UA-34182763-1

 

°

 

5. Das Jüngerwerden der Menschheit

Die Zeitsymmetrie in der Geschichte und das Umkehrungsverhältnis zwischen

biogenetischem und historiogenetischem Grundgesetz


(S133)  Die Darstellungen der beiden vorangehenden Kapitel, im Zusammenhange miteinander betrachtet, erschließen eine ganze Reihe bedeutsamer, ja grundlegender Einblicke in die innere Gesetzmäßigkeit des geschichtlichen Werdens, die im Folgenden noch vollends herausgearbeitet werden sollen.

   Fürs erste haben sie gezeigt, daß die Beziehung zwischen Leiblichem und Seelisch-Geistigem im Menschen, die für die neuere Philosophie und Wissenschaft eine so rätselvolle geworden ist, darin ihr Grundmerkmal hat, daß im Verlaufe des einzelmenschlichen Lebens Kräfte des ersteren sich stufenweise von diesem emanzipieren und sich in solche des letzteren verwandeln. Allerdings hat sich zugleich gezeigt, daß dieser Prozeß im Verlauf der Geschichte sich nicht immer gleich bleibt, sondern sich in der Weise verändert, daß von Epoche zu Epoche dem Seelisch-Geistigen im einzelnen Lebensgang immer weniger an Kräften vom Leiblichen her in solcher Art zuwächst. In dieser Veränderung kommt die Tatsache zum Ausdruck, daß im geschichtlichen Werdegang der Menschheit in stetig zunehmendem Maß Kräfte leiblich-gattungsmäßiger Art sich in solche von geistig-individuellem Charakter verwandeln. Hierdurch wird auch begreiflich, warum in unserem Zeitalter die Beziehung zwischen Leiblichem und Seelischem sich für das menschliche Bewußtsein so weitgehend verhüllt hat. Es ist dies aus dem Grunde der Fall, weil heute diese geschichtliche Verwandlung von leiblich-gattungsmäßigen Kräften in geistig-individuelle in der Menschheit schon so weit fortgeschritten ist, daß der einzelne Mensch als Erwachsener einen Zuwachs seelischer Kräfte vom Leiblichen her nurmehr bis in die zweite Hälfte seiner zwanziger Jahre hinein in sich erfährt und erlebt, von da an aber für die Erwerbung seelischer Fähigkeiten ganz auf eine aus dem eigenen Ich heraus zu bewerkstelligende rein seelische Selbsterziehung angewiesen ist.

   Was nun die geschichtliche Veränderung dieser im Einzelleben stattfindenden Kräfteverwandlung betrifft, so haben wir des weiteren gesehen, daß sie in der mittleren Epoche der Geschichte ebenfalls eine mittlere Phase durchläuft in der Weise, daß die Verhältnisse in den vorangehenden und nachfolgenden Epochen in einem spiegelbildlichen Gegensatz zueinander stehen. Damit ist (S134) hier zum erstenmal innerhalb der geschichtlichen Phase selbst die symmetrische Struktur der Zeit durchgehend sichtbar geworden, die wir im ersten Bande (in dem Kapitel über die Struktur der Zeit - III.3 Struktur der Zeit) aus dem Wesen derselben heraus begründet und für jedes einzelne "Zeitsystem" geltend gemacht haben. Denn wir konnten - wenn auch nur in skizzenhaften Hinweisen - aufzeigen, wie die dem Menschen während seines Erdenlebens vom Leibe und damit durch die Vererbung zufließenden seelisch-geistigen Kräfte in der Folge der geschichtlichen Epochen im Abstieg dieselbe Reihe von Stufen durchmessen, welche die individuellen, von Inkarnation zu Inkarnation sich mehrenden im Aufstieg durchlaufen, - und wie jene Mittellage, welche die Mitte der Geschichte kennzeichnet, dadurch zustandekommt, daß sich diese beiden Entwicklungslinien in jener Zeit überkreuzen.

