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I. Geschichte, Vorgeschichte, Urzeit

4. Urzeit und Menschengestalt


(S77)   Wenn wir uns im Folgenden der Urzeit zuwenden, so gilt hierfür noch in höherem Grade, als dies schon in den vorangehenden Kapiteln hinsichtlich der geschichtlichen und der vorgeschichtlichen Phase des menschlichen Erdendaseins der Fall war, daß es sich dabei lediglich darum handeln kann, gewisse Begriffsbildungen grundsätzlicher Art zu entwickeln. Wir verstehen dabei unter Urzeit alles, was die Entstehung des Menschenleibes, oder anders ausgedrückt, die physische Entstehung des Menschen umfaßt. Damit schließt dieses Kapitel als wesentliches Problem dasjenige in sich ein, was man als die Frage nach dem Ursprung des Menschen überhaupt zu bezeichnen pflegt, und was dem Jahrhundert Darwins und Haeckels als "die Frage aller Fragen" erschien.

   Aus den Antworten, welche die genannten Forscher mit der von ihnen begründeten Theorie von der Tierabstammung auf diese Frage gegeben haben, sind seither allerdings schon längst wieder neue Fragen geworden, - Fragen der verschiedensten Art. Hier sei zunächst - an einem Beispiel - nur auf diejenigen hingedeutet, die sich vom kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkt aus ergeben haben.

   In seinem Buch "Das Erwachen der Menschheit" (1954) bekennt sich Herbert Kühn, der bekannte Erforscher der vorgeschichtlichen Kunst und Kultur, zwar noch zu der Meinung, daß "die Forschung von Darwin und Haeckel bis zur Gegenwart die Gedanken der beiden Forscher bestätigt und jede Einzeluntersuchung die Richtigkeit ihrer Vorstellungen dargelegt" habe (S11). "So hat", schreibt er weiter, "unsre wissenschaftliche Welt in der gesamten Forschung in allen Ländern ein völlig einheitliches Ergebnis, das durch nichts bezweifelt werden kann und das auch nicht mehr Gegenstand von Diskussionen ist. Der Mensch kommt mit Sicherheit aus der Tierreihe her, und seine nächsten Verwandten sind die Menschenaffen und unter ihnen steht ihm besonders nahe der Schimpanse" (S13). Andrerseits weist er aber doch darauf hin, daß die allerältesten fossilen Menschenreste, die bisher gefunden worden sind - es sind diejenigen, die seit den dreißiger Jahren in Südafrika ausgegraben wurden und die, weil sie aus dem Ende des Tertiär stammen, für das lange gesuchte "Zwischenglied" zwischen Affe und Mensch gehalten werden - sich menschlicher zeigen, als man früher erwartet hatte. Noch Ernst Haeckel hatte geglaubt, daß der Urmensch einen brutal-tierhaften Ausdruck gehabt habe. Das hat sich nicht bestätigt... Der sicherste Beweis (S78) dafür, daß es sich um eine Vorform des Menschen handelt, ist die Stellung der Zähne. Sie sind wie beim Menschen in einem gleichmäßigen Bogen angeordnet... Es sind auch Schenkelknochen gefunden worden, besonders bei Sterkfontein. Aus ihnen ergibt sich deutlich, daß dieser Urmensch aufrecht ging und stand, genaus so wie der heutige Mensch" (S40f). Dazu kommt, daß Kühn selbst, wie schon in seinen verschiedenen Büchern über die Eiszeitkunst, so auch in diesem wiederum eindrucksvoll darstellt, wie der paläolithische Mensch eine bedeutende Kunst hervorgebracht, ein religiöses Leben gepflegt, bestimmte Gottes- und Jenseitsvorstellungen besessen habe usw. All dies scheint ihm die Auffassung zu bestätigen, die in der Philosophie unsres Jahrhunderts (Scheler, N.Hartmann, Jaspers) wiederum durchgedrungen ist, daß der Mensch nicht bloß ein "höheres Tier", sondern etwas vom Tier wesenhaft Verschiedenes, daß er Geist-Träger sei. Und so schreibt er in dem genannten Buche: "Dieser Geist vor allem unterscheidet ihn som Tier und an dieser Stelle liegt das große Geheimnis der Entfaltung des Menschen auf der Erde" (S41), oder an andrer Stelle: "Wenn also der Mensch auch körperlich vom Tiere herkommt und wenn auch seine Gehirnformation für die Entwicklung des Verstandes auf das Tier zurückweist, so ist doch mit dem Menschen etwas völlig Neues gegeben" (S49), und schließlich: "Die Tatsache, daß es dem Menschen nun möglich ist, jetzt in der Mitte des 20. Jahrhunderts auf Grund aller Untersuchungen, Erkenntnisse und Experimente die Tatsache der Herkunft aus der Tierreihe zu beweisen, das zeigt vielmehr die Tiefe und Weite seines Geistes, das zeigt die Größe seines Genius und damit von neuem seine Höherstellung gegenüber dem Tier. Niemals könnte ein Tier diese Gedanken denken, niemals könnte ein Tier die Frage der Geschichte, die Frage der eigenen Herkunft anrühren, wie es der Mensch vermag. Gerade in dieser Erkenntnis seiner Gebundenheit an die Welt und seiner Einordnung in das Gegebene erhebt er sich über alles das, was um ihn ist, und von neuem erscheint er als das Wesen, das eingebettet ruht zwischen Tier und Gott" (S171). Man sieht hieraus, daß trotz der Theorie von der Tierabstammung des Menschen als das Wesentliche, Entscheidende, was den "Ursprung des Menschen" bezeichnet, jenes "ganz Neue", eben spezifisch Menschliche: der "Geist" betrachtet wird, dessen Einschlag die eigentliche Menschwerdung erst bewirkt. Ja, angesichts der Tatsache, daß alles, was uns als charakteristische Äußerungen und Leistungen des Menschen entgegentritt, ausschließlich aus jenem "völlig Neuen", das "zwischen Tier und Gott eingebettet" ist, erklärlich wird, muß man eigentlich fragen, was denn am Menschen sich durch die Tierabstammung überhaupt verstehen läßt, mit anderen Worten was diese Hypothese zum Verständnis des Menschen überhaupt noch leistet bzw. beiträgt? Denn der "Hervorgang" des Menschen aus dem Tierreich erscheint ja nach all dem Angeführten als völlig gleichbedeutend mit dem Übergang (S79) vom Nicht-Menschlichen zum Menschlichen! Es ist daher mit ihm über den Menschen zur Erklärung dessen, was leiblich und geistig sein Menschentum ausmacht, gar nichts ausgesagt! Denn wollte man etwa seine Verwandtschaft in Körperbau und körperlichen Funktionen mit den höheren Tieren geltend machen, so bildet diese Verwandtschaft in Wirklichkeit die Erklärung für diese Theorie. Denn diese ist lediglich auf diese Tatsachen begründet. Sie ist eine Deutung derselben. Sie bringt aber nichts Neues zu ihnen hinzu. Neben ihr sind durchaus auch andre Deutungen denkbar. Die "Verwandtschaft" der Tiere mit dem Menschen muß keineswegs eine Vorfahrenschaft, sie kann auch von ganz andrer Art sein.

