UA-34182763-1

 

°

 

II. Erinnerung und Überlieferung

3. Die Zukunftsform der geschichtlichen Erinnerung
(S137)   Mit den im Vorangehenden geschilderten drei Hauptstufen der geschichtlichen Erinnerung ist die Gesamtfolge derselben in der Tat noch nicht abgeschlossen. Ihr Abschluß wird vielmehr erst mit der Ausbildung einer vierten erreicht. Daß dem so ist, liegt im menschlichen Wesen selbst begründet. Freilich gehört die vierte Stufe, um die es sich dabei handelt, heute noch im wesentlichen der Zukunft an. Sie wird selbstverständlich ebenso, wie dies für die drei ihr vorangehenden aus den bisherigen Ausführungen wohl ersichtlich geworden ist, der Ausdruck einer bestimmten Entwicklungsstufe sein, die das menschliche Bewußtsein im Ganzen erreichen, und die sich auch auf allen andern Gebieten des geistigen und materiellen Lebens der Menschheit in charakteristischen Formen ausprägen wird. In ihr wird sich nur das Verhältnis widerspiegeln, welches die Menschheit auf dieser Bewußtseinsstufe  speziell zur Geschichte, genauer: zur geschichtlichen Vergangenheit haben wird. Es kann daher diese künftige Form der geschichtlichen Erinnerung isoliert für sich weder gedacht noch auch dargestellt werden. Im Grunde müßte ihrer Schilderung eine ganz allgemeine Charakteristik dieser künftigen Bewußtseinsform vorangehen. Eine solche im umfassenden Sinne zu geben, würde an dieser Stelle jedoch zu weit führen, da auch dieses Kapitel noch speziell dem Problem der geschichtlichen Erinnerung gewidmet sein soll. Es ist aber eine solche umfassende Schilderung hier auch noch nicht nötig, da wir in den folgenden Teilen dieses Werkes noch von den verschiedensten anderen Aspekten aus die künftige Bewußtseinsform, um die es sich hierbei handelt, zu schildern haben werden. Und es müssen eben diese verschiedenen Schilderungen als ein zusammengehöriges Ganzes betrachtet werden. Wir beschränken uns daher in diesem Kapitel darauf, diese Bewußtseinsform zunächst nur insoweit zu charakterisieren, als es zum Verständnis dieser vierten Stufe der geschichtlichen Erinnerung unbedingt nötig ist. Andrerseits müssen wir aber den Ausblick auf diese Stufe derselben schon an dieser Stelle geben, weil mit ihr ganz wesentlich verknüpft ist, was durch diese Schrift als Beitrag zur Grundlegung einer Geschichtswissenschaft geliefert werden soll, und was im engeren Sinne dieses Wortes besonders in den nächstfolgenden Kapiteln zur Darstellung kommen wird.
   Hiefür kann an mancherlei angeknüpft werden, was bereits in den bisherigen Kapiteln ausgeführt worden ist. Wir erinnern fürs erste daran, daß wir schon des öftern als ein Grundmotiv der geschichtlichen Phase des Menschheitswerdens 
(S138) die mit der Entwicklung des Denkens verknüpfte Individualisierung der in der Vorgeschichte noch "kollektiv" wirkenden menschlichen Geistigkeit bezeichnet haben. Man kann diesen Prozeß auch als die Verselbständigung der menschlichen Individualität als geistiger Wesenheit kennzeichnen. Der einzelne Mensch stellt sich geistig sozusagen immer mehr auf die eigenen Füße.
   Was dieses im tieferen Sinne bedeutet, darauf haben wir dann besonders am Ende des vierten Kapitels hingewiesen. Wir zeigten, wie das Wesen und die Weltstellung des Menschen, in der allgemeinsten Form gefaßt, in seiner Universalität gesehen werden muß, die in seiner Bezeichnung als Mikrokosmos zum Ausdrucke kommt. Und wir sahen, daß dieses Wesen während der Urzeit in der leiblichen Sphäre in der Menschengestalt sich ausprägt, wie sie als einheitlich-gleiche allen Menschen zukommt, - daß es sich in der Vorgeschichte in der seelischen Sphäre in der Bildung der Sprache offenbart, die in ihrem wahren Wesen allerdings nur erfaßt wird, wenn man die von den verschiedenen Sprachgemeinschaften gesprochenen Sprachen als bloße Teile der von der Menschheit als ganzer gesprochenen Gesamtsprache auffaßt; - und daß es sich schließlich in der Geschichte auf der geistigen Ebene manifestiert im Denken, insofern durch dieses wenigstens grundsätzlich der gesamte Begriffskosmos vom einzelnen Menschen als solchem schöpferisch hervorgebracht werden kann. Das bedeutet aber ebensoviel wie daß das wesentlich Menschliche auf der ersten Stufe in dem zum Ausdruck kommt, was zwar in jedem Menschen vorhanden ist, aber nicht als sein Individuelles, sondern als das Gattungsmäßige an ihm, - daß es auf der zweiten Stufe durch die Gesamtmenschheit als eine in Teile gegliederte Ganzheit vertreten wird, - und daß es auf der dritten Stufe durch den einzelnen Menschen repräsentiert wird, aber jetzt nicht durch das, was gattungsmäßig an ihm ist, sondern durch seine Individualität. Die Individualisierung des Menschen im Verlauf der Geschichte bedeutet also nicht nur, daß jeder ein Einzelner, Besonderer, Einmaliger werden, sondern daß er sich zum Repräsentanten des Menschlichen schlechthin ausbilden soll - oder umgekehrt gesprochen: daß das Menschliche schlechthin im Verlauf der Geschichte durch die einzelnen Menschen als solche zur Darstellung kommen soll. Es handelt sich also auch hierbei wesentlich wieder um die Ausprägung des Menschlichen, nur eben wieder auf einer höheren Stufe, in einer neuen Form. Da aber das wesentliche Menschliche in seiner Universalität liegt, so besagt der geschichtliche Individualisierungsprozeß mit andern Worten, daß im Verlauf der Geschichte der universelle Charakter der menschlichen Individualität bzw. des Individuellen im Menschen zur Ausgestaltung kommen soll. Diese Grundeinsicht in das Wesen der Geschichte, die in den folgenden Kapiteln noch von vielen Seiten her (S139) beleuchtet werden wird, sei hier zunächst einmal in dieser allgemeinen Formulierung festgehalten.