   Diese Verhältnisse haben zur Folge, daß - rein "quantitativ" betrachtet - beide Kräftearten zusammen für jede Epoche dieselbe absolute Summe ausmachen. In diesem Umstand liegt es begründet, daß - wie von seiten bestimmter Geschichtsauffassungen immer wieder mit Nachdruck betont wird - der "Mensch" durch die ganze Geschichte hindurch "sich immer gleich bleibt" oder wenigstens gleichbleibend erscheint. Insbesondere in moralischer Hinsicht wird dies ja immer wieder behauptet, - so, wenn z.B. Toynbee in seinem schon früher erwähnten Buche "Kultur am Scheidewege" schreibt: "Im Durchschnitt der menschlichen Natur ist in der ganzen Vergangenheit keine erkennbare Änderung eingetreten, und auf Grund dieses historischen Beweises brauchen wir auch für die Zukunft keinerlei bedeutsame Veränderung zu erwarten, weder zum Guten noch zum Bösen" (S255); oder etwas später: "Wir haben keinerlei Beweise, daß es in 'geschichtlicher Zeit' irgendeinen Fortschritt körperlicher oder geistiger Art in der Natur des Menschen selbst gegeben hat... Der abendländische Mensch in seinem gegenwärtigen hohen Stand an geistigen Kräften und technischen Fähigkeiten hat Adams Erbstück, die Urschuld, noch nicht abgeschüttelt. Soviel wir wissen, muß der Aurignac-Mensch vor hunderttausend Jahren mit denselben geistigen und körperlichen Eigenschaften zum Guten oder Bösen ausgestattet gewesen sein wie wir" (S268).

   Auch von katholischer Seite aus wird immer wieder darauf hingewiesen, daß, wenn im Lauf der Geschichte die "menschliche Natur" sich wesentlich änderte, wir es in ihren verschiedenen Epochen gar nicht mit demselben Wesen zu tun hätten und damit alle moralischen Forderungen und Urteilsmaßstäbe ihre absolute Gültigkeit verlären und nurmehr eine relative, bestimmten Zeiten und Menschentypen zugeordnete Geltung beanspruchen könnten.

  Der Wahrheitskern solcher Auffassungen liegt darin, daß die "Summe" der in fortschreitender und der in rückschreitender Strömung befindlichen Kräfte immer dieselbe ist und daher in der Tat auch immer denselben "Durchschnitt" ergibt. Dieses "Durchschnittlich-Menschliche" ist das Gleichbleibende, das die (S135) Stellung bestimmt, die dem Menschen überhaupt im Weltzusammenhang zukommt, und das ihm ermöglicht, diese zu behaupten. Wo man diesen sich gleich bleibenden Durchschnitt betont, wird nur übersehen, erstens, daß, wenn schon Summe und damit auch Durchschnitt sich gleich bleiben, doch das Verhältnis der beiden Kräftearten: der leiblich-gattungsmäßigen und der geistig-individuellen in stetigem Wandel begriffen ist. Und zweitens daß dieser Durchschnitt in der Zeitenmitte der Geschichte dem menschlichen Leben und Bewußtsein seinen Schwerpunkt in der Mitte zwischen geistiger und physischer Welt anweist, an den Zeitenpolen dagegen sie stärker mit der geistigen Welt einerseits, mit der physischen andererseits verbindet.

