8. Lebenslauf und Geschichte


S134   Wir haben in diesem Buche die Wandlungen in der Gestaltung des menschlichen Lebenslaufs im Zusammenhang mit der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit betrachtet. Wenn wir im Folgenden die Beziehungen zwischen Lebenslauf und Geschichtsprozeß noch im Besondern ins Auge fassen, so soll dies hier noch in einer etwas anderen Art geschehen, als es in den bisherigen Ausführungen der Fall war. Unsere Betrachtung hatte ja zu dem merkwürdigen Ergebnis geführt, daß mit dem <<Fortschritt>> der geschichtlichen Epochen parallel geht ein <<Rückschritt>>, des Schwerpunktes des menschlichen Lebens dergestalt, daß dieser vom Greisenalter, in welchem er in alten Zeiten lag, durch die Lebensmitte, welche er in der klassischen Antike einnahm, sich in die erste Lebenshälfte verlagert hat, wie wir es als charakteristisch für die neuere Zeit schildern mußten. Allerdings gilt dies nur insoweit, als die Gestaltung des Lebenslaufs durch Naturkräfte bedingt war und ist. Wir können insofern von einem Rückgang der Naturkräfte des Lebenslaufs im Fortgang der Geschichte sprechen. Rudolf Steiner hat in diesem Sinne schon im Jahre 1917 und auch später immer wieder auf das Gesetz des Jüngerwerdens der Menschheit im Verlauf der Geschichte hingewiesen (Zuerst in dem Vortragszyklus: Menschliche und menschheitliche Entwicklungswahrheiten, Berlin 1917).

   Allerdings ist dies nur die eine Seite der Sache. Die Kehrseite derselben ist diese, daß die zurückweichenden Naturkräfte in immer früheren Zeitpunkten des Lebens durch andere Faktoren der Menschenbildung beziehungsweise der seelischen Weiterentwicklung des Menschen ersetzt werden mußten. Im Griechentum bildete diesen Faktor für die mittlere Zeit des Lebens die im Staate organisierte Gesellschaft; in der neueren Zeit muß es schon von den zwanziger Jahren an die menschliche Individualität selbst sein. Und so können diese Veränderungen, im Ganzen gesehen, auch als die stufenweise Wandlung des Menschen von einem naturhaft-gattungsmäßig bestimmten zu einem S135 sich selbst bestimmenden individuellen Wesen gekennzeichnet werden. Es ist heute üblich geworden, auf diese Wandlung durch die Redensart hinzuweisen, daß die Menschheit in unserer Zeit in die Phase ihres geschichtlichen <<Mündiggewordenseins>> eingetreten sei.

   In alten Zeiten - so schilderte ich es im ersten Kapitel - war der Kosmos noch in dem Sinne der Bildner der Menschen, daß seine verschiedenen planetarischen Sphären diesen, weitgehend ohne dessen eigenes Dazutun, von Altersstufe zu Altersstufe mit immer wieder neuen Fähigkeiten begabten. Eben deshalb aber traten diese Fähigkeiten noch überwiegend in genereller, das heißt in einer für alle Gleichaltrigen gleichen Art auf. Wir können sagen: die seelische Entwicklung des Menschen durch seinen Lebenslauf hindurch hatte noch den Charakter eines Naturprozesses. In der neueren Zeit findet schon vom vom Ende der 20er Jahre an eine seelische Weiterentwicklung des Menschen nur in dem Maße statt, als er sie sich auf dem Wege der Selbsterziehung erringt. Darum treten die entsprechenden höheren Seelenfähigkeiten - und zwar in umso höherem Grade, um je höhere Altersstufen es sich handelt - in je einmaliger, individueller Ausprägung auf. Da außerdem die Selbsterziehung immer nur soweit zustandekommt, als sie freiwillig geleistet wird, so stellen die betreffenden Früchte derselben Errungenschaften der Freiheit dar. Bedenkt man nun, daß geschichtliche Gestalten, Ereignisse und Leistungen ja auch durch das Merkmal der unwiederholbaren Einmaligkeit und Individualität gekennzeichnet sind, ferner durch das, trotz aller Bedingtheiten, ihnen dennoch innewohnende Moment der Freiheit - auf dem ja auch ihre Nichtvoraussagbarkeit beruht -, so wird man es als berechtigt empfinden, zu sagen, daß in neuerer Zeit die seelische Entwicklung des Menschen, soweit sie sich über die Reifestufe der 20er Jahre fortsetzt, geschichtsartiges Gepräge angenommen habe.

