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I. Erkenntnis und Erinnerung

5. Zusammenschau


   Nachdem in den bisherigen Ausführungen bestimmte Wesens-Charakteristiken der drei Hauptphasen der menschlichen Entwicklung: der Geschichte, der Vorgeschichte und der Urzeit gegeben worden sind, soll in den Darlegungen dieses Kapitels gezeigt werden, wie von diesen Charakteristiken aus gewisse Grundprobleme, die mit diesen drei Phasen verknüpft sind, eine Lösung erfahren können.


I.

(S91)  Hinsichtlich der Urzeit schließt die allgemeine Frage nach der Herkunft des Menschen als eine der wichtigsten speziellen Fragen diejenige in sich, ob der Ursprung des Menschen monophyletisch oder polyphyletisch zu denken sei. Dieser Frage liegt so, wie sie gewöhnlich verstanden wird, selbstverständlich die Auffassung von der Tierabstammung des Menschen zugrunde. Wir wollen uns jedoch mit der letzteren hier nicht nochmals auseinandersetzen, sondern lediglich zeigen, wie sie in der erwähnten Frage eine Alternative zur Folge hat, deren beide Eventualitäten gleich unmöglich sind. Im Zusammenhang damit soll ferner gezeigt werden, welche Vorstellung im Sinne der im Vorangehenden entwickelten Auffassung sich hinsichtlich dieses Problems ergibt.

   Zöge man nämlich aus der Verschiedenheit der menschlichen Gruppen, in welche gegliedert die Menschheit leiblich sich darstellt (Schwarze, Weiße usw.), den Schluß, daß unabhängig voneinander an verschiedenen Stellen der Erde aus tierischen Vorfahren "Menschen" geworden seien, so könnte man nicht von einer einheitlichen Menschheit sprechen, sondern man hätte es mit verschiedenen Sorten oder Arten von Menschen zu tun. Die "Menschheit" wäre lediglich ein Sammelbegriff für eine Anzahl zwar ähnlicher, aber innerlich doch verschiedener Wesenstypen, die einander im Grunde nichts angingen. Diese Annahme widerspricht nun nicht bloß der Tatsache, daß zwischen Angehörigen verschiedenster Arten seelisch eine spezifisch menschliche Kommunikationsmöglichkeit und ein Gefühl der wesenhaften Zusammengehörigkeit und Solidarität besteht, sondern auch der andern, daß durch Mischung verschiedenster Arten lebensfähige Nachkommen erzeugt werden können, und daß "der Abstand, der den Menschen vom Tier trennt, unvergleichlich viel größer ist als der Abstand, der Menschen von (S92) Menschen anderer Art trennt" (Jaspers). Es spricht daher "Alles für den monophyletischen gegen den polyphyletischen Ursprung des Menschen" (a.a.O.). Die Menschheit ist schon leiblich eine einzige Gattung. Hält man nun aber mit dieser Auffassung an der Vorstellung von ihrer tierischen Abstammung fest, so treten gerade dann in schärfster Zuspitzung alle die Widersprüche und Ungereimtheiten auf, die mit dieser Vorstellung überhaupt verbunden sind. Man muß dann nämlich den geographisch-klimatischen Schauplatz auf der Erdoberfläche suchen, auf dem der Übergang von einem bestimmten Tierstamm zum Menschen stattgefunden hat. Und man kommt dann unweigerlich zu einer diesem Schauplatz, seinen klimatischen und Vegetationsverhältnissen entsprechend spezialisierten Tierform. Die Frage bleibt dann aber unbeantwortet, wie aus dieser spezialisierten Tierform die unspezialisierte des Menschen hätte hervorgehen können, - da doch das Unpezialisierte immer das Frühere, das Spezialisierte aber das Spätere darstellt. "Vieles spricht dafür, daß die sehr allmähliche, sich über lange Zeiträume erstreckende Menschwerdung nur an einer Stelle der Erde ihren Anfang nahm. Man könnte sich dies gut in einem Teile der Savannen nördlich, östlich oder südlich vom tropischen Urwalde des Kongobeckens vorstellen. Von diesem Kerngebiete aus haben die Halbmenschen aber schon im jüngeren Pliozän sich weiter verbreitet, kraft einer Fähigkeit, die es ihnen erlaubte, sich den Lebensbedingungen anderer Klimate anzupassen. Jedenfalls sind in Südafrika, in Marokko und in Südengland aus Ablagerungen aus der Wende vom Pliozän zum Pleistozän zugeschlagene Steine, also die ältesten Geräte bekannt, und damit ist hier der Abschluß der Menschwerdung erwiesen" (R.Grahmann "Urgeschichte der Menschheit" 1952,S63). Selbst wenn man es sich so leicht macht, in den Umwandlungen, die bei dem angenommenen Übergang von einem tierischen Vorfahren zum Menschen stattgefunden haben, nur solche der "Anpassung an die Lebensbedingungen andrer Klimate" zu sehen, so bleibt der Verfasser doch die Antwort auf die Frage schuldig, wieso die Fähigkeit hierzu gerade nur dem von ihm hypostasierten "Halbmenschen" geeignet hat.

