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Viertes Kapitel:

Beziehungen zur Vergangenheit
A. Jugend und Alter

(S191)   Wir haben in diesem Werk schon wiederholt sowohl im ersten (S204ff) wie im zweiten Band (S133ff) von der symmetrischen Struktur der Zeit gesprochen, und das heißt von der zeitlich symmetrischen Gliederung des Menschheitswerdens, die in der Vorgeschichte (Atlantis) ihre absolute Mittelachse hat. Wir zeigten bereits im ersten Band (S296), wie das spiegelbildliche Verhältnis, in welchem dadurch Urzeit und Geschichte zueinander stehen, darin zum Ausdruck kommt, daß dem "Sündenfall" der Menschheit, welcher der ersteren angehört, in der letzteren die durch das Christusereignis ermöglichte "Sündenerhebung" derselben gegenübersteht. Auf Grund der Darstellungen dieses Bandes können wir nun hinzufügen, daß diese Spiegelbildlichkeit sich gleichzeitig aber auch darin offenbart, daß zu dem "luziferischen Sündenfall" der Urzeit der "ahrimanische Sündenfall" in der Kulminationsphase der Geschichte die Gegenerscheinung bildet. Damit stoßen wir nochmals auf die eigentümliche Problematik, die mit dem Christusereignis verknüpft ist. Wir bemerkten im vorletzten Kapitel, daß dieses zwar bisher als Ausgleichstat ausschließlich auf den luziferischen Sündenfall der Urzeit bezogen wurde, daß es aber zugleich auch das "Heilmittel" gegenüber dem ahrimanischen Sündenfall bedeutet, das der Menschheit in dieser Beziehung schon vor dem Ausbruch der "Erkrankung" zuteil geworden ist; kurz: daß die Christustat in ihrer vollen Bedeutung nur verstanden wird, wenn sie als die entscheidende Hilfeleistung zur Erhebung der Menschheit von beiden Stürzen erkannt wird. Da die Menschheit den ahrimanischen Sündenfall erst in unserem Zeitalter erlitten hat und heute mitten in seiner Auswirkung drinnen steht, er also für sie eine größere Aktualität besitzt als der einstmalige luziferische, so kann das Christusereignis heute mit Recht sogar in erster Linie als der Rettungsanker im Sturme der ahrimanischen Verführung empfunden werden. Das bedeutet, daß das Motiv der Auferstehung, der Überwindung des Todes, heute in den Vordergrund seiner Verkündigung gerückt ist. Die (S192) Auferweckung zu einem neuen Leben muß heute zunächst im Denken gefunden werden; aber als solche bedeutet sie den Anfang eines viel umfassenderen, allmählich auf die ganze menschliche Wesenheit sich ausdehnenden Auferstehungsprozesse. Gerade die Tatsache der Zeitsymmetrie kann zugleich aber auch verständlich machen, daß die Gesamtbedeutung der Christuserscheinung in ihrem Bezug sowohl zu der ahrimanischen wie zu der luziferischen Verführung liegt. Denn die Spiegelbildlichkeit der Verhältnisse kommt schließlich auch darin zum Ausdruck, daß der urzeitliche luziferische Eingriff in die Menschheitsentwicklung in unserer geschichtlichen Epoche gewissermaßen in spiegelbildlicher Umkehrung auch selbst wieder auftritt - in jener Art, wie er, den Ausführungen des letzten Kapitels zufolge, gerade seit dem Beginn unseres Jahrhunderts wieder eingesetzt hat. Hatte er damals die Menschheitsentwicklung vorangetrieben, so sucht er in seiner jetzigen Gestalt, wie wir sahen, das Rad derselben zurückzudrehen. Hatte er einstmals "revolutionär" gewirkt, so hat er jetzt einen reaktionären Charakter angenommen. Und so haben wir es, im Ganzen gesehen, heute eben doch unmittelbar mit jener zweifachen ahrimanisch-luziferischen Bedrohung des rechten Fortganges der Menschheitsentwicklung zu tun, die im letzten Kapitel geschildert worden ist.
