfällt. Dann tritt nichts Neues mehr in seinem Dasein zutage. Es folgt vielmehr ein langsames Altern und Hinwelken.

   Der Mensch aber ist Persönlichkeit. Der Sinn seines Lebens erschöpft sich nicht in der Fortpflanzung seiner Gattung. Schon die volle körperliche Reife folgt der Erlangung der Geschlechtsreife in langem Abstand nach, und die eigentliche Ausreifung seiner Persönlichkeit findet sogar erst in der zweiten Lebenshälfte statt, - in einer Zeit also, in welcher das körperliche Leben sich bereits auf der absteigenden Linie befindet. Ja, sie kann sich in gewisser Beziehung bis ins höchste Greisenalter hinauf fortsetzen. Es erfolgt also im Laufe des Lebens eine gewisse Emanzipation des seelischen Lebens von der leiblichen Organisation, und auf dieser Tatsache beruht wohl die Auffassung, die in allen älteren Zeiten geherrscht hat, daß die S16 menschliche Seele, wenn sie im Tode die leibliche Hülle völlig abstreift, in rein geistiger Daseinsweise fortlebe.

   Diese Fähigkeit des Menschen: als Seele, als Persönlichkeit durch sein ganzes Leben hindurch, auch bei abnehmenden Leibeskräften, sich weiterzuentwickeln, verleiht dem menschlichen Lebenslauf sein spezifisch menschliches Gepräge und hat darum als Tatsache die Menschen von jeher beschäftigt. Man hat seit alters die Aufmerksamkeit hingelenkt auf die spezifischen Möglichkeiten, welche die verschiedenen Altersstufen dem Menschen für seine seelisch-geistige Entwicklung bieten. Wir finden daher auch schon in alten Zeiten ganz bestimmte Auffassungen in bezug auf diese Möglichkeiten. Wollen wir deren Sinn verstehen, so müssen wir uns allerdings zuvor vergegenwärtigen, wie man damals über das Wesen und die Weltstellung des Menschen überhaupt gedacht hat.

   Diese Gedanken treten uns in vorchristlicher Zeit vor allem in einer zweifachen Ausgestaltung entgegen, die aber im Grunde nur die gegensätzliche Form darstellt, in die sich ein im tieferen Sinne identischer Inhalt kleidet. Wir meinen den Gegensatz zwischen dem Judentum und den verschiedenen heidnischen Völkern. Wie das alte Hebräertum über den Menschen dachte, geht deutlich schon aus der mosaischen Schöpfungsgeschichte hervor. Ihr zufolge  bildete Gott den menschlichen Leib aus den Stoffen der Erde. Aber diesen staubgeborenen (und nach dem Tode wieder zu Staub zerfallenden) Leib formte er der Gestalt nach zum Ebenbilde seiner selbst und hauchte ihm eine lebendige Seele ein. Das alte Testament betont also die Zwienatur des Menschen: seiner Körperlichkeit nach ein Stück Erde, seiner Gestalt nach aber ein Abbild Gottes, ja seiner Seele nach Gott selber verwandt. Dieser Dualismus der Menschenauffassung spiegelt aber nur wider die dualistische Art, in welcher das Hebräertum auch die außermenschliche Welt betrachtete und in dieser das Natürliche und das Göttliche voneinander schied. Die Natur selbst war ihm nicht göttlich, sondern nur das Werk Gottes, das er in den sechs Schöpfungstagen geschaffen hat; Gott aber stand ihm als der einige und einzige über und jenseits der unendlichen Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, in denen die Natur sich darbietet. Darum sollte sich der Hebräer auch kein äußeres Bild von ihm machen; denn was immer als solches Bild hätte dienen können, es hätte der Natur entnommen sein müssen.

 Den polaren Gegensatz hierzu bildet die Welt- und MenschenS17auffassung der verschiedenen heidnischen Völker, wie sehr sie unter ihnen im übrigen auch variieren mag. Für sie bedeutete das Göttliche und das Natürliche noch eine ungeschiedene Einheit. Darum unterschieden sie auch, entsprechend der Vielfalt der Naturerscheinungen, eine Vielzahl von höheren und niederen Göttern, deren jedem ein bestimmter, begrenzter Wirkungsbereich zugeordnet war. Erde, Wasser, Luft und Feuer, Meere und Flüsse, Bäume und Berge, jede geographische Lokalität im besondern, aber auch - und vor allem - Sonne, Mond und Sterne waren ihnen bevölkert von Legionen von Geistern und Göttern. So war ihre Religion Naturverehrung, und sie war, insofern diese namentlich den erhabensten Erscheinungen der Sinneswelt dargebracht wurde vornehmlich Sternendienst, Sonnenkult, Mondenreligion. Die Namen der griechisch-römischen Götter, mit denen wir noch heute die Planeten bezeichnen: Merkur, Venus Mars, Jupiter, Saturn, erinnern an diese ehemalige Einheit von Natürlichem und Göttlichem . Von dem aber, was ihnen diesem Sinne eine einheitliche geistig-physische Welt war - was die Griechen <<Kosmos>>: das Schöne, Wohlgeordnete nannten, weil es durch die ihm innewohnenden und durch seine Gestaltungen hindurchscheinenden göttlichen Intelligenzen geordnet ist und in Ordnung erhalten wird, erblickten sie im Menschen das Abbild. Und darauf beruhte für sie seine Würde, daß er den Mikrokosmos, die kleine Welt, darstellt, in welchem der Makrokosmos, die große Welt, wie in einem Kompendium sich zusammenfaßt und sich deshalb auch erkenntnismäßig widerzuspiegeln vermag.