   Ganz anders stellt sich diese Problematik vom Gesichtspunkte der "Abstammungslehre" aus dar, die im vorangehenden Kapitel skizziert wurde. Für sie ist die Menschheit ganz selbstverständlich schon leiblich eine einzige Gattung und damit eine Einheit, - aber nicht deshalb, weil sie im physischen Sinne von einem Stamme, gewissermaßen einem Stammelternpaar sich herleitet. Vielmehr liegt diese Einheit in der Menschengestalt begründet, weil diese - trotz aller Varietäten - ihrem Wesen nach nur eine einzige sein kann. Denn so, wie ein Kreis nur einen einzigen Mittelpunkt haben kann, so gibt es nur eine einzige Leibesform, die den ganzen Makrokosmos (S93) als Mikrokosmos zusammenfaßt und dadurch gleichsam in der Mitte aller Wesen steht. Diese Leibesform ist eben die des Menschen. Als sie in physischer Stofflichkeit auf der Erde in Erscheinung zu treten begann - es geschah dies auch nach den Ergebnissen der anthroposophischen Forschung in Gegenden, die, bei einer allerdings noch ganz anders gearteten Konfiguration und Verteilung von Erde und Wasser, in der Nähe der von Grahmann angenommenen sich befanden -, da war für ihre Form die Stelle nicht wesentlich, an der es geschah. Denn sie war von vornherein eine allgemeine, nicht dieser Stelle speziell angepaßte. Daher konnte sie sich ohne weiteres über die ganze Erde verbreiten. Sie konnte bei dieser Verbreitung in einer Zeit, da die Bildung des physischen Kosmos eben ihrem Abschlusse entgegenging, allerdings von dessen bildenden Kräften gerade noch bis zur Verschiedenheit der Arten abgewandelt werden, aber nicht so weit, daß dabei irgendein Wesensmerkmal des Allgemein-Menschlichen verloren gegangen wäre. So wirkten die verschiedenen Erdgegenden - im Zusammenhang mit den ihnen entsprechenden außerirdischen Kräftewirksamkeiten - einstmals artbildend. Und umgekehrt war die Menschenform in der Zeit ihrer Verleiblichung noch bildsam genug, um von Erde und Kosmos her gewisse differenzierende Wirkungen in sich aufzunehmen. Es geschah dies im Übergange von der Urzeit zur Vorgeschichte - in dem hier gemeinten Sinne dieser Bezeichnungen. Die Vorgeschichte (Atlantis) ist dann die eigentliche Zeit der Artbildung (Näheres hierüber in R.Steiners "Unsre atlantischen Vorfahren" sowie den genannten Werken von Wachsmuth und v.Gleich). Mit dem Übergang zur Geschichte hat schließlich die artbildende Wirkung aufgehört. Die Prägung in die verschiedenen Hautfarben hat sich vom Boden unabhängig gemacht und ist in die bloße Vererbung übergegangen.

   Wenden wir uns aber von der Vorgeschichte zur Urzeit bzw. zum "Urmenschen" zurück, so müssen wir diesem noch einheitliche Gestalt zuschreiben. Es ist der Mensch, dessen Leiblichkeit noch nicht völlig physisch geworden, sondern noch "ätherisch" ist. Ein Bild dieses Entwicklungszustandes gibt eben die Legende vom Paradies als dem ursprünglichen Aufenthaltsort des Menschen. Dieses Paradies befand sich noch nicht ganz auf der Erde, sondern noch im ätherischen Umkreis derselben. Und die damals noch einheitliche Menschenform hat ihr Bild in der Gestalt Adams. Er ist - im Sinne der mosaischen Genesis - nicht als der Stammvater der Menschheit in physischer Beziehung zu verstehen, sondern als das Sinnbild der einheitlichen Menschengestalt. (Das geht schon aus der Tatsache hervor, daß aus seinen Söhnen Kain und Abel allein die nachfolgende Menschheit nicht hätte entstehen können. Wie diese Söhne symbolisch bestimmte Strömungen repräsentieren, in welche sich die Menschheit später differenzierte, so steht Adam sinnbildlich für die (S94) ursprüngliche Einheit des Menschengeschlechts und der Menschengestalt da.) Insofern ist Adam die ganze Menschheit. Und insofern wir, wenn auch in der Variationen der Arten, doch alle die im Wesen gleiche einheitliche Menschengestalt an uns tragen, sind wir alle "Söhne" Adams. Mit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies, d.h. mit seinem vollen Niederstieg in die physische Stofflichkeit nahm seine Gliederung in Arten (der Hautfarbe) ihren Anfang. Wir werden auf diese von einem andern Gesichtspunkt aus an späterer Stelle zurückkommen.