   Nun kommt aber zu dieser umfassenderen Zeitsymmetrie noch eine zweite, speziellere hinzu, die innerhalb des geschichtlichen Werdens selbst besteht. Wir haben sie, von einem andern Gesichtspunkt aus, eingehend im zweiten Band (S91ff) besprochen. Durch sie steht unsere gegenwärtige Epoche (die fünfte nachatlantische in geisteswissenschaftlicher Terminologie) in spiegelbildlicher Beziehung zu derjenigen der ersten geschichtlichen Hochkulturen (der dritten). Wir haben im vorletzten Kapitel geschildert, wie während der letzteren der luziferische Sündenfall sich im Medium des geschichtlichen Werdens wiederholt hat, und wie dies die Herausbildung der beiden Menschheitsströmungen des Nordens und des Südens zur Folge hatte, zwischen denen dann jene Prozesse einer gewaltsamen "Vermählung" und Überlagerung stattgefunden haben, die erst die Voraussetzung schufen für das Aufblühen der ersten Hochkulturen. Wir charakterisierten die nördliche als eine solche, die durch den luziferischen Einfluß geprägt war, von männlich-kriegerischem Wesen, eine nomadische Hirtenbevölkerung, in der kulturellen Entwicklung zurückbleibend, aber jugendliche Vitalität bewahrend, - die südliche dagegen als jene, die von Jahve inspiriert war, von weiblich-friedlicher Natur, zu Seßhaftigkeit und Ackerbau übergegangen, in der Kulturentwicklung fortschreitend, aber zu frühzeitiger Vergreisung und Dekadenz neigend, später immer mehr ahrimanischen Einflüssen verfallend. Wir zeigten, wie diese Strömungen sich zwar in mannigfaltigen Spielarten vermischten, wie aber in den geschichtlichen Kulturen, die aus diesen Vermischungen hervorgingen, doch immer (S193) wieder das eine oder das andere dieser Elemente dominierte, wie also die damaligen Kulturen über die Gegensätzlichkeit des Männlich-Patriarchalen und des Weiblich-Matriarchalischen sich noch nicht zum Rein-Menschlichen zu erheben vermochten. Dies letztere erreichte in einer bestimmten Weise erstmals die folgende, vierte Kulturepoche der Mittelmeerantike. In höchster Form trat es in der Gestalt Jesu Christi in Erscheinung, den Grundstein für die Menschheitszukunft legend.
   Ein Gegenbild zu jenen Verhältnissen der ersten Hochkulturen tritt nun in unserer Epoche auf. Nur erscheint, was damals auf verschiedene Völkerströmungen verteilt war, jetzt innerhalb der einzelnen menschlichen Persönlichkeit, und was damals den einzelnen Menschen betraf, erweist sich jetzt als Angelegenheit der Gesamtmenschheit. Es ist dies eben dadurch bedingt, daß in Christus das Element des Rein-Menschlichen voll zur Geburt gekommen ist - in seiner zweifachen Erscheinungsform als das wahrhafte Individuell-Menschliche und als das wahrhaft Menschheitliche.
   Wie zeigen sich nun die betreffenden Verhältnisse im Konkreten in der Gegenwart?
   Sie zeigen sich fürs erste darin, daß die Elemente der Jugend und des Alters heute innerhalb des einzelnen Menschen sich gegensätzlich gegenüberstehen und nach einer Verschmelzung miteinander verlangen, - eine Verschmelzung aber, durch welche das wahrhaft Menschliche, das heißt das wahrhaft Individuelle in ihm zur Geburt gelangt. Wir kommen hier auf das zurück, was wir - von einem andern Aspekt her - bereits in dem Abschnitt über die "persönliche Sphäre der moralischen Verantwortung" ausgeführt haben. Wir zeigten dort, wie der heutige Mensch in Gefahr ist, eine Form von Jugendlichkeit auszubilden und darzuleben, die es ihm unmöglich macht, in rechter Art "alt" zu werden, das heißt einen inneren Reifeprozeß durchzumachen, durch den er in seiner Lebensmitte sich seines wahren, höheren Ichs bewußt werden kann. Wir deuteten an, wie dies zur Folge hat, daß dann im Alter die zunehmende Verselbständigung des Seelisch-Geistigen gegenüber dem verknöchernden Leibe ausbleibt, die heute zur Forderung geworden ist, vielmehr eine Bindung an die Physis zutage tritt, die den Menschen auch seelisch-geistig immer stärker in deren Verhärtungsprozesse hineinzieht. Wie sich allerdings hierin nur offenbart und auswirkt, was durch die gemeinte Art der Jugendlichkeit schon veranlagt worden war, in der ersten Lebenshälfte aber noch in anderer Form sich äußerte. Wir können da von einer Vergreisung des Menschen im schlechten Sinne sprechen, wie auch jene Jugendlichkeit eine solche im schlechten Sinne ist. Wir haben es - und vom gegenwärtigen Gesichtspunkt aus können wir das hier vorliegende Gesamtphänomen nun erst vollständig kennzeichnen - eigentlich damit zu tun, daß der heutige Mensch in Gefahr steht, in einer Art jung zu sein, die ihm das rechte Älter- und (S194) Reiferwerden verunmöglicht, - und in einer Art alt zu sein, die ihn der dieser Lebensstufe entsprechenden Jugendkräfte beraubt. Er ist zugleich jung und alt, aber die beiden Pole können sich nicht so miteinander verschmelzen und durchdringen, daß die Lebensmitte zu ihrer spezifischen Bedeutung gelangt: ihn zu seinem wahren, höheren Ich erwachen zu lassen. Kurz: es zeigt sich auch in der Gestaltung des individuellen Lebenslaufs jenes Urphänomen der Gegenwartkultur, das im Titel des bekannten Buches des Kunsthistorikers Hans Sedlmayr als "der Verlust der Mitte" bezeichnet worden ist.