   Was speziell die moralischen Kräfte anbetrifft, so dürfen wir - da der moralische Aspekt der Geschichte im dritten Bande ausführlich behandelt werden wird - an dieser Stelle uns mit einem Hinweis begnügen. Wenn auch ihre durchschnittliche Größe durch die ganze Geschichte hindurch dieselbe bleibt, so besteht ihr faktischer "Vorrat" in verhältnismäßig früheren Zeiten derselben doch überwiegend aus solchen von naturhaft-instinktiver Art. Dies wurde ja auch überall dort gefühlt oder geahnt, wo man, wie etwa Rousseau, von der ursprünglichen naturhaften Güte des Menschen gesprochen hat, die durch den "Fortschritt der Wissenschaften und der Künste", d.h. der Kultur überhaupt verderbt worden sei, - oder wo man, wie in früheren Zeiten, einen paradiesischen Zustand, ein goldenes Zeitalter an den Ausgangspunkt der Geschichte gesetzt hat, von welchem die Menschheit zu anderen, schlechteren Zuständen bzw. Zeitaltern herabgesunken sei. Auch darf darauf hingewiesen werden, wie überall, wo in neuerer Zeit die Zivilisation der Weißen mit Primitiven - Schwarzen oder Indianern - oder mit den alten orientalischen Kulturen zusammengestoßen ist, bei diesen, neben manchen Dekadenzerscheinungen, doch zugleich eine gewisse hohe moralische Kultur angetroffen wurde, die in bestimmter Beziehung sogar eine bedeutend höhere war als die der weißen Eindringlinge oder Eroberer, die aber, weil sie eben auf ganz anderen Grundlagen beruhte als die unserige, durch die Berührung und die Einwirkungen unserer modernen Zivilisation rasch zersetzt worden ist. Denn in alten Zeiten - und da, wo sich deren Verhältnisse erhalten haben - beruhte das Moralische auf der selbstverständlichen Einfügung des Einzelnen in eine ihm vorgegebene kosmisch-gesellschaftlich-religiöse Ordnung. In verhältnismäßig späteren geschichtlichen Epochen und Kulturzuständen dagegen sieht sich der Einzelne für sein moralisches Verhalten immer mehr auf die Aktivierung seiner individuellen Kräfte und auf die Treue gegenüber seinem eigenen höheren Selbst gewiesen. Ja, die christliche Lehre von Sündenfall und Erlösung der Menschheit ist ursprünglich im Grunde nichts anderes als der vom religiös-moralischen Gesichtspunkt aus formulierte Hinweis auf diese im Lauf der Geschichte (S136) erfolgende Umkehrung im Verhältnis von naturhaft-instinktiven und geistig-individuellen Kräften, für welche das Ereignis von Golgatha als der entscheidende Umschwungspunkt aufgefaßt wird.

   Dasselbe gilt aber auch von den Erkenntniskräften der Menschheit; ja es liegt, wie wir gerade auch in diesen Kapiteln wiederum zeigten, im Wesen der Entwicklung des Denkens, welche in gewissem Sinne das "Grundthema der Geschichte" ausmacht. Denn diese ist ja an die stufenweise Entfaltung der individuellen Kräfte im Menschen gebunden. Um diesen Wandel im Verhältnis der gattungsmäßig-instinktiven und der individuell-geistigen Kräfte gewahr zu werden und in seiner ganzen fundamentalen Bedeutung zu erfassen, dazu ist als Voraussetzung allerdings notwendig die Erkenntnis der Tatsache, daß die einzelnen Individualitäten in der Folge ihrer wiederholten Erdenleben durch die ganze Geschichte hindurchwandern und so in der Entwicklung ihre eigenen Kräfte im selben Maße immer höhere Stufen erklimmen, wie ihre leiblich ererbten zu immer tieferen herabsinken. Und so zeigt sich hier nochmals, daß der innere Gang der Geschichte, das eigentliche Wesen des geschichtlichen Prozesses nur von der Reinkarnationserkenntnis her durchschaubar wird.

