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II. Erinnerung und Überlieferung

2. Die Stufen der geschichtlichen Erinnerung


(S119)   Das bisher Ausgeführte setzt uns nun in die Lage, den Gegensatz zwischen der vorgeschichtlichen und der geschichtlichen Erinnerung sowie den Übergang von der ersteren zur letzteren zunächst im Ganzen und Prinzipiellen aufzuweisen. Wir können nämlich jetzt die Formulierung wagen: Eine unpersönliche, gattungsmäßig-kollektive Erinnerung wandelt sich hierbei um in eine persönliche - in dem Maße, als mit der Entwicklung des Denkens die menschliche Persönlichkeit überhaupt aus der ehemaligen gattungsmäßigen Kollektivität herauswächst. Bei dieser Umwandlung sind im Genaueren vier Momente zu beachten.

   "Persönlich" ist die neue Form der Erinnerung zunächst in dem Sinne, daß sie im Gegensatz zu der ehemaligen, die, als an das Blut gebundene, sich über eine ganze Folge von Generationen hin erstreckte, auf ein einziges Leben, wie es zwischen Geburt und Tod verläuft, begrenzt ist. Damit aber reißt diese Erinnerung, wie sie mit jedem neuen Menschenleben neu beginnt, mit dem Ende eines jeden auch wieder ab. Und es leuchtet unmittelbar ein, daß, um ihren Inhalt mit dem jedesmaligen Tode nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, sondern künftigen Generationen zu übermitteln, nun Mittel gefunden werden müssen, durch welche dies erreicht werden kann. Wir haben bisher als ein wichtigstes Mittel zu diesem Zwecke die Schrift kennengelernt, - und in der Tat finden wir auch, daß, je weiter die Geschichte fortschreitet, eine um so größere Bedeutung als Quellen unsres geschichtlichen Wissens die Aufzeichnungen erlangen, welche Menschen von ihren persönlichen Erinnerungen machen, sei es in Form von Selbstbiographien, sei es in Form von Biographien ihrer Zeitgenossen oder in Form von Erinnerungen an die Weltbegebenheiten, an denen sie teilgenommen oder mitgewirkt haben. Wir werden im folgenden jedoch noch andere Mittel kennenlernen, durch welche der Inhalt dieser Erinnerung der Nachwelt überliefert werden kann.

   Zum Zweiten ist die neue Form der Erinnerung auch in dem Sinne eine persönliche, daß ihren Inhalt nur persönliche Erlebnisse, Taten und Leiden bilden. Sie bezieht sich also nicht unmittelbar auf Angelegenheiten größerer Menschheitszusammenhänge, sondern höchstens mittelbar, insofern eben das je persönliche Schicksal mit solchen verflochten war. Sie gibt daher von diesen immer nur einen durch das persönliche Erlebnis bedingten Aspekt oder Ausschnitt. (S120)

   Drittens deutet diese Erinnerung auf die Geschehnisse, auf die sie sich bezieht, nicht mehr durch ein mythisches Sinnbild, sondern durch eine Vorstellung im heutigen Sinne des Wortes. Diese kommt aber, wie schon erwähnt, durch die Verschmelzung eines Wahrnehmungsinhaltes mit dem entsprechenden, eben durch das je eigene Denken erzeugten Begriff zustande. Das heißt: sie setzt sich aus einer Wiedergabe des rein sinnlichen Phänomens und einer gedanklichen Interpretation desselben zusammen, - einer Interpretation, die je nach dem Grade der denkerischen Reife des Betroffenen eine mehr oder weniger zulängliche sein kann. Kurz: wir haben es da mit jener Form der Erinnerung zu tun, von der im vorigen Kapitel als von der sogenannten "geschichtlichen Erinnerung" die Rede war, und von der wir zeigten, daß sie als Begleit- oder Folgeerscheinung einer erkenntnismäßigen Auseinandersetzung mit den Tatsachen auftritt, auf die sie sich bezieht.

   Von dieser Erinnerung aber hatten wir auch gezeigt, daß die Gesichtspunkte, durch welche die in ihr enthaltene Deutung der Vergangenheitstatsachen bestimmt werden, von den jeweils herrschenden Zukunftsidealen herstammen. Denn mit dem Denken, das in dieser Deutung sich betätigt, hat der Mensch zugleich auch die Fähigkeit erlangt, sich Zukunftsziele in Form von Ideen und Idealen zu bilden. Hat die Erinnerung schon dadurch, daß sie sich aus dem Sinnbild in die Vorstellung (im heutigen Sinn) verwandelte, ihre einstmalige lebenprägende, magische Kraft verloren, so macht sich der Mensch vollends dadurch, daß er die Interpretation der Vergangenheitstatsachen von seinen Zukunftsidealen her bezieht, noch mehr unabhängig von der Vergangenheit und gewinnt so jene Freiheit ihr gegenüber, jene Bestimmung seines Handelns aus sich selbst heraus, die in andrer Art den geschichtlichen Menschen vom vorgeschichtlichen unterscheidet. Wie schon weiter oben erwähnt, tritt so im Lauf der Geschichte immer mehr anstelle der Vergangenheit die Zukunft als die das Lebensverhalten bestimmende Macht.

   Nun vollzieht sich allerdings der damit im Grundsätzlichen angedeutete Übergang von der vorgeschichtlichen zur geschichtlichen Form der Erinnerung im Verlaufe von Jahrtausenden durch viele Etappen hindurch. Doch können - nach den Ergebnissen der anthroposophischen Forschung, wie sie in bezug hierauf Rudolf Steiner in der Vortragsreihe "Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung" (Weihnachten 1923 - GA233) skizzenhaft geschildert hat - im Gesamtprozesse der Entwicklung der geschichtlichen Erinnerung vier Hauptstufen unterschieden werden.

