UA-34182763-1

9. Lebenslauf und Menschheitswerdegang


S145   Die Betrachtungen über den menschlichen Lebenslauf, die in diesem Buche angestellt wurden, liefen im Grunde auf die Beantwortung der Frage hinaus, wie der Mensch in rechter Art alt werden könne. Denn sein Lebenslauf ist kein bloßer Naturprozeß wie der <<Lebenslauf>> der Tiere, den wir deshalb ja nur in Anführungszeichen als einen solchen bezeichnen können. Er ist ein Naturprozeß nur zur Hälfte, genauer gesagt: vom Leibe her gesehen. Vom Gesichtspunkte des Seelisch-Geistigen her betrachtet, stellt er, insbesondere in seiner zweiten Halbzeit, eine Aufgabe dar. Was den konkreten Inhalt dieser Aufgabe bildet, haben wir aufzuweisen versucht.

   Wir haben gezeigt, daß in dem Maße, wie diese Aufgabe bewältigt wird, das Seelisch-Geistige sich gegenüber dem Leibe verselbständigt. Wir könnten auch umgekehrt sagen, daß es nur in dem Maße, wie es diese Verselbständigung erreicht, jene Aufgabe bewältigt. Denn wäre eine solche Verselbständigung nicht möglich, das heißt bildete das Seelisch-Geistige mit dem Leibe eine schlechthinnige psychophysische Einheit, oder wäre es gar, wie die materialistische Auffassung behauptet, ein bloßes Epiphänomen des Leibes, dann könnte vom rechten Altwerden gar nicht als von einer Aufgabe gesprochen werden. Dann wäre der Lebenslauf wirklich bloß ein Naturprozeß, der sich mit Notwendigkeit in einer bestimmten Weise abspielte. In einer Weise, die dadurch sich kennzeichnete, daß mit der Involution, der Vergreisung, der Verknöcherung und dem Kräfteschwund, die der Leib in der zweiten Lebenshälfte erleidet, unvermeidbar im selben Maße eine Involution, eine Vergreisung, Verknöcherung und ein Kräfteschwund der Seele verbunden wäre. Und mit dem Erlöschen des leiblichen Lebens im Tode wäre auch das Ende des seelisch-geistigen Lebens gekommen. Von der Entwicklung höherer Seelenfähigkeiten im Alter könnte schlechterdings keine Rede sein. Schon die bloße Tatsache aber, daß das rechte Altwerden eine Aufgabe beinhaltet, weist darauf hin, daß eine Verselbständigung des Seelisch-Geistigen gegenüber dem Leibe, mindestens als Möglichkeit, als S146 Anlage vorhanden sein muß. Damit ist auch schon das Ziel dieser Aufgabe bestimmt: es liegt darin, diese Möglichkeit zu verwirklichen.

   Nun mußte in den vorangehenden Kapiteln ja auch von dem Tatbestand gesprochen werden - denn in ihm liegt die Veranlassung dazu, daß dieses Buch geschrieben wurde -, daß durch den Charakter der modernen Zivilisation in unserem Jahrhundert die Fähigkeit, richtig alt zu werden, immer mehr dahingeschwunden ist und dadurch jenes Altersproblem entstand, das zu den bezeichnendsten Erscheinungen eben dieses Jahrhunderts gehört. Was aber diesen Charakter der modernen Zivilisation betrifft, so war darauf hinzuweisen, daß er auf dem Gebiete des Erkenntnislebens wesentlich durch die ausschließliche Herrschaft bestimmt wird, welche die Naturforschung vom Menschen nur das erfassen kann, was auch an ihm <<Natur>> ist: das Leibliche, so erkennt sie ein diesem gegenüber selbständiges Seelisch-Geistiges überhaupt nicht an und leugnet damit selbstverständlich auch ein Fortleben desselben nach dem Tode. Wie weit diese Leugnung, mit der eine der wesentlichen Glaubenslehren des Christentums begraben wird, heute schon bis in die Theologie hinein sich auswirkt, mögen folgende Sätze aus dem Buche: Was ist der Mensch? Die Anthropologie der Gegenwart im Lichte der Theologie (1962) des protestantischen Theologen Wolfhart Pannenberg (S35f): <<Die Unterscheidung zwischen Leib und Seele als zwei ganz verschiedenen Wirklichkeitsbereichen läßt sich nicht mehr aufrechterhalten. Die moderne Anthropologie, die den kennzeichnenden Unterschied des Menschen vom Tier in seiner <Weltoffenheit> erblickt, beschreibt andererseits den Menschen ebenso wie die Tiere als einheitlich leibliches Wesen, nicht als aufgebaut aus zwei ganz verschiedenen Stoffen... Daraus folgt: Es gibt keine dem Leibe gegenüber selbständige Wirklichkeit <Seele> im Menschen, ebensowenig aber auch einen bloß mechanischen oder bewußtlos bewegten Körper. Beides sind Abstraktionen. Wirklich ist nur die Einheit des sich bewegenden, sich zur Welt verhaltenden Lebewesens Mensch. Damit ist dem Gedanken einer Unsterblichkeit der Seele die Grundlage entzogen. Das Innenleben unseres Bewußtseins ist so gebunden an unsere leiblichen Funktionen, daß es unmöglich für sich allein fortdauern kann.>>