II

   Hinsichtlich der Vorgeschichte besteht ein analoges Problem in bezug auf den Ursprung der Sprache. Es ist die Frage, ob die Vielzahl der von den verschiedenen Völkern gesprochenen Sprachen von einer einzigen einheitlichen Ursprache abstammt, oder ob in den verschiedenen Teilen der Menschheit unabhängig voneinander die Bildung der Sprache zustandegekommen sei. Wie die artbedingten (Hautfarben) Verschiedenheiten zur Annahme eines polyphyletischen Ursprungs der Menschheit, so hat insbesondere im 19. Jahrhundert (A.Schleicher u.a.) zur Theorie einer Polygenese der Sprache die Tatsache Veranlassung gegeben, daß die verschiedenen Sprachen nicht nur die gleichen Dinge mit verschiedenen Worten bezeichnen, sondern auch in bezug auf die Bildung von Grammatik und Syntax ganz verschiedene Sprachsysteme darstellen (isolierende, agglutinierende, flektierende Sprachen). Wieder aber muß gesagt werden. Würden die verschiedenen Sprachen auf eine Mehrheit von verschiedenen Wurzeln zurückführen, so könnte man nicht von der "menschlichen Sprache" schlechthin sprechen, sondern nur von verschiedenen Sorten von Sprache, und "menschliche Sprache" wäre nur eine äußerliche Sammelbezeichnung für eine Vielzahl von Systemen der Lautäußerung, die absolut voneinander verschieden sind. Nun scheint in der Tat die Verschiedenheit zwischen den hauptsächlichsten Sprachgruppen so tief zu gehen, daß außer dem Umstande, daß sich alle artikulierter Laute bedienen, keine Gemeinsamkeit zwischen ihnen sich finden läßt. Und so war es jedenfalls bisher nicht möglich, den Beweis für ihre gemeinsame Abstammung von einer einheitlichen Ursprache zu erbringen oder die Gestalt der letzteren direkt zu erschließen, obwohl dies immer wieder von einzelnen Sprachforschern (z.B. von A.Trombetti und in jüngster Zeit von A.Wadler) versucht worden ist.

   Nun haben wir, vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsumwandlungen der sich entwickelnden Menschheit aus, ja bereits im vorletzten Kapitel zu diesem Problem einiges Grundsätzliche ausgeführt.

   Indem wir versuchten, zunächst in ganz allgemeiner und grundsätzlicher Art (S95) ein Bild des vorgeschichtlichen Menschen zu entwerfen und als ein Wesentliches in diesem Bilde die besondere und von der des geschichtlichen Menschen verschiedene Art der "Vernunftbetätigung" als des allgemeinsten Wesensmerkmals des Menschen hervorhoben, mußten wir darauf hinweisen, wie diese ebenso durch die Beziehung zu den universalia in rebus gekennzeichnet sei wie die des geschichtlichen Menschen zu den universalia post res. Und wir zeigten weiter, daß, wie die letztere in dem zum Ausdrucke kommt, was man im eigentlichen Sinne das Denken nennt, so das erstere in ebenso unmittelbarer Weise in der Bildung der Sprache. Das bedeutete zugleich die Geltendmachung eines bestimmten Begriffs vom Wesen der Sprache. Zu ihm kam nun ihre von uns behauptete ursprüngliche Einheit nicht als ein Weiteres, Anderes hinzu, sondern sie lag schon in diesem Begriff drinnen. Wenn die Sprache ihrem Wesen nach ursprünglich das war, als was wir sie charakterisierten, dann war sie auch schon eine "einheitliche" für alle Menschen. Denn zu der Stufe der Vernunftbetätigung, die durch die Beziehung zu den universalia in rebus gekennzeichnet ist, gehört es wiederum wesentlich hinzu, daß auf ihr die menschliche Geistigkeit oder Vernunftbegabung noch auf naturhafte Weise d.h. als einheitlich-gattungsmäßige sich darlebt. Die dadurch bedingte Einheit der Sprache lag daher nicht in einer absoluten Gleichheit oder Allgemeingültigkeit ihrer Lautgebilde, sondern bestand wesentlich in der Gleichartigkeit des Erlebens, dem die Sprache überhaupt ihre Entstehung verdankte. Diese Gleichartigkeit schloß nicht aus, daß - im Zusammenhang mit der Differenzierung der Hautfarben der Menschheit, die sich gerade in der vorgeschichtlichen Epoche vollzog - an den verschiedenen Orten der Erde die Sprache sich verschieden nuancierte und verschiedene Teile ihres Gesamtwortbestandes ausbildete, entsprechend den verschiedenen Tatsachen, Vorgängen und Kräftewirkungen, die auf den verschiedenen Partien der Erdoberfläche vorhanden waren. Das Wesentliche war, daß man sich aus der gleichgearteten Bewußtseinsform, welche die Quelle der Sprachbildung war, über die ganze Erde hin noch unmittelbar sprachlich verständigen konnte. Es gab noch keine scharfen Grenzen zwischen den verschiedenen Nuancierungen der Sprache.