   Eine erste derselben gehört der Zeit des Überganges von der atlantischen zur nachatlantischen Entwicklung - in anthroposophischer Terminologie - an; im Sinne der Prähistorie gesprochen: der älteren zur jüngeren Steinzeit. Sie hat ihre Überbleibsel hinterlassen in jenen Steinsetzungen, im Hinblick auf welche die archäologische Forschung von einer vorgeschichtlichen Megalithkultur (S121) spricht. Diese Steinsetzungen - Steingräber, Steinkreise, Steinreihen, Enzelsteine (Menhire) - finden sich über einen außerordentlich weiten Umkreis verbreitet; von Westeuropa und Nordafrika über die Gegenden der Krim und des Kaukasus, Mittelarabien und Abessinien bis nach Indien, ja bis Korea. Als ihre Hauptzentren betrachtet man heute einerseits Südindien, andrerseits Ägypten, und vermutet, daß sie von dem letzteren aus sich über das Mittelmeergebiet, namentlich aber über Nordafrika, Spanien, Frankreich, England und das nördliche Mitteleuropa verbreitet habe. Und zwar im Sinne nicht einer nationalen, sondern einer geistig-religiösen Kolonisation, gewissermaßen als eine "Wanderreligion" (K.J.Narr). Es handelt sich hierbei in erster Linie um eine bestimmte Form der Totenbestattung in Steingräbern, die als Ganggräber (Dolmen), Galeriegräber oder einfache Steinkisten vorkommen, in Ägypten in den Pyramiden ihre monumentalste architektonische Ausgestaltung erfahren haben. Doch finden sich neben den Steingräbern, teils in Verbindung, teils aber auch ohne äußeren Zusammenhang mit ihnen, auch Steinsetzungen in Form von Steinkreisen (Cromlechs, Stonehenges), Steinreihen und einzelnen pfahlartig aufgerichteten Riesensteinen (Menhire), die hauptsächlich in England und Frankreich (Bretagne) verbreitet sind. Zunächst deuten alle diese Anlagen auf eine besondere Pflege der Erinnerung an die Toten, d.h. des Ahnenkultes hin, die in diesem Kulturkreis geübt wurde. Von den Menhiren schreibt Kurt Tackenberg (Die jüngere Steinzeit Europas, Historia Mundi, Bd.IIS11ff), daß ihre Herleitung von Pfählen aus Holz wahrscheinlich sei. "Kennen wir doch schon aus dem Mesolithikum und dem jüngsten Paläolithikum hölzerne Vorbilder. Da im vorderen Orient Umsetzungen in Stein auch im Neolithikum vorkommen und da die Ethnographie sie in Holz und Stein für viele Kulturen in weltweiter Verbreitung nachweisen kann, muß für uns offen bleiben, ob die Menhir-Sitte des Westkreises auf alteuropäische Vorbilder in Holz zurückgeht oder wenigstens in ihrer Steinausprägung auch von Syrien-Palästina eingeführt wurde. Auffällig ist dabei, daß die Menhire mit dem Megalithgedanken nicht in ursprünglichem Zusammenhang zu stehen scheinen und erst in einem jüngeren Abschnitt des Neolithikums mit Megalithbauten in Kontakt kommen. Oft erheben sie sich allein und ohne Zusammenhang mit Begräbnisstätten. Bisweilen ragt ein Umfassungsstein eines Riesengrabes so weit über die anderen heraus, daß er als Menhir wirkt, oder steht ein Menhir so dicht bei einem Megalithgrab, daß er als dazugehörig betrachtet werden muß. In der Bretagne stehen die Menhire oft zu langen Reihen angeordnet... Die Gesamtanlage verrät den Zusammenhang mit dem Totenkult." In ähnlichem Sinn äußerte sich über die Bedeutung der Menhire schon zweieinhalb Jahrzehnte früher L.Reinhardt in seinem Werke "Der Mensch zur Eiszeit in Europa" (4.Aufl.1924): "Bis vor kurzem", so schreibt er, "wußte man nicht, was diese Steine zu (S122) bedeuten haben, bis man zunächst auf die Vermutung kam, Erinnerungszeichen an gewisse denkwürdige Ereignisse oder auch Grabsteine zu Ehren mächtiger Toten in ihnen zu erblicken. Nun, Grabsteine in unserm Sinne waren es nicht, wohl aber auf dem Grabe eines verehrten Ahnen errichtete Bildsteine, in denen man den betreffenden Totengeist durch Zauber gebannt wähnte, und dem man davor von Zeit zu Zeit Opfer an Speise und Trank darbrachte..." Später wurden auf ihnen in der Tat menschliche Gestalten mit Attributen, magischen Zeichen usw. abgebildet (so etwa in Frankreich). Für die geisteswissenschaftliche Forschung stellen sie sich dar als Überreste einer einstmals noch viel mannigfaltiger gearteten Setzung von Erinnerungszeichen, die zu dem Zweck erfolgte, die Erinnerung an bestimmte Ereignisse, Taten oder Persönlichkeit, die mit den betreffenden Orten verbunden waren, immer wieder anzufachen, wenn man sich an diesen Orten befand oder sich zum Zwecke von Opferkulten zu ihnen hinbegab. In vielen Fällen mögen diese Gedenksteine identisch gewesen sein mit Grabsteinen oder Grabdenkmälern, sie mögen in einer Zeit, da die Menschen sich noch ganz als Glieder von Blutszusammenhängen fühlten, die von bestimmten Ahnen hergeleitet wurden, dem Ahnenkulte gedient haben. In späterer Zeit sind sie dann wohl auch nicht nur mit Abbildungen und magischen Zeichen, sondern auch mit Inschriften versehen worden, wie solche z.B. die allerdings viel jüngeren nordeuropäischen Runensteine zeigen. Wesentlich ist in allen Fällen, daß durch diese Zeichensetzungen die Erinnerung an Ereignisse, die an bestimmtem Ort, zu bestimmter Zeit, also in der physischen Welt stattgefunden bzw. an Persönlichkeiten, die einmal und irgendwo auf Erden gelebt hatten, der Nachwelt übermittelt wurde. Wir haben es hierbei mit der ersten Form der Entwicklungsstufe der geschichtlichen Erinnerung zu tun, - geschichtlich sowohl dem Gegenstand nach, auf den sie sich bezieht, als auch ihrem Träger nach, insofern diesen nicht mehr das durch Geschlechterfolgen sich fortpflanzende Blut, sondern ein vom Menschen abgesondertes äußere Mittel bildet, das zu diesem Zwecke hergestellt wird. Und charakteristisch ist für diese erste Stufe, daß als solches Mittel die durch die Steinsetzung erfolgende Bezeichnung oder Auszeichnung desjenigen Ortes verwendet wird, mit dem der Gegenstand der Erinnerung verknüpft ist. Der Mensch stellt da die Zeichen seiner Erinnerung um sich herum im Raume auf, genauer: er versieht die verschiedenen Orte, die mit Ereignissen oder Persönlichkeiten verbunden sind, an welche er sich erinnern soll, mit Merkzeichen, so daß ihm dadurch seine räumliche Umgebung dauernd seine Vergangenheit zum Bewußtsein bringt. "Lokalisierte Erinnerung" nennt daher Steiner in der erwähnten Darstellung (GA233) diese erste Entwicklungsstufe des geschichtlichen Gedächtnisses. Denn das Mittel, dessen sich der Mensch da zur Entfachung oder Bewahrung seiner Erinnerung bedient, besteht in der (S123) Ausnutzung der Tatsache, daß er selbst als physisch-räumliches Wesen im physischen Raume lebt und sich bewegt. Man kann daher auch sagen, daß die geschichtliche Erinnerung auf dieser Stufe durch das Instrument des physischen Leibes angeregt wird. Steiner weist in diesem Zusammenhang darauf hin, daß diese Form der geschichtlichen Erinnerung sich in gewisser Weise bis in unsre Zeit erhalten hat: in der Denkmalkunst, wie wir sie noch heute pflegen. In der Tat stellt diese Kunst noch heute eine Art von "Geschichtsschreibung" dar. Wir brauchen etwa auf einer Reise durch Europa nur die Tausende von Schlachtmonumenten, Standbildern und Gedenktafeln zu besichtigen, die wir da antreffen können, und wir lernen dadurch ein gutes Stück europäischer Geschichte kennen.

