B. Abschließende Gesamtcharakteristik

 

   Wenn zum Abschlusse dieses Kapitels die hauptsächlichsten Kennzeichen der Anthroposophie zusammengefaßt werden dürfen, so kann - zunächst vom Gesichtspunkte des modernen Erkenntnislebens aus - wohl als ein erstes das folgende genannt werden: Wir haben gesehen, daß ihre Methode eine fortschreitend, bis auf den innersten Grund seines Wesens sich vertiefende Selbsterkenntnis des Menschen bildet. Eine Selbsterkenntnis, die anhebt mit dem Sichselbsterfassen des menschlichen "Ich" in dem einheitlichen Elemente eines erlebten wollenden Denkens oder denkenden Wollens, und die sich dann weiter entfaltet zu einem differenzierten Erobern jeder einzelnen Seelenkraft: des Denkens, des Fühlens und des Wollens von dem also zu sich selbst erwachten Ich her. Und es zeigte sich, wie mittels dieser Selbsterkenntnis auf jeder ihrer Stufen ein Stück Welt für die Erkenntnis neu errungen wurde - zunächst das Anorganische, dann das Belebte, sodann das Seelische und endlich das Geistig-Göttliche -, so daß die von dem modernen Agnostizismus behaupteten "Grenzen der Erkenntnis" Schritt für Schritt überwunden wurden. Indem aber die Neugeburt der Erkenntnis nur auf dem Wege der menschlichen Selbsterkenntnis - in dem hier verstandenen "anthroposophischen" Sinne - möglich ward und sich stufenweise entfaltete, hat sich damit erwiesen, daß in unserer Zeit wirkliche Erkenntnis überhaupt ihrer Methode nach nur als Anthroposophie wiedererstehen kann. Anthroposophie ist also nicht etwas Spezielles, sondern sie ist die Gestalt, in der wahrhafte Erkenntnis überhaupt - beziehe sie sich auf welchen Gegenstand auch immer - in unserer Zeit allein leben kann. Wenn wir diese Gestalt an früheren Stellen dieses Buches im Unterschied zu der philosophischen, die das menschliche Erkennen im vorangehenden Zeitalter trug, öfter als die wissenschaftliche bezeichnet haben, so ist mit dem soeben Gesagten eben gemeint, daß das wissenschaftlich geartete Erkennen als Gesamtwelterkenntnis erst in der Anthroposophie seine Verwirklichung gefunden hat. Die Naturwissenschaft der letzten Jahrhunderte war erst ein fragmentarischer Ansatz dieser Erkenntnisgestaltung, da sie die wissenschaftliche Forschungsart nur in der Weise entwickelte, die der Natur gegenüber am Platze ist, und S248 außerdem ein durch den Agnostizismus immer mehr zur Verkümmerung verurteilter Ansatz. Was in ihr als neues, zukunfttragendes Element ans Licht wollte, ist erst durch Rudolf Steiner zur reinen und vollen Entfaltung gebracht worden. Man kann daher auch sagen, daß in bezug auf das menschliche Erkennen in unserer Zeit die Epoche der Philosophie durch die der Anthroposophie abgelöst worden ist. Was die neue Form des Erkennens methodisch charakterisiert, ist die immer weiter sich vertiefende Selbsterfassung des Menschen als Ichwesen. Denn das Ich, indem es sich erfaßt, erkennt sich als das universelle Wesen, das, seinen Möglichkeiten gemäß sich entfaltend, in jede Art und Sphäre des Seins hineinwachsen kann.

      Wozu gestaltet sich aber die Anthroposophie ihrem Inhalte nach? Zu der einheitlichen Zweiheit von Selbsterkenntnis und Welterkenntnis. Jeder neuen Region, die von der sich vertiefenden Selbsterkenntnis im Innern des Menschen erobert wird, entspricht eine weitere Sphäre des Weltenwesens, in die dadurch eingedrungen wird. Und so könnte man auch sagen, daß dieses neue Erkenntniswesen, das da geboren wird, wie in einem geistigen Ein- und Ausatmen rhythmisch zwischen Selbst- und Welterkenntnis hin- und herschwingend sich entfaltet.

