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Erster Teil, Erstes Kapitel:

II. Vorgeschichte und Sintflut

(S42)   Mit all dem bilden sich diejenigen Verhältnisse heraus, welche in dieser zweiten Hauptepoche des irdischen Menschheitswerdens dem Gesamtdasein der Menschheit das Gepräge verleihen. Diese Epoche ist in dem Sinn, in dem wir sie in diesem Werke verstehen, identisch mit jener, welche die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners als die atlantische bezeichnet und beschreibt (Siehe "Unsere atlantischen Vorfahren" sowie "Geheimwissenschaft"). Ihren Grundcharakter aber empfängt sie durch die Tatsache, daß die Menschheit nun in scharfer Trennung zweigeteilt erscheint in die große Masse derjenigen, die sich nun mehr und mehr als Einzelwesen fühlen, und in die kleine Schar jener, welche als Angehörige des damaligen Orakel- und Mysterienwesens die geistigen Führer der ersteren darstellen. Wir haben im ersten Bande  (III.2 Kosmogonische ... Zeit S165ff) ausgeführt, wie in dieser Zweiteilung der Menschheit die innere Entzweiung bzw. Spaltung des menschlichen Wesens zum Ausdruck kommt, die als Folge des "Sündenfalls" eingetreten war. Der eine Teil des menschlichen Wesens, repräsentiert durch die große Masse der "Einzelnen", war durch diese Zerspaltung - so schilderten wir es dort - ein Stück weit unter das dem Menschen ursprünglich vorbestimmte Daseinsniveau hinuntergesunken in die Welt der Natur; der andere Teil, vertreten durch die Repräsentanten der geistigen Führung, war um ebenso viel über dieses Niveau ins Übermenschlich-Göttliche hinaufgehoben worden. Wir erwähnten dort auch, daß durch diese Zerspaltung des menschlichen Wesens der ganze Kosmos in Mitleidenschaft gezogen wurde, indem sie auch die physische und die geistige Welt als solche stärker auseinanderriß, als diese ursprünglich voneinander differenziert waren. Es war eben das Gesamtgeschehen des Sündenfalls, da es durch eine Auseinandersetzung zwischen kosmischen Mächten des Guten und des Bösen bewirkt wurde, ein nicht nur menschliches, sondern kosmisches Ereignis, - bildet es doch in gewisser Weise den Abschluß der Kosmo- und Anthropogenie. Innerhalb des Menschen selbst aber wirkte sich, weil während der Urzeit zunächst seine Leiblichkeit aufgebaut worden war, die durch den Sündenfall hervorgerufene Zerspaltung vornehmlich an seinem Leibe aus. Sie kam u.a. zum Ausdruck in der Trennung der beiden Geschlechter, die - wie die okkulte Tradition immer gewußt und die Geistesforschung Steiners wieder gefunden hat - in dem androgynen Urmenschen noch miteinander verbunden gewesen waren. Wir werden die hiermit zusammenhängenden Verhältnisse an späterer Stelle nach einer andern Richtung hin noch genauer zu charakterisieren haben. An diesem Punkte unserer Darstellung kommt zunächst nur der Umstand in Betracht, daß mit dieser Zweiteilung der Menschheit der Gegensatz von Gut und Böse, der in der Urzeit noch ein solcher von außermenschlich-kosmischen (S43) Mächten des Guten und des Bösen gewesen war, nun in die Menschheit selber einzieht, allerdings noch nicht in den einzelnen Menschen als solchen, sondern nur erst in die Menschheit als ganze. Und zwar geschieht dies in der Weise, daß seine beiden Pole sich verteilen auf die zwei Elemente, in die nun das Ganze des Menschheitslebens gewissermaßen auseinandergefallen ist. Dabei repräsentiert die große Masse der Einzelnen den Pol des Bösen. Denn indem die Angehörigen derselben sich in immer zunehmendem Grade als Einzelne fühlen und in eben demselben Maße sich von der göttlich-geistigen Welt abgetrennt erleben, empfinden sie, was in ihnen als Selbstheit sich entwickelt, wegen seines egoistischen Grundcharakters als wesenhaft böse. Indem sie in ihre Inneres hineinblicken, finden sie als den Grundtrieb ihres Wesens die in diesem Sinne zu verstehende Neigung zum Bösen.