   Diese Tatsache erweist sich als ungemein lichtbringend, wenn man sie mit einer anderen zusammenhält: mit derjenigen nämlich, daß die Menschheit ein wahrhaft geschichtliches Bewußtsein erst in der neueren Zeit errungen hat. Gewiß liegen Vorläufer und erste Ansätze desselben schon viel weiter zurück. Das Fundament für alle spätere Entwicklung geschichtlicher Auffassung wurde ja bereits durch das Alte Testament gelegt. Doch ist diese Leistung in der besonderen weltgeschichtlichen Mission des alten Hebräertums begründet. Es ragt mit S136 seinem geschichtlichen Bewußtsein aus einer Menschheit hervor, die damals noch tief in einem ganz unhistorischen Welt- und Lebensgefühl dahinträumte. Ein geschichtliches Bewußtsein von bestimmter Art entwickelte sich sodann im Griechen- und Römertum, wie dessen große Geschichtsschreiber von Herodot bis Tacitus bezeugen. Doch war dieses noch fast ganz auf die Grenzen ihrer eigenen Nationalgeschichte beschränkt und kannte noch nicht den Begriff einer Universalgeschichte. Dieser tritt erstmals auf dem Boden des Christentums in Erscheinung, in Augustinus und später bei Joachim de Fiore. Hier aber ist die geschichtliche Betrachtung noch ganz eingebettet in eine theologische. In voller Selbständigkeit, als Wissenschaft von einem Phänomengebiet sui generis, am Ende des 17. Jahrhunderts bei Vico sich ankündigend, wird sie erst im 18. Jahrhundert geboren in Geistern wie Voltaire, Herder und Lessing. Voltaire ist es denn auch, der die Bezeichnung <<Geschichtsphilosophie>> prägt. Und alsdann entfaltet sie sich in den Gedankensystemen eines Fichte, Schelling, Hegel, Fr.Schlegel u.a. zu umfassender Weite und seither nicht wieder erreichter Tiefe. Jetzt entstehen auch fachhistorische Darstellungen der <<Weltgeschichte>>, deren Kette, angefangen von denjenigen Schlossers, J.v.Müllers, Rottecks, Rankes, bis auf den heutigen Tag nicht mehr abgerissen ist. Jetzt auch entwickeln sich erst die verschiedenen historischen Fachdisziplinen wie Religions-, Philosophie-, Kunst-, Literatur-, Musik-, Rechts-, Wirtschaftsgeschichte usw. Ihnen allen hat erst das 19. Jahrhundert die volle Entfaltung gebracht. Und blicken wir gar auf das 20. Jahrhundert, so brauchen wir nur Namen wie Spengler, Breysig, Toynbee, Berdjajew, A.Weber, Jaspers zu nennen, um uns der neuen Ansätze bewußt zu werden, die zur Vertiefung und Erweiterung des Geschichtsbewußtseins in grundsätzlicher Hinsicht in jüngster Zeit gemacht worden sind.

   Woher dieses Erwachen für das Eigenwesen des Geschichtlichen uns seine Rätsel? Man kann gewiß mit Recht auf den allmählichen Zusammenfluß der verschiedenen Nationalgeschichten in die allgemeine, einheitliche, den ganzen Erdball umspannende Menschheitsgeschichte hinweisen, wie er sich von den Entdeckungsfahrten des 15. Jahrhunderts bis zu den Weltkriegen und Völkerbünden des 20. hin vollzogen hat. Weiter auf die zahllosen Quellen zur Geschichte aller Völker und Zeiten, die durch diesen Zusammenfluß zugänglich geworden sind. Und doch genügt all dieses nicht, um das Bedürfnis, eine S137 jegliche Erscheinung im Lichte der <<geschichtlichen Entwicklung>> zu sehen, völlig zu erklären, das sich der modernen Menschheit mit immer stärkerer Gewalt bemächtigt hat. Denn durch kaum etwas anderes unterscheidet sich der moderne Mensch von demjenigen früherer Zeiten so sehr wie durch seinen eminent historischen Sinn, durch sein Interesse für Geschichte, durch sein geschichtliches Gefühl.