   Durch diesen seinen Grundcharakter erweist es sich aber eben als ein spezifisch modernes Erkennen. Denn wir haben in diesem Buche ja gezeigt, wie die Signatur der Neuzeit in der Verselbständigung des Menschenwesens gegenüber der Welt, ja in der Entzweiung von Mensch und Welt liegt, die zum Ausdruck kam in der Entgegensetzung von Subjekt und Objekt, von Denken und Beobachten; - einer Entzweiung, die das Ersterben des Erkennens im Agnostizismus zur Folge hatte, d.h. sich zunächst als unüberbrückbar erwies. In der Anthroposophie werden, wie wir gezeigt haben, die aufgebrochenen Gegensätze zwar überwunden, aber doch so, daß die errungene Polarität von Mensch und Welt zugleich in gewisser Weise aufrechterhalten bleibt. Die durch sie erreichte Überwindung der Gegensätze zeigt sich in der Wiedergeburt wirklicher Erkenntnis, ihre Aufrechterhaltung darin, daß diese Erkenntnis sich im Pendelschlag zwischen Welt- und Selbsterkenntnis entfaltet. Und so bringt die Tatsache, daß das anthroposophische Erkennen im Menschen wieder die Welt, in der Welt den Menschen findet, sowohl die Wiederverbindung als auch die Unterschiedenheit beider zum Ausdruck.
   Ein zweites Hauptkennzeichen der Anthroposophie ergibt sich dann, wenn wir sie der repräsentativen Erkenntnisgestaltung der - dem wissenschaftlichen Zeitalter vorangehenden - philosophischen Epoche vergleichend gegenüberstellen: der Weltanschauung des Aristoteles bzw. der aristotelisch orientierten mittelalterlichen Scholastik. Wir haben in diesem Buche geschildert, wie der Grundcharakter derselben bestimmt war durch ihr Hinblicken auf das (vom Menschen unabhängige, aber ihn mitumfassende) kosmische Sein, und wie die von ihr entwickelte Ontologie eine Reihe von Stufen des Seins beinhaltet, welche sich unterscheiden durch das verschiedene Maß, in welchem auf ihnen das Stoffprinzip von dem Formprinzip durchdrungen ist. Der Unterscheidung einer Mehrheit von Seinsstufen steht jedoch in dieser Weltanschauung die Betätigung bloß einer einzigen Art des Erkennens gegenüber: eben der philosophischen, die sich im wesentlichen im Elemente des Begrifflich-Allgemeinen bewegt. S249
   In der Geisteswissenschaft haben wir es primär zu tun mit einer Stufengliederung von Erkenntnisarten: von physisch-physikalischen, imaginativem, inspiriertem, intuitivem Erkennen. In dieser Gliederung erst kommt voll zum Ausdruck die Freiheit, die der Mensch durch seine seit dem Beginn der Neuzeit erfolgte Verselbständigung gegenüber dem Weltensein errungen hat. Denn durch die Ausbildung dieser verschiedenen Erkenntnisarten ist er nicht mehr an eine einzige gebunden, sondern vermag jeweils diejenige unter ihnen zu betätigen, die durch den zu untersuchenden Gegenstand gefordert wird. Erscheint er als philosophisch Erkennender, bildlich gesprochen, wie eine Statue, in der eine einzige Geste des Erfassens festgehalten ist, so hat er als anthroposophisch erkennender gleichsam die freie Beweglichkeit seiner Glieder gewonnen, die es ihm ermöglicht, je nach der Form der Gegenstände, die er ergreifen will, die eine oder andere Stellung und Haltung einzunehmen. Er bildet in der Entwicklung der verschiedenen Erkenntnisformen die verschiedenen Seinsstufen im Erkenntniselemente schöpferisch nach. Und hierin bezeugt sich das Schöpfertum im Bereich der Erkenntnis, das er seit dem Beginne der Neuzeit erlangt hat. Ein bloßes Unterscheiden von verschiedenen Seinsstufen - wie wir es im Aristotelismus und Thomismus finden, und wie es verschiedene philosophische Richtungen der Gegenwart wieder zur Geltung bringen wollen -, ohne zugleich diesen Seinsstufen entsprechende verschiedene Erkenntnisarten auszubilden, bedeutet heute ein Verkennen des Unterschiedes zwischen unserer wissenschaftlichen und einer vergangenen philosophischen Erkenntnisepoche und ein Mißachten der grundlegenden Forderungen, welche die erstere an die Erkenntnisbetätigung stellt.

  Wenn in den verschiedenen früheren Epochen zwar verschiedene, aber in jeder von ihnen nur eine einzige Art des Erkennens betätigt wurde, so lag das eben daran, daß der Mensch damals noch nicht seine volle Freiheit und Selbständigkeit gegenüber der Welt erlangt hatte, sondern noch ein Glied des auch ihn umfassenden Weltenseins war. Darum hatte auch diese frühere, unfreie Art des Erkennens immer den Charakter eines unmittelbaren Hinblickens auf dieses Weltensein. Die Art, wie der Mensch in einer bestimmten Epoche erkannte, war bestimmt durch die Wirksamkeit der Kräfte, die in dieser Zeit dem Weltensein überhaupt und damit auch dem Menschensein den Stempel aufdrückten. In dieser Art mußte der Mensch in einem innern Zwange heraus erkennen, und auf eine andere Art konnte er es nicht. In diesem Sinne schilderten wir, wie in der philosophischen Epoche dem Weltensein vorzüglich der Charakter der Lebendigkeit zukam, und wie dieses auch den Menschen durchdringende Leben im Elemente des Erkennens als Philosophie sich äußerte. Wir schilderten weiter, wie im Übergang zur neueren Zeit dieses Weltensein - im ganzen und allgemeinen genommen - ins Zeichen des Sterbens eintrat, und wie sein Zerfall die Entzweiung von Mensch und Welt mit sich brachte. In diesem Sinne wurde der Mensch jetzt zwar frei; aber er war es insofern noch nicht ganz, als er zunächst noch unter der Wirkung der Todeskräfte stand, die sein Freiwerden beförderten. So wirkt der Tod jetzt auch in seinem Erkennen; und darum vermochte er nun zum erstenmal mit seiner Erkenntnis zu durchdringen, was innerhalb des - im allgemeinen ersterbenden - Weltenseins die besondere Sphäre des Toten darstellt: das Anorganische. Was dagegen innerhalb S250 dieses Weltenseins in einem speziellen Sinne noch belebt, beseelt, durchgeistigt ist, vermochte er mit dieser Art des Erkennens nicht zu erfassen. So war er frei geworden und war es doch noch nicht ganz. Er bildete das physikalisch-tote Erkennen nicht in Freiheit am speziell Toten aus; sondern weil das allgemeine Ersterben des Weltenseins auch in seinem Erkennen als Todesprozeß wirkte, darum wurde er mit diesem zur Erfassung des speziell Toten in der Welt hingedrängt. Er hing in bezug auf das allgemeine Ersterben doch noch mit dem Weltensein zusammen; darum bildete er auch in der neueren Zeit noch eines Seinslehre im alten Stile, aber eben eine Ontologie des Todes: den mechanistischen Materialismus aus. Diese hatte zwar in einem allgemeinen Sinne ihre Richtigkeit: als letzte Form der Philosophie. Nicht aber als das, was sie sein sollte und wollte: als Wissenschaft. Denn diese, indem sie das Element der Beobachtung in sich aufnimmt, geht auf das Spezielle, Konkrete. Und im Speziellen gibt es eben in der Welt neben dem Toten noch das Lebendige, Beseelte usw. Und so stand eben diese Ontologie des Toten doch im Widerspruch mit den Erkenntnisforderungen der Neuzeit. Diese gehen eben nicht auf ein generalisierendes (philosophisches), sondern auf ein individualisierendes (wissenschaftliches) Erkennen. Erfüllt konnten sie aber nur werden, indem der Mensch sich auch von dem letzten, was ihn mit dem Weltensein noch verband: von den Todesprozessen freimachte und ganz auf sich selbst stellte. Und dies geschah eben erst in der von Rudolf Steiner inaugurierten neuen Erkenntnisentfaltung. In dieser erst ist das Erkennen völlig autonom, unabhängig von jeder Art von vorhandenem Weltensein geworden. In ihr haben wir es, wie wir oben sagten, primär mit der Entwicklung einer Stufenreihe von Erkenntnisreihen zu tun. Primär, d.h. zunächst ohne Bezug auf ein irgendwie geartetes Weltensein. Erkenntnis entfaltet sich in ihr rein aus sich selbst heraus, gemäß den in ihrem eigenen Wesen gelegenen Bedingungen. Denn sie richtet sich zunächst nicht auf irgend etwas anderes, sondern auf sich selbst. Ihr eigenes Wesen ist ihr erster Gegenstand.