   Eine zweite Stufe der geschichtlichen Erinnerung entwickelte sich in repräsentativer Art vor allem in den Kulturen Vorderasiens, hat darüber hinaus aber ebenfalls sowohl gegen Osten bis nach Indien, gegen Westen bis ins Mittelmeergebiet und nach Mittel- und Nordeuropa hin ihre Ausprägung gefunden. Steiner bezeichnet sie als die "rhythmisierte Erinnerung". Denn sie beruht darauf, daß durch die Rhythmisierung verschiedenster menschlicher Betätigungen und Verhaltensweisen die Erinnerung an vergangene Ereignisse der Geschichte angefacht oder lebendig erhalten wurde. Hier kommt in erster Linie die Rhythmisierung der Sprache in Betracht, wie sie durch die verschiedenen Arten der Versbildung (Metrum, End- oder Stabreim) erfolgt. Aber auch die Verdoppelung von Silben, wie wir sie etwa im Griechischen gerade in den Vergangenheitsformen des Verbums finden, gehört in diesen Zusammenhang. Denn alle Rhythmisierung beruht auf dem Prinzip der regelmäßigen Wiederholung. Diese bildet auch heute noch eines der wirksamsten Mittel, dessen wir uns bedienen, um irgend etwas unsrer Erinnerung einzuverleiben. Wir lernen deshalb Verse leichter auswendig als Prosa, weil ihre Wortfolgen durch die regelmäßige Wiederholung derselben Metren, Anlaute oder Endsilben unserm Gedächtnis sich leichter einprägen. Das alles hat darin seinen Grund, daß das Gedächtnis, wenn es in seiner Entwicklung einmal über die oben geschilderte erste Stufe der "lokalisierten Erinnerung" hinaus fortgeschritten ist, seine hauptsächlichste Stütze findet (wie schon im ersten Kapitel erwähnt) in der übersinnlichen Bildkräfte-Organisation, welche den Träger unsrer Lebensprozesse im engeren Sinne dieses Wortes (Atmung, Blutkreislauf, Drüsenfunktionen, Stoffwechsel) darstellt. Alle diese Lebensprozesse aber verlaufen in bestimmten Rhythmen. Indem wir irgendeine Betätigung rhythmisieren, bringen wir sie unsern Lebensprozessen näher, - machen wir sie diesen gleichsam verwandter - und damit dem, was die Erinnerung befördert. Kann doch schon die rhythmische Wiederholung als solche, die ein Urprinzip alles Lebendigen darstellt und in den verschiedensten Erscheinungsformen desselben sich offenbart, als eine Art von (S124) Erinnerung betrachtet werden. Der frühgeschichtliche Mensch auf der Stufe, von der an dieser Stelle die Rede ist, besaß noch eine hochgradige Regsamkeit und Sensibilität seiner Bildekräfte-Organisation. Denn die Fähigkeit des Denkens, durch die der Schwerpunkt des seelischen Erlebens sich dann in eine noch innerlichere Sphäre verlagert, war, obwohl bereits in Entwicklung begriffen, bei ihm noch nicht zur vollen Reife gekommen. Und so konnte er durch die angedeuteten Rhythmisierungsprozesse seine Gedächtniskraft zur höchsten Höhe steigern. Damit zieht in dieser Epoche die eigentliche Blütezeit des menschlichen Gedächtnisses herauf. Von dessen damaligen Fähigkeiten kann uns die Tatsache eine Vorstellung vermitteln, daß die homerischen Epen oder die Runen der Kalewala jahrhundertelang durch Sänger von einer Generation zur anderen mündlich fortgepflanzt wurden. Indem eben der Mensch jener Kulturstufe den Bericht über ein Ereignis oder eine Ereignisfolge nicht in Prosa, sondern in den stetig sich wiederholenden Rhythmen der gebundenen Rede in sich aufnahm, prägte dieser sich seinem Gedächtnis, d.h. seiner Lebensorganisation so stark ein, daß er ihn mit Leichtigkeit immer wieder zu reproduzieren vermochte.

   Diese Form der Erinnerung ist nicht zu verwechseln mit jener mythischen Kollektiverinnerung, die dem atlantisch-vorgeschichtlichen Menschen eigen war. Zwar beruhte auch die letztere auf dem Prinzip der Wiederholung, das allem Lebendigen innewohnt. Aber was da als Erinnerungsinhalt in jeder neuen Generation sich wiederholend auftrat, das trat da noch so auf, wie die menschliche Gestalt selbst sich in jeder neuen Generation stetig wiederholt. Es wurde unmittelbar mit dem Blute vom Vater auf den Sohn übertragen. Es bedurfte nicht des Mittels der sprachlichen Darstellung in gebundener Rede, die vorgetragen und gehört wurde. Es erzeugte sich gewissermaßen immer wieder von selbst im seelischen Erleben. Jetzt aber tritt eben die dichterisch gestaltete Darstellung der Vergangenheit auf, die schon bestimmte Individualitäten zu ihren Verfassern hat. Daß wir aber auch hier uns noch immer in den Anfängen der Geschichte befinden, das zeigt sich sowohl darin, daß die Verfasser solcher dichterischen Schöpfungen entweder vergessen wurden oder, wie Homer, selbst nur als mythische Gestalten in der Erinnerung fortlebten, wie auch darin, daß die Gegenstände solcher dichterischen Darstellungen noch halb mythisch, halb historisch sind, wie etwa die Taten und Helden, die im indischen Mahabharata, im Gilgamesch-Epos oder selbst noch in den homerischen Gedichten besungen werden. Und wenn neben den "Heldensagen" in dieser Gestaltung überall auch "Göttersagen" und Darstellungen der Kosmogonie auftreten, so hat dies darin seinen Grund, daß das älteste Erinnerungsgut des kosmogonischen bzw. urzeitlichen Mythus, welches jetzt das Blut nicht mehr zu bewahren vermag, in die dichterische Gestaltung gegossen und in dieser Form von Mund zu Mund (S125) durch die Jahrhunderte weitergetragen wird, bis schließlich auch diese Art der Überlieferung versagt und durch die schriftliche Fixierung ersetzt werden muß. Es ist übrigens eine speziell für das indische Geistesleben und die Entwicklungsstufe der Intellektualität, welche dieses vermöge seines ungeheuren Konservativismus im wesentlichen festgehalten hat, bezeichnende Tatsache, daß trotz der schriftlichen Fixierung, die schon in vorchristlicher Zeit seine Veden und großen Epen erfahren haben, die Überlieferung derselben innerhalb des Brahmanentums bis in unsre Zeit in der Hauptsache noch immer auf rein mündlichem Wege erfolgte, so daß es selbst in unserm Jahrhundert noch tausende von Brahmanen gegeben hat, welche die über 10 000 Verse des Rig-Veda auswendig wußten.

