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I. Geschichte, Vorgeschichte, Urzeit

1. Geschichte und Bewußtseinsentwicklung



(S17)   Da die Geschichte in der Vorgeschichte wurzelt, so ist es schon in der Natur der Sache selbst begründet, daß wir den Ausgangspunkt für unsere Darlegungen nehmen von einem Blick auf die Vorgeschichte. Als Begründung hierfür kommt ferner der Umstand in Betracht, daß die Erforschung der Vorgeschichte zu den großartigsten und umwälzendsten Erkenntniserrungenschaften gerade unseres Jahrhunderts gehört und nicht allein unsern Blick in die Menschheitsvergangenheit zurück um viele Jahrtausende erweitert, sondern uns auch mit Tatsachen bekannt gemacht hat, denen für ein neuartiges, tieferes Verständnis der Geschichte selbst fundamentale Bedeutung zukommt. Da es jedoch in diesem Buche wesentlich um die geschichtliche Phase des menschlichen Erdendaseins geht, so kann es hier nicht unsere Aufgabe sein, auf die Ergebnisse der Vorgeschichtsforschung in Ausführlichkeit einzugehen. Hier kann es sich lediglich darum handeln, einige auf diesen Komplex von Problemen bezügliche Begriffsbildungen grundsätzlicher Art zu entwickeln, die einen Unterbau für die geschichtswissenschaftlichen Anschauungen liefern können, welche den wesentlichen Inhalt dieses Buches bilden sollen.

   Aus den Ergebnissen der Vorgeschichtsforschung, wie sie heute in jedem geschichtlichen Handbuch zu finden sind, sei hier - im Gesamtüberblick - zunächst folgendes erwähnt:

   Schreiten wir von den Anfängen der Geschichte, die wir in Mesopotamien und Ägypten bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurückverfolgen können, in der Zeit weiter zurück, so kommen wir in die Epochen, die, weil die zuerst aufgefundenen und auch zahlreichsten ihrer Hinterlassenschaften, die sich erhalten haben, in Steinwerkzeugen bestehen, seit langem als die verschiedenen Abschnitte der Steinzeit bezeichnet werden. Zwar setzt sich die Steinzeit in andern Teilen der Welt, namentlich in Europa, dessen Völker ja erst viel später in das Licht der Geschichte eingetreten sind, noch lange, ja durch mehr als zwei Jahrtausende weiter fort. Hier soll sie aber nicht nach vorwärts, sondern nach rückwärts verfolgt werden. Wir haben es da zunächst mit der jüngeren Steinzeit (Neolithikum) zu tun. Neben bereits auftretenden Kupfer-(S18)geräten hat auch sie uns in der Hauptsache steinerne Werkzeuge hinterlassen, die aber damals nicht mehr nur durch Abschlagen, sondern auch schon durch Schleifen von Steinen verfertigt und sogar poliert wurden. Außerdem kannte der jungsteinzeitliche Mensch auch bereits die Kunst der Töpferei. Was aber wohl das Wichtigste ist: Ackerbau und Tierzucht (Hornviehzucht), wenn auch in der Hauptsache wohl noch auf voneinander geschiedene Kulturkreise verteilt, waren, ausgehend von Vorderasien, bereits über große Teile von Asien, Afrika und Europa verbreitet, so daß mindestens für einen Teil der damaligen Menschheit schon die Fixierung an feste Wohnsitze stattgefunden hat.

   Weiter nach rückwärts schreitend kommen wir in die mittlere Steinzeit (Mesolithikum), die, was Europa betrifft, bis in die Zeit des Abflutens der letzten Vergletscherung der Eiszeit, d.h. bis ins 8. und 9. Jahrtausend, zurückreicht. Sie war, bedingt durch die klimatischen Veränderungen und deren Folgen, naturgemäß eine Zeit großer Wanderungen. Doch geht schon in ihrem Verlaufe das Jägertum, wohl zuerst in Süd- und Vorderasien, in primitives Bauerntum über. Obwohl damals die Steine noch nicht durch Schleifen, sondern nur durch Abschlagen bearbeitet wurden, erreichte doch die Verfertigung von Werkzeugen verschiedenster Art: wie Keile, Klingen, Bohrer, Schaber, Nadeln usw. aus Steinen, aber auch aus Knochen und Geweihen, bereits einen hohen Grad von Feinheit, technischer Vollkommenheit und künstlerischer Ornamentierung.

   Noch weiter zurück liegt die Entstehungszeit der klassischen eiszeitlichen Felsmalereien und -zeichnungen sowie plastischen Bildwerke in den Höhlen von Südfrankreich und Nordspanien, wo damals, während der letzten Vergletscherung Europas, die Bevölkerung dieses Erdteils ein in allem Äußeren wohl dürftiges und mehr oder weniger nomadisches Dasein als Jäger und Sammler verbrachte. Diese Felsbildkunst hat sich allerdings von da ab einerseits in Südeuropa (Spanien, Italien) und Nordafrika, andrerseits in Nordeuropa (Skandinavien, Rußland), bei tiefgehender Wandlung ihrer Stilprinzipien, durch viele Jahrtausende bis weit in die historische Zeit hinein fortgepflanzt.

   Die eiszeitliche Höhlenkunst wird bereits der letzten Phase der Altsteinzeit (Paläolithikum) zugerechnet. Frühere Phasen der letzteren gehören den vorangehenden Vereisungsperioden und vor allem den Warmzeiten an, welche die insgesamt vier Eiszeiten unterbrochen haben. Die frühesten Werkzeugschöpfungen dürfen bis in die erste der Warmzeiten (Abbevillien) zurückdatiert werden. Es sind dies noch mehr oder weniger plumpe, große, durch Abschlagen der Kanten hergestellte Faustkeile. In einer späteren Zeit (Acheuléen) werden dann auch die Abschläge selbst zu verfeinerten messerartigen Werkzeugen geformt. In beiden Arten von Steingeräten sowie auch in anderen, dazukommenden Formen (Klingen, Blattspitzen) wird schon im Laufe (S19) der Altsteinzeit eine beträchtliche Verfeinerung und Vervollkommnung erreicht. Ja, neben ihnen treten in dieser Epoche auch schon Schmuckstücke, wie Halsketten und Armringe, auf.

   Häufig wurde die Vermutung ausgesprochen, daß der ältesten Steinzeit eine "alithische" Epoche vorausgegangen sei, in welcher noch nicht auch aus Mineralien, sondern nur aus Holz oder anderen pflanzlichen Bildungen Werkzeuge verfertigt wurden. Doch können von solchen - bei der Vergänglichkeit organischer Stoffe - selbstverständlich heute keine Reste mehr vorhanden sein.

   Worin liegt nun für unsre Auffassung von der Geschichte, ja vom Menschen überhaupt, die Bedeutung dieser Ergebnisse der Prähistorie?

   Sie haben fürs erste erwiesen, daß der Mensch überhaupt viel älter ist, als man dies selbst in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, die von einem "vorsintflutlichen Menschen" nichts wissen wollte, noch annahm. Zum zweiten, daß der Mensch - entgegen den aus dem Darwinismus sich ergebenden Vorstellungen - lange schon vor dem Eintritt in die geschichtliche Phase seines Daseins als Mensch im vollen Sinne des Wortes auf der Erde gelebt hat. Wir beabsichtigen uns hier zwar nicht auf Zeitangaben der Vorgeschichte einzulassen. Erstens aus dem Grunde, weil in diesem Buche das Element der Zeit nicht in quantitativem, sondern in qualitativem Sinne zur Behandlung kommen soll. Zweitens aber auch deshalb, weil die Zeitschätzungen, welche die Geologen früher auf Grund der landschaftsumgestaltenden Wirkungen der Eiszeiten vornahmen, sehr weit auseinandergingen und die neuesten Berechnungsmethoden (die astronomische von Milankovic, der Fluortest, die Pollenanalyse) teils hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit auf die eiszeitlichen Phänomene problematisch sind, teils nur relative, nicht absolute Zeitmaße ergeben, teils recht wenig zuverlässige Resultate liefern. Und die einzige, die mit Sicherheit absolute Zeitmaße feststellt: die Radiokarbonbestimmung, reicht nicht über maximal 25 000 Jahre zurück, kann also nicht nur nicht über weiter Zurückliegendes aussagen, sondern hat sogar die spätpaläolithisch--eiszeitliche Kultur näher an die Gegenwart heranzurücken genötigt, als sie früher angesetzt worden war. Wenn wir also auch die üblicherweise angenommenen Zeiträume, namentlich für das Paläolithikum für bedeutend übertrieben halten müssen, so kann dennoch kein Zweifel darüber bestehen, daß es sich bei den steinzeitlichen Epochen um solche von vielen Jahrtausenden handelt. Zu den kulturellen Hinterlassenschaften der vorgeschichtlichen Menschheit kommt ferner die Tatsache hinzu - auf die wir an späterer Stelle noch näher eingehen werden -, daß auch die Körper- und namentlich die Schädelform, wie sie für den "vorsintflutlichen" Menschen auf Grund seiner knöchernen Überreste erschlossen werden können, im Gegensatz zu älteren Beurteilungen, die sie als von denen der Primaten nur wenig verschieden (S20) annahmen, für die neueste anthropologische Forschung sich immer entschiedener als schon typisch menschlich darstellen.

