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3. Fortschritt und Rückschritt in der Geschichte

Die Überkreuzung der Evolution der individuellen und der Involution der kollektiven Geistigkeit


I.

(S91)   Die Darstellung des geschichtlichen Fortschritts, die im letzten Kapitel gegeben wurde, sollte zeigen, daß dieser durch den stufenweisen Übergang der geistig-schöpferischen Kräfte der Menschheit vom Naturhaft-Gattungsmäßigen (Leiblichen) an das Individuelle (Seelische) zustandekommt. Indem das letztere dadurch in sich steigerndem Grade zum eigentlichen Träger der Geschichte wird, erlangt damit gleichzeitig auch die ihm eigene Daseinsgesetzlichkeit der Reinkarnation geschichtliche Bedeutung, dergestalt, daß sie den geschichtlichen Fortschritt erst recht eigentlich ermöglicht. Denn indem die einzelnen Seelen das, was sie an Geistigem sich durch die sich wandelnden Formen der Erziehung aneignen, durch die Folge ihrer Inkarnationen hindurchtragen und in dieser Folge vermehren, entsteht der Entwicklungsfortschritt. Er vollzieht sich in diesem Sinne in den einzelnen Individualitäten.

   Es konnte hieraus ersichtlich werden, daß der Irrtum der neueren Fortschrittstheorie, namentlich in der Auffassung, wie der biologische Evolutionismus des 19. Jahrhunderts sie vertreten hat, darin lag, daß sie den geschichtlichen Fortschritt unmittelbar als einen solchen der menschlichen Gattung verstand,  hat doch z.B. Nietzsche unter dem Einfluß der darwinistischen Lehre den Schritt zum "Übermenschen", zu dem sich der Mensch in Zukunft "hinaufentwickeln" solle, auf dem Wege der physischen Züchtung für erreichbar gehalten. Wir haben aber gesehen, daß alles, was als naturhaft Gattungsmäßiges im Menschen anzusprechen ist, im Verlauf der Geschichte einen Rückschritt in dem Sinne macht, daß seine ehemals herrschende Rolle immer mehr in eine dienende sich verwandelt. Im Folgenden werden wir nun noch von einem weiteren Gesichtspunkt aus zu zeigen haben, wie die im Gattungsmäßigen liegenden Kräfte immer mehr dahinschwinden bzw. in die Sphäre des Individuellen übergehen. Es findet eben in der Geschichte in der Tat nicht nur ein Fortschritt, sondern zugleich auch ein Rückschritt statt. Ein vollständiges Bild derselben ergibt sich daher nur, wenn neben dem ersteren auch der letztere (S92) gesehen wird. Dem Aufstieg des Individuellen steht der Abstieg des Naturhaft-Gattungsmäßigen gegenüber.

   Hierdurch erst erscheint im richtigen Lichte, was im Verlauf der Geschichte als fortschreitende Überwindung der verschiedenen Formen der Nah- oder Binnen-Ehe älterer Zeiten bzw. als fortschreitende Blutsmischung über die Grenzen der Familie, des Standes, des Volks, ja der Hautfarbe hinaus stattfindet. Wir wiesen ja schon im vorangehenden Kapitel darauf hin, wie in den alten Zeiten die Hautfarben und Völker blutsmäßig noch stark gegeneinander abgeschlossen waren. Aber auch innerhalb der einzelnen Völker bildeten die verschiedenen Stände, ja sogar Familien in sich abgeschlossene Blutsverbände. Im alten Ägypten z.B. kam noch in allen Bevölkerungsschichten die Geschwisterheirat vor; sie scheint - nach H.Günther (Formen und Urgeschichte der Ehe, 1940) - aber auch bei den vorislamischen Arabern, bei den Drawidastämmen Indiens und bei den Shingalesen Ceylons allgemein üblich gewesen zu sein. Vor allem aber war sie bei den Herrscherfamilien Altägyptens wie auch bei den Inkas in Peru die Regel. Eine standesmäßige Binnenheirat bestand im strengsten Sinne insbesondere innerhalb der Kasten Indiens, - und eine volksmäßige bekanntlich am augeprägtesten bei den alten Hebräern. Die standesmäßige Binnenehe hat sich selbst in Europa bis in die letzten Jahrhunderte erhalten, und innerhalb der Fürstenhäuser ist sie bis auf unsere Tage Gebot geblieben. Alle diese Formen einer in bestimmten Grenzen gehaltenen Blutsmischung dienten der Erhaltung von gattungsmäßig-typischen Fähigkeiten.

   Wenn heute besonders die familien- und standesmäßige Inzucht im allgemeinen als zur Degeneration führend betrachtet wird, so glaubt zwar Günther (a.a.O.) demgegenüber feststellen zu müssen: "Die Geschwisterehen in Pharaonen- und Inkafamilien, bei den persischen Achämeniden und den makedonischen Ptolemäern haben Geschlechterfolgen hervorragender Menschen ergeben, - woraus die Erblichkeitsforschung nicht den Schluß gezogen hat, Inzucht könne hohe Begabung bewirken, sondern nur den Schluß, daß die Vorfahren dieser in Geschwisterehen sich verbindenden Famlilie ungewöhnlich erbgesund und erbtüchtig gewesen sein müssen. So schadet also nicht etwa die Verwandtenheirat an sich, sondern immer nur die Häufung gleichsinniger minderwertiger Anlagen... Verwandtenehe kann also sowohl erbsteigernd wie erschädigend wirken." Schon Gobineau hat im 19. Jahrhundert in seinem "Versuch über die Ungleichheit der Menschengruppen" sogar die Meinung vertreten, daß die Vermischung "edlerer" mit "unedleren" Gruppen (speziell der weißen als der hauptsächlichsten Trägerin der geschichtlichen Kulturen mit anderen, tieferstehenden Gruppen) nicht zur Aufbesserung der letzteren, sondern zur Verschlechterung der ersteren geführt habe, und daraus die These von einer allgemeinen Nivellierung und Dekadenz der Menschheit in bezug auf ihr Erbgut abgeleitet. Aus ähnlichen Anschauungen heraus, (S93) welche die Kultur vornehmlich als eine Schöpfung der Blutsverbände (namentlich der "nordischen") auffaßten (H.St.Chamberlain) hat der deutsche Nationalsozialismus in unserem Jahrhundert dem "Kulturverfall" dadurch "Einhalt zu gebieten" versucht, daß er wiederum einen reinen Typus der "arischen" Rasse zu züchten unternahm. Abgesehen von der Barbarei, die in den hierzu dienen sollenden Maßnahmen der Ausstoßung und versuchten Ausrottung des Judentums, der Sterilisierung Erbkranker und der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" lag, sind alle solche Auffassungen blind für den Unterschied zwischen den gattungsmäßigen und den individuellen Kulturschöpferkräften bzw. für den Wechsel von den ersteren zu den letzteren, der sich im Lauf der Geschichte vollzieht. Als bloß biologischen Theorien entgeht ihnen überhaupt das Wesen des Geschichtlichen; sie kennen schlechterdings nur typisch-gattungsmäßige Fähigkeiten, daher diese ihnen denn auch als die einzige Quelle aller Kulturschöpfung erscheinen. Was nun in der Blutsmischung zwischen Ständen, Völkern und Hautfarben als "Degeneration" zum Ausdruck kommt, ist allerdings der Verfall jener gattungsmäßig-typischen Fähigkeiten, aus denen die kulturschöpferischen Leistungen älterer Epochen erflossen sind. Diese Blutsmischung ist aber nicht die Ursache dieser Degeneration. Sie ist vielmehr ihre Folge und zugleich das Mittel, durch welches die Grundlage für das Wirken der neuen, individuellen Schöpferkräfte entsteht. Würde sie heute aufgehoben, so träte der Verfall der gattungsmäßigen Kräfte nur umso deutlicher hervor; denn es würde dadurch zugleich der Weg verschlossen, auf allein dieser Verfall wettgemacht werden kann: der Weg zur Auswirkung der individuellen Fähigkeiten, welche die Menschen in unserer Zeit als Früchte früherer Erdenleben durch die Geburt ins Erdendasein hereinbringen. Wenn in älteren Zeiten gerade in Herrschergeschlechtern die Inzucht im kleinsten Kreise der Familie gepflegt wurde, so deshalb, weil deren Begabungen in reinster Form die für einen volksmäßigen Blutsverband typischen nationalgeistigen Fähigkeiten repräsentierten. Und wenn in unserer Zeit wiederum gerade in Fürstenhäusern am stärksten die Zeichen der Degeneration in Erscheinung traten, so aus dem Grunde, weil solche oder ähnliche Inzucht heute, im Zeitalter der vollen Individualisierung, nurmehr die heruntergekommenen, "erbschädigenden" Formen jener einstigen Gattungskräfte sich summieren läßt und entweder dem Durchbruch des Individuellen besondere Hemmnisse entgegensetzt oder aber nur für die Verkörperung von schwachen, in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Individualitäten die Möglichkeit bietet.