   Nun gehört aber zu der "rhythmisierten" Erinnerung nicht nur diejenige, die durch die eine oder andre Form von Rhythmisierung der Sprache entwickelt wird, sondern auch alles, was zusammenhängt mit der Einrichtung des Kalenders, die ja gerade in den vorderasiatischen und auch noch in den Mittelmeerkulturen eine bedeutende Rolle gespielt hat. Neben den kleinen Rhythmen der menschlichen Organisation kommt ja für das menschliche Leben eine gewichtige Bedeutung auch dem großen Lebensrhythmus der Erde zu, der sich im Jahreskreislauf manifestiert. Ja es ist - wie die bekannten Zahlenbeziehungen zwischen Atemrhythmus, Tageslauf, Jahreslauf und Weltenjahr (platonischem Jahr) zeigen - die Lebensrhythmik des Menschen bis ins Physiologische hinein sogar in geheimnisvoller Weise auf die großen und größten Rhythmen des Weltenlebens abgestimmt. Die Erinnerungsfähigkeit des Menschen kann daher ebenso gut dadurch entwickelt werden, daß das zu Erinnernde in Zusammenhang gebracht wird mit den großen Welten- und Erdenrhythmen, in welche das menschliche Leben hineingestellt ist. Dies geschieht vor allem dadurch, daß in jährlichen oder anderen zeitlichen Abständen regelmäßig wiederkehrende Feste eingerichtet werden, die an bestimmte Ereignisse der Vergangenheit erinnern, wie etwa das Passahfest, der Versöhnungstag, das Laubhüttenfest usw. der Hebräer oder die Feiern der olympischen, delphischen usw. Spiele in Griechenland. So wird ja z.B. das Passahfest von Moses mit den Worten eingesetzt (2.Mose12): "Ihr sollt diesen Tag haben zum Gedächtnis und sollt ihn feiern dem Herrn zum Fest, ihr und alle eure Nachkommen, zur ewigen Weise. Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen... Der erste Tag soll heilig sein, daß ihr zusammenkommt... Und haltet das ungesäuerte Brot; denn eben an demselben Tage habe ich euer Heer aus Ägyptenland geführt; darum sollt ihr diesen Tag halten, ihr und alle eure Nachkommen, zur ewigen Weise." Demselben Zweck dient es, wenn die Zeitrechnung an ein bestimmtes geschichtliches Ereignis angeknüpft wird, - wie es in Griechenland an die Stiftung der Olympischen Spiele oder in Rom an die Gründung der Stadt, oder wenn, wie in Ägypten, (S126) der Jahresbeginn im Laufe von je 1460 Jahren durch den ganzen Jahreskreislauf hindurchwanderte und dadurch den Blick der Ägypter hinlenkte auf jene großen Sothisperioden, deren die ägyptische Kultur von ihrer Stiftung durch den, freilich noch der mythischen Vorzeit angehörenden, Thoth an bis zu ihrem Absterben vier durchlaufen hat. Freilich haben, wie M.Eliade (a.a.O.) gezeigt hat, auch in Kalenderordnung und Zeitrechnung noch älteste, vorgeschichtlich-mythische Urerinnerung hineingespielt, so, wenn die Hebräer die Jahre seit der "Erschaffung der Welt" zählten oder die sieben Tage der Woche mit dem Ruhetag des Sabbath den sieben Tagen der Weltschöpfung nachbildeten. Doch werden wir an späterer Stelle zeigen, wie auch diese Zeitordnung gerade innerhalb des Hebräertums zur Ausbildung des eminent historischen Bewußtseins und Gedächtnisses beigetragen hat, durch welches dieses Volk vor andern sich auszeichnete.

   Während wir die Anfänge der erstgeschilderten, lokalisierten Erinnerung noch bis in die ersten Zeiten der nachatlantischen Entwicklung (das Mesolithikum) zurückdatieren müssen, wenn auch die aus ihr hervorgegangene Sitte der Steinsetzungen und Megalithgräber namentlich in dem damals langsamer sich entwickelnden Europa erst im Neolithikum den Höhepunkt ihrer Ausbreitung erreicht hat, gehört diese zweite, rhythmisierte Gestalt der Erinnerung ganz dem Neolithikum und den Anfängen der eigentlichen Geschichte an und geht Hand in Hand mit dem damals erfolgten Übergang von der Sammler- und Jägerstufe zu Ackerbau und Viehzucht. Denn Pflanzenbau und Tierhaltung mit ihrer Abhängigkeit von den Rhythmen der Tages- und Jahreszeiten, der Sonnen- und Mondumläufe regen in vornehmlichem Maße dazu an, das ganze Leben mit dem Elemente des Rhythmischen zu durchdringen, - insbesondere durch die Einrichtung einer Vielzahl von Jahreszeitenfesten.

   Auch diese Form der geschichtlichen Erinnerung hat ja in späterer Zeit noch eine wesentliche Weiterbildung und Ausgestaltung erfahren: vor allem innerhalb des Christentums. Nicht nur dadurch, daß für dessen Bekenner die "Geburt Christi" zum "Nullpunkt" geworden ist, von dem aus sie nach rückwärts und vorwärts die Jahre der gesamten Menschheitsgeschichte zählen, sondern auch dadurch, daß in den großen christlichen Kirchenfesten: Weihnachten, Palmsonntag, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten die Stationen des Lebens- und Leidensweges des "Heilands" ihnen jedes Jahr von neuem in Erinnerung gerufen werden. Und darüber hinaus wurde schließlich jeder Tag des Jahres mit dem Namen desjenigen unter den großen Repräsentanten der christlichen Geschichte verbunden, der an dem betreffenden Datum als Heiliger oder Märtyrer gestorben ist. So hat das "christliche Kirchenjahr" bis in die neuere Zeit herauf den Bekennern des Christentums (S127) die wesentlichen Gestalten und Ereignisse seiner Geschichte in stetiger Wiederkehr vor den erinnernden Blick gestellt.