   Es besteht aber nicht nur die Tatsache, daß im Gesamtverlauf der Geschichte der Anteil der gattungsmäßigen und der individuellen Kräfte an der "Gesamthöhe" der menschlichen Fähigkeiten sich umkehrt, sondern auch die andere, daß durch diese Umkehrung die menschliche Kultur in den einzelnen Epochen jene verschiedenen Konfigurationen annimmt, welche die geschichtlichen Tatsachen genugsam erweisen. Es erlangt eben der "Durchschnitt" dieser Fähigkeiten in den verschiedenen Zeitaltern eine ganz verschiedene Bedeutung. In den einen ist er nur eine rechnerische Größe, in den anderen: nämlich in der Mitte, wo sich die Strömungen überkreuzen, ist er eine faktische, d.h. er bestimmt hier die Gestaltung des menschlichen Lebens. Denn es macht einen großen Unterschied für den Gesamthabitus einer Kultur aus, ob, wie in älteren Zeiten, die gattungsmäßigen Kräfte noch auf sehr großer Höhe, die individuellen aber noch auf niedriger Stufe stehen, - oder ob, wie in der griechisch-römischen Kultur, beide, eine Mittelstufe einnehmend, einander die Waage halten. Die alten Kulturen des Orients erregen immer von neuem unsere Bewunderung durch den Tiefsinn ihrer Religionen, Mythen und Kultgebräuche, durch die Weisheit, welche ihre sozialen Ordnungen, ihrer bäuerlichen und handwerklichen Betätigung, ihrer Ernährungsweise und Heilkunst innewohnte, - eine fast übermenschiche Weisheit, die uns anmutet wie ein Teil jener göttlichen Weisheit, welche die Natur in allen ihren Erscheinungen durchwaltet; daher auch alle diese geistig-religiösen, politisch-sozialen, technisch-handwerklichen Einrichtungen und Überlieferung eine viele Jahrtausende währende Lebenskraft und Lebenstauglichkeit erwiesen (S137) haben. Und doch war der Einzelne durch alle diese Ordnungen und Überlieferungen in solchem Maße gebunden und bestimmt, daß er nicht zu sich selbst erwachen und als Individualität bzw. als Mensch schlechthin zur Geltung kommen konnte.

   Erst im Griechentum erfolgte dieses Erwachen; erst damals wurde der Mensch sich seines Wertes als Persönlichkeit und seiner Würde als Mensch bewußt. Das Übermenschlich-Göttliche, den Menschen gleichsam Erdrückende, das in den Schöpfungen der alten Kulturen gewirkt und in der Kolossalität indischer Tempel oder ägyptischer Pyramiden, in der Machtstellung orientalischen Priestertums, in der Herrschgewalt der morgenländischen Gottkönige und Pharaonen sich dokumentiert hatte, verschwindet. Es reduziert sich alles auf menschliches Maß, - denn der Mensch gilt jetzt als das Maß der Dinge. Zu diesem Maße sucht sich jetzt aber auch jeder Einzelne zu erheben und es auszufüllen. Es bildet sich ein Typus des Rein-Menschlichen heraus, den jeder Einzelne in seiner Daseinsgestaltung darzustellen strebt. So orientiert sich der Einzelne an einem Allgemein-Menschlichen, - und dieses Allgemein-Menschliche wird wieder durch alle Einzelnen repräsentiert. Es bildet sich ein realer "Durchschnitt" heraus. Und das Kennzeichen dieses Allgemeinen, Typischen, "Durchschnittlichen" selbst wiederum ist das "rechte Maß", d.h. das Ausgewogensein seiner gegensätzlichen Elemente und Kräfte. In seinen  "Ästhetischen Briefen" hat Schiller eine glänzende Darstellung davon gegeben, wie die griechische Kultur in bezug auf diese Vereinigung und Ausgleichung des Sinnlichen und des Geistigen, des Natürlichen und des Moralischen, des Gattungsmäßigen und des Individuellen ein einmaliges "Maximum" in der Geschichte der Menschheit bedeutete. "Zugleich voll Form und voll Fülle, zugleich philosophierend und bildend, zugleich zart und energisch sehen wir sie die Jugend der Phantasie mit der Männlichkeit der Vernunft in einer herrlichen Menschheit vereinigen. Damals, bei jenem schönen Erwachen der Geisteskräfte, hatten die Sinne und der Geist noch kein strenge geschiedenes Eigentum; denn noch hatte kein Zwiespalt sie gereizt, miteinander feindselig abzuteilen und ihre Markierung zu bestimmen. Die Poesie hatte noch nicht mit dem Witze gebuhlt und die Spekulation sich noch nicht durch Spitzfindigkeit geschändet. Beide konnten im Notfall ihre Verrichtungen tauschen, weil jedes, nur auf seine eigene Weise, die Wahrheit ehrte. So hoch die Vernunft auch stieg, so zog sie doch immer die Materie liebend nach, und so fein und scharf sie auch trennte, so verstümmelte sie doch nie. Sie zerlegte zwar die menschliche Natur und warf sie in ihrem herrlichen Götterkreis vergrößert auseinander, aber nicht dadurch, daß sie sie in Stücke riß, sondern dadurch, daß sie sie verschiedentlich mischte, denn die ganze Menschheit fehlte in keinem einzigen Gott" (Sechster Brief). Dieser Einklang von Gattungshaftem und Individuellem, den wir in einem früheren Kapitel an der Entwicklung der griechischen (S138) Philosophie aufgewiesen haben, offenbart sich auch auf dichterischem Gebiete in der Art, wie aus den eleusinischen Mysterienfeiern die attische Tragödie erwuchs und wie in dieser die der Kollektivgeistigkeit des griechischen Volkes entstammenden Mythen durch einzelne Dichterpersönlichkeiten eine individuelle Prägung und Fortbildung erlangten. Darum konnten die Aufführungen dieser dramatischen Dichtwerke trotz deren individuellem Gepräge zu jene nationalen Festspielen werden, welche auf das ganze griechische Geistes- und Volksleben eine so tiefe Wirkung ausübten. Von demselben Tatbestand her wird auch noch tiefer verständlich das Aufkommen des demokratischen Ideals der Rechtsgleichheit zwischen den Menschen während jener Zeit. Was an Beziehungen zwischen dem Einzelnen und der Allgemeinheit, zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Mensch und Mensch schlechthin lebt und webt, das erlangte damals seine intensivste Pflege und erreichte seinen höchsten Stand.