   Zunächst grenzt sich schon der altsteinzeitliche Mensch durch seine Werkzeugschöpfung, so primitiv diese auch noch gewesen sein mag, grundsätzlich gegenüber dem Tier ab. Denn das Tier schafft keine Werkzeuge, da ihm diejenigen, dern es für sein Leben innerhalb einer artspezifischen Umwelt bedarf, in seinen dafür hochspezialisierten Organen von der Natur anerschaffen sind. Die Werkzeugbereitung aber wird bereits im mittleren Paläolithikum zum "Kunsthandwerk", und im späteren gesellt sich zu ihr eine malerische, zeichnerische und plastische Kunst hinzu, deren Schöpfungen als hohe Kunstwerke bezeichnet werden müssen. Diese dienten damals allerdings noch nicht rein ästhetisch-künstlerischen Bedürfnissen, sondern magisch-kultischen Zwecken und erweisen damit zugleich das Vorhandensein eines religiösen Lebens. In andrer Art deuten auf das letztere auch Opferstätten (Opfertische, Steinkisten mit Tieropfern) hin, die ebenfalls schon aus dem Palöolithikum stammen. Und daß damals bereits bestimmte Vorstellungen über das Leben des Menschen nach dem Tode herrschten, bezeugen die auch schon in jener Zeit auftretenden Begräbnisstätten. Selbstverständlich müssen wir dem vorgeschichtlichen Menschen außerdem den Besitz der Sprache zuschreiben, wenn diese damals auch noch einen ganz andern Charakter gehabt haben mag als in geschichtlichen Zeiten. In erkenntnismäßiger bzw. "weltanschaulicher" Hinsicht gab jener Epoche, mindestens der mittleren und jüngeren Steinzeit, der Mythos das Gepräge; denn nicht nur bringen die Völker bei ihrem Eintritt in die Geschichte ihn wie auch die Sprache als vorgeschichtliches Erbgut bereits mit, es finden sich auch einzelne seiner Gestalten in bildnerischer Darstellung schon z.B. in der jungsteinzeitlichen Felsbilderkunst Nordeuropas. Schließlich wären alle die erwähnten technischen, künstlerischen und religiös-kultischen Betätigungen nicht möglich gewesen ohne bestimmte Formen der Gemeinschaftsbildung. Insofern gerade die letztgenannten Kulturelemente sich noch weit in die historische Zeit, ja in veränderter Form bis in die Gegenwart herein erhalten haben, ermöglichen sie uns noch einen unmittelbareren Zugang zur Vorgeschichte als deren werkzeugliche Hinterlassenschaften und fossilen Überreste. Dieser Zugang wird noch erweitert durch den Umstand, daß ja die verschiedenen Phasen des vorgeschichtlichen bzw. steinzeitlichen Lebens sich in gewisser Weise unmittelbar bis in die Gegenwart herein erhalten haben in den verschiedenen primitiven Völkern, die heute noch vorhanden sind. So hat man ja verschiedentlich z.b. die Papuas auf Neuguinea als heutige Repräsentanten eines "neolithischen Pfahlbauertums" bezeichnet, die Eskimos als Überrest der mesolithischen und die Austral-Schwarzen sogar als solchen der paläolithischen Menschheit. Und die Erforschung der Primitiven hat ja (S21) in den letzten Jahrzehnten den Charakter ihres kulturellen Lebens nach den verschiedensten Richtungen hin ins Licht gesetzt.

   W. Schmidt ist es vornehmlich gewesen, der auf Grund der bei den primitivsten unter den heute noch lebenden Völkern erhaltenen Überlieferungen und Lebensformen verschiedentlich (so zuletzt noch in "Historia Mundi", Bd.I) ein Bild von den religiösen, sittlichen, staatlichen, wirtschaftlichen Verhältnissen der "Urmenschheit" gezeichnet hat, - ein Bild, das diese innerlich auf der vollen Höhe einer "Kulturmenschheit" zeigt, wenn auch ihre äußere, technische Lebensgestaltung noch eine primitive war. Wir können aus Gründen, die aus den nachfolgenden Ausführungen erhellen werden, allerdings auch diese Darstellung nicht für eine zutreffende halten. Wenn der Mangel des biologischen Evolutionismus darin lag, daß er den vorgeschichtlichen Menschen noch als einen halbtierischen auffaßte (und von da her vielfach auch auf den geschichtlichen Menschen nur als auf eine noch höher entwickelte Form einer tierischen Spezies hinblickte), so liegt das Ungenügende der Darstellungen Schmidts - und der durch ihn repräsentierten historisch orientierten Ethnologie - umgekehrt darin, daß sie den vorgeschichtlichen Menschen allzusehr als gleichartig mit dem geschichtlichen erscheinen lassen und eine Entwicklung bzw. Wandlung nicht dem Menschen selbst als Menschen, sondern nur der von ihm geschaffenen Kultur zuerkennen.

   Schließlich sind durch die von der modernen Prähistorie zutagegeförderten Tatsachen selbstverständlich auch jene Anschauungen überholt, die sich als Grundlage der idealistischen Geschichtsphilosophie noch bei Hegel und seinen Zeitgenossen finden. Sie kennzeichnen sich dadurch, daß - weil damals des vorgeschichtliche Dasein der Menschheit im Sinne der heutigen Prähistorie noch so gut wie unbekannt war - das menschliche Dasein überhaupt auf das geschichtliche beschränkt bzw. mit diesem als gleichbedeutend erschien. Man pflegte damals zwei Welten einander als polarische Gegensätze gegenüberzustellen: auf der einen Seite die der Natur, - auf der andern die des Geistes, die man mit derjenigen des Menschen oder der Geschichte identifizierte. Als das allgemeinste, wesentlichste Merkmal der Natur betrachtete man ihr Ausgebreitetsein im Raume. Zwar weisen ihre Lebensprozesse auch eine zeitliche Gliederung auf, verlaufen sie doch in bestimmten zeitlichen Rhythmen. Doch aber haneelt es sich hierbei nicht um "echte Zeit", da in diesen Rhythmen das Gleiche immerfort wiederkehrt und daher nichts Neues geschieht, - es sei denn, war fassen sehr große Zeiträume ins Auge. Aber die mit diesen zusammenhängenden Veränderungen sind jedenfalls unsrer Erfahrung nicht zugänglich, sondern müssen nur angenommen und können nur erschlossen werden.

   Umgekehrt ist es in der Welt des Geistes, des Menschen, der Geschichte. Die letztere spielt sich zwar auch im Raume, auf bestimmten Erdenschauplätzen (S22) ab, - viel wesentlicher aber ist für sie, daß sie in der Zeit verläuft. Denn immer wieder, in kurzen Zeitabständen: von Jahrhundert zu Jahrhundert, ja von Generation zu Generation zeigt das menschliche Dasein auf allen Gebieten ein neues Gesicht, einen andern Charakter. Immer wieder tritt Neues, vorher noch nie Dagewesenes durch den schöpferischen Geist des Menschen in Erscheinung. Darum läßt sich im Gegensatz zur Vorausberechenbarkeit der Naturerscheinungen (Sternkonstellationen, Sonnenfinsternisse usw.) der Gang der Geschichte nicht voraussagen.

