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4. Die geschichtlichen Metamorphosen

des menschlichen Lebenslaufs

Die Siebenundzwanzigjährigkeit des modernen Menschen


(S111)  Die geschichtliche Menschheit - nicht als Gattung, sondern als die Summe der einzelnen Individualitäten verstanden, welche auf dem Wege ihrer Wiederverkörperungen durch die Geschichte hindurchwandern, um auf diesem Wege die volle geistige Selbständigkeit ("Geistselbstigkeit") zu erlangen - kann sinnbildlich als ein "großer Mensch" aufgefaßt werden, dessen "Lebenslauf" dann die Geschichte bilden würde. Für eine solche Anschauung zeigt sich eine bedeutsame Parallelität zwischen der Geschichte als dem Lebenslauf dieses "großen Menschen" und dem Lebenslauf der einzelnen Menschen zwischen Geburt und Tod, - eine Parallelität, die übrigens, namentlich innerhalb der modernen Pädagogik, schon oftmals hervorgehoben worden ist.

  Wir wiesen schon im vorletzten Kapitel darauf hin, daß die verschiedenen Altersstufen im einzelnen Menschenleben in bezug auf das Wirken der geistig-schöpferischen Kräfte sich dadurch voneinander unterscheiden, daß dieses Wirken in der Jugend, ja bis gegen die Lebensmitte hin noch überwiegend aus den Kräften des Leibes und damit auch der in ihm liegenden Vererbung gespeist wird, da der Leib in der ersten Lebenshälfte über einen durch das bloß physische Leben und Wachsen nicht erschöpften Kräfteüberschuß verfügt, der eben dem geistigen Schaffen zugutekommt (2. Wiederverkörperung + Fortschritt). In der zweiten Lebenshälfte dagegen, und namentlich im höheren Alter, wenn die Kräfte des Leibes abnehmen, sind wir für unser geistiges Wirken mehr und mehr auf das angewiesen, was wir uns durch Erziehung, Übung, Erfahrung im Laufe des Lebens an Fähigkeiten selbst erworben haben, - und es wurde bereits im ersten Bande darauf hingewiesen, wie namentlich etwa vom Beginne der fünfziger Jahre ab der Leib dem so während des Lebens Errungenen auch eine immer größere Unabhängigkeit gewährt, so daß dem Menschen selbst im Greisenalter trotz der Rückbildung der leiblichen Prozesse eine unverminderte, aber jetzt ganz aus dem Individuellen fließende geistige Produktivität möglich ist (III.3 Struktur der Zeit II).

   Die Darlegungen des vorangehenden Kapitels haben gezeigt, daß es sich ganz ebenso mit dem Wandel der schöpferischen Kräfte verhält, über welche der "große Mensch", welcher die Menschheit ist, in den verschiedenen Phasen (S112) seines "Lebenslaufs", welchen die Geschichte darstellt, verfügt. In den ersten dieser Phasen, ja bis gegen die vierte, mittlere hin - d.h. seiner "Jugend", ja bis zu seiner "Lebensmitte" hin - erfließt sein geistiges Schöpfertum vorwiegend aus seinen leiblich-gattungsmäßigen Kräften, - in den späteren Phasen bzw. in seiner zweiten Lebenshälfte dagegen erscheint er für sein schöpferisches Tun immer mehr angewiesen auf jene individuellen Kräfte, die im Verlauf seines Lebens aus Erfahrung und Erziehung gereift sind.

   Weil dieser Parallelismus besteht, darum spezifiziert sich der einzelmenschliche Lebenslauf in den verschiedenen Phasen der Geschichte derart, daß er in den ersten derselben, d.h. während der Jugend des "großen Menschen", im ganzen genommen die Merkmale der Jugendlichkeit aufweist, dagegen in den späteren Epochen, d.h. im höheren Alter jenes "großen  Menschen", im ganzen genommen, die Eigentümlichkeiten des Greisenalters zeigt. Anders ausgedrückt: In früheren Zeitaltern bewahrte der einzelne Mensch durch sein ganzes Leben hindurch, also bis in seine höheren Altersstufen hinauf, in einem bestimmten Sinne die Merkmale der Kindheit, der Jugend. In späteren Zeitaltern dagegen machen sich im Leben des einzelnen Menschen schon in immer früheren Zeitpunkten die charakteristischen Eigenschaften des höheren Alters geltend. Von verschiedenen Gesichtspunkten, namentlich von soziologischen und pädagogischen aus, haben wir bereits in früheren Ausführungen auf diesen Tatbestand hingewiesen. Wir erinnern z.B. an die Charakteristik des altchinesischen Staates als einer großen "Kinderstube", welcher der Kaiser gewissermaßen als väterliches Oberhaupt vorstand (2. Wiederverkörperung + Fortschritt S59) , - an die "patriarchalischen" Verhältnisse, die auch bei vielen anderen Völkern in den besten Zeiten des einstigen Herrschaftssystems zwischen den fürstlichen "Landesvätern" und ihren Untertanen, den "Landeskindern", bestanden, - an die autoritative Art, in der in alten Zeiten die Mysterienpriestergemeinschaften, in späterer Zeit im Abendland noch die christliche Kirche die geistig-religiöse Führung der Menschen besorgte, - und wie demgegenüber in neueren Zeiten, in der Ära der "Volkssouveränität" und der "Menschenrechte", das ganze Staatsleben als eine Einrichtung zum Schutze der Rechte und der Interessen der Einzelnen verstanden und zu einer solchen umgestaltet, im geistigen Leben aber die vollste Denk- und Redefreiheit errungen worden ist. Wir erinnern ferner an die stufenweisen Wandlungen in der Geschichte des Erziehungswesens, das in alten Zeiten ausschließlich die Übermittlung der Tradition und die Eingliederung des Einzelnen in die überkommene Ordnung zum Ziele hatte, in neuerer und neuester Zeit dagegen seine Aufgabe darin sehen muß, die Selbsttätigkeit und Selbständigkeit der Zöglinge anzuregen und die in ihnen veranlagten individuellen Schöpferkräfte zur Entfaltung zu bringen (3. Fortschritt + Rückschritt S90). Und wir erinnern schließlich daran, wie in älteren Zeiten die in seiner standesmäßigen Blutzugehörigkeit liegenden Begabungen den Menschen für sein ganzes Leben in (S113) eine bestimmte gesellschaftliche Position und berufliche Betätigung hineinstellten, (III.3 Struktur der Zeit, S179-194) - wie dagegen in unserer Zeit seine blutsmäßigen Beschaffenheiten und Gaben den Menschen nicht nur nicht mehr in seiner sozialen Position endgültig fixieren, sondern auch für sein schöpferisches Wirken auf seinen höheren Altersstufen nicht mehr bestimmend und ausreichend sind, sondern immerwährende Arbeit an sich selbst im Sinne der Erweiterung seiner Erkenntnisse und Vervollkommnung seiner Fähigkeiten von ihm fordern. Selbstverständlich gelten alle diese Charakteristiken nur im Durchschnitt und erfahren in der Wirklichkeit des Lebens die mannigfaltigsten Abwandlungen.

   Gerade der letzte, psychophysische Aspekt soll nun im folgenden noch genauer durchgeführt werden.

   Wie verhält es sich denn, im Konkreten betrachtet, mit jenem "Herausschöpfen" der geistig produktiven Kräfte aus der Vitalität des Leiblichen, das wir für die erste Lebenshälfte, auch noch des heutigen Menschen, behauptet haben?

   Auch hierüber hat gerade die geistige Forschung Rudolf Steiners tiefere Einsichten zutagegefördert, die allerdings hier nur skizzenhaft angedeutet werden können (Siehe hierzu Steiners zahlreiche pädagogische Vortragsreihen).

   Wir haben da zunächst das erste Lebensjahrsiebent ins Auge zu fassen. Es ist die Zeit, in welcher der Aufbau des physischen Leibes, der ja bei der Geburt noch nicht ganz "fertig" ist, in gewissem Sinne erst vollendet wird. Nicht nur, daß er erst in dieser Zeit den ihm als menschlichem Leib zukommenden aufrechten Stand und Gang erwirbt, - daß seine Verdauungsorgane erst allmählich tauglich werden, die normale menschliche Erdennahrung aufzunehmen und zu verarbeiten, - auch die Sprache, sofern sie auf einer bestimmten Betätigung leiblicher Organe beruht, wird erst in dieser Zeit errungen, und Gehirn und Schädel erlangen erst in diesen Jahren jene Durchformung und Verfestigung, welche die leibliche Voraussetzung für die Entfaltung des Denkens bilden. In allen diesen Vorgängen ist eine Summe von übersinnlichen Kräften tätig, die aber während dieser Lebensepoche ganz auf die Leibesbildung gerichtet sind. Diese ganzen organbildenden Prozesse erreichen mit dem Hervortreten der zweiten, bleibenden Zähne einen gewissen Abschluß. Ist dieser eingetreten, so wird ein Teil jener Kräfte von seiner bisherigen Wirksamkeit frei. Und dieser freigewordene Teil, der nun im Seelischen als Fähigkeit der vorstellungs- und erinnerungsmäßigen Bildgestaltung auftritt, - er ist es, welcher das Kind jetzt schulreif macht und durch all das, was ihm im Unterricht als Lehrstoff entgegenkommt, angesprochen und als seelische Kräftekonfiguration beansprucht wird.