   Die neuere Zeit hat gegenüber der klassischen Antike und dem Mittelalter die Entfaltung und Betätigung der Kräfte des Einzelnen noch in weit gesteigertem Maße befreit und entfesselt. Dadurch entstand der ungeheure Aufschwung der Wissenschaft als freier Forschung, der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung, aber auch die moderne Demokratie, die ja vor allem auf die Geltendmachung der Interessen der Einzelnen ausgeht. Aber soweit diese Einzelnen nicht "immer strebend sich bemühen", sondern sich nur ihrer "Natur" überlassen, - zu welcher seelisch-geistigen Primitivität sind sie, verglichen mit der Antike, dem Mittelalter, der Renaissance, herabgesunken! Über diese Primitivität konnte man sich eine gewisse Zeit lang durch die Höhe des wirtschaftlichen Lebensstandards, durch den technischen Komfort, der dem modernen Menschen zur Verfügung steht, hinwegtäuschen. Sie tritt heute, im Zeichen der Auto-, Kino- und Fernseh-Zivilisation, in die wir in unserem Jahrhundert eingetreten sind, immer deutlicher und erschreckender hervor. Man spricht denn auch häufig davon, daß wir eigentlich gar keine "Kultur", sondern nurmehr "Zivilisation" haben, - womit man eben auf diese Herabsinken des seelischen Lebens auf eine primitive Stufe bei höchster Vervollkommung der äußeren technischen Lebensapparatur hinweisen will. Unsere Zeit hat zwar durch die Bildungswege und Berufskarrieren, die heute jedem offenstehen, dem Einzelnen die Möglichkeit erschlossen, die geistigen Errungenschaften, Kunstschöpfungen, Kulturleistungen der ganzen Menschheit kennenzulernen, seinen Bewußtseins- und Interessenhorizont zu einem menschheitlichen zu erweitern, seiner Tätigkeit aus menschheitlicher Verantwortung heraus die Richtung zu geben und ihr damit menschheitliche Bedeutung und Wirkung zu verleihen, - aber wieviel wird diese Möglichkeit wirklich genützt? Welche Schrumpfung des geistigen Blickfeldes, welche Verengung der Interessen ist dagegen eingetreten, welche Verflachung und Vermassung (S139) desjenigen, womit sich die Menschen geistig beschäftigen, unterhalten, vergnügen! Besonders die westliche Welt zeigt bei größter Freiheit und Selbstbestimmungsmöglichkeit des Einzelnen diese Phänomene der Nivellierung und Uniformierung, - und damit den äußersten Gegensatz zu der Gebundenheit des Einzelnen in den hochgeistigen Kulturüberlieferungen des Ostens. Auch von diesem Gesichtspunkt also offenbar sich ein spiegelbildlicher Gegensatz.