   Den einschneidendsten Übergang in der Stufenfolge der verschiedenen Entwicklungsformen der geschichtlichen Erinnerung bildet derjenige von der eben besprochenen zweiten zur dritten Gestalt derselben: vom rhythmisierten zu jenem, das wir mit Steiner als das rein seelische oder Vorstellungsgedächtnis bezeichnen können. Er vollzieht sich in der ersten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrtausends, und die weltgeschichtlich repräsentativen Träger der neuen Stufe werden zunächst die Mittelmeerkulturen der Hebräer, der Griechen und der Römer. Was ihr voranging, war noch immer Zwischenphase zwischen Prähistorie und Historie, enthielt noch immer viel vorgeschichtliches Erbe in sich. Jetzt erst betreten wir im vollen Sinne geschichtlichen Boden. Denn erst diese dritte Form der Erinnerung ist eigentlich diejenige, die wir bei der prinzipiellen Gegenüberstellung von vorgeschichtlicher und geschichtlicher Erinnerung - im vorigen Kapitel - im Auge hatten. Mit ihr also gelangt die letztere erst zur vollen Ausprägung. Sie bringt jene mächtige Erinnerungskraft, welche dem im rhythmisierten Sprachelemente webenden Gedächtnis eignete, zum Erlöschen. Daher kommt jetzt nicht nur z.B. die Aufzeichnung der homerischen Gedichte zustande. Es wird die Schrift jetzt überhaupt zum wesentlichen Instrumente der geschichtlichen Erinnerung. Und so entsteht erst jetzt Geschichtsschreibung im eigentlichen Sinne des Wortes. Diese ist freilich in ihren Anfängen im wesentlichen auch nichts anderes als womit wir es bei der Aufzeichnung der homerischen Epen zu tun haben: Sammlung und schriftliche Fixierung der bisher nur mündlich überlieferten Erinnerung an die Vergangenheit. Und mit all dem steht in tiefem Zusammenhang, daß in dieser Zeit an die Stelle der noch mit dem mythischen Erleben verwandten Bilderschrift der vorderasiatischen Kulturen die Buchstabenschrift tritt, welche jetzt von Syrien und Palästina aus über Griechenland und Rom ihren Siegeszug antritt. Innerhalb des Hebräertums entsteht als erste und zugleich größte historiographische Leistung der aufblühenden Mittelmeerantike das Alte Testament, - in Griechenland wird Herodot zum Vater der Geschichtsschreibung, und ihm folgen alsbald weitere Meister derselben. "Geschichtlich" ist diese Form der Erinnerung aber insofern, als sie erst jetzt im vollen Maße persönliche Erinnerung geworden ist. Aufgeschrieben wird, was persönlich entweder aus noch fortlebender mündlicher Überlieferung der Vergangenheit erfahren oder als Gegenwartsgeschehen miterlebt wurde: so von Herodot in seiner Geschichte der orientalischen Völker und der Perserkriege, deren Zeitgenosse er war, - so von Xenophon in seiner "Anabasis des Kyros", an der er selbst teilgenommen, oder in seinen Erinnerungen an Sokrates, dessen Schüler er gewesen, - so von Thukydides in seiner Geschichte des peloponnesischen Krieges, den er miterlebt hatte, und so fort. Persönlich (S128) ist sie aber auch in dem Sinne, daß ihre Darstellung und Gestaltung den Stempel der Persönlichkeit trägt, die ihr jeweiliger Verfasser ist. Und es ist diese Erinnerung schließlich eine vorstellungsmäßige oder gedankliche, insofern sie das Mythische abgestreift hat und mit ihren Darstellungen des Vergangenen zugleich eine erkenntnismäßige Auseinandersetzung mit diesem durchführt. Dieser ihr Erkenntnischarakter kommt schon in der Bezeichnung "Historein" zu Ausdruck, die der "Vater der Geschichtsschreibung seinen Bestrebungen und Bemühungen gegeben hat, und die ja nichts weiter als "forschen" schlechthin bedeutet. Er führt dazu, daß die Vergangenheit nicht nur gedeutet, sondern auch bewertet und kritisch beurteilt wird, wie etwa bei Thukydides und später etwa bei Tacitus. Und durch diese kritische Auseinandersetzung mit ihr macht sich jetzt der Mensch in zunehmendem Maße unabhängig von ihrer ehemals lebengestaltenden Macht und gewinnt den Blick frei für die Zukunft und ihre Möglichkeiten und Gefahren.

   Und so ist es denn für diese Epoche auch charakteristisch, daß in ihr zum erstenmal in ausgeprägtem Maße neben Vergangenheitserinnerungen sich Zukunftsziele hinstellen und das menschliche Streben und Handeln impulsieren. In monumentalem Stile tritt uns diese Tatsache schon in der althebräischen Geschichte entgegen, indem zur Vergangenheitsschau der mosaischen Schöpfungsgeschichte ergänzend hinzukommt die Zukunftsvision der Propheten, welche das Leben und Streben dieses Volker hinorientiert auf das zu erwartende Kommen des Messias. Sie kann aber auch schon darin gesehen werden, daß Moses selbst zu seinem Schöpfungsbericht hinzufügt seine Moralgesetzgebung, durch welche seinem Volke vorgeschrieben wird, was in Zukunft geschehen soll. Dieser Doppelaspekt seines Gesamtwirkens spiegelt sich auch wider in dem geschichtlichen Geschehen, in dessen Mittelpunkt er steht: führte er doch sein Volk aus dem Bereiche der ägyptischen Kultur, die damals ganz in Vergangenheitskult zu versteinern im Begriffe war, durch das Niemandsland der Wüste hindurch bis an die Schwelle des "Gelobten Landes", in welchem es seiner Zukunftsmission entgegenreifen sollte.

   In andrer Art tritt uns diese Doppelpoligkeit, in die sich das geschichtliche Leben jetzt differenziert, im Philosophenvolke der Griechen entgegen. Zu seiner reichen Sagenwelt, in der es nicht nur in seine eigene, sondern - auf seine Weise - in die Menschheits- und Weltvergangenheit zurückschaute, gesellen sich auf dem Höhepunkte seiner Entwicklung, nachdem diese Schau mehr und mehr verdämmert war, jene philosophischen Werke seiner größten Denker, der "Staat" und die "Gesetze" Platos, die "Logik", die "Rhetorik", die "Poetik", die "Staatslehre" des Aristoteles, welche die Ziele, Regeln und Gesetze formulierten, die durch mehr als zwei Jahrtausende hindurch für das wissenschaftliche Forschen, das künstlerische Schaffen, das politische Leben der Menschheit richtungweisend und maßgebend geblieben sind. (S129)

  Welch fundamentale, allbeherrschende Bedeutung in diesem Zeitalter die schriftliche Aufzeichnung als Instrument der "geschichtlichen Erinnerung" schließlich erlangte, dafür gibt es kein eindrucksvolleres Zeugnis als die Tatsache, daß auch das größte Ereignis der Weltgeschichte, das gerade in diese Epoche fiel: die Erscheinung Jesu Christi nicht durch mündliche Überlieferung allein der geschichtlichen Erinnerung der Menschheit bewahrt werden konnte, sondern ebenfalls seine geschichtsschreiberische Darstellung erfuhr teils durch unmittelbare Teilnehmer an derselben, teils durch deren Schüler, - und auf diese Weise durch die Hinzufügung des Neuen zum Alten Testamente das "Buch der Bücher" entstanden ist. Freilich ist es zugleich höchst bedeutsam, daß bis gegen das Ende des Mittelalters die Heilige Schrift dem Klerus vorbehalten war, den Laien aber nicht ausgeliefert wurde, und diese letzteren von ihrem Inhalte nur durch die mündliche Unterweisung der Priester in der Messe und durch die bildlichen Darstellungen der mittelalterlichen Malerei und Plastik sowie der "Mysterienspiele" erfuhren. Und im Zusammenhang damit steht das andere, daß die katholische Kirche grundsätzlich die mündliche Überlieferung überhaupt als eine gegenüber der schriftlichen völlig gleichberechtigte betrachtet. Erst die reformatorischen Bewegungen des 16. Jahrhunderts haben den absoluten Primat, ja die ausschließliche Legitimität der schriftlichen Überlieferung verkündigt, - daher sie denn auch im großen Stile die Bibel durch ihre Übersetzung in die Volkssprachen unter dem Laientum verbreitete.