   Ein anderer Teil der leibgestaltenden Kräfte bleibt im zweiten (S114) Lebensjahrsiebt noch unmittelbar mit dem Leibe verbunden und in dessen weiterer Entfaltung wirksam. Ihm ist es zu verdanken, daß dieser nach abermals etwa sieben Jahren die Geschlechtsreife erlangt. Was speziell in der Ausreifung aller jener physiologischen Prozesse an Kräften wirksam ist, auf welchen die leibliche Reproduktionsfähigkeit beruht, von dem wird nach Erlangung der Pubertät abermals ein Teil frei und steht von nun an ebenfalls dem seelischen Leben zur Verfügung. Er erscheint innerhalb desselben in Gestalt der Fähigkeit der Liebe im physischen und geistigen Sinne, eines tieferen Interesses an der Umwelt, aber auch als Kraft der Verinnerlichung und Verselbständigung des seelischen Lebens selbst, die sich in dem Drang und Vermögen zur Bildung eigener Urteile äußert.

   Aber auch jetzt ist noch immer ein Teil der leibgestaltenden Kräfte mit dem Körper verbunden. Es ist jener, der gerade in der Zeit zwischen der Pubertät und dem vollen Erwachsensein noch einmal einen mächtigen Wachstumsstoß bewirkt. Er emanzipiert sich vom Leibe erst, wenn im Beginne der zwanziger Jahre das leibliche Wachstum zum Abschlusse kommt und damit im menschlichen Körper die endgültigen Proportionen zwischen seinen einzelnen Teilen sich herstellen, d.h. wenn er seine charakteristische Form erlangt hat. Indem diese Kräfte mit der "Volljährigkeit" des Menschen vom Leibe frei und nun auch für sein seelisches Leben verfügbar werden, ermöglichen sie es ihm erst, sich als ein Ichwesen mit voller Selbstverantwortlichkeit ins Leben hineinzustellen.

   In dieser Weise "zieht" also, genau betrachtet, das Seelische in Kindheit und Jugend von Jahrsiebent zu Jahrsiebent immer wieder neue Kräfte aus dem Leibe heraus,, die es als geistig-schöpferische betätigen kann.

   Allerdings hört auch nach dem Erwachsensein die leibbildende Wirksamkeit noch nicht im absoluten Sinne auf. Sie setzt sich vielmehr noch weiter fort. Nur dokumentiert sie sich jetzt nicht mehr in der Bildung physischer Organe, physiologischer Prozesse oder körperlicher Proportionen, sondern nimmt selbst schon halb-seelischen Charakter an und kommt nun in der Art zum Ausdruck, wie das Seelische des Menschen den Leib erobert und handhabt. In dieser Hinsicht ist es im nächsten Jahrsiebend der Gebrauch der Sinne in der weitesten Bedeutung, auf den sich diese Wirksamkeit bezieht. Dieser erlangen jetzt die größte Schärfe der Wahrnehmungsfähigkeit und die stärkste Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, entwickeln aber zugleich auch den intensivsten Hunger nach solchen. Sie werden daher in dieser Zeit für die Seele zum hauptsächlichsten Felde der Erfahrung und der Betätigung. Was sie dem Menschen an Eindrücken und Erlebnissen vermitteln können, gewinnt in diesem Lebensalter für ihn die größte Bedeutung, - daher denn dieses für ihn in der Regel in irgendeiner Form zur Zeit seiner "Wanderjahre" wird.

   Für die geisteswissenschaftliche Forschung stellt sich nun die bedeutsame Tatsache (S115) heraus, daß mit der zuletzt geschilderten verfeinerten leibbildenden Wirksamkeit diejenigen Kräfte, die von Anfang an an der Ausgestaltung des Leibes beteiligt waren, beim heutigen Menschen in dem Sinne erschöpft sind, daß, wenn diese letzte Leistung vollbracht ist, kein Überschuß mehr verbleibt, der frei werden und dem seelischen Leben in verwandelter Form zuwachsen könnte. Es sind diese Kräfte dann gewissermaßen aufgebraucht. Bevor aber auf diese Tatsache näher eingehen, sei zunächst die andere ins Auge gefaßt, daß hinsichtlich früherer Zeiten die geistige Forschung ein solches Sicherschöpfen dieser Kräfte in dem bezeichneten Zeitpunkt etwa des 28. Lebensjahres (21. bis 28. Jahr), ja sogar noch jeweils am Ende weiterer Jahrsiebente der Leib Kräfte an die Seele "abzugeben" vermochte. Dadurch traten in dieser auf naturhafte Art Fähigkeiten ganz spezifischen Charakters auf, welche ihr bis in höhere Altersstufen hinauf eine weitere seelisch-geistige Entwicklung ermöglichten. Damit wird nun in bezug auf die innere Gestaltung des einzelnen menschlichen Lebenslaufs in konkreter Form faßbar, auf welche Weise in älteren Zeiten die Menschen seelisch-geistig bis ins höhere Alter hinauf aus naturhaft-gattungsmäßigen Kräften heraus zu leben und zu schaffen - oder anders ausgedrückt: die Merkmale der Kindheit und Jugend sich durch ihr ganzes Leben hindurch zu bewahren vermochten. Denn was eben den Menschen unserer Zeit nurmehr in seiner Jugend bzw. nur noch eine kurze Zeit über sein Erwachsensein hinaus kennzeichnet: daß ihm von Jahrsiebent zu Jahrsiebent aus seinem Leibe heraus immer neue Seelenkräfte "von selbst" zuwachsen, dessen erfreute sich der Mensch älterer Zeiten bis ins höhere Alter hinauf.

   In diesem Sinne ist zunächst von der vierten, in der Hauptsache durch die griechisch-römische Antike repräsentierten Epoche zu sagen, daß denjenigen Kräften, die während des Lebensabschnittes etwa vom 21. bis zum 28. Jahre in der obengeschilderten Weise in der Sphäre der Sinne bzw. des Sinnesgebrauchs bildend wirksam sind, damals noch eine größere Stärke und Lebendigkeit eignete, als dies beim heutigen Menschen der Fall ist. Dies hatte zur Folge, daß nicht nur die Sinneswahrnehmung als solche beim Griechen lebensvoller, intensiver, qualitätsgesättigter war als beim heutigen Menschen - Steiner hat dies im Speziellen für das Farben-Erleben der Griechen nachgewiesen (Siehe: Die Geschichte der Menschheit im Lichte der Geisteswissenschaft, 12.3.1920 GA335) -, sondern daß auch, wenn diese Wirksamkeit gegen das Ende der zwanziger Jahre aufhörte, damals noch ein Überschuß übrig blieb, der nun in verwandelter Form dem Seelischen zugute kam; und dieser Überschuß war nichts anderes als jene eigentümliche Art des Denkens, die den Griechen (S116) kennzeichnete und die wir oben durch den Ausdruck "Verstandesseele" charakterisierten. Wir haben ja bereits des öfteren darauf hingewiesen, daß dieses Denken - namentlich in früheren Phasen der griechischen Kultur - als Volksveranlagung in naturhaft-instinktiver Art sich geltend machte, daß es ein Schauen des Ideen- oder Form-Elementes in den Sinneserscheinungen, ein Erfassen der "universalia in rebus" mit Augen des Geistes war, eine Art vergeistigten Wahrnehmens, in welchem wie in einem höheren ätherischen "Gesamtsinn" die verschiedenen Bezirke des physischen Wahrnehmens sich vereinigten (Siehe hierzu auch die Lehre Arsitoteles' vom "Allgemeinseinn"). Dieser Charakter eines höheren, vergeistigten Wahrnehmens, den das Denken damals noch trug, erklärt sich hier in diesem Zusammenhang noch von einer neuen Seite her. Das Denken der Griechen - und auch der Römer - erblühte in der Tat aus einer noch "von selbst" im Laufe des Lebens stattfindenden Verseelischung des Wahrnehmens.