   Die hier wiedergegebenen Sätze weisen noch auf eine weitere Ursache davon hin, warum das rechte Altern heute den S147 Menschen so schwer geworden ist. Wozu. so müssen diese sich fragen, soll ich mich um jene vermeintliche Altersreifung der Seele bemühen, wenn mit dem Tode doch alles aus ist? Und so sehen wir denn, wie die Furcht nicht nur vor diesem endgültigen Ende, das der Tod bedeutet, sondern auch schon vor dem Altern, das uns diesem Ende immer näher bringt, gerade in demjenigen Erdgebiete, das die typischen Wesenszüge der modernen Zivilisation am extremsten ausgebildet hat: in Amerika, ebenfalls die extremsten Erscheinungsformen angenommen hat. In seinem bereits an früherer Stelle zitierten Buch Der Mensch ohne Ich berichtet J.Bodamer von der <<geradezu grotesken Flucht vor dem Alter, zu der dort diese Verhältnisse ausgeartet sind. Wer Amerika kennt, weiß, daß es dort keine alten Frauen gibt. Auch eine 70jährige Großmutter setzt in Amerika alles daran, in Kleidung, Aussehen und Verhalten eine junge Frau imitieren. Eine solche, weder alte noch junge Frau ist bei allem dabei, läßt sich nichts entgehen, reist von einem Ende der Welt zum andern, bewegt sich immer frisch und munter, strotzt von Aktivität den ganzen Tag, auch wenn diese nur geheuchelt ist. Wie bei uns schon in Ansätzen, so in Amerika in Vollendung, dient die Kosmetik mit allem, was ihr anhängt, beileibe nicht der Aufgabe, die natürliche Schönheit der Frau durch einen Kunstgriff zu vertiefen, sondern diese Schönheitsindustrie ist ein einziger gewalttätiger Angriff gegen das Alter, äußerlich und innerlich, entsprungen dem hybriden Willen, der negativen Entscheidung, daß das Alter nicht sein darf. Dahinter steckt die nackte Angst vor dem für endgültig gehaltenen Ende, das für den modernen Menschen offenbar der Schluß schlechthin ist, womit unsere Zivilisation hinter die der primitivsten Austral-Eingeborenen zurückgefallen ist; denn diese dürfen nach dem Tode wenigstens als Ahnen in den Naturerscheinungen, im Rauschen der Bäume und im Wehen des Windes wieder auferstehen. Die Negation des Alters ist gleichzeitig die des Todes, was wieder in Amerika zu dem für uns noch kaum einführbaren Brauch geführt hat, den Toten so zu kleiden, herzurichten und zu schminken, als lebe er noch. Er darf gar nicht wirklich gestorben sein, das läßt der Daseinsoptimismus nicht zu. Der Tod ist eine Täuschung... Wenn es in Amerika heute als ein Verstoß gegen die gute Sitte angesehen wird, von Krankheit, Alter und Sterben auch nur zu reden, dann zeigt dies, wie weit die Vertreibung menschliche Realitäten aus der industriellen Gesellschaft schon vorangeschritten ist und wie tief S148 sich die Grundstruktur unseres Wesens schon verändert haben muß.>>