   In andersgearteten Fragestellungen hat sich dieselbe Problematik der zoologisch-anthropologischen Forschung seit Darwin und Haeckel ergeben. Von ihnen wird im Verlauf der folgenden Darlegungen die Rede sein.

   Wir gingen im ersten Kapitel von der Tatsache aus, daß sowohl die knöchernen Überreste des vorgeschichtlichen Menschen selbst wie auch die von ihm hinterlassenen Werkzeuge, Kunstleistungen, Begräbnisstätten, Wohnbauten usw. erweisen, daß er schon Mensch im vollen Sinne des Wortes war, - nur eben daß ihm die spezifischen Eigentümlichkeiten des geschichtlichen Menschen (z.B. die schnelle Veränderung der Kulturverhältnisse) fehlten. Und wir machten geltend, daß diese Tatsache es verbietet, den Menschen schlechthin mit dem geschichtlichen Menschen gleichzusetzen, vielmehr eine Erweiterung des Begriffes des Menschen fordert in der Art, daß in ihm neben dem geschichtlichen Typus des Menschen ein vorgeschichtlicher Raum findet als ein solcher, der zwar ebensosehr "Mensch" ist wie der geschichtliche, nur daß er das "Menschliche" in grundsätzlich andrer Art darlebt als dieser. Und wir haben weiter gesehen, daß - da das wesentlichste Merkmal des Menschen übereinstimmend in dem gesehen wird, was man, um Worte dafür zu haben, seine Vernunftbegabung oder seine geistige Wesenheit nennt - mit jener notwendigen Erweiterung des Menschenbegriffes eigentlich die Aufgabe gestellt ist, diese Vernunftbegabung in einem erweiterten Sinne zu verstehen, d.h. aufzuweisen, in wie verschiedener Art sie sich im vorgeschichtlichen und im geschichtlichen Menschen dargelebt hat bzw. darlebt. Wir haben schließlich, was sich an Anschauungen über diesen Unterschied der anthroposophischen Forschung ergibt, zu skizzieren versucht, indem wir uns als eines Darstellungsmittels hierfür der Universalienlehre der scholastischen Philosophie bedienten. Wir zeigten nämlich, daß die Vernunftbetätigung des geschichtlichen Menschen in der Ausgestaltung der "universalia post res" in der menschlichen Seele besteht, und daß nur diese Ausbildung der abstrakten Allgemeinbegriffe unter dem verstanden werden sollte, was man als Denken zu bezeichnen pflegt. Demgegenüber schilderten wir, wie die Vernunftbetätigung des vorgeschichtlichen Menschen in dem unmittelbaren Erleben der "universalia in rebus" (S80) gesehen werden muß, und wie nur aus dieser Betätigungsart heraus die wesentlichste Leistung des vorgeschichtlichen Menschen: die Ausbildung der Sprache verstanden werden kann. Wie allerdings die menschliche Sprache in der vorgeschichtlichen Zeit, da sie entstand, noch etwas ganz anderes war, als was sie dann in der geschichtlichen Zeit durch die Entwicklung des Denkens geworden ist.