   In der Zeit der der griechischen vorangehenden ersten geschichtlichen Hochkulturen, also in der dritten Epoche der Geschichte, spielte sich ein analoger Vorgang sogar noch am Ende des folgenden, etwa vom 28. bis zum 35. Jahre reichenden Lebensjahrsiebtes ab, d.h. in und nach dem Zeitpunkt, der als die Mitte der normalen Dauer des Menschenlebens bezeichnet werden kann. In dem Jahrsiebent, das dieser Lebensmitte vorausgeht, findet eine letzte, verfeinertste Wirksamkeit von am Leibe bildenen Kräften statt; sie verleiht der Leiblichkeit als ganzer ihre letzte Ausreifung, durch welche diese am vollständigsten der physischen Welt angepaßt wird. Von da an geht ihre Evolution in die Involution über; die Rückbildungsprozesse beginnen zu überwiegen. In den Völkern, welche die Träger der ersten Hochkulturen waren, kam dieser letzten Art von leibbildender Kräftewirksamkeit noch eine solche Stärke zu, daß nicht nur die Leiber ihrer Angehörigen zu jenen fast übermenschlichen physischen Leistungen befähigt wurden, ohne welche z.B. die Bau- und Bildwerke Ägyptens und Babyloniens, aber auch der europäischen Megalithkulturen nicht hätten zustandegebracht werden können, sondern auch nach Abschluß dieser Wirksamkeit um die Lebensmitte von diesen Kräften noch ein Überschuß verblieb, der dann in verwandelter Form als Seelenfähigkeiten verfügbar wurde. Und diese Fähigkeiten waren es, welche jenes besonders intime Verhältnis zur Welt des Physisch-Stofflichen überhaupt begründeten, von dem wir oben ausführten, daß es als naturhaft-kollektive Schöpferbegabung den charakteristischen Kulturleistungen jener Völker: Alchimie und Astrologie, Medizin und Mumifizierungskunst, Geometrie und Technik zugrunde gelegen hat.

   Gehen wir schließlich in der Geschichte noch weiter zurück in jene beiden sie eigentlich nur erst "präludierenden" Epochen, welche die Geisteswissenschaft (S117) als die urpersische und die urindische bezeichnet, so kommen wir in die Zeiten, in welchen den Menschen noch am Ende zweier weiterer Lebensjahrsiebente: desjenigen vom 35. bis zum 42. Jahre und zuletzt desjenigen vom 42. bis zum 49. Jahre vom Leiblichen her seelisch-geistige Kräfte zuwuchsen. Allerdings waren diese von wesentlich anderer Art als jene, die sich vor diesen Altersstufen in der Seele entwickelten. Es vollzieht sich ja auch im heutigen Menschen der Lebensprozeß seiner Leiblichkeit durchgehends im Rhythmus von durchschnittlich siebenjährigen Perioden. Nur sind diese - namentlich für den erwachsenen Menschen - heute nicht mehr von "innen", vom Seelischen her in solcher Weise erlebbar, wie dies in älteren Zeiten der Fall war, weil die Abgabe von Kräften, die von leibbildender Wirksamkeit frei werden, an die Seele schon mit dem Ende der zwanziger Jahre aufhört. Sie können nurmehr von "außen" her: in den Veränderungen des Leibes selbst beobachtet werden. Von der Mitte des Lebens an gewinnen die Rückbildungsprozesse des Leibes mehr und mehr die Oberhand; sie bewirken seine fortschreitende Verfestigung und Verknöcherung. Diese kommt dadurch zustande, daß auch jene Kräfte, die bis zum Ende der vorangehenden Jahrsiebente mit dem Leibe verbunden und in seinen Funktionen wirksam verblieben sind, sich nun schrittweise von ihm zurückziehen. Dadurch verringert sich der Flüssigkeitsgehalt des Leibes, der das Medium ihrer Wirksamkeit gebildet hatte; der Austausch der materiellen Substanzen verlangsamt sich, und es lagert sich immer mehr feste Stofflichkeit im Körper ab. Beim heutigen Menschen verhält es sich nun so, daß diejenigen Kräfte, die erst in der zweiten Lebenshälfte mit der Rückbildung des Leibes von diesem frei werden, durch sich selbst nicht mehr die Fähigkeit haben, sich in seelische Kräfte umzubilden. Sie sind hierfür gleichsam zu lahm, zu schwach geworden. (Sie vereinigen sich nach ihrer Loslösung vom Leibe wieder mit der allgemeinen Welt übersinnlicher Bildekräfte). Eine Umwandlung in menschliche Seelenkräfte vermögen sie - wie im ersten Bande bei der Charakteristik des anthroposophischen Erkenntnisweges bereits angedeutet wurde (III.3 Struktur der Zeit, II,) - nur dann zu erfahren, wenn sie vom menschlichen Ich durch eine bewußt angestrebte höhere seelisch-geistige Entwicklung aktiv ergriffen und angeeignet werden. In jenen ältesten Zeiten der Geschichte dagegen erfolgte eine solche Umbildung derselben in seelisch-geistige Kräfte noch auf naturhafte Art, und weil das Leibfrei-Werden dieser Kräfte mit dem Abbau, der Rückbildung der leiblichen Prozesse überhaupt Hand in Hand ging, darum brachte es in der Seele die Fähigkeit eines übersinnlichen Erlebens hervor, - eines naturhaften "Hellsehens", welches den Mensch im höheren Lebensalter Einblicke in die überphysischen Bereiche des Weltendaseins eröffnete. Die Sinneserscheinungen der Natur stellten sich für dieses "Hellsehen" von übersinnlichen Bildekräften in solchem Maße durchdrungen und durchwirkt dar, daß beides für dasselbe als eine nicht zu sondernde Einheit (S118) erschien. Wenn die "Inder" in jene alten Zeiten die physische Welt, für sich allein genommen, als eine bloße Täuschung als eine "Maja" bezeichneten, - wenn die "Urperser" die Erscheinungen der physischen Welt noch ganz und gar durchdrungen sahen von lichten und finsteren, von guten (Asuras) und bösen (Devas) geistigen Mächten, so hatten solche Vorstellungen ihre Wurzel in einem sinnlich-übersinnlichen Erleben, welches damals besonders den älter gewordenen Menschen auf diese Art in der Seele aufging.

   Daß solche Einblicke in die übersinnlichen Hintergründe der Sinneswelt den Menschen auf den höheren Altersstufen des Lebens in fortschreitendem Maße "von selbst" zuteil wurden, hatte ein ganz bestimmtes Verhältnis zum Altwerden und Sterben, aber auch zu den altgewordenen Menschen selbst zur Folge. Denn mit diesen Einblicken waren Erfahrungen der mannigfaltigsten Art in bezug auf die tieferen Geheimnisse des Menschen - und Weltendaseins überhaupt verknüpft. Das Erlebnis des Todes in der Art, wie es sich für eine späteren Menschheit gestaltete, war der damaligen noch unbekannt. (Dieser Schluß hat sich sogar der modernen Archäologie aus den Bestattungsgebräuchen jener Zeit aufgedrängt (Siehe Herbert Kühn: Das Erwachen der Menschheit 1954, S158f). Die Welt der Lebenden und der Gestorbenen war noch eine einheitliche, zusammengehörige. In dieser Welt waren die Gestorbenen nur auf eine andere Weise vorhanden als die Lebenden. Und das Altern und Sterben bedeutete nur den Übergang zu dieser anderen Weise des Daseins in der Welt. Eine Furcht vor dem Tode kannte daher der damalige Mensch noch nicht. Und ebensowenig jene Furcht vor dem Altern, wie sie in späteren Zeiten immer mehr sich eingestellt hat im Hinblicken auf die Abnahme der physischen Kräfte, auf die körperlichen Gebrechen und Beschwerden, welche das Alter mit sich bringt; denn alle diese Nachteile wurden damals noch aufgewogen, ja überwogen durch die geistigen Erfahrungen und Erleuchtungen, die in zunehmender Fülle und Tiefe mit fortschreitendem Altern sich einstellten. In diesen geistigen Erfahrungen erblickte man die wesentliche Frucht, die im Verlaufe des Lebens heranreift und diesem erst seinen eigentlichen Wert verleiht. Sie bedeuteten das Lebenserträgnis, um dessentwillen es sich "lohnte" 50, 60, 70 Jahre alt zu werden und die Mühen des Lebens und des Alterns durchzustehen. Dieses Lebenserträgnis gestaltete sich in jenen Zeiten noch nicht etwa zu einer "Philosophie" aus - denn das in Allgemeinbegriffen sich bewegende Denken war ja damals noch kaum entwickelt -, sondern zu einer Lebensweisheit, die ihren Niederschlag fand in jenen Weisheitssprüchen, Mythen und Märchen, wie sie uns gerade aus der altorientalischen Kultur in überaus großer Zahl überliefert sind, aber auch in der Einrichtung und Handhabung ihrer sozialen Lebensformen.