   Auch diese Gegenüberstellung ist angesichts der heute vorliegenden Tatsachen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Genauer gesagt: in der Art, wie es in dieser Antithese geschieht, kann heute das menschliche Dasein schlechthin nicht mehr mit dem geschichtlichen identifiziert werden. Wir sind vielmehr heute genötigt, den Begriff der Geschichte enger zu fassen und in ihr nur eine bestimmte Teilphase des menschlichen Gesamtdaseins auf der Erde zu sehen, der als eine andre die vorgeschichtliche gegenübersteht. Oder umgekehrt: wir sind heute genötigt, den Begriff des Menschen so zu erweitern, daß neben dem geschichtlichen Typus der vorgeschichtliche in ihm Raum hat als ein solcher, der zwar im übrigen alle spezifischen Merkmale des Menschlichen aufweist, nur eben diejenigen nicht, die den geschichtlichen charakterisieren. Wir können heute also z.B. nicht mehr nur den geschichtlichen Menschen als "Kulturmenschen" bezeichnen, den vorgeschichtlichen aber als kulturlosen, "wilden", "Naturmenschen" usw. Wir müssen vielmehr auch dem vorgeschichtlichen durchaus schon "Kultur" zuerkennen. Man spricht daher heute auch schon allgemein von der vorgeschichtlichen als der "Urkultur" und läßt die geschichtliche Zeit miit dem Aufblühen der "Hochkulturen" beginnen. Wenn wir im Vorangehenden als ein Grundmerkmal dieser geschichtlichen Hochkulturen eine viel größere Stabilität durch lange Zeiten hindurch eigentümlich gewesen zu sein, auch wenn wir die Zeitdauer der einzelnen vorgeschichtlichen Epochen nicht als so groß annehmen, wie sie heute noch von der Mehrzahl der Prähistoriker geschätzt wird. Es fragt sich jedoch, was außer diesen noch für andere wesentliche Unterschiede zwischen den vorgeschichtlichen Ur- oder Grundkulturen und den geschichtlichen Hochkulturen bestehen. Wir könnten heute - angesichts dessen, was gerade unser 20. Jahrhundert an kulturellen Verfallserscheinungen mit sich gebracht hat - das Leben der Menschheit auf der Erde nicht mehr als einen bloßen kontinuierlichen Aufstieg vom "Niederen" zum "Höheren" auffassen. Die "Fortschrittstheorie" in der Form, die ihr die letzten Jahrhunderte gegeben hatten, ist durch die Tatsachen widerlegt. Wenn dennoch der geschichtliche Mensch gegenüber dem vorgeschichtlichen bestimmte Gewinne gemacht hat, so stellt (S23) sich die Aufgabe einer genauen Bestimmung derselben. Und es erhebt sich des weiteren die Frage, ob diese Gewinne vielleicht mit bestimmten Verlusten bezahlt wurden? Kurz: es stellt sich uns am Anfange geschichtswissenschaftlicher Betrachtungen - unter Enthaltung von jeder vorgefaßten Entwicklungstheorie - heute als Hauptfrage diese: Was unterscheidet den geschichtlichen und den vorgeschichtlichen Menschen voneinander? Welche Eigenschaften und Leistungen müssen wir dem letzteren zuerkennen, und welche gehören dem ersteren zu? (Diese Frage wird z.B. auch von Jaspers in den Eingangskapiteln seines geschichtsphilosophischen Werkes "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte" in dezidierter Form aufgeworfen).

   Es leuchtet wohl ein, daß, wenn es gelingt, diese Frage klar und bestimmt zu beantworten, wir dadurch heute zu einem präziseren und konkreteren Begriff der Geschichte gelangen können, als dies noch etwa zur Zeit Hegels möglich gewesen ist.

   Man könnte vielleicht gegen eine so scharfe Grenzziehung zwischen Geschichte und Vorgeschichte den Einwand erheben, sie sei nicht in objektiven Tatsachen, sondern lediglich in dem subjektiven Umstand begründet, daß unser Wissen von der vorgeschichtlichen Zeit ein so viel ärmeres ist als das von der geschichtlichen. Und man könnte denken, daß, wenn im selben Maß wie in den letzten hundert Jahren auch weiterhin Überreste des vorgeschichtlichen Menschen und seines Lebens aus den Tiefen der Erde zutage gefördert werden, unser Wissen von der Vorgeschichte in ein- bis zweihundert Jahren sich so vermehrt haben wird, daß diese Zeit dann nicht mehr als "Vorgeschichte", sondern nurmehr als eine frühe Epoche der Geschichte erscheinen wird, welch letztere sich dann abermals um eine Reihe von Jahrtausenden nach der Vergangenheit hin ausgedehnt haben wird, wie sie es schon einmal im 19. Jahrhundert seit der Entzifferung der morgenländischen Schriftsysteme getan hat.

   Nun wird niemand bestreiten wollen, daß heute noch vieles in den Tiefen der Erde und auf dem Grunde der Meere ruhen mag, was in den nächsten Jahrhunderten ans Licht des Tages gehoben werden und uns Aufschlüsse über "vorgeschichtliche" Lebensverhältnisse geben wird, von denen wir uns heute ebenso wenig träumen lassen, wie dies seinerzeit z.B. hinsichtlich der spanisch-französischen Höhlenmalereien der Fall gewesen ist. Aber auch dann - oder vielleicht gerade dann noch viel deutlicher - wird sich zeigen, daß der wesentliche Unterschied unsres Wissens von der Vorgeschichte und der Geschichte gar nicht in der Quantität, sondern in der Qualität liegt. Wir wissen auf andre Art von der Geschichte als von der Vorgeschichte.

   Unser geschichtliches Wissen ist (wie besonders Windelband und Rickert gezeigt haben) wesentlich ein Wissen von einmalig Einzelnen: von bestimmten Taten, die von bestimmten Persönlichkeiten an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten verrichtet worden sind. Wir wissen z.B., daß Karl der (S24) Große zur Weihnachtszeit des Jahres 800 von Papst Leo III. in der Peterskirche zu Rom zum weströmischen Kaiser gekrönt wurde, womit das mittelalterliche Heilige Römische Reich seinen Anfang genommen hat, - oder daß Martin Luther am Vorabend von Allerheiligen des Jahres 1517 an der Schloßkirche zu Wittenberg seine 95 Thesen gegen den Ablaßhandel anschlug, was zum Ausgangspunkt der Reformationsbewegung geworden ist, - oder daß im Spätsommer des Jahres 1492 Christoph Columbus seine Fahrt über den atlantischen Ozean unternahm, die zur Entdeckung Amerikas geführt hat.

   Hinsichtlich der verschiedenen Epochen der Vorgeschichte wissen wir heute zwar viel über Siedlungsgebiete, Wanderungszüge, Wohnstätten, Bestattungsgebräuche, Volks- und Stammesgliederung usw. der betreffenden Bevölkerungen. Aber es sind lauter allgemeine Verhältnisse, auf die sich unser Wissen bezieht. Keine einzige Einzelpersönlichkeit, kein einziges Einzelereignis, kein einziges einzelnes Orts- und Zeitdatum ist uns aus jenen Zeiten bekannt. Selbst W.Schmidt muß - trotz seiner Tendenz, die vorgeschichtliche Menschheit in seinen Darstellungen derselben der geschichtlichen anzuähnlichen - bekennen: "Keine Berichte von führenden oder sonstigen Individualitäten sind aus jenen uralten Zeiten bis auf unsere Tage gelangt, noch Eigennamen solcher Persönlichkeiten. Wir bekommen es nur mit namenlosen Menschen zu tun. Zwar gibt es auch bei diesen Völkern schon sogenannte 'Kulturheroen' oder 'Heilbringer', denen die Erfindung wirtschaftlicher, technischer Fortschritte, die Einrichtung sozialer oder rechtlicher Formen, Offenbarungen über religiöse Fragen zugeschrieben werden. Aber das sind Gestalten mit wenigen oder gar keinen konkreten Einzelzügen, auf die dann oft eine ganze Anzahl erster Fortschritte gehäuft werden". (Die Urkulturen, Historia Mundi, Bd.IS375ff). Warum dieses Fehlen von Einzelnamen und Einzelereignissen? Weil uns aus vorgeschichtlichen Zeiten zwar Knochenreste, Werkzeuge, Kunstschöpfungen, Begräbnisstätten usw. erhalten sind, - nirgends aber Schriftzeichen. Die Schrift aber ist das wesentliche Mittel, das Wissen von einzelnen Geschehnissen oder Persönlichkeiten der Nachwelt zu überliefern. Und so wäre denn doch ein objektives Unterscheidungsmerkmal zwischen vorgeschichtlicher und geschichtlicher Menschheit aufgewiesen: jene ist die schriftlose, diese die die Schrift besitzende Menschheit. Tatsächlich reicht unser geschichtliches Wissen so weit zurück, als Schriftdenkmäler uns von der Vergangenheit Kunde geben, und es läßt sich so weit nach rückwärts ausdehnen, als Geschriebenes gefunden werden kann.