   Gehen wir nun von der Vorgeschichte nochmals um einen Schritt zurück zur Urzeit d.h. in die Zeit der leiblichen Menschwerdung, so erweist sich eine abermalige Erweiterung des Menschenbegriffs als notwendig. Denn bereits die allerältesten knöchernen Überreste, die uns vom Menschen erhalten sind, zeigen - wir erinnern an die oben zitierten Sätze von H.Kühn - in leiblicher Hinsicht schon die typisch menschlichen Wesenszüge. "Alle, auch die nach der geologischen Schicht ältesten Funde dieser Art zeigen den Schädel mit einem Gehirngewicht, das dem heutigen Durchschnitt nahekommt, - und das um mehr als das doppelte absteht von den höchsten sogenannten Menschenaffen. Es sind also biologisch immer schon Menschen. Einzelne Züge: das fehlende Kinn, die supraorbitalen Wülste, Flachheit der Stirn - sind nicht allgemein" (Jaspers, Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, S56). Diese Funde haben daher in neuester Zeit die Vorstellung von der tierischen Abstammung des Menschenleibes - mindestens in ihrer darwinistischen Form - in Wahrheit nicht bestätigt, sondern immer mehr erschüttert. "Durch die fossilen Dokumente seiner Stammesgeschichte ist die Kluft zwischen dem Menschen und den Pongiden, also jenen Affen, welche ihm gestalthaft mit dem Trio Schimpanse, Gorilla, Orang in der modernen Fauna am nächsten stehen, immer tiefer geworden" (J.Kälin: "Die ältesten Menschenreste und ihre stammesgeschichtliche Deutung" Historia Mundi Bd. I S331). Es drängte sich zum mindesten die Annahme auf, daß der Menschenvorfahr bereist in sehr früher erdgeschichtlicher Zeit eine eigene, von den Vorfahren der höheren Tiere abgesonderte, auf die volle Herausbildung des Menschlichen "zielende" Entwicklungslinie dargestellt habe (Klaatsch, Westenhöfer). Dazu kommt, daß die neueste Biologie zwischen dem Leibe des Menschen, wie er heute erscheint, und dem der höheren Tiere in morphologischer wie physiologischer Hinsicht immer mehr fundamentale Verschiedenheiten entdeckt hat. Die menschliche Organisation hat sich bis in alle einzelnen leiblichen Verhältnisse und Funktionen hinein als von der menschlichen Geistwesenheit her geprägt erwiesen. "Wir finden im Menschen eine Lebensform, die durch und durch etwas Besonderes ist. So vieles auch dem tierischen Leib und tierischen Verhalten entspricht, so sehr ist doch der ganze Mensch durchformt als etwas anderes. Jedes Glied unsres Körpers, jede unsrer Regungen ist Ausdruck dieses Besonderen, dem wir keinen Namen geben, dessen eigenartiges Dasein wir aber in allen Erscheinungen des menschlichen Lebens sorgsam aufzuzeigen (S81) versuchen". Diesen Worten A.Portmanns aus seine "Biologischen Fragmenten zu einer Lehre vom Menschen", die er (a.a.O.) zitiert, fügt Jaspers die Sätze hinzu: "Der Mensch ist nicht zunächst als eine zoologische Art zu begreifen, die sich entwickeln könnte und zu der dann der Geist eines Tages als etwas Neues hinzukäme. Der Mensch muß innerhalb des Biologischen schon bilogisch etwas ursprünglich von allem andern Leben Verschiedenes sein" (S62).

   Das bedeutet aber nichts Geringeres, als daß schon die menschliche Leibesgestalt aus dem wesenhaft Menschlichen heraus d.h. aus dem, was wir seine Vernunftbegabung oder seine Geistwesenheit nannten, geformt und gebildet worden sein muß. Auch der "Urmensch", so können wir auch sagen, war insofern schon im vollen Sinne "Mensch". Aus seinem Menschentum heraus hat seine Leiblichkeit ihre menschliche Gestalt empfangen. Selbstverständlich kann auch dies wiederum nicht durch diejenige Art der Vernunftbetätigung geschehen sein, welche den geschichtlichen Menschen kennzeichnet: durch das "Denken". Denn erstens hat sich dieses ja erst in der geschichtlichen Phase entwickelt, und zweitens setzt es die spezifisch menschliche Bildung des Menschenleibes mit allen ihren charakteristischen Merkmalen schon voraus. Läßt sich aber dieses Denken nicht als Ursache der spezifisch menschlichen Bildung des Menschenleibes annehmen - und hierbei kommt ja in erster Linie dessen aufrechter Gang in Betracht, da alles Übrige (freie Beweglichkeit der Arme und Hände, Emporwälbung des Gehirnschädels usw.) in diesem seine Voraussetzung hat -, so bleibt deren Zustandekommen - ohne entsprechende Erweiterung des Menschenbegriffs - völlig rätselhaft. Die vielfältigen, zum Teil geradezu grotesken und lächerlichen Versuche, die Aufrichtung der Menschengestalt zu erklären, die in den letzten hundert Jahren unternommen worden sind, beweisen denn auch lediglich die Verlegenheit, in der sich die moderne Forschung diesem Problem gegenüber bis heute befindet. Eine Lösung desselben ergibt sich nur, wenn man den Menschenbegriff so erweitert, daß eine Vorstellung errungen wird, von derjenigen Art der "Vernunftbetätigung", welche dem "Urmenschen" ermöglichte, seinem Leibe die spezifisch menschliche Gestalt zu verleihen.