   Immer wieder wird in älteren Zeiten betont, daß, wie der Jugend die geistige (S119) Dumpfheit, die Torheit, so dem Alter die Abgeklärtheit, die Weisheit zukomme. Darum lebte man damals dem Altwerden entgegen mit einer gewissen freudigen Erwartung, dessen teilhaftig zu werden, was eben nur die höheren Lebensstufen an Erfahrungs- und Erkenntnisfrüchten bringen konnten. Und aus demselben Grunde erfreuten sich diejenigen, welche diese Lebensstufen schon erreicht hatten, von seiten der Jüngeren einer Hochschätzung und Verehrung, von der sich der Angehörige der heutigen westlichen Zivilisation kaum mehr eine Vorstellung bilden kann. (Ihre Zahl war im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ja auch eine viel geringere als heute, da die durchschnittliche Lebensdauer noch weit unter der heutigen lag). Diese Verehrung kam zum Ausdruck in der dominierenden Stellung, welche die Altgewordenen sowohl im öffentlichen wie im Familienleben einnahmen. Höhere Regierungs- bzw. Verwaltungsämter waren nur Altgewordenen zugänglich und wurden von ihnen bis zum Tode bekleidet. Selbst Sparta und Rom hatten in der "Gerusia" und dem "Senat" noch ihre das politische Leben maßgebend bestimmenden Körperschaften der "Alten". Innerhalb des Familienlebens aber verblieb im Oriente dem, der einmal zum Haupt einer Familie geworden war, die absolut dominierende Stellung gegenüber seinen Angehörigen, solange er lebte, - auch dann, wenn seine Kinder schon erwachsen waren. Namentlich in China hat ja durch alle Jahrhunderte seiner Geschichte diese Pietät gegenüber den Alten die Lebensverhältnisse in solchem Maße geprägt, daß die Pflicht der Fürsorge für die Alten derjenigen für die Kinder weit voranging. Zahlreich sind aus älteren und neueren Zeiten die Erzählungen, die davon berichten, wie in durch Naturkatastrophen entstandenen Hungersnöten das Leben der Alten nur dadurch gerettet werden konnte, daß die Kinder dem Hungertode preisgegeben wurden oder zur Ernährung der Alten ihr eigenes Leben hingaben. Diese Verehrung der Alten und Hochschätzung des Alterns hat sich dort selbst bis in die Gegenwart in einem Grade erhalten, daß ein chinesischer Schriftsteller unserer Tage (Lin Yütang) den Gegensatz derselben zu den Auffassungen der westlichen Menschheit folgendermaßen charakterisiert:

"Ich habe mich häufig bemüht, die westliche und östliche Lebenseinstellung miteinander zu vergleichen und in ihrer Gegensätzlichkeit zu erfassen, aber ich habe keine durchgehenden Unterschiede gefunden, außer in der Einstellung zu den alten Leuten, wo der Unterschied allerdings unverkennbar ist und wo es keine Übergänge gibt. Ein Gefühl für die entgegenkommende, schonungsvolle Behandlung des Alters findet sich im chinesischen Volksbewußtsein schon in den allerfrühesten Zeiten. Es ist ein Gefühl, das sich eigentlich nur mit der Ritterlichkeit, dem in Europa selbstverständlichen zarten Entgegenkommen gegen die Frau vergleichen läßt. In der Einstellung zum alten Mann aber ist der Gegensatz unüberbrückbar, und Osten und Westen nehmen hierin gänzlich verschiedene Standpunkte ein. Am deutlichsten wird das, wenn es sich darum (S120) handelt, jemanden nach seinem Alter zu fragen oder selbst zu sagen, wie alt man ist. In China kommt, wenn man einen offiziellen Besuch macht, gleich nach der Frage nach Namen und Familiennamen die weitere Frage: 'Und welches ist Ihr ruhmreiches Alter?' Muß der Gefragte zögernd gestehen, er sei dreiundzwanzig, er sei achtundzwanzig, so tröstet ihn der andere mit der Bemerkung, da habe er ja noch eine ruhmreiche Zukunft vor sich, und eines Tages werde er gewiß alt werden. Kann aber der Befragte antworten, er sei fünfunddreißig oder achtunddreißig, so ruft der andere sofort im Tone hoher Achtung: 'Großes Glück!' Die Begeisterung wächst, je höher das Alter ist, das der Befragte zu nennen hat, und ist er gar über die Fünfzig hinaus, so senkt der Fragende sogleich voll Demut und Achtung die Stimme. Darum müßten eigentlich alle alten Menschen, die es sich leisten können, nach China ziehen, wo man selbst den weißbärtigen Bettler mit ausgemachter Liebenswürdigkeit behandelt. Leute in mittleren Jahren warten meist begierig auf den Tag, an die sie fünfzig werden, und bei erfolgreichen Kaufleuten und Beamten hat man es schon erlebt, daß sie bereits ihren vierzigsten Geburtstag mit gewaltigem Pomp feierten. Der fünfzigste Geburtstag aber, die Wegmarke des halben Jahrhunderts, ist in allen Bevölkerungsschichten ein Anlaß zu lauter Freude. Der sechzigste übertrifft den fünfzigsten an Herrlichkeit, der siebzigste den sechzigsten, und wer seinen achtzigsten Geburtstag feiern kann, der gilt als ein ganz besonder Glückskind des Himmels" (Zitiert aus A.L.Vischer: Das Alter als Schicksal und Erfüllung. Basel 1954, S146f).

   Das bedeutet selbstverständlich nicht, daß in China heute noch immer die psychophysischen Tatbestände vorlägen, in denen diese Altersverehrung einstmals ihren Ursprung hatte; der Umstand vielmehr, daß Lin Yütang sie einfach als Tatsache feststellt, ohne ihre Ursachen zu nennen, beweist deutlich genug, daß sie heute, soweit sie die inzwischen erfolgte kommunistische Umwälzung überhaupt überdauert hat, nurmehr auf Tradition beruht. Ähnlich liegen die Verhältnisse übrigens auch in Japan. Karlfried Graf Dürckheim erzählt, daß ihm dort auf die Frage an einen Japaner: "Was halten Sie für das wertvollste Element in Ihrem Volke?" dieser, ohne sich zu besinnen, geantwortet habe: "Unsere alten Leute" (W.Lindenberg: Die Menschheit betet. München 1956, S37).

   Das stufenweise Zuwachsen höherer seelisch-geistiger Fähigkeiten in der zweiten Lebenshälfte, in welchem diese Hochschätzung des Alters ursprünglich wurzelte, kam, wie schon bemerkt, in alten Zeiten auf naturhafte Weise zustande. Es wurde daher in mehr oder weniger gleichem Maße jedermann zuteil, der die entsprechenden Altersstufen erreichte. Für jene frühen geschichtlichen Epochen darf daher auch behauptet werden, daß die einzelnen Menschen in bezug auf ihre seelisch-geistigen Fähigkeiten sich mehr nach ihrem Alter (S121) als nach ihrer Individualität voneinander unterschieden. Dies hatte in soziologischer Beziehung eine gewisse Gliederung derselben nach Altersstufen zur Folge. Bei verschiedenen primitiven Völkern, die auf jenen vorgeschichtlich-frühgeschichtlichen Stufen stehengeblieben sind, haben sich denn auch bis in unsere Zeit herein Organisationen erhalten, welche wenigstens die männliche Bevölkerung in eine Stufenfolge von "Altersklassen" gegliedert zeigten, die der Einzelne der Reihe nach durchlief, und deren höhere sich besonderer Privilegien erfreuten (Siehe P.Radin: "Gott und Mensch in der primitiven Welt" 1953, und H.Schurtz: "Altersklassen und Männerbünde" 1902). Die Aufnahme in eine solche Klasse war jeweils mit bestimmten rituellen Weihen verbunden, welche die besonderen Fähigkeitsgrade, die dem Aufzunehmenden damit zuwuchsen, symbolisch zum Ausdruck brachten. In den christlichen Sakramenten, die auf solche Weihen zurückgehen, lassen sich noch deutlich die Zusammenhänge mit den verschiedenen Lebensstufen erkennen; in ihnen hat sich - in christlicher Umbildung - ein letzter Überrest solcher mit den verschiedenen Lebensaltern verbundenen Weihehandlungen selbst innerhalb unserer abendländischen Kultur erhalten (Siehe hierzu Franz Boll: "Die Lebensalter" 1913).