   Das wahre Fortschrittselement der Geschichte liegt also im Individuellen. Dieses kann als solches aber nur durch die Tatsache der Reinkarnation und durch die in der Blutsmischung stattfindende Abdämpfung der im Verfall befindlichen gattungsmäßig-typischen Kräfte zur Geltung kommen.

   Gäbe es die Tatsache der Wiederverkörperung nicht, so könnte, was an (S94) blutsmäßig vererbten typischen Kräften dahinschwindet, trotz der Blutsmischung durch den Fortschritt der individuellen nicht wirklich ersetzt werden. Dies ist nur möglich, wenn die Träger der individuellen Kräfte: die einzelnen Individualitäten ebenso durch die ganze Geschichte hindurchgehen, wie der Träger der Gattungskräfte: die physische Erbfolge es tut. Versuchen wir, diese beiden Ströme durch eine schematische Zeichnung anzudeuten, so ergibt sich folgendes Bild:

   Lebte dagegen der einzelne Mensch nur einmal, so könnte das, was er in der kurzen Zeit eines einzigen Erdendaseins durch Überlieferung und Erziehung an individuellen Kräften sich anzueignen vermag, kein Äquivalent dessen bilden, was an vererbbaren Kräften im Ganzen der Geschichte verloren geht. Es ergäbe sich folgendes Bild:

 

 

 

 

   Der Niedergang im Ganzen der Geschichte - im Sinne der Vorstellungen Gobineus u.a. - wäre dadurch nicht aufzuhalten. Ein vollwertiger Ersatz desjenigen, was im Lauf der Geschichte dahinschwindet, läßt sich nur erringen, wenn die Entwicklung der individuellen Kräfte durch dieselben Individualitäten in wiederholten Verkörperungen durch die ganze Geschichte hindurch fortgesetzt werden kann.

   Eine solche Auffassung von der inneren Natur des geschichtlichen Werdens müßte allerdings zu dem Schlusse führen, daß den beiden Arten von Kräften: den von Generation zu Generation sich vererbenden gattungsmäßigen und den von Inkarnation zu Inkarnation gehenden individuellen, abgesehen von diesem Unterschied zwischen ihnen, doch auch etwas Gemeinsames, Vergleichbares eigen sei. Sonst könnte ja von einem Ersatz der einen durch die anderen nicht gesprochen werden. Wenn wir uns durch einen Vergleich verdeutlichen (S95) dürfen: Ich kann in einem bestimmten Momente meines Lebens ein Vermögen von einer bestimmten Größe entweder dadurch besitzen, daß ich es von meinen Eltern geerbt, oder aber dadurch, daß ich es durch eigene Arbeit erworben habe. Die innere Beziehung zu demselben wird zwar im letzeren Falle eine andere sein als im ersteren. Der Betrag des Vermögens ist aber doch in beiden Fällen derselbe. So wäre anzunehmen, daß die Menschheit in irgendeinem geschichtlichen Zeitpunkt über ein bestimmtes "Vermögen" an geistig-schöpferischen Kräften verfügte. Die eine Frage, die bezüglich dieses Vermögens gestellt werden könnte, wäre dann diese, ob es sich hierbei um gattungsmäßige oder um individuelle Kräfte handelt bzw. in welcher Relation in diesem die ersteren und die letzteren zueinander stehen. Die andere Frage, die gestellt werden könnte, wäre die nach der absoluten Größe dieses Vermögens.

   Was sich in Konsequenz der vorangehenden Darlegungen in solcher Weise als Annahme aufdrängt, wird durch die Ergebnisse der geisteswissenschaftlichen Forschung als Tatsache bestätigt. Diese zeigen, daß wir es zwar in der Folge der geschichtlichen Epochen mit verschiedenen Arten oder Stufen von individuellen und von gattungsmäßigen Kräften zu tun haben, daß aber zwischen denjenigen der ersteren und jenen der letzteren eine qualitative Verwandtschaft besteht, die allerdings in umgekehrter zeitlicher Folge zur Erscheinung kommt.


II.

   Fassen wir, um dies im Konkreten aufzuweisen, zunächst die Mitte der Geschichte ins Auge, die wir im ersten Bande als die vierte in der Folge ihrer sieben Epochen kennengelernt haben: es ist diejenige, welche in der Hauptsache durch die griechisch-römische Antike repräsentiert wird, deren Blüteperiode ja auch Jaspers als die "Achsenzeit" der Geschichte bezeichnet. Wie verhält es sich in ihr mit der "absoluten Größe" des "Vermögens" der Menschheit an geistig-schöpferischen Fähigkeiten und dem "prozentualen" Anteil von gattungsmäßig-kollektiven und von individuellen Kräften an demselben?

   Wir haben bereits von den verschiedensten Gesichtspunkten aus charakterisiert, wie in jener Epoche, und besonders eben in der griechisch-römischen Kultur, die Fähigkeit des Denkens, deren Entwicklung ja das "Grundthema" der Geschichte überhaupt bildet, aus einer noch mehr oder weniger instinktiven, als welche sie in den vorgriechischen Kulturen und auch noch in der Frühzeit des Griechen- und Römertums selbst betätigt worden ist, in eine individuell und bewußt gehandhabte sich verwandelt. Dieser Übergang kommt einerseits darin zum Ausdruck, daß sich in der philosophischen Entwicklung (S96) bis Sokrates hin aus der noch halbmythischen Bildhaftigkeit des Vorstellens der reine, bildlose Begriff herausringt; andererseits darin, daß mit der individuellen Betätigung des Denkens in jenen Jahrhunderten die menschliche Persönlichkeit aus der früheren Blutskollektivität sich emanzipiert. Und die bewußte Betätigung des Denkens führt schließlich zur Entdeckung und Darstellung der ihm innewohnenden Gesetze durch Aristoteles, dessen Logik seitdem für zwei Jahrtausende zum grundlegenden Schulungsbuch des Denkens geworden ist. Hier, an diesem Punkte der Geschichte ist es, wo das Individuelle erstmals deutlich aus dem Gattungsmäßig-Typischen heraus- und über dieses hinauswächst.