   Fassen wir ein letztesmal den stufenweisen Niedergang der vererbbar-gattungsmäßigen Kräfte ins Auge, der sich im Lauf der Geschichte vollzieht. Wir sahen ihn zum Ausdrucke kommen in dem schrittweisen Heruntersinken des Zeitpunktes im einzelmenschlichen Leben, bis zu welchem aus dem leiblichen Lebensprozeß seelisch-geistige Kräfte "herausgezogen" werden können, von den fünfzigern durch die vierziger und dreißiger bis in die zwanziger Jahre hinein. Hierin enthüllt sich ein Gesetz, welches Rudolf Steiner als das des "Jüngerwerdens der Menschheit im Verlauf der Geschichte" formuliert hat. Die Menschheit als Gattung, d.h. in bezug auf ihre leiblich-gattungsmäßigen Fähigkeiten geistigen Schöpfertums, wird im Lauf der Geschichte in dem Sinne immer "jünger", daß dder naturhafte Parallelismus von leiblicher und seelischer Entwicklung im einzelmenschlichen Lebenslauf auf immer tiefere Altersstufen hinuntersinkt. Wie diese Tatsache in dem entsprechenden Wandel der Schätzung der verschiedenen Lebensalter sich widerspiegelt, der im Lauf der Geschichte sich vollzieht, wurde im Vorangehenden angedeutet. Diesem "Jüngerwerden" steht allerdings als ein Gegenprozeß das im selben Maße fortschreitende "Älterwerden" der Menschheit gegenüber, insofern wir unter ihr die Summe der einzelnen Menschen als geistiger Individualitäten verstehen, welche in der Folge ihrer Wiederverkörperung durch die ganze Geschichte hindurchwandern.

   Jenes Jüngerwerden der Menschheit als Gattung aber offenbart, für sich betrachtet, noch einmal die symmetrische Struktur der Zeit, insofern wir nämlich das umfassendere Zeitsystem der gesamtirdischen Menschheitsentwicklung in Betracht ziehen (III.3 Struktur der Zeit, S194). Von diesem bildet ja, wie wir im ersten Gand gezeigt haben, die geschichtliche Phase nur das letzte Drittel, dem als die zwei anderen jene vorausgehen, die wir als die "Urzeit" und die "Vorgeschichte" geschildert haben. Wir wiesen dort schon darauf hin und zeigten (in dem Schlußkapitel "Christentum und Geschichte") auch von einem bestimmten Gesichtspunkt aus im Genaueren, wie innerhalb dieser drei Hauptphasen des gesamtirdischen Menschheitswerdens die Vorgeschichte als eine Mitte und Symmetrieachse drinnensteht, in bezug auf welche Urzeit und Geschichte sich wie Spiegelbilder zueinander verhalten. Unter "Urzeit" verstanden wir diejenige Entwicklungsphase, in welcher die Menschheit als leibliche Gattung entstanden ist, oder anders ausgedrückt: in welcher die Menschwerdung in (S140) leiblicher Hinsicht zum Abschlusse gekommen ist. Sie hat den stufenweisen "Aufbau" des Menschenleibes mit den ihm eigentümlichen Merkmalen und Fähigkeiten mit sich gebracht. Diese Bildung der menschlichen Gattung als leiblicher Wesenheit (Phylogenie) wiederholt sich in der Bildung des einzelnen Menschenleibes immer wieder in abgekürzter Zusammenfassung während der Embryonalzeit (Ontogenie). Haeckel hat diesen Zusammenhang als das "biogenetische Grundgesetz" formuliert. Wenn auch dieses Gesetz hinsichtlich der Beziehung des Menschen zum Tierreich anders gedeutet werden muß, als es durch Haeckel geschehen ist (siehe. 1. Band, "Urzeit und Menschengestalt" I.4 Urzeit und Menschengestalt), so kommt ihm für den Menschen selbst durchaus Wahrheitsbedeutung zu. Der einzelne Mensch durchläuft während seiner Embryonalentwicklung in bezug auf seine Leibesbildung in kurzer Rekapitulation dieselben Stadien, welche die phylogenetische Bildung des Menschenleibes durchschritten hat. Freilich kommen diese in der Ontogenese nur in rudimentären Andeutungen zur Erscheinung. Doch besteht hier zwischen den Phasen der Ontogenese und denjenigen der Phylogenese eine unmittelbare zeitliche Parallelität. Was in jener früher erscheint, weist auf eine frühere Etappe in dieser hin; was später erscheint, auf eine spätere.