   Hieraus ergab sich eine Auffassung des Menschen und eine Orientierung des menschlichen Lebens, die man -nur muß dieses Wort in einem viel umfassenderen Sinne genommen werden, als es heute verstanden zu werden pflegt - als eine astrologische bezeichnen kann. Auch heute noch gibt es eine Astrologie als Lehre von den geistig-seelischen Einwirkungen der Sternenwelt auf den Menschen und sein Leben, und sie hat gerade in unserem Jahrhundert an Verbreitung wieder bedeutend zugenommen. Sie zehrt zum größten Teil noch von den Überlieferungen, die auf jene alten Zeiten zurückgehen. Dennoch ist sie nur ein kümmerlicher Überrest von dem, was sie einstmals war. Heute nimmt sie eine fragwürdige Stellung ein zwischen Wissenschaft und Religion. sie ist weder das eine - im Sinne dessen, was man heute unter Wissenschaft versteht - noch das S18 andere, weil ihr die entsprechenden moralischen Zielsetzungen fehlen -, wird sie doch meist für die Erreichung ganz egoistischer Machtziele oder für die Erfüllung banalster Wünsche des Glückes, Genusses, rein materieller Wohlfahrt in Anspruch genommen! In alten Zeiten war sie nicht etwas so Spezielles, sondern nur ein besonderer Ausdruck eines Allumfassend-Einheitlichen, das zugleich Religion und <<Wissenschaft>> war. Sie war ein Element, welches das ganze menschliche Leben in allen seinen Erscheinungsformen durchdrang und sich aus der Welt- und Menschenanschauung ergab, die auch dem damaligen religiösen Leben zugrunde lag. Der Mensch jener Zeiten blickte zu seinen Göttern auf als zu den Wesen, als deren Nachkommen er sich selbst auffaßte, von denen er sich mit seinen verschiedenen Fähigkeiten begabt und in seinem Lebensschicksal bestimmt wußte. Diese Götter hatten ihre Wohnsitze in Sonne, Mond und Sternen, - hatten ihre Wirkungsbereiche in den Sphären, welche von den verschiedenen Planeten umkreist werden. Also mußte der Mensch die Spuren seiner Abstammung von ihnen noch in den Beziehungen aufweisen, welche zwischen den einzelnen Teilen und Organen seines Wesens und entsprechenden Wirkungsbereichen des Himmels bestehen. Die Verwandtschaften der Götter untereinander, ihr freundliches Zusammenwirken oder feindliches Sichentgegentreten kamen für ihn zum sichtbaren Ausdruck in den Beziehungen zwischen der planetarischen und der zodiakalen Welt, in den wechselnden Konstellationen der Wandelsterne zueinander: Konjunktion, Opposition usw. Die Art, wie ein bestimmter Mensch in dieses ganze Götterwirken hineingestellt ist, kennzeichnet sich durch die Stellung, welche die Sterne im Augenblick seiner Geburt zueinander einnehmen.

   Im Sinne solcher Auffassungen hat man in alten Zeiten schon den menschlichen Leib seiner Formbildung nach als Abbild des ganzen Kosmos betrachtet, insofern dessen gestaltende Kräfte in der Zwölfheit der Tierkreisbilder sich zusammenfassen: Das Haupt ordnete man dem Widder, die Sprachorganisation dem Stier, die Arme den Zwillingen, den Brustkorb dem Krebs, das Herz dem Löwen zu usw. In analoger Weise setzte man die inneren Lebensfunktionen des Organismus, insofern sie durch bestimmte Organe repräsentiert sind, mit den verschiedenen planetarischen Sphären in Beziehung: so etwa das Herz mit der sonne, die Galle mit dem Mars, die Leber mit dem Jupiter usw. Aber nicht nur in bezug auf seine räumliche Gestalt und seine S19 physiologischen Prozesse, sondern auch hinsichtlich der zeitlichen Gliederung seines Lebens betrachtete man den Menschen im Zusammenhang mit dem Kosmos, - mußte sich doch eine solche Betrachtung auch geradezu aufdrängen angesichts der Tatsache, daß alle zeitlichen Rhythmen, die wir in der Natur beobachten: Tag, Monat, Jahr usw. durch Umlaufzeiten der Gestirne bedingt sind. Und damit kommen wir auf die Auffassungen zu sprechen, die damals speziell über die zeitliche Gliederung des menschlichen Lebenslaufs und über die spezifischen Möglichkeiten herrschten, welche die verschiedenen Lebensalter dem Menschen für seine seelisch-geistige Entwicklung gewähren.

   Auch die hier zu beobachtende Folge von sich unterscheidenden Perioden brachte man in Verbindung mit den aus dem Außerirdischen hereinwirkenden Kräften, und zwar speziell mit denjenigen der Planetenwelt.

   Nun bestand ja die besondere Leistung des Griechentums auf astronomischem Gebiete darin, daß es - während die orientalischen Völker sich noch fast ausschließlich mit der Erforschung der zeitlichen Rhythmen der Himmelsbewegungen begnügten (die sie dann ihren Kalenderordnungen zugrunde legten) und für deren räumliche Verhältnisse wenig Interesse entwickelt hatten - ein bestimmtes geometrisches Bild von der räumlichen Beschaffenheit des Kosmos ausgestaltete. Dieses tritt uns deutlich schon bei Aristoteles und seinen Schülern entgegen, erlangte aber seine vollkommene mathematische Durchbildung erst durch Claudius Ptolemäus, der im ersten nachchristlichen Jahrhundert in Alexandria in Ägypten gelebt hat. Dieses ptolemäische oder geozentrische Weltbild ist - im wesentlichen - gekennzeichnet durch die Vorstellung, daß die Erde den ruhenden Mittelpunkt der Welt bilde und von sieben sich um sie herumbewegenden Kugelsphären umgeben sei, an denen die verschiedenen Planeten <<befestigt>> sind, und zwar - Sonne und Mond wurden damals noch zu ihnen gezählt -, von der Erde aus durchlaufen, in dieser Reihenfolge: Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn. Außerhalb derselben schließt sich dann als achte, äußerste Sphäre die der Fixsterne an. Diese Sphären sind jedoch als Wirkungsgebiete niederer und höherer Götter - Planetenintelligenzen - zu denken, welche die Bewegungen der Sterne verursachen und in bestimmter Weise geordnet haben. In großartigster dichterischer Darstellung tritt uns dieses Weltbild noch im Mittelalter entgegen in Dantes Göttlicher Komödie S20, namentlich in deren drittem Teil, dem <<Paradiso>>, in welchem Dante seine Wanderung durch diese Sphären beschreibt. Nur sind hier anstelle der heidnischen Planetengötter die Rangordnungen der vom Christentum unterschiedenen Engelreiche getreten, mit denen der Dichter die der ewigen Seligkeit teilhaftig gewordenen abgeschiedenen Seelen, je nach dem Grade ihrer Vollkommenheit, in niederen oder höheren Sphären vereint findet. An der Grenze dieser Welt angekommen, wird ihm noch ein Blick ins Empyreum, den Feuerhimmel, gestattete, die Welt der göttlichen Trinität, welche diesen ganzen in sich geschlossenen Kosmos umgibt, trägt und im Dasein erhält.