   <<Gleiches wird nur von Gleichem erkannt.>> Was aber ist das <<Gleiche>> im Menschen, das in der Geschichte als dem ihm <<Gleichen>> sich wiederfindet? Es ist eben das Geschichtlichwerden des eigenen Lebens in der oben aufgewiesenen Bedeutung, das diesen Sinn für die Geschichte hat erwachen lassen. Ja, es hat sich der menschliche Lebenslauf selbst in der neueren Zeit zu dem Organ gestaltet, durch welches das <<Geschichtliche>> in der Geschichte überhaupt erst wahrgenommen werden kann (Siehe H.E.Lauer: Geschichte als Stufengang der Menschwerdung. 3Bde. Verlag Die Kommenden).

   Man hat sich insbesondere um die letzte Jahrhundertwende in vielfältiger Art bemüht, die Eigenart des geschichtlichen Erkennens gegenüber dem naturwissenschaftlichen herauszuarbeiten. Man stellte das erstere als ein individualisierendes, <<idiographisches>>, dem letzteren als einem generalisierenden, <<nomothetischen>>, gegenüber (Windelband-Rickert). Man sprach von einem <<verstehenden>> im Unterschied von einem <<erklärenden>> Erkennen (Dilthey). So bedeutungsvoll alle diese und ähnliche Feststellungen sind, als das entscheidende Moment wird sich zuletzt doch der oben aufgewiesene Zusammenhang zwischen der Gestaltung des menschlichen Lebenslaufes in unserer Zeit und dem inneren Wesen der Geschichte selbst herausstellen. Denn schließlich verfolgen alle methodologischen Untersuchungen doch das praktische Ziel, das Erkenntnisorgan im Menschen auszubilden und zu schärfen, durch welches das spezifisch Geschichtliche erfaßt werden kann.

   Nun spielt sich aber gerade in unserem Jahrhundert auch auf diesem Gebiet jener selbe Kampf ab, den wir oben schon von anderen Gesichtspunkten aus aufgewiesen haben, - der Kampf um die Entscheidung der Frage: Soll der Mensch bloßes Durchschnittsexemplar einer bestimmten <<Art>> werden, geformt durch die Kräfte der Vererbung und die Einflüsse des Milieus? S138 Soll er dazu verurteilt werden, sich für ein bloßes Raumeswesen zu halten? Oder kann er sich als Individualität behaupten beziehungsweise zur Individualität entwickeln, und das heißt mit seinem Erleben sich in der vollen Wirklichkeit der Zeit halten?

   Dieser Kampf spiegelt sich wider in der Krise, in die auch das Verhältnis zur Geschichte in unserem Jahrhundert eingetreten ist. Entscheidet man sich für das Durchschnittsmenschentum, so verhüllt sich dem Blick auf die Geschichte gerade das in ihr, was sie erst zur <<Geschichte>> macht. Ihre Darstellung wird dann zu einer bloßen Beschreibung dessen, was im Raume nebeneinander, das heißt auf den verschiedenen Territorien der Erdoberfläche sich ereignet hat oder ereignet, wobei allem grundsätzlich die gleiche Wichtigkeit zukommt. Sei es nun, daß, wie diese zum Beispiel in der Helmoltschen <<Weltgeschichte>> geschehen ist, die Menschheitsgeschichte nach rein räumlichen Gesichtspunkten angeordnet und in die Geschichte der verschiedenen Kontinente aufgelöst wird. Sei es, daß wie bei Spengler der Begriff einer einheitlichen Menschheitsgeschichte ausdrücklich verneint und durch die innerlich <<gleichzeitige>> Geschichte einer Reihe von <<Kulturen>> ersetzt wird, die als eine Art von Kollektivorganismen von je etwa 1000jährigem Durchschnittsalter auf den verschiedenen Erdgebieten aufblühen, altern und sterben. Oder sei es endlich, daß, wie es für breite Menschenmassen heute festgestellt werden muß, die Fäden der Überlieferung, die bisher die jeweils nachwachsenden Generationen mit der geschichtlichen Vergangenheit verbanden, abreißen, so daß ein der bloßen Gegenwart hingegebenes ungeschichtliches Dasein, gleich dem einer höheren Art von Tieren, die Folge ist. <<Es scheint heute möglich, daß die gesamte Überlieferung... verloren geht, daß die Geschichte von Homer bis Goethe in Vergessenheit gerät. Das mutet an wie die Drohung des Untergangs des Menschseins, jedenfalls ist unabsehbar und unvorstellbar, was unter solchen Bedingungen aus dem Menschen wird>> (Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte. S169).