   Wenn wir im Folgenden nun auch diese Art der "Vernunftbetätigung" wenigstens im Prinzipiellen zu kennzeichnen versuchen, wie sie sich der anthroposophischen Forschung darstellt, so benützen wir als Darstellungsmittel hierfür abermals die mittelalterliche Universalienlehre. Denn diese gewährt die Möglichkeit, hiervon eine, wenn auch abstrakte, so dennoch aber zugleich exakte Charakteristik zu entwerfen. In ihrer Sprache ausgedrückt, können wir nämlich sagen: ebenso wie die Vernunftbetätigung des geschichtlichen Menschen durch die Ausgestaltung der "universalia post res", diejenige des vorgeschichtlichen durch das unmittelbare Erleben der "universalia in rebus", (S82) so ist diejenige des urzeitlichen Menschen gekennzeichnet durch ihre Beziehung auf die "universalia ante res". Diese Beziehung mußte, durch die Natur dieser universalia, von ganz andrer Beschaffenheit sein als diejenige zu den andern Arten derselben. Sie konnte weder in ihrem Ausgestalten innerhalb der menschlichen Seele - wie bei den universalia post res - bestehen noch auch in einem einheitlichen sinnlich-geistigen Erleben der äußern Erscheinung und des innern, gestaltenden Wesens der Dinge - wie bei den universalia in rebus. Denn die universalia ante res sind ja die Begriffe vor der Schöpfung. Ein physisch-sinnliches Dasein sowohl der äußern Dinge wie des Menschen als eines leiblichen Wesens war da noch gar nicht vorhanden oder erst im Entstehen begriffen. Das Verhältnis des Menschen zu den universalia ante res war daher ein genau umgekehrtes gegenüber demjenigen zu den universalia post res. Während die letzteren vom Menschen innerhalb seiner Seele ausgestaltet werden, befand sich umgekehrt der "Urmensch" als seelisch-geistiges Wesen innerhalb der Welt der universalia ante res - gewissermaßen wie in einem kosmischen Mutterschoße. Und auch in andrer Hinsicht bildete diese Beziehung den vollständigen Gegensatz zu derjenigen des geschichtlichen Menschen zu den universalia post res. Während die letzteren schattenhafte, tote Ab- oder Nachbilder desjenigen darstellen, was als universalia in rebus wenigstens noch gestaltgebende, formbildende Kraft in den sinnlichen Erscheinungen betätigt, sind die universalia ante res im vollen Maße schöpferische Potenzen. Denn durch sie, mittels ihrer wird ja die Welt erst geschaffen. Die weltschöpferische Kraft Gottes teilt sich ihnen mit. Sie führen gewissermaßen sein Schöpfungswerk aus. Die Beziehung des Menschen zu diesen universalia lebt sich daher nicht dar nur als Ausbildung von bloß in der Seele lebenden schattenhaften Begriffen, auch nicht bloß als Gestaltung einer in sinnlich wahrnehmbaren Lautsymbolen webenden Sprache, sondern in der Schöpfung der bis ins Physisch-Materielle sich verkörpernden Menschenleibesform. Und noch in einer dritten Art unterscheidet sie sich von derjenigen zu den andern Arten der universalia. Während die menschliche Geistigkeit, wie wir zeigten, in der Ausgestaltung der abgezogenen Allgemeinbegriffe d.h. im Denken als individualisierte sich betätigt, in der Ausbildung der Sprache dagegen noch als einheitlich-menschheitliche, wirkt sie in der Schöpfung des menschlichen Leibes in noch umfassenderer Art: als kosmische, in Einheit mit dem schöpferischen geistigen Weltengrund. Mit diesem Hinweis tritt erst in seiner vollen Bedeutung hervor, was mit dem Worte von der heute notwendigen Erweiterung des Menschenbegriffes gemeint ist.

   Denn die Schöpfung der physischen Menschengestalt muß ja durchaus als ein Stück der Weltschöpfung, als ein Teil des weltschöpferischen Wirkens der universalia ante res betrachtet werden. Ja, sie muß, genau genommen, als die eine Hälfte desselben aufgefaßt werden. Die andre Hälfte aber stellt die (S83) Schöpfung alles dessen dar, was den Menschenleib dann als der gesamte physische Kosmos umgibt. Und so erweist sich der gesamte Weltschöpfungsprozeß seiner wesentlichsten Charakteristik nach als ein Doppelprozeß. Ein Doppelprozeß, der in dem Inbegriff der universalia ante res seinen einheitlichen Ausgangspunkt hat, und an dessen beiden Endpunkten auf der einen Seite der gesamte physische Kosmos, auf der andern Seite die physische Menschengestalt steht.

   Es ist hier nicht der Ort, die einzelnen Phasen dieses Prozesses zu schildern. Man findet eine solche Schilderung in den Darstellungen der Kosmogenie, die Rudolf Steiner in seiner "Geheimwissenschaft" (GA13) und in vielen Vortragszyklen gegeben hat. Es genügt hier, auf die prinzipielle Bedeutung dieser Auffassung von der Kosmo- bzw. Anthropogenie hinzuweisen. Sie liegt darin, daß hier Weltschöpfung und Menschenschöpfung als zwei einander im Ganzen zugeordnete, entsprechende Entwicklungen erscheinen, die einen gemeinsamen, einheitlichen Ursprung haben und sich in ihrem Verlaufe schrittweise auseinandergliedern und immer weiter voneinander "entfernen". Diese Auffassung allein wird allen Tatsachen gerecht, welche die vergleichende Betrachtung des Menschenleibes und der verschiedenen Naturwesen und Weltbereiche findet, sowohl den Verwandtschaften und Zusammenhängen des Menschenleibes mit den Wesen der verschiedenen Naturreiche als auch den fundamentalen Unterschieden zwischen ihnen. Der Mensch erscheint danach seinem "Ursprunge" nach so "alt" wie die ganze Welt, und sein Werden stellt von Anfang an eine allen übrigen Entwicklungsprozessen gegenüber selbständige Entwicklungslinie dar. Er erweist sich - trotz seiner vielfältigen Zusammenhänge und Verwandtschaften - "schon biologisch als etwas ursprünglich von allem andern Leben Verschiedenes" (Jaspers).

   Vor allem aber wird dadurch die fundamentale Eigentümlichkeit verständlich, die den Menschen leiblich von allen andern Lebewesen unterscheidet. Sie kann dem Verständnis am besten dadurch nahegebracht werden, daß wir den oben charakterisierten Gesamtschöpfungsprozeß schematisch durch das folgende Bild veranschaulichen:

Lauer BandI, Kap.4 Urzeit

(S84)   Deuten wir den gemeinsamen Ausgangspunkt von Welt- und Menschenschöpfung - den Inbegriff der universalia ante res - durch den inneren Kreis an, so verläuft der Schöpfungsprozeß von da aus gleichzeitig nach außen und nach innen. Das Endergebnis nach der einen Richtung bildet der physische Kosmos, nach der andern der Menschenleib. Beide verhalten sich zueinander wir Umkreis und Mittelpunkt. Der letztere aber kann als ein zusammengezogener Kreis, der erstere als ein gleichmäßig nach allen Richtungen auseinandergezogener Punkt aufgefaßt werden. Was in der Welt in eine Unsumme verschiedenartigster Wesen zersplittert erscheint, zeigt sich im Menschen in eine einzige Bildung zusammengeronnen. Der Grundunterschied zwischen dem Menschen und allen andern Wesen, den wir meinen, wird dadurch deutlich: es ist dieser, daß die letzteren alle irgendwie in ihrem Bau spezialisiert und in eine spezifische Umwelt (einen Ausschnitt der Gesamtwelt) "eingepaßt" sind, der Mensch dagegen das unspezialisierte, an keine spezielle Umwelt angepaßte, kurz: das universelle Wesen darstellt (siehe A.Gehlen, "Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt"). Er ist darum auch das einzige Wesen, das in seelisch-geistiger Beziehung der Gesamtwelt zugeordnet, das im vollkommensten Sinne "weltoffen" ist (siehe M.Scheler, "Die Stellung des Menschen im Kosmos").