   Von jenen ersten, ältesten Epochen an, auf die wir hier zuletzt zurückblickten, sank im Fortgang der Geschichte der Lebenszeitpunkt, bis zu welchem in der geschilderten Weise aus den Wandlungsprozessen des leiblichen Lebens seelisch-geistige Fähigkeiten naturhaft sich erbildeten, von Stufe zu Stufe herunter. Damit verwischten sich die ehemaligen Unterschiede der Lebensalter in seelisch-geistiger Beziehung mehr und mehr und begannen diejenigen der Individualitäten im selben Maße hervorzutreten. Blicken wir nun nochmals auf die dritte Epoche der Geschichte, in der die ersten Hochkulturen aufblühten. Vom Gesichtspunkt dieser leiblich-seelischen Zusammenhänge betrachtet, ist sie - wie schon geschildert - dadurch gekennzeichnet, dßa nurmehr in dem an die Lebensmitte unmittelbar sich anschließenden Jahrsiebent (35. bis 42. Jahr) das leibliche Leben Kräfte an das seelische abzugeben vermochte. Wir beschrieben diese als diejenigen, welche jenes besondere Verhältnis zur physisch-materiellen Welt überhaupt begründeten, das den Kulturleistungen Ägyptens und Babyloniens, insofern sie durch instinktiv-gattungsmäßige Schöpferkräfte bedingt waren, zugrunde lag. Denn immer sind es die letzten, höchsten der Kräfte, die innerhalb einer Epoche aus dem leiblichen Leben noch "herausgezogen" werden können, die der betreffenden Epoche in bezug auf ihr naturhaft-kollektivgeistigen Schöpferfähigkeiten ihr Gepräge verleihen. Somit wird der oben geschilderte Charakter dieser ersten Hochkulturen in bezug auf die naturhaften Schöpferkräfte, von denen sie getragen und bestimmt wurden, nun auch von diesem psychophysischen Blickpunkte aus verständlich.

(S122)  Im Verlauf der griechisch-römischen Epoche sinkt der Zeitpunkt, bis zu welchem leibliche und seelische Entwicklung miteinander verbunden sind, weiter herunter in das der Lebensmitte unmittelbar vorangehende Jahrsiebent (28. bis 35. Jahr). Wie schon erwähnt, waren die Kräfte, die nach dem 28. Lebensjahr dem Seelischen vom Leiblichen her damals noch zuflossen, solche, welche jenes naturhafte "Verstandesseelentum" begründeten, das in der griechisch-römischen Kultur im Aufstieg zu ihrer Hochblüte zum Durchbruch kam. Dieses Verstandesseelentum entfaltete sich also im einzelnen Menschenleben besonders zur Lebensmitte hin. Nun hatten wir aber oben schon darauf hingewiesen, wie gerade während dieser Kulturepoche die menschliche Persönlichkeit über die gattungsmäßig-instinktiven Kräfte hinauszuwachsen begann, und zwar eben durch die Entwicklung eines in reinen Begriffen webenden Denkens. Die Griechen und Römer brauchten also beim Übergang vom Gattungsmäßigen zum Individuellen aus dem Element der Verstandestätigkeit nicht herauszugehen. Sie waren gewissermaßen nur darauf angewiesen, die Denkkraft, welche ihnen ihre menschliche "Natur" als ihre letzte Gabe gerade noch in die Hände spielte, von ihrer Individualität aus zu ergreifen und in eine von dieser selbst betätigte umzuwandeln. Die Aneignung derselben durch ihre Individualität bildet die eigentlich innere Lebens- und Entwicklungsaufgabe, die ihnen gestellt war. Die innere Auseinandersetzung mit ihr, in welcher die Individualität durchstoßen und sich ihrer bemächtigen sollte, spielte sich am intensivsten gegen die Lebensmitte hin ab. Hierin liegt es begründet, daß innerhalb der griechisch-römischen Kultur als der "Gipfelpunkt" des menschlichen Lebens nicht mehr, wie in der alt-orientalischen, das Greisenalter, sondern die Lebensmitte erschien, - was in Griechenland denn auch in ihrer Bezeichnung als "Akme" zum Ausdrucke kam. So charakterisierte auch Aristoteles in seiner "Rhetorik" (II.12-14Kap.) da, wo er über den Unterschied der Lebensalter spricht, die Mitte des Lebens als die Zeit, in welcher der Mensch der Verwirklichung dessen, was dem Griechen als das höchste menschliche Ideal erschien: der Harmonie zwischen Körperlichem und Geistigem, des Gleichgewichtes zwischen der Tatkraft der Jugend und der Weisheit des Alters, der Übereinstimmung zwischen dem Gattungsmäßigen und dem Individuellen am nächsten kommen könne. Auch die plastische Kunst der Griechen hat den Menschen meist in dem Alter dargestellt, in welchem er der Lebensmitte entgegengeht. Bedeutsam und bezeichnend ist schließlich, daß die beiden größten Menschheitsgestalten, die in dieser geschichtlichen Epoche aufgetreten sind - so wenig sie in anderer Hinsicht hierdurch einander gleichgestellt werden sollen -: Buddha und Christus, beide um ihr dreißigstes Lebensjahr herum, d.h. in dem Jahrsiebent zwischen dem 28. und 35. Lebensjahr den Durchbruch ihres innersten Wesens, ihrer eigentlichen Sendung erlebten.

(S123)    Kommen wir zuletzt auf die Verhältnisse zurück, wie sie sich in unserer gegenwärtigen, fünften Epoche herausgebildet haben, so wurden diese bereits oben dahin charakterisiert, daß dem Seelischen des heutigen Menschen vom Leibe her nurmehr diejenigen Fähigkeiten naturhaft zuwachsen, die nach Abschluß des Erwachsenseins (in dem Jahrsiebent vom 21. bis zum 28. Jahre) frei werden. Es sind jene, die ihm die Möglichkeit geben, sich als ein Ichwesen in die Welt hineinzustellen. Außerdem kommt seinem Seelenleben in diesem Lebensabschnitt jene letzte, feinste, schon halbseelische Wirksamkeit von noch am Leibe bildenden Kräften zugute, welche in diesem Alter der Sinneswahrnehmung die größte Schärfe und Empfänglichkeit für äußere Eindrücke verleiht. Und so sehen wir nun noch von einer anderen Seite her, was wir weiter oben so kennzeichneten, daß die gattungsmäßig-instinktiv wirkenden Kräfte in unserer Epoche soweit zurückgegangen seien, daß seine "Natur" den heutigen Menschen nurmehr mit der Fähigkeit der rein sinnlichen Wahrnehmung ausstattet, welche dadurch die Grundlage moderner Erkenntnisbildung geworden ist. Nur hat er demgegenüber die Möglichkeit, schon als volljährig gewordener Mensch zu den Inhalten, welche ihm die Sinneswahrnehmung liefert, durch die unmittelbar ichhafte Betätigung seines Denkens von innen her die Begriffe hinzuzuproduzieren, durch welche die bloße Kenntnis von Sinnestatsachen in Erkenntnis sich verwandelt.