   Sieht man dagegen das wesentlich Menschliche in der Individualität beziehungsweise in der Bildung des Menschen zur Individualität, so geht einem der Blick dafür auf, daß das essentiellste Charakteristikum, wie des menschlichen Lebenslaufs, so auch der Menschengeschichte dieses ist, daß sie im Elemente der Zeit verlaufen, - daß diese Zeit ein einziger Strom ist, durch den das Nächste mit dem Fernsten zu einem einheitlichen S139 Geisterreiche verbunden wird, -und daß sie durch den Wandel der Gestalt, in welcher das Wesen des Menschen in ihrem Verlaufe zur Erscheinung kommt, einen in bestimmter Weise gegliederten Organismus darstellt. In der einen oder anderen Art ist dies von den großen Geschichtsphilosophen des 19. Jahrhunderts von Fichte bis Rocholl denn auch schon immer gesehen worden. In bedeutsamer Weise tritt diese Wahrnehmung in jüngster Zeit wieder bei Jaspers auf, wenn er der Epoche von 600 bis 200 v.Ch. die Bedeutung einer <<Achse>> der Weltgeschichte zuerkennt. Und in großartigster Ausgestaltung erscheint die Menschheitsgeschichte als ein einheitlicher und zugleich aufs mannigfaltigste rhythmisch gegliederter Zeitorganismus im Geschichtsbild Rudolf Steiners.

   Das bedeutet aber, substantiell gesehen, nichts anderes, als daß durch das Organ eines vollmenschlich sich verwirklichenden Lebenslaufs betrachtet, der wesenhafte innere Gang der Geschichte wahrnehmbar wird. Er liegt hinter dem, was äußere geschichtliche Tatsachen sind. Diese weisen nur wie Symptome auf ihn hin.

   Einer solchen Wahrnehmung erweist auch er sich - in analoger Art wie der einzelmenschliche Lebenslauf - fortschreitend von einer leiblichen durch eine seelische zu einer geistigen Entwicklung hin. Wie in der Jugend des einzelnen Menschen die seelische Entwicklung noch durch die leibliche Entfaltung bedingt ist, so war in einer ersten Hauptepoche der Geschichte die Kulturschöpfung noch Ergebnis der in der Menschheit wirkenden Naturkräfte. Und wie beim Kinde mit den Naturkräften leitend und lenkend ein äußerer Erzieher zusammenwirken muß, so stand die Menschheit in jener ältesten Epoche noch unter der geistigen Führung der großen Religionslehrer und Gesetzgeber und des von ihnen begründeten Mysterienwesens. In den religiösen Glaubensgemeinschaften hat sich bis heute ein Überrest hiervon erhalten, - im Abendland besonders im Katholizismus, der noch immer die geistige Führung im theokratischen Sinne für sich in Anspruch nimmt.

   Dann kam eine mittlere Epoche herauf. So wie der Erwachsene keinen einzelnen Erzieher mehr braucht, sondern sich selbst erzieht in der Auseinandersetzung mit seiner natürlichen und mitmenschlichen Umwelt, so hat sich die Menschheit in dieser mittleren Zeit seelisch weitergebracht einerseits mittels staatlich-politischer Gemeinschaftsbildung, andererseits durch die Auseinandersetzung mit der Natur. Schon die Griechen und S140 Römer entwickelten das Ideal der Demokratie, das heißt des gleichberechtigten Mitwirkens jedes Einzelnen am staatlichen Leben, und lehnten die Übermacht einzelner Führerpersönlichkeiten ab. Und die neuere Zeit hat ihre seelischen Kräfte namentlich in der erkenntnismäßigen und technischen Auseinandersetzung mit der Natur geschult.