   Hat aber dieses so ganz in sich selbst webende Erkennen überhaupt einen Sinn? Schwebt es nicht in einem geistig luftleeren Raum? Führt es nicht ganz in die Irrealität hinein? Nun, wir haben im vorigen Kapitel ja gezeigt, daß in diesem Erkennen selbst ein neues Sein, eine ursprüngliche Wirklichkeit geschaffen wird: die Wirklichkeit des Menschen als eines sich selbst erfassenden oder Ich-Wesens. Und in der weiteren Entwicklung dieses Erkennens entfaltet sich das Sein des Menschen-Ichs zu einem in sich gegliederten Geistorganismus. Es ist also diese durch vier Stufen hindurchschreitende Erkenntnisentfaltung eine nicht bloß "theoretische", sondern höchst "praktische" Angelegenheit; sie ist nicht ein bloßer Erkenntnisprozeß, sondern zugleich in sich selbst ein Wirklichkeitsprozeß. Was in ihr geschieht, das ist die Geburt der Ichheit im Menschen und die fortschreitende Eroberung des gesamten Menschenwesens durch diese Ichheit. Der ganze Mensch wird in dem Sinne umgewandelt, daß er zum Inhalte des Ich-Bewußtseins und zum Felde der Ich-Betätigung wird. Und in dieser Umwandlung verwirklicht sich zugleich völlig die "Idee des Menschen", insofern diese durch das Ich repräsentiert ist. Daß es sich hierbei um einen vollgültigen Wirklichkeitsprozeß handelt, geht auch aus dem Umstande hervor, daß diese Erkenntnisentwicklung - wie wir schilderten - nicht eine S251 Sache des bloßen Denkens, sondern wesentlich eine solche des Wollens, eines in Übungen verlaufenden Tuns ist.

   Indem nun aber die auf diese Weise entwickelte Stufenreihe von Erkenntnisfähigkeiten auf die Welt gerichtet wird, wie sie dem Menschen von außen gegeben ist, zeigt sich, daß durch sie in einer völlig adäquaten Weise erfaßt werden kann, was diese Welt im Speziellen als eine Stufenreihe von Wesensreichen in sich enthält: mineralisches, pflanzliches, tierisches, menschliches Reich. Das Wesen dieser Reiche lebt in den ihnen entsprechenden Erkenntnisstufen auf. Es wird durch sie im Elemente der Erkenntnis gleichsam wiedergeboren. Man kann daher sagen, daß auch nach dieser Richtung hin eine Umwandlung stattfinde. Das Weltensein tritt - im ganzen und allgemeinen genommen - aus dem Zeichen des Todes, in dem es in der neueren Zeit gestanden hatte, in das der Auferstehung in der Sphäre der Erkenntnis.

   Hierdurch ist es bedingt, daß in der Anthroposophie wieder eine echte Kosmogonie auftritt, ja daß sie, von einem bestimmten Gesichtspunkte aus betrachtet, ihrem Wesen und Grundgehalte nach selbst Kosmogonie ist. Weil eben in der Gestaltung der von ihr entwickelten Erkenntnisarten dieselben Bildungsprinzipien - allerdings durch das menschliche Ich in solche der Erkenntnis umgewandelt - wirken, welche in der Entstehung der Naturreiche gewaltet haben, darum kommt durch sie zugleich der wahre Ursprung der letzteren zur Offenbarung. In der Kosmogonie der alten Mythologien wirkten diese Bildungskräfte noch nicht als durch das Menschen-Ich in Erkenntniskräfte umgewandelte, sondern noch unmittelbar in ihrer Urgestalt als Weltbildungskräfte, nur eben in ihrer letzten, seelisch verinnerlichten Form. In der alten Kosmogonie vollzog sich der letzte Akt der ursprünglichen Weltschöpfung selber. In ihr entstand ein Stück, genauer: die letzte Bildung des ursprünglichen Seins. Noch nicht eigentliche Erkenntnis. In der Anthroposophie dagegen tritt die Kosmogonie auf aus der Auferstehung der - in der Welt selbst zum Ersterben gekommenen - Bildungskräfte im Elemente der Erkenntnis - und daher als echte, vom Menschen geschaffene Erkenntnis. Darum zeigt sie hier auch die Grundeigentümlichkeit, daß sie mit dem Rückblick auf die Weltvergangenheit untrennbar verbindet den Blick auf das Golgatha-Ereignis als das Mittelpunktsgeschehen der kosmischen Entwicklung und dem Vorblick auf die Weltenzukunft, ja daß sie in ihrer Haltung überhaupt wesentlich auf die Zukunft hinorientiert ist, - während die einstige Kosmogonie in der Hauptsache nur Vergangenheit schilderte und diese selbst in einer verinnerlichten Form wiederholte.

   Hierdurch eröffnet sich noch ein weiterer Aspekt, von dem aus das anthroposophische Erkenntnisstreben beleuchtet werden kann. Wenn wir die beiden Stücke ins Auge fassen, in welche das ehemalige "Weltensein" im Beginne der Neuzeit zerfiel: Natur und Mensch, so haben wir in der ersteren das Altgewordene, Absterbende, in dem letzteren das Junggewordene, erst zur Geburt Kommende zu erblicken. Die Natur - im ganzen genommen - verliert seit dem Aufgang der Neuzeit das Sein; der Mensch, als dasjenige, das er seit jener Zeit geworden ist: als schöpferische Ichheit, hatte die Wirklichkeit noch nicht ganz gewonnen. Er gewann sie erst voll in jener Selbsterfassung, welche im Erkennen der Erkenntnis stattfand. Da erst wurde aus dem bloßen Traum S252 und Schein des Bewußtseinslebens geistige Wirklichkeit. Wir haben also die Tatsache vor uns, daß das Weltenwerden seit dem Beginne der Neuzeit am Naturpole abstirbt, am Menschenpole dagegen sich weiter fortsetzt. So daß, was seither im Elemente des Menschen "geschieht", den Fortgang der kosmischen Entwicklung bedeutet. Um welches "Geschehen" aber handelt es sich hierbei? Was seit vier Jahrhunderten im Menschen neu geboren wurde, ist ja, wie wir sahen, sein geistiges Schöpfertum im Erkennen, seine Fähigkeit der Selbsterfassung. Das kosmische Entwicklungsgeschehen, das seither im Menschen weiterläuft, kann also nur dasjenige sein, das in der weitern Entfaltung der Selbsterfassung, der "Ichheit" besteht, - in jener Entfaltung, wie sie eben von dem Begründer der Geisteswissenschaft durchgeführt worden ist.

   Aber auch das andere ist zu beachten: Wenn das kosmische Geschehen seit der Trennung von Natur und Mensch sich produktiv nur mehr im Menschen fortsetzt, und zwar in dessen fortschreitender Selbsterfassung, so geht es eben in demjenigen weiter, was im Menschen nicht Natur, sondern den Gegensatz zur Natur bildet. Damit ist all jenen das Notwendige gesagt, die eine solche Entwicklung höherer Erkenntnisfähigkeiten, wie die Geistesforschung sie lehrt, mit der Begründung ablehnen, sie sei etwas Unnatürliches, Künstliches, und das Erkennen dürfe nur mit denjenigen Fähigkeiten arbeiten, die dem Menschen normalerweise von Natur aus zur Verfügung stehen. Ein solcher Einwand wäre vor dem 15. Jahrhundert noch berechtigt gewesen; heute ist er es nicht mehr. Denn damals war der Mensch noch ein Stück der Natur und konnte nur die Fähigkeiten betätigen, welche die Natur ihm schenkte. (Daher das unfreie, an eine einzige Art gebundene Erkennen, das, wie wir sahen, frühere Epochen kennzeichnet.) Seither hat er sich aber aus der Natur herausgestellt; der moderne Mensch ist - als moderner! - schon an sich nichts mehr bloß "Natürliches". Sich auf seine bloß natürlichen Kräfte stützen wollen, hieße, sich auf jene stützen, die nicht die spezifisch modernen, sondern Kräfte der Vergangenheit sind. Der moderne Mensch aber ist als moderner überhaupt auf sein Ich, d.h. auf sich selbst gestellt. Schon alles das, was er bisher in der neuen Zeit Neues hervorgebracht hat, verdankt er nicht der Natur, sondern dem, was er sich selbst erworben und anerzogen hat. Und ein weiterer Fortschritt wird ihm nur möglich durch eine weitere Verstärkung seiner Ich-Kräfte. Denn die Naturkräfte sterben wie die Natur selbst ab. Wollte der Mensch sich nur ihrer bedienen, so käme er nicht nur nicht vorwärts, sondern könnte sogar auch nicht einmal sein gegenwärtiges Niveau behaupten, sondern würde immer weiter zurücksinken, - wofür die heutige Zivilisation schon genug Beispiele zeigt. Der Weltenfortschritt geschieht heute nur im Menschlichsten des Menschen: in seinem Ich. Das heißt aber zugleich, daß er nur geschieht, wenn der Mensch ihn freiwillig, aus sich selbst heraus vollzieht. Der Mensch ist frei geworden: das bedeutet aber auch, daß seine Entwicklung, die früher, als er noch ein Glied der Natur war, die Naturkräfte in ihm bewirkt haben, nun, da diese Kräfte um seiner Freiheit willen in ihm erloschen sind, für ihn in eine sittliche Verpflichtung, in ein moralisches Sollen sich verwandelt hat. In den Kreis seiner Betätigungen muß er ein völlig neues Element seelisch-geistiger Übung aufnehmen, das den Fortgang seiner Wesensentwicklung zu bewirken imstande ist. S253

   Ein letztes Merkmal der Anthroposophie, das durch ihre Gegenüberstellung mit der repräsentativen Erkenntnisgestaltung der philosophischen Epoche hervortreten kann, ist das folgende: Wir schilderten 
(z.B. bei der Besprechung des Aristoteles), wie für die damalige Auffassung das Weltensein sich zusammensetzte aus den beiden Prinzipien der Form und des Stoffes, der Idee und der Erscheinung; und wir hatten darauf hinzuweisen, wie diese ursprünglich dualistische Konzeption der Welt damals noch nicht überwunden werden konnte. Es war in jenem Zeitalter nicht möglich, in befriedigender Weise zu zeigen, wie aus diesen beiden Prinzipien die Einheit des Weltenseins in seinen verschiedenen Gestaltungen sich bildet. Wir haben dann an späterer Stelle, innerhalb der Darstellung der Erkenntnislehre Rudolf Steiners, aufgewiesen, wie der moderne Mensch Begriff und Wahrnehmung im Akte des Erkennens als solchen zu vereinigen vermag: durch die Vorstellungsbildung, wie sie eben im Sinne dieser Erkenntnislehre zu verstehen ist. Wir hoben dabei hervor, wie dies erst möglich geworden ist durch die Verselbständigung des Menschen gegenüber der Welt, die die neuere Zeit gebracht hat, und wie diese Vereinigung eben nur durch das Erkennen als solches vollzogen werden kann, d.h. aber im Menschen: denn in der Verschmelzung von Wahrnehmung und Begriff bringt, wie wir zeigten, der Mensch jedesmal die beiden Seiten seines eigenen Wesens: die individuelle und die universelle zum Ausgleich. Was wir so zunächst im Anschluß an Steiners Erkenntnislehre zeigten, die den Ausgangspunkt eines neuen echten Erkennens bildete, haben wir jetzt noch für die voll entfaltete Ausgestaltung des letzteren aufzuweisen, wie sie von ihm dann als Geistesforschung mit ihrer Stufenfolge höherer Erkenntnisformen errungen und von uns im obigen skizziert worden ist. Und da muß gesagt werden, daß innerhalb der Geistesforschung der Dualismus von "Begriff" und "Wahrnehmung" zunächst wieder eine erhöhte Bedeutung erlangt in Gestalt des Gegensatzes von geistiger und sinnlicher Welt, man könnte auch sagen: als der Gegensatz zwischen der Welt der geistigen Hierarchien und der Welt der Naturreiche. Die Schwierigkeit, die 
beiden im Erkennen miteinander zu verbinden, erhöht sich wieder um ein Bedeutendes. Andererseits wird aber zugleich mit den beiden Welten auch erkannt, wie der Mensch mit seinem Wesen an beiden teilhat, wie er in die eine hinauf- und in die andere hinunterragt. Und so behält auch für diese entwickelteren Formen des neuen Erkennens seine Wahrheit, was im Hinblick auf seine erste, anfängliche Gestalt gesagt wurde: daß die Vereinigung der Gegensätze nur im Menschen und durch den Menschen geschehen kann, und zwar in der Weise, daß er die gegensätzlichen Pole seines eigenen Wesens zum Ausdruck bringt. Nur erhält diese Wahrheit jetzt eine viel tiefere und bestimmtere Bedeutung dadurch, daß der Mensch selbst jetzt in einem viel umfassenderen Sinne nach den gegensätzlichen Polen seines Wesens und Lebens hin in die Erkenntnis eintritt. Und damit ergibt sich, daß die beiden Welten: die geistige und die sinnliche vom Erkennenden nur derart in die ihnen entsprechende Verbindung gebracht 
werden können, daß er auch dasjenige im Elemente der Erkenntnis nachbildend aufleben läßt, was die durch den Menschen selbst repräsentierte Seinsweise im Weltenzusammenhang ist. Als diese Seinsweise wird ja aber gerade durch die Geistesforschung erkannt das Vermitteln der beiden Welten in Form eines regelmäßigen S254 Wechsels zwischen Inkarnation und Exkarnation, zwischen einem irdisch-physischen Dasein (zwischen Geburt und Tod) und einem himmlisch-geistigen (zwischen Tod und neuer Geburt). Der Mensch verbindet also im Elemente des Seins die beiden Welten nicht so, daß er zu gleicher Zeit gleichmäßig an jeder von ihnen teilhat, sondern derart, daß er gleichsam rhythmisch zwischen beiden hin- und herschwingt. Und es wird ferner erkannt, daß die beiden gegensätzlichen Phasen des gesamtmenschlichen Daseins: das irdisch-physische Leben und das himmlisch-geistige sich in ihrer Struktur, in ihrer Kräfteentwicklung, in ihrem Erlebnisgehalte zueinander verhalten wie Bild und Spiegelbild. Will der Mensch die beiden Welten nun auch im Gebiete des Erkennens miteinander verbinden, so muß er in dem letzteren das Gesetz seines Seins nachbilden, d.h. auch in ihm rhythmisch zwischen geistigem und sinnlichem Erleben hin- und herschwingen und die Inhalte des einen in denen des andern sich spiegeln lassen. Dies ist es, was Rudolf Steiner in der Tat auch als den Grundcharakter des geisteswissenschaftlichen Erkennens - vom Gesichtspunkte der in Rede stehenden Problematik aus - in einem Vortrag vom 29. September 1918 (abgedruckt in "Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes Faust" Bd.IIS216) kennzeichnet und in die Worte zusammenfaßt: "Nicht eine einzige Theorie ersinnen, welche das eine oder andere erklären soll, sondern zwei Anschauungen, nicht Theorien, zwei reine Anschauungen, und diese nicht in Begriffen vereinigen, sondern in der in der Anschauung sich selbst gegenseitig spiegeln lassen." Noch deutlicher spricht er sich in einem 14 Tage vorher (15. September 1918) gehaltenen Vortrag (abgedruckt in "Das Geschichtsleben der Menschheit" Bd.IS132) über dieses Grundprinzip des geisteswissenschaftlichen, d.h. aber überhaupt eines neuen, echten Erkennens aus: "Die Überwindung des Dualismus kann nicht in der Theorie herbeigeführt werden, sondern nur im Leben selber. Derjenige, der theoretisch einen Ausgleich sucht zwischen der Region des Oben und der Region des Unten, der Region der Vergänglichkeit und der Region der Dauer, der theoretisch durch Begriffe, durch Vorstellungen, durch Ideen einen Ausgleich sucht, der kommt nicht zu Rande, der wird immer in eine verworrene Weltanschauung hineinkommen, weil er durch den Intellekt dasjenige sucht, was im Leben gesucht werden soll. ...Dann ergreift man das Leben, wenn man nicht eine theoretische Weltanschauung haben will, die in Begriffen, in Ideen sich auslebt, sondern wenn man zwei Weltanschauungen haben will: die eine für die Region des Geistig-Seelischen, die andere für die Region des Leiblich-Seelischen; und in dem lebendigen Zusammenleben der beiden Weltanschauungen, nicht in einer Theorie dasjenige haben will, was das Leben nährt und befruchtet. Dann kommt man allein aus dem Dualismus heraus... Das Materielle beleuchten lassen vom Geistigen, das Geistige erhärten lassen vom Materiellen, das ist dasjenige, was in die Weltanschauung der Zukunft einfließen muß."

   Erscheint durch die im vorangehenden hervorgehobenen Merkmale das von Rudolf Steiner begründete echte Erkennen unserer Zeit als eine höhere Metamorphose der repräsentativen Erkenntnisart der philosophischen Epoche (des Mittelalters und der Antike), so stellt es sich schließlich durch ein drittes Hauptkennzeichen zugleich als eine höhere Entwicklungsgestalt und als ein Gegenbild desjenigen Erkennens dar, das wir im Eingange dieses Buches als S255 das für die vorgriechisch-orientalische Kultur charakteristische angedeutet haben: des mythologischen. Als den Grundzug des letzteren hatten wir angegeben, daß es den Charakter der Offenbarung getragen habe. O.Willmann hat diese Offenbarung, welche den Ursprung aller älteren Weisheit bildet, in seiner "Geschichte des Idealismus" (Bd.1) zur Unterscheidung von späteren Formen der Offenbarung als "Uroffenbarung" bezeichnet. Der Mensch verhielt sich im mythischen Erleben noch nicht tätig-schöpferisch, sondern leidend-empfangend. Ja, wir mußten geradezu sagen, daß der Mythus nur richtig verstanden wird, wenn er nicht vom Menschen, sondern von der Welt her verstanden wird, als ihr Erzeugnis, das nur auf dem Schauplatze der menschlichen Seele zur Erscheinung kommt. Denn der Mensch ist in dieser Zeit als ein selbständiges geistiges Wesen noch gar nicht "geboren", er ist noch völlig ein Glied der Welt. Der Mythus ist daher noch kein eigentliches Erkennen, insofern wir dieses dem Sein entgegensetzen, sondern gehört noch auf die Seite des Seins selber als dessen höchste Hervorbringung. Insoweit die Menschen der damaligen Zeit sich des Zustandekommens der mythischen Bilder bewußt wurden, erlebten sie diese auch selbst als Eingebungen von seiten göttlicher Wesenheiten. Als solche bildeten diese Eingebungen ja auch zugleich die Quelle der damaligen religiösen Vorstellungen. Und so bestand damals noch eine völlige Einheit von "Wissenschaft" und Religion.

   Wir sehen nun, wie im weiteren Verlaufe der Menschheitsentwicklung das Element dieser naturhaften Offenbarung im Geistes- und namentlich im Erkenntnisleben immer mehr zurücktritt. Es ist dies im selben Maße der Fall, als das Erkennen im eigentlichen Sinne, d.h. als das Erzeugnis und Erwerbnis des Menschen sich selbst entfaltet. Im Griechentum halten beide Elemente innerhalb des Erkenntnislebens einander gerade noch die Waage. Was z.B. Aristoteles als das "unmittelbare Erkennen" schildert, das für ihn die Quelle der allgemeinsten, obersten Begriffe bildet, ist eine letzte Form der Offenbarung. Diesem steht als sein Gegenpol gegenüber das vom Menschen selbst erworbene Erkennen, das von den sinnlichen Beobachtungen ausgeht und zu den Begriffen aufsteigt. Und das eigentliche Erkennen, d.h. dasjenige, um dessen Entwicklung es in der Wissenschaft geht und das Aristoteles als das "vermittelte" bezeichnet, besteht für ihn gerade in dem Ineinanderarbeiten des vom Geistigen her geoffenbarten und des vom Sinnlichen her selbst errungenen Wissens. Aber das geoffenbarte Wissen hat im Griechentum nicht mehr die Welt wirklicher geistiger Wesenheiten, sondern nur mehr diejenige der Ideen zum Inhalte, die sich in den Erscheinungen der Natur als deren Entelechien verwirklichen.
   Im Mittelalter haben wir es dann mit einem allerletzten Reste der ehemaligen naturhaften Geist-Offenbarung zu tun, wenn die Scholastiker der realistischen Strömung lehren, daß der Mensch im Erkennen kraft seines tätigen Verstandes die Formen der Dinge (universalia in rebus) aus der sinnlichen Erscheinung des letzteren heraushebe und in seiner Seele als Begriffe (universalia post res) erfasse. Aber diese "Offenbarung" reicht eben nur so weit wie die Welt der sinnlichen Erscheinungen, aus denen sie empfangen wird. Und die Scholastiker (z.B. Thomas) betonen stark, daß der Mensch im Erkennen an die Sinnlichkeit gebunden sei. Außerdem wird hierbei auch auf den tätig-schöpferischen S256 Charakter des Verstandes, dem wir unsere Begriffsbildungen verdanken, schon so großes Gewicht gelegt, daß der Offenbarungscharakter der letzteren fast ganz verblaßt. Daneben hat sich aber inzwischen, was die eigentliche göttlich-geistige Welt und das Verhältnis der menschlichen Seele zu dieser betrifft, eine neue Art von Offenbarung: nämlich die geschichtliche im Christusereignis hingestellt. D.h. eine Offenbarung, welche die Gestalt eines geschichtlichen Ereignisses: der Menschwerdung, des Todes und der Auferstehung des "Gottessohnes" hat. Aus ihr quillt das, was für den mittelalterlichen Menschen nun religiöser Vorstellungsinhalt wird. Charakteristisch ist jedoch, daß dieser Inhalt jetzt als ein über den menschlichen Erkenntnismöglichkeiten gelegener und auch nach seiner Offenbarung vom Erkennen nicht völlig durchdringbarer aufgefaßt wird. So werden nunmehr Erkenntniswahrheit und Offenbarungswahrheit (mit welch letzterer die Wahrheit der geschichtlichen Offenbarung gemeint ist) als qualitativ verschiedene, an verschiedene Seelenbetätigungen im Menschen sich wendende und verschiedene Lebensgebiete konstitutierende Inhalte betrachtet. Der erstere nämlich spricht zum Wissen und objektiviert sich in der Philosophie bzw. Wissenschaft, der letztere wendete sich an den Glauben und lebt sich in der Religion dar. Die Waage halten sich die beiden nicht mehr (wie im Griechentum) innerhalb des Erkenntnislebens selbst, aber wenigstens innerhalb des menschlichen Geisteslebens im ganzen. Denn des Thomas und seiner Gesinnungsgenossen ganzes Streben geht dahin zu zeigen, daß es sich bei Wissen und Glauben, bei Erkennen und religiösem Erleben zwar um zwei verschiedene Dinge handle, die sich aber nicht widersprechen, sondern zu einer umfassenden Einheit ergänzen.