   Ihrer großen Zahl stehen, wie durch einen Abgrund getrennt, jene Wenigen gegenüber, die in den Orakel- und Mysterienstätten die Einweihung (Initiation) erfahren. Sie müssen auf dem Schulungsweg, den sie zu diesem Ziele zu durchlaufen und auf dem sie strenge Prüfungen zu bestehen haben, die niedere egoistische Selbstheit wie eine Schlangenhaut Stück für Stück abstreifen, sie in dem mystisch-symbolischen Tod, durch den sie hindurchgehen, gleichsam in sich völlig ersterben lassen. Dadurch gelangen sie mit dem, was dann geistig von ihnen noch bleibt und durch die Hilfe des Hierophanten bzw. der Tempelgemeinschaft, der sie angehören, entsprechend verstärkt wird, zum Umgang mit den göttlich-geistigen Wesen, deren Anblick der großen Masse der Menschen seit der Austreibung aus dem Paradiese verlorengegangen ist, und erringen dadurch die Möglichkeit, den Willen dieser göttlich-geistigen Wesen ihren Mitmenschen zu übermitteln in den Geboten und Lehren, die sie ihnen verkündigen und die das enthalten, was diese als das Gute anzusehen haben.

   Und mit dem so gearteten Einzug des Gegensatzes von Gut und Böse in die Sphäre der Menschheit spielt sich in dieser zweiten Epoche nun auch die Auseinandersetzung zwischen diesen Gegensätzen innerhalb der Menschheit ab, und zwar in Gestalt der Beziehungen rechtmäßiger oder unrechtmäßiger Art, die sich zwischen den beiden Polen des Menschheitslebens: der geistigen Führung und der großen Masse der Einzelnen herausbilden. Diese Auseinandersetzung erhält ihr für diese Zeit charakteristisches Gepräge durch den Umstand, daß die Gebote, welche von den Eingeweihten der Mysterien verkündigt werden, sich nicht nur auf das moralische Verhalten im engsten Sinne dieses Wortes beziehen, sondern auf die Gestaltung des gesamten menschlichen Daseins, bis in die Gebiete hinein, die wir heute als das politisch-staatliche und das wirtschaftliche Leben bezeichnen würden. Moralisches Gebot, staatliches Gesetz, wirtschaftliche Verordnung bilden da noch eine völlig ungeschiedene Einheit und erscheinen als Verdolmetschung des Götterwillens. (S44) Eine umfassende Ordnung des ganzen Menschendaseins also ist es, was der Kodex dieser Gebote beinhaltet, - und daher wird das moralische Verhalten des Einzelnen gleichbedeutend mit dem gehorsamen Sicheinfügen in diese göttergewollte Ordnung, das unmoralische aber mit dem aus Eigensinn und Selbstsucht geborenen Sichauflehnen gegen sie, mit dem Übertreten ihrer Vorschriften. Es bildet sich m.a.W. jene Religion oder Moral - denn beides ist auf dieser Stufe völlig eines und dasselbe - heraus, die innerhalb desjenigen geschichtlichen Kulturvolkes, in welchem jene Verhältnisse in gewissem Maße sich bis in die jüngste Vergangenheit forterhalten hatten: innerhalb des Chinesentums, noch ein Schriftsteller desselben aus unserem Jahrhundert, Kuhung-min, bezeichnet hat als die "Religion bzw. Moral des guten Bürgers". Im Zusammenhang mit dieser Gestaltung des menschlichen Daseins gelangt während der atlantisch-vorgeschichtlichen Zeit nun auch die zweite Entwicklungsgestalt der Freiheit zur Ausbildung. In dieser Gestalt wird sie von dem einzelnen Menschen als die Fähigkeit erlebt, wählen zu können zwischen dem, was von außen durch die Gebote ihm als das Gute verkündigt wird, und dem, was er in seinem Innern als seine Neigung zum Bösen erlebt. Dieser Fähigkeit der Wahl wird sich der damalige Mensch immer wieder bewußt, wenn ihn der Gang des Lebens in eine Situation versetzt, die ihn zu