   Damit ist aber die Frage nach dem Unterschied zwischen vorgeschichtlicher und geschichtlicher Menschheit noch nicht beantwortet, sondern gewinnt erst konkrete Gestalt. Denn wir können selbstverständlich nicht annehmen, daß (S25) die Schrift einem "Zufall" ihre Entstehung verdankt. Wir müssen uns vielmehr vorstellen, daß, wenn die Menschheit durch viele Jahrtausende, trotz einer z.B. auf künstlerischem Gebiete schon hochstehenden Kultur, ohne Schrift auskam, dies in einer ganz gestimmten Beschaffenheit ihrer seelisch-geistigen Konstitution seinen Grund haben mußte, - und daß, wenn sie in einem bestimmten Zeitpunkt zur Schrift überging, diesem Übergang eine Wandlung in ihrer Bewußtseinsverfassung zugrundegelegen haben muß, durch die sie von jetzt an des Schreibens fähig, aber auch bedürftig wurde. Damit aber erhebt sich die Frage: Was für eine Umgestaltung des menschlichen Seelenlebens war es, die den Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte herbeiführte?

   Bevor wir selbst diese Frage zu beantworten versuchen, sei die Charakteristik angeführt, die ein Vertreter heutiger Prähistorie von dem Unterschied zwischen dem vorgeschichtlichen und dem geschichtlichen Menschen gegeben hat. Zu diesem Zweck ist fürs erste darauf hinzuweisen, daß sich für die neueste geschichtlich-vorgeschichtliche Forschung hinsichtlich des Gesamtdaseins der Menschheit, wie es sich vom ersten Auftreten des Menschen auf der Erde bis in unsere Gegenwart hierein entfaltet hat, eine Gliederung in drei Hauptepochen ergeben hat, die ungefähr zusammenfallen mit der älteren Steinzeit, der mittleren und jüngeren Steinzeit und der geschichtlichen Epoche. Wir wollen sie im Folgenden als "Urzeit", "Vorgeschichte" und "Geschichte" bezeichnen, wenn auch diese Ausdrücke in dieser Abgrenzung noch nicht durchwegs gebräuchlich sind. Alfred Weber spricht in seinen geschichtssoziologischen Werken von einem "ersten" (urzeitlichen), "zweiten" (vorgeschichtlichen) und "dritten" (geschichtlichen) Menschen, die aufeinanderfolgend die Erde bevölkert haben.

   Eine der umfassendsten Darstellungen des der geschichtlichen Phase vorausgehenden Menschheitswerdens enthält die 1931 erschienene "Weltgeschichte der Steinzeit" von Oswald Menghin. Nachdem der Verfasser die einzelnen Epochen, Träger, Schauplätze und Gestaltungen der steinzeitlichen Kulturentwicklung von den verschiedensten Gesichtspunkten aus (Chronologie, Werkzeugschöpfung, Wirtschaftsleben, Sozialverfassung, Volks- und sprachliche Zusammenhänge) dargestellt hat, macht er im Schlußkapitel des Werkes den Versuch einer "universalgeschichtlichen Zusammenfassung" und unterscheidet dabei ebenfalls "drei Hauptstadien der menschlichen Entwicklungsgeschichte" (S609ff). "Ihnen Namen zu geben ist eine außerordentlich schwierige Sache, da ein zusammenfassender Gesichtspunkt kaum zu finden ist. Am leichtesten geht es, wenn man sich auf das Gebiet des Bildhaften begibt. Man könnte von einem Kindheits-, Jünglings- und Mannesstadium der Menschheit sprechen; doch ist damit gewissermaßen die Prophezeiung einer Vergreisung verbunden, und ich glaube, daß das Prophezeien weder (S26) Sache des Historikers noch des Geschichtsphilosophen ist. So will ich die Nomenklatur lieber mit einem andern Tatbestand des Geschehens in Beziehung setzen, dem sicher ganz besondere Wichtigkeit zukommt: nämlich dem Verhältnisse des Menschen zur Natur: Man darf ruhig sagen, daß das Geschehen zu einem ganz wesentlichen Teile im Kampf des Menschen um die Beherrschung der Natur beruht (für den Materialisten sogar ausschließlich). Wir unterscheiden also:

1. ein Stadium der Naturkindschaft

2. ein Stadium der Naturverbrüderung

3. ein Stadium der Naturbeherrschung

   In den frühesten Zeiten ihres irdischen Daseins verhält sich also die Menschheit zur Natur noch so wie ein Kind zu seinen Eltern. Wie dieses sich noch nicht selbst Nahrung und Bekleidung zubereitet, sondern von den Eltern ernährt und bekleidet wird, - wie es sich noch nicht selbst eine Behausung errichtet, sondern im elterlichen Hause wohnt, wie es überhaupt noch nicht arbeitet und für die Zukunft sorgt, sondern, ganz noch dem Augenblick hingegeben, spielt, spielend aber auch zeichnet, malt, modelliert usw. -, also hat der Mensch im Stadium der "Grundkultur" sich noch nicht seine Nahrung durch Arbeit zubereitet, sondern - als Jäger, Fischer, Sammler - verzehrt, was die Natur selbst unmittelbar ihm an tierischer und pflanzlicher Kost darbot. "Es wird nichts gepflanzt, gehegt, ja kaum etwas auf Vorrat gelegt. Man jagt, fischt, sammelt den Lebensbedarf von Tag zu Tag. Die Natur deckt den Tisch, und man nimmt. Dieser Parasitismus wäre tierisch, wenn er nicht schon durch Mittel ausgeübt würde, die auch diesen Menschen schon hoch über jedes andre Lebewesen hinaushoben. Diese Mittel sind bescheiden. Es genügt beinahe, was die Natur bietet, man tut nur das Notwendigste, um die Werkzeuge gebrauchsfähiger zu machen." Man wohnt noch nicht in selbstgebauten Häusern, sondern in Höhlen, im Schutz von Felsüberhängen, von Wäldern oder Bäumen, bestenfalls in primitiven zeltartigen Behausungen, führt aber in der Hauptsache ein Wanderdasein, wenn auch in der Regel in beschränktem räumlichen Umkreis. "Auch die sozialen Verhältnisse sind naturhaft. Es gibt keinerlei Unterschiede unter den Menschen, außer die von der Natur gesetzten des Alters, Geschlechts und Stammes. Der Stand ist etwas Unbekanntes und damit der Herrscher und der Untergebene. Grundzelle der gesellschaftlichen Organisation ist die Familie, der nächstübergeordnete Begriff, die Horde, bereits gleichbedeutend mit dem Staat... Die Kunst steht auf einer Entwicklungsstufe, die in motivischer Hinsicht noch undifferenziert-richtungslos ist, in kompositorischer nur rhythmische Werte einfachster Form kennt..."

(S27) Auf der zweiten Stufe, die Menghin auch die der "Stamm-Kulturen" nennt, "hat sich der Mensch vom kindhaften Parasitismus gewissermaßen zum Bruder der Natur emporgerungen, zum Partner, der sich und die natürliche Umwelt für gleichgeartet, gleichbeseelt und gleichberechtigt hält, der der Natur entnimmt, was er braucht, ihr aber auch seinen Respekt bezeugt und in eine bewußte Symbiose mit ihr tritt. Pflanzenbau und Viehzucht bedeuten schon eine solche brüderliche Haltung, noch mehr vielleicht aber Riten, mit denen Tiere geehrt und ihre Vermehrung und Jagd gefördert werden sollen, am meisten der Totemismus, der Mensch und Naturwesen identifiziert. Der reine Parasitismus verschwindet. Der Mensch beginnt die Erzeugung der für seine Erhaltung notwendigen Güter selbst in die Hand zu nehmen. Aber noch wesentlicher beinahe ist, daß er Voraussicht bekundet, daß er Vorräte auf lange Sicht anlegt... Auch auf die Ausstattung von Waffe und Werkzeug wird jetzt Sorgfalt verwendet. Ästhetische Bedürfnisse kommen dabei zu ihrem Recht... Familie, Ehe, Jugenderziehung, Eigentums- und Rechtsverhältnisse, staatliche Organisation entwickeln Gestaltungen von seltsamer Art... Üppig schießt der Kunsttrieb empor... Das Wissen um die Dinge, das Weltbild ist wundersam kraus geworden, wie alles auf dieser Stufe. Es wimmelt von Göttern, Mythen, magischen und animistischen Vorstellungen, und die Beziehung zum Jenseitigen wird durch furchtbare Riten verwirklicht..."