   Es ist nun höchst bedeutsam, daß uns gerade von Claudius Ptolemäus auch eine Schrift erhalten ist, die <<Tetrabiblos>>, in welcher er, von astrologischen Fragen handelnd, eine Zuordnung der Lebensalter zu den Planetensphären gibt. Und diese Darstellung bildet die ausführlichste Charakteristik der verschiedenen Stufen des menschlichen Lebens überhaupt, die uns aus dem klassischen Altertum überliefert ist. (Vgl. Franz Boll: Die Lebensalter, 1913).

   Ptolemäus betont eingangs seiner Ausführungen, es genüge zum astrologischen Verständnis des menschlichen Lebens nicht, nur die Geburtskonstellation zu beachten, wie sie im Horoskop zum Ausdruck kommt, sondern es sei außerdem zu berücksichtigen, daß die verschiedenen Phasen unseres Lebens in besonderer Weise von den einzelnen Planeten <<regiert>> werden.

   In diesem Sinne ordnet er die Zeit vom 1. bis 4. Lebensjahr dem der Erde am nächsten stehenden Planeten, dem Monde, zu. Wäre die Erde allen kosmischen Einflüssen entzogen und nur sich selbst überlassen, so würde sie ersterben. Daß sie lebt und Lebendiges aus ihrem Schoße hervorgehen läßt, ist - nach der Auffassung der Alten - den außerirdischen Einwirkungen, und zwar zunächst denjenigen der Mondensphäre zu verdanken. Sie bringen es zustande, daß Lebendiges sich auf der Erde regt und durch Fortpflanzung am Leben erhält. Sie sind besonders tätig in den Generationsvorgängen. Und da alles Lebendige des Wassers bedarf, um sich zu bilden, zu ernähren, im Flusse der Verwandlungen zu erhalten, so sind die Mondenkräfte besonders im Feucht-Flüssigen wirksam. Der Einfluß des Mondes und seiner wechselnden Phasen auf das Wachstum S21 der Pflanzen ist auch dem heutigen Landwirte noch bekannt. In seinen ersten Lebensjahren lebt das Kind noch ganz im Schoße der Familie, des Blutszusammenhanges, aus dem es geboren wurde. Es nährt sich zunächst noch von der Milche der Mutter, und sein ganzes Dasein steht noch im Zeichen des Wachstums seines Leibes und der Ausgestaltung seiner Organe. Die vorgeburtlichen Prozesse seiner Leibesbildung setzen sich in gewisser Weise noch fort. Erst mit dem Ersatz des Milchgebisses durch die zweiten Zähne wird es aus der Sphäre dieser Kräfte völlig entlassen.

   Vom 5. bis 14. Lebensjahr durchläuft es gleichsam den Bereich des Merkur. Wir kennen ihn als den beweglichen,, flügelbeschuhten Boten der Götter, aber auch als den Stifter und Lehrer der tiefsinnigen <<hermetischen>> Weisheit, wie sie in den Mysterien Ägyptens gepflegt wurde, - andererseits aber auch seiner Klugheit und Schlauheit wegen als den Gott der Händler und Diebe, und schließlich mit seinem Schlangenstab als den Inspirator der Heilkunst. In seinem zweiten Lebensabschnitt zeigt das Kind alle diese Merkmale des <<Merkurialen>>: in seiner leichten, anmutigen Beweglichkeit, in seiner Lernbegierde, in seiner nüchternen, noch unsentimentalen Lust am Gewinnen und Übervorteilen, schließlich in dem besondern Maß von Gesundheit, welches diese Lebensphase vor andern auszeichnet.

   Das 15. bis 22. Lebensjahr steht im Zeichen der Venus. Die Kraft der Liebe erwacht jetzt, - und zwar nicht nur die sinnliche, sondern auch die geistige. Wie denn auch von der Göttin der irdischen immer die der himmlischen Liebe - Venus Urania - unterschieden wurde. Nicht nur die geschlechtlichen Trieb, auch der Enthusiasmus für das Schöne, die Begeisterung für alles Hohe und Ideale entbrennen jetzt in der Seele des Heranwachsenden.

   Mit dem vollen Erwachsensein betritt der Mensch den Herrschaftsbereich der Sonne. Unter den planetarischen Sphären steht die ihrige nicht nur in der Mitte, sondern sie ist auch die weitaus mächtigste, - erhellt doch ihr Licht die ganze Welt. Dementsprechend verweilt auch der Mensch in dieser Sphäre am längsten, während der ganzen mittleren Zeit seines Lebens: vom 23. bis zum 41. Jahre. Er erklimmt die Sonnenhöhe seines Lebens. Alles, was an schöpferischen Kräften in ihm veranlagt ist, kommt jetzt zur Entfaltung, - die Eigenart seiner Persönlichkeit gelangt während dieser Zeit zur vollen Ausprägung. S22 Seine leiblichen und geistigen Kräfte halten sich das Gleichgewicht.