einer solchen Entscheidung nötigt. Immer dann leuchtet das Erlebnis seiner Freiheit in dieser Gestalt in seiner Seele wieder auf. Hat er aber die Entscheidung getroffen, so glimmt es wieder ab. Denn wie immer sie auch ausgefallen ist, in jedem Falle hat er die Freiheit, die er im Wählen erlebte, wieder aufgegeben. Hat er sich für das Gute entschieden, so hat er seinen eigenen Willen dem im Gebote zum Ausdruck kommenden Götterwillen unterworfen. Hat er dagegen das Böse gewählt, so hat er sich seiner eigenen niederen Natur überantwortet. Denn auf dieser Stufe der Menschheitsentwicklung identifiziert der Mensch sein inneres Wesen schon nicht mehr ganz mit der egoistischen Selbstheit, die sich in seinem Hang zur Sünde offenbart. Die letztere empfindet er jetzt als eine niedere, primitive Erscheinungsform des ersteren. Er unterscheidet in diesem Sinne jetzt bereits zwei Sphären in seiner Seele. Hatte die erste, urzeitliche Entwicklungsgestalt der Freiheit, in der sie noch mit der Neigung zum Bösen identisch war, die Stufe ihres Keimens und Sprossens bedeutet, so entfaltet sie sich, wie oben schon angedeutet, in dieser zweiten Entwicklungsgestalt als Fähigkeit der Wahl zwischen dem von außen vernommenen Guten und dem im Innern erlebten Hang zur Sünde, bereits zu ihrer Blüte. Und diese Blüte währt eine lange Zeit. Sie überdauert die vorgeschichtlich-atlantische Epoche und erhält sich bis weit in die nachatlantisch-geschichtliche hinein. Sie tritt uns in gewisser Weise selbst noch in der mittelalterlich-scholastischen Freiheitslehre entgegen, welche die Freiheit vornehmlich als Wahlfreiheit (liberum arbitrium) gefaßt hat. Wenn die griechische Mythe das (S45) Bild des Herakles am Scheideweg vor uns hinstellt, wo diesen die Personifikation des (egoistischen) Glückes und der Tugend zur Wahl auffordern, so charakterisiert sie in dieser Situation einer prototypischen Gestalt der Vorzeit die hier geschilderte Lage des vorgeschichtlichen Menschen.

   Nun erhält aber diese Lage erst dadurch ihre volle Eigentümlichkeit, daß in die nun erstandene zweite Entwicklungsgestalt der Freiheit die erste gleichsam nachklingend hineinwirkt. Der Mensch erlebt also seine Freiheit nicht bloß als seine Fähigkeit, zwischen dem Guten als dem ihm von außen her Gebotenen und dem Bösen als seiner inneren Neigung zu wählen, sondern gleichzeitig auch als eben diese seine Neigung zum Bösen. Das hätte zur Folge gehabt, daß jedesmal, wenn er zur Entscheidung zwischen Gut und Böse aufgefordert war, diese zugunsten des Bösen ausgefallen wäre. Um dies zu verhindern, mußte dem Übergewicht des Bösen ein Gegengewicht entgegengestellt werden. Und dies wurde dadurch geschaffen, daß die geistigen Führer das Gute, das sie den Menschen verkündeten, nicht bloß theoretisch als solches bezeichneten, sondern ihnen in Form des Gebotes, das heißt eines Anrufes an ihren Willen, kundtaten: "Du sollst..." Und hinter diesem Appell stand, ihm Gewicht und Wirkungskraft verleihend, das hohe Ansehen, die unbedingte Autorität, die wie zu Halbgöttern aufblickende Verehrung, welche diese geistigen Führer bei ihren Mitmenschen dadurch genossen, daß sie als Boten, als Beauftragte der Götter und damit in gewissem Sinne als deren Genossen betrachtet wurden. Ihre von solcher Autorität erfüllten Appelle an den Willen der Menschen bildeten das Gegengewicht gegen das Gewicht des Hanges zur Sünde, welches die Waage der Entscheidung sonst unvermeidlich auf die Seite des Bösen sich hätte neigen lassen.