   Was nun das Wie dieser Ausgestaltung betrifft, so würde für eine grundsätzliche Charakteristik derselben als Darstellungsmittel die scholastische Universalienlehre nicht mehr ausreichen. Wir konnten diese in den früheren Kapiteln zwar verwenden zur Kennzeichnung der Unterschiede zwischen Urzeit, Vorgeschichte und Geschichte. Was dabei aber als Charakteristik der Geschichte sich ergab: nämlich die Ausgestaltung der universalia post res in der menschlichen Seele durch das denkerische Abstraktionsvermögen, das charakterisiert diese nur in ihrem Unterschied, in ihrem Sichabheben von der Vorgeschichte. Es reicht jedoch nicht aus zu einer vollständigen Wesensbestimmung der Geschichte. Zwar kommt allerdings das abstrahierende Denken, die Ausgestaltung der universalia post res, erst in der geschichtlichen Phase zur Entwicklung und gibt dieser insofern zunächst das Gepräge, aber es erschöpft nicht das Ganze dieser Phase. Es kommt vielmehr zu ihm im Verlauf der Geschichte noch ein Weiteres hinzu, das sich in der Begriffssprache der Universalienlehre, wie sie im Mittelalter ausgebildet wurde, nicht mehr darstellen läßt. Daß dies nicht mehr möglich ist, hat darin seinen Grund, daß dieses "Weitere" eben erst im Verlauf der neueren Zeit aufzutreten begann. Denn es hat zur Voraussetzung, daß das Abstraktionsvermögen des Denkens auf seinem Höhepunkt angelangt ist. Und dies war, wie bereits öfter erwähnt, eben erst im Beginne der Neuzeit der Fall.
   Indem aber das Begriffliche immer abgezogener, reiner und allgemeiner wird, erweitert es sich zuletzt bis zum allgemeinst-möglichen Begriff. Dies ist der Begriff des Begriffes selbst. Mit der Konzeption dieses Begriffes reißt sich das Denken von allen sinnlichen Erfahrungsinhalten völlig los und ergreift sich in sich selbst. Was sich damit aber eigentlich in sich selbst ergreift, ist die nun gänzlich individualisierte menschliche Geistigkeit, - anders gesagt: die menschliche Individualität als geistige Wesenheit. Und indem sie sich so in sich selbst erfaßt, wird sie erst im vollen Sinne zum "Ich", - welcher Name ja der Ausdruck für diesen Akt der Selbsterfassung ist, - bringt sich als "Ich" gewissermaßen selbst zum Dasein. In der hierdurch angedeuteten Operation liegt das Grundmotiv der ganzen modernen Philosophie, - liegt das, was diese von der mittelalterlichen unterscheidet, - und in der Ausgestaltung dieses Grundmotivs lassen sich drei wichtigste Marksteine bezeichnen.
   Den ersten derselben bildet bereits die Begründung der neueren Philosophie, wie sie durch Descartes mit dem "cogito ergo sum" vollzogen wird. In diesem Satz kommt das Sichselbsterfassen des modernen Menschen in seiner Denktätigkeit und das dadurch bedingte Erleben der Wirklichkeit seines "Ichs" d.h. dessen, was sich da in sich selbst erfaßt, zum erstenmal zum Ausdruck (nachdem allerdings auch auf diesem Gebiete bereits ein Jahrtausend früher 
(S140) in Augustinus ein einsamer Vorläufer dieser Bewußtseinsstufe aufgetreten war). Freilich kommt es bei Descartes gerade nur bis zu diesem Erlebnis; er bleibt unmittelbar bei ihm stehen, zieht aber noch nicht die Konsequenz, die sich aus ihm ergibt, insofern der Akt der Selbsterfassung des Denkens wirklich restlos vollzogen wird, Denn indem er nun bestimmt, als was das Ich existiere, kommt er zu nichts weiter als dazu, es als "denkende Substanz" zu definieren, die er der "ausgedehnten Substanz" des Leibes bzw. der materiellen Welt überhaupt gegenüberstellt.