   In alten Zeiten kleidete man diese Verhältnisse in die Formulierung, daß der menschliche Leib der "Mikrokosmos", die Welt aber der "Makroanthropos" sei. In der einen oder andern Form findet sich diese Auffassung in der Tat bei allen älteren Völkern. Aber nicht nur diese Auffassung vom Verhältnis zwischen Menschenleib und Kosmos, sondern auch die ihr entsprechende vom Verhältnis zwischen Menschenentstehung und Weltentstehung war ihnen durchaus geläufig. Überall erscheinen beide als parallel laufende oder jedenfalls irgendwie zusammengehörige Prozesse. Je nach der besonderen Blickrichtung der verschiedenen Völker lassen sie bald die Welt aus dem Menschen, bald den Menschen aus der Welt entstehen, in Bildern, wie sie eben der mythischen Darstellung eigen sind. Aus einer Zusammenstellung solcher Bilder, die R.Rocholl in seiner "Geschichtsphilosophie" gibt, seien hier nur die folgenden Sätze zitiert (Bd.IIS101/2): "Aus dem Chaos steigt nach der chinesischen Sage der Mensch, der Geist des Himmels und der Heilige der Erde zugleich. Sein Haupt wurde das Gebirge, Sonne und Mond sind seine Augen, die Ströme und Flüsse seine Adern, die Bäume seine Haare. So streckt er seine Glieder durch das All. Der Urmensch der Japaner erzeugt das Meer und die Flüsse; und Sonne und Mond sind seine Töchter. In der deutschen Göttersage haben wir nach Jakob Grimm dieselben Anklänge an Vorstellungen, welchen zufolge der Mensch auch leiblich die kleine Welt ist. Der Menschenleib ist die Mitte, in welcher der weite Umkreis der Naturwelt sich ausprägt und wiederfindet. Sein Fleisch ist aus der Erde geschaffen, sein Schweiß (S85) aus dem Tau des Himmels. Sein Blut kam aus dem Meere, sein Haar aus dem Gras, seine Adern aus den Kräutern der Erde. Sein Auge, welches der Sonne gleicht. entsprang aus der Sonne. So rinnen, blühen und leuchten Erde und Himmel und Meer im Menschenleibe wie in ihrem Kinde." Auch die Vorstellung tritt uns sowohl bei Indern wie Persern, in Mesopotamien wie in Palästina entgegen, daß "die Erschaffung des Menschen als Gegenstück der Kosmogonie in einem zentralen Ort, im Mittelpunkt der Welt, vor sich gegangen sei (M.Eliade, "Der Mythus der ewigen Wiederkehr", S30).

   In einer Beziehung stellt allerdings zu allen diesen Anschauungen einen Gegensatz dar die Auffassung sowohl vom Menschenleib wie auch vom Ursprung des Menschen, die sich im mosaischen Schöpfungsbericht findet. Dieser Gegensatz hängt mit der besonderen geschichtlichen Mission des alten Hebräertums zusammen, von der an späterer Stelle genauer zu sprechen sein wird. Diese Mission bedingte einen frühen Übergang dieses Volkes zur intellektuellen Entwicklung. In einer Zeit, da alle andern Völker noch mehr oder weniger die Fähigkeit und Neigung bewahrten, auf die vielfältigen Gestalten hinzublicken, in denen sich das Wirken des Geistig-Göttlichen ihnen in den verschiedenen Naturwesen offenbarte - was in ihren polytheistischen Naturreligionen zum Ausdrucke kam -, und daher auch den Menschen vor allem in seinem Verhältnis zur Natur, d.h. eben als den Mikrokosmos zu erleben, wurde der Geistesblick des Hebräertums von der Vielzahl und Verschiedenheit der Naturerscheinungen hinweg und zur (abstrakten) Einheit des Göttlichen hingelenkt, das ursprünglichst der ganzen Welt schöpferisch zugrundeliegt. Daher sein scharf ausgeprägter Monotheismus. Diese das Ganze der Natur umfassende Einheit ihres göttlichen Schöpfergrundes konnte es im Bilde keines einzigen einzelnen (d.h. speziellen) Naturwesens repräsentiert sehen. Darum das mosaische Verbot, sich vom Göttlichen ein "Bild" zu machen. Nur auf ein einziges Bild weist das alte Testament hin, in welchem sich die weltschöpferische Gottheit gleichsam widerspiegelt: es ist das Bild der Menschengestalt. Sich zum Ebenbilde hat die Gottheit den Menschen geschaffen. So deutet die mosaische Genesis in mehr verhüllter, mittelbarer Weise doch auch auf die Zugeordnetheit des Menschen zum Ganzen der Welt hin.