   Der geschilderten Zweiteilung der Menschheit entsprechend läßt sich für die vorgeschichtlich-atlantische Zeit ein zweifaches Böses unterscheiden, dem die Menschen verfallen konnten. Wir möchten das eine das "kleine Böse" nennen, das andere das "große Böse". Das erstere bestand in den persönlichen Verfehlungen, deren sich die einzelnen Menschen schuldig machten, wenn sie aus Eigensinn und Selbstsucht heraus auf irgend eine Weise die Lebensordnung verletzten, die in den von den geistigen Führern gegebenen Geboten zum Ausdruck kam. Bezüglich dieses Bösen herrschte damals - so müssen wir wenigstens annehmen - die Auffassung, daß es seine Ausgleichung finde durch das Gesetz des Karmas im Laufe der wiederholten Erdenleben, durch welche die einzelnen Menschenseelen hindurchgehen. Denn wir haben im zweiten Bande (6. Wiederverkörperung S143ff) gezeigt, daß die Lehre von Reinkarnation und Karma, wie sie (als Seelenwanderungsglaube) in geschichtlicher Zeit in Indien zur Herrschaft gelangt ist - und die sich dadurch kennzeichnet, daß sie keinerlei Bezug in sich enthält zum geschichtlichen Dasein der Menschheit, sondern die Reinkarnation ausschließlich vom moralischen Gesichtspunkt und

(S46) in ihrer Bedeutung für den einzelnen Menschen als solchen auffaßt - denjenigen Bestandteil der indischen Weltanschauung bzw. Religion darstellt, der als ein Erbstück aus der atlantisch-vorgeschichtlichen Zeit in diese mit eingeflossen ist. Wir müssen daher vermuten, daß durch diese Auffassung von Reinkarnation und Karma in vorgeschichtlicher Zeit die Vorstellungen über die moralischen Verfehlungen der einzelnen Menschen und deren Ausgleich bestimmt waren.