   Einen zweiten Markstein auf dem dadurch betretenen Entwicklungswege bildet sodann die Philosophie des deutschen Idealismus, wie sie, durch Kant nur erst eingeleitet, im wesentlichen durch Fichte, Schelling und Hegel ausgestaltet wird. Durch sie wird die Selbsterfassung des Denkens so kraftvoll weitergetrieben, daß wie mit Selbstverständlichkeit aus diesem Akt das Erlebnis der Universalität des menschlichen Ichs aufsprießt. Dieses erscheint da als das Absolute, das Subjekt-Objekt, als die Identität des Realen und des Idealen, als der Geist, der durch seine dialektische Bewegung alle diese gegensätzlichen Momente erzeugt und in immer umfassenderen Synthesen wieder aufhebt bzw. miteinander versöhnt. In wie kühnen, grandiosen Gedankenentwicklungen aber auch, namentlich durch Schelling und Hegel, dargestellt wird, wie die Geheimnisse der Welt, des Kosmos im menschlichen Ich sich aussprechen, so bleibt dennoch das Erleben dieser Denker im wesentlichen bei dieser Fundamentalerfahrung stehen.
   Ein dritter Schritt auf diesem Wege wurde erst durch Rudolf Steiner am Ende des 19. Jahrhunderts getan. Wir erwähnten ebenfalls schon im vierten Kapitel, wie den Keimpunkt, aus dem die ganze von ihm begründete Anthroposophie sich entfaltet hat, die erlebende Selbsterfassung des Denkens gebildet habe, wie er sie in seinen erkenntnistheoretischen Schriften aus den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts (1880-1890) beschrieben hat. Anstatt nun aber an das Erlebnis der Universalität des Ichs, zu dem dieser Akt führt, spekulative Gedankenentwicklungen im Stile der idealistischen Philosophie anzuschließen, erweiterte er den dadurch erschlossenen Erfahrungsbereich Schritt für Schritt, indem er die Kraft der Selbsterfassung des Ichs durch immer wiederholten Vollzug dieses Aktes fortschreitend erhöhte. Auf diesem Wege, dessen einzelne Phasen von ihm historisch in seiner Selbstbiographie (Mein Lebensgang), in systematischer Darstellung aber in seinen anthroposophischen Grundwerken (Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, Theosophie, Geheimwissenschaft im Umriß) beschrieben worden sind, vertiefte sich ihm das Erlebnis der Selbsterfassung des Ichs in der Weise, daß dessen universeller, menschheitlicher Charakter sich auch durch die innere, seelisch-geistige Erfahrungstatsache bestätigte, daß dieser innerste Wesenskern des Menschen durch wiederholte Erdenleben hindurchwandert und auf diesem (S141) Wege der Reinkarnation nicht nur die gesamte Menschheitsgeschichte mitmacht, sondern auch Stück für Stück den Gesamtinhalt des Menschlichen in sich zur Ausprägung bringt. Eine solche Erfahrung ist - nach der Darstellung Steiners - dadurch möglich, daß mit der Selbstergreifung des Ichs in der Denktätigkeit ein Prozeß der Loslösung des seelisch-geistigen Wesens des Menschen von seiner physischen Organisation eingeleitet wird, der in seinem weiteren Fortgang zu einer solchen Unabhängigkeit desselben von der leiblichen Hülle im Erleben seiner selbst führt, daß, was sonst als Erinnerung an frühere Erdenleben tief im Unbewußten verbleibt und sich nur in der Gestaltung des Schicksals auswirkt, in ein leibfreies Bewußtsein heraufgehoben werden kann. Über die Bedeutung der so von Steiner errungenen Erfahrungserkenntnis von der Reinkarnation des Menschengeistes für die Erkenntnis der Geschichte wird im zweiten Bande dieses Werkes noch von den verschiedensten Gesichtspunkten aus die Rede sein. An dieser Stelle soll zunächst nur dies hervorgehoben werden, daß mit dieser Reinkarnationserkenntnis, die also für denjenigen, der sie sich als Erfahrungserkenntnis (geistig-seelischer Art) erringt, identisch ist mit der Fähigkeit, in geistiger Rückschau sich seiner früheren Erdenleben zu erinnern, eine neue, vierte Gestalt der geschichtlichen Erinnerung auftritt.