   Zugleich aber weist sich noch einen andern eigenartigen Zug auf. Während sie durch die Bezeichnung der Menschengestalt als des Ebenbildes Gottes auf die besondere Beziehung desselben zum Ursprung der ganzen Weltschöpfung hindeutet, läßt sie andrerseits jedoch den Menschen als das letzte aller Geschöpfe aus der Hand Gottes hervorgehen. Auch darin kommt ein bedeutsames Geheimnis des Menschenwerdens zum Ausdruck, - ein Geheimnis, durch dessen Aufweis konkretere Gestalt annimmt, was man sich unter der Beziehung des "Urmenschen" zu den univeralia ante res vorzustellen hat. Die neueste anthropologische Forschung hat, wie schon erwähnt, als das (S 86) charakteristischeste Merkmal der Menschengestalt im Unterschied von den verschiedenen Tiergestalten ihre Unspezialisiertheit festgestellt. Da nun aber bei aller Entwicklung das Unspezialisierte das Frühere, das Spezialisierte dagegen das Spätere darstellt und eine Umkehrung dieser Reihenfolge nicht möglich ist, so bedeutet diess, daß die Menschengestalt nicht als eine junge, sondern als eine alte, eine "hocharchaische" Form betrachtet werden muß; und dies ist der Grund, warum man heute den zum Menschen hinführenden Stamm schon sehr frühe von den zu den verschiedenen höheren Tieren hinführenden sich abzweigen läßt. Dadurch ergeben sich aber zwei Fragen: erstens, warum sich von dieser archaischen Gestalt in den entsprechenden frühen geologischen Schichten keine Fossilien finde, wohl aber von den weniger archaischen, schon spezialisierteren Formen verschiedener Tiere. Und zweitens: wodurch diese sehr alte, urtümliche Form sich in der zum Menschen hinführenden Entwicklungslinie bis heute als solche erhalten konnte. Zur Beantwortung der letzteren Frage wurden in jüngster Zeit verschiedene Theorien aufgestellt, von denen die bekannteste die Bolcksche "Fötalisierungstheorie" ist. Diese geht von der Tatsache aus, daß der Unterschied in der Ontogenese zwischen Mensch und höheren Tieren (namentlich den Anthropoiden) darin liegt, daß eine frühe, embryologische Gestalt, die ihnen noch gemeinsam ist, den Tieren z.T. schon vor der Geburt, insbesondere aber nach derselben, mit ihrem schnellen Wachstum rasch verlorengeht bzw. in die artspezifisch spezialisierte Gestalt übergeht. während sie dagegen beim Menschen nicht bloß über die Geburt hinaus, sondern bis zu einem gewissen Grad durch sein ganzes Leben erhalten bleibt. In der menschlichen Entwicklung wirkt eine Kraft der "Retardation", die sich auch in dem - verglichen mit dem Tier - langsamen Wachstum des Kindes, in der überaus spät einsetzenden Pubertät usw. zeigt. Bolck nahm nun an, daß eine solche Kraft der Redardation nicht nur in der Ontogenese wirksam sei, sondern auch in der Phylogenese gewirkt und dadurch die Erhaltung fötaler Entwicklungsformen sogar bis in immer höhere Altersstufen hinauf habe vorrücken, d.h. aber den "Menschenstamm" im Ganzen in seiner Form immer archaischer habe werden, genauer: seine archaische Form allmählich ihre ursprünglich noch vorhandene Variabilität habe verlieren und sich in ihrer ursprünglichen Gestalt habe verfestigen lassen.

   Die ontogenetische Retardation der menschlichen Entwicklung weist jedenfalls darauf hin, daß die fötale Entwicklung für den menschlichen Leib etwas ganz anderes bedeutet als für den tierischen. Beim Tier könnten wir im Gegensatz zu ihm von einer "Acceleration" sprechen; und wir könnten annehmen, daß eine solche auch in seiner Phylogenese gewirkt habe. Nicht nur verliert das Tier rasch nach seiner Geburt seine relative "Menschenähnlichkeit" und geht zu seiner artspezifischen Spezialisierung über; (S87) die letztere zeigt sich vielmehr nach rückwärts schon mehr oder weniger in sein embryonales Werden zurückgeschoben und bewirkt, daß das Tier schon bei seiner Geburt artspezifisch so gut wie fertiggebildet ist. Der Mensch dagegen ist bei seiner Geburt noch unfertig, - er wird in gewissem Sinne "zu früh geboren" (Portmann). Ihn bildet die "Natur" überhaupt nicht fertig; die letzte Vollendung (die Aufrichtung) muß er selbst seinem Leibe verleihen. Dies geschieht aber schon innerhalb und mit Hilfe der menschlichen Gemeinschaft - gewissermaßen als allererste "Kulturleistung", d.h. als etwas durch Lernen zu Erringendes. Der Mensch ist auf seine menschliche Mitwelt aber auch schon angewiesen, um nach seiner Geburt nicht überhaupt zugrunde zu gehen. Beim Tier wird schon das vorgeburtliche Leben vom nachgeburtlichen her bestimmt - so weit, daß es, wenn es geboren wird, für sein nachgeburtliches Dasein fertig gebildet und voll ausgerüstet ist. Beim Menschen ist es umgekehrt. Das nachgeburtliche Leben übt keinen Einfluß auf das vorgeburtliche aus. Als was der Mensch geboren wird, das muß die menschliche Gemeinschaft in ihre Hut nehmen, damit es am Leben bleiben kann. Die Frage erhebt sich: woher hat das vorgeburtliche Leben des Menschen die Kraft, sich so gegen den "Einfluß" des nachgeburtlichen zu behaupten? Woher hat es die Kraft, in seiner Eigenart so stark zu verharren, daß es mit seiner eigenen Aufgabe nicht einmal zu Ende kommt, sondern ein Wesen ins Dasein entläßt, das sich selbst überhaupt nicht am Leben erhalten kann? Für die anthroposophische Forschung erweist sich die Ursache hierfür darin gelegen, daß - in unsrer obigen Terminologie ausgedrückt - der Mensch phylogenetisch am längsten im Weltenmutterschoße der universalia ante res geweilt hat. Er wurde als letztes von allen Wesen aus ihm entlassen. Die Tiere wurden vor ihm "geboren" und sind von ihrem Leben in den sich mit ihnen bildenden verschiedenen Naturbereichen und -elementen her so spezialisiert worden, daß diese Spezialisierung bis in ihre fötale Entwicklung hinein zurückgewirkt hat. Der Mensch trat als letzter in die physische Erscheinung, - erst in dem Zeitpunkt, als auch der gesamte physische Kosmos in fester Materialität sich verleiblicht hatte. Darum finden sich von ihm keine knöchernen Überreste in den dem Tertiär vorangehenden Epochen, aus welchen sich solche von Tieren wohl erhalten haben. Und in dem Momente, da er physisch erscheint, zeigt er sogleich - oder noch! - seine spezifisch menschliche Gestalt. Denn hätte er sich schon in der Zeit des noch in Bildung begriffenen Kosmos verleiblicht, so wäre seine Gestalt durch dessen bildende Kräfte unweigerlich mit in eine Spezialisierung hineingezogen oder aber auseinandergerissen worden. Nun erschien er aber erst in der Sichtbarkeit, als die Bildung des Kosmos im wesentlichen abgeschlossen war und ihm also nichts mehr "anhaben" konnte. Allerdings aber eben in einer archaischen bzw. früh-embryologischen, "unfertigen" Gestalt, die naturhaft an keine spezielle Umgebung der Erde (S88) angepaßt ist und sich, um am Leben zu bleiben, eine eigene, menschliche Umwelt kulturschöpferisch erst zubereiten muß. Der Mensch erscheint leiblich als ein "Mängelwesen" (Gehlen). Er kann sich im Leben nur dadurch behaupten, daß er seinen "Geist" betätigt und entfaltet - genauer: dadurch, daß er zu der ersten Form seiner Geistbetätigung, dem Leben in den universalia ante res, die zweite hinzufügt, das Erleben der universalia in rebus, - in der Entwicklung der Sprache und alles dessen, was mit dieser als Kulturtätigkeit verbunden ist. Und er kann das eben deshalb, weil er aus seinem Leben in der Gesamtheit der universalia ante res seinem Leibe die unspezialisierte Form erhalten, oder positiv ausgedrückt: ihn zum Mikrokosmos gebildet hat. So besteht also das schöpferische Leben des Menschen des Menschen als geistig-seelischen Wesens in der Welt der universalia ante res und die Bildung seines Leibes zur "kleinen Welt" in - oder ist gleichbedeutend mit - dem Zurückhalten desselben vor der materiellen Verfestigung während einer Zeit, da die Wesen der Natur zu dieser schon übergegangen waren, und in der Bewahrung von dessen universeller Anlage. Und so bedingen sich also die "archaische" Form, das "Unfertige", das späte physische Auftreten und die universelle Wesenheit des menschlichen Leibes gegenseitig.