   Diesem Tatbestand steht nun ebenso entschieden der andre gegenüber, daß mit dem Übergang zur geschichtlichen Phase durch die Entwicklung des Denkens d.h. die Vertauschung der universalia in rebus mit den universalia post res, eine Differenzierung der Sprache eintreten mußte. Wiederum kommt dies nicht als ein Weiteres zur Entwicklung des Denkens hinzu, sondern ist in seinem Wesen begründet. Denn damit wechselte - so drückten wir es aus - die Sprache von den Weltgedanken hinüber zu den Menschengedanken. Während aber die Weltgedanken mit ihren Lautgebilden noch eine unmittelbare Einheit gebildet hatten, sind die Menschengedanken mit diesen nur durch Tradition und Konvention verbunden. Die letzteren Elemente aber gehören (S96) der Geschichte an und sind gebunden an die Volksgemeinschaften, in welche sich die Zusammenhänge jetzt noch weiter differenzierten. Diese Differenzierung liegt, wie wir ebenfalls gesehen haben, im Wesen des Denkens begründet und führt über die Individualisierung der Völker bis zu derjenigen der einzelnen Menschen. In verschiedenem Maß und in verschiedener Art - je nach der Besonderheit ihrer Nationalcharaktere - wachsen die verschiedenen Völker in das Element des Gedankens hinein. Und je nachdem bilden sie den syntaktisch-grammatischen Bau ihrer Sprachen aus und durch und bringen ihn - im Unterschied zu der noch unbegrenzten Beweglichkeit, Bildsamkeit und Abwandlungsfähigkeit der Ursprache - zu einer sich verfestigenden Ausprägung. In den Prinzipien dieser ihrer Spracharchitektonik spiegeln sich die Bewußtseinsstufen, auf denen sie stehenbleiben oder zu denen sie fortschreiten, spiegeln sich auch ihre Charaktere.

   "Ein allgemeines System dieser Entwicklung aufstellen zu wollen", so schreibt Cassirer (a.a.O..S234), "scheint freilich ein vergebliches Bemühen, denn gerade darin, daß jede Sprache im Aufbau ihres Kategoriensystems verschieden verfährt, liegt der konkrete Reichtum dieser Entwicklung beschlossen. Nichtsdestoweniger läßt sich diese konkrete Fülle der Ausdrucksformen, ohne ihr Gewalt anzutun, auf gewisse Grundtypen beziehen und um sie gruppieren. Einzelnen Sprachen und Sprachgruppen, die den nominalen Typus in voller Reinheit und Strenge ausgebildet haben, in denen somit der gesamte Aufbau der Anschauungswelt durch die gegenständliche Anschauung beherrscht und geleitet erscheint, stehen andere gegenüber, in denen der grammatische und syntaktische Bau durch das Verbum bestimmt und dirigiert wird. Und auch im letzteren Falle ergeben sich wieder zwei verschiedene Formen sprachlicher Gestaltung, je nachdem der verbale Ausdruck als bloßer Vorgangsausdruck oder als reiner Tätigkeitsausdruck gefaßt wird, je nachdem er sich in den Verlauf des objektiven Geschehens versenkt oder das handelnde Subjekt und seine Energie heraushebt und in den Mittelpunkt rückt."

   Es handelt sich sonach bei der Umbildung und Differenzierung der halb- und vollgeschichtlichen Völker vornehmlich um die verschieden geartete Durchformung der syntaktisch-grammatischen Architektonik der Sprache, in der die durch die Denkentwicklung bedingte Sonderung von Mensch und Welt, von Innerem und Äußerem und die zwischen ihnen spielenden Beziehungen des Tuns und Erleidens, des Erkennens und Handelns usw. ihren Ausdruck finden, - während die Wortbedeutungen gleichzeitig mehr und mehr ins Traditionell-Konventionelle übergehen. Umgekehrt webte die "Urschöpfung" der Sprache noch ganz im Elemente der Bildung von Laut und Wort als den Symbolen, welche sinnliche Artikulation und ideelle Bedeutung in sich vereinigen, - während dagegen deren Einteilung in die verschiedenen Wortklassen und ihre Verwendungsmöglichkeit als Satzteile sich noch in einem (S97) ganz flüssig-bildsamen Embryonalzustand befanden. In dieser Folge hat in jüngster Zeit auch A.Drexel (a.a.O.) die Stufen der Sprachbildung aufzuweisen versucht. Und es ist charakteristisch, daß die Frage nach der Entstehung und Bedeutung dieser in Laut und Wort vorliegenden Symbole auch die erste war, welche die Sprachphilosophie an ihrem Beginne: in Platos "Kratylos" in bezug auf Wesen und Ursprung der Sprache aufgeworfen hat, - wobei sie noch über eine entschiedene Empfindung für den Symbolwert der verschiedenen Laute verfügte. Auf der andern Seite wiesen wir, am Beispiel L.Klages', schon darauf hin, wie gerade in der Gegenwart dieses Problem wieder als das wesentliche gesehen wird und eine Empfindung für die ursprüngliche Bedeutung der Laute wiedererwacht. (Auch Ernst Jüngers Schriftchen "Lob der Vokale" könnte in diesem Zusammenhang genannt werden.) Ein Hauptverdienst aber kommt auch auf diesem Gebiete der anthroposophischen Forschung Steiners zu, welche den Symbolwert aller Laute des Alphabets in konkreter Art wiederaufgedeckt hat.

   Geht man mit einer an den betreffenden Darstellungen Steiners geschulten bzw. wiederbelebten Lautempfindung an die Wortbezeichnungen der verschiedenen Sprachen heran, so entdeckt man, daß es nur ein Schein ist, daß durch diese Bezeichnungen "dieselben" Dinge bzw. Begriffe mit verschiedenen Lautgebilden benannt werden. Diesem Schein leisten insbesondere unsre Wörterbücher Vorschub, indem sie die verschiedenen Wörter verschiedener Sprachen sozusagen als gleichwertige verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache erscheinen lassen. So notwendig und nützlich sie in andrer Hinsicht sind, - sie fördern dadurch doch zugleich die Verabstrahierung unsres Spracherlebens. Geht man dagegen auf die wirkliche Bedeutung ein, die dem Lautleib der Worte als solchem innewohnt, so zeigt sich, daß durch unsre Worte auch heute noch nicht Dinge schlechthin d.h. allgemeine Begriffe, sondern immer nur ganz bestimmte spezielle Eigenschaften oder Aspekte derselben bezeichnet werden. Um dies an einem - von Steiner öfter gebrauchten - Beispiel zu veranschaulichen: Das deutsche Wort "Kopf" bezeichnet, seiner Lautbedeutung nach, nicht den gemeinten Teil unsres Körpers schlechthin, sondern lediglich die Eigenschaft desselben, daß er von runder Form und von knöcherner Härte ist. Das italienische Wort "testa" dagegen deutet auf die Eigenschaft desselben hin, daß man mit ihm durch Nicken im bejahenden, durch Schütteln im verneinenden Sinne seine Meinung oder seinen Willen bekunden bzw. bezeugen (testis) kann. Es erinnert an die Bekundung des "letzten Willens", wie er im "Testament" zum Ausdruck gebracht wird. Während also der Deutsche mit dem Worte "Kopf" den physischen Aspekt dieses Körperteils wiedergibt, deutet der Italiener mit dem Worte "testa" auf den seelischen Aspekt desselben hin. Aber nicht nur verschiedene Sprachen gebrauchen verschiedene Bezeichnungen für "dieselben" Dinge, - in vielen (S98) Fällen tut das sogar eine und dieselbe Sprache. So haben wir gerade im Deutschen hinsichtlich des angeführten Beispiels neben dem Worte "Kopf" auch das Wort "Haupt". Es hebt wieder eine andre Eigenschaft dieses Körperteils hervor, - nämlich diese, daß in ihm in gewisser Beziehung das Ganze des Leibes (bzw. seiner verschiedenen Systeme) zusammengefaßt erscheint, - weswegen wir uns z.B. beim Porträtieren eines Menschen vielfach mit der Wiedergabe seines "Hauptes" begnügen. Auch solche Worte wie Hauptmann, Hauptstadt, Hauptsache weisen auf diese Bedeutung des Wortes "Haupt" hin. Es kennzeichnet den gemeinten Körperteil vom geistigen Gesichtspunkt aus. Daher man ja auch zwar vom Kopfe eines Tieres, aber nur vom Haupte eines Menschen spricht.

   Betrachtet man die Sprachen in dieser Art, dann kann man die Gesamtheit aller von der Menschheit gesprochenen Sprachen auch heute noch als eine einzige, eben die Sprache schlechthin auffassen, - nur daß diese ben die Eigentümlichkeit hat, für die von ihr benannten Dinge so viele verschiedene Bezeichnung zu besitzen, als es verschiedene Gesichtspunkte gibt, von denen aus diese gekennzeichnet werden können, - und außerdem die weitere Eigenschaft, daß sie als diese Sprache unter die Schwelle des gewöhnlichen heutigen Bewußtseins hinuntergesunken ist. Das bedeutet aber, daß in gewissem Sinne die einheitliche Sprache an sich auch heute noch besteht, nur nicht für das heutig Bewußtsein, aber durch eine Erweiterung desselben wieder gewonnen werden kann.

   Allerdings ist diese Sprache in keinem einzelnen Teile der Menschheit in ihrer Ganzheit vorhanden, sondern überall nur in Teilstücken. Nimmt man aber die gesamte Menschheit als eine, allerdings gegliederte, Ganzheit, dann tritt auch die Sprache in ihrer Ganzheit und zugleich auch in ihrem eigentlichen Wesen hervor. Hierin liegt ein bedeutsamer Unterschied gegenüber der Menschengestalt. Diese erscheint zwar in jedem einzelnen Menschenleib in ihrer Ganzheit; aber ihr Geheimnis enthüllt sich erst, wenn man den menschlichen Leib auf dem Hintergrunde des Makrokosmos als dessen mikrokosmische Zusammenfassung erfaßt. In analogem Sinne enthüllt sich das Geheimnis der Sprache erst, wenn man, nun nicht auf der Ebene des Leiblichen, sondern auf derjenigen des Seelischen, auf die Gesamtmenschheit als auf eine hinsichtlich ihrer Anlagen gegliederte, aber doch zusammengehörige Ganzheit hinblickt.


III.

   Wiederum ein analoges Problem wie mit der Urzeit und der Vorgeschichte ist schließlich auch mit der geschichtlichen Phase des menschlichen Daseins verknüpft. Es ergibt sich unmittelbar aus dem, was wir als die wesentlichsten (S99) Merkmale der letzteren kennengelernt haben: der Entfaltung des abstrahierenden Denkens und der mit ihm verbundenen Entwicklung des Menschen zur geistig auf sich selbst gestellten Individualität. Ein Blick in die Geschichte zeigt nämlich, wie dadurch diejenigen Gemeinschaften, in welche gegliedert die Menschheit stufenweise in die Geschichte eintritt: die verschiedenfarbigen Blutsgemeinschaften und die Sprachgemeinschaften der Völker fortschreitend aufgelöst werden. Nicht daß sie als solche verschwinden - obwohl wenigstens die Merkmale durch vielfältige Mischungen sich allmählich so stark verwischen, daß wir es schon heute kaum mehr irgendwo mit reinen Gestaltungen zu tun haben -; aber sie verlieren immer mehr ihre Bedeutung als Gemeinschaften. Durch alles das, was die Entwicklung des Denkens im Gefolge hat: wissenschaftliche Kenntnisse, technische Errungenschaften der Nachrichtenübermittlung, des Verkehrs, des Güteraustauschs usw. erweitert sich der Horizont der einzelnen Menschen über die Grenzen der Völker und Hautfarben hinaus, denen sie angehören; und nach innen hin führt das mit der Individualisierung verbundene Streben nach freier Selbstbestimmung der Persönlichkeit zu einer immer weitergehenden Atomisierung der überkommenen Gemeinschaften. Gerade in unserm Zeitalter, das - wie schon erwähnt - in der Abstraktionsfähigkeit des Denkens einen höchsten Grad erreicht hat, ist auch dieser Prozeß der sozialen Atomisierung an einem äußeren Punkt angekommen: zwischen den Generationen, den Geschlechtern, den Arbeits- und Berufsgenossen tun sich Abgründe über Abgründe auf. Die soziale Frage, das Grundproblem unsrer Epoche, hat ihre tiefste Wurzel in diesem Prozeß der Individualisierung. Sie ist als die unvermeidliche Kehrseite desselben in Erscheinung getreten.

   Wir sind bereits auch in das Zeitalter der großen Reaktionen und Gegenbewegungen eingetreten. Diese zeigen sich nicht nur in Gestalt des modernen Nationalismus und der verschiedenen Arten des nationalen und internationalen Sozialismus, sondern auch in mancherlei andern Erscheinungen wie autoritären politischen Systemen und weltanschaulich-religiösen Bewegungen. Gemeinsam ist ihnen allen, daß sie dem menschlichen Gemeinschaftsleben, das sie schützen oder erneuern wollen, dadurch zu dienen streben, daß sie das selbständige Denken und freie Urteilen der Einzelnen auf die eine oder andre Weise unterdrücken und ihnen irgendeine Kollektiv-Auffassung entweder mit den Mitteln propagandistischer Beeinflussung, geistiger Autorität oder äußern Zwangs aufnötigen. Sie empfinden zwischen der Freiheit des individuellen Denkens und den Notwendigkeiten des Gemeinschaftslebens einen unaufhebbaren Gegensatz. Sie sehen in der ersteren die Giftpflanze, an deren Genuß schließlich jede Gemeinschaft zugrundegehen muß.

   Was hier vorliegt, ist eine Verkennung des Wesens des Denkens, die in Analogie gesetzt werden darf zu jenen Verkennungen des Wesens der Sprache (S100) und der Menschengestalt, von denen in den vorangehenden Ausführungen gesprochen werden mußte. Dieser Verkennung kann man sich allerdings heute nur entringen durch jene innere Beobachtung, jenes innere Erleben der Denktätigkeit, das Rudolf Steiner in seinen philosophischen Schriften (Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, Die Philosophie der Freiheit) dargestellt hat und das den Keim bildet, aus dem die ganze Anthroposophie hervorgegangen ist. In der Erfassung des Wesens des menschlichen Denkens liegt daher die erste, grundlegende Erkenntnisleistung Steiners, aus deren Entfaltung alle seine andern Erkenntniserrungenschaften, deren Inbegriff eben die von ihm begründete Anthroposophie bildet, sich entwickelt haben. Was aber macht das Wesen des Denkens aus? Es ist dies, daß das Denken einerseits zwar unsre ureigenste Tätigkeit darstellt, ja sogar die einzige in unserm gewöhnlichen Bewußtsein auffindbare, von der wir mit vollem Recht und nach ihrem ganzen Umfang behaupten dürfen, daß wir selbst in ihr tätig sind, andrerseits aber zugleich eine universelle Tätigkeit, die nichts mit den Schranken unsrer Persönlichkeit zu tun hat. Wir dürfen unser Denken nicht als subjektiv bezeichnen, da es wie alle andern, so auch den Begriff des Subjektiven und des Subjekts ja erst erzeugt. Es darf "nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive Tätigkeit aufgefaßt werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle andern. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist, sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende. Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt" (Philosophie der Freiheit, GA4, 2.Auflage 1918, S60f).

   Auf dieser universellen Wesenheit des Denkens beruht es auch, daß wir, wenn wir sie in seiner Betätigung nur genügend rein und entschieden zur Ausprägung bringen, einander in der Welt der von ihm erzeugten Begriffe als in einer identischen, gemeinsamen finden können. "Ein Dreieck hat nur einen einzigen Begriff. Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgültig, ob ihn der menschliche Bewußtseinsträger A oder B faßt. Er wird aber von jedem der (S101) beiden Bewußtseinsträger in individueller Weise erfaßt werden. Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes Vorurteil der Menschen entgegen. Die Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht, daß der Begriff des Dreiecks, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist wie der durch den Kopf meines Nebenmenschen ergriffene. Der naive Mensch hält sich für den Bildner seiner Begriffe. Er glaubt deshalb, jede Person habe ihre eigenen Begriffe. Es ist eine Grundforderung des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu überwinden. Der eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer Vielheit, daß er von vielen gedacht wird. Denn das Denken der Vielen selbst ist eine Einheit" (a.a.O.S92).

   Es hat somit das Denken nicht bloß die Eigentümlichkeit, daß es die Menschen voneinander trennt - indem es sie auf ihre Inidividualität, auf ihr Selbst stellt und die auf Blut und Sprache beruhenden Gemeinschaften auflöst -, sondern auch die andre, daß es sie in einem "höhern" Elemente, in der Welt der Begriffe, wiederverbindet. Um in einem Bilde aus Wagners "Parsifal" zu sprechen: Der Speer des Denkens, der der Menschheit die Wunde der Vereinzelung schlug, ist zugleich auch das einzige, das diese Wunde zu heilen vermag. Allerdings ist die Gemeinschaft, in welche das Denken den Menschen eingliedert, nicht mehr eine begrenzte, partielle wie die Gemeinschaften des Blutes und der (geschichtlichen) Sprachen, sondern eine universell-menschliche, da ja die Welt der Begriffe, die durch das Denken zur Erscheinung gebracht werden, eine für alle Menschen (die die Denkfähigkeit entwickeln) gleiche ist.

   Und so wird hier - außer den schon früher charakterisierten - noch ein andres Motiv des "Grundthemas" der geschichtlichen Entwicklungsphase der Menschheit sichtbar. Wenn sie durch die Entwicklung des Denkens (universalia post res) auf der einen Seite die Aufgabe hat, die aus der Vor- und Frühgeschichte überkommenen partiellen Gemeinschaften der Hautfarbe und der Sprache (durch welche die Menschheit als ganze zugleich in Teile gespalten wird) aufzulösen, indem sie den von ihnen zugrundeliegenden Differenzierungsprozeß bis zum einzelnen Menschen hin fortsetzt, so steht eben dadurch auf der andern Seite zugleich die Aufabe vor ihr, die Menschheit als ganze in einem höheren Elemente zu einer einzigen Gemeinschaft wieder zusammenzuschließen, - sofern und soweit diese eben die Entwicklung der geschichtlichen Phase mitmacht. (Darüber siehe später). Das letztere war der ursprüngliche Sinn der mit der Begründung des Christentums aufgetretenen Idee der "Kirche". (Warum diese Idee erstmals und gerade im Zusammenhang mit dem Christentum in die geschichtliche Erscheinung getreten ist, darüber wird ebenfalls später noch ausführlich zu sprechen sein.) Denn diese war von Anfang an als eine "katholische", d.h. allgemein-menschliche Gemeinschaft gedacht. Und wenn das Pfingstereignis von Jerusalem als der Tag (S102) ihrer eigentlichen Begründung gilt, so stellt uns ja das "Pfingstwunder" in prägnanter Bildhaftigkeit die charakteristischen Merkmale dieser neuen Gemeinschaftsbildung vor Augen. Es sind auf der einen Seite die auf die Apostel sich niederlassenden feurigen Zungen des "Geistes" - also des höheren Elementes, das im denkenden Erkennen zur Erscheinung kommt -, welche sie mit der Kraft dieser Gemeinschaftsbildung begaben, - und die Gemeinschaft kennzeichnet sich andrerseits dadurch, daß sie die Gliederung der Menschheit in verschiedne Sprachgruppen in diesem höheren Elemente überwindet. Dadurch aber, daß im Lauf der Geschichte dieses höhere, die ganze Menschheit zu einer Einheit zusammenfassende Gemeinschaft verwirklicht werden soll, ist ihr die Ausbildung eines geistigen Gegenstückes jener Einheit zum Ziel gesetzt, die sie in der Urzeit, d.h. vor ihrer Differenzierung in Hautfarben, in leiblicher Beziehung noch darstellte, und die - wie im Vorangehenden gezeigt - von der mosaischen Genesis im Bilde des im Paradiese lebenden Adam symbolisiert wird. Diese Beziehung wird innerhalb des Christentums dadurch zum Ausdruck gebracht, daß die in der "Kirche" geeinigte Menschheit auch als das "corpus mysticum Christi" bezeichnet wird, in welchem Bilde die ganze Menschheit als ein einziger "mystischer Leib" erscheint.

   Allerdings - dies geht ja aus der ganzen oben gegebenen Charakteristik der Wesenheit und Wirksamkeit des Denkens hervor - wird die so verstandene "Wiedervereinigung" der Menschheit nicht erreicht durch die Auslöschung der Individualität bzw. die Unterdrückung des freien, selbständigen Denkens. Denn sie wird ja gerade im Denken selbst gefunden und kommt nur in dem Maße zustande, als die Menschheit sich immer tiefer und kraftvoller in dieses Element einlebt. Es ist also eine Vereinigung in voller Freiheit, unter voller Wahrung der geistigen Selbständigkeit der menschlichen Individualität. "Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen möglich" -- so schreibt Rudolf Steiner (GA4, S170f) -, "wenn jeder nur bestrebt ist, seine Individualität zur Geltung zu bringen? Damit ist ein Einwand des falsch verstandenen Moralismus gekennzeichnet. Dieser glaubt, eine Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn alle vereinigt sind durch eine gemeinsam festgelegte sittliche Ordnung. Dieser Moralismus versteht eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht. Er begreift nicht, daß die Ideenwelt, die in mir tätig ist, keine andre ist als die in meinem Mitmenschen... Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben, sondern darin, daß er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andre Intuitionen empfängt als ich. Er will seine Intuitionen ausleben, ich die meinigen. Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen äußeren (physischen oder geistigen) Antrieben folgen, so können wir uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen. Ein sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen (S103) ist bei sittlich freien Menschen ausgeschlossen. Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder einem angenommenen Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt... Läge nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund der Verträglichkeit, man würde sie ihr durch keine äußern Gesetze einimpfen! Nur weil die menschlichen Individuen eines Geistes sind, können sie sich auch nebeneinander ausleben."

   Der tiefere Grund der menschlichen "Verträglichkeit" liegt also darin, daß in jedem Menschen, sofern er die Fähigkeit des Denkens entwickelt, grundsätzlich das Ganze der - in sich eine zusammenhängende Einheit bildenden - Ideenwelt zur Erscheinung kommen kann. Gewiß wird jeder einzelne, entsprechend dem Orte, an welchem, und der Zeit, in welcher er lebt, sowie nach seinen sonstigen physischen und seelischen Bedingtheiten, nur einen Teil, einen Ausschnitt, einen Aspekt der Ideenwelt denkend produzieren. Aber er hat die Möglichkeit, in diejenigen Teile und Aspekte derselben, welche andre produzieren, sich verständnisvoll einzuleben und sie an die von ihm selbst produzierten anzuschließen (Wir verweisen hier auf das hervorragende Werk "Die Wahrheit als Gesamtumfang aller Weltansichten" von Sigismund von Gleich (Stuttgart 19569; in welchem, fußend auf einer skizzenhaften Angabe Rudolf Steiners, der ganze Kosmos der Ideenwelt als ein System von zwölf (der Zwölfheit der Kategorien bzw. der Tierkreisbilder zugeordneten) gleichberechtigten und einander zur Totalität ergänzenden Weltanschauungen dargestellt wird).

   Und hierdurch wird erst verständlich, warum überhaupt im Verlauf der geschichtlichen Phase des Menschheitswerdens die schon öfter erwähnte Individualisierung der einzelnen Menschen sich vollzieht und was sie bedeutet. Sie stellt nicht einfach eine Atomisierung der Gesamtmenschheit in einzelne Individuen dar, sondern eine neue Stufe und Form, auf bzw. in der das urmenschliche Wesen in Erscheinung tritt. Sie hat daher dieselbe Wurzel wie die Ausbildung des Menschenleibes zur unspezialisierten, universellen Gestalt und wie der Ursprung der Sprache. Diese Wurzel liegt in der - wie wir uns ausdrückten - besonderen Beziehung des Menschen, in seiner besonderen Zugeordnetheit zum Wesensgrund der Welt. Diesen Wesensgrund bezeichneten wir im Vorangehenden - in der Begriffswelt der Scholastik - als den Inbegriff der universalia. Aber wir wiesen darauf hin, daß die Gesamtheit der universalia, obwohl inhaltlich dieselbe, in drei verschiedenen Daseinsformen auftritt: als universalia ante res, in rebus und post res. Als universalia ante res bildet sich ihre einheitliche Ganzheit ab in dem unspezialisiert-universellen Charakter des Menschenleibes. Als universalia in rebus kommt sie zur Erscheinung in dem ursprünglichen Charakter der menschlichen Sprache, der in mehr oder weniger verborgener Art auch noch in den heutigen Sprachen enthalten ist. Als universalia post res erscheint sie in der Begriffswelt, wie sie von der zum Denken vorrückenden Menschheit ausgestaltet wird. Zum Zustandekommen der menschlichen Sprache muß die ganze Menschheit zusammenwirken. Zum Zustandekommen der Begriffs-(S104)welt bedarf es der schöpferischen Kraft des einzelnen Menschen. So ist ein und dasselbe, was in diesen drei Schöpfungen von der umfassendsten Ausgedehntheit zur engsten Zusammengezogenheit übergeht: Von der Welt über die Menschheit zum Einzelmenschen. Zugleich schreitet es dabei von einer leiblichen Offenbarung in der Menschengestalt über eine seelische in der menschlichen Sprache zu einer geistigen in der menschlichen Begriffswelt fort. Auf allen drei Stufen haben wir es mit der Manifestation des "Menschlichen" zu tun. Auf der ersten wird dieses durch die allen Menschen gemeinsame Leibesform repräsentiert, auf der zweiten durch die Menschheit als Sprachgemeinschaft, auf der dritten durch die einzelne menschliche Individualität. Daß diese zum Repräsentanten des Menschlichen schlechthin werden soll, kann daher auch als der eigentliche, tiefste Sinn ihrer Herausbildung während der Geschichte bezeichnet werden.

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nächstes Kapitel: II.1 Vorgeschichtliche Erinnerung