   Soll diese in ihrem Verhältnis zu den drei im letzten Kapitel geschilderten, ihr vorangehenden Formen der geschichtlichen Erinnerung charakterisiert werden, so ist daran zu erinnern, daß die erste derselben, die "lokalisierte", wie wir schilderten, den physischen Leib als Glied der physischen Raumeswelt zu ihrem Instrument hatte, - die zweite, die "rhythmisierte", auf die Lebensbildekräfte-Organisation als ihren Träger sich stützte, - die dritte, die seelische oder gedankliche, unmittelbar im Elemente des Seelisch-Persönlichen webte. Alle diese drei Elemente bilden aber nach den Ergebnissen der anthroposophischen Forschung (siehe z.B. Steiners "Theosophie") nur die drei Hüllen, in welchen als der eigentliche Kern des menschlichen Wesens jenes vierte Glied lebt, das wir im Hinblick auf seine universelle Wesenheit als das Geistige (durch den ganzen Kosmos "Ausgegossene") in ihm bezeichnen können, in Hinsicht jedoch auf seine Fähigkeit, sich in sich selbst zu erfassen, als sein "Ich". Dieses letztere ist der Mensch, während er das erstere: die drei Hüllen nur an sich trägt, allerdings im Laufe seines Daseins immer mehr mit seinem Wesen durchdringt und zum Ausdruck desselben gestaltet. In der "Reinkarnationserinnerung" nun wird zum Träger jener Gedächtniskraft, die sich im Lauf der Geschichte entwickelt, ganz unmittelbar der Wesenskern des Menschen, sein "Ich". Indem sie aber hinsichtlich ihrer Träger so von der äußeren Hülle, dem physischen Leib, bis zum Kern des Menschen fortschreitet, erreicht die Ausbildung dieser Erinnerungskraft erst auf dieser vierten Stufe ihren Höhe- und Zielpunkt. Es ist dies auch in dem Sinne der (S142) Fall, daß diese Erinnerungskraft erst jetzt in Wirklichkeit das wird, als was wir sie bisher schon immer bezeichneten, indem wir von ihr als geschichtlicher Erinnerung sprachen. Denn eigentlich war die ganze bisherige geschichtliche Entwicklung, und zwar in steigendem Maße, dadurch gekennzeichnet, daß der Mensch nicht die Fähigkeit hatte, unmittelbar in und durch sich selbst die Erinnerung an die geschichtliche Menschheitsvergangenheit zu bewahren, und sich zu diesem Zwecke deshalb äußerer Mittel bedienen mußte, - als da waren äußerlich lokalisierte Merkzeichen, rhythmisch gestaltete sprachlich-dichterische Erzählungen, zuletzt schriftliche Aufzeichnungen. Erst auf der vierten Stufe dieser Erinnerungsentwicklung wird er von diesen äußeren Hilfsmittel unabhängig und erlangt die Fähigkeit, aus seinem eigenen Innern die Erinnerung an längstvergangene, Jahrhunderte zurückliegende Ereignisse herauszuholen. Selbstverständlich wird diese Unabhängigkeit nicht auf einmal für die ganze Geschichte erreicht, sondern zunächst nur für einzelne wenige Punkte derselben. Entscheidend ist jedoch, daß diese Punkte verschiedenen geschichtlichen Epochen angehören. Denn dadurch wird in der Rückschau auf frühere Erdenleben gewissermaßen "am eigenen Geiste" die innere Verschiedenheit der geschichtlichen Epochen in analoger Weise unmittelbar erfahren, wie etwa innerhalb eines einzelnen Erdenlebens die Unterschiede der verschiedenen Lebensalter "am eigenen Leibe" erlebt und für die gewöhnliche Erinnerung bewahrt werden können. Und dadurch erfährt, was an äußerer geschichtlicher Überlieferung im weitesten Sinne vorhanden ist, und was diese an Stilwandlungen im Laufe der Jahrtausende durchlaufen hat, eine durchdringende innere Erhellung.
   Es leuchtet die fundamentale Bedeutung wohl unmittelbar ein, welche dieser Errungenschaft für die Weiterentwicklung der Geschichtserkenntnis zukommt. Weil sie erst einen unmittelbar erfahrungsmäßigen Zugang - freilich im Sinne einer geistigen Erfahrung - zur geschichtlichen Vergangenheit eröffnet, wird die letztere durch sie erst zu einer wirklichen Geschichtswissenschaft erhoben. Die äußere geschichtliche Überlieferung wird durch sie nicht überflüssig; für deren Verständnis und Interpretation aber entsteht eine neue im eigenen Innern sich erbildende Grundlage. Und indem das, was aus der gekennzeichneten innern geistigen Erfahrung spricht, sich verbindet mit dem, was uns aus den überlieferten Dokumenten von außen entgegenkommt, erlangt das geschichtliche Erkennen erst jene innere Sicherheit, die sich vergleichen läßt mit derjenigen, die wir im Naturerkennen erreichen, indem wir äußere Sinnestatsachen mit den aus unserem Innern erbildeten mathematisch-geometrischen Vorstellungen durchdringen.
   Damit ist, zunächst von einer Seite her, auf die Erkenntnisquellen und die Methode derjenigen Geschichtserkenntnis hingewiesen, die in diesem Buche als eine wahrhaft geschichtswissenschaftliche vertreten wird. Und es ist im weiteren (S143) ein neues Licht darauf geworfen, worin es begründet liegt, daß gerade unsere Epoche - und erst sie - dazu berufen ist, eine wirkliche Geschichtswissenschaft auszubilden. Es hat dies eben darin seinen Grund, daß erst im Laufe unsrer Epoche allmählich eine wirkliche geschichtliche Erinnerung als eine unmittelbar dem Menschen selbst innewohnende Fähigkeit sich entwickeln wird. Es ist dies durch das bedingt, was, wie wir oben zeigten, das eigentlichste Geheimnis der Geschichte selbst ausmacht und in ihrem Verlaufe immer mehr zur Offenbarung kommen wird: daß es sich nämlich in ihr um die Ausprägung der universellen Wesenheit der menschlichen Individualität handelt. Denn das "Reinkarnationsgedächtnis" als die eigentliche, wahre "geschichtliche Erinnerung" wird, obwohl diese innerhalb der menschlichen Persönlichkeit auftreten wird, dennoch nicht mehr eine nur persönliche, sondern eine überpersönliche sein, wie die menschliche Individualität selbst überpersönlich ist. "Persönlichkeit" ist nur die seelische Gestalt, in welcher die unvergängliche menschliche Individualität innerhalb einer einzelnen Verkörperung zur Erscheinung kommt. Von diesem Persönlichen macht sich aber die menschliche Erinnerungskraft in dem Maße unabhängig, in welchem die menschliche Individualität selbst zu ihrem Träger wird. Und so kann man auch sagen, daß die "geschichtliche" Erinnerung des Menschen zu einer solchen im wahren Sinne des Wortes erst wird, wenn sie von einer persönlichen in eine überpersönliche sich wandelt. Denn erst dann umfaßt sie, was nicht nur in den zeitlichen Grenzen eines einzelnen Erdenlebens, einer einzigen Verkörperung eingeschlossen ist, sondern erstreckt sich über viele Inkarnationen, über Jahrhunderte und Jahrtausende d.h. unmittelbar über die Menschheitsgeschichte als solche.