   Daß die menschliche Wesenheit ihr leibliches Werden nicht in derselben Daseinssphäre durchlaufen haben kann, in welcher sich dasjenige der verschiedenen Naturwesen: Pflanzen und Tiere abgespielt hat, ist auch schon von der neuesten biologischen Forschung erkannt worden. Die verschiedenen Lösungsversuche für die Abstammungsfrage, die von Forschern, wie Bolk, Schindewolf, Adloff, Osborn, Klaatsch, Westenhöfer u.a. unternommen worden sind, müssen alle "während der eigentlichen Epoche der 'Menschwerdung' eine besonders günstige, optimale Zufallumwelt, ein 'Paradies', annehmen, denn ein unspezialisiertes Tier, bevor es Werkezeugintelligenz besaß, war unangepaßt und schutzlos, kann also nur in einem 'Mutterschoß der Natur' gelebt haben. Auf diese wichtige Folgerung wies schon Klaatsch hin. Er sah in den Unspezialisiertheiten des Menschen ganz richtig 'das starke Zurücktreten aller auf den Kampf ums Dasein beziehbaren Momente' und erklärte sich dies 'durch die Annahme, daß die Vorgeschichte des Menschen lange Perioden aufweist, in denen der Kampf ums Dasein sehr zurücktrat, wo also ungewöhnlich günstige Bedingungen dem Geschlechte der Proanthropen es gestatteten, Umgestaltungen einzugehen, die für den Kampf ums Dasein höchst unpraktisch, ja schädlich gewesen wären'." (Gehlen, a.a.O.127f).

   Die Geburt des Menschen aus dem "Mutterschoß der Natur" und sein Eintritt ins physisch-materielle Dasein hat erst im Beginne der atlantischen Epoche, d.h. im Übergang vom Mesozoikum zum Tertiär, stattgefunden. Nun ist aber ferner zu berücksichtigen, daß seine leibliche Organisation damals im allgemeinen noch von "kindhafter" Weichheit und Bildsamkeit (S89) war. Erst etwa um die Mitte dieser Epoche trat sie so weit in die Verfestigung ein, daß knöcherne Überreste von ihr sich erhalten konnten. Diese zeigen daher - wie oben schon erwähnt - auch sogleich die typisch menschliche Form: vor allem den aufrechten Gang und das menschliche Gebiß. Wenn dagegen der Gehirnschädel noch nicht diejenige Ausbildung aufweist, die den späteren, namentlich den geschichtlichen Menschen kennzeichnet, so findet darin nur die Tatsache ihren leiblichen Ausdruck, daß die Intelligenz als das Vermögen, abstrakte Allgemeinbegriffe zu bilden, erst vom frühgeschichtlichen und insbesondere vom geschichtlichen Menschen entwickelt worden ist. Die wesentlichste Leistung des vorgeschichtlichen Menschen lag dagegen, wie wir gesehen haben, in der Entwicklung der Sprache: daher die schon spezifisch menschliche Form des Gebisses des spät-tertiären Menschen. Und das allerurtümlichste Merkmal, mit dem die menschliche Leiblichkeit überhaupt in das physische Dasein eingetreten ist, bildete ihre Aufrechtheit; daher denn auch diese sich schon für die allerfrüheste Knochenfunde nachweisen läßt.