   Diese Möglichkeit ist allerdings nicht nur von der leiblichen Seite her (durch das "Freiwerden" der charakterisierten Kräfte), sondern noch in etwas anderem begründet. - und damit kommen wir auf das zurück, was am Ende des vorletzten Kapitels dargelegt wurde (2. Wiederverkörperung + Fortschritt): sie ist in den inneren Errungenschaften begründet, welche die menschlichen Individualitäten aus vergangenen Verkörperungen mitbringen, die sie in früheren Epochen der Geschichte durchlebt haben. Und zwar kommt hierfür in erster Linie die letztvergangene, vierte Epoche in Betracht, in welcher die menschliche Individualität sich zuerst aus den instinktiv-gattungsmäßigen Kräften herausgerungen hat, und zwar gerade durch die damalige Entwicklung eines in reinen Begriffen sich bewegenden Denkens, - wenn sich dieses auch noch nicht zu dem heutigen Grade der Abstraktionsfähigkeit erhoben hatte. Denn alles, was die menschliche Individualität sich selbst zu eigen gemacht hat, das hat sie der Vergänglichkeit entrungen, das gehört ihr für immer zu. Allerdings ist auch alles, was an die Individualität geknüpft ist, an die Freiheit geknüpft, - an die Freiheit nämlich, das je Betreffende zu tun oder zu unterlassen. Und so tritt in dem Maße, als der geschichtliche Fortschritt von den Bemühungen der einzelnen Menschen abhängig wird, eine stetig zunehmende individuelle Differenzierung zwischen den Menschen ein. So ist zu berücksichtigen, daß in den Verkörperungen, welche die menschlichen Individualitäten während der vierten Epoche durchlebt haben, bei weitem nicht alle jene intellektuelle Erziehung und (S124) Entwicklung durchlaufen haben, welche dieser Epoche entsprach, - schon deshalb nicht, weil die Möglichkeit hierfür nicht innerhalb aller Völker, die jener Epoche angehörten, in gleichem Maße gegeben war. In vollem Maße bestand sie nur innerhalb der Mittemeerkulturen der Hebräer, Griechen und Römer. Die Folge davon ist, daß die individuallen Errungenschaften, welche die in unserer Zeit wiedergeborenen Menschen aus ihren früheren Verkörperungen mitbringen, die mannigfaltigsten Abstufungen aufweisen. Von der Höhe, welche diese Errungenschaften in einem früheren Erdenleben erreicht haben, hängt es ab, in welchem Grade ein in unserer Epoche wiedergeborener Mensch in der Lage ist, zu den Sinneserfahrungen, die ihm von außen zukommen, durch eigenes Denken entsprechende Begriffe hinzuzuentwickeln. Zwar erfährt er schon durch den heutigen Schulunterricht eine gewisse Erziehung seiner inetellektuellen Kräfte, - noch mehr, wenn ihm gar eine wissenschaftliche oder philosophische Bildung zuteil wird. Entscheidend ist aber in unserer so ganz auf das Individuelle gestellten Zeit doch, was er an individuellen Errungenschaften aus früheren Erdenleben mit- oder an eigenen Bemühungen im gegenwärtigen aufbringt. Kommen die einen oder anderen nicht in genügendem Maße zum Einsatz, so droht ihm die Gefahr, in der denkerischen Bewältigung der Sinneserfahrungen auf die Dauer zu erlahmen und dem Ansturm der letzteren gegenüber in innere Passivität zu versinken. Diese Gefahr ist schon durch den Umstand gegeben, daß das rein sinnliche Erleben an sich (im Unterschied zu dem sinnbildlichen der dritten Epoche) einen Gegensatz zu dem denkerischen Tätigsein bildet und seine Inhalte der begrifflichen Durchdringung gewissermaßen einen Widerstand entgegensetzen. Und sie hat in der unmittelbaren Gegenwart - wir kommen auch damit auf bereits Ausgeführtes zurück - eine höchste Steigerung dadurch erfahren, daß durch die Errungenschaften der modernen Technik der heutige Mensch mit immer wieder neuen Sinneseindrücken in solchem Maße überschüttet wird, daß er sich ihnen gegenüber mit seinem Denken kaum mehr behaupten kann.

   Was bedeutet es aber, wenn er dem Andrang der Sinneseindrücke - der "Sensationen" - in der Weise erliegt, daß die erkenntnismäßige Auseinandersetzung mit ihnen zum Stillstand kommt? Es bedeutet, daß in seinem seelischen Leben jene Haltung zu einem Dauerzustand wird, die im strengen Sinne nur dem Lebensalter von 21 bis 28 Jahren entspricht, in welchem seine "Natur" für den heutigen Menschen die Sinneserfahrung an die erste Stelle in seinem seelischen Erleben rückt. Oder anders ausgedrückt: daß er in seiner seelischen Entwicklung an dem Punkte stehen bleibt, bis zu welchem ihm noch auf naturhafte Weise aus dem Leibe Kräfte zufließen. Noch anders gesagt: daß er seelisch ausschließlich aus den Kräften lebt, welche die im Niedergang befindliche, heute bereits auf die Stufe der "Empfindungsseele" herabgesunkene (S125) Strömung des Naturhaft-Gattungsmäßigen ihm noch verleiht, - die aufsteigende Strömung des Individuellen aber in sich verkümmern läßt.

   Von daher kann sich der Blick erschließen für eine Tatsache, die Rudolf Steiner bezüglich unserer Zeit aufgewiesen hat: daß nämlich die Menschen heute in stetig zunehmender Zahl in Gefahr, ja im Begriffe sind, in ihrer seelischen Entwicklung auf der Reifestufe des 27. bis 28. Lebensjahres stehen zu bleiben. Es ist dies eben der Zeitpunkt, in welchem sich der Zufluß naturhaft auftretender seelischer Kräfte heute erschöpft, und von dem an der Mensch auf die Fähigkeiten angewiesen ist, die er als Individualität aus früheren Erdenleben mitbringt, und, sofern er in seiner inneren Entwicklung weiterkommen soll, eine aus seinem Innern fließende Aktivität zu entfalten genötigt ist. Eines der bezeichnendsten Merkmale der gegenwärtigen Zivilisation liegt in der Tat darin, daß eine immer größere Zahl von Menschen über die Lebensideale und Lebensbeurteilungen, die etwa dem Alter von 27 Jahren entsprechen, ihr ganzes Leben nicht mehr hinauswachsen. Es ist dies nur von einer anderen Seite gesehen, dasselbe Phänomen, das wir weiter oben gekennzeichnet haben als die Sucht nach immer neuen Sensationen, als die Jagd nach immer raffinierteren physischen Genüssen, nach immer vermehrtem materiellem Besitz und Komfort, - jene Sucht, die zugleich eine Flucht vor jeglichem Nachdenken, jeder tieferen Besinnung bedeutet und daher eine immer weitergehende Veräußerlichung und Verflachung des seelischen Lebens bewirkt und dieses in eine immer größere Abhängigkeit von äußeren Einwirkungen und Beeinflussungen bringt.

   In anderer Weise äußert sich das Stehenbleiben auf dieser Altersstufe bzw. bei den bloß gattungsmäßigen Kräften, mit welchen die Menschennatur heute den einzelnen Menschen noch ausstattet, in jener Überschätzung der Jugend, welche ebenfalls zu den charakteristischen Merkmalen unserer Zeit gehört. Sie hat den Jugendlichen und vor der Lebensmitte stehenden Erwachsenen in moralischer und beruflicher Hinsicht Berechtigungen und Begünstigungen gebracht, wie sie keine frühere Epoche kannte. Die besonderen Eignungen, welche das Jugendalter für bestimmte technische Berufe, für Sport und Film verleiht, deren Einfluß und Anziehungskraft auf die Massen heute ja ins Grenzenlose geht, leistet dieser Überschätzung immer weiteren Vorschub. Zu ihrer Kehrseite hat sie eine Respektlosigkeit gegenüber dem Alter, die in früheren Zeiten auch undenkbar gewesen wäre. Schon Goethe hat diese durch den Mund des Baccalaureus im Faust II in den bekannten Worten zum Ausdruck bringen lassen:


"Des Menschen Leben lebt im Blut, und wo

Bewegt das Blut sich wie im Jüngling so?

Da ist lebendig Blut in frischer Kraft,

Das neues Leben sich aus Leben schafft...

Gewiß, das Alter ist ein kaltes Fieber

Im Frost von grillenhafter Not.

Hat einer dreißig Jahre vorüber,

So ist er schon so gut wie tot.

Am besten wär's, euch zeitig totzuschlagen!"


(S126)  Damit ist unsere Zeit in der Bewertung der Lebensalter gegenüber der altorientalischen Kultur am entgegengesetzten Pol angelangt. Und es ist auch ganz verständlich, daß heute die Jugend als der Höhepunkt des menschlichen Lebens erscheinen muß, sofern man nur jene Kräfte im Menschen berücksichtigt, welche er seiner "Natur" verdankt. Denn die Fähigkeiten seiner "Natur" sind eben heute schon so weit zurückgegangen, daß sie dem Seelisch-Geistigen des Menschen nurmehr während seiner Jugendzeit Kräfte zufließen lassen. Die heutige Menschennatur wäre einem Baume zu vergleichen, der zwar den Schmuck des Frühlings: Blätter und Blüten, hervorbringen, aber nicht mehr den Segen des Herbstes, d.h. keine Früchte mehr reifen lassen könnte. Vermag man jenes andere Element im Menschen,, das eben seine Individualität darstellt, nicht zu sehen und zu betätigen - und wir wiesen ja schon an früherer Stelle darauf hin, daß eine bloß naturwissenschaftliche Weltbetrachtung für dieses Element blind macht -, dann kann man im Älterwerden des Menschen nur ein stufenweises Absinken von der Höhe erblicken, auf welcher er in der Jugend gestanden, und wird allenfalls nach allerlei äußerlichen Mitteln greifen, um ihn zu "verjüngen" oder sich wenigstens jünger fühlen zu lassen, als er ist. Eine weitere Folge dieser Anschauung und dieses Lebensverhaltens ist aber diese, daß sich des Menschen immer mehr eine Furcht vor dem Altern bemächtigen muß und namentlich mit dem Überschreiten der Lebensmitte seelische Krisen eintreten müssen, die sich in Zerwürfnissen mit der Umwelt, in psychischen Erkrankungen äußern und bis zu seelischen Zusammenbrüchen steigern können. Unser heutiges Leben bietet auch von solchen Erscheinungen die mannigfaltigsten Beispiele dar.