   Durch das Erringen eines "Reinkarnationsgedächtnisses", wie es auf der gegenwärtig erreichten Stufe der menschlichen Ich-Entwicklung auf den von Rudolf Steiner erschlossenen Geisteswegen erlangt werden kann, wird aber nicht nur eine eigentliche geschichtliche Erinnerung als unmittelbare menschliche Fähigkeit entwickelt, sondern zugleich auch eine Gefahr überwunden, die an diesem Punkte der Geschichte unvermeidlich auftritt. Wie wir schon an früherer Stelle aufwiesen, ist mit jeder Evolution eine Involution, mit jedem Fortschritt ein Rückgang verknüpft. In der Gegenwart, da die eigentliche geschichtliche Erinnerung als Fähigkeit sich zu entfalten beginnen will und soll, geraten die bisherigen, noch uneigentlichen, auf verschiedene Mittel äußerer Überlieferung sich stützenden Formen derselben deutlich sichtbar in Verfall. Nicht als ob die geschichtliche Überlieferung der Menschheit schlechthin verloren ginge, - im Gegenteil: seitdem zur Philologie die Archäologie als wesentlichste Hilfswissenschaft der geschichtlichen Forschung hinzugekommen ist, haben die physischen Dokumente der Vergangenheit eine ungeheure Vermehrung erfahren. Dennoch aber verliert das äußerlich Überkommene (S144) heute unverkennbar die Kraft, die Menschen innerlich mit der Geschichte zu verbinden. Kaum etwas anderes kennzeichnet unsre Zeit so sehr wie das rapide Hinschwinden der Fähigkeit der geschichtlichen Tradition, die Menschen sich im Strom der Geschichte stehend erleben zu lassen. Damit entsteht die Gefahr, daß die Fäden zur Vergangenheit immer mehr abreißen und die Menschheit in ein geistiges Hinvegetieren in einem geschichtslosen bloßen jeweiligen Jetzt versinkt. Vermöchte der Mensch von unsrer Zeit an nicht in wachsendem Maße die geschichtliche Vergangenheit in seinem eigenen Innern aufzufinden, so müßte er die Beziehung zu dieser - trotz alles äußeren historischen Wissens, das ihm die Wissenschaft vermittelt - immer mehr verlieren. Soll dieses Wissen nicht zu einem toten Ballast ersterben, dem gegenüber dem Menschen, um nicht von seinem Gewicht erdrückt zu werden, nichts anderes übrig bliebe als ihn abzuschütteln, so muß es von der innern Beziehung zur Vergangenheit her, die durch die Reinkarnationserinnerung gewonnen werden kann, geistig belebt, durchleuchtet, geordnet werden.
   Eine Empfindung von dem, was nach dieser Richtung hin an innerer Verbindung mit der Geschichte zu suchen die Menschheit in unserm Zeitalter aufgefordert ist, dämmerte bereits in Goethe auf, wenn er seinen Faust durch die Jahrtausende zurück geistig in die altgriechische Kultur sich versetzen und mit Helena, der Repräsentantin derselben, sich vermählen läßt. Und sie kommt auch in seinen Versen zum Ausdruck:
"Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib' im Dunkel unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben."
   Und vor ihm hatte bereits Lessing als erster in der modernen Geistesentwicklung in seiner "Erziehung des Menschengeschlechts" den Versuch einer tieferen Erfassung der Menschheitsgeschichte und ihrer Gliederung in wesenhafte Entwicklungsstufen mit dem Gedanken der Wiederverkörperung in Verbindung gebracht.