   Im übrigen ist zu bedenken, daß dasselbe, was im Verhältnis des Menschen überhaupt zu den Naturreichen gilt, auch wieder innerhalb der Menschheit selbst im Verhältnis ihrer einzelnen Teile zueinander gilt: daß nämlich, je früher der Übergang zur Verfestigung gemacht wurde, desto weniger die Tauglichkeit bewahrt werden konnte, an dem weiteren Entwicklungsfortgange teilzuhaben, - oder umgekehrt ausgesprochen: daß diejenigen Teile der Menschheit, die sich am längsten vor der leiblichen "Verknöcherung" bewahren konnten (also auch keine fossilen Überreste hinterließen), die Träger des weiteren Entwicklungsfortganges geworden sind. Und die atlantisch-tertiäre Entwicklungsphase ist diejenige, in deren Verlauf - wie an späteren Stellen noch ausgeführt wird - die Menschheit sich in verschiedene Unterteilungen (im 19.+ am Beginn des 20.Jahrhunderts wertfrei noch Rassen genannt - kk) differenziert hat. Was aus ihr an ältesten Menschenformen sich erhalten hat, muß durchaus in Entwicklungssackgassen geratenen Teilen derselben zugerechnet werden. Dies gilt nicht nur für den Vor-Neandertaler der ausgehenden Tertiärzeit und des Frühpaläolithikums, sondern auch noch für den Neandertaler als den fossilen Vertreter der letzten Warmzeit und des Anfanges der letzten Eiszeit. Denn er repräsentiert die damals ihrem Verfall entgegengehende atlantisch-vorgeschichtliche Epoche. Dagegen haben wir es beim Nach-Neandertaler, beim Crô-Magnon-Menschen der zweiten Hälfte der letzten Eiszeit, dem Schöpfer der Eiszeitkunst, bereits mit dem Menschen zu tun, der zum Träger auch der nacheiszeitlichen Entwicklung: derjenigen des Intellektes geworden ist. Er ist im eigentlichsten Sinne der "homo sapiens", gekennzeichnet durch die hochgewölbte Stirn.

   Blicken wir jedoch noch einmal auf das "Kindheitsstadium" der urzeitlichen Menschheit zurück, so ergibt sich von unsrer Darstellung her wiederum der Zusammenschluß mit der Kennzeichnung derselben, die - wie im ersten (S90) Kapitel erwähnt - O.Menghin gegeben hat als des Stadiums der "Naturkindschaft". Allerdings muß auch hier wieder gesagt werden, daß das, was Menghin dabei im Auge hat, nur dem letzten (dem Paläolithikum angehörenden) Nachklang der Vorgänge und Verhältnisse bedeutet, von denen oben die Rede war. Wenn der urzeitliche Mensch sich als das "Kind der Natur" gefühlt und als solches zu ihr verhalten hat, so hatte dies darin seinen Grund, daß er dasselbe, woraus die Natur, der Kosmos im Ganzen hervorgegangen war, auch als den "Mutterschoß" empfand, der ihn "zur Welt gebracht" hat. Wie immer man auch sonst noch das alttestamentliche Bild vom paradiesischen Urzustand deuten mag, es zeigt jedenfalls das eine, daß der urzeitliche Mensch sich mit allen Wesen der Natur, wie mit Geschwistern, noch tief verwandt und zusammengehörig empfunden hat. Wenn er sich auch leiblich in seinem Werden von ihnen geschieden hatte, so war er doch - gerade deshalb - mit seiner Seele, wie im vorigen Kapitel geschildert, gleichsam noch mit der ganzen Natur verbunden, in alle ihre Wesen versenkt. Und auch ein solches Bild, wie das vom ursprünglichen goldenen Zeitalter, wie es selbst noch Ovid in seinen "Metamorphosen" gemalt hat, weist noch darauf zurück, wie der älteste Mensch seelisch die Gesamtnatur noch als seine ihn an ihren Brüsten ernährende Mutter empfunden hat. Niemals hätten in der älteren Menschheit derartige mythische Erinnerungen an die Urzeit fortleben können, wenn der Mensch aus einer einzelnen Tiergattung auf dem Wege des "Kampfes ums Dasein" und der "Auslese der Tüchtigsten" sich zum Menschen heraufgearbeitet hätte.

   Mit diesem "paradiesischen" Kindheitszustand muß allerdings noch eine Frage verknüpft werden, die von der heutigen Vorgeschichtsforschung noch kaum gesehen wird, und die sich doch angesichts der Eigenart des Menschenleibes, wie sie im Vorangehenden in Übereinstimmung mit den Feststellungen der jüngsten, anthropologischen Forschung charakterisiert wurde, aufdrängen müßte. Wir sprachen davon, wie sich das neugeborene Menschenkind - wegen seiner Unangepaßtheit an seine spezifische Umwelt - nicht selbst am Leben zu erhalten vermöchte, sondern der Pflege und Erziehung durch die menschliche Gemeinschaft, namentlich zunächst durch seine Eltern bedarf. In den Anfängen ihres irdischen Daseins war die ganze Menschheit noch "Kind", noch "Neugeborenes". Sie hätte sich - trotz des "paradiesischen" Urzustandes - durch sich selbst nicht am Leben erhalten können, wenn sie nicht auch in "Pflege" und "Erziehung" genommen worden wäre von seiten derjenigen Welt, die ihr gegenüber "Vater" und "Mutter" war. Schließlich ist auch Adam - nach der biblischen Legende - nicht allein im Paradiese gewesen, sondern genoß den Umgang mit der Gottheit, die ihn geschaffen hatte, und empfing deren Unterweisungen und Gebote. Wir deuten hiermit auf ein Problem hin, auf das wir an späterer Stelle zurückzukommen haben werden.

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