   Wir hatten allerdings auch schon mehrfach darauf hinzuweisen, daß in der griechisch-römischen Antike das Denken noch von anderer Art war, als es in der neueren Zeit geworden ist. Platos Ideenlehre im ganzen sowie die häufige Verwendung von mythischen Bildern in seinen Dialogen beweisen, daß auch damals das Denken den Charakter der "Bildschau" noch nicht restlos abgestreift hatte. Es war - wie wir uns an früherer Stelle ausdrückten - noch nicht zu jenem höchsten Grad der Abstraktionsfähigkeit aufgestiegen, den es erst in unserer Epoche erreicht und der es ihm erst in dieser möglich gemacht hat, in die Gesetzmäßigkeit des Anorganisch-Physikalisch-Mechanischen voll einzudringen. Dies zeigt auch die Auffassung des Aristoteles vom Begriff als dem in den Dingen selbst enthaltenen Form-Element, die in der scholastischen Lehre von den "universalia in rebus" fortgelebt hat. Denn das Physikalisch-Tote ist das Formlose, Amorphe; für ein noch in Formen, Gestalten, Bildern webendes Denken ist es nicht faßbar. Aus dieser aristotelischen Lehre wird außerdem ersichtlich, daß der Begriff damals noch nicht ausschließlich als die Schöpfung des menschlichen Denkens betrachtet wurde, - weshalb Logik und Metaphysik sich noch nicht voneinander geschieden hatten. Und hierdurch wiederum war es bedingt, daß Aristoteles den nun poietikos (schöpferischen Verstand) noch nicht eindeutig dem Individuellen des Menschen zugeschrieben hat, so daß die Frage dieser Zugehörigkeit im Mittelalter zum Streitpunkt zwischen Thomas Aquinas und den arabischen Aristotelikern werden konnte. Schließlich hängt es mit all dem zusammen, daß für den Griechen - wie im vorigen Kapitel ausgeführt - der Repräsentant des Menschlichen schlechthin noch nicht das Individuelle als solches war, sondern noch ein Allgemeines, Typisches, das er u.a. in der zum Staat organisierten Gesellschaft sah, - daher denn der Mensch für ihn das Zoon politikon darstellte. So schiebt sich also damals zwischen das Naturhaft-Gattungsmäßige und das Geistig-Individuelle als den Übergang bildendes Zwischenglied die staatliche Gemeinschaft ein. Für die durch alle diese Merkmale gekennzeichnete Stufe der Intellektual- und Individualentwicklung wollen wir im Folgenden - der Kürze halber - den (S97) Terminus technicus der "Verstandesseele" verwenden, den Rudolf Steiner für sie geprägt hat (Siehe z.B. seine "Theosophie").

   Innerhalb der Sphäre dieses "Verstandesseelentums" weben und wellen Gattungsmäßiges und Individuelles gleichsam noch als ein Gleichgeartetes, Verwandtes ineinander. In der Tat erwächst die zum rein Begrifflichen hintendierende Intellektualentwicklung bei Griechen und Römern, dort auf dem Gebiete der Erkenntnisbildung, hier auf demjenigen der Rechtsschöpfung, aus ihren spezifischen Volksveranlagungen heraus, die sich in der Zeit ihrer Entfaltung gegenüber den aus den vorderasiatischen Kulturen nachwirkenden Einflüssen kraftvoll in ihrer Eigenart durchsetzen. Diese Veranlagungen stellen die Angehörigen dieser Völker für ihr Erleben in eine vom Nus, vom Logos, d.h. vom Gedankenelemente durchwaltete, durchwirkte und zum Kosmos geordnete Welt hinein. Sie unterscheiden sich darin von den Anlagen östlicher Völker wie der Inder und der Chinesen, innerhalb derer sich in jener Zeit nur Einzelne in dieses Element des Erlebens hinaufarbeiteten, während für die große Masse der Bevölkerung die Welt von göttlichen und dämonischen Wesen, von Ahnen und Geistern bevölkert blieb, die durch Opfer, kultische Riten und magische Praktiken beschworen und gebannt wurden. In ihrem weiteren Fortgange wird diese intellektuelle Entwicklung in der Mittelmeerantike dann aber immer mehr die Sache der Einzelnen als solcher, ihrer Erziehung und Bildung, ihrer denkerischen Bemühungen und dialektischen Auseinandersetzungen. Damit löst sich der Gedanke, der in der Hochblüte der Nationalkultur noch gleichmäßig der Welt und der menschlichen Seele angehört hatte, immer mehr von der Welt los, erfährt eine seelische Verinnerlichung, - wie andererseits die Persönlichkeit sich immer mehr aus ihren politischen und standesmäßigen Gebundenheiten befreit und sich auf sich selbst stellt, - was ja im Skeptizismus und Stoizismus des Spätgriechentums deutlich zum Ausdrucke kommt.

   Der Gleichklang des Gattungsmäßigen und des Individuellen, der jedoch die klassische Zeit des Griechen- und Römertums kennzeichnet, macht noch von einer anderen Seite her jene Harmonie zwischen Leiblichem und Geistigem verständlich, die wir im vorigen Kapitel als einen Grundzug griechischen Wesens und griechischer Erziehungsideale hervorgehoben haben. Er erklärt auch die besondere Art, in der in Hellas und Rom zuerst im staatlichen Leben das Prinzip der Demokratie auftrat: es bestand ja nicht wie das heutige in dem organisierten Recht, die (meist nur wirtschaftlichen) Interessen des Einzelnen oder einzelner Gruppen vertreten zu können, sondern darin, daß jeder Bürger durch zeitweilige Bekleidung eines Regierungsamtes zum Repräsentanten der Gesamtheit werden, - daß jeder Einzelne zeitweilig die Allgemeinheit (S98) vertreten konnte. Das Vermögen an geistig-schöpferischen Kräften, über das die Menschheit damals verfügte, setzte sich also sozusagen zu gleichen Teilen aus gattungsmäßigen und aus individuellen Kräften zusammen. Die beiden hielten sich in ihm die Waage. Und die Qualität dieser beiden Kräfte war die des Verstandesseelentums.

   Wir dürfen also, in genauerer Ausführung er ersten der oben gekennzeichneten schematischen Verbildlichungen, die vierte, vornehmlich durch die griechisch-römische Antike repräsentierte Epoche der Geschichte in die Mitte dieser Zeichnung setzen.

   Aus dieser Zeichnung ginge allerdings zugleich noch ein Weiteres hervor: nämlich daß, wenn wir von dieser vierten, mittleren Epoche sei es nach rückwärts zur dritten (derjenigen der ersten geschichtlichen Hochkulturen) oder nach vorwärts zur fünften (unserer gegenwärtigen) übergehen, wir es mit Zeitaltern zu tun hätten, in welchen das Individuelle und das Gattungsmäßige sich nicht mehr in derselben Weise wie in der mittleren überschneiden und durchdringen, sondern auseinanderklaffen. Und zwar geschähe das einerseits in gleichem Maße, andererseits aber in umgekehrt verschiedener Art, so daß sich daraus eine spiegelbildliche Beziehung zwischen ihnen ergäbe: Auf das Niveau, auf welchem die Individualkräfte in der dritten Epoche standen, sänken in der fünften die gattungsmäßigen herunter, - und zur Höhe, auf welcher damals die Gattungskräfte sich befanden, erhöhen sich jetzt die Individualkräfte. Für die geisteswissenschaftliche Betrachtung der Geschichte stellen sich auch Charakter und Verhältnis der beiden genannten Epochen in der Tat als dieser Zeichnung entsprechend dar.