   Mit dem 42. Jahre wird Mars zum Regenten seines Lebens und bleibt es bis zum 56. Jahre. Wer in dieses Alter tritt, hat bereits etwas geleistet oder geschaffen. Jetzt nimmt die Welt Stellung zu dieser Leistung oder Schöpfung, - im anerkennenden oder ablehnenden Sinne. Es wird dafür oder dagegen Partei ergriffen. Der Mensch wird in Kämpfe, in Auseinandersetzungen hineingerissen. Und er selbst hat in diesem Alter die stärkste Neigung zur Polemik, die größte Lust zu Auseinandersetzungen. Der Ausgang dieser Kämpfe aber entscheidet über den weiteren Verlauf seines Lebens. Entweder er unterliegt, wird von seinem Platze verdrängt und zum <<alten Eisen>> geworfen. Oder er vermag sich durchzusetzen; dann wird er seine Geltung auch weiter behaupten.

   Hat er die Mitte der 50er Jahre überschritten, so wird er der Fähigkeiten teilhaftig, die ihm Jupiter zu schenken vermag. Er wächst allmählich über sein nur Persönliches hinaus, lernt ein größeres Ganzes von menschlichen Zusammenhängen überschauen, hat ein gewisses Maß von Lebenserfahrung und Lebensweisheit errungen, kann dadurch Anderen zum Rater werden und entwickelt darum jetzt die Fähigkeit und den Drang, zu herrschen. Vom 56. bis zum 68. Lebensjahr rechnet Ptolemäus diese Periode (gemäß dem 12jährigen Jupiterumlauf).

   Geht es gegen das 70. Lebensjahr zu, so tritt der Mensch in seinen letzten Lebensabschnitt ein, dem Saturn seinen Charakter verleiht. Er ist der älteste unter den Planetengöttern und schenkt dem Menschen in besonderem Maße die Gabe der Erinnerung, der Lebensrückschau. Er bringt aber auch die Lebenskräfte zum Erlahmen und das Feuer der Tatkraft zum Erlöschen. Dagegen erweckt er im Menschen die Fähigkeit der Tiefenschau und läßt geistige Lichtblitze in seiner Seele aufleuchten, welche ihm bis dahin verborgene Weltgeheimnisse enthüllen. Als erdenfernster unter den Planeten bildet er den Übergang zur Fixsternsphäre, der eigentlich himmlischen oder uranischen Welt, und geleitet den Menschen im Tode hinaus in die Weiten des Kosmos.

   Die Zeitlängen der einzelnen Planetenperioden des menschlichen Lebens bemisst Ptolemäus, wie schon beim Jupiteralter erwähnt, nach bestimmten Rhythmen und Zyklen planetarischer Umläufe und unterscheidet sich darin von der sonst im alten Griechentum gebräuchlichen Einteilung des Lebenslaufs S23 in Jahrsiebente (Hepdomaden), wie wir sie zum Beispiel in der berühmten Elegie des Solon über die Lebensalter oder in einer pseudohippokratischen Schrift Über die Jahrsiebente finden.

   Sieht man aber von diesem Unterschied ab und blickt auf diese Lebensdarstellung im Ganzen und Grundsätzlichen hin, so kann man sich dem Eindruck des Großartigen, das in ihr gegeben ist, wohl nicht entziehen, - auch wenn man die ihr zugrunde liegenden astronomischen Vorstellungen für überwunden hält. Was die rein physische Beschaffenheit des Kosmos betrifft, sind sie es gewiß. Hinsichtlich der überphysischen Qualitäten der Sternenwelt vermag jedoch die heutige Astronomie keine Aussage zu machen, weil ihre Methoden sich bloß auf die quantitativen und die physikalisch-chemischen Verhältnisse des Kosmos beziehen. Diese bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt aus der Gesamtwirklichkeit der Welt- und im speziellen auch der Sternenwelt. Selbst ein maßgebender Vertreter der heutigen Physik: Walter Heitler (Ordinarius für theoretische Physik an der Universität Zürich) gesteht in seiner 1961 erschienenen Schrift Der Mensch und die natuwissenschaftliche Erkenntnis, daß unser heutiges astronomisches Bild des Universums eine bloße <<Extrapolation der Physik in das Weltall>> darstelle. <<Diese Extrapolation hat ihre volle Berechtigung. Sie ist mathematisch und physikalisch möglich, und ihr wird durch nichts widersprochen. Es ist auch nicht anzunehmen, daß ihr je widersprochen wird, solange wir im Bereich physikalisch-astronomischer Messungen bleiben. Damit ist aber natürlich nicht bewiesen, daß dieses astronomische Bild die ausschließliche Wahrheit ist. Es ist gut, wenn wir uns der gemachten Annahme bewußt bleiben und mit dem Wahrheitsgehalt des astronomischen Bildes vorsichtig umgehen, sobald wir aus dem rein physikalisch-astronomischen Bereich heraustreten und weitergehende philosophische oder theologische Schlüsse ziehen... Wenn wir kurz sagen: das astronomische Bild stellt den physikalischen Aspekt des Universums dar, so ist damit alles gesagt, was es ist, und die Beschränkung aufzeigt. Es bleibt dann offen, ob es auch noch andere Aspekte geben könnte, etwa solche, die einen mehr metaphysischen Charakter tragen... Das Universum der Pythagoräisch-Platonischen Linie der griechischen Philosophie war durchweg <beseelt> und <mit Geist begabt>. Das Gleiche gilt für andere alte Weltphilosophien, zum Beispiel die indische, und Anschauungen dieser Art gehen in die Zeit lange vor Pythagoras zurück. Der Ursprung solcher S24 Anschauungen... muß wohl auf geistigen Erfahrungen und Erlebnissen beruhen, zu denen wenigstens einzelne Menschen der alten Welt fähig waren. Außersinnliche oder mystische Erfahrungen werden in der ganzen Menschheitsgeschichte immer wieder berichtet und vieles davon ist ohne Zweifel echt.>> (S65f) Diese Feststellungen Heitlers werden auch durch die Ergebnisse der jüngsten astronautischen Forschungen nicht widerlegt.