   Was sich mit dieser Wendung auf religiösem Gebiete vollzog, ist jedoch paradigmatisch für einen Vorgang von allgemeiner Bedeutung. Es weist nämlich auf den tiefen Einschnitt hin, den dieses Jahrhundert, wie von allen übrigen Gesichtspunkten, so auch vom Aspekte der Entwicklung der geschichtlichen Erinnerung aus bedeutet. Bis zum Ausgang des Mittelalters befindet sich die schriftlich fixierte Überlieferung, die ja, wir wir gesehen haben, das Gegenstück der ausgereiften Intellektualität darstellt, nur in den Händen der Gebildeten, der Gelehrten, des Lehrstandes. Unter ihr fließt noch, jetzt allerdings zu einer Unterströmung herabgesunken, innerhalb der breiten Masse des Laientums, das größtenteils noch auf der Stufe des Analphabetismus steht, die mündliche Überlieferung weiter dahin. Diese trägt ja auch noch zum überwiegenden Teile den Charakter der Sage, die in Gestalt von Götter-, Helden und Volksliedern von dem "fahrenden Volke" der Bänkelsänger und Spielleute durch Jahrhunderte fortgepflanzt wird und erst gegen das Ende des Mittelalters sich in schriftlichen Aufzeichnungen niederschlägt. Nicht nur aber ist das Element der Intellektualität während dieser Zeit, namentlich bei den germanischen Völkern, noch nicht bis in die untersten Volksschichten hinein durchgedrungen, es hat auch während der ganzen Epoche vom Aufgange des Griechentums bis zum Ausgange des Mittelalters in sich selbst noch nicht den (S130) höchsten Grad seiner Ausbildung, d.h. noch nicht den Gipfel der Abstraktionsfähigkeit erreicht. Davon war, von einem andern Gesichtspunkt aus, ja schon in früheren Kapiteln die Rede. Das bedeutet aber, daß es sich von diesen noch nicht in dem Maße auf dem Wege des Abstrahierens loszulösen vermochte, wie es ihm seit dem Beginne der neueren Zeit möglich geworden ist. In lapidarer Art kommt dies auf naturwissenschaftlichem Gebiete zum Ausdruck z.B. in dem Unterschied zwischen dem geozentrisch-ptolemäischen und dem heliozentrisch-kopernikanischen Weltbild. Während bei dem ersteren das begriffliche Bild vom Bau der Fixsternwelt und unsres Planetensystems sowie von den Bewegungen der Himmelskörper noch in voller Übereinstimmung steht mit der sinnlichen Erscheinung, welche diese darboten, befindet es sich bei dem letzteren im schroffsten Widerspruch zu ihr. Ein ähnlicher Unterschied ist aber auch auf dem Gebiete der Geschichte vorhanden.

   Die Gedanken der antiken Geschichtsforscher und Geschichtsschreiber sind noch mehr als diejenigen der modernen an ihre geschichtlichen Erfahrungen und Erlebnisse gebunden. Daher gehen sie im allgemeinen nicht über den Rahmen ihrer nationalen oder Zeitgeschichte hinaus und dringen in den Bereich fremder Völker und vergangener Zeiten nur soweit vor, als sie durch eigene Anschauung oder durch ihnen persönlich zugekommene mündliche Überlieferung sich diesen zu erschließen vermögen. Den vom persönlichen Erleben losgelösten, sehr abstrakten Begriff einer allgemeinen Menschheitsgeschichte vermögen sie bis zu Augustinus hin noch nicht zu konzipieren. Und auch er erfaßt diesen nur insoweit, als sich aus den Inhalten des Alten und Neuen Testamentes eine bestimmte Vorstellung von ihm ergibt. Und so, wie sie nach der einen Seite hin noch nicht zu den abgezogensten, allgemeinsten Gedanken vordringen, so entwickeln sie nach der andern Seite hin auch noch nicht ein so starkes Bedürfnis, wie der moderne Forscher, nach der exakten Feststellung oder Wiedergabe der rein phänomenalen Faktizität der geschichtlichen Ereignisse. Die geschichtlichen Tatsachen sind für sie schon immer - oder noch - mit einer bestimmten Bedeutung, mit einem Sinn, erfüllt. Und es kommt ihnen deshalb bei der Darstellung derselben mehr auf die innere als auf die äußere pragmatische Wahrheit an, - daher sie denn, um jene voll hervortreten zu lassen, bei der Schilderung dieser ihre dichterische Phantasie mitspielen lassen, darin dem Verfahren der Verfasser historischer Romane oder Dramen sich annähernd. Und so tragen ihre geschichtlichen Darstellungen weitgehend den Charakter künstlerischer Gestaltung.

   Anders ist dies seit dem Beginne der neueren Zeit geworden. Wie in der Naturwissenschaft erst jetzt der höchste Grad der denkerischen Abstraktionsfähigkeit erlangt wurde, er es ermöglichte, die ganz allgemeinen Naturgesetze der Physik zu statuieren und ein begriffliches Weltbild aufzubauen, (S131) das - nicht nur in der Astronomie, sondern ganz generell: durch die jetzt entstehende Lehre von der Subjektivität der Sinnesqualitäten - im schroffsten Widerspruche steht zur sinnlichen Erscheinung der Welt, so auch auf dem Gebiete der Geschichte. Der Begriff der allgemeinen Menschheitsgeschichte bricht sich jetzt, wie schon erwähnt, Bahn. Seit Cellarius (1685) wird ihre Einteilung in die drei Epochen des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit gebräuchlich. Es entsteht die Geschichtsphilosophie, der Sache nach mit Vico (1725), der Wortbezeichnung nach mit Voltaire (1756). Durch ihre Emanzipation von dem Elemente der geschichtlichen Erfahrung wird  die geschichtliche Begriffsbildung aber nicht nur umfassender, allgemeiner und abstrakter, sondern durch die Verinnerlichung, die damit verknüpft ist, zugleich auch individueller und subjektiver. Es entstehen, als ein Gegenstück zu den Theorien und Hypothesen der modernen Naturwissenschaft, die verschiedenen geschichtlichen Theorien, und zwar sowohl hinsichtlich der Struktur und der wirkenden Kräfte der Gesamtgeschichte wie auch einzelner ihrer Geschehnisse und Zusammenhänge. Und eben deshalb, weil man sich der Subjektivität aller dieser geschichtlichen Deutungen und Hypothesen mehr und mehr bewußt wird, macht sich nach der andern Seite hin in wachsendem Maße der Drang geltend, die reine Faktizität der geschichtlichen Ereignisse festzustellen, - zu erkunden, "wie es eigentlich gewesen" (Ranke). So entsteht die kritische Geschichtsforschung, für welche die "Quellenkritik" zum wichtigsten methodischen Instrumente wird. In ihrem Streben zu den geschichtlichen Fakten hin wirkt allerdings zugleich der Einfluß der auf das Empirisch-Tatsächliche dringenden naturwissenschaftlichen Forschungsweise, - und es wirkt, was noch wichtiger ist, in ihrer Auffassung von dem, was als geschichtliche Fakten zu gelten habe, außerdem die durch die moderne Naturwissenschaft entstandene materialistisch-mechanistische Weltanschauung, für welche als "wirklich" nur gilt, was physisch-materiell ist, und als wirkende Kraft bzw. als gesetzmäßiger Zusammenhang nur, was im Sinne mechanischer Kausalität gedacht werden kann. Die genannten Einflüsse täuschen diese Geschichtsforschung darüber hinweg, daß wir in der Geschichte überhaupt nicht im selben oder auch nur in analogem Sinne auf "Tatsachen" ausgehen können wie in der Naturwissenschaft, da uns ja die geschichtliche Vergangenheit niemals für die "Anschauung" gegeben sein kann, sondern zwischen sie und uns sich die Überlieferung als ein auf keine Weise zu eliminierendes Element hineinschiebt. Und so glaubt sie, zu den geschichtlichen Tatsachen vordringen zu können durch eine kritische Verarbeitung der "Quellen", für welche ihr allerdings der "Tatsachen"-Begriff wegleitend ist, der sich aus ihrer materialistischen Weltauffassung ergibt. Das bedeutet, daß aus dem Quellenmaterial alles das als unbrauchbar ausgeschieden wird, was legendär-sagenhafte, mythisch-sinnbildliche Elemente sind, und aus dem Rest ein (S132) geschichtliches Tatsachenbild konstruiert wird, das ihrer Auffassung von "Wirklichkeit" entspricht. Es braucht nur daran erinnert zu werden, wie für die moderne Bibel-Kritik auf diesem Wege der Christus der Evangelien sich in den "schlichten Mann aus Nazareth" verwandelt hat, wie ihr aber gleichzeitig die Bibel, die der Protestantismus ursprünglich für die einzig legitime Überlieferung der palästinensischen Ereignisse proklamiert hatte, wegen ihrer mythisch-sinnbildlichen Bestandteile als geschichtliche Quelle sozusagen völlig unter den Händen zerronnen ist, so daß ihr das "Leben Jesu" in bezug auf seinen tatsächlichen Verlauf nur in Form von Vermutungen und Schlüssen rekonstruierbar erschien, ja sogar seine historische Faktizität überhaupt teils angezweifelt, teils entschieden verneint wurde. Dieses Beispiel ist jedoch prototypisch für unzählige andere An ihm wurde nur besonder deutlich, wie wenig die geschichtliche Überlieferung, wenn man mit einem solchen Tatsachen-Begriff an sie herangeht, geeignet ist, uns die "Tatsachen" der Geschichte wirklich zu übermitteln, auf wie schwankendem, unsicherem Grunde daher alle Geschichtsanschauung steht, die sich auf "Quellen" gründet, und wie unvollständig und lückenhaft das Bild ist, das diese uns von der Vergangenheit übermittelt.