   In unserer Epoche ist die menschliche Individualität dazu herangereift, ihre weitere Entwicklung durch das zu finden, was sie sich selbst als bildende Schulung angedeihen lassen kann. Sie ist aber zugleich auch genötigt, auf diesem Weg ihren weiteren Fortschritt zu suchen. Denn was politische Gemeinschaft und Auseinandersetzung mit der Natur ihr an Entwicklungsimpulsen verleihen konnten, haben sie ihr verliehen. Unmittelbar ist für sie von dieser Seite her nichts mehr an bildenden Wirkungen zu gewinnen.

   Um aber auf dem Wege der <<Selbsterziehung>> nicht blind, sondern sehend vorwärtsschreiten zu können, bedarf sie der Einsicht in die Gesetze und Bedingungen menschlicher Wesensentwicklung. Und diese kann ihr nur eine Menschenwesenserkenntnis vermitteln. So stellt die letztere die große Forderung der Zukunft dar, wie die Naturerkenntnis diejenige der letzten Jahrhunderte gebildet hatte. Sie kann aber selbst wiederum nur auf dem Wege einer höheren, geistigen Selbsterziehung gewonnen werden. Und so bedingen sich Menschenwesenserkenntnis und geistige Schulung gegenseitig.

   Hatte in der vorangehenden Epoche der Einzelne nur sein eigenes Selbst als seelische Persönlichkeit mit ihren Interessen und Ansprüchen zu repräsentieren, während dagegen die Belange des Allgemein- und Gesamtmenschlichen durch die Gemeinschaftsorganisationen des Staates und der Kirche vertreten wurden, so ist dagegen in unserer Zeit dem Einzelnen die Aufgabe erstanden, über das nur Persönliche hinauszuwachsen und in und durch sich selbst das Universellmenschliche zur Darstellung, das heißt aber sich als geistiges Wesen zur Erscheinung zu bringen. Nur einen speziellen Aspekt dieser grundsätzlichen Aufgabe stellt die Forderung dar, auch in der Gestaltung seines Lebenslaufs das volle Bild des Menschlichen auszuprägen. Insofern aber der Gesamtinhalt des Menschlichen nur im Ganzen der Geschichte stufenweise zur Erscheinung kommt, bedeutet jene Forderung zugleich das Postulat, den Lebenslauf zum individuellen Abbild des Geschichtsprozesses zu gestalten. Damit zeigt sich uns auch von diesem speziellen Aspekt aus das oben S141 aufgewiesene gegenseitige Sichbedingen von Menschenwesenserkenntnis und geistiger Schulung. Der vollmenschlich verwirklichte Lebenslauf wird zum Organ wahren Geschichtsverständnisses. Dieses Geschichtsverständnis aber wiederum weist die Wege zur vollmenschlichen Durchgestaltung des Lebenslaufs.

   Vor allem aber sehen wir hierdurch das Grundgesetz des Lebenslaufs in unserer Zeit: seine <<geschichtsartige>> Prägung noch von seiner Kehrseite her. Und damit wird seine Charakteristik für die verschiedenen Epochen der Geschichte erst eine vollständige. Namentlich tritt dadurch erst die Polarität der gestaltenden Kräfte voll ins Licht, die ihm in alten Zeiten das Gepräge verliehen haben, und die es ihm in Gegenwart und Zukunft zu verleihen bestimmt sind.