   Es muß darum, im Lichte dieser Betrachtungen gesehen, als ein bedeutsames Symptom für die Forderungen erscheinen, welche unser Zeitalter an den Menschen stellt, daß seit dem vergangenen Jahrhundert in wachsendem Maße Bemühungen um eine Schulung der Erwachsenen hervorgetreten sind, wie sie etwa in dem Volksbildungs- und Volkshochschulwesen zum Ausdrucke kommen, das in den letzten Menschenaltern eine so große Verbreitung und vielgestaltige Ausbildung erfahren hat. Diese Bestrebungen sind ein Beweis für die sich geltend machende Empfindung, daß der heutige Mensch über die Erziehung hinaus, die ihm in Kindheit und Jugend von außen her zuteil wird, im Alter des Erwachsenseins noch einer solchen bedarf, die er selbst sich angedeihen läßt. Gewiß liegt die zunehmende Notwendigkeit einer solchen (S127) Erwachsenenbildung auch in der Tatsache begründet, daß angesichts des rasenden Tempos, in welchem sich die Lebensverhältnisse, Arbeitsbedingungen und beruflichen Anforderungen auf allen Gebieten heute verändern, die Kenntnisse, die wir in der Schule und ersten Berufsausbildung uns erwerben, schon nach kurzer Zeit überholt sind und daher durch Weiterbildung ständig ergänzt werden müssen. Und ebenso gewiß liegen die Antriebe dazu, sich einer Erwachsenenschulung in irgendeiner Art zu unterziehen, heute noch überwiegend in dem Streben, mittels derselben in der beruflichen Karriere raschere Fortschritte oder größere Erfolge zu erzielen, daher es denn auch dabei zumeist auf die Erwerbung von sprachlichen, technischen oder kommerziellen Kenntnissen und Fähigkeiten abgesehen ist.

   Von maßgebenden Erwachsenenbildnern wird aber schon erkannt, daß der Erwachsenenbildung über diese äußeren Nutzzwecke hinaus noch eine höhere und wesentlichere Aufgabe zukommt, - nämlich die einer rein menschlichen Weiterbildung des Menschen als seelisch-geistigen Wesens, deren Ziel darin liegt, den Prozeß der seelisch-geistigen Entwicklung und Reifung im Flusse zu erhalten, und deren Weg - im Unterschied von der dem Kind angemessenen Fremderziehung - nur derjenige der Selbsterziehung sein kann. So schreibt z.B. der bekannte Entwicklungspsychologie H.Hanselmann in seinem Buche "Andragogik" (Zürich 1951), in welchem er unter dieser Bezeichnung eine so verstandene Erwachsenenbildung vertritt:

   "Die Pädagogik versucht, das Kind und den Jugendlichen reif zu machen zum lebenslänglichen Streben in der Selbsterziehung durch Selbstweiterbildung; Aufgabe der Andragogik ist es, den erwachsenen Menschen in diesem Streben wach zu erhalten und ihn zu unterstützen, indem sie ihn zu schützen versucht vor allen vielfachen Gefahren einer Flucht vor sich selbst oder vor der Gefahr der Erstarrung im Stillstand des 'Fertigseins'. Unsere heutige Welt, die so voll Zivilisation und so arm an Kultur ist, hat jene Gefahr in stärkstem Maße heraufbeschworen. Ein großer Teil der Erwachsenen verfällt ihnen von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde und erstarrt in der Ichsucht oder verläuft sich auf der Ichflucht, der Flucht vor dem Ich-Selbst" (S70).

  Worin besteht aber diese Selbsterziehung, welche den Menschen vor der "Erstarrung im Stillstand des Fertigseins" zu bewahren vermag? Sie besteht ganz wesentlich in der Übung derjenigen Art der denkerischen Betätigung, welche sich im Unterschied zu jener der griechisch-römischen Epoche als die spezifisch moderne herausgebildet und als ihre bisher charakteristischeste Leistung die moderne Naturwissenschaft hervorgebracht hat. Damit kommen wir von einer anderen Seite her wieder zu demjenigen Element unserer modernen Kultur, das wir im letzten Kapitel als die fortschreitende Strömung derselben gekennzeichnet und dessen innere Verwandtschaft wir hervorgehoben haben mit dem, was in der dritten Epoche die rückschreitende Strömung der (S128) Gattungskräfte gebildet hatte. Wir sprachen dort davon, daß es durch ein besonderes Verhältnis zur sinnlich-stofflichen Welt bezeichnet gewesen sei, und wir erwähnten den Ausdruck Bewußtseinsseele, den Rudolf Steiner für diejenige Form geprägt hat, in welcher dieses Kräfte-Element in unserer Zeit wieder aufgetreten ist.

   Worin bezeugt sich denn im Denken des modernen Menschen dieses besonders innige Verhältnis zur sinnlich-stofflichen Welt? Es kommt darin zum Ausdruck, daß der heutige Mensch in viel höherem Maße, als dies beim antiken oder mittelalterlichen der Fall war, das Bedürfnis empfindet, seine Gedankenbildung an die Tatsachen der Sinneserfahrung anzuschließen und in ihr nur so weit zu gehen, als sie durch die letzteren gestützt, gefordert oder gerechtfertigt erscheint. Wir brauchen hier bloß an das schon von Fr.Bacon im Beginne der neueren Zeit aufgestellte Postulat zu erinnern, daß alle Erkenntnis aus der Sinneserfahrung geschöpft werden müsse, oder an I.Kants Kampf gegen alle auf bloßer Spekulation beruhende Metaphysik. Der moderne Mensch möchte mit anderen Worten sein Denken nicht dazu benützen, um ein logisch widerspruchsloses, in sich geschlossenes philosophisches System aufzubauen, das ein für allemal und in Vollständigkeit die "Wahrheit" enthält, - sondern zu dem ganz anderen Zweck, sich durch die von ihm entwickelten Begriffe die Sinnestatsachen verständlich, geistig durchsichtig zu machen. Der Aufbau einer Gedankenwelt ist ihm nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zu dem Zweck, die Erfahrungstatsachen zu interpretieren. Dieser Zweck läßt sich allerdings nur dann erreichen, wenn die Gedanken immer wieder von neuem mit dem konfrontiert werden, was die Phänomene aussagen. Bei solchem Bemühen wird aber erfahren, daß die Begriffe immer wieder berichtigt, die Urteile umgeschmolzen, die Schlußfolgerungen geändert werden müssen, aber auch die Anschauung der Tatsachen selbst immerfort erweitert werden muß, - und hieraus resultiert schließlich die Überzeugung, daß der Mensch die "Wahrheit" niemals in einem abgerundeten System endgültig erobern und besitzen, sondern immer nur auf dem Wege zu ihr sein kann, daß sein Erkennen grundsätzlich immer unabgeschlossen bleiben muß, daß er sich darum aber auch immer wieder neue Aspekte, Zusammenhänge und Bedeutungen der Tatsachen zu erschließen vermag.