   Kehren wir zu der von Ptolemäus gegebenen Lebensdarstellung zurück, so erklärt sie fürs erste in plausibler Weise das eingangs hervorgehobene Grundmerkmal des menschlichen Lebenslaufes, daß der Mensch durch sein ganzes Leben hindurch, auch bei abnehmenden Leibeskräften in der zweiten Lebenshälfte, in der Ausreifung seines inneren Wesens fortzuschreiten und von Altersstufe zu Altersstufe immer wieder neue, andersgeartete Fähigkeiten zu entwickeln vermag.

   Zum Zweiten bringt sie in einer besondern Weise zur Anschauung, wie im Menschen die Welt sich zusammenfaßt. Indem er seinen Lebenslauf durchschreitet, kommen in den spezifischen Fähigkeiten, die er in der Aufeinanderfolge seiner Epochen entwickelt, der Reihe nach alle die Kräfte durch ihn zur Offenbarung, die in der Gesamtheit der kosmischen Sphären enthalten sind. Er ist dadurch zugleich das Organ, durch welches diese Kräfte in Erscheinung treten. Gäbe es ihn nicht, so blieben sie verborgen.

   Zum Dritten kommt in dieser Darstellung eine bestimmte Auffassung davon zum Ausdruck, was der menschliche Lebenslauf - von einem speziellen Gesichtspunkt aus gesehen - überhaupt bedeutet. Er stellt sich dar als das stufenweise Hinauswachsen des Menschen aus dem Irdischen in das Kosmische. Und von daher wird verständlich, warum der Mensch mit fortschreitendem Alter zu immer umfassenderen Überblicken über das irdisch-menschliche Dasein sich zu erheben vermag, zugleich aber, namentlich im höchsten Alter, das Irdische ihm immer kleiner und wesenloser erscheint und seine Interessen sich mehr und mehr dem Ewigen zuwenden. Es ist auch hier nicht anders als bei einer physischen Erhebung in große Höhen, zum Beispiel bei der Besteigung eines hohen Berggipfels: die Einzelheiten der Tiefe verschwinden, weite Überblicke eröffnen sich, und man fühlt sich in solcher gleichsam überirdischen Höhe vom Atem der Ewigkeit umweht. Ihre volle Bedeutung aber enthüllt diese Auffassung erst, wenn man zugleich S25 berücksichtigt, daß in alten Zeiten - im Orient ganz allgemein, aber auch, wie Plato zeigt, bis tief ins Griechentum hinein - die Anschauung geherrscht hat von der Präexistenz der menschlichen Seele in einer geistig-kosmischen Welt, aus der heruntersteigend sie durch die Geburt das Erdendasein betritt. Kaum aber hat sie den Boden des Irdischen berührt, so beginnt sie alsbald ihren Rückweg in die Weiten des Kosmos, zunächst, während ihres Erdenlebens gewissermaßen noch im Bilde, um ihn dann nach dem Tode, frei von den Fesseln der leiblichen Hülle, in voller Wirklichkeit anzutreten. Für jene Zeiten war eben der Mensch - als der Mikrokosmos, den sie in ihm sahen - im Ganzen noch mehr ein Himmelswesen als ein Erdengeschöpf.

   Die geschilderte Auffassung des Lebenslaufes, die sich aus dieser Menschenanschauung ergab, bestimmte auch das ganze Lebensverhalten. Der Mensch hielt sich nicht - wie dies heute so vielfach der Fall ist - mit 20 Jahren schon für fertig und zu allem tauglich. Er war sich vielmehr bewußt, daß von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer neue Kräfte in seiner Seele zutagetreten werden, und daß besonders die Fähigkeiten, größere Lebenszusammenhänge zu überschauen, durch die er einer Menschengemeinschaft ratend oder leitend vorzustehen vermag, erst im höheren Alter reifen. Es wäre daher für jene Zeiten undenkbar gewesen, Menschen in jüngeren Jahren schon leitende Stellungen, Regierungsämter und dergleichen anzuvertrauen. Diese waren vielmehr ausschließlich denen vorbehalten, die mindestens schon bis zur Jupiterepoche ihres Lebens vorgerückt waren, - wie noch die <<Greisenversammlungen>> der spartanischen <<Gerusa>> oder des römischen <<Senates>> beweisen.

   Ferner aber wußte man, daß die Erlangung von Einblicken in bestimmte tiefere Geheimnisse des Welten- und Menschendaseins sogar an das höchste, saturnische Lebensalter gebunden ist. Man war sich darüber klar, daß man diese durch nichts erzwingen könne, sondern schlechterdings abwarten müsse, bis man das entsprechende Alter erreicht habe. Und man hatte eine feine Empfindung dafür, daß alles Nachdenken, alles Spekulieren und Spintisieren auf diesem Gebiete zu nichts führe, solange nicht die hierfür erforderliche innere geistige Erfahrung vorliege. Daher spielte das verstandesmäßige Nachdenken über die tieferen Rätsel der Welt im alten Orient noch keine große Rolle. An seiner Stelle kannte und gebrauchte man damals noch ein anderes Mittel, um in einem Alter, in welchem S26 man durch eigene innere Erfahrung oder Erleuchtung noch nicht dazu kommen konnte, ein Wissen um bestimmte Weltgeheimnisse zu erlangen. Dieses Mittel bestand darin, sich dieses Wissen von denen mitteilen zu lassen, die das für seine Erlangung notwendige Alter erreicht hatten (S.hierzu die Darstellung im <<Pädagogischen Jugendkurs>> von Rudolf Steiner, 7.Vortrag>>). Diese Art von Mitteilungen bildete namentlich im alten Indien eine selbständige, spezifische Erkenntnisquelle neben Wahrnehmen, Denken und <<Überlieferung>> im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Sie spielte dort, neben den genannten anderen Erkenntnisquellen, eine ähnliche Rolle wie in der modernen Naturwissenschaft - allerdings nach der entgegengesetzten Richtung hin - etwa das Experiment. Wie man durch dieses nach der sinnlichen Seite hin die Erfahrungsmöglichkeiten über das bloß anschauende Beobachten der Natur hinaus erweitert hat, so bedeutete damals nach der geistigen Seite hin über das bloße Denken hinaus das Empfangen entsprechender Mitteilungen von seiten alter Menschen eine Erweiterung der Erfahrungsmöglichkeiten.