   Das dritte Stadium endlich, das der Naturbeherrschung, ist gleichbedeutend mit dem der Hoch- oder Vollkulturen. Es ist die eigentlich geschichtliche Phase der Entwicklung. Der Mensch steigt in ihrem Verlauf zur vollen Herrschaft über die Natur auf. Er befreit sich immer mehr von dem Zwang der rein körperlichen Arbeit, indem er mittels der Technik diese durch die Kräfte der Natur selbst verrichten läßt und sie nurmehr leitet. Zugleich baut er die Natur, in deren Lebens- und Schaffensprozesse er sich auf der vorangehenden Stufe mitwirkend eingeschaltet hatte, jetzt Stück für Stück ab, indem er den Eingeweiden der Erde Kohle, Erze, Öl entreißt und durch Zertrümmerung der Atome die Energien befreit, welche die Materie zusammenhalten. Als das wichtigste Faktum innerhalb dieser Epoche erscheint Menghin die Tatsache, "daß um 600 v.Chr. in einer Zone, die von Unteritalien bis China reicht, aus dem Boden der alten Stadtkultur eine kulturelle Neuschöpfung erwuchs, deren Bedeutung so groß ist, daß man von hier ab das dritte Stadium der Menschheitsgeschichte rechnen darf (die "Geschichte" im eigentlichen Sinne d.Verf.). Dies ist das reflektierende Denken, die Philosophie. Sie ist die Gewalt, der es Schritt für Schritt gelingt, all den Wust, den unkritisches Denken aufgehäuft hatte, hinwegzuräumen und der Menschheit die erste Vorbedingung für eine volle Kultur zu schaffen, die innere Freiheit, die nichts anderes ist als die Gleichberechtigung aller Menschen im Geiste... Das (S28) philosophische Denken leitet schließlich auch die vollkommene Naturbeherrschung ein, der materiellen durch durch die Schöpfung der Wissenschaft, der geistigen durch die Spekulation."

   Man wird diese Charakteristiken, sowohl die erste, dem einzelnen menschlichen Lebenslauf entnommene bildhafte als auch die zweite, von dem sich wandelnden Verhältnis des Menschen zur Natur hergeleitete, in vielen Beziehungen als zutreffend anerkennen müssen. Sie erschöpfen jedoch Eigenart und Bedeutung der drei Phasen des irdischen Menschheitswerdens weder nach dem ganzen Umfang noch nach der vollen Tiefe. Hier ist es nun, wo ergänzend die Ergebnisse der anthroposophischen Geistesforschung eintreten können.

   Warum sind diese Charakteristiken Menghins unvollständig? Weil ihnen - wie der gesamten historischen und prähistorischen Forschung der Gegenwart - die Grundlage eines zureichenden Wesensbildes des Menschen fehlt. Die neuere Zeit hat ein solches Bild bisher nicht zu entwerfen vermocht. Ihre einseitig naturwissenschaftlich-materialistische Orientierung stand dem hindernd im Wege. Genauer gesagt: was sie aus dieser Orientierung heraus, besonders im Zusammenhang mit der modernen Entwicklungslehre, als Bild des Menschen gezeichnet hat, wird heute immer mehr als ein Zerrbild erkannt, das dem wirklichen Wesen des Menschen in keiner Weise gerecht wird. In Wahrheit ist für sie "der Mensch - das unbekannte Wesen" (Carrel) geblieben. Und so wird heute immer mehr die Ausbildung einer "Lehre vom Menschen" als die große, wesentliche Aufgabe unsres Jahrhunderts anerkannt. Philosophie wie Psychologie, Historie wie Naturwissenschaft bemühen sich gleichermaßen darum, Bausteine zu einer solchen Lehre zu liefern. In seiner "Anthroposophie" hat Rudolf Steiner bereits seit dem Beginne unseres Jahrhunderts (20.-) vollbewußt und planmäßig ein neues Wesensbild des Menschen entworfen und Stück für Stück nach den verschiedensten Richtungen hin ausgearbeitet. Wie schon angedeutet, wird seine Leistung von der heute geltenden Wissenschaft noch immer nicht der Beachtung gewürdigt. Dennoch besteht die merkwürdige Tatsache, daß sich, was auf verschiedensten Gebieten wissenschaftlicher Forschung seither an Einsichten in bezug auf das Wesen des Menschen errungen worden ist, Schritt für Schritt dem, was Rudolf Steiner seit Jahrzehnten an Auffassungen vertreten hat, nähert und bedeutsamste Bestätigungen dafür liefert.

   An dieser Stelle ist es noch nicht nötig, auf das anthroposophische Menschenbild im einzelnen einzugehen. Dazu wird im Verlauf dieser Schrift noch vielfältige Gelegenheit sein. Es genügt hier, den entscheidenden Grundzug desselben zu erwähnen, der sich mehr oder weniger deutlich und entschieden aber auch schon bei manchen andern, teils naturwissenschaftlichen, teils philosophischen Ansätzen zu einer "Lehre vom Menschen", so namentlich in (S29)

jüngster Vergangenheit etwa bei Max Scheler (Die Stellung des Menschen im Kosmos) findet: die Auffassung nämlich, daß der Mensch seiner Kernsubstanz nach ein nicht bloß seelisches, sondern "geistiges" Wesen ist, - das heißt: ein Wesen, das über alle physisch und psychisch erfahrbare Welt hinausragt und, nicht nur seinem "Sein", sondern auch seinem "Bewußtsein" nach - denn "Geist" ist Bewußtsein -, teilhat an dem, was der göttliche oder Wesens-Grund des Weltganzen genannt werden kann. Durch diese seine Geistwesenheit ist er seiner leiblichen Hülle nach in dem Sinne "unspezialisiert", daß diese nicht einer speziellen "Umwelt", sondern der Gesamterde zugeordnet erscheint, - seiner seelischen Hülle nach grenzenlos weltoffen und offenbart seinen Geist-Charakter noch in spezifischer Weise in seiner kulturellen Schöpferkraft. Aus dieser Auffassung folgt die weitere, daß das, was den Menschen in allen Phasen seines Daseins wesentlich kennzeichnet und grundsätzlich vom Tier unterschiedet: sein Kulturschöpfertum, - primär als die Manifestation seiner Geistwesenheit angesehen werden muß. Ist dies richtig, dann darf dem Satze Menghins, "daß das Geschehen zu einem ganz wesentlichen Teile im Kampf des Menschen um die Beherrschung der Natur beruht (für den Materialisten sogar ausschließlich)", der andre gegenübergestellt werden, daß es zu einem nicht weniger wesentlichen Teile in der stufenweisen Entfaltung und Ausprägung seiner Geistwesenheit besteht. Und damit ergibt sich die Möglichkeit, zu dem von Menghin gezeichneten Aspekt des sich wandelnden Verhältnisses des Menschen zur Natur ergänzend den andern hinzuzufügen, der sich auf die Wandlungen in der Offenbarung seines geistigen Wesens bezieht. Ja, es muß dieser Aspekt gegenüber dem von Menghin geschilderten sogar als der primäre bzw. zentrale erscheinen. Er wird uns denn auch viel größere Tiefen der Wandlungen erschließen, welche die Menschheit in ihrem Erdendasein durchläuft.

   Es ist vielleicht hier am Platze, darauf hinzuweisen, daß der zuletzt ausgesprochene Gedanke - wenigstens in bezug auf die Geschichte - zum erstenmal bereits an dem Punkte geltend gemacht wurde, an welchem die moderne Geschichtsphilosophie als eine selbständige, "neue Wissenschaft" entstanden ist: bei Giambattista Vico, dem Begründer derselben. Der fundamentale methodische Gedanke, auf dem Vico seine Geschichtsphilosophie aufbaute, war dieser, daß, weil die geschichtliche Welt vom Menschen selber gemacht worden ist, "ihre Prinzipien deshalb in den Abwandlungen unsres eigenen menschlichen Geistes gefunden werden müssen". In etwas andrer Art tritt dieser Gedanke dann wieder auf in den Geschichtsphilosophie des deutschen Idealismus, für die ja - wie schon erwähnt - die Welt des "Menschen" mit derjenigen des "Geistes" und derjenigen der "Geschichte" identisch war. Nur wurde sowohl von Vico wie vom deutschen Idealismus die Geistwesenheit des Menschen noch in einem engeren Sinne gefaßt, als es hier geschieht, - was ja (S30) eben in der Identifizierung der Welt des Geistes bzw. des Menschen mit der Welt der Geschichte zum Ausdruck kam (Eine Ausnahme hiervor macht nur die "Philosophie der Mythologie" von Schelling. Doch wird in ihr die vorgeschichtlich-mythologische Phase als nicht nur anthropo-, sondern zugleich theogonischer Prozeß gedeutet). Hier wird die Geistwesenheit des Menschen in einem tieferen und umfassenderen Sinne verstanden - darin liegt auch die Differenz mit solchen Auffassungen wie etwa denen Schelers oder Sombarts ("Vom Menschen") -, in einem Sinne, der andre Formen ihrer Manifestation, ihres Schöpfertums auch, wie sich zeigen wird, in den Errungenschaften der "Urzeit" und der "Vorgeschichte" zu erkennen vermag.