   Im Verhältnis der Menschen zueinander offenbart sich dieser Riß zwischen Jungsein und Altsein in der extremen Entfremdung zwischen Jugend und Alter, die unsere Gegenwart kennzeichnet, - in dem katastrophalen Unverständnis, mit dem heute die Jungen und die Alten einander gegenüberstehen. Die Alten haben fast jegliches Verständnis verloren für die seelischen Bedürfnisse und Entwicklungsbedingungen der Jungen, sehen in ihnen nur gleichsam kleine Erwachsene und zwingen sie schon in zartestem Alter in die Daseinsformen und Verhaltensweisen von solchen hinein. Dazu gehört, daß sie sie innerlich mehr und mehr sich selbst überlassen und ihnen in den sogenannten Bildungsanstalten fast nurmehr Wissensinhalte übermitteln, die durch die Bedürfnisse des Lebens der Erwachsenen - namentlich des technisch-wirtschaftlichen Lebens - bestimmt sind. Die Jungen ihrerseits kennen heute keinerlei Respekt mehr vor dem Alter und vor den Alten; sie benehmen sich diesen gegenüber so, als wenn sie ihresgleichen wären. Sie sind einer echten menschlichen Belehrung von seiten der Alten kaum mehr zugänglich, erwarten von ihnen vielmehr nur fachliche Orientierung in Sachgebieten, die ihnen für ihr materielles Vorankommen nützlich ist.
   Was liegt all dem aber zugrunde? Es ist dies, daß - zufolge der im vorletzten Kapitel angedeuteten Überkreuzung des luziferischen und ahrimanischen Wirkens, die in nachchristlicher Zeit stattgefunden hat - der heutige Mensch in seinem Willen von Luzifer, in seinem Denken aber von Ahriman ergriffen wird. Das erstere erschwert es ihm, seinen Willen zu läutern, mit dem Lichte des Denkens zu durchhellen und ihn dadurch besonnener und reifer werden zu lassen; es hält ihn in einer unreifen Jugendlichkeit fest. Das letztere will ihn verhindern, im Denken innere Aktivität zu entfalten und es dadurch den vom Nervensystem ausgehenden Todesprozessen zu entreißen; es bannt ihn in eine unentrinnbare Vergreisung. So schwankt der Mensch zwischen einem luziferisierten Willen und einem ahrimanisierten Denken hin und her. Und so zeigt sich die Menschheit heute zerrissen in eine übermäßig luziferisierte Jugend und ein im Übermaß ahrimanisiertes Alter. damit wird aber sichtbar, was in der charakterisierten Lebensproblematik eigentlich vorliegt, oder umgekehrt ausgeprochen: die luziferisch-ahrimanische Gefährdung der heutigen Menschheit konkretisiert sich auf einem bestimmen Problemgebiet. Aber (S195) nicht nur dies; es tritt damit zugleich auch ins Licht, wie die Erneuerung des christlichen Impulses in der Gegenwart konkret in der Gestaltung des menschlichen Lebenslaufs sich auswirkt. Sie wird für den Menschen einerseits zum Antrieb, sein Denken willensmäßig so zu aktvieren, daß es schmiegsam und wandlungsfähig bleibt, seine Begriffe ständig zu berichtigen, seinen Horizont zu erweitern, seine Urteile umzuschmelzen vermag. Auf der andern Seite impulsiert sie ihn dazu, seinen Willen gedanklich-erkenntnismäßig zu klären und zu durchlichten, so daß er vom Persönlichen loskommt und sich in den Dienst objektiver Notwendigkeit stellen lernt. Auf diesem Wege werden sich im einzelnen Menschen die Pole der Jugend und des Alters gegenseitig immer mehr durchdringen. Er erlangt damit die Möglichkeit, in der zeitlichen Mitte seines Lebens die wesenhafte Mitte, den Kern seiner Persönlichkeit, in sich zum Durchbruch kommen zu lassen. Dieses sein wahres "Selbst" (C.G.Jung) wird dann in der zweiten Hälfte seines Lebens sich stufenweise entfalten und in seinem ganzen Wesen und Wirken sich ausprägen können. Dadurch allein wird auch im sozialen Leben eine Brücke des Verständnisses zwischen Jugend und Alter geschlagen werden können.

B. Mann und Weib

   In einer andern Hinsicht läßt sich in der Gegenwart ein Gegenbild finden zu den Verhältnissen der ersten Hochkulturen, wenn ins Auge gefaßt wird, daß die Überlagerungsprozesse, die jenem Zeitalter das Gepräge verliehen haben, immer eine irgendwie geartete Vermischung von vaterrechtlichen und mutterrechtlichen Gesellschaftssystemen zur Folge hatten. Dies führte allerdings dazu, daß, im Ganzen genommen, und besonders dann in der dauf folgenden Kultur der Mittelmeerantike, das mutterrechtliche Element durch das vaterrechtliche immer mehr verdrängt wurde. Sowohl im Griechen- und Römertum wie im Judentum kam das Paternitätsprinzip zur ausschießlichen Herrschaft, und diese hat sich im Abendland bis in unsere Zeit herein behauptet. Seit etwa der Wende zu unserem Jahrhundert sehen wir nun aber, wie eine Auseinandersetzung zwischen den Geschlechtern wieder anfängt, aber nun nicht mehr in der Weise, daß Bevölkerungen, die den männlichen Geist verkörpern, sich mit solchen, die Träger des weiblichen Prinzips sind, bekämpfen und verbinden; vielmehr erfolgt sie fast gleichmäßig innerhalb der ganzen abendländischen Kultur, und zwar in dem Sinne, daß gegen die einseitige Vorherrschaft des Mannes Sturm gelaufen und die Gleichberechtigung der Frau gefordert wird. Der Prozeß von ehemals kehrt sich also
(S196) in einem bestimmten Sinne um. Seither hat sich die Frau tatsächlich nahezu auf allen Gebieten des Lebens die Gleichstellung mit dem Manne erkämpft. Es gibt heute kaum mehr einen Beruf, der ihr nicht zugänglich wäre. Allerdings hat dies zunächst eine weitgehende Vermännlichung der Frau zur Folge gehabt, die sich bis in Haartracht und Kleidung hinein bemerkbar macht. Und hierin kommt das tiefere Problem zum Ausdruck, das hier eigentlich vorliegt. Genau so nämlich, wie bei den Überlagerungsprozessen der dritten nachatlantischen Kulturepoche zwei Bestrebungen miteinander im Kampfe lagen, von denen die eine den luziferischen Einschlag in der damaligen Menschheit zu bestimmender Geltung bringen, die andere ihn eindämmen wollte, ebenso ringen bei dem heutigen Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter zwei Tendenzen miteinander, von denen die eine dem ahrimanischen Grundcharakter unserer modernen Zivilisation entgegenzuwirken, die andere ihn völlig durchzusetzen sucht. In der drohenden Vermännlichung der Frau zeichnet sich die letztere Gefahr ab. Denn einen Ausdruck findet der ahrimanische Grundzug der neueren Zivilisation in ihrem überwiegend durch den Mann bestimmten Wesen. Der Mann ist heute vornehmlich den ahrimanischen Einflüssen ausgesetzt, so wie die Frau den luziferischen. Ist jener doch der hauptsächliche Vertreter des naturwissenschaftlich-technischen Denkens, das diese Zivilisation geschaffen hat, - während bei der Frau die Kräfte des Gefühl und der Phantasie überwiegen. In der Frauenbewegung wirkt im tieferen Grunde der Impuls, unsere Zivilisation aus ihrer ahrimanischen Vereinseitigung heraus- und in ein menschliches Gleichgewicht zu bringen. Eine ihrer hervorragendsten Vertreterinnen im ersten Drittel unseres Jahrhunderts, die österreichische Schriftstellerin Rosa Mayreder, charakterisierte diese eigentliche Zielsetzung der Frauenbewegung in einer eingehenden Darstellung derselben (Geschlecht und Kultur, Jena 1923,S28ff) einmal u.a. in folgender Weise: "Jede produktive Kraft ist wie im Physischen so im Geistigen auf eine rezeptive Kraft angewiesen, um wirken zu können; aber die Lebensbedingungen der modernen Zivilisation sind namentlich in den Zentren, in denen sie ihre stärksten Einflüsse geltend macht, in den Großstädten, so beschaffen, daß die Beschaulichkeit, die Ruhe und Muße, die zu rezeptiver Arbeit erforderlich ist, nicht aufkommen kann. Dadurch wird der Lebensprozeß der Kultur am empfindlichsten getroffen; denn rezeptive Fähigkeiten sind es, mittels deren die Umsetzung zivilisatorischer Erwerbungen in eine formale Lebensordnung sich vollzieht. Soll das Mißverhältnis zwischen Kultur und Zivilisation, das aus dem Übergewicht technischer Lebensvervollkommnung hervorgeht, nicht das Ende der Kultur, sondern eine Phase ihrer Entwicklung sein, so kann das gestörte Gleichgewicht nur wiederhergestellt werden, wenn den zurückgedrängten seelischen Mächten der menschlichen Natur Raum gewährt wird, sich die äußeren Hilfsmittel dienstbar zu machen. Nicht eine Steigerung der (S197) Produktivität ist die Bedingung dafür, sondern eher ihre Einschränkung. Wer über die femininen Einflüsse klagt, denen das moderne Leben ausgesetzt ist, verkennt, daß gerade die weibliche Seite der Geisteskultur, die rezeptive, der Gegenwart fehlt...
   Man macht Frauen den Vorwurf, daß sie einen hemmenden Einfluß auf den Fortschritt ausüben, daß sie ein langsameres Tempo haben als der Mann. Das soll wohl heißen, daß sie durch ihre physiologische Beschaffenheit, die ganz ihrer generativen Aufgabe unterworfen ist, sich an Bewegungsfreiheit mit dem Manne nicht messen können. Und es ist nicht zu leugnen, daß sie, auch wenn sie auf die Mutterschaft im Dienste einer andern Tätigkeit verzichten, dennoch durch ihre Konstitution physisch viel stärker gebunden sind als der Mann. Wer aber das Wesen unserer Zivilisation als ein im Grunde lebensfeindliches durchschaut hat, wird in dem reißenden Fluß technischer Neuerungen, der nur das Mißverhältnis von Kultur und Zivilisation vergrößert, keineswegs einen Fortschritt, oder doch keinen Fortschritt nach aufwärts, erblicken. Gerade in der vermeintlichen Unzulänglichkeit der weiblichen Konstitution, in ihrer strengeren Naturgebundenheit, liegt eine der Hoffnungen auf Wiederherstellung des Gleichgewichtes in den Lebensbedingungen der Kulturvölker. Jene Tendenz zur Ausschweifung, zur sinnlichen wie zur geistigen, die mit der männlichen Natur im allgemeinen einhergeht und in der modernen Zivilisation ihren letzten Ausdruck angenommen hat, kann ein Gegengewicht in der weiblichen Natur mit ihrer Tendenz zur Ausgeglichenheit, zur in sich geschlossenen Ruhe, zur formgebundenen Ordnung finden, in der so wertvolle Kulturelemente enthalten sind."
   Wenn aber die Frau ihre angestrebte Gleichberechtigung als ihre Angleichung an den Mann mißversteht, so gerät sie in die Gefahr, nun selbst auch noch der Ahrimanisierung zu verfallen und diesen Charakterzug unserer Zivilisation noch zu verstärken. Hier wird nun das Ziel sichtbar, das gemäß den Bedingungen unseres Zeitalters das Streben nach Gleichberechtigung der Geschlechter sinnvollerweise einzig und allein sich setzen kann. Es kann sich heute nicht - wie dies in geissem Sinne in den alten Kulturen der Fall war - um einen bloß in der Sphäre des Geschlechtergegensatzes sich abspielenden und verbleibenden Kampf handeln, der entweder mit dem Sieg des einen Pols oder mit einem Kompromiß zwischen beiden endet, sondern allein darum, die "Gleichberechtigung" beider in dem Sinne zu erreichen, daß in ihr zum Ausdruck kommt die Anerkennung des übergeschlechtlichen Rein-Menschlichen in jedem Menschen, gleichgültig ob Mann oder Frau, - des Übergeschlechtlichen, das sein eigentlich Individuelles ist. Und dies zeigt, daß das legitime Feld, auf dem auch diese Auseinandersetzung sich abzuspielen hat, heute im Innern des einzelnen Menschen liegt. Gerade dann, wenn der einzelne Mensch nicht mehr in erster Linie als Mann (S198) oder Frau, sondern als Mensch und das heißt als die Individualität, die er ist, betrachtet und behandelt wird, wird es erst möglich, auch dem, was die Menschen durch ihr Geschlecht verschieden macht, hinsichtlich ihres Berufs und ihrer Beschäftigung voll Rechnung zu tragen. Es wird sich beides dann gegenseitig nicht stören.
   Und wiederum kann gesagt werden: auch die ist ein Aspekt jener erneuten "Durchchristung" unserer Kultur, die heute fällig und von der hier die Rede ist. Denn genau so, wie wir ihren einseitig männlichen Charakter als den Ausdruck des Übergewichtes bezeichneten, das in ihr der ahrimanische Einfluß in den letzten Jahrhunderten erlangt hat, sind in der Art, wie in dem unsrigen das weibliche Prinzip vielfach geltend gemacht wird, Tendenzen zu ihrer Luziferisierung wirksam. Wir haben weiter oben bereits das 1950 verkündigte Dogma von der leiblichen Himmelfahrt Mariä erwähnt; in ihm hat nur seinen zugespitztesten Ausdruck gefunden die gewaltige Steigerung, welche innerhalb des Katholizismus die Marienverehrung und damit der Kult des weiblichen Prinzips im Menschen erfahren hat. In diesen Zusammenhang gehört auch hinein die Aufwertung der Welt des Unbewußten durch die Tiefenpsychologie, die von dieser in eine besondere Beziehung gerade zum Element des Weiblichen im Menschen gesetzt wird (Siehe Erich Neumann: Die Große Mutter, Zürich 1956). Insofern das Gleichgewicht der beiden Geschlechtsprinzipien die Voraussetzung dafür bildet, daß das Rein-Menschliche zur Geltung kommen kann, liegt in dieser Wiederentdeckung und Hervorhebung des weiblichen Prinzips freilich etwas durchaus Berechtigtes.
   Hier ist nun aber noch ein Zweifaches zu bemerken. Wenn das Ziel, dem der Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter eigentlich gilt, in Wahrheit in der Anerkennung des Rein-Menschlichen leigt, das zugleich das wahrhaft Individuelle ist, so wird dieses in seiner übergeschlechtlichen Wesenheit für das menschliche Erkennen und Erleben nur in dem Maße einen bestimmten Inhalt erlangen können, als es als das erfaßt wird, was im Sinne der Darstellung, die wir hiervon im zweiten Band gegeben haben, im Lauf der Geschichte durch wiederholte Verkörperungen hindurchgeht. Die Erkenntnis der Reinkarnation der menschlichen Ichwesenheit, wie sie sich der geisteswissenschaftlichen Forschung ergeben hat, wird sich immer mehr als eine unerläßliche Bedinung dafür herausstellen, daß das Wesen der menschlichen Individualität sich für unsere Vorstellung mit einem substantiellen Inhalt erfüllt. Denn ein wesentliches Moment dieser Erkenntnis liegt darin, daß die menschliche Individualität in der Folge ihrer Erdenleben wechselweise durch männliche und durch weibliche Verkörperungen hindurchgeht. Darin bezeugt sich ihr den ganzen Umfang des Menschlichen und damit auch die Gegensätzlichkeit der Geschlechter umfassendes Wesen. Die menschliche Individualität ist an sich weder männlich noch weiblich; sie erscheint nur auf (S199) Erden in einem männlichen oder weiblichen Leibe. Und eine Empfindung für die wirkliche Gleichheit, die zwischen den Menschen besteht, unabhängig von dem Geschlecht, in dem sie leiblich erscheinen, wird sich darum erst einstellen, wenn ein Organ ausgebildet wird für ihre durch wiederholte Verkörperungen schreitende Individualität.
   Gerade das zuletzt Ausgeführte fordert aber eine bestimmte Frage heraus. Wenn die Vorbedingung dafür, daß die übergeschlechtlich-gesamtmenschliche Individualität zur Geltung gelangen könne, darin liegt, daß die beiden Geschlechter im Sinne ihrer Gleichberechtigung zu einem ausgeglichenen Zusammenwirken kommen, kann dann der einzelne Mensch, da er ja immer entweder als Mann oder als Frau, also nur in einem Geschlecht verkörpert ist, seine eigene Individualität in ihrer gesamtmenschlichen Wesenheit überhaupt erfassen, solange er zwischen Geburt und Tod im Leibe lebt? Ja noch mehr: wie kann die das Ganze des Menschlichen umfassende Ichwesenheit sich überhaupt in einem nur eingeschlechtlichen Leibe verkörpern? Wie vermag sie in ihm sozusagen Raum zu finden? Man wird diese Frage verstehen, wenn man sich daran erinnert, wie wir im vorletzten Kapitel ausgeführt haben, daß die Christuswesenheit - als das "Ich" der ganzen Menschheit - sich nur in einem Leibe verkörpern konnte, in welchem der männlich-weibliche Gegensatz, nun im menschheitsgeschichtlichen Sinne, vollständig zur Einheit verschmolzen worden war. Muß nicht, zwar in entsprechender Abwandlung, aber dennoch etwas Analoges für jeden einzelnen Menschen gelten in dem Zeitalter, da dieser sich - wie es durch die Erkenntnis der Reinkarnation der Fall ist - seiner vollmenschlich-übergeschichtlichen Ichwesenheit bewußt werden soll? Hier ist nun auf ein weiteres wichtiges Ergebnis der Geistesforschung hinzuweisen, das die unerläßliche Ergänzung zu ihrer Lehre vom Wesen des menschlichen Ichs und seinem Durchgang durch wiederholte Erdenleben bildet.
   Wenn in einem früheren Kapitel davon die Rede war, daß der Sündenfall die Trennung der Geschlechter, die im androgynen Urmenschen noch vereinigt waren, zur Folge gehabt habe, so ist nun vervollständigend hinzuzufügen, daß diese Trennung keine absolute, sondern nur eine relative war. In gewisser Weise ist der Mensch auch seiner leiblichen Organisation nach zweigeschlechtlich geblieben, nur ist der jeweils eine der beiden Geschlechtspole in die Verborgenheit zurückgetreten, so daß nach außen nurmehr der jeweils andere sichtbar ist. Was die Geistesforschung die Organisation der ätherischen Bildekräfte des Menschen nennt, das zeigt für ihre Anschauung den umgekehrten Geschlechtscharakter wie die physische Leiblichkeit. Diese Bildekräfte-Organisation dient als Werkzeug ebenso dem verborgenen, unbewußten, nach innen gewendeten Teil des seelisch-geistigen Lebens wie die physische Organisation dem nach außen gewendeten bewußten Teil desselben. (S200) Daß der physische Leib eines Menschen männlich ist, bedeutet, daß er in stärkerem Maße der physischen Welt angepaßt ist als der weibliche. Er ist daher stärker von den Kräften der Verfestigung, die auch die Kräfte des Todes sind, durchdrungen als dieser. Dafür greift beim Manne die ätherische Organisation weniger stark in die physische ein, sie hält sich freier von dieser und erscheint mehr ihrer eigenen Welt, ja den überphysischen Bereichen überhaupt zugewendet. Darin besteht ihr weiblicher Charakter. Darum erweist sich der Man im bewußten Teil seines Seelenlebens zwar mehr dem Physisch-Materiellen zugewendet als die Frau; in den innerlichen Schichten desselben ist er aber mehr für das Geistige offen als diese. Aus diesem Grund ist im Elemente des Seelisch-Geistigen vornehmlich er der Empfangende und Gebärende.
   Denselben Charakter wie die ätherische Organisation zeigt die physische bei der Frau. Diese ist weniger der physischen als der ätherischen Welt angepaßt; sie ist stärker von den aufweichend-verflüssigenden, den Kräften des Lebens durchdrungen. Sie ist als solche stärker den überphysischen Welten geöffnet. Das macht ihren weiblichen Charakter aus. Darum ist die Frau im Elemente des Physisch-Leiblichen die Empfangende und Gebärende. Ihre ätherische Organisation dagegen ist eben deshalb stärker mit der physischen verbunden, ja der physischen Welt überhaupt zugewandt. Hierin liegt ihr männlicher Charakter. Aus diesem Grunde erscheint die Frau auf geistigem Gebiete durch die innerlicheren Schichten ihres Seelenlebens als der zeugend-anregende Teil, wie es der Mann im Leiblichen ist.
   Dieses Geheimnis von der Doppelgeschlechtlichkeit der menschlichen Organisation hatte schon Otto Weininger (Geschlecht und Charakter) wieder geahnt. In den letzten Jahrzehnten hat es auch die Tiefenpsychologie, insbesondere die Jungsche Richtung derselben, durch die Erforschung des Unbewußten im Seelenleben, auf ihre Weise wieder entdeckt. In den Archetypen der Anima (beim Manne) und des Animus (bei der Frau), die Jung aufgewiesen hat, offenbart es sich in den tieferen Schichten der Seele.

C. Soziale Ordnung


   Abermals bietet sich in unserer Epoche ein Gegenbild dar zu den Verhältnissen in der zeit der ersten geschichtlichen Hochkulturen, wenn der Blick auf die Tatsache gerichtet wird, daß durch die Überlagerunsgprozesse, die diesen zugrunde lagen, eine in Stände (Kasten) geschichtete Gesellschaft entstanden ist. Wir wiesen an früherer Stelle darauf hin, wie die erobernden (S201) Nomadenstämme sich hierbei in die herrschenden Klassen, das heißt in die der Priester und Krieger verwandelten, die unterworfenen Bauernbevölkerungen dagegen zu den dienenden Klassen wurden, die Ackerbau und Handwerk, Handel und Gewerbe betrieben. Die Arbeitsteilung und Berufsdifferenzierung, die sich so herausbildete, war also identisch mit einem System des Herrschens und Dienens, das da errichtet wurde. Der einzelne Mensch gehörte entweder einer herrschenden oder dienenden Klasse an und übte, je nachdem, die Funktion eines Priesters, Kriegers oder eines Handwerkers bzw. Landmannes aus. Er wurde noch nicht als Mensch schlechthin betrachtet, sondern seine Bedeutung und Bewertung war ausschließlich durch seine Stammeszugehörigkeit bestimmt. Das Menschliche kam lediglich im Ganzen der sozialen Ordnung zum Ausdruck, insofern dieses sozusagen einen "Menschen im Großen" repräsentierte (Siehe erster Band, S262ff). Denn die einzelnen Stände hatten - so erscheint die Sache wenigstens in der Darstellung von Platos "Staat", wo sie ins Licht eines philosophierenden Bewußtseins gehoben wird - gemäß den Funktionen, die ihnen innerhalb dieses Ganzen oblagen, bestimmte Tugenden zu üben, die in ihrer Gesamtheit: Weisheit, Tapferkeit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit das Ganze eines ethischen Systems darstellten. Aber dieses Ganze war den einzelnen Menschen als solchen kaum im Bewußtsein, höchstens in einer bestimmten Weise den geistig Führenden, die dem Priesterstand angehörten. Die Ausbildung dieser durch eine Differenzierung von Berufsständen und Aufrichtung eines Herrschaftssystems gekennzeichneten Gesellschaftsstruktur stellt vom soziologischen Gesichtspunkt aus die wichtigste Errungenschaft jener ersten Hochkulturen dar.
   Wir haben nun an früherer Stelle schon darauf hingewiesen, daß zum beherrschenden Problem unserer Zeit die Frage nach dem der gegenwärtigen Entwicklungsstufe der Menschheit angemessenen Prinzip der gesellschaftlichen Struktur geworden sei. Die industriell-kapitalistische Wirtschaftsform, wie sie das 19. Jahrhundert zunächst der westlichen Welt gebracht, und die proletarisch-sozialistische Bewegung, deren Aufkommen sie zur Folge gehabt hat, haben dieses Problem gleichsam an die erste Stelle der Tagesordnung gerückt, welche die Aufgaben unseres Jahrhunderts umschreibt. Und die Spaltung der gegenwärtigen Menschheit in die "freie" Welt des Westens und die kommunistische des Ostens, welche - abgesehen von den beiderseitigen Weltherrschaftsaspirationen - sich ja wesentlich auf die Frage des unserer Zeit angemessenen Prinzips der Gesellschaftsordnung bezieht, bezeugt die brennende Dringlichkeit, welche die Lösung dieses Problems heute erlangt hat. In den Gegensätzen, die sich da gegenüberstehen, treten nun, allerdings in verwandelter Gestalt, dieselben wieder in Erscheinung, die sich in der Epoche der ersten Hochkulturen in verschiedenen Abwandlungen kämpfend miteinander (S202) verschmolzen und ausgeglichen haben. Zwar erscheint, vom Westen her gesehen, die Differenz zwischen ihnen als diejenige zwischen einem System der Freiheit und einem solchen der Unfreiheit, der Gewaltherrschaft. Aber auf einen so einfachen Nenner läßt sie sich doch nicht bringen. Gewiß gewährleistet die westliche Ordnung dem einzelnen Menschen die freie Selbstbestimmung auf allen Gebieten des Lebens: auf dem geistigen, dem politischen und dem wirtschaftlichen. Aber der Schwerpunkt dieser Freiheit liegt doch ganz eindeutig in der Wirtschaft: in der sogenannten "freien Wirtschaft"; denn im Westen hat das menschliche Leben überhaupt seinen Schwerpunkt im Gebiete der Wirtschaft. Und die Freiheit, deren sich der Einzelne auf diesem Gebiet erfreut, wirkt sich daher im wesentlichen aus in dem durch nichts gehemmten egoistischen Streben nach wirtschaftlichem Erfolg, materiellem Gewinn und Kapitalmacht. Es wird in der westlichen Welt immer schwieriger, für die geistigen Berufe: Priester, Forscher, Lehrer, Künstler, Ärzte noch genügend Anwärter zu finden. Der Mangel an solchen hat weithin schon die Form eines schweren Notstandes angenommen. Unter der Devise des "ständig sich steigernden Wohlstandes für alle" läuft die westliche Welt Gefahr, daß ihre Bevölkerung immer tiefer in die Sklaverei versinkt gegenüber der nach grenzenloser Ausdehnung strebenden wirtschaftlichen Produktion. So ist auch hier eine Herrschaft in der Aufrichtung begriffen, - die Herrschaft nämlich einer technisch-industriellen Produktionsmaschinerie, durch deren Bedürfnisse das Leben und Verhalten der Menschen immer ausschießlicher bestimmt und gesteuert wird. Ihr völliger Sieg würde die gänzliche Ahrimanisierung der westlichen Zivilisation bedeuten.
   Auch der östliche Kommunismus marxistisch-leninistischer Prägung betrachtet das Wirtschaftsleben als die einzige, ausschließliche geschichtlich-soziale Realität. Hierin verrät sich sein westlicher Ursprung. Wesentlicher für ihn ist aber, daß er mit dieser Auffassung die andere verbindet: daß dieser Realität nur dann eine gerechte, wahrhaft menschenwürdige Form gegeben werde, wenn sie im kommunistischen Sinne geordnet wird. Und diese Auffassung wird hier nicht nur mit rücksichtsloser Gewalt in die Praxis umgesetzt; sie wird außerdem noch als solche wie ein religiöses Dogma, an dem kein Zweifel erlaubt ist, verkündet und unter Verhöhnung und Unterdrückung jeder anderen der Bevölkerung aufgezwungen. Bedeutet das kommunistische System nun schon in der Wirtschaft die Abschaffung der freien Selbstbestimmung des Einzelnen - zugunsten des "Wohlergehens der Allgemeinheit" -, so unterdrückt es diese Freiheit noch viel härter auf dem Gebiete des geistigen Lebens durch die Art, wie es seine Lehre zum unumstößlichen Dogma proklamiert und alles geistige Schaffen in den Dienst der Propaganda für dasselbe zu stellen verlangt. Und so ist es gerade diese Unfreiheit im Geistigen, die ihm am allermeisten den Stempel aufdrückt; erst an zweiter Stelle (S203) folgt die politische Gewaltherrschaft, die es aufgerichtet hat; und die wirtschaftliche kommt an Bedeutung erst zuletzt. Man hat dieses System daher vielfach als Sozialreligion, - als das ins Materialistisch-Wirtschaftliche pervertierte Zerrbild einer religiösen Heilslehre bezeichnet. Und darum liegt - so paradox dies im Hinblick auf die materialistische, ganz auf die Wirtschaft ausgerichtete Geschichtsauffassung und Soziallehre auch klingen mag - das charakteristische Merkmal dieses Systems dennoch in der Tyrannei, die hier eine, zwar materialistisch gesinnte, aber dennoch geistige Verkündigung über das allgemein-geistige und über das gesamte soziale Leben überhaupt ausübt. wir haben es hierbei also mