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Hans Erhard Lauer hat auf dem "Dritten Weg" der anthroposophischen 68-er im INCA Achberg (Internationalen Kulturzentrum), wie die Prager Reformer Ivan Svitak, Eugen Löbl, Ota Sik u.a. Vorträge und Seminare gegeben.

Sein zentraler Beitrag war: "Mitteleuropa zwischen Ost und West" - zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Er hat sich darin als Brückenbauer zwischen den Gegensätzen gezeigt, die heute unser Leben dominieren:

Ost/West, Nord/Süd, Altes/Neues, Mann/Frau, alt/jung, Materialismus/Spiritualität, arm/reich usw.

Und in allem hat er aus der Anthroposophie heraus durch sein Wirken beim Brückenbau mitgeholfen.

Sein Vater war Uhrenbauer, die Konjunktur führte ihn zum Schweizer Uhrenbau nach Basel.

Dort wurde Hans Erhard Lauer mit der Anthroposophie bekannt und so wurde er als

Schüler Rudolf Steiners zum Zeitmesser in philosophischem Sinne,

wie sein hier vorgestelltes, dreibändiges Hauptwerk zeigt.


"...Was ist aber mit all dem eigentlich gesagt? Es ist dieses, daß der eigene Lebenslauf, hinsichtlich seiner inneren Entwicklungsmöglichkeit bis in seine höchsten Stufen hinauf vollmenschlich durchgestaltet, gewissermaßen zum Okular wird, durch welches hindurchblickend man erst in die Tiefen und in die innere zeitliche Struktur des gesamten und speziell auch des geschichtlichen Menschheitswerdens hineinzuschauen vermag. Damit ist das Wichtigste und Wesentlichste ausgesprochen, was die methodischen Grundlagen und Prinzipien des in diesem Buche

zur Darstellung kommenden Beitrags zur Grundlegung einer Geschichtswissenschaft betrifft..."

(Band I S.202).


Hans Erhard Lauer

Geschichte als Stufengang der Menschheit

Ein Beitrag zu einer Geschichtswissenschaft auf geisteswissenschaftlicher Grundlage

Drei Bände

Band I:

Erkenntnis und Erinnerung

 

"Daher gelangt unsere Wissenschaft dazu, eine ewige ideale Geschichte darzustellen, nach der in der Zeit die Geschichten aller Völker ablaufen, mit ihrem Aufstieg, Fortschritt, Zustand, Verfall und Ende.

Ja, wir getrauen uns zu sagen, daß, wer diese Wissenschaft überdenkt, sich selbst diese ewige ideale Geschichte erzählt, nach dem Grundsatz, daß sie notwendig so sein müßte, ist und sein wird. Denn nach unserem ersten unbezweifelbaren Prinzip ist die historische Welt ganz gewiß von uns Menschen gemacht und kann darum in den Modifikationen unsres eigenen Geistes wiedergefunden werden. Es kann nirgends größere Gewißheit geben als da, wo der, der die Dinge schafft, sie auch erzählt. So verfährt diese Wissenschaft gerade zu wie die Geometrie, die die Welt der Größen, während sie sie ihren Grundsätzen entsprechend aufbaut und betrachtet, selbst schafft;

doch mit um so mehr Realität, als die Gesetze der menschlichen Angelegenheiten mehr Realität haben

als Punkte, Linien, Flächen und Figuren. Und dies wieder ist ein Grund, daß solche Beweise von göttlicher Art

sind und dir, o Leser, ein göttliches Vergnügen gewähren müssen;

denn in Gott ist Erkennen und Tun dasselbe Ding."

Giambattista Vico

Nuova scienza

Vorwort (S9):

   Mit diesem Buche soll es zu den unzähligen Geschichtsphilosophien, die in den letzten zweihundert Jahren hervorgetreten sind, nicht nur eben ein neuer Versuch einer solchen hinzugefügt werden - obwohl schon eine solche Absicht allein hinreichen würde, eine entsprechende Bemühung zu rechtfertigen.

   Denn wie im Aufgang der altgriechischen Kultur die Naturphilosophie als der neue Zweig am Baume der menschlichen Erkenntnisentwicklung erblühte, so stellt die Geschichtsphilosophie den neuen Sproß dar, den der Baum dieser Entwicklung in unsrer Epoche hervorgetrieben hat. Und wie die Naturphilosophie in ihrer weiteren Entwicklung zur Naturwissenschaft geführt hat, die als ihre Frucht in der neueren Zeit gereift ist, so ist die Geschichtsphilosophie dazu bestimmt, dereinst zu einer wirklichen Geschichtswissenschaft auszureifen - die wir ja heute noch nicht haben. Daß wir eine Erkenntnis der Geschichte, die ihr Wesen, ihre wirkenden Kräfte, ihre innere Struktur, die sie beherrschenden Gesetze in einer analogen, objektiven, allgemeingültigen Weise zu erfassen vermag, wie die Naturwissenschaft diejenigen der Natur in der neueren Zeit zu enthüllen begonnen hat, nicht besitzen, darüber herrscht wohl allgemeine Einstimmigkeit. Daß wir eine solche noch nicht besitzen, wird nicht so allgemein zugegeben. Denn viele sind der Meinung, daß die Betrachtung der Geschichte niemals in einem ähnlichen Sinne "Wissenschaft" werden könne, wie es die Naturwissenschaft gegenüber der Natur ist - und daß jeder Versuch, sie zu einer solchen zu machen, entweder die freie, unvoreingenommene Erforschung der geschichtlichen Tatsachen beeinträchtige oder des Reichtums und Lebens der letzteren verlustig gehe.

   Dennoch kann nicht geleugnet werden, daß in den letzten Jahrhunderten - wenigstens im Abendland - immer wieder der Drang sich geltend gemacht hat und geltend macht, das innere Gesetz, den wesenhaften Gang der Geschichte zu enträtseln. Und daß dieses Bedürfnis erst in einer bestimmten Epoche, etwa seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts, in so entschiedener Art aufgetreten ist und - wie die seitherige Entwicklung der Geschichtsphilosophie und Geschichtsforschung beweist - in den mannigfaltigst gearteten, freilich in ihren Methoden und Begriffsmitteln noch unzureichenden Bemühungen nach Befriedigung gerungen hat, scheint doch darauf hinzudeuten, daß es in den besonderen Anlagen und Aufgaben gerade unseres Zeitalters gelegen ist, sich erkenntnismäßig allmählich des geschichtlichen Lebens so zu bemächtigen, wie die vergangenen zwei Jahrtausende

sich schrittweise der Natur und ihrer (S10) Geheimnisse bemächtigt haben. Gewiß hat es vom Griechentum über das Mittelalter zur neueren Zeit hin starke Schwankungen im Interesse für die Erkenntnis der Natur und auch in der Tauglichkeit der Methoden ihrer Erforschung gegeben. Und gewiß ist auch die heutige Naturwissenschaft noch weit davon entfernt, sich am Ende ihrer Forschungsarbeit angekommen zu wähnen. Eines ihrer hauptsächsten Merkmale gegenüber der früheren Naturphilosophie besteht vielmehr gerade in ihrer Auffassung von dem grundsätzlichen Unabgeschlossensein, das unserer Naturerkenntnis auf jeder Stufe eignet. Dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - darf man behaupten, daß ihre Forschungsmethoden in der neueren Zeit dem Wesen ihres Gegenstandes in höherem Maße angemessen geworden sind, als es vordem der Fall war, und eben deshalb auch so staunenswerte Ergebnisse erzielt haben.

   In analogem Sinne wird es auch einer für künftig zu erhoffenden Geschichtswissenschaft nicht sowohl darum zu tun sein, ein in sich abgeschlossenes Totalbild der Geschichte zu entwerfen, als vielmehr darum, diejenigen Erkenntnismethoden auszubilden, die dem Wesen ihres Gegenstandes bzw. dem Verhältnis, in welchem der Mensch als erkennender zur Geschichte steht, entsprechen, und die daher eine ähnliche Ergiebigkeit an spezifisch geschichtlichen Einsichten versprechen, wie sie die modernen naturwissenschaftlichen Forschungsmethoden für die Naturerkenntnis mit sich gebracht haben. Eine Ergiebigkeit, die uns endlich ermöglicht, aus dem bloßen Vorhof in den eigentlichen Tempel des geschichtlichen Daseins mit unserem Bewußtsein einzutreten.

Wenn gerade unser 20. Jahrhundert wieder mit besonderer Intensität sich geschichtsphilosophischen Bemühungen zugewandt hat, so liegt dies in vielfachen Ursachen begründet. Zunächst wohl in dem methodologischen Umstand, daß in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts naturwissenschaftlich geartete Forschungsweisen und Begriffsbildungen zeitweilig verwirrend in die Geschichtsbetrachtung eingedrungen waren. Dem gegenüber galt es, die Eigenart geschichtlichen Daseins und geschichtlichen Erkennens wiederum zur Geltung zu bringen. Des weiteren in der Tatsache, daß unser geschichtlicher Horizont, wie er im vorigen Jahrhundert durch die Entzifferung der orientalischen Schriftsysteme um etwa zwei Jahrtausende nach der Vergangenheit erweitert worden war, so in dem gegenwärtigen durch die "Wissenschaft des Spatens" um beinahe das Zehnfache weiter zurück ausgedehnt wurde und ein vorgeschichtliches Dasein und Kulturschaffen der Menschheit in ihn eingetreten sind, von denen man sich vor hundert Jahren noch nichts hätte träumen lassen. Diese Entdeckungen haben die ganze, durch den "Fortschrittsglauben" bestimmte, geschichtliche Denkweise in der Form, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten herausgebildet hatte, in Frage gestellt und ganz neue Möglichkeiten der Geschichtsauffassung eröffnet. (S11) In noch viel radikalerer Weise wurde die bisherige Entwicklungstheorie allerdings von anderer Seite her ad absurdum geführt: nämlich durch die geschichtlichen Geschehnisse selbst, die sich in unserem Jahrhundert über die ganze Erde hin abgespielt haben. Und damit ist das Dritte genannt, was den geschichtsphilosophischen Bemühungen in den letzten Jahrzehnten neue Anstöße gegeben hat: Es sind dies die tatsächlichen geschichtlichen Verhältnisse, wie sie sich in unserem Jahrhundert gestaltet haben. Es genügt, hier auf die zwei Weltkriege hinzuweisen, auf die soziale Revolution, die seither im Gange ist und im russischen Bolschewismus ihren bisher extremsten Ausdruck erlangt hat, auf den Aufstand der Farbigen gegen die Weltherrschaft der Weißen, d.h. das Ende der europäischen Welthegemonie und deren Ablösung durch den Kampf um die Weltherrschaft zwischen Amerika und Asien.

   Alle diese Geschehnisse, die ja ohne Ausnahme im innigsten Zusammenhange miteinander stehen, haben in unserem Jahrhundert Umwälzungen bewirkt, die tiefgreifender sind als alles, was die letzten vier Jahrhunderte an Wandlungen gebracht haben, wenn sie auch zugleich nur die volle Auswirkung dessen darstellen, was sich in jenen angebahnt hat.

   Dazu kommt als vielleicht allerwichtigstes Moment dieses hinzu, daß, freilich ebenfalls vorbereitet durch die Entwicklung namentlich des 19. Jahrhunderts, in dem unsrigen die Menschheit über die ganze Erde hin zu einem zwar nicht politisch, aber lebens- und schicksalsmäßig auf Gedeih und Verderb miteinander verbundenen einheitlichen Ganzen zusammengewachsen ist. Damit aber ist ein Markstein in der geschichtlichen Entwicklung erreicht, dem an Bedeutung nur ganz wenige andere in ihrem Gesamtverlauf gleichkommen. Die Geschichte der einzelnen Völker, ja selbst der Kontinente ist zu Ende, und die eigentliche, einheitliche Menschheitsgeschichte hat begonnen. Mit diesem Tatbestand hängt der weitere zusammen, daß die vom Abendland in den letzten Jahrhunderten ausgebildete intellektuell-wissenschaftliche Bewußtseinsform und technisch-industriell orientierte Lebensgestaltung heute in rasendem Tempo sich über die ganze Erde bis in ihre letzten Winkel ausbreitet. Eine Rückkehr zu früheren Seelenhaltungen und Lebensformen ist nicht nur bei uns, sondern auch an keiner anderen Stelle mehr möglich. Wir sind gezwungen, die Lebensaufgaben, die uns heute gestellt sind, aus dem hellsten Bewußtsein heraus zu lösen - ja aus einem Maß von Bewußtseinshelle und Bewußtseinsweite, das zu erreichen wir erst noch mit stärkster innerer Anstrengung uns bemühen müssen.

   Zuletzt - und damit kommen wir vollends auf den moralischen Aspekt der Lage - ist es durch all das Erwähnte bedingt, daß wir uns heute in einer Weise wie niemals früher vor die Frage nach Sein oder Nichtsein des Menschen bzw. der Menschheit überhaupt gestellt sehen. Wir brauchen nur auf (S12) die Gefahren hinzuweisen, die diesem Sein durch den heutigen Stand der Technik erwachsen sind - und zwar nicht durch die Zerstörungswaffen der Kriegstechnik, welche das Leben der Menschheit auf unserem Planeten völlig auszulöschen ermöglichen, sondern ebensosehr durch die friedlichen Zwecken dienenden technischen Errungenschaften unseres Jahrhunderts, indem sie das ganze menschliche Leben, geistig und materiell, zu mechanisieren und zu uniformieren drohen. Nicht geringer aber ist die Gefährdung durch das, was in den letzten Jahrzehnten aus den Tiefen des Menschen selbst als "böse", "antimenschliche", auf die Vernichtung alles Menschlichen zielende Mächte und Tendenzen aufgebrochen ist.

   Das Gesamt aller dieser Tatsachen zwingt heute zu einer geschichtlichen Besinnung allergrößten Stils - schon allein, um auch nur mit einem einigermaßen hinreichenden Bewußtsein in den Geschehnissen drinnenstehen zu können, deren Zeitgenosse man ist; denn das von diesen geforderte Gegenwartsverständnis verlangt einen geistig-geschichtlichen Horizont von weitestem Umfang. Noch mehr aber zu dem praktischen Ziele, der drohenden Gefahren Herr zu werden und die sich stellenden Aufgaben einer der gegenwärtigen Entwicklungsstufe gemäßen gesamtmenschheitlichen Lebensordnung bewältigen zu können.

   Und so ist es denn auch nicht verwunderlich, daß dasjenige, was mit dem heute notwendigen, erweiterten und vertieften Geschichtsverständnis eigentlich von uns gefordert wird, sich immer deutlicher und weitgehender als identisch erweist mit nichts Geringerem als dem Verständnis unseres Wesens und unserer Weltstellung als Menschen überhaupt. Nur wenn wir uns völlig klar darüber werden, was das Essentielle unseres Menschentums überhaupt ausmacht, welches seine unabdingbaren Lebensbedingungen sind und wie wir als Menschen bzw. als Menschheit in das Ganze des Weltzusammenhanges hineingestellt sind, werden wir mit den Aufgaben zu Rande kommen können, welche die geschichtliche Gegenwart uns stellt. Es zeigt sich dies auch darin, daß von den verschiedensten Forschungsgebieten her eine "Lehre vom Menschen" zur zentralen Erkenntnisaufgabe unseres Jahrhunderts geworden ist. Wie aber die Geschichtsbetrachtung sich immer mehr erweitert und vertieft zur Frage nach dem Wesen des Menschen überhaupt, so erweist sich umgekehrt als das Kernstück einer "Lehre vom Menschen" die Erfassung seines geschichtlichen Daseins; stellt er sich unserer Erfahrung doch wohl in erster Linie dar als das Subjekt und das Objekt, als der Gestalter und der Erleider der Geschichte!

   Dieses Buch unternimmt den Versuch, einen Beitrag zu leisten zu einer solchen Um- und Weiterbildung der geschichtlichen Tatsachenforschung einerseits, der Geschichtsphilosophie andererseits, daß im Sinne der vorangehenden Ausführungen eine wirkliche Geschichtswissenschaft entstehen kann. Den gekenn-(S13)zeichneten Forderungen sucht es hierbei dadurch genüge zu tun, daß, indem es die Geschichte als "Stufengang der Menschwerdung" aufweist, die in ihm entwickelte Geschichtserkenntnis zugleich eine "Lehre vom Menschen" darstellt. Was ihm seine eigene Note und, wie wir glauben, seine spezielle Rechtfertigung verleiht, das ist die besondere Grundlage, auf der sich dieser Versuch aufbaut. Diese Grundlage bilden zwar nach der einen Seite hin alle die im Vorangehenden erwähnten Tatbestände und Problemstellungen, nach der anderen aber die Berücksichtigung der Erkenntnisleistung Rudolf Steiners. Diese Leistung wird heute im allgemeinen noch nicht als eine "wissenschaftliche" in dem Sinne, den dieser Begriff in der neueren Zeit erhalten hat, anerkannt. Und darum wird ihr innerhalb der wissenschaftlichen Forschung und Literatur unserer Zeit noch so gut wie keine Berücksichtigung zuteil. Nun lassen sich zwar die ganz außerordentlichen Schwierigkeiten, die ihrer Anerkennung von seiten der heute gültigen "Wissenschaft" im Wege stehen, durchaus verstehen und würdigen. Dennoch aber entspricht es nicht dem tiefsten und entscheidendsten Grundzug gerade der modernen Wissenschaftlichkeit, in dieser Nichtberücksichtigung weiterhin zu verharren, nachdem nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert seit dem Hervortreten dieser Leistung vergangen ist. Dieser Grundzug machte sich - im Gegensatz zu demjenigen der antiken und namentlich der mittelalterlich-scholastischen "Wissenschaft" - schon am Beginn ihrer Entwicklung, in den Tagen Bacons und Galileis, geltend. Er geht dahin, als oberste Instanz, die über den Wert unserer Vorstellungen zu entscheiden hat, die Tatsachen der Erfahrung anzuerkennen. Es gibt für den modernen Menschen keine Lehre, keine Theorie, die, kraft einer religiösen oder philosophischen Autorität, die hinter ihr steht, eine absolute, für alle Zeiten gültige Wahrheit beanspruchen könnte, nach welcher sich unsere Urteile über die Bedeutung von was immer für Tatsachen zu richten hätten. Vielmehr haben sich unsere Auffassungen und Theorien immer wieder nach den Tatsachen zu richten d.h. im Verhältnis zum Fortschritt der Tatsachenforschung oder zum Auftreten neuer Tatsachen selbst (z.B. auf dem Gebiete der Geschichte) unaufhörlich zu wandeln und zu berichtigen. Der Kampf zwischen eingewurzelten, mit der Autorität von Jahrhunderten ausgestatteten Meinungen und der Sprache der Tatsachen, der in den Zeiten Galileis zum erstenmal, gleichsam in urbildlicher Gestalt, entbrannte - er hat sich in den folgenden Jahrhunderten und bis zum heutigen Tage immer wieder erneuert, wo neugefundene oder neuentstandene Tatsachen mit Auffassungen zusammenstießen, die zur Herrschaft gekommen waren. Und immer mehr, wenn auch erst allmählich und nach schweren Auseinandersetzungen, mußten sich schließlich, dem Geiste moderner Wissenschaftlichkeit gemäß, die Auffassungen den Tatsachen beugen.

   Wohl niemals seit den Tagen des Kopernikus und Galilei sind auf dem Felde (S14) des menschlichen Erkenntnislebens überkommene Meinungen zu einer so radikalen Revision bis in ihre Fundamente hinein genötigt worden, wie dies in bezug auf die heute herrschende wissenschaftliche Denkweise überhaupt durch die Erscheinung Rudolf Steiners der Fall ist. Denn die letzten Jahrhunderte haben uns nicht nur Welten von neuen Beobachtungstatsachen erschlossen, sondern im Zusammenhang damit auch wiederum ganz bestimmte Auffassungen nicht nur über die Natur, sondern auch über den Menschen und speziell über seine Erkenntnismöglichkeiten entstehen lassen, die uns inzwischen so selbstverständlich geworden sind, sich so verfestigt und den Anschein absoluter Gültigkeit erlangt haben, daß wir uns der Eigenart und der historischen Bedingtheit derselben im allgemeinen gar nicht mehr bewußt werden. Diesen gegenüber handelt es sich bei der Erscheinung Rudolf Steiners in erster Linie gar nicht etwa um eine Summe von Auffassungen, die hergebrachten Auffassungen widersprechen, sondern um einen Tatbestand - freilich nicht des natürlichen, sondern des menschlichen Daseins, im engsten Sinne des menschlichen Erkenntnislebens, der zu den heute herrschenden Vorstellungen von menschlichen Erkenntnismöglichkeiten in krassem Widerspruche steht. Man hilft sich vorläufig über diese fatale Situation dadurch hinweg, daß man diesen Tatbestand entweder gar nicht zur Kenntnis nimmt oder ihn in der oberflächlichsten Weise in etwas anderes umdeutet. Auf die Dauer wird sich freilich diese Haltung nicht behaupten lassen, schon weil sie dem eigentlichen Geiste moderner Wissenschaftlichkeit selbst widerspricht. Es wird vielmehr über kurz oder lang nichts anderes übrig bleiben, als den in der Steinerschen Geistesforschung in Erscheinung getretenen Tatbestand als solchen anzuerkennen und jene Revision der Auffassungen über die Erkenntnismöglichkeiten des Menschen vorzunehmen, die durch diesen Tatbestand gefordert wird. Des weiteren aber den Gewinn sich zunutze zu machen, den das menschliche Erkennen auf allen Gebieten aus den Erkenntniserrungenschaften Steiners zu ziehen vermag. Wird dies einmal im großen Stile geschehen, dann wird sich aber zeigen, daß inmitten all der fruchtbaren Anstöße und Anregungen, welche die mannigfaltigsten anderen Forschungsgebiete von daher empfangen können , als der zentralste Impuls, der von der Anthroposophie für das menschliche Erkennen überhaupt ausstrahlen kann, derjenige angesehen werden muß, der sich auf das Verständnis der Geschichte bezieht. Hat doch auch Rudolf Steiner selbst schon im Beginne seines geistesforscherischen Wirkens als die allereigentlichste Mission der Anthroposophie die Grundlegung einer wahrhaften Geschichtserkenntnis bezeichnet. Durch die von ihr entwickelte "Lehre vom Menschen" ist in der Tat erst das Fundament für den Aufbau einer wirklichen Geschichtswissenschaft geschaffen worden.

   Unser Unternehmen, zum Aufbau einer solchen auf diesem Fundament einen Beitrag zu leisten, ist niccht das erste dieser Art. Wir haben hier vielmehr auf (S15) eine Reihe von vielbändigen Werken hinzuweisen, in denen bereits ähnliche Versuche in Angriff genommen worden sind. Es sind dies die "Beiträge zu Geistesgeschichte der Menschheit" von Emil Bock (bisher 7 Bände erschienen), die "Marksteine der Kulturgeschichte" von Sigismund von Gleich (durch den Tod des Verfassers mit dem 4. Band abbrechend), die "Beiträge zur Geschichte des Abendlandes" von Karl Heyer (bisher 8 Bände erschienen) und "Erde und Mensch" von Guenther Wachsmuth (3 Bände). Das erste der genannten Werke ist vornehmlich vom Gesichtspunkt des religiösen Lebens und seiner Entwicklung aus geschrieben - das zweite verfolgt das spezielle Ziel, zu zeigen, wie im Wandel der geschichtlichen Epochen und Kulturgestaltungen die geistige Impulsation und Inspiration wechselnder übermenschlich-hierarchischer "Zeitgeister" sich widerspiegelt, das dritte gibt ausschließlich den sozialgeschichtlichen Aspekt und das vierte (von dem für die Probleme der Geschichte nur der dritte Band "Werdegang der Menschheit" in Betracht kommt) skizziert das Bild, das sich vom naturwissenschaftlich-geographisch-kosmologischen Gesichtspunkt aus ergibt. Mit all diesen Werken verglichen trägt das vorliegende einen mehr philosophischen Charakter. Es beschäftigt sich vornehmlich mit den prinzipiellen Fragen einer Geschichtserkenntnis: den Problemen ihrer Methode, ihrer begrifflichen Grundkategorien, ihrer Begriffsbildung überhaupt und sucht sie, wie schon angedeutet, zugleich zu einer Lehr vom Menschen schlechthin zu erweitern bzw. zu vertiefen. Insofern darf es neben den genannten Werken eine selbständige Bedeutung und Berechtigung beanspruchen.