   Wie wäre die Stufe der Intellektual- bzw. Individualentwicklung zu kennzeichnen, welche der vom Griechen- und Römertum erreichten während der ersten geschichtlichen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens voranging? Wir haben sie im ersten Bande bereits von verschiedenen Gesichtspunkten aus geschildert. Wir hoben hervor, wie von einer Philosophie im eigentlichen Sinn in jener Zeit noch nicht gesprochen werden kann, da das menschliche Vorstellen damals, mindestens bezüglich "weltanschaulicher" Probleme, sich noch ganz in mythologischen Sinnbildern bewegte, welche als letzte Reste einer ehemaligen Kollektiverinnerung sich auf Geschehnisse einer (S99) urzeitlich-vorgeschichtlichen Vergangenheit bezogen, - daher sie denn zumeist Weltentstehung, Menschenschöpfung und erste Kulturbegründung zum Inhalt hatten. Dieses Weben in Bildern kam in dem unperspektivischen Flächenstil und der symbolischen Darstellungsweise der damaligen malerisch-zeichnerischen und Reliefkunst, aber auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß die Schriftsysteme der ersten Hochkulturen auf der Stufe der Bilderschrift stehengeblieben sind. Die Erziehung - so schilderten wir im vorangehenden Kapitel - appellierte noch nicht an das selbständige Genken, zielte noch nicht auf die Entfaltung der schöpferischen Kräfte der Individualität, sondern bestand einerseits in der Übermittlung geheiligter Überlieferungen und bereitete andererseits auf die unmittelbar praktische Betätigung im Sinne überkommener Bräuche und künstlerisch-technischer Handhabungen vor. Die Lehrenden wirkten kraft der Autorität, die all diesen Traditionen zukam. Die Einzelpersönlichkeit empfand sich in jener Zeit denn auch im allgemeinen noch ganz als Glied der volks- und standes- bzw. kastenmäßigen Blutszusammenhänge, wenn auch diese Bande schon damals sich zu lockern begannen. Die Gesetze im moralischen und im rechtlichen Sinne hatten sich noch nicht voneinander geschieden, sondern wurden als einheitliche moralisch-rechtliche Gebote durch Priester oder Priesterkönige als der Wille der Götter übermittelt. Wir wollen für die durch all dies gekennzeichnete Stufe dieser einen Entwicklungsströmung im folgenden den Terminus "Empfindungsseele" verwenden, den Steiner im Hinblick darauf geprägt hat, daß die Inhalte des damaligen Geisteslebens noch nicht in ein eigentliches Denken, sondern in ein von religiös-verehrender Empfindung getragenes sinnbildliches Vorstellen aufgenommen wurden.

   Nun wäre aus ihr allein heraus aber nicht in seinem ganzen Umfange erklärbar, was die ersten Hochkulturen an für sie charakteristischen geschichtlichen Leistungen hervorgebracht haben. Zu ihr kommt vielmehr als ein zweites Element dasjenige hinzu, das als kollektigeistig-instinktive Schöpferkraft in den Veranlagungen der Völker gelegen hat, welche die Träger jener Kulturen gewesen sind. Dieses zweite Element bestand hier nicht, wie bei den Griechen und Römern, in dem Hingeordnetsein des Erlebens auf den die Welt durchwaltenden und zum Kosmos ordnenden Nus bzw. Logos, sondern in dem diesen Vökern eigentümlichen, intimen Vertrautsein mit den Geheimnissen der stofflich-materiellen Welt, - in ihrer Fähigkeit, diese Welt erkennend zu durchdringen, technisch zu bewältigen, künstlerisch zu gestalten und machtmäßig zu erobern und zu beherrschen. Die "Materie" war für diese Völker noch nicht - wie für die Griechen - zur an sich selbst formlosen Stofflichkeit erstorben, sondern noch von einem geheimnisvollen Eigenleben erfüllt, mit dem sie seelisch noch durch die letzten Reste ehemaliger magischer Fähigkeiten verbunden waren. Sie offenbarte ihnen noch etwas von den (S100) Geheimnissen des Erdenmuttertums, das in anderer Art auch in den mutterrechtlichen Prinzipien fortwirkte, die die Sozialverfassung aller dieser Kulturen in höherem oder geringerem Grade mitbestimmten und von dem ihnen mit zugrundeliegenden frühgeschichtlichen Pflanzertum herstammten. Hier ist fürs erste hinzuweisen auf die von den Ägyptern begründete Alchimie, wie sie z.B. in ihrer Kunst der Leichenmumifiszierung nutzbar wurde, - auf ihre Heilkunst, die ihre Diagnostik und Therapie noch auf die Erlebnisse begründete, welche die zu Heilenden im Tempelschlaft durchmachten, - auf ihren Tierkult, in dem Anklänge an den vorgeschichtlichen Totemismus fortlebten, - auf die astronomisch-astrologischen Kenntnisse insbesondere der Chaldäer, aus denen die damaligen Kalenderordnungen erflossen, - und auf die mathematisch-geometrische Weisheit, die in die Formen und Proportionen der Pyramiden hineingeheimnißt wurde. Zum zweiten auf die erstaunlichen technischen Leistungen der Wasserregulierung in den Stromtälern des Nils, des Euphrats, des Hoanghos usw., - aber auch auf die nicht geringeren der gewaltigen Bauwerke der Pyramiden und Zikkurate, der Königspaläste und Felsentempel, und schließlich auf die Leistungen der bildenden Kunst, der Stein- und Metallbearbeitung zu den verschiedensten kunstgewerblichen Zwecken. Zum dritten auf die Aufrichtung der "Weltreiche", die in politischer Beziehung allen jenen Kulturen den Stempel aufdrückte, mit all dem, was an kriegerischer Machtentfaltung und bürokratischer Verwaltungsapparatur zu ihrer Aufrechterhaltung notwendig war. All dies entstammte des spezifischen instinktiven Begabungen jener Völker. Es bezeugt sich dies vor allem durch zwei Umstände: einmal dadurch, daß die Leistungen und Errungenschaften auf all den erwähnten Gebieten, soweit sich sich nicht an den Namen von Herrschern knüpfen, mit ganz wenigen Ausnahmen anonymen Ursprungs sind, - zum andern dadurch, daß die geistige Produktivität nach allen diesen Richtungen hin am größten und mächtigsten in den Frühzeiten dieser Kulturen war und im Verlauf ihrer Geschichte immer mehr abnahm und schließlich in völlige Erstarrung überging. Denn die instinktiven Kräfte stellen ja den absteigenden Ast ihrer Entwicklung dar. Und was in den Erziehungs- und Bildungsinstitutionen jener Kulturen gelehrt und von Generation zu Generation überliefert wurde, das war ja nur das in die ersten noch primitiven Formen der intellektuell-bewußten Erfassung und Aneignung gegossene Erbgut, dessen ursprüngliche Quelle keineswegs in intellektuellen Bemühungen, sondern in einem aus den instinktiven Begabungen erflossenen "Wissen" und Können gelegen hatte. Es stellte die erste Stufe in der Umwandlung von gattungsmäßigen in individuelle Fähigkeiten dar.