   Diese Erkenntnishaltung, welche in der Methodik der modernen Wissenschaft ihre Objektivation erfahren hat und überall, wo diese methodisch auf ihrer Höhe steht, in ihr praktiziert wird, gegenüber dem Leben überhaupt einzunehmen, dergestalt, daß man sich dieses in all dem, was es an einen heranbringt, zu einer Schule der Erfahrungen werden läßt, aus denen man dauernd Neues lernt, durch die man seine Auffassungen ständig sich wandeln, berichtigen und vertiefen läßt, dies ist eigentlich die Kernaufgabe, welche sich der Erwachsenenbildung für unsere Zeit stellt. Man kann sie auch so formulieren, (S129) daß sie den Erwachsenen dazu anzuregen hat, die an ihn herankommenden Eindrücke und Erfahrungen nicht so aufzunehmen, daß sie gleichsam unverdaut bloß durch ihn durchgehen, sondern sie denkerisch so zu verarbeiten, daß ihnen Kräfte abgewonnen werden können, welche der Entwicklung und Reifung des seelischen Lebens dienen. Eine solche Formulierung findet sich z.B. auch in dem Buche "Erwachsenenbildung gestern - heute - morgen" (1949) des bekannten Schweizer Volkspädagogen Fritz Wartenweiler, wenn er darin schreibt:

   "Wahre Bildung ist Bildung der Kräfte. Nicht das Ergebnis ist wichtig, sondern die Arbeit, die dazu führt. Es geht nicht darum, die Wißbegierde (oder gar Neugier) zu stillen, nicht einmal darum, Wissen zu vermitteln, sei es noch so wertvoll. Am wenigsten bildend wirkt die als Bildungsbestreben getarnte Bemühung, seine eigene Überzeugung anderen beizubringen. Die Aufgabe heißt vielmehr: in den Erwachsenen, die nach Bildung streben, die Fähigkeiten entwickeln zu helfen, die ihnen ein Leben in geistiger Selbständigkeit möglich machen... Richtige Bildungsarbeit entwickelt so viel wie möglich die Fähigkeit zum eigenen Beobachten. Das wird verhältnismäßig am ehesten gelingen bei der Betrachtung menschlicher Dinge. Soll das Beobachtete der Bildung dienen, dann muß es verarbeitet werden. Unerläßlich ist also eine Ausbildung der Fähigkeit des Denkens, die in der Schule für Kinder und Jugendliche zwar vorbereitet, aber nicht durchgeführt werden kann... Die Kunst des Bildners besteht also nicht so sehr im Darbieten als im Anleiten zur Verarbeitung."

   Zu einer solchen Erwachsenenbildung, die im wesentlichen Selbsterziehung sein muß, für welche der Lehrer nurmehr der Anregende, Anleitende sein kann, gehört als die organische Vorstufe und Vorbereitung eine solche Erziehung der heranwachsenden, jugendlichen Menschen hinzu, wie sie am Schlusse des zweiten Kapitels angedeutet wurde (2. Wiederverkörperung + Fortschritt): eine Pädagogik, die darauf abzielt, die Kinder nicht nur mit Kenntnissen vollzustopfen und sie auf eine festgelegte Weltauffassung religiöser oder politischer oder scheinwissenschaftlicher Art einzudrillen, sondern die in ihnen veranlagten schöpferischen Kräfte dadurch zur Befreiung und Entfaltung zu bringen, daß sie allen Unterrichtsstoff nur als Anregungsmittel und Gestaltungsmaterial für diese Kräfte behandelt. Und es bedeutet nach der anderen Seite hin eine solche Erwachsenenbildung selbst wieder die Vorbereitung und den Anfang einer solchen seelisch-geistigen Schulung, wie sie als Weg zu höheren, übersinnlichen Erkenntnisformen heute von der Anthroposophie gelehrt wird. Denn diese Schulung besteht einerseits darin, zu den Augen des Leibes solche der Seele und des Geistes hinzuzuentwickeln, durch welche die Welt der Erfahrung vom Physischen ins Überphysische hinein sich erweitert, und andererseits darin, daas aus einer also erweiterten Erfahrung Gewonnene denkerisch immer wieder so durchzuarbeiten, daß Früchte echter Erkenntnis daraus erwachsen können. Im übrigen (S130) deuteten wir schon verschiedentlich darauf hin, wie es gerade die zweite Lebenshälfte bzw. die höheren Lebensaltersstufen sind, die einem Vorwärtskommen auf dem Wege solcher Schulung besondere Möglichkeiten gewähren. Und schließlich bedeutet dieses Vorwärtskommen ja auch, daß die wahre Individualität des Menschen innerhalb seiner Wesenheit sich immer mehr zum inneren Herrscher macht und deren Kräfte fortschreitend zum Ausdruck ihres Wesens ausbildet und umprägt.

   Verlängern wir die hier skizzierten Linien der Entwicklung abschließend noch bis in die kommende, sechste Epoche der Geschichte hinein, so ist vorauszusehen, daß der Lebenszeitpunkt, bis zu welchem die leibliche Entwicklung Kräfte an die seelische abzugeben vermag, in ihrem Verlaufe bis in jenes Jahrsiebent heruntersinken wird, welches dem Erwachsensein vorangeht (14. bis 21. Lebensjahr). Das wird zur Folge haben, daß vom Leiblich-Gattungsmäßigen her dem Menschen nurmehr diejenigen Fähigkeiten zufließen werden, aus denen das Lernen und Studieren, das vertiefte Interesse für Umwelt und Mitmenschen, die Weltanschauungsbegründung erwachsen, welche diesem Lebensalter der höheren Schulbildung das Gepräge geben, - nicht mehr aber jene, durch welche er sich als volljährig gewordenes, für sein Verhalten selbst verantwortliches Ichwesen ins Leben hineinstellen kann. Die Veranlagung zu diesem Entwicklungsstand kann bei den Angehörigen des Russentums, soweit ihr reiner Nationalcharakter in Betracht kommt, schon heute im Positiven wie im Negativen wahrgenommen werden. Sie zeigt sich einerseits in ihrem außerordentlichen Lerntalent, in der Fähigkeit, Geisteserzeugnisse und Lebensformen fremder Kulturen (allerdings ohne ihnen eine freie, selbständige Beurteilung ihres Wertes oder Unwertes entgegensetzen zu können) zu übernehmen und sich anzueignen, die der ganzen russischen Geistes- und Sozialgeschichte ihren Stempel aufgedrückt hat, - andererseits in dem Unberechenbaren ihres Wesens, in dem unvermittelten Umschlagen ihrer Empfindungen oder Stimmungen von einem Extrem in das entgegengesetzte, in ihrem Mangel an Selbstbeherrschung, der sie bisher immer wieder einer diktatorisch-despotischen Führung von oben hat anheimfallen lassen. Allerdings wird, wenn die Epoche einmal anbrechen wird, für welche das russische Slawentum in seiner weiteren Entwicklung die wesentliche volksmäßige Grundlage abgeben wird, der einzelne Mensch in seine dann zu durchlebenden Verkörperungen eine in sich so erstarkte Ichwesenheit mitbringen, daß er dann ganz aus seinen individuellen Kräften heraus zu leisten imstande sein wird, was ihm seine gattungsmäßigen nicht mehr ermöglichen. Er wird also dann für eine wahrhaft menschliche Lebensgestaltung in noch höherem Grade, als dies in unserer Epoche schon der Fall ist, auf die "Erbschaften" geistig-seelischer Art angewiesen sein. die er in seinen früheren Erdenleben erworben hat.

   Aus den letzten Abschnitten dieser Betrachtung ist wohl ersichtlich geworden, (S131) daß, je weiter wir, mit der Zeit fortschreitend, uns von der Mitte der Geschichte entfernen, desto mehr die leiblich-naturhaften und die selbsterrungenen geistig-individuellen Kräfte im Menschen wiederum divergieren, und zwar in dem Sinne, daß die ersteren auf immer tiefere Stufen heruntersinken, während für die letzteren die Möglichkeit und die Aufgabe erwächst, zu immer höheren aufzusteigen. Der Schwerpunkt des Lebens, der in der griechisch-römischen Antike, da das Gattungsmäßige und das Individuelle gewissermaßen auf gleicher Höhe standen bzw. von gleicher Art waren, in der Lebensmitte lag, teilt sich sozusagen und verlagert sich zum einen Teil in die niedrigeren, zum anderen wieder in die höheren Lebensstufen. Im Blick auf diese Tatsache enthüllt sich erst die tiefere Bedeutung, die dem Umstand zukommt, daß durch die Errungenschaften der modernen Hygiene und Medizin die durchschnittliche menschliche Lebenserwartung eine Erhöhung bereits um Jahrzehnte erfahren hat und in der Zukunft wohl noch eine weitere Erhöhung erfahren wird. Denn durch die Verlängerung der durchschnittlichen Lebensdauer wird die Frage, wie dem Altwerden ein innerer Wert verliehen werden kann, immer größere Wichtigkeit erlangen. Ihre Beantwortung wird sie aber nur dadurch erfahren können, daß Wege erschlossen und beschritten werden, auf denen der Mensch seine seelisch-geistige Entwicklung durch das ganze Leben hindurch im Flusse erhalten kann. Und wenn gleichzeitig durch den Fortgang der technischen Entwicklung die Zeiten sich immer weiter ausdehnen, die frei von beruflicher Arbeit sind, so drängt sich dadurch geradezu die Forderung auf, diese Freizeiten durch solche Bestrebungen der Selbstbildung und Selbsterziehung auszufüllen, welche ein ständiges Weiterreifen des Innern fördern können.

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