   Was aber die Zusammenhänge betrifft, welche diese Geschichtsforschung für die von ihr eruierten "Tatsachen" geltend machte, so bildete sie eine Kausalerklärung aus, die alle menschliche Freiheit ausschließt. Wenn z.B. K.Lamprecht in seiner Schrift über die "kulturhistorische Methode" die Sätze schrieb: "Die kulturhistorische Methode operiert mit einer bestimmten Voraussetzung, nämlich mit der Annahme, daß alles, was sich im Lauf der Geschichte ereignet, unter sich in einem ununterbrochenen Zusammenhang von Ursache und Wirkung steht. Sie steht also und fällt mit der Annahme einer absoluten Kausalität auch auf geistigem Gebiete... Denn daran kann kein Zweifel obwalten: eine Wissenschaft, die wirklich Ernst macht mit ihren Aufgaben, ist heutzutage ohne Durchführung des kausalen Gedankens nicht mehr denkbar", - so charakterisierte er damit eine Auffassung, die zu seiner Zeit sehr weitgehende Herrschaft erlangt hatte.

   Trotz alledem verdanken wir dieser kritisch-pragmatischen Forschung Unendliches hinsichtlich der Ermittlung geschichtlicher Fakten. Nur muß eben gleichzeitig gesagt werden, daß dennoch ein sehr großer Teil dieser Tatsachen, wie sie sie darstellt und deutet, nur ihre naturwissenschaftlich influenzierte materialistische Weltauffassung widerspiegelt. Und so lag schon eine gewisse Berechtigung darin, wenn mit dem schon erwähnten Buche Th.Lessings in unsrer Zeit der Versuch eines Nachweises aufgetreten ist, daß man es bei dieser ganzen "Historie" lediglich mit bestimmten nachträglichen "Sinngebungen" eines an sich selbst Sinnlosen zu tun habe, - wobei freilich die Auffassung des Verfassers, die geschichtlichen Ereignisse seien an sich eine (S133) Kette von Zufälligkeiten, selbst auch einen, nur anders gearteten, Ausfluß dieser selben Weltanschauung darstellte.

   Wollen wir ein Verhältnis zur Geschichte gewinnen, das unsrer tatsächlichen Situation ihr gegenüber entspricht, so bleibt uns nichts anderes übrig, als uns damit abzufinden, daß uns von der Geschichte überhaupt keine "Tatsachen" im naturwissenschaftlichen Sinne, sondern ausschließlich Überlieferung gegeben ist und daß diese daher das einzige Objekt bilden kann, mit dem wir uns zu beschäftigen haben. Sie bildet eine selbständige und in diesem Falle die in Betracht kommende Wirklichkeit, bei der wir stehen zu bleiben haben. Als solche betrachtet, schließt sie sich mit all dem, was uns an künstlerischen, dichterischen, philosophischen Schöpfungen, politischen Systemen und sozialen Ordnungen vergangener Zeiten überliefert ist, zu einem einheitlichen Ganzen zusammen. Dieses Ganze aber sind Schöpfungen des menschlichen Geistes, die in jedem Zeitalter einen bestimmten Stil aufweisen, in welchem die Bewußtseinsform sich widerspiegelt, die ihm in dem jeweiligen Zeitalter eigen ist. Damit aber kommen wir auf die Charakteristik der Geschichte als Bewußtseinsentwicklung zurück. die wir im ersten Kapitel gegeben haben, und auf die dort formulierte Aufgabe der Geschichtswissenschaft, die dahin gehe, die Geschichte primär als Ausdruck der Wandlungen zu begreifen, welche die Manifestation des menschlichen Geistes im Lauf der Zeiten erfährt. Denn alles andre: die jeweilige Gestaltung der gesamten Kulturverhältnisse des geistigen, politischen, sozialen Lebens wie auch der Form der "geschichtlichen Erinnerung" bzw. Überlieferung ist nur ein Symptom dieses Bewußtseinswandels. In diesem Sinne hat Steiner als die Methode einer sich selbst verstehenden Geschichtswissenschaft die "symptomatologische" bezeichnet. In durchdringender Klarheit hat diese Verhältnisse und die sich aus ihnen ergebenden Aufgaben der Geschichtsforschung aber auch schon J.J.Bachofen in der Vorrede zu seiner Schrift über die Tanaquilsage gekennzeichnet. Aus dieser sei hier nur der folgende Passus wiedergegeben:


   "Da es in der Natur des Menschen liegt, daß all sein Tun auf Erden in schneller Vergänglichkeit vorübereilt, so kann niemals das Ereignis selbst in seinem realen Verlaufe Gegenstand unserer Beobachtung ilden. Vielmehr muß, um das Flüchtige zu fixieren, die Tradition in das Mittel treten. Aber auch diese teilt die Natur de zugrundeliegenden Ereignisses. Gleich der äußeren Tat ist die innere der Auffassung und der Überlieferungsgestaltung das Produkt einer vorübergehenden, keiner stabilen, ewig unwandelbaren Potenz, fließend und flüchtig wie die Handlung und daher gleich allem, worin Leben wirkt, selbst der Geschichte verfallen. Hieraus folgt, daß die historische Forschung immer vor einer geistigen, der Entwicklung und Fortbildung unterworfenen Erscheinung steht, daß die realen und idealen Elemente der Tradition nicht nebeneinander, sondern ineinander liegen, folglich einer Scheidung und (S134) Aussonderung sich entziehen, und daß schließlich, für die Geschichte der Vergangenheit nie eine reale, aber stets eine geistige Wahrheit erlangt werden kann..."