   In unserm Jahrhundert hat der russische Geschichtsphilosoph N.Berdjajew in seinem Werke "Der Sinn der Geschichte" (1925) als Grundlage einer wahren Geschichtsphilosophie ein "geschichtliches Gedächtnis" geltend gemacht, das er in einem an unsre obigen Ausführungen in gewisser Weise anklingenden Sinne aus zwei Quellen fließen läßt. Die eine dieser Quellen bildet auch für ihn die äußere Tradition, wobei allerdings mehr an die ältere, lebendige, mündliche Tradition zu denken ist als an die ausschließlich schriftliche, da Berdjajew in ähnlicher Art, wie wir dies im letzten Kapitel getan haben, die quellenkritische Bearbeitung der Dokumente im Sinne einer materialistisch "aufgeklärten" Wirklichkeitsauffassung, wie sie sich im 19. Jahrhundert (S145) entwickelt hat, als ein Sichentfremden gegenüber der wahren, geistigen Wirklichkeit der Geschichte bezeichnet. Die andere Quelle aber sieht er in dem erkennenden Sicheinswissen des Menschen mit dem geschichtlichen Werden. "Wir vermögen eine ausschließlich objektive Geschichte nicht zu begreifen. Wir bedürfen einer inneren, tiefen, geheimnisvollen Verbindung mit dem geschichtlichen Objekt. Nicht allein ist erforderlich, daß das Objekt ein geschichtliches sei, sondern auch, daß das Subjekt geschichtlich sei, daß das Subjekt der geschichtlichen Erkenntnis in sich selbst das "Geschichtliche" empfinde und erschließe... Das hat mich zum Schlusse geführt, daß auf die geschichtliche Erkenntnis mit einigen Abweichungen die platonische Lehre vom Erkennen als der anamnesis ausgedehnt werden muß. Wahrlich ist auch jegliches Eindringen in eine große geschichtliche Epoche nur dann fruchtbar, wenn es eine innere Anamnesis ist, ein inneres Gedächtnis alles Großen, das sich in der Geschichte der Menschheit ereignete, irgendeine tiefe Vereinigung, ein Identischwerden dessen, was im Innern, in der tiefsten Tiefe des erkennenden Geistes vor sich geht, mit dem, was einst innerhalb der Geschichte stattfand... Jeder Mensch ist seiner inneren Natur nach ein Kosmos, ein Mikrokosmos, in welchem die ganze reale Welt und alle großen geschichtlichen Epochen sich spiegeln und innewohnen; er stellt nicht irgendein Bruchstück der Gesamtwelt, darin jenes kleine Bruchstück enthalten ist, vor, er erweist sich als eine gewisse Großwelt, die dem Bewußtseinsstande des betreffenden Menschen nach noch verschlossen sein mag, doch je mit der Erweiterung und Erleuchtung seines Bewußtseins sich innerlich auftut... So kann man denn sagen, daß in jenem Mikrokosmos alle geschichtlichen Epochen der Vergangenheit beschlossen sind, und das vermag der Mensch in sich selbst nicht mit den Schichten der Zeit und des allernächsten geschichtlichen Lebens zuzuschütten; es kann verborgen werden, nie aber vollständig verschüttet. Jener Prozeß der innern Erleuchtung und Vertiefung muß dazu führen, daß durch jene Schichten hindurch der Mensch nach dem Innersten durchbricht, in die Tiefe der Zeiten, weil in die Tiefe der Zeiten einzugehen in die Tiefe seiner selbst eingehen bedeutet... Die Tiefe der Zeiten, das sind die tiefsten geheimen Schichten im Innern des Menschen selber, die lediglich verdeckt sind, die von der Enge des Bewußtseins lediglich auf den zweiten oder dritten Plan zurückgeschoben sind" (S46ff). Dennoch kommt Berdjajew hierbei nicht bis zum Gedanken der Reinkarnation, und darum behält seine geschichtliche "Anamnesis", bei aller Tiefe und Intimität seines geschichtlichen Empfindens, doch etwas mystisch Verschwommenes, was sich zuletzt auch darin zeigt, daß für ihn das "Problem des individuellen Geschickes innerhalb des Bereiches der Geschichte unlösbar" (S282) bleibt.
   Im weiteren wäre hier natürlich auch zu erwähnen die Lehre vom "kollektiven Unbewußten", das C.G.Jung in der Seele jedes individuellen (S146) Menschen als ein sogeartetes geltend macht, daß, "könnte man es personifizieren, es ein kollektiver Mensch wäre, jenseits der geschlechtlichen Besonderheit, jenseits von Jugend und Alter, von Geburt und Tod, und über die annähernd unsterbliche menschliche Erfahrung von ein- bis zwei Millionen Jahren verfügen würde. Dieser Mensch wäre schlechthin erhaben über den Wechsel der Zeiten. Gegenwart würde ihm ebensoviel bedeuten wir irgendein Jahr im hundertsten Jahrtausend vor Christi Geburt; er wäre ein Träumer säkularer Träume und er wäre ein unvergleichbarer Prognosensteller auf Grund seiner unermeßlichen Erfahrung. Denn er hätte das Leben des Einzelnen, der Familie, der Stämme und Völker unzählige Male erlebt und besäße den Rhythmus des Werdens, Blühens und Vergehens im lebendigsten inneren Gefühle." (Das Grundproblem der gegenwärtigen Psychologie). Nur erscheint hier das an die leibliche Erbfolge gebundene Kollektiv-Geistige der vor- und frühgeschichtlichen Epochen und das durch die Folge der Reinkarnationen wandernde Individuell-Geistige des geschichtlichen Menschen in solcher Weise miteinander konfundiert, daß der Unterschied zwischen der vorgeschichtlich-kollektiven und der durch die von uns geschilderten Entwicklungsstufen hindurchgehenden Erinnerung sich völlig verwischt.
   Wir können nach dem Vorangehenden die Gesamtentwicklung der menschlichen Erinnerung in Vorgeschichte und Geschichte, wie wir sie in diesen drei Kapiteln geschildert haben, auch in drei größte Epochen gliedern.