   Diesem "kleinen" Bösen steht als das "große" Böse dasjenige gegenüber, das jene Menschen sich zuschulden kommen lassen konnten, die an der durch das Mysterienwesen repräsentierten geistigen Führung der Menschheit Anteil hatten. Sie konnten ihm dann verfallen, wenn sie mit nicht genügend geläuterter, von den Trieben der niederen egoistischen Selbstheit gereinigter Seele, also unrechtmäßigerweise der Einweihung teilhaftig wurden. Der Umgang mit den Göttern, zu dem die Initiation sie erhob, stellte ja auch die Eingeweihten jener Zeit in den Gegensatz zwischen den kosmischen Mächten des Guten und des Bösen hinein. Hatten sie die Einweihung auf rechtmäßige Weise erlangt, so gab ihnen dies die Gewähr dafür, daß sie sich in diesen Gegensatz in solcher Art hineinstellen konnten, daß in den von ihnen verkündeten Geboten der Wille der guten Götter zum Ausdruck kam. War ihnen aber ohne genügende Läuterung ihrer Seele die Einweihung zuteil geworden, so konnten sie zu Werkzeugen böser Mächte werden, und diese inspirierten ihnen dann falsche Lehren, durch welche ganze Völker, ja große Teile der Gesamtmenschheit mißleitet werden konnten. Die Verführung durch böse Mächte konnte sich aber auch in der Form auswirken, daß die betreffenden Eingeweihten die Kenntnisse, in deren Besitz sie durch die Initiation gelangten, an Uneingeweihte verrieten. Nun bezogen sich ja diese Kenntnisse, wie oben schon angedeutet, auf die Geheimnisse des "Baums des Lebens". Sie verliehen hohe Grade von magischer Gewalt über die Lebenskräfte sowohl innerhalb des Menschen, wo sie u.a. als Fortpflanzungskräfte wirken, wie auch in der außermenschlichen Natur. Der Besitz solcher Gewalt mußte für Uneingeweihte, das heißt für Menschen, welche die Neigung zum Bösen in sich nicht durch eine entsprechende moralische Läuterung überwunden hatten, zu einer unbesieglichen Verlockung werden, sie im Dienste egoistischer Triebe und Wünsche zu mißbrauchen. Den Darstellungen der Geistesforschung zufolge (siehe Steiners "Geheimwissenschaft") ist solcher Mysterienverrat und dadurch bewirkter Mißbrauch magischer Gewalt über Lebenskräfte in der Spätzeit der atlantisch-vorgeschichtlichen Epoche im umfänglichsten Maße betrieben worden. Das Böse, das dadurch verübt wurde, konnte sich nicht bloß in den karmischen Folgen auswirken, die es für seine Urheber in ihren folgenden Erdenleben nach sich zog; denn es war nicht nur deren persönliche Sache geblieben, sondern zur Angelegenheit großer Teile der Menschheit geworden. (S47) Es wirkte sich zunächst in einer Korruption des Seelenlebens dieser Teile der damaligen Menschheit aus - brachte doch die Vorgeschichte im wesentlichen die Entwicklung des Seelischen im Menschen mit sich, - in einer Korruption, die sich aber unmittelbar auf die Lebens- bzw. Fortpflanzungskräfte übertrug. Und diese hatte eine solche Verderbnis eines großen Teiles der damaligen Erdenbevölkerung zur Folge, daß dieser nicht mehr in der Lage war, die weitere Entwicklung sogleich oder überhaupt mitzumachen, und daher teils zum Aussterben (wie der Neandertaler), teils zum Zurückbleiben auf vorgeschichticher Stufe (primitive Völker) verurteilt war.

   Außerdem aber wurden durch diesen Mißbrauch magischer Kräfte, sofern er sich auf das die außermenschliche Natur durchwaltende Leben bezog, jene gewaltigen Naturkatastrophen ausgelöst, die im Alten Testament als die Sintflut geschildert werden, und in denen die Atlantische Welt untergegangen ist. Denn das Wasser ist in besonderem Maße der Träger der Lebenskräfte in der Natur. Die Eiszeit mit ihren verschiedenen Vereisungsperioden, als welche diese Katastrophen in der modernen wissenschaftlichen Vorstellungswelt leben, kann in der Tat nicht aus rein äußeren, "natürlichen", das heißt naturgesetzäßigen Ursachen erklärt werden; alle Versuche, die in neuester Zeit in dieser Richtung unternommen worden sind, haben einen unerklärten Rest von Verursachung übriggelassen. Dieser liegt in den mißbräuchlichen magischen Wirkungen, die von seiten des atlantisch-vorgeschichtlichen Menschen auf die Lebenskräfte der Erdennatur ausgeübt worden sind. So unglaubhaft eine solche Behauptung noch bis vor kurzem dem modernen Menschen erscheinen mochte, - heute, wo seit der Entfesselung der Atomenergie die Menschheit durch die ganz anders gearteten Errungenschaften der Technik abermals den "Schalthebel einer Sintflut" in ihre Macht gebracht hat, rücken diese Tatbestände wieder mehr in den Bereich des Vorstellbaren. Hiefür ist allerdings außerdem zu berücksichtigen, daß die Lebendigkeit und die Reagibilität der Erdenelemente gegenüber magischen Einwirkungen des Menschen damals noch eine viel größere war als heute.