   Im Gegensatz zu diesen Verhältnissen bildet sich in dem Maße, wie die bis zur <<Leibfreiheit>> gehende Verselbständigung des Seelisch-Geistigen tatsächlich erreicht wird, von der in den vorangehenden Kapiteln die Rede war, die auf entsprechende Erfahrungen gegründete Überzeugung, ja Gewißheit heraus, daß es ein Fortleben des Seelisch-Geistigen nach dem Tode gibt. Dieses muß freilich einen ganz anderen Charakter tragen als das Leben vor dem Tode, in welchem jenes noch mit dem Leibe verbunden ist. Und mit dieser Gewißheit wird die Furcht vor dem Tode immer mehr überwunden. Damit zieht eine Stimmung der Gelassenheit, der Ruhe, der Heiterkeit in die Seelenverfassung des alternden Menschen ein. Man erkennt jetzt, was der Tod in Wahrheit ist: die Exkarnation des Seelisch-Geistigen, seine Entkörperung, seine völlige Loslösung vom Leibe. Und was mit der gekennzeichneten Altersentwicklung eigentlich geschieht, ist nur dies, daß diesem Vorgang gleichsam vorgearbeitet, daß er vorbereitet wird, damit er sich dann in rechter Weise vollenden kann. Eine solche Vorbereitung ist deshalb nötig, weil das Leben im Leibe überhaupt - und dies gilt ganz besonders im Zeitalter unserer technisierten Wohlstandsgesellschaft, die dem Menschen von außen her so unendlich viel an Erlebnissen, Annehmlichkeiten, materiellen Genüssen bietet und ihn dadurch zur inneren Passivität verführt - die Gefahr mit sich bringt, daß die Seele sich allzusehr mit dem Leibe verstrickt, gleichsam an ihm klebt und dadurch dann in das nachtodliche leibfreie Dasein sich nur unter großen Schwierigkeiten hineinfindet.

   Von der Erkenntnis dessen, was im Tode in Wahrheit geschieht, und was zu seiner rechten Vorbereitung während des Greisenalters sich als Aufgaben stellt, fällt nun aber zugleich auch ein Licht auf das, was in der Geburt geschieht und was zur rechten Auswirkung derselben während der Kindheit - nun allerdings von seiten der Erwachsenen - zu geschehen hat. Man hält es ja heute für nötig, - durch die neuestens selbst in den Schulen eingeführte Sexualerziehung - die Heranwachsenden so früh wie möglich über all das aufzuklären, was zur Geburt führt. Aber diese Aufklärung bezieht sich ausschließlich auf die leiblichen Organe und Vorgänge, die hierfür in Frage kommen. Es wird in keiner Weise auf das Wesenhafte der Blick hingelenkt, das in der Embryonalentwicklung und der Geburt sich S149 vollzieht; nämlich auf die Inkarnation, die Verkörperung eines Seelisch-Geistigen in einem werdenden Leib. Und darum bleibt man auch blind dafür, wie dieser Prozeß nach der Geburt durch die Kindheit und Jugend hindurch bis zum vollen Ausgewachsensein des Leibes hin sich noch fortsetzt. Diese Blindheit hat zur Folge, daß man Kinder, wie schon an früherer Stelle bemerkt, für bloße kleinere Erwachsenen mit einem noch geringerem Quantum der Fähigkeiten von Erwachsenen hält und sie durch die Verwissenschaftlichung des Schulunterrichts so rasch wie möglich in die Bewußtseinsverfassung von mündigen Menschen hineinzuzerren bemüht ist - was dann die Chaotisierung des Seelenlebens der heutigen Jugend, ihre Revolte gegen die Welt der Alten, ihre Flucht aus dieser Welt in den Drogenrausch usw., kurz: das Jugendproblem zur Folge hat. Demgegenüber wurde in den vorangehenden Kapiteln gezeigt, wie in den drei Jahrsiebenten der Kindheits- und Jugendphase die drei Wesenskräfte der Seele der Reihe nach sich mit den entsprechenden Organen des Leibes verbinden, sich in ihnen inkarnieren, - jene Wesenskräfte, die dann im höheren Alter durch eine entsprechende Selbsterziehung sich wieder von ihnen loslösen, sich exkarnieren. Und jener stufenweisen Inkarnation die rechte Hilfe zu leisten, stellt ja die eigentliche Aufgabe der Fremderziehung dar, die der Jugendliche beanspruchen darf. Denn so wie die Selbsterziehung des alten Menschen mit den Hemmnissen sich auseinanderzusetzen hat, die sich dem rechten Exkarnationsgeschehen im Greisenalter entgegenstellen, so gehört zur Erziehung der Jugend durch Eltern und Schule auch die therapeutische Hilfe, die sie ihnen gegenüber den Kinderkrankheiten zu leisten hat; denn in den letzteren kommen die Hindernisse und Schwierigkeiten zum Ausdruck, welche die Seele im Inkarnationsprozeß zu überwinden hat.