   Wir haben dann an erster Stelle die vorgeschichtliche Form der Erinnerung zu unterscheiden. Sie bezieht sich auch ihrem Inhalte nach noch nicht auf geschichtliche Ereignisse, sondern auf vorgeschichtliche und sogar noch auf urzeitliche Vorgänge. Sie deutet auf diese durch das mythische Sinnbild hin. Sie ist noch eine unpersönliche, kollektive, - gebunden an das Blut, und fließt mit diesem ohne Unterbrechung durch ganze Folgen von Generationen hindurch. Sie bedarf auch noch nicht eines äußern Mittels zu ihrer Überlieferung.
   Wir haben sodann innerhalb der geschichtlichen Phase die drei Formen der persönlichen Erinnerung, die allerdings diesen Charakter erst in ihrer Folge allmählich voll ausbilden. Sie beziehen sich auf Geschichtliches nur insoweit, als dieses persönlich miterlebt wird. Und sie machen, weil sie an die einzelne Persönlichkeit gebunden sind, zum Zwecke ihrer Überlieferung an die jeweils nachfolgenden Generationen die Schaffung und Verwendung entsprechender äußerer Mittel notwendig. So entsteht all das, was wir "Überlieferung" im üblichen Sinne des Wortes nennen. Schließlich gibt diese persönliche Erinnerung, namentlich in ihrer vollausgereiften Gestalt, unmittelbar der äußern, physischen Welt angehörende Ereignisse wieder, allerdings in gedanklicher Verarbeitung. (S147)
   Wir haben zuletzt, im wesentlichen noch der Zukunft angehörig, die individuell-überpersönliche oder Reinkarnations-Erinnerung, die erst die eigentlich geschichtliche darstellt. Sie ist nicht mehr auf die zeitlichen Grenzen des Lebens einer Persönlichkeit beschränkt, sondern erstreckt sich unmittelbar über weite Zeiträume, - darin der vorgeschichtlich-mythischen vergleichbar. Nur unterscheidet sie sich von dieser dadurch, daß sie nicht am Leitfaden von sich ohne Unterbrechung auf Erden aneinanderschließenden Generationen zurückverläuft, sondern innerhalb einer und derselben Epoche zu Epoche immer wieder sich verkörpernden Individualität. Sie schließt daher auch diejenigen Erlebnisse in sich ein, welche diese jeweils in den Daseinszuständen zwischen Tod und neuer Geburt innerhalb einer rein geistigen Welt durchmacht. Vor allem aber enthält sie als eines ihrer wesentlichsten Elemente die unmittelbare Erfahrung vom Unterschiede der verschiedenen geschichtlichen Epochen. Insofern bezieht sie sich eben unmittelbar auf die Geschichte als solche. Ihrer Form nach aber ist sie - zunächst - leibfreies, rein übersinnliches Erlebnis.
   Abschließend nämlich sei, rein referierend, auf eine Zukunftsperspektive hingewiesen, die Steiner in diesem Zusammenhang andeutet (Okkulte Wissenschaft und okkulte Entwicklung, Vortrag vom 1.5.1913 in London, GA152 "Vorstufen zum Mysterium von Golgatha"): "In der jetzigen Menschheitsperiode wird ein zartes Organ vorbereitet, das für den äußeren Anatomen und Physiologen nicht bemerkbar ist. Und doch existiert es anatomisch: dieses Organ liegt im menschlichen Gehirn in der Nähe des Sprachorgans.
   Die Entwicklung dieses Organs in den Gehirnwindungen ist nicht das Ergebnis des Karmas (Schicksals) individueller Seelen, sondern ist ein Ergebnis der menschlichen Evolution als ein Ganzes auf der Erde, und in der Zukunft werden alle Menschen es besitzen, ganz gleich, was die Entwicklung der Seelen sein mag, die sich in diesen Körpern inkarnieren werden, und ganz unabhängig von dem Karma, das mit diesen Seelen verbunden ist... Wenn dieses Organ entwickelt sein wird, kann es von der Menschheit entweder richtig angewendet werden oder auch nicht. Diejenigen werden es richtig anwenden können, die jetzt die Möglichkeit vorbereiten, die jetzige Inkarnation wahrheitsgemäß in der Erinnerung zu haben, wenn sie in der nächsten sein werden. Denn dieses physische Organ wird das physische Mittel für die Erinnerung an eine frühere Inkarnation sein, die jetzt nur erreicht werden kann durch eine höhere geistige Entwicklung. Gegenwärtig kann für die weitaus größte Zahl von Menschen die Erinnerung an frühere Inkarnationen nur erlangt werden durch höhere geistige Entwicklung, durch Initiation; aber das, was in den jetzigen Zeiten nur auf diesem Wege erlangt werden konnte, wird später gewissermaßen Gemeingut der Menschheit... Was für eine Bedeutung hat dann die Geisteswissenschaft (Anthroposophie) noch im heutigen Leben (S148) zu all dem hinzu, was wir bereits gesagt haben? Durch sie erlangen wir die Möglichkeit, in der richtigen Weise das Organ zu gebrauchen, welches in den Menschen der Zukunft sich entwickeln wird, nämlich das Organ für die Erinnerung an frühere Erdenleben... Also in der Zukunft wird es Menschen geben, die das erwähnte Organ für die Erinnerung an frühere Erdenleben werden gebrauchen können, und andere, die es nicht werden gebrauchen können. In diesen letzteren werden gewisse Krankheiten sich zeigen, weil sie in ihrem physischen Leib ein Organ haben werden, welches sie nicht gebrauchen können. Ein Organ zu besitzen und unfähig zu sein, es zu gebrauchen, ruft nervöse Krankheiten von einer ganz bestimmten Art hervor, und diese Nervenerkrankungen, die dadurch entstehen, werden viel schlimmere sein als alle diejenigen, die der Mensch bis jetzt erkannt hat."