   Indem wir nun im Folgenden versuchen, den oben bezeichneten Aspekt des Menschheitswerdens zu skizzieren, knüpfen wir an die Entstehung der Schrift an, die, wie schon erwähnt, wesentlich mit dem Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte zusammenhängt. Wir werfen nochmals die Frage auf, welche Wandlung im innern Wesen des Menschen es war, die zur Entstehung der Schrift geführt hat.

   Zur Beantwortung dieser Frage kann allerdings von einer Bemerkung ausgegangen werden, die sich bei Hegel in der Einleitung zu seiner Geschichtsphilosophie findet. Es ist diese, daß das Wort "Geschichte" in der deutschen Sprache "die objektive sowohl und subjektive Seite vereinige und ebensowohl die historiam rerum gestarum (lat. historia rerum gestarum, eigentlich die Erfahrung von den Taten - wikipedia) als die res gestas (res gestae - lat. für Tatenbericht) selbst bedeute". In diesem Doppelsinn ihrer Bezeichnung offenbart sich nichts Geringeres als das Geheimnis der Sache selbst: Im strengen Sinne des Wortes können wir nämlich nur dort von "Geschichte" sprechen, wo mit dem und durch den Menschen nicht nur etwas geschieht, sondern er auch ein bestimmtes Wissen von diesem Geschehen hat und in der Lage ist, dieses Wissen, nachdem das Geschehen vergangen ist, in der Erinnerung festzuhalten. Insofern können wir sagen, daß Geschichte erst dort beginnt, wo Wissen von der Vergangenheit, wo Überlieferung in irgendeiner Gestalt beginnt. Und wir können weiter sagen, daß der Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte dadurch zustandegekommen sein muß, daß die Menschheit aus einem dumpferen, in gewisser Weise dem Träumen verwandten Bewußtsein, an dem die Geschehnisse vorübergingen wie Bilder des Traumes, sich zu einem helleren, wacheren Bewußtsein erhoben hat, welches ihr ermöglichte, an den mit ihr und durch sie sich begebenden Geschehnissen mit Wissen teilzunehmen und dieses Wissen in der Erinnerung zu bewahren. Das vorzüglichste Mittel aber zur Bewahrung des Vergangenheitswissens ist dessen Fixierung durch die Schrift. So hätte also die Entstehung der Schrift ihre Ursache in dem soeben angedeuteten Bewußtseinsumschwung. Die erwachende Fähigkeit des bewußten Miterlebens der Ereignisse und des Sicherinnerns an sie, soweit sie vergangen sind, hätte jenes Bedürfnis nach der Schrift erzeugt, das den Menschen dann zum Erfinden derselben hat werden lassen.

   Was so zunächst als Vermutung ausgesprochen werden kann, erfährt eine Bestätigung durch die Ergebnisse, zu denen die anthroposophische (S31) Geistesforschung hinsichtlich des Zusammenhanges zwischen Erinnerung und Schrift gelangt. Ihr ergibt sich nämlich, daß eine Analogie besteht zwischen der Entstehung der Schrift (bzw. der Fähigkeiten des Schreibens und Lesens) und der Erfindung der einfachsten Werkzeuge und technischen Geräte. Die letztere kommt nämlich dadurch zustande, daß bestimmte Tatbestände oder Vorgänge, die innerhalb des menschlichen Leibes vorhanden oder veranlagt sind, nach außen projiziert bzw. im Äußeren nachgebildet werden. Der primitive Faustkeil ahmt nach und verstärkt den durch die Zusammenballung der Hand entstehenden "Keil", - der Hammer den Unterarm mit der zur Faust geballten Hand, - die Zange ist eine Nachbildung der Greifbewegung, die durch die Entgegenstellung des Daumens und der vier andern Finger entsteht, - die Schaufel eine solche der sich zur Schale höhlenden Hand. Alle diese und ähnliche Werkzeuge entstehen in einer Entwicklungsphase, in welcher die seelisch-geistigen Wesenskräfte des Menschen noch an der Bildung seiner Leiblichkeit tätig sind. Und sie entstehen aus einem Überschuß an bildenden Kräften, der sich dadurch ergibt, daß durch das Wesen des Menschen selbst seine Leibesbildung davon zurückgehalten wird, ihre Organe und Gliedmaßen selbst - wie das Tier - zu vollkommenen, spezialisierten Werkzeugen auszugestalten.

   In ähnlicher Weise wird in einer späteren Phase bei der Erwerbung des Schreibens und Lesens ein innermenschlicher Vorgang nach außen projiziert, - nun aber nicht ein solcher der physischen, sondern ein solcher einer überphysischen Organisation: eben der Vorgang, welcher der Erinnerung zugrundeliegt. Dieser stellt sich allerdings der geisteswissenschaftlichen Forschung in andrer Weise dar als einer populären Psychologie. Ihr sind die Vorstellungen, die wir "aus der Erinnerung heraufholen", nicht identisch mit denjenigen, die wir ursprünglich von bestimmten Wahrnehmungsinhalten gebildet haben und die dann beim Vergessen nur "ins Unterbewußte hinuntergetaucht" wären. Nach ihren Untersuchungen vermögen wir überhaupt nur diejenigen Wahrnehmungsinhalte in Vorstellungen umzuwandeln, denen gegenüber wir in irgendeinem Grade, und sei dies auch nur einen ersten Schritt weit, in einen Erkenntnisprozeß eintreten, d.h. auf die wir von innen her mit der Erzeugung von Begriffen antworten, - wenn auch nur in dem Maße, daß wir irgendeiner Sinneswahrnehmung gegenüber konstatieren, es sei eine Katze, ein Baum, ein Haus. Denn die Vorstellung ist immer aus Wahrnehmungsmäßigem und Begrifflichem zusammengesetzt. Was in dieser Art in der Seele als Vorstellung gebildet worden ist, sinkt im Vergessenwerden nicht etwa ins Unterbewußte hinab, sondern hört innerhalb des Seelischen überhaupt auf, dazusein. Es wird schlechterdings ausgelöscht. Etwas anderes aber bleibt von der Sache innerhalb der menschlichen Organisation zurück. Zugleich mit der im Bewußtsein zustandegekommenen Vorstellung (S32) entsteht durch die Denktätigkeit in jenem unbewußten Teil der menschlichen Organisation, welcher den Träger der Denktätigkeit bildet (in der sog. "ätherischen" oder Bildekräfte-Organisation), gleichsam ein "Engramm". Und im Akte der Erinnerung wird dieses "Engramm" gleichsam innerlich "gelesen" und dadurch jedesmal eine neue Vorstellung gebildet (Siehe H.Poppelbaum: Gedächtnis und Gedächtnispflege, in "Im Kampf um ein neues Bewußtsein" -Dresden 1935, S55ff).

   Wie nun die Schlagkraft der Faust bzw. des Arms dadurch verstärkt werden kann, daß zu dem natürlichen, organischen "Keil" bzw. "Hammer" ein künstlich verfertigter hinzugefügt wird, so kann auch das Erinnern dadurch unterstützt werden, daß zu dem innern Eingravieren einer "Merkspur" in die Bildekräfte-Organisation und dem "Lesen" derselben durch die Seele hinzugefügt wird das Fixieren eines physischen Schriftzeichens in einem äußern Material und das Lesen desselben durch denjenigen, der eben dieser Schrift kundig ist.