   Indem hier von der Geburt als dem Inkarnations-, vom Tode als dem Exkarnationsgeschehen gesprochen wird, wird damit auf ein vorgeburtliches und ein nachtodliches Dasein hingedeutet, welches die seelisch-geistige Individualität des Menschen in einer überphysischen, nicht-materiellen Welt durchlebt. Und damit stellt sich die Frage, wie das eine von der Vergangenheit her entsteht und das andere nach der Zukunft hin sich fortsetzt. Der geisteswissenschaftlichen Forschung, wie sie Rudolf Steiner ausgebildet und ausgeübt hat, ergaben sich hierüber ganz bestimmte Erkenntnisse, die als Ahnung, Gedanke, Überzeugung S150 schon von vielen bedeutenden Geistern der beiden letzten Jahrhunderte ausgesprochen wurden (Lessing, Goethe, H.Zschokke, Richard Wagner, M.Drossbach, G.Widenmann, P.Rosegger, H.Ford u.a. - siehe Emil Bock: Wiederholte Erdenleben. Die Wiederverkörperungsidee in der deutschen Geistesgeschichte. Stuttgart 1961). Der Inhalt derselben kann dem Verständnis vielleicht am besten nahegebracht werden auf Grund von zwei Bemerkungen, die in früheren Kapiteln gemacht wurden. Wir erwähnten, daß der menschliche Lebenslauf nach seiner durchschnittlichen Dauer von etwa 70 Jahren einem <<Tag>>, das heißt dem 365. Teil des 25.920 Jahre umfassenden Platonischen Weltenjahres entspricht, und daß er in sich selber wiederum ebensoviele Tage des Erdenlebens umfaßt. Die Frage drängt sich auf, ob jener Weltentag, den unser Lebenslauf bedeutet, nicht in analoger Art auch ein Teilstück einer größeren menschlichen Daseinsganzheit bilde, wie unsere einzelnen Erdentage solche darstellen. Es ist die Frage nach der Reinkarnation.

   Wie diese aber vorzustellen sei, darauf kann wiederum ein Licht fallen von der Beziehung zwischen dem einzelnen Lebenslauf und der Menschheitsgeschichte, von der im vorangehenden Kapitel die Rede war. Wir deuteten da auf die Entsprechungen hin, die zwischen den verschiedenen Phasen des Lebenslaufs und den den verschiedenen Epochen der Geschichte bestehen. Wir wiesen darauf hin, wie in Analogie zum ersten Drittel des Einzellebens in der frühgeschichtlichen Zeit die gattungsmäßigen Kräfte des Leibes, des Blutes noch die bestimmenden waren, - wie in Entsprechung zu dem Wende- beziehungsweise Umstülpungspunkt, den die Lebensmitte bedeutet, in der mittleren Zeit der Geschichte, die Jaspers ihre <<Achsenzeit>> genannt hat, jenes Ereignis stattfand, nach welchem die Christenheit seitdem als vom Nullpunkt die geschichtliche Zeit nach vorwärts und rückwärts zu zählen sich gewöhnt hat, - und wie schließlich die starke Individualisierung der Menschen, die in der Neuzeit stattfand, jener Aktivierung und Reifung der Individualität entspricht, die der Einzelne im höheren Alter zu leisten die Aufgabe hat, und die darum das Altersproblem in gewissem Sinn zum eigentlichen Lebensproblem der Gegenwart werden ließ. Könnte nun dieses Abbildungsverhältnis nicht zugleich auch ein solches sein zwischen dem einzelnen Lebenslauf und einer größeren, umfassenderen Lebens- und S151 Entwicklungsganzheit einer und derselben Individualität? Etwa so, wie wir ja auch die verschiedenen Phasen eines Lebenslaufes mit den entsprechenden Phasen eines Tages desselben vergleichen, wenn wir von der Jugend als dem Lebensmorgen, von der Lebensmitte als dem <<Lebens-Mittag>> (Nietzsche) und vom Alter als den Lebensabend sprechen. Daß es sich in der Tat so verhalte, stellte sich für die geisteswissenschaftliche Forschung Steiners als Erkenntnisergebnis heraus. Dieser zufolge gesellt sich - wie unsere einzelnen Tage zum Ganzen unseres Lebenslaufs sich aneinanderreihen - der einzelne Lebenslauf als ein <<Tag>> mit anderen, vorangehenden und nachfolgenden solcher <<Tage>> zum Ganzen eines umfassenden <<Lebenslaufes>> unserer Individualität (Siehe Rudolf Steiner: Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung).