   Die Könige aber, deren Namen fast als einzige uns aus diesen Kulturen überliefert sind, waren entweder, wie in Ägypten, selbst zugleich die höchsten Priester oder, wie in Mesopotamien, von Priestern der Mysterientempel als (S101) ihren Beratern umgeben. Und das wesentlichste Ziel, das durch die Einweihung in die damaligen Mysterien angestrebt wurde, bestand darin, die Einzweihenden zu der in ihren Völkern wirkenden Kollektivgeistigkeit in eine bewußt erlebte Beziehung zu bringen, - sie instand zu setzen, sich bewußt im Sinne der Wirkungsweise dieser Kollektivgeistigkeit zu betätigen; - daher denn auch die eingeweihten Priesterkönige als Repräsentanten oder geradezu als Inkarnation dieser als Volksgeister oder Nationalgötter verbildlichten Geistigkeit betrachtet wurden. Ganz allgemein aber wurde innerhalb der Mysterien einem Eingeweihten, der eine bestimmte hohe Stufe der Initiation erreicht hatte, zum Zeichen hierfür der Name seines Volkstums verliehen. Daß der Ursprung all der erwähnten Kulturschöpfungen und geschichtlichen Leistungen in den instinktiv-kollektivgeistigen Begabungen der betreffenden Völker liegt, ist daher gleichbedeutend damit, daß er im Mysterienwesen und in dem von diesem gepflegten Geheimwissen jener geschichtlichen Epoche gesucht werden muß. Es beweist sich dies schließlich auch dadurch, daß dieses Geheimwissen von den in dasselbe Eingeweihten nicht als ihr geistiges "Privateigentum" betrachtet und behandelt werden durfte, sondern als das "Gemeineigentum" ihrer Mysteriengemeinschaften, über welches nur von diesen in ihrer Gesamtheit verfügt werden konnte. Auf den "Verrat" desselben an Uneingeweihte stand daher bekanntlich die Todesstrafe. Dennoch bleibt ohne die gebührende Berücksichtigung seiner Bedeutung und Wirksamkeit die ganze Kulturentfaltung dieser Epoche unverständlich. Das allmähliche Versiegen der kollektivgeistigen Schöpferkräfte dieser Völker hat denn auch seine genaue Parallele in dem stufenweisen Niedergang des Mysterienwesens. Dieses wurde selbst auch immer mehr zum bloßen Bewahrer erstarrter Überlieferungen.

   Im Ganzen gesehen ist unbestreitbar, daß durch das Zusammenwirken von Mysterienwesen und instinktiver Volksgeistigkeit gekennzeichnete geschichtlich-kulturelle Schaffen, weil eben in seiner Sphäre damals noch der Schwerpunkt der geistigen Produktivität lag, den ersten Hochkulturen in weit höherem Maße ihre Größe und ihren Glanz verliehen hat als die erstgeschilderte damalige Stufe der Intellektual- bzw. Individualentwicklung. Ja in gewisser Beziehung liegt das Eigentümliche jener Kulturen gerade in dem zu höchster Vollendung gesteigerten künstlerischen, technischen und organisatorischen Können, mit welchem eine in bezug auf Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung der Persönlichkeit uns noch verhältnismäßig primitiv erscheinende Kultur sich ihre Ausformung gegeben hat. Eben deshalb hat aber auch der allmähliche Verfall dieses naturhaft-schöpferischen Vermögens und die dadurch bedingte Erstarrung in der Tradition den Gesamthabitus und das Schicksal dieser Kulturen in ihrer Spätzeit weit stärker bestimmt als die sich geltend machende Verselbständigung der Einzelpersönlichkeit. In der (S102) Übermacht des ersteren Prozesses über den letzteren liegt z.B. in Ägypten die Tragödie Echnatons und das Scheitern des von ihm unternommenen Reformversuchs begründet.

   Für jene besondere Beziehung zu den Stoffen und Kräften der sinnlich-physischen Welt, die in all den genannten schöpferischen Leistungen der ersten Hochkulturen sich dokumentierte, prägte Steiner - im Hinblick allerdings auf die andersgeartete Form, in der sie in unserer Epoche wiederaufgetreten ist - den Terminus "Bewußtseinsseele". Er würde hinsichtlich der dritten Epoche nur für die Eingeweihten der Mysterien gegolten haben.

   Damit kommen wir zur Charakteristik der spiegelbildlich entgegengesetzten Gestalt, in welcher die Zweiheit und Diskrepanz von individuellen und gattungsmäßig-instinktiven Kräften im gegenwärtigen, fünften Zeitalter der geschichtlichen Entwicklung wieder in Erscheinung getreten ist. Auch dieses zeichnet sich ja, namentlich im Unterschied von der vorangehenden antik-mittelalterlichen Periode, wiederum aus durch eine besondere Hinwendung zur sinnlich-materiellen Welt, und durch eine besondere Fähigkeit, ihre Erscheinungen erkenntnismäßig zu durchdringen, ihre Stoffe und Kräfte technisch zu beherrschen und wirtschaftlich zu nutzen. Die Entwicklung der modernen Naturwissenschaft in Physik, Chemie, Biologie, Astronomie usw., die seit den Entdeckungsfahrten des 15. Jahrhunderts ununterbrochen fortschreitende wissenschaftliche Erforschung, machtmäßige Aufteilung und wirtschaftliche Erschließung des gesamten Erdballs, die seit dem 18. Jahrhundert einsetzende Entstehung des Maschinenwesens und der damit sich entwickelnde Industrialismus und Weltverkehr sind der Ausdruck hierfür. Oftmals schon sind Naturerkenntnis, Stoffesbemeisterung, technische Leistungen, imperialistische Machtentfaltung der ersten Hochkulturen mit den genannten analogen Erscheinungen unserer Zeit verglichen worden. Ägyptischer Tierkult und moderner Darwinismus, einstmalige Alchimie und heutige Chemie, die ägyptische Kunst der Mumifizierung und die Sezierkunst der heutigen Anatomie, die babylonischen Turmbauten und die modernen Wolkenkratzer, die Bürokratie von damals und von heute, der Absolutismus der ägyptischen und babylonischen Gottkönige und der modernen Diktatoren und vieles andere, was noch angeführt werden könnte, zeigen in der Tat geistige Verwandtschaft. Bezeichnend ist auch, daß erst seit dem 19. Jahrhundert die Schriftsysteme jener alten Kulturen wieder entziffert und diese dadurch wieder in den Gesichtskreis der neueren Menschheit eingetreten sind. Und schießlich hat die Tiefenpsychologie des 20. Jahrhunderts die unbewußte Kollektivgeistigkeit als die wesentliche Quelle der schöpferischen Leistungen jener archaischen Kulturen erst wieder dem Blick und dem Verständnis weiter Kreise erschlossen. Und doch steht allen diesen Verwandtschaften ein charakteristischer Unterschied gegenüber! Was einstmals in den Mysterien als geheimes Wissen (S103) gepflegt und nur wenigen, die dafür als geeignet befunden wurden, nach vielen Prüfungen zugänglich gemacht wurde, ist heute zur öffentlich gepflegten wissenschaftlichen Forschung geworden, an der jeder nach eigenem Willen und nach dem Maße seiner Fähigkeiten teilnehmen und deren Ergebnisse jeder nach seinen eigenen Zwecken darstellen und nutzen kann. Und während einstmals der Ursprung der geistigen, künstlerischen, allgemein-kulturellen Errungenschaften im Dunkel der Anonymität sich verlor oder auf halbgöttliche Heroen einer fernen Vorzeit zurückgeführt wurde, ist heute jede wissenschaftliche Entdeckung, jede künstlerische Schöpfung, jede technische Erfindung für immer mit dem Namen ihres Urhebers verknüpft, dessen Rechte gesetzlichen Schutz genießen. In all dem kommt die Tatsache zum Ausdruck, daß aller Fortschritt in Forschung, Technik und sozialer Gestaltung heute an die geistigen Errungenschaften gebunden ist, welche Einzelne aus ihren individuellen Kräften und Bemühungen heraus zu machen vermögen, und für welche die freie Betätigung der letzteren eine unerläßliche Voraussetzung bildet. Und damit ist schon auf den anderen Unterschied gewiesen: daß wir es heute in diesem ganzen Element unserer Kultur mit den individuellen Kräften und d.h. mit der fortschreitenden Strömung zu tun haben, - erweist sich doch auch alles, was mit der Eroberung und Beherrschung der materiellen Welt zu tun hat, als in einem ununterbrochenen, unaufhaltsamen Fortschritt begriffen. In der dritten Epoche dagegen erfloß dieses Kulturelement aus dem in einem rückschreitenden Prozeß befindlichen Schöpfertum der Gattungskräfte. Und schließlich. wie damals der Schwerpunkt der kulturschöpferischen Kräfte in der Sphäre dieser im Rückgang befindlichen gattungsmäßigen Fähigkeiten lag, so läßt sich wiederum nicht bestreiten, daß dasjenige, was unserer gegenwärtigen Kultur ihre Größe und ihren Glanz verleiht, in den Leistungen liegt, die in bezug auf erkenntnismäßige Durchdringung und technisch-machtmäßige Beherrschung der materiellen Welt aus den stetig fortschreitenden individuellen Fähigkeiten heraus zustandegebracht wurden und werden.