   Die neuere Zeit hat auf dem Gebiete der Naturerkenntnis das naturhafte Offenbarungselement restlos zum Erlöschen gebracht. Von außen wird jetzt nichts Geistig-Ideelles mehr empfangen, sondern nur Sinnliches. Die reine Sinneswahrnehmung tritt nun zuerst auf. Was zu dieser im Erkennen an Begrifflich-Ideellem hinzukommt, ist ausschließlich vom Menschen selbst denkerisch produziert. Es ist das eigenste Erzeugnis des Menschengeistes. Aber das also Erzeugte wird zunächst als etwas bloß dem menschlichen Bewußtsein Anhaftendes, nicht der Weltwirklichkeit selbst Zugehöriges betrachtet. Dadurch erscheint die letztere an sich selbst jetzt als als eine rein sinnlich-materielle. Und mit einer also vorgestellten Welt gerät nun in einen unüberbrückbaren Widerspruch der Inhalt der aus der geschichtlichen Offenbarung stammenden religiösen Glaubensvorstellungen, der auch jetzt zunächst noch fortgepflanzt wird. Damit aber verwandelt sich die Zweiheit von Glauben und Wissen jetzt in einen immer schärferen Gegensatz. Was jedoch die Hauptsache ist: Auf der nun errungenen Stufe des Bewßtseins kann der Mensch als Wahrheit überhaupt nur anerkennen, was so zustande kommt wie sein Wissen: als sein eigenes Erzeugnis. Dieses Wissen duldet eine andere, auf bloßem Empfangen beruhende Entstehung von Wahrheiten als eine gleichberechtigte Wahrheitsquelle neben sich nicht. Die solchen Wahrheiten gegenüber zu betätigende Glaubensüberzeugung als eine selbständige zu entwickeln neben der gegenüber den Erkenntniswahrheiten zu erringenden Wissensüberzeugung, entspricht einer überwundenen Bewußtseinsstufe, aber nicht mehr der gegenwärtigen. Diese drängt für alles nach Wissen. So ist es kein Wunder, daß zwischen S257 Wissenschaft und Religion nun ein Kampf entbrennt, in welchem die letztere unterliegt. Das religiöse Leben ist im Laufe der neueren Zeit ohne allen Zweifel einer fortschreitenden Entkräftung verfallen. Man darf behaupten: es hat diesen Niedergang erlitten, weil für Offenbarungsinhalte als Wahrheiten eigener Art: nämlich als solche des bloßen Glaubens neben den Erkenntnisinhalten, wie sie in unserer Zeit zustande kommen, heute kein Platz mehr ist.

   Gleichzeitig geschah aber ein anderes. Die Wissenschaft trug zwar den Sieg über die Religion davon. Während sie jedoch diesen Triumph erlebte, erstarb sie in gewissem Sinne zugleich in sich selbst. Das Wissen ging ins Nichtwissen über. Die Erkenntnis erlosch im Agnostizismus. Wir haben diesen Prozeß und seine Ursachen in diesem Buche ausführlich geschildert. Die letzteren lagen in der Versubjektivierung des Denkens, d.h. in der Auffassung, daß die Begriffe, weil sie von Menschen erzeugt werden, eine bloß menschliche Bedeutung und nichts mit den "Dingen an sich" zu tun haben. Der Mensch blieb daher im Denken immer bei sich; er kam mit ihm den Dingen nicht mehr bei. Man kann diese Entwicklung so kennzeichnen: das Wissen erstarb, weil die Erkenntnisinhalte das naturhafte Offenbarungselement, das ihnen ursprünglich einmal innegewohnt hatte, allmählich völlig aus sich verloren hatten. Und so zeigt sich von diesem Aspekt aus, daß beide: Erkenntnis und Offenbarung (in der Art, wie die letztere noch in unsere Zeit herein überliefert wurde) in gewissem Sinne daran untergingen, daß sie im Laufe der Geschichte sich gänzlich voneinander getrennt hatten.

   Wir schilderten sodann, wie das Erkennen in Rudolf Steiner dadurch wiedergeboren wurde, daß er nicht nur dachte, sondern auch das Denken selbst beobachtete. Diese Beobachtung ergab, daß zwar die Begriffswelt vom Denken her, das Denken selbst aber wieder von den Begriffen her sich bestimmt. Mit anderen Worten: daß Denken und Begriffswelt als sich durch sich selbst bedingend etwas völlig in sich Ruhendes und sich aus sich Erklärendes darstellen. Nun schließt sich aber die Summe der Begriffe zu einem einheitlichen Ganzen zusammen, das Mensch und Welt, Subjekt und Objekt umspannt. Es macht deren Wesensseite aus, wie alles, was von den letzteren ohne das Denken gegeben ist, ihre Erscheinungsseite darstellt. Was der Erscheinung nach eine Zweiheit ist, bildet also dem Wesen nach die Glieder eines einheitlichen Ganzen. Insofern der Mensch durch sein Denken dieses Ganze produziert und durch die Inhalte dieses Ganzen sein Denken zugleich bestimmen läßt, ist er also nicht als Subjekt, als "bloßer" Mensch, sondern als das universelle Wesen tätig, das ihn selbst und die Welt umfaßt. Er ist im denkenden Durchdringen der Erscheinungen ebenso mit den Dingen wie mit sich selbst verbunden. Das universelle Wesen enthüllt sich in seinem Denken. Das Denken wird zur Wesens-Offenbarung, In dem Maße, als es sich zu dieser gestaltet, bildet es sich wieder zum Organ echten Erkennens. Das Erkennen wird in ihm wiedergeboren.
   So ist die Wiedergeburt des Erkennens in Rudolf Steiner eigentlich dadurch erfolgt, daß es durch ihn wieder den Charakter einer Offenbarung angenommen hat. Freilich ist die in ihm stattfindende Offenbarung eine völlig neuartige. Sie wird vom Menschen nicht mehr nur passiv empfangen, sondern kommt durch seine schöpferische Denktätigkeit zustande. Allerdings durch eine S258 Denktätigkeit, die zugleich als solche erlebt wird und durch den Inhalt dieses Erlebens alle subjektive Willkür überwinden lernt.
   Zu je höheren Stufen das also wiedergeborene Erkennen - im Sinne der geisteswissenschaftlichen Entwicklung - sich erhebt, in desto höherer Bedeutung nehmen sein Ergebnisse wieder den Charakter von Offenbarungen - in dieser neuen Art - an. Was zunächst als ideelles Wesen erlebt wurde, enthüllt sich auf diesem Entwicklungswege allmählich als geistige Wesenhaftigkeit. Dies ist insbesondere von dem Punkte an der Fall, wo das Erkennen zum bewußten geistigen "Verkehr" mit den Wesenheiten der geistigen Welt sich gestaltet. Alles, was der Geistesforscher weiterhin an Erkenntnissen erlangt, empfängt er durch die inspirierende "Mitteilung" von seiten solcher Wesenheiten, seien es übermenschlich-hierarchische, seien es menschliche, die im Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sich befinden. Ob und wann er eine solche Mitteilung empfängt, hängt aber nicht von seinem Willen ab, sondern von dem Willen des mitteilenden Wesens. Daß er überhaupt in der Lage ist, sie zu empfangen, das verdankt er freilich dem Umstand, daß er durch die Umgestaltung seiner Seelenkräfte sich die Organe der Geist-Wahrnehmung erbildet hat. Und die geistige Schulung geht im Grunde auf nichts anderes als auf die Entwicklung dieser Organe. Sie bildet den Teil der Geist-Erkenntnis, den der Mensch selbst zu ihrem Zustandekommen beitragen muß. Den andern, vom Menschen unabhängigen Teil macht dasjenige aus, was sich, gemäß dem Willen der Geist-Welt, diesen Organen offenbart. Rudolf Steiner weist auf diesen Charakter der Geistesforschung im Unterschied zu dem der Naturforschung schon in seinem geisteswissenschaftlichen Grundwerke, der "Theosophie" hin, wenn er dort sagt (22.AuflageS192): "Die Arbeit des Geistesforschers an der eigenen Seele, die ihm die Fähigkeit des geistigen Schauens gibt, geht dahin, eben diese Fähigkeit zu erwerben. Ob er dann in einem einzelnen Falle etwas in der geistigen Welt wahrnimmt und was er wahrnimmt, das hängt nicht von ihm ab. Das fließt ihm zu als eine Gabe aus der geistigen Welt. Er kann sie nicht erzwingen; er muß warten, bis sie ihm wird. Seine Absicht, die Wahrnehmung herbeizuführen, kann nie zu den Ursachen des Eintreffens dieser Wahrnehmung gehören." Auch später hat er immer wieder betont, daß es zu den wichtigsten Bedingungen der Geistesforschung gehöre, in Geduld abwarten zu können, bis einem die eine oder andere Erkenntnis aus der geistigen Welt zuteil werde. Und im Zusammenhang damit wies er wiederholt darauf hin, wie aus diesen Bedingungen heraus dem Geistesforscher sich wieder mit einem erfahrungsmäßigen Inhalt erfülle, was uns innerhalb des religiösen Lebens als der Begriff der Gnade überliefert ist.