   Einstmals war - wie wir es verschiedentlich ausgesprochen haben - der Kosmos in der Vielfalt seiner räumlich bis zur Fixsternwelt sich ausdehnenden Sphären der Bildner der menschlichen Seele und damit der gliedernde Gestalter des menschlichen Lebenslaufs. In der Folge der Siebenheit der menschlichen Lebensalter projizierte sich gleichsam die Siebenheit der räumlichen Sphären der Planetenwelt in die Dimension des Zeitlichen hinein. Das Zeitliche war ein bloßes Abbild eines wesenhaft Räumlichen. Es entfaltete sich gewissermaßen auf dem Hintergrund eines Räumlichen. Daher der ungeschichtliche Charakter des damaligen Menschenbewußtseins, die Statik der damaligen Lebensverhältnisse. Daher auch zum Beispiel im künstlerischen Schaffen die Vorherrschaft der Raumeskünste der Architektur und der Plastik. Daher aber auch das Sichgeborgenfühlen im Schoße des Göttlichen, das Sichverwurzeltfühlen im Sein, das den Menschen aller Zeiten kennzeichnete. Denn der <<Himmel>> war für sein Anschauen noch durchlebt und durchseelt vom Göttlichen, und von den Sternen gilt, wenn von irgend etwas in der Welt, daß sie <<nach ewigen, ehernen, großen Gesetzen ihres Daseins Kreise vollenden.>>

   In unserer Zeit muß der einzelne menschliche Lebenslauf auf dem Hintergrund der Geschichte gesehen werden. Ein Zeitliches auf dem Hintergrund eines Zeitlichen. Darum eignet dem Zeitelement im Lebenslauf des modernen Menschen ein viel höherer Grad von Realität. Daher sein eminent geschichtliches Daseinsgefühl, daher die Dynamik des heutigen Lebens. Daher auch die Vorherrschaft der par exellence im Element der Zeit webenden Kunst: der Musik in unserer Epoche. Daher aber S142 auch zugleich das Sichfühlen im Bodenlosen, das Sich-ins-Nichts-geworfen-fühlen, das den modernen Menschen im Laufe seines Lebens überkommt. Denn die Geschichte ist ja noch nicht vollendet, sie ist selbst noch im Werden. Und sie ist Tat und Schicksal des Menschen selbst. Sie kann nur durch ihn ihre Fortsetzung in die Zukunft hinein finden. Und sie kann diese nur insofern finden, als der Mensch als Individualität schöpferische Impulse in sie hineinträgt. Das kann er aber erst in der zweiten Lebenshälfte, insofern er in seiner inneren Entwicklung nicht zum vorzeitigen Stillstand kommt, sondern über die Lebensmitte hinaus fortzuschreiten vermag. Mit Recht schrieb der amerikanische Lebensphilosoph Frank Crane schon 1914: <<In der Jugend bewegen sich die Gedanken in den Gebieten der Lehre. Alle Ideen, selbst ausgeleierte Binsenwahrheiten, sind dem Jüngling neu und fremd. Im Reiche des Geistes sind die Jungen älter als die Alten; denn die Jungen denken in gestrigen Formeln... Ganz im Gegensatz zur allgemeinen Annahme sind es die alten und nicht die jungen Menschen, die uns die Ketzer, Freidenker und Modernisten liefern... Die Hoffnung auf Fortschritt liegt bei den Alten. Wenn das Leben mit 25 Jahren allgemein zu Ende ginge, so bliebe die ganze Welt so erstarrt in alten Einrichtungen wie das Reich der Mitte>> (Zitiert aus A.L.Vischer: Das Alter als Schicksal und Erfüllung, S169f.).

   Hier ist also der Mensch als einzelner in der Gestaltung seines Lebenslaufs unmittelbar zum ursprünglichen Schöpfertum aufgerufen. Urbild und Abbild verschlingen sich ineinander. Geschichte ist einerseits - der Vergangenheit nach - Wurzel der Gestaltung des Lebenslaufs, andererseits - ihrer Zukunft nach - Frucht derselben.