   Die Geschichte als die spiegelbildliche Umkehrung der Urzeit bringt den "Abbau" der menschlichen Leiblichkeit mit sich, dessen "Aufbau" in jener erfolgt war. Dieser Abbau kommt in dem stufenweisen Rückschritt der leiblich-gattungsmäßigen Kräfte zum Ausdruck, den wir in den letzten Kapiteln geschildert haben. Das Gesetz, welches die Beziehung zwischen diesem Abbau in der menschlichen Gattung, d.h. in der Phylogenese, und seinem Fortgang im einzelnen Menschenleben, d.h. in der Ontogenese beherrscht, stellt die Umkehrung des "biogenetischen Grundgesetzes" dar. Es ist eben das oben formulierte Gesetz des "Jüngerwerdens der Menschheit". Das heißt: Was in der Entwicklung der Menschheit als Gattung eine frühere Phase charakterisierte, erscheint, in rudimentären Andeutungen, im (nachgeburtlichen) menschlichen Einzelleben in einer späteren; was in jener eine spätere kennzeichnet, zeigt sich in diesem in einer früheren.

   Man könnte dieses Gesetz als das "historiogenetische Grundgesetz" bezeichnen. Es enthält in konkreter und umfassender Weise die Antwort auf die Frage, die wir im ersten Kapitel dieses Bandes als die einer der zwei Grundfragen einer wissenschaftlichen Geschichtserkenntnis bezeichneten, - die Frage: in welcher Art steht das einzelne Menschenleben im Ganzen der Geschichte drinnen? Es kommt diesem Gesetz daher für das Verhältnis des einzelnen Menschenlebens zur Geschichte dieselbe fundamentale Bedeutung zu wie dem biogenetischen Grundgesetz hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen der einzelmenschlichen Embryonalentwicklung und der Stammesentwicklung der Menschheit. Und seine Entdeckung durch Rudolf Steiner stellt sich daher (S141) derjenigen des biogenetischen Grundgesetzes durch Haeckel als geistesgeschichtliche Leistung ebenbürtig zur Seite. Zugleich zeigt dieses Gesetz von einem neuen Aspekte her, inwiefern der menschliche Lebenslauf auf dem Forschungswege der Geisteswissenschaft zu jenem "Okular" zu werden vermag, durch welches der innere Gang der Menschheitsgeschichte erschaut werden kann, als welches wir ihn im ersten Bande (Die Schichtung der Zeitsysteme III.4 Schichtung der Zeitsysteme) gekennzeichnet haben.

   Die Bedeutung dieser Entdeckung erhöht sich aber noch dadurch, daß Steiner zugleich die spiegelbildliche Beziehung dieses historiogenetischen zum biogenetischen Grundgesetzes erkannt hat (Siehe seinen Vortrag "Die Geschichte der Menschheit im Lichte der Geisteswissenschaft" vom 12. März 1920 GA335, 3.Vortrag). Denn dadurch erhärtet sich erstens, wie schon erwähnt, von neuem der symmetrische Bau der Zeit. Und zweitens erschließt sich dadurch ein gesetzmäßiger innerer Zusammenhang zwischen der Geschichte und der "Urzeit", die bisher durch eine unüberbrückbare Kluft der Beziehungslosigkeit voneinander getrennt erschienen.

____________________________________

Nächstes Kapitel: 6. Wiederverkörperung