   So entsteht hier also eine neue Art der Offenbarung, die zu naturhaft-instinktiven der alten Zeit und zu der in Gestalt eines historisch-metahistorischen Ereignisses aufgetretenen einer mittleren Zeit als eine dritte, neuzeitliche sich hinzugesellt: eine selbsterrungene, bewußte Geist-Offenbarung. Man könnte vielleicht zunächst meinen, daß ein Selbsterrungenes die Charakteristik seines Inhaltes als eines Geoffenbarten ausschließe. Die vorangehenden Ausführungen und die zitierten Worte Rudolf Steiners zeigen aber, daß in diesem Geschehen beide Merkmale trotz ihrer scheinbaren Gegensätzlichkeit miteinander verbunden sind. Die Offenbarung behält auch hier im strengsten Sinne S259 bei, was in allen ihren echten Gestaltungen und zu allen Zeiten ihr Kennzeichen gebildet hat: daß sie durch den Willen nicht der Menschen, sondern der sich offenbarenden Geistwelt bedingt ist. Und doch ist sie in dem Sinne zugleich selbsterrungen, daß der Mensch erst durch die Umwandlung seiner Seelenkräfte die Empfangsorgane für sie ausbildet. Denn von Natur aus besitzt er heute solche Organe nicht. Und so kommt diese Offenbarung heute, obgleich sie nicht dem Willen des Menschen entspringt, doch nur durch sein Dazutun zustande. Bewußt aber ist sie in dem Sinne, daß sie unmittelbar im Innersten des Menschen: in dem Ich und durch das Ich erfolgt, das sich zu sich selbst erweckt hat. Das heißt jedoch nichts anderes, als daß sie zugleich den Charakter der Erkenntnis trägt in der Art, wie dieser sich in der neueren Zeit gestaltet hat. Denn wir haben gesehen, daß Erkenntnis im modernen Sinne sich heute nur in der tätigen Selbsterfassung des Ichs gebiert. So steht also diese Offenbarung nicht mehr neben der Erkenntnis, sondern sie ist zugleich selbst Erkenntnis im heutigen Sinne geworden.
   Und damit werden wir auf die andere Seite dieses Tatbestandes gewiesen. Das Erkennen wurde hier wiedergeboren dadurch, daß es wieder das Moment der Offenbarung, allerdings nicht in der alten, sondern in völlig neuer Art in sich erweckte. Und darum ist es trotzdem durch und durch Erkenntnis geblieben in dem Sinne, wie wir diese in der neueren Zeit auffassen und suchen müssen: nämlich als ein Selbstgeschaffenes. Aus diesem Grunde ist es ja auch als Geisteswissenschaft hervorgetreten. Indem aber dieses erneuerte Erkennen sich bis zu den höchsten Möglichkeiten entfaltete, die in der menschlichen Wesenheit veranlagt sind und heute verwirklicht werden können, hat es auch das in ihm waltende neue Offenbarungselement bis zu den höchsten Formen entwickelt. Und in diesen hat das letztere nun auch wieder die göttlich-geistige Welt und das Verhältnis der Menschenseele zu dieser zum Inhalte. Und dadurch führt es hier wieder zu Vorstellungen, die zugleich das religiöse Erleben zu impulsieren vermögen. So zeigt sich an dieser Stelle auch vom methodischen Gesichtspunkte aus, inwiefern hier Wissenschaft und Religion versöhnt werden. Beide werden wieder eins, obwohl jede von ihnen ihren spezifischen Charakter bewahrt, wie er sich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung herausgebildet hat. Und beide werden durch ihre Einigung wiederbelebt, wie sie durch ihre Entgegensetzung in der neueren Zeit erstorben waren. Die religiösen Inhalte werden selbst zu einem echten Wissen; die Erkenntnisinhalte entzünden zugleich wieder das höchste religiöse Erleben.

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