   Was nun seinen eigenen Inhalt betrifft, so beschränkt sich dieser auf die Behandlung einer begrenzten Anzahl von Problemen, und auch diese werden zum Teil nur von ganz bestimmten Gesichtspunkten aus betrachtet. So wird z.B. bei der Behandlung des Zeitproblems der astronomisch-kosmologische Aspekt desselben absichtlich nicht mit einbezogen. Wir glauben jedoch, daß die hier behandelten Probleme zu denjenigen gehören, denen für die Grundlegung einer Geschichtswissenschaft wesentlichste Bedeutung zukommt.

   Wie schon früher bemerkt, wird mit der hier gemeinten "Geschichtswissenschaft" kein "Totalwissen" von der Geschichte bzw. kein geschlossenes geschichtsphilosophisches System prätendiert - dann handelte es sich ja nicht um "Wissenschaft", sondern um "Philosophie" im überholten Sinne -, sondern eine bestimmte Methode der Geschichtserkenntnis - die ja auch von verschiedensten Seiten her charakterisiert wird -, um einen Erkenntnisweg zur Geschichte, der dann allerdings auch zu bestimmten Ergebnissen führt.

   Der Gang der Betrachtung ist ein solcher, daß er in der Folge der Kapitel gewissermaßen um seinen Gegenstand ringsherum führt und so allmählich ein allseitiges "plastisches" Bild von ihm gewinnen läßt. Es müssen also alle die verschiedenen "Ansichten" zusammengeschaut werden, wenn eine voll-(S16)ständige Vorstellung von dem erlangt werden soll, was in diesem Buche als das Wesen, die bestimmenden Kräfte und die innere Struktur des geschichtlichen Werdens zur Darstellung kommen möchte.

   In diesem ersten Bande "Erkenntnis und Erinnerung" wird hauptsächlich der Erkenntnispol im Verhältnis des Menschen zur Geschichte, das Element der Erinnerung und Überlieferung, seine Beziehung zur Vergangenheit, zur Vorgeschichte und Überlieferung, seine Beziehung zur Vergangenheit, zur Vorgeschichte und Urzeit betrachtet. In diesem Aspekte liegt es begründet, daß die Darstellung gleichsam mehr epischen Charakter trägt und auf dem von ihr gezeichneten Bilde der Geschichte das Element der Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit im Vordergrunde steht. Im zweiten Bande "Wille und Vorsehung" wird dann vornehmlich das willensmäßige Drinnenstehen des Menschen in der Geschichte, sein Verhältnis zur Zukunft, die Problematik des Moralischen zur Darstellung kommen. Dadurch wird in ihm mehr das Moment der Freiheit, des Kampfes mit den Mächten der Hemmnisse und Widerstände, der Auseinandersetzung mit dem Bösen in der Geschichte hervortreten und der Darstellung ein mehr dramatisches Gepräge verleihen. (Jetzt Band 3, denn in der Durchführung der ganzen Arbeit hat Hans Erhard Lauer einen mittleren - zweiten - Band eingeschoben, der sich mit dem Problem der Wiederverkörperung und dem Schicksal des Menschen befasst, das einen größeren Umfang angenommen hat als ursprünglich vorgesehen - kk).

   Bei dem ungeheuern Umfang des Gesamtthemas und der Einzelprobleme, die in dem Buche behandelt werden, kann die Darstellung in allen ihren Teilen selbstverständlich nur eine skizzenhafte sein. Auch glaubten wir im allgemeinen auf die Anführung der auf die verschiedenen Fachgebiete, die berührt werden, bezüglichen Spezialliteratur verzichten zu sollen; denn sie hätte eine uferlose werden müssen. Trotz der zahlreichen und mannigfaltigen Mängel, die einem Versuche wie dem hier unternommenen anhaften müssen, hoffen wir, daß man es uns nicht als Vermessenheit auslegen wird, einen so großen Wurf gewagt zu haben, und daß man dem, was hier entworfen wurde, die Anerkennung einer gewissen Gewichtigkeit nicht versagen werde.


Basel, im Oktober 1955                                                                                                              Dr. Hans Erhard Lauer

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nächstes Kapitel:  I. Geschichte, Vorgeschichte, Urzeit