   So darf also die Entstehung der Schrift in Zusammenhang gebracht werden mit dem Erwachen des Menschen zu jener Art von erkennendem Wissen um das äußere Geschehen, die ihn auch dazu befähigt, dieses Wissen im Erinnern immer wieder zu reproduzieren. Freilich ist damit zunächst nur ein Grundsätzliches über Entstehung und Bedeutung der Schrift ausgesprochen. Ihre Entwicklung ist ein jahrtausendelanger Prozeß, der durch viele Stufen und Formen hindurchführt. Wir werden auf diese an späterer Stelle eingehen. Die von uns gegebene Deutung würde jedenfalls zur Schlußfolgerung führen, daß die primäre Funktion der Schrift ursprünglich in der Unterstützung des menschlichen Gedächtnisses, im Großen und im Kleinen d.h. im Geschichtlichen und im Alltäglichen bestanden habe. In der Tat sin die ägyptischen Hieroglyphen im Zusammenhang mit der Denkmalkunst (Prunkpalette des Narmer!) entstanden und dienten in Verbindung mit dieser vor allem dazu, die Erinnerung an große Taten und Persönlichkeiten der Vergangenheit zu bewahren. Und in Sumer wurden die auf Tontafeln eingegrabenen ältesten Schriftzeichen von der Priesterschaft als Hilfsmittel für die Verwaltung der Tempelgüter verwendet. Sie enthielten Notierungen über Arbeitslisten, Warenmengen usw. Vielleicht darf der Vergleich gewagt werden, daß die Menschheit in der Ausbildung und Verwendung der Schrift im Ganzen und Urbildlichen dasselbe getan hat, was im Abbilde immer wieder der einzelne Mensch im Verlaufe seines Heranwachsens tut: Das Kind lebt sich zunächst mehr oder weniger träumend in das Dasein herein; es ist ganz nur dem jeweiligen Augenblicke hingegeben. Wenn es, etwas älter geworden, aus seinem ursprünglichen Lebenstraum mehr und mehr erwachend, mit Bewußtsein an den Ereignissen seines Lebens teilzunehmen beginnt und damit auch die Fähigkeit und das Bedürfnis entwickelt, diese für seine Erinnerung zu bewahren, so fängt es in der Regel an, ein Tagebuch zu führen. Wer von uns hätte nicht, wenigstens in seiner Jugend, mindestens durch eine kürzere oder (S33) längere Zeit, ein solches geführt? Freilich erfinden wir hierfür nicht jedesmal selbst von neuem die Schrift; denn sie wurde uns ja schon vorher in den ersten Schuljahren beigebracht. Wir gewinnen aber erst jetzt, in der Führung eines Tagebuchs, zum Schreiben eine ganz persönliche, innere, aus unserem Erleben erwachsende Beziehung. Ja, es geschieht nicht selten, daß Kinder in diesem Alter sich sogar neue, eigene "Geheim"-Schriften erfinden. Jedenfalls aber kommt der oben aufgewiesene Zusammenhang zwischen Erinnerung und Schrift auch in der Erziehung darin zum Ausdruck, daß gerade in den Jahren, da, nach Abschluß des Zahnwechsels, erst die Möglichkeit eintritt, die Erinnerungskräfte des Kindes übend zu pflegen, ihm auch Schreiben und Lesen beigebracht werden.

   Haben wir nun so das Element der Überlieferung, namentlich eben in Form der schriftlichen Aufzeichnung, als ein konstitutives Merkmal der Geschichte erkannt, so ist das Wesen der letzteren damit freilich erst nach einer Seite hin gekennzeichnet, nämlich hinsichtlich des Verhältnisses des Menschen zur Vergangenheit. Zu ihm kommt als ein nicht weniger grundlegendes hinzu die Herausbildung eines bestimmten Verhältnisses zur Zukunft. Es die die Fähigkeit, Lebensziele, Zukunftsideale zu konzipieren, nach denen das menschliche Wollen, Streben und Handeln ausgerichtet wird. Denn was das geschichtliche Dasein der Menschheit ebenso entscheidend wie das Element der Überlieferung kennzeichnet, das ist die Tatsache, daß es sich immer und überall in seinen Bewegungen und Geschehnissen auf bestimmte nähere oder fernere Zielsetzungen hinorientiert zeigt. Der geschichtliche Mensch lebt nicht einfach nur in den Tag hinein, sondern er strebt immer bestimmten Zielen zu. Dadurch erst kommt - wie später noch genauer zu zeigen sein wird - jenes andre Grundmerkmal der Geschichte zustande, auf das bereits weiter oben hingewiesen wurde: die verhältnismäßig rasche und ständige Wandlung der menschlichen Lebensgestaltung von Zeitalter zu Zeitalter, ja von Jahrhundert zu Jahrhundert, - ferner die Tatsache, daß hierbei immer wieder Neues, vorher noch nie Dagewesenes in Erscheinung tritt.

   Freilich unterscheiden sich die Kulturen der verschiedenen Völker dadurch voneinander, daß bei dem einen die Beziehung zur Vergangenheit überwiegt, das andre mehr auf die Zukunft hinorientiert erscheint, - was an späterer Stelle noch genauer ausgeführt werden wird. Doch fehlt bei keinem der Blick auf Zukunft und Zukunftsziele vollständig. Selbst in der indischen Kultur, die sonst so sehr in die Vergangenheit schaut, tritt in ihrer späteren, vollgeschichtlichen Phase die Hinorientierung auf die Zukunft in ihrem Hinblicken auf das Kommen des Maitreya Buddha in Erscheinung. Vor allem aber spricht - um nur einiges wenige nach dieser Richtung hin zu erwähnen - die Zarathustra-Religion des alten Persien nicht nur von dem Weltengegensatz zwischen dem lichten Ormuzd, dem Geist der Sonne, und dem finsteren (S34) Ahriman, dem Geiste der Erdentiefen, in den der Mensch hineingestellt ist, sondern auch davon, daß der Geist der Sonne in der Zukunft dereinst zur Erde herniedersteigen und "übergehen wird auf den siegreichsten der Heilande und die andern, seine Apostel", daß er "die Welt vorwärts bringt", daß er "sie überwinden läßt Alter und Tod, Verwesung und Fäulnis", daß er "ihr verhilft zu ewigem Leben, zu ewigem Gedeihen, zu freiem Willen; wenn die Toten wieder auferstehen, wenn der lebende Überwinder es Todes kommt, und durch den Willen die Welt vorwärts gebracht wird" (Avesta, 19.Jascht, übersetzt von Hermann Beckh, <<siehe auch  13d Beckh: Zarathustra). Wir sehen im alten Hebräertum die Propheten auf den kommenden Messias hinweisen. Wir finden in den Mysterien des Griechentums den Hinblick auf den kommenden dritten Dionysos, - den Dionysos Jakchos. Im Christentum tritt uns dann die grandiose Vision des Weltendes mit der Auferstehung der Toten und dem Jüngsten Gericht entgegen, - ein Zukunftsbild, welches das Lebensverhalten seiner Bekenner durch viele Jahrhunderte bestimmt hat. In der neueren Zeit der säkularisierten Lebensideale wirken z.B. in der Französischen Revolution als leitende Impulse die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, im 19. Jahrhundert nacheinander das Ideal der bürgerlichen Demokratie und des Nationalstaates, in der sozialistisch-kommunistischen Bewegung des 19.+20. Jahrhunderts dasjenige der klassenlosen Gesellschaft; die Gegenwart steht u.a. im Zeichen des Ideals übernationaler politischer Zusammenschlüsse: des Völkerbundes, der "Vereinten Nationen", einer "Weltregierung" usf. In diesen Zusammenhang gehört auch die Tatsache hinein, daß geschichtliches Bewußtsein überhaupt nur da entsteht, wo das ganze menschliche Leben in intensivster Weise auf ein Zukunftsziel ausgerichtet ist. Dies war unter den ältesten Völkern am stärksten beim Judentum mit seinen Prophetengestalten und seiner Messiaserwartung der Fall, - weshalb dieses auch zum eigentlichen Begründer desselben geworden ist. Und wenn das Geschichtsbewußtsein dann vor allem innerhalb der christlichen Welt seine Weiterentwicklung erfahren hat, so aus dem Grunde, weil diese in der Folge am stärksten von eschatologischen Erwartungen (Wiederkunft Christi, Jüngstes Gericht) erfüllt war, - Erwartungen, die in der modernen "Fortschrittsidee" in ihren verschiedenen Ausgestaltungen, in den Idealen der Demokratie, des Sozialismus usw. in der neueren Zeit nur eben verweltlicht worden sind (Siehe K.Löwith: "Weltgeschichte und Heilsgeschehen" 1953).