   Zu dieser "Prophetie" sei hier nur ein Zweifaches bemerkt. Wie immer man auch, von andern Gesichtspunkten aus, über sie denken mag, - gerade von der Darstellung aus gesehen, die im Vorangehenden über die vier Stufen der geschichtlichen Erinnerung gegeben wurde, muß ihr Inhalt zumindest als etwas erscheinen, was im Sinne allgemeingeltender Entwicklungsgesetze vermutet werden darf. Denn wenn auch auf den geschilderten vier Stufen immer wieder ein anderes Wesenselement des Menschen: vom physischen Leib, über die ätherische oder Lebensbildekräfte-Organisation, die seelisch-astralische Sphäre bis zum "Ich" hin, der Träger der Erinnerung war, so bildete sich diese Tatsache doch wenigstens auf jeder der drei ersten Stufen zugleich wieder innerhalb des Physischen ab bzw. fand ihren äußeren Ausdruck darin, daß auch der physische Leib immer wieder in andrer Art, durch andre seiner Organe und Funktionen als Stütze der Erinnerung mitwirkte. Auf der ersten Stufe war er dies durch das, was das rein Physische an ihm selbst ausmacht: sein Dasein als Körper im Raume. Auf der zweiten Stufe war er es durch das, wodurch er sich als belebter Organismus darstellt: seine rhythmisch sich wiederholenden Lebensprozesse. Auf der dritten durch das, was die physiologische Grundlage des Seelenlebens, insofern dieses durch das Vorstellungsleben repräsentiert ist, bildet: die Funktionen des Nervensystems. Es muß daher einleuchtend erscheinen, daß grundsätzlich dasselbe auch für diese Stufe oder Form der Erinnerung ein entsprechender Stützpunkt im Leibe ausgebildet wird. Und daß das Auftreten dieser Erinnerung als leibfreies, rein übersinnliches Erlebnis nur eine vorläufige Gestalt derselben darstellt, - ein Gestalt, durch deren Erringung die Ausbildung des betreffenden physischen Organs erst recht vorbereitet wird, oder genauer gesagt: durch welche die Anlage des betreffenden physischen Organs allein eine solche Ausbildung erfahren kann, die ihm dann einen gesunden Gebrauch gewährleistet. (S149) Auf der andern Seite aber muß ebenso das Folgende einleuchten: Da der besondre Charakter gerade dieses vierten Wesensgliedes bzw. des Wesenskernes des Menschen darin liegt, daß - mit Fichte zu reden - "das Ich sich selbst setzt", d.h. daß es nur durch seine eigene Tat, durch die Erfassung seiner selbst zum "Ich" wird, so tritt auch diese vierte Stufe der Erinnerung, die ja nichts anderes ist als die höchste Form dieser Selbsterfassung, in ihrer anfänglichen Gestalt nicht von selbst, ohne des Menschen Dazutun, sondern nur durch dessen eigene, freiwillige, übende Erkenntnisbemühung auf. Während die vorangehenden Formen der Erinnerung sich noch auf mehr naturhafte Art entwickelten, kommt die Ausbildung dieser vierten und höchsten Form derselben nicht zustande ohne eine willensmäßig-moralische Anstrengung. Das Gegenstück dazu, daß ihre Erwerbung in die menschliche Freiheit gestellt ist, bildet dann der Umstand, daß, wo diese Freiheit nicht oder nicht in genügendem Maße positiv genutzt wird, als Folge davon krankhaft-abnorme Organbildungen auftreten werden, die einen gesunden Gebrauch derselben verhindern.
   Denn das bildet auch ein Grundmerkmal der Geschichte überhaupt, über das noch von andern Gesichtspunkten aus zu sprechen sein wird, daß ihr Fortgang immer weniger "von selbst" zustandekommt, sondern immer mehr in die Hand des Menschen gelegt wird. Daher wird auch das, was an Entwicklungsmöglichkeiten veranlagt ist, nur dann zu einer gesunden Ausbildung kommen, wenn er in wachsendem Maß durch eigenstes Bemühen seine Wesensentwicklung vorwärtsbringt. Was Goethe einmal vom Menschen im allgemeinen sagt: daß er seine Organe belehre, während das Tier von seinen Organen belehrt werde, - das gilt vornehmlichst von dem physischen Organ der Reinkarnationserinnerung, das sich in Zukunft ausbilden will und wird. Es muß vom Menschen selbst aus der zunächst rein geistig betätigten Funktion heraus, der es dienen soll, "belehrt" und "geschult" werden, wenn es seinen spezifischen "Zweck" soll erfüllen können.
________________________________________
Nächstes Kapitel:  III.1 Zeit + Geschichte