   Die naturgemäße Folge aller dieser Verhältnisse bildete eine Hochschätzung und Verehrung des Alters, von der man sich heute kaum eine Vorstellung machen kann. Diese Verehrung wurzelte in dem Wissen, daß das Alter gewisse Dinge weiß und kann, welche der Jugend noch nicht erfahrbar sind. Man lebte daher auch mit einer gewissen freudigen Erwartung dem Alter entgegen. Denn gerade diejenigen Erkenntnisse, die dem Menschen erst die reiferen Jahre brachten: Einblicke in gewisse Verhältnisse und Kräftewirkungen des außerirdischen Kosmos, waren damals zugleich die am meisten geschätzten.

   Nun machten aber auch die damaligen Verhältnisse keine Ausnahme von der Regel, daß ein jedes Ding in der Welt zwei Seiten hat. Ihre eine Seite bestand darin, daß den Menschen mit vorrückendem Alter schrittweise bestimmte Fähigkeiten zuwuchsen, - ihre andere aber darin, daß in annähernd gleicher Weise jedermann in den Besitz dieser Fähigkeiten gelangte, der die entsprechende Lebensalter erreichte. Die Menschen überhaupt, und namentlich die im selben Lebensalter stehenden, waren einander damals unvergleichlich viel ähnlicher als heute. Die einzelne Persönlichkeit als solche und die Unterschiede zwischen den Persönlichkeiten spielten noch kaum irgend eine Rolle. Man konnte in einer bestimmten Funktion den S27 einen Menschen ohne weiteres durch einen anderen ersetzen. Und dieser unpersönliche Charakter bildet - von einer andern Seite her gesehen - wieder ein Grundmerkmal der altorientalischen Kultur. Das meiste von dem, was sie an geschichtlichen Leistungen hervorgebracht hat: Weisheitslehren, Kunstschöpfungen, soziale Institutionen, ist anonymen Ursprungs.

   Was die Menschen in alten Zeiten unterschied, waren also nicht die persönlichen Eigenschaften, sondern die Altersstufen. Diesen kam damals eine viel größere Bedeutung zu als später. Aber indem sie die Verschiedenaltrigen stärker voneinander trennten, vereinigten sie zugleich stärker die Gleichaltrigen das heißt diejenigen, die derselben Planetenherrschaft unterstanden. Diese innere Verbundenheit der in derselben Lebensphase Stehenden schuf sich bei manchen Völkern einen Ausdruck in einem auch äußeren, organisierten Zusammenschluß derselben. H.Schurtz hat in seiner Schrift Altersklassen und Männerbünde (1902) dargestellt, wie zum Beispiel bei den Galla und Massai, zwei kriegerischen Hirtenvölkern Ostafrikas, bis in unsere Zeit herein eine durchgebildete Stammesorganisation sich erhalten hat, welche die gesamte männliche Bevölkerung in <<Altersklassen>> zusammenfaßt, innerhalb deren der Einzelne im Laufe seines Lebens von Stufe zu Stufe vorrückt. Die wechselnden Einwirkungen des Himmels, der <<großen Welt>>, waren eben dasjenige, was in alten Zeiten dem Leben des Menschen, der <<kleinen Welt>>, den Stempel aufdrückte. Man blickte noch viel weniger auf die Persönlichkeit hin, die durch das ganze Leben hindurch dieselbe bleibt, als auf die Einflüsse der Gestirne, die von Lebensalter zu Lebensalter wechseln. Nicht die Individualität, die der Mensch selbst ist, galt, sondern der Geist des Planeten, der ihn in einem bestimmten Lebensalter regiert. Darum wurde der Übertritt von einem Planetenalter zum andern jeweils durch entsprechende religiöse Kultfeiern begangen. Und diese Kulte bildeten sogar den wichtigsten Teil des religiösen Lebens, soweit es sich auf den einzelnen Menschen als solchen bezog. Sie schlossen gleichsam in besonderer Weise die Seele den Einflüssen der planetarischen Sphäre auf, in deren Herrschaft sie einzutreten sich anschickte, und trugen dadurch ein wesentliches dazu bei, daß der Mensch von Altersstufe zu Altersstufe, je nach den planetarischen Herrschaften, denen er in ihrer Folge unterstand, immer wieder ein anderer wurde. Diese Veränderungen empfand man in alten Zeiten so stark, daß zum Beispiel bei gewissen S28 Eingeborenenstämmen Nord- und Südamerikas, auch bei Schwarzen und Polynesiern noch bis in neuere Zeiten im Zusammenhang mit den erwähnten Kultfeiern der Mensch mehreremale im Laufe seines Lebens den Namen wechselte. In christlicher Umgestaltung haben sich die mit den verschiedenen Lebensaltern verknüpften kultischen Weihen bis auf den heutigen Tag in den 7 Sakramenten erhalten: Taufe, Firmung, Buße, Altarsakrament, Ehe, Priesterweihe, Letzte Ölung, die ja auch das ganze Leben begleiten und nicht nur durch ihre Siebenzahl, sondern auch durch ihre spezifischen Charaktere noch deutlich die Siebenheit der planetarischen Sphären hindurchschimmern lassen (S. zu dieser Darstellung auch Franz Boll, S20).