   Diese Erkenntnis bedeutet keineswegs eine Wiederaufwärmung der altorientalischen Seelenwanderungslehre. Zu jener steht die hier gemeinte Reinkarnationsauffassung vielmehr in einem stärksten Gegensatz. Denn da in frühgeschichtlichen Zeiten das menschliche Ich noch wenig entwickelt war, spricht ihm zum Beispiel die buddhistische Lehre noch kategorisch die Realität ab und kennt darum auch keine Reinkarnation der menschlichen Individualität, sondern nur eine solche des Karmas, das heißt ein Wieder-in-Erscheinungtreten von Wirkungen, die ein Mensch durch sein Lebensverhalten der Welt eingeprägt hat. Diese Wirkungen können unter bestimmten Umständen auch im Dasein eines Tieres wieder zutage treten. Diese Auffassung zeigt zugleich, daß die orientalische Wiedergeburtslehre keinerlei Beziehung zur Geschichte hatte, - war doch auch der Geschichtsbegriff dem alten Orient überhaupt noch unbekannt. Und dadurch wiederum war es bedingt, daß jener Reinkarnationslehre wie der orientalischen Weltanschauung überhaupt auch der Freiheitsbegriff fehlte. Ihr Schwerpunkt lag im Rückblick auf die Vergangenheit, auf die vorgeburtliche Präexistenz. Und darum bestand auch die Lebenszielsetzung, wie der Buddhismus sie lehrte, darin, das Rad der Wiedergeburten baldmöglichst zum Stillstand zu bringen, also durch den Eingang ins Nirwana für immer in das Nichtgeborensein zurückzukehren.

   Zwar ergab sich auch der Forschung Steiners, daß mit dem Durchgang des menschlichen Ichs durch die Folge seiner S152 Inkarnationen Auswirkungen der Taten früherer Leben in den Schicksalen der späteren verbunden sind. Aber dies versperrt nicht den Freiheitsraum, der dem Menschen in jedem Leben für sein Verhalten offensteht. Und damit hängt unmittelbar das Andere zusammen, daß die Folge seiner Inkarnationen der Geschichte angehört, ja den Fortschritt, der in dieser stattfindet, erst in Wahrheit ermöglicht. Denn jede Individualität bringt aus früheren Leben seelisch-geistige Errungenschaften in spätere mit und fügt zu diesen jeweils neue hinzu und macht so - allerdings auf je individuelle Art - die ganze Entwicklung mit, welche die Menschheit im Laufe der Geschichte erfährt, - und zwar sowohl im aktiven wie im passiven Sinne, das heißt durch die Taten und die Leiden, die mit dieser Entwicklung verbunden sind. Jeder trägt die Bestimmung in sich, als Individualität das Ziel zu erreichen, auf das die Geschichte der Menschheit ausgerichtet ist: die volle Verwirklichung des Menschen als Ich-Wesen. Und so sind Menschheitsziel und Individualziel miteinander identisch und in bezug auf ihre Erreichung untrennbar aneinander gebunden.

   Durch diese Erkenntnis wird zugleich die andere Einseitigkeit der Blickrichtung überwunden, die mit Aristoteles einsetzte und später vor allem durch die bisherige Form des christlichen Glaubens repräsentiert wurde: die Leugnung der Präexistenz und die bloße Ausrichtung des Lebens auf die nachtodliche Postexistenz (Hölle, Fegefeuer, Himmel). Auch sie vermochte der wesenhaften Zusammengehörigkeit der Individualität mit der durch die Geschichte hindurchschreitenden Menschheit nicht gerecht zu werden, da sie den Einzelnen nur auf die Erlangung seiner je eigenen ewigen Seligkeit nach einem einmaligen, in beliebiger Zeit verbrachten Leben hinlenkte. Darum versagte sie auch völlig gegenüber der sozialen Frage und mußte den Versuch, diese zu lösen, dem materialistisch-atheistischen Marxismus überlassen.

   Erst die neue Reinkarnationserkenntnis, wie sie durch die Anthroposophie Steiners errungen wurde, hat, indem sie mit gleichgewichtiger Bewertung die Prä- wie die Postexistenz ins Auge faßte, auch die Zusammengehörigkeit zwischen einzelmenschlicher Individualität und Gesamtmenschheit in ihrem wahren Wesen, und das bedeutet zugleich: die Beziehungen zwischen dem einzelnen Lebenslauf und der geschichtlichen Menschheitsentwicklung ans Licht gehoben. Sie hat uns damit auch die Tatsache zum Bewußtsein gebracht, daß jeder S153 Einzelne so, wie er nicht nur sein persönliches Schicksal darlebt, sondern auch Menschheits- und Völkerschicksale unentrinnbar mitzutragen hat, auch in seinen Taten nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für die Zukunft der Menschheit mitverantwortlich ist.