   Diesen steht nun, obzwar, wie auch schon in alten Zeiten - nur umgekehrt - unlösbar mit ihnen verbunden, gegenüber, was heute als gattungsmäßig-naturhafte Fähigkeiten bezeichnet werden muß. Allerdings erscheinen diese bei der heutigen blutsmäßigen Vermischung von Völkern, Ständen und Hautfarben und angesichts der immer mehr sich vereinheitlichenden heutigen Weltzivilisation immer weniger an einzelne, begrenzte Blutsverbände geknüpft als vielmehr als naturhafte Anlagen zunächst der westlichen, im weiteren Sinne aber der gegenwärtigen Menschheit überhaupt. Diese Fähigkeiten sind heute auf die Stufe der Empfingdungsseele heruntergesunken. Sie stellen den Angehörigen der gegenwärtigen Menschheit für sein Erleben nicht mehr wie einst demjenigen der klassischen Antike oder selbst noch des Mittelalters in (S104) eine von Ideen oder Universalien durchwaltete und durchformte Welt hinein. Sie bezeugen sich vielmehr zunächst auch wieder in einem Drang, Bilder zu schauen. Nur gestaltet sich - abgesehen von Ausnahmefällen wie etwa Goethe, für dessen Blick alles "Sinnliche" sich zugleich als "Sittliches" (Farbenlehre), alles "Vergängliche" sich nur als ein "Gleichnis" eines Unvergänglichen darstellte - dieses Schauen, wegen des Niedergangs, in dem sich diese instinktiven Kräfte befinden, heute im allgemeinen nicht mehr zu einem sinnlich-übersinnlichen, sinnbildlich-mythischen aus, sondern verbleibt im bloß Sinnlich-Faktischen und ist so zum Drang nach jener Sinneserfahrung geworden, auf welche als auf ihre Grundlage alle moderne Erkenntnisbildung sich aufbaut. Unsere menschliche "Natur" stattet uns heute nurmehr mit der Fähigkeit der bloß sinnlichen Anschauung aus. Zu dieser gesellt sich nicht mehr - wie im Griechentum - gleichsam von selbst der Gedanke hinzu. Sie ist auch nicht - wie die sinnbildliche der dritten Epoche - gewissermaßen auf dem Wege zu einem Erleben des reinen Gedankens. Vielmehr müssen wir zu ihr durch Entfaltung innerer Aktivität, ja geradezu im Überwinden des bloßen Sinneneindrucks, den Begriff aus unserem Innern hinzuerbilden. Insofern klafft für uns zwischen beiden eine Kluft, deren Überbrückung uns in unserem Erkenntnisringen oft genug harte Mühe kostet.

   Diese Sinnesanschauung, die in solcher Weise seit dem 16. Jahrhundert zur Grundlage aller wissenschaftlichen Forschung geworden ist, steht heute, im Zeitalter der illustrierten Zeitschriften, des Kinos, des Radios, des Fernsehens, im Begriff, sich zur Gundlage unseres gesamten Lebensverhaltens auszuweiten. In der Art, wie dies geschieht, bezeugt sich in noch gesteigertem Grade, daß wir es bei ihr mit einem Elemente zu tun haben, das der im Niedergang befindlichen Strömung des gegenwärtigen Kulturlebens angehört. Nicht allein nämlich, daß das Erleben in Bildern heute zu einem solchen in bloß sinnlichen Bildern erstorben ist, es hat auch die Tendenz in sich, uns bei dem bloß sinnlichen Anschauen verharren zu lassen und die für das Denken aufzuwendende geistige Aktivität immer mehr abzulähmen. Diese zeigte sich schon in der innerhalb der modernen Wissenschaft seit langem herrschenden Neigung, bloßes Beobachtungsmaterial zu sammeln und Erfahrungstatsachen aufzuhäufen, ohne sie in große gedankliche Zusammenhänge einzuordnen, oder aber, soweit dies geschah, sie - nach dem Prinzip der Gedankenökonomie - auf möglichst einfache begriffliche Generalnenner zu bringen. Es zeigte sich innerhalb der modernen Kunst in dem in den letzten Jahrhunderten immer mehr zum Durchbruch kommenden, auf die bloße Kopie des sinnlich Wahrgenommenen ausgehenden Naturalismus. Und es zeigt sich heute, da der Mensch mittels der obengenannten technischen Erfindungen geradezu dauernd durch Sinneseindrücke überwältigt wird, im gesamten Leben darin, daß er diesem Ansturm gegenüber in immer tiefere innere Passivität versinkt und, (S105) um sich über die durch diese Passivität erzeugte innere Leere zu betäuben, die Sucht entwickelt, sich diesem Ansturm möglichst pausenlos auszusetzen. Man hat schon davon gesprochen, daß infolge dieser Sucht nach "Bildern" das Zeitalter des Buches - sofern der Mensch aus diesem bisher vornehmlich Gedanken in sich aufnahm - in unserem Jahrhundert zu Ende gehe. Dies wäre kein Unglück, wenn darin zum Ausdruck käme, daß die Menschheit vom Elemente abstrakter Gedanklichkeit zu einem neuen, bewußten Erleben von imaginativ-symbolischen Bildgedanken vorrückte. Statt dessen sehen wir aber als Gegenbild hiervon eine "Weltanschauung" der "Illustrierten", der Kinowochenschau, der Televisionssendungen sich ausbreiten, welche, da diese "Bildungsmittel" die menschlichen Bewußtseine ständig mit einer Flut von völlig unzusammenhängenden und unverarbeitbaren Sinnesbildern überschwemmen, Weltendasein und Menschenleben für das menschiche Empfinden alles Sinnes und Zusammenhanges entkleidet. Würde diese "Weltanschauung" zur absolut dominierenden werden, so würde das den völligen geistigen Niedergang unserer gegenwärtigen Kultur bedeuten und jenen Rückfall in früh- oder vorgeschichtliche Lebenszustände zur Folge haben, den wir in der Einleitung als die der Gegenwart drohende Gefahr schilderten.