   Wenn nun auch im allgemeinen die spezifischen Fähigkeiten der verschiedenen Lebensalter bei allen Menschen in annähernd gleicher Weise in Erscheinung traten, so gab es dennoch ein Mittel, die Erwerbung dieser Fähigkeiten zu differenzieren. Allerdings führte auch dieses nicht zu einer individuellen, sondern nur zu einer gruppenweisen Verschiedenheit. Dieses Mittel bestand in der Gliederung der Bevölkerung in verschiedene streng voneinander geschiedene Blutszusammenhänge, wie sie die Kasten darstellten, in die ja die Bevölkerung im alten Orient überall geschichtet war. Die Bezeichnung <<Kaste>> (vom lat. castus = rein) deutet noch auf dieses Prinzip der Reinerhaltung des Blutes, das dieser Sonderung in verschiedene Bevölkerungsklassen zugrunde lag. Im alten Indien hat diese Kastenordnung bekanntlich ihre extremste Ausgestaltung erlangt. Und das indische Wort für <<Kaste>> (Varna), das von der Hautfarbe hergenommen ist, weist ebenfalls auf diesen Ursprung hin, in der Art, wie er speziell in Indien für das Kastensystem festzustellen ist.

   Als von Nordwesten her die indo-arischen Stämme in das Indus- und Gangestal eindrangen, stießen sie auf eine noch auf niedrigerer Kulturstufe stehengebliebene dunkelhäutige Bevölkerung. Diese wurde nach der Eroberung des Landes nicht vertrieben oder ausgerottet, sondern unterworfen und zu einer dienenden Klasse herabgedrückt. Diejenigen Teile des Herrenvolkes, die sich später in stärkerem oder schwächerem Maße mit der Urbevölkerung vermischten, wurden zu den nächsthöheren Kasten. Und aus jenen Teilen der neueingewanderten Stämme, die ihr Blut rein erhalten hatten, gingen die höchsten S29 Kasten: die Krieger beziehungsweise der Adel und vor allem die Priester, die Brahmanen, hervor. Für sie galt auch weiterhin das Prinzip der Butsreinheit als strenges Gebot. Durch die jahrhundertelange Züchtung von solchen in sich abgeschlossenen Blutsverbänden, in Verbindung mit dem von diesen gepflegten geistig-religiösen Leben, wurde in deren Angehörigen eine besondere Sensibilität für die kosmisch-planetarischen Einflüsse kultiviert, - während dagegen in den unteren Klassen infolge ihrer Blutsvermischung diese Empfänglichkeit mehr und mehr dahinschwand. Jene gesteigerte Durchlässigkeit für die außerirdischen Einwirkungen bei den höheren Kasten aber zeigte sich in folgender Weise:

   Man faßte in jenen Zeiten die Siebenheit der planetarischen Sphären gemäß den inneren Erfahrungen, die man mit ihren Wirkungen machte, in zwei Gruppen zusammen. Die erste bildeten die drei inneren <<Planeten>>: Mond, Merkur und Venus. Man konnte sie in einem erweiterten Sinne auch die Mondenwelt nennen; denn die Erfahrung lehrte, daß die Mondenwirkungen beim Übergang zur Merkur- und Venussphäre im Laufe des Heranwachsens noch nicht sogleich aufhören, sondern sich gewissermaßen nur nach dem Merkur- und Venusartigen hin nuancieren. In analogem Sinne bildete die Sonne mit den drei äußeren Planeten: Mars- Jupiter und Saturn eine zusammengehörige Welt, die auch als die der Sonne in erweiterter Bedeutung bezeichnet werden konnte. Denn wiederum machte man die Erfahrung, daß man, wenn man auch in das Mars-, Jupiter- und Saturnalter vorgerückt war, den geistigen Herrschaftsbereich der Sonne nicht verlassen hatte, sondern dessen Wirkungen sich nur durch diejenigen der äußeren Planeten modifizierten. Demgemäß durchschritt man im Laufe des Lebens zwei hauptsächliche kosmische Wirkungssphären, - eine erste, die noch eine gewisse Verwandtschaft mit den irdischen Kräften zeigte, und eine zweite, die entschieden über das Irdische in das eigentlich Kosmische hinausführte. Und der wichtigste Übergang, den man im Leben zu passieren hatte, erfolgte in den Jahren gegen die Lebensmitte zu. Dieser Übergang von der Monden- in die Sonnenwelt wurde nun von den Angehörigen der höheren Kasten im alten Indien als ein Ruck von solcher Stärke in der Verwandlung ihres seelischen Lebens erlebt, daß sie sich wie neue, gänzlich veränderte Menschen, ja wie zum zweitenmal geboren empfanden. Und davon schreibt sich der Name her, der für die Angehörigen der oberen Kasten im alten S30 Indien ein allgemein gebräuchlicher war: der Name der Zweimalgeborenen (S.a. die Darstellung dieser Verhältnisse in de Vorträgen <<Das Osterfest, ein Stück Mysteriengeschichte>> von Rudolf Steiner).

   Durch die leibliche Geburt am Beginne des Lebens, die im Zeichen des Mondes erfolgte, wurden sie in das Erdendasein und in eine bestimmte Vererbungsströmung hineingestellt. Durch die zweite, geistige Geburt, die in der Lebensmitte im Zeichen der Sonne sich vollzog, wurden sie aus den Kräften der Erde und der leiblichen Vererbung gleichsam herausgehoben und in eine rein kosmische Welt entrückt. Man darf sich nun aber nicht vorstellen, daß dadurch ihre individuelle Persönlichkeit in besonderer Weise entbunden worden wäre. Im Gegenteil: die Gewalt der kosmischen Wirkungen, die nun in ihre Seelen sich ergossen, war eine so mächtige, daß ihre Persönlichkeit jetzt vollends wie ausgelöscht erschien und nur mehr der Gott beziehungsweise die Götter durch sie sprachen. Davon rührt es her, daß die Brahmanen in Indien seit alten Zeiten wie auf Erden wandelnde Gottheiten verehrt wurden. Hinzu kommt, daß ihr Leben von Kind auf durch eine Unzahl von Verhaltensvorschriften bis in die nebensächlichste Verrichtung hinein geregelt war, so daß die Regung eines persönlichen Willens überhaupt nicht aufkommen konnte. Wie denn im Orient überhaupt - ein Ähnliches sehen wir ja auch in der chinesischen Morallehre - die Enthaltung von allem eigensüchtigen Begehren, allem selbstischen Wollen und das Sichleermachen der Seele, auf daß das Göttliche sie durchdringen könne, als der Weg zur moralischen Vollkommenheit gelehrt wurde. Im Gegensatz zu den Brahmanen machte sich bei den Angehörigen der unteren Kasten viel mehr an persönlichen Interessen und Ambitionen, allerdings in einer niedrigeren Lebenssphäre, geltend.