   Auf das Böse, das diese Wirkungen zur Folge hatte: den Verrat von Mysteriengeheimnissen an Uneingeweihte und die dadurch bewirkte moralische Korruption des Seelenlebens der letzteren, deutet das Alte Testament im verhüllenden Kleide des Sinnbildes hin durch die Sätze: "Da sich aber die Menschen begannen zu mehren auf Erden und ihnen Töchter geboren wurden, da sahen die Kinder Gottes nach den Töchter der Menschen, wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern, welche sie wollten. Da sprach der Herr. Die Menschen wollen sich von meinem Geiste nicht mehr strafen lassen; denn sie sind Fleisch. Ich will ihnen noch Frist geben hundertundzwanzig Jahre. Es waren auch zu den Zeiten Tyrannen auf Erden; denn da die Kinder Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie (S48) ihnen Kinder gebaren, wurden daraus Gewaltige in der Welt und berühmte Männer" (Daß an dieser Bibelstelle von den "Kindern Gottes" als den Urhebern des hier in Rede stehenden Bösen gesprochen wird, hat darin seinen Grund, daß durch die Eingeweihten der damaligen Mysterien <wie an späterer Stelle noch genauer ausgeführt werden wird> übermenschliche Wesen sprachen und wirkten, ja sich in jenen in gewisser Weise geradezu inkorporierten. Daß es sich bei diesem Bösen dennoch im wesentlichen um den Verrat von Mysteriengeheimnissen handelte, wird aufs deutlichste ausgesprochen z.B. in dem sogenannten "Engelsbuch" des äthiopischen "Henoch", das gewissermaßen einen Kommentar zu dem in der Genesis nur angedeuteten Geschehen gibt. <Siehe hierzu Matthäus Ziegler: Engel und Dämon im Lichte der Bibel, Origo-Verlag Zürich 1957,S105f>). Dieses Böse war nun bereits ein durch die Menschheit selbst verschuldetes. Freilich konnten dafür noch nicht die einzelnen Menschen als solche verantwortlich gemacht werden. Es war vielmehr entstanden durch die Verwirrung der Beziehungen zwischen den beiden Teilen der Menschheit: der geistigen Führung und der großen Masse der Einzelnen, sei es daß die seelische Unreife der Uneingeweihten in Mysterienzusammenhänge hineingetragen oder daß das höhere Wissen der Eingeweihten an Profane ausgeliefert wurde. Man könnte von diesem Bösen also berechtigterweise als von einer menschheitlichen "Kollektivschuld" sprechen.

   Weil es aber jedenfalls schon innerhalb der Menschheit selbst seinen Ursprung hatte, darum läßt im Hinblick auf dieses Böse das Alte Testament die Gottheit gegenüber der Menschheit schon eine ganz andere, unvergleichlich viel schärfere Sprache führen als nach dem Sündenfall. Damals hatte es geheißen: "Da sprach Gott der Herr zum Weibe: Warum hast du das getan? Das Weib sprach: Die Schlange betrog mich also, daß ich aß. Da sprach der Herr zur Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen..." Der Fluch Gottes trifft also in erster Linie den Verführer des Menschen: die Schlange. Jetzt aber, angesichts des bereits von der Menschheit selbst zu verantwortenden Bösen, lesen wir: "Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis uf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe. Aber Noah fand Gnade vor dem Herrn." Die Sintflut ist zwar in der Tat ein gewisses Analogon zu Sündenfall (S49) und Austreibung aus dem Paradies. Aber während die letzteren noch eine nicht nur den Menschen, sondern die ganze Welt mitbetreffende Katastrophe gewesen waren, weil eine Auseinandersetzung zwischen kosmischen Mächten des Guten und des Bösen sie ausgelöst hatte, wird in diejenige der Sintflut nurmehr die Erde und das heißt die Naturreiche mit einbezogen, weil ihre Ursachen schon innerhalb des menschlichen Bereiches liegen, und zwar eben noch nicht im Individuell-Menschlichen als solchem, sondern im Organismus der Gesamtmenschheit.

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