   Nun haben aber geschichtliche Erinnerung, wie sie sich in der schriftlichen Überlieferung objektiviert, und geschichtliche Idealbildung eines gemeinsam: sie setzen nämlich beide die Fähigkeit der Begriffsbildung, genauer gesagt, die Bildung von Allgemeinbegriffen voraus. Wir wiesen oben schon darauf hin, wie die Erinnerungsmögichkeit mit dem Prozeß der Vorstellungsbildung verknüpft ist, dieser aber die, wenn auch nur in ersten Schritten erfolgende, Erzeugung von Begriffen zur Voraussetzung hat. Jeder Erinnerungsinhalt (S35) tritt in der Seele als Vorstellung auf und ist als solche ein Ergebnis des "Nachdenkens". Auf der andern Seite erscheint auch jedes Ideal, jedes Zukunftsziel, in der Seele als Vorstellung, als Idee - oftmals freilich als sehr abstrakte - und setzt insofern ebenfalls das Denken d.h. das Bilden von Allgemeinbegriffen voraus.

   Und so erweist sich denn als die gemeinsame Wurzel beider Grundmerkmale des Geschichtlichen die Entwicklung des Denkens als des Vermögens, allgemeine Begriffe zu bilden. Wir hätten somit als das Urphänomen bzw. "Grundthema" der Geschichte überhaupt die Ausbildung des Denkens, der Ration, des Intellekts zu betrachten.

   Auch Menghin sieht, wie die obige Wiedergabe seiner Epochengliederung zeigte, im vollen Durchbruch dieses Vermögens, wie es sich etwa im sechsten vorchristlichen Jahrhundert vollzieht, jedenfalls das entscheidendste Faktum der Geschichte, - je, er geht so weit, die eigentlich geschichtliche Phase der Menschheitsentwicklung deshalb erst mit diesem Zeitpunkt beginnen zu lassen. Wir werden später sehen, daß darin eine sehr tiefe, aber dennoch eingeschränkte Wahrheit liegt, und daß wir den Beginn der geschichtlichen Phase doch schon früher ansetzen müssen. Denn wenn auch das "reflektierende" Denken erst in dem genannten Zeitpunkt zur vollen Ausprägung gelangt, so setzt seine Entwicklung doch schon viel früher, mit dem Aufblühen der ersten "Hochkulturen", ein. Aber sie geht freilich durch eine Reihe von Stufen hindurch, die sich gar sehr voneinander absetzen. Und es wird zu den Aufgaben späterer Kapitel dieses Buches gehören, die Unterschiede zwischen diesen Stufen so deutlich wie möglich herauszuarbeiten.

   Gerade im Blick auf diese Stufenfolge, welche die Menschheit in der Ausbildung des Intellekts im Verlaufe der Geschichte durchschreitet, ergibt sich auch der Zusammenschluß mit der von Menghin gegebenen Kennzeichnung der Geschichte als der Phase der Naturbeherrschung, - ein Zusammenschluß, den Menghin selbst am Ende seiner Schilderung noch andeutet. Denn erst auf einer späten, bisher letzten Stufe seiner Entwicklung erlangt der menschliche Intellekt jene Reife, die ihn dazu befähigt, den Menschen im vollen Sinne zum Beherrscher der Natur werden zu lassen. Dies geschieht ja erst im Aufbau der modernen Maschinentechnik. Die Maschine nimmt, als Arbeitsmaschine, auf nahezu sämtlichen Betätigungsgebieten dem Menschen die Arbeit ab, die er früher selbst leisten mußte, - sie wird aber selbst in Bewegung gesetzt durch Kräfte, welche wiederum andre Maschinen, die Kraftmaschinen, erzeugen. Dieses moderne Maschinenwesen war in seiner Entstehung und ist für seinen weiteren Fortschritt untrennbar verknüpft mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaft. Seine charakteristischen Schöpfungen hätten nicht zustandekommen können ohne die in abstraktesten (S36) Begriffen, in Formeln und mathematischen Gleichungen sich bewegende Naturerkenntnis, wie sie erst die letzten Jahrhunderte ausgebildet haben.

   Mit all dem Erwähnten ist nun aber noch ein Weiteres verbunden, mit dessen Nennung die Aufzählung der Grundmerkmale des Geschichtlichen erst eine vollständige wird. Dies ist der Umstande, daß erst durch die Ausbildung des in allgemeinen Begriffen sich bewegenden Denkens der Mensch sich zur geistig auf sich selbst gestellten Persönlichkeit entwickelt. In dem Maße, als er Begriffe zu Urteilen zu verbinden und aus Urteilen Schlüsse zu ziehen lernt, macht er sich von äußerer Führung unabhängig und stellt sich geistig gleichsam auf die eigenen Füße. So wird das Denken der Erzieher des Menschen zur selbständigen Persönlichkeit. Und zwar macht in der Verselbständigung der Persönlichkeit die geschichtlich sich entwickelnde Menschheit ebenso viele verschiedene Stufenschritte, wie sie solche in der Ausbildung des Denkens vollzieht. Dadurch aber erlangt das geschichtliche Geschehen erst jenen Charakter, der die schon oben erwähnte spezifische Qualität unsers geschichtlichen Wissens bestimmt: daß es nämlich ein Wissen von lauter einzelnen, einmaligen Geschehnissen ist, die durch bestimmte Persönlichkeiten aus bestimmten Gründen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten usw. zustandegekommen sind. Denn durch die Fähigkeit des Denkens erlangt die menschliche Einzelpersönlichkeit auch die andre, sich in ihrem Handeln ganz aus sich selbst heraus zu bestimmen.

   Damit scheint uns, freilich noch in recht allgemeiner Art, die Summe der Grundmotive der geschichtlichen Phase der Menschheitsentwicklung bezeichnet.

   Als das Urmotiv unter denselben hat sich uns enthüllt die Entwicklung des in Allgemeinbegriffen sich bewegenden Denkens. Als die drei aus diesem sich herleitenden Motive haben sich erwiesen die Fähigkeit der geschichtlichen Erinnerung, durch welche in Gestalt der Überlieferung, der Geschichtsschreibung das Wissen von der Vergangenheit bewahrt wird, - die Fähigkeit der Idealbildung, durch welche die Zukunft geplant und dem menschlichen Handeln seine Richtung gegeben wird, - und schließlich die Individualisierung der menschlichen Persönlichkeit, durch welche diese zu einem geistig auf sich selbst begründeten und sich durch sich selbst bestimmenden Wesen wird.

   Abschließend darf, was oben als Entwicklung des Denkens bezeichnet wurde, noch von einer andern Seite her charakterisiert werden. Wir sprachen bereits von einem Erwachen zum wissenden Teilnehmen an dem Geschehen, - einem Erwachen aus einem dumpferen, traumähnlichen Bewußtsein, in dem der vorgeschichtliche Mensch noch befangen gewesen sein muß. Ein Sich-erheben zum vollen Wachbewußtsein bedeutet die Ausbildung des Intellekts in der Tat insofern, als unser waches Tagesbewußtsein die größte Helle in der Betätigung des reinen Denkens erreicht. Nur im Denken sind wir vollwach (S37) und völlig bei uns selbst. In der Sinneswahrnehmung verlieren wir uns immer bis zu einem gewissen Grade an deren Gegenstand, und im Fühlen tauchen wir bereits in eine Sphäre von nur dämmerhafter Helle ein. Wir können daher im wörtlichsten Sinne sagen, daß erst der geschichtliche Mensch - mit der Ausbildung des abstrakten Denkens - sich zum wachen Tagesbewußtsein erhoben hat, - und insofern wir das Wachen in spezifischem Sinne auch als den bewußten im Gegensatz zum Schlafen als dem unbewußten Zustande unsrer Seele bezeichnen, können wir die geschichtliche Entwicklung ihrem Grundthema nach auch als Bewußtseinsentwicklung kennzeichnen. Als "Entwicklung" aber aus dem Grunde, weil auch dieses "Erwachen" durch eine Reihe von Stufen hindurchgeht. Das bedeutet aber umgekehrt, daß der vorgeschichtliche Mensch sich vom geschichtlichen dem Wesen nach nicht dadurch unterscheidet, daß sein Denken noch "unkritisch" und "abergläubisch" war, daß er einem "Wust" von "phantastischen" Vorstellungen lebte, sondern dadurch, daß er sich noch in einem Bewußtseinszustand befand, den wir im heutigen Sinne dieses Wortes noch nicht als "waches Tagesbewußtsein" ansprechen können. Von welcher Art sein Bewußtsein war, davon soll im nächsten Kapitel die Rede sein.

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2. Vorgeschichte und Sprache