   Viele von den charakteristischen Grundzügen der altorientalischen Kultur haben sich in abgeschwächter und veränderter Form bis weit auch in die europäische Geschichte herauf erhalten und treten uns namentlich im christlichen Mittelalter in entsprechend abgewandelter Gestalt wieder entgegen. Dennoch ist ihnen gegenüber bereits mit dem Aufgang des alten Griechentums ein entscheidend Neues entstanden, das der abendländischen Kultur erst ihr besonderes Gepräge verliehen hat.

   Dieses Neue kündigte sich wenigstens noch wie in einer Andeutung auch in der Spätzeit der altorientalischen Kultur an, S31 wenn wir bei Buddha, dem Zeitgenossen der griechischen Perserkriege, Empfindungen gegenüber dem Alter auftreten sehen, die der älteren orientalischen Menschheit gewiß noch fremd gewesen waren. Wir brauchen uns nur der Erzählung zu erinnern, die von den ersten Ausfahrten des jungen Prinzen Siddharta aus dem väterlichen Königspalast berichtet. Was der Anblick der Krankheit, des Alters und des Todes, der ihm da zuteil wurde, in seiner Seele auslöste, war nur das überwältigende Erlebnis des Leidens als des Grundzuges des menschlichen Daseins. Dennoch hat auch er am Ende seines dritten Lebensjahrzehntes in der <<Erleuchtung>>, die ihn da überkam und ihn erst zum <<Buddha>> werden ließ, noch etwas wie eine zweite, geistige Geburt erlebt und durch ein langes Leben hindurch bis ins höchste Greisenalter mit unverminderter Macht seines lehrenden Wortes gewirkt.

   Am reinsten unter den Kulturvölkern des Orients hat die ursprünglichen Empfindungen gegenüber dem menschlichen Lebenslauf und zumal das einstige Verhältnis zum Alter das Chinesentum durch die Jahrtausende seiner Geschichte hindurch bewahrt, und so möge denn dieses Kapitel die Schilderung eines zeitgenössischen chinesischen Schriftsteller, Lin Yutang beschließen, die uns den ganzen Gegensatz empfinden lassen kann zwischen dem, was dort als ein Uraltes sich erhalten hat, und dem, was spätere Zeiten, namentlich im Abendland, an Wandlungen mit sich gebracht haben. <<Ich habe mich häufig bemäht, die westliche und östliche Lebenseinstellung miteinander zu vergleichen und in ihrer Gegensätzlichkeit zu erfassen, aber ich habe keine durchgehenden Unterschiede gefunden, außer in der Einstellung zu den alten Leuten, wo der Unterschied allerdings unverkennbar ist und wo es keine Übergänge gibt. Ein Gefühl für die entgegenkommende, schonungsvolle Behandlung des Alters findet sich im chinesischen Volksbewußtsein schon in den allerfrühesten Zeiten. Es ist ein Gefühl, das sich eigentlich nur mit der Ritterlichkeit, dem in Europa selbstverständlichen zarten Entgegenkommen gegen die Frau, vergleichen läßt. In der Einstellung zum alten Mann aber ist der Gegensatz unüberbrückbar, und Osten und Westen nehmen gänzlich verschiedene Standpunkte ein. Am deutlichsten wird das, wenn es sich darum handelt, jemanden nach seinem Alter zu fragen oder selbst zu sagen, wie alt man ist. In China kommt, wenn man einen offiziellen Besuch macht, gleich nach der Frage nach Namen und Familiennamen die weitere Frage: S32 <<Und welches ist ihr ruhmreiches Alter?>> Muß der Gefragte zögernd gestehen, er sei dreiundzwanzig, er sei achtundzwanzig, so tröstet ihn der andre mit der Bemerkung, da habe er ja noch eine ruhmreiche Zukunft vor sich, und eines Tages werde er gewiß alt werden; kann aber der Befragte antworten, er sei fünfunddreißig oder achtunddreißig, so ruft der andre sofort im Tone hoher Achtung: <<Großes Glück!>> Die Begeisterung wächst, je höher das Alter ist, das der Befragte zu nennen hat, und ist er gar über die Fünfzig hinaus, so senkt der Fragende sogleich voll Demut und Achtung seine Stimme. Darum müßten eigentlich alle alten Menschen, die es sich leisten können, nach China ziehen, wo man selbst den weißbärtigen Bettler mit ausgemachter Liebenswürdigkeit behandelt. Leute in mittleren Jahren warten meist begierig auf den Tag, an dem sie fünfzig werden, und bei erfolgreichen Kaufleuten und Beamten hat man es schon erlebt, daß sie bereits ihren vierzigsten Geburtstag mit gewaltigem Pomp feierten. Der fünfzigste Geburtstag aber, die Wegmarke des halben Jahrhunderts, ist in allen Bevölkerungsschichten ein Anlaß zu lauter Freude. Der sechzigste übertrifft den fünfzigsten an Herrlichkeit, der siebzigsten den sechzigsten, und wer seinen achtzigsten Geburtstag feiern kann, der gilt als ein ganz besonderes Glückskind des Himmels.>> (Zitiert aus: A.L.Vischer: Das Alter als Schicksal und Erfüllung. Basel 1942,S146f.).

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