   "Wir erleben eine täglich sich steigernde Sintflut von Bildern, von Abbildern des Lebens in Gestalt von Filmen, Fernsehsendungen, Photographien, Illustrationen, Sachzeichnungen oder primitiven Karikaturen. Vielleich stehen wir aber erst am Anfang eines mehr und mehr zunehmenden Bildersegens. Vielleicht werden demnächst ganze Wolkenbrüche auf uns niedergehen und das unruhige Leben dermaßen mit Bildern überschütten, daß wir die Nacht herbeisehnen, um unsern bilderübersättigten Sinnen eine Ruhepause zu gönnen... Es ist aufschlußreich zu erfahren, daß die größte englische Tageszeitung, der 'Daily Mirror', die Höhe ihrer Auflage von 4,5 Millionen fast ausschließlich der immer schärferen Beschränkung des geschriebenen Textes zugunsten von Bildern zu verdanken hat.

   Die Bildungsentwicklung des Menschen, an der die Regierungen der zivilisierten Staaten mit allen Mitteln der Technik seit einem Jahrhundert gearbeitet haben, scheint auf Grund der hochentwickelten Reproduktionsmöglichkeiten und der Massenauflagen die Bildung selbst überflüssig zu machen. Der Mensch, des Lesens entwöhnt, unfähig, wirkliche Bilder aufzunehmen und zu verarbeiten, steuert unaufhaltsam auf ein neuartiges Analphabetentum zu. Lesen und Schreiben werden wie im alten China zu einer Art Luxusbeschäftigung einer kleinen Minderheit, der sogenannten "geistigen (S106) Schicht, während der Bildungshunger der Mehrzahl der Zeitgenossen mit der Bilderwelt befriedigt wird, ohne daß sich das geringste an Bildung ansetzt.  Wenn man an die Bildungsbemühungen der Schule denkt, ergibt sich ein fast grotesker Zustand. Mit dem Verlassen der Schule hört die Mehrzahl der Menschen auf zu lesen und zu schreiben. Phantasie- und Vorstellungskraft sind durch eine rein intellektuell ausgerichtete Erziehung unterentwickelt oder bereits abgestorben. Die Fähigkeiten zur Erarbeitung eigener Bilder (die Voraussetzung jedes echten Naturerlebens, jedes Kunstverständnisses) sind verschüttet oder tot. Die Weltaneignubng und Weltkenntnis der Jugend wird nicht mehr durch ein Nachdenken über die erlebte Wirklichkeit der Natur und des Menschenlebens, nicht durch ein inneres Verarbeiten dieser Wirklichkeit vollzogen. Sie wird durch die Zuführung des fertigen, präparierten Bild-Ersatzes betrieben, durch den Film und den Fernsehfunk, durch die Bilder der Zeitungen und Bücher (begleitet vom Kurzinhalt und der Schlagzeile) solange fortgesetzt, bis das wahllose Aufnehmen von Bildern zum täglichen Laster wird, von dem man - wie von der ständig laufenden Musik des Radios - nicht mehr lassen kann, weil sich der Organismus daran gewöhnt hat..."  

- Basler Elternzeitung, Ostern 1956, Nr.43

   Es wird hieraus ersichtlich, daß in unserer Epoche, weil die Kollektivgeistigkeit niveaumäßig unter die individuelle heruntergesunken ist, ein ständiger Kampf dagegen geführt werden muß, daß die erstere über die letztere die Übermacht erlangt.

   Nach einer anderen Seite in bezug auf das menschliche Gemeinschaftsleben, offenbart sich die Tatsache, daß die gattungsmäßigen Kräfte in der heutigen (S106) Menschheit auf die Stufe der "Empfindungsseele" herabgesunken sind, in dem unsere Zeit erfüllenden Streben nach einer auf das Prinzip der "Brüderlichkeit" begründeten sozialen bzw. sozialistischen Gesellschaftsordnung. Wie einstmals in der dritten Epoche der Einzelne als bloßes Glied eines volks- oder standesmäßigen Blutszusammenhanges sich fühlte, so lebt heute in der Gesamtmenschheit instinktiv der Drang, sich in wirtschaftlich-materieller Hinsicht zu einer vom Geiste der Brüderlichkeit erfüllten einzigen großen Familie zu gestalten. Dieser Drang entspricht zwar angesichts des auf Arbeitsteilung und durchgehende Fremdversorgung gestellten, zur einheitlichen Weltwirtschaft ausgewachsenen modernen Wirtschaftslebens einer absolut gerechtfertigten, ja unabweislichen Forderung (siehe die betreffenden Ausführungen im ersten Band! - S274 III.6 Der soziologische Aspekt). Dennoch erweist er sich in der Art, wie er aus der heutigen Menschennatur heraus elementarisch sich geltend macht, dadurch als einer im Niedergang befindlichen Strömung angehörig, daß alle Sozialisierungsbestrebungen, in denen er sich heute unmittelbar auslebt, ausnahmslos die Tendenz zeigen, die freie Selbstbestimmung des Einzelnen auch im Geistigen, also gerade dort, wo sie mit dem Fortschrittselement unserer modernen Kultur identisch ist, zu unterdrücken und die Bevölkerungen in von diktatorischen Regierungssystemen beherrschte Kollektive zu verwandeln. Während der ersten Hochkulturen prägte sich die auf der Stufe der "Empfindungsseele" stehende Individualentwicklung in einem Sozialsystem aus, das eine Schichtung der Bevölkerung in herrschende und dienende Klassen aufwies. Hierbei oblag den herrschenden Klassen (Priestertum, Königs- und Kriegerkaste) die (S107) Pflege und der Schutz der (durch das Mysterienwesen repräsentierten) Kollektivgeistigkeit, weshalb ihnen auch die strengste Wahrung der Blutsreinheit (durch familien- und standesmäßige Binnenehe) vorgeschrieben war und selbst noch von Plato in seinem "Staat", der auf dieses System zurückweist, Weiber- und Gütergemeinschaft zugedacht wurde, - während dagegen die Angehörigen der dienenden Klassen (Bauern, Händler) mehr ihren persönlichen Neigungen und privaten Interessen nachleben konnten. Wir erwähnten bereits im ersten Band (bei der Auseinandersetzung mit A.Rüstow, S255 III.6 Der soziologische Aspekt), daß zwischen jenem System und den sozialistisch-kommunistischen Bestrebungen unserer Zeit insofern sogar eine direkte Beziehung besteht, als diese darauf abzielen, jenes Herrschaftssystem noch einmal in der brutalsten, gewalttätigsten Form aufzurichten, nur eben jetzt gleichsam mit umgekehrtem Vorzeichen: nämlich so, daß durch den "Aufstand der Massen" bzw. die "Diktatur des Proletariats" die ehemals dienenden Klassen nun die Herrschaft übernehmen und die ehemals herrschenden der Priester, des Adels und des Bürgertums in unterworfene verwandelt werden. Diese Umkehrung würde zugleich bedeuten, daß die Wirtschaft mit ihren jetzt zum Gemeineigentum gemachten modernen Produktionsmitteln zur alleinherrschenden und bestimmenden Macht im sozialen Leben erhoben und das geistige (und politische) Leben völlig in ihren Dienst gezwungen würden. Wiederum muß gesagt werden: Würde dieser sozialistische Kommunismus sich in der heutigen Welt schlechthin durchsetzen, so würde dies in sozialer Beziehung den Ruin des modernen Lebens zur Folge haben. Der "Sozialisierung" des Wirtschaftslebens - so zwingend sie durch dessen heutige Lebensbedingungen gefordert erscheint - wird daher in die Zukunft hinein immerfort die "Befreiung" des Geisteslebens und die wahre "Demokratisierung" des Staatslebens abgerungen werden müssen, wenn durch sie nicht die Niedergangskräfte innerhalb unserer Kultur die alleinherrschenden werden sollen. So wird an dieser Stelle von einem neuen Gesichtspunkt aus ersichtlich, warum die im ersten Band (III.6 Der soziologische Aspekt) skizzierte, von Rudolf Steiner geltend gemachte "Dreigliederung des sozialen Organismus" in die selbständig nach ihren je eigenen Funktionsbedingungen sich verwaltenden Gebiete des wirtschaftlichen, des staatlich-politischen und des geistigen Lebens für unsere Zeit zur Notwendigkeit geworden ist; denn nur durch sie kann gegenüber der im Gattungshaften verlaufenden Niedergangsströmung unserer Kultur, die selbstverständlich in dieser auch enthalten sein muß, der im Individuellen liegenden Strömung des Fortschritts weiterhin die freie Entfaltungsmöglichkeit gewährleistet werden (Siehe hierzu Steiners Vorträge über "Geschichtliche Symptomatologie" Dornach 1918). (S108) Das obige Schema könnte also für die dritte und fünfte Epoche der Geschichte in folgender Weise erweitert werden:

   Würden wir diese Zeichnung in der Zeit nach rückwärts und vorwärts noch weiter vervollständigen, so kämen wir in der ersteren Richtung zu jenen beiden ersten Phasen des eigentlich geschichtlichen Werdens: der "urindischen" und der "urpersischen", die wir im ersten Bande als sein "Präludium", und in der letzteren zur künftigen sechsten und siebenten, die wir als sein dereinstiges "Postludium" charakterisiert haben.

   Wir schilderten dort, wie in den beiden ersten Epochen der geschichtliche Prozeß, insofern er ein fortschreitender ist, d.h. die menschliche Individualität ihrer geistigen Selbständigkeit entgegenführt, noch nicht die volle "Erdenreife" erlangt hatte. Geschichtliche Dokumente im eigentlichen Sinn und damit eine geschichtlich-kulturelle Überlieferung konnten daher in jenen Epochen noch nicht entstehen. Diese gehen ja auch der Entstehung der Schrift voraus. Wir erwähnten auch, daß sie nur in den mythischen Erinnerungen und religiösen Lehren des späteren Inder- und Persertums ihre Spuren hinterlassen haben, daher sie denn auch von der Geistesforschung nach diesen Völkern benannt werden. Wir kommen da in Zeiten - sie entsprechen dem Neo- und dem Mesolithikum -, in denen das Element des Individuellen und dasjenige des Gattungsmäßig-Kollektivgeistigen noch so weit auseinanderklafften, daß wir im ersten Band geradezu von einer "Spaltung" sprechen mußten (S168  III.2 Kosmogonische, vorgeschichtliche, geschichtliche Zeit), welche die vorgeschichtliche Menschheit in dem Sinne charakterisiert habe, daß der "großen Masse der Einzelnen" damals, durch eine tiefe Kluft getrennt, gegenübergestanden habe die durch die Orakel bzw. Mysterien vertretene "geistige Führung". Die an dieser Führung Beteiligten wirkten aber aus der in den Hautfarbendifferenzierungen - und Völkern, soweit sich solche im eigentlichen Sinne schon gebildet hatten - lebenden Kollektivgeistigkeit heraus und mit über das gewöhnliche Menschenmaß weit hinausragenden Kräften, daher sie denn auch in der (S109) mythischen Erinnerung als die halbgöttlichen Heroen, Kulturbegründer, Stammväter von Blutsverbänden u.a. fortlebten. Sie wirkten nicht als Einzelpersönlichkeiten, sondern ganz als "Archetypen" der verschiedenen Hautfarben und Volksgeistigkeiten (Eliade). Und wir haben am Beginn des vorangehenden Kapitels nochmals darauf hingewiesen, wie in die durch diese archetypischen Heroen inaugurierten oder repräsentierten Geistigkeiten in der Vor- und Frühgeschichte der Einzelne als bloß seelisches Wesen noch in solchem Maße eingebettet war, daß seine Individualität ihr gegenüber gar keine Rolle spielte. Es ist darum auch kein Zufall, daß gerade im indischen Kastensystem als der schärfsten Ausprägung der Ständeordnung, die wir innerhalb geschichtlicher Völker finden, eine Erinnerung oder Nachwirkung jenes einstmaligen völligen Eingeordnetseins des Einzelnen in die übergeordnete Kollektivgeistigkeit eines Blutsverbandes sich erhalten hat, - ein Verhältnis, wo der Einzelne als solcher noch nichts, der Kollektivcharakter der Kaste dagegen alles bedeutet. In anderer Form, dem andersartigen Volkscharakter entsprechend, hatte sich ein ähnliches Verhältnis im altchinesischen Kaiserstaat erhalten, in welchem die Einzelnen gleichsam wie die Kinder einer großen Familie lebten, deren kaiserliches Oberhaupt als Inkarnation des Göttlichen und als einzig legitimer Übermittler der göttlichen Gebote fungierte.

   Im Gegensatz zu diesen Anfangsphasen der Geschichte würde dann das Kennzeichen der künftigen, ihren "Ausklang" bildenden sechsten und siebenten Epoche das darstellen, was wir schon des öfteren als das wesentliche Ziel des geschichtlichen Werdens überhaupt charakterisiert haben: daß - wenigstens der Möglichkeit nach - jeder Einzelne zum Repräsentanten des Gattungsmäßigen aufgestiegen sein wird, als welches dann nurmehr die Menschheit als ganzes aufgefaßt werden kann. Für diese Stufe hat Steiner den Terminus "Geistselbst" geprägt, der darauf hindeutet, daß das individuelle Selbst ganz "Geist", d.h. ganz individuelles Wesen geworden sein wird. Das Gegenstück hierzu wird die Tatsache bilden, daß dann die naturhaft wirkende Kollektivgeistigkeit soweit abgesunken sein wird, daß ihr für das geschichtliche Werden keinerlei Bedeutung mehr zukommen wird, werden wir an späterer Stelle ausführen.) Für jene frühesten und für diese spätesten Phasen der Geschichte könnte unser Schema dann in folgender Weise vervollständigt werden:

   Die Ausführungen dieses Kapitels sollten zunächst ein etwas genaueres Bild vermitteln des stufenweisen Übergehens der kollektivgeistig-instinktiven in individualgeistig-bewußte Schöpferkräfte bzw. des stufenweisen Abnehmens der ersteren und des entsprechenden Zunehmens der letzteren, wie es in der Folge der geschichtlichen Epochen stattfindet. Wir sahen, daß es Wirkungsweisen und Betätigungsformen von ganz bestimmten Qualitäten sind, die auf (S110) der Seite des Naturhaft-Gattungsmäßigen der Reihe nach verloren gehen und auf der Seite des Individuellen in umgekehrter Reihe erworben werden. Um nun diese ganze Darstellung noch einen Schritt weiter ins Konkrete hineinzuführen, soll im folgenden Kapitel gezeigt werden, wie sich der geschilderte Abstieg und Aufstieg in den inneren Wandlungen ausprägt, welche das einzelne Menschenleben in der Folge der geschichtlichen Epochen erfährt.

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Die Siebenundzwanzigjährigkeit des modernen Menschen