   Hierin liegt auch das Kriterium für die Beurteilung der Zukunftsforschung (Futurologie), wie sie in unserem Jahrhundert entstanden und - neben der Friedens- beziehungsweise Konfliktforschung - zu einer der Modewissenschaften der Gegenwart geworden ist. Soweit sie nicht - analog wie die Friedensforschung zwecks bloßer Erhaltung der bestehenden Staatsformen und politischen Grenzen - lediglich im Dienste der Expansionsziele und Machtaspirationen der Wirtschaft betrieben wird, ist sie mit der Hypothek der rein naturwissenschaftlichen Denkweise unserer Zeit belastet, die ihrem Wesen nach nicht das Werdende oder gar das Künftige, sondern nur das Gewordene beziehungsweise das Vergangene zu erfassen vermag. S143

   Sie kann deshalb nur durch Extrapolation von Gegenwartsprozessen in die Zukunft Möglichkeiten aufweisen und berechnen, die das äußere Dasein der Menschheit betreffen. Die sinngemäße Fortführung des inneren, wesenhaften Werdens der Menschheit bleibt für sie ein überhaupt nicht zu fassender Begriff und damit eine unsere Fähigkeiten überschreitende Zielsetzung. Einen Inhalt bekommt dieser Begriff erst von der Erkenntnis der inneren Beziehung zwischen dem einzelmenschlichen Lebenslauf und der geschichtlichen Menschheitsentwicklung. Von daher aber zeigt sich auch, daß die Verwirklichung der Möglichkeiten beziehungsweise die Erfüllung der Forderungen, die unser Lebenslauf heute an uns stellt, den realen Keim dieser Zukunft bedeutet und daß, wie aus einem Pflanzensamen eine Pflanze, so aus diesem Keim die Ideen und Impulse auch für die Zukunftsgestaltung des äußeren Menschheitslebens erwachsen. Auf diese im Konkreten einzugehen, würde die Thematik dieses Buches allerdings überschreiten (Siehe hierzu Rudolf Steiner: Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft).

   Hingewiesen sollte hier nur auf den Ort werden, an dem echte Zukunft heute schon realisiert werden kann.

   Dieses innere Aufeinanderbezogensein von Lebenslauf und Geschichte in unserer Zeit, dieses Sichüberkreuzen ihrer Entwicklungsverläufe wird in dem Maße, als es in Zukunft immer entschiedener hervortreten wird, zur keineswegs geringsten unter seinen Folgen auch diese haben, daß für dasjenige Ereignis der Weltgeschichte, das in ihrem Mittelpunkte steht, künftig aus ganz anderen Quellen heraus ein Verständnis gesucht und gefunden werden wird, als dies in den letzten Jahrhunderten der Fall war. Denn wenn man in der Lebensmitte jene >>Umstülpung>> des Verhältnisses zur Welt zu vollziehen vermag, von der in einem früheren Kapitel die Rede war, - jene Umstülpung, durch welche man sich aus einem Nehmenden in einen wahrhaft Gebenden verwandelt, beziehungsweise vom Rezipieren erst zum wahrhaft individuellen Produzieren fortschreitet, - wenn man in diesem Lebenszeitpunkt sein <<höheres>> Ich aus seinem <<niederen>> zu entbinden und zu seinem inneren Erzieher zu machen vermag, dann geht einem hierbei durch innere Erfahrung auf, daß dies nur möglich ist, weil in der Mitte der Geschichte in der Gestalt, von der die Evangelien berichten, gleichsam das <<höhere Ich>> der Menschheit geboren worden S144 ist. Die Gestalt Jesu Christi, die als historische Erscheinung der neueren Theologie und der modernen Bibelforschung immer mehr verloren gegangen ist, lernt man in ihrer metahistorischen, übergeschichtlichen Wirklichkeit kennen als die Wesenheit, in der das erweckte eigene höhere Ich seinen Grund hat. Und man wird sich klar darüber, daß nur dann, wenn das, was in der Mitte der Zeiten auf der Bühne der Weltgeschichte sich abgespielt hat, in entsprechender Abwandlung auf dem Schauplatz der eigenen Seele sich vollzieht, die Mitte des einzelnen Lebens im Sinn einer fortschreitenden seelisch-geistigen Entwicklung überschritten werden kann. Auf diesem Wege wird dann auch das Christentum selbst, das als bloßer religiöser Glaube in den letzten Jahrhunderten dem Tode verfallen ist, als Inhalt geistiger Erfahrung seine Auferstehung feiern können.

----------------

Nächstes Kapitel:  Lebenslauf und Menschheitswerdegang