   Wie betrachtet nun die naturforschende (d.h. hier die durch Bachofen selbst vertretene Methode der Geschichtsforschung, d.V.) dieses Objekt, die Überlieferung?

   "Ausgeschlossen bleiben... alle jene mit Hilfe eines mechanischen Formalismus durchgeführten Operationen, welche man durch den glänzenden Namen der Quellenkritik oder Quellenkontrolle zu empfehlen und als eine der höheren Funktionen des wissenschaftlichen Forschens zu betrachten pflegt. Als da sind die Wertloserklärung einer Überlieferung oder die Verdächtigung eines Schriftstellers aus dem Grunde seines verhältnismäßig späten Lebensalters, der Mangelhaftigkeit, Unnachweislichkeit oder sorglosen Benützung älterer Quellen, die Auswahl einer einzelnen Autorität auf Kosten aller übrigen, die Verstümmelung der Berichte durch Anpreisung eines einzelnen Zuges, Verwerfung der übrigen, oder Kombination der gebilligten Bruchstücke zu einer ganz neuen Erzählung, endlich die wirkliche oder eingebildete Pseudonymität des Autors. Denn alle Fragen, die man durch diese rein äußerlichen Mittel zu entscheiden sucht, finden ihre Lösung nicht auf dem philologischen Gebiete, sondern auf dem höheren der Ideenerklärung, welche die vorgängige, ungeschmälerte und rückhaltlose Anerkennung des ganzen, von Verständigen und Unverständigen überlieferten Stoffest gebieterisch voraussetzt... Ich gelange... zu der wichtigsten Aufgabe der wahrhaft objektiven Geschichtsbetrachtung, nämlich zu der Frage nach der Behandlungsweise des auf die angegebene Art ermittelten Überlieferungsstoffes. Auch hier würde es mir schwer fallen, die Konsequenzen der naturforschenden Methode ohne Rücksichtsnahme auf ihr Gegenteil ganz deutlich zu machen. Ich sage also nicht nur, daß wir jede in der Tradition gebotene Erscheinung als einen selbständigen, durch sein Dasein gerechtfertigten, in sich geschlossenen geistigen Organismus zu betrachten, jede nach dem Gesetze, aus welchem sie geworden ist, aufzufassen, und keine Idee anders als durch sich selbst zu erläutern haben, sondern füge hinzu, daß die größte Versündigung gegen dieses Prinzip darin besteht, wenn wir den Objekten der Beobachtung uns selbst auferlegen, die eigenen Gedanken in die fremden Dinge hineintragen, statt die Ideen dieser in uns aufzunehmen, und so tadeln und räsonierend gleichsam vor die Natur hinzutreten, statt uns ihr unterzuordnen und sie in ihrer ganzen Eigentümlichkeit zu erkennen."---"Soll mit diesen allgemeinen Aussprüchen die Erläuterung der einzelnen Anwendung sich verbinden, so ist wiederum das gegenwärtig zu halten, was über die Natur der Überlieferung früher bemerkt wurde. Da die Fixierung der stets flüchtigen Tat, so schließen wir, die Dazwischenkunft der Tradition (S135) verlangt, die Gestaltung dieser aber ein rein geistiges,von der Denkweise und der intellektuellen Bildung einer bestimmten Zeit, folgeweise von einem festen Gesetz abhängiges Faktum ist, so kann die richtige Objektivität nur darin bestehen, aus der genauesten, rein sachlichen Beobachtung der Erscheinung zu der Erkenntnis des Bildungsgesetzes, aus dem sie hervorgewachsen ist, hindurchzudringen." --- "Da ferner die Tradition infolge ihrer geistigen Natur gleich dem Geiste selbst unmöglich wechsellos und ohne Entwicklung sein kann, vielmehr den Umbildungen der Denkweise folgen muß, und dadurch in dem Lauf der Jahrhunderte eine Reihe von Traditionsformen entsteht, deren jede von neuem einem bestimmten Bildungsgesetze folgt, so muß die Aufgabe der Erklärung... nicht nur einmal, sondern so oft als verschiedene Erscheinungen vorliegen, gelöst werden. Wobei es hauptsächlich darauf ankommt, die einzelnen Glieder dieser Sukzession sorgfältig auseinanderzuhalten, das Bildungsgesetz eines jeden wiederum nur aus ihm selbst zu erkennen und in seiner eigenen Sprache auszudrücken." ---"Da endlich die Fortentwicklung der Tradition, wie die des menschlichen Geistes überhaupt, nur eine allmähliche, folglich stets nur eine partielle sein kann und deshalb jede folgende Stufe aus alten traditionellen und neu hinzutretenden Gedanken gemischt sein wird, so folgt, daß eine echt objektive Betrachtung nie bei einer einzelnen Erscheinung und einer besonderen Zeit stehenbleiben, sondern jede mit der früheren und der späteren in Verbindung setzen, folglich die Einzeluntersuchtung stets im Geiste des Ganzen unternehmen soll."---"Es läßt sich nicht leugnen, daß die Durchführung der aufgestellten drei Hauptkonsequenzen unsres obersten Grundsatzes eine weit größere Vertiefung des Geistes erfordert und weit ernstlichere Schwierigkeiten darbietet als das beliebte Modernisierungsprinzip einer immer mehr zur Dienerin der Tagesinteressen herabsinkenden Wissenschaft. Aber auf keinem andern Wege läßt sich zu festen Ergebnissen gleich jenen, worauf die neuere Naturkunde nach langem, blindem Herumtappen ihren Fortschritt und ihren Ruhm gründet, jemals gelangen. Der Hauptgewinn unsrer Methode liegt darin, daß wir durch sie zu einer inneren Konstruktion der Geschichte emporsteigen. Die historische Naturforschung erkennt die übereinander gelagerten Schichten der allmählich in die Erscheinung getretenen Geistesarten, weist jeder die ihr zugehörenden Reste an, zeigt die Genesis der Ideen, und führt, alle Stufen der Wirklichkeit durchschreitend, unsern Geist zum Anblick dessen, was er in der Sukzession der Zeiten gewesen, aber heute nicht mehr ist... Die Wahrheit wird in der notwendigen Verknüpfung aller Glieder und in dem Zusammenhang des Ganzen, nicht stückweise, erkannt." (S136)

   Es erhebt sich nur die Frage, ob mit diesen geschichtsforscherischen Zielsetzungen das letzte Wort über unser Verhältnis zur Geschichte gesagt ist, oder ob - angesichts der gerade auch von Bachofen betonten Tatsache, daß "die Tradition infolge ihrer geistigen Natur gleich dem Geiste selbst unmöglich wechsellos und ohne Entwicklung sein kann" - für die Zukunft mit weiteren Metamorphosen der "geschichtlichen Erinnerung" gerechnet werden muß. Dieser Frage soll das nächste Kapitel gewidmet sein.

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Kapitel 3:  II.3 Zukunftsform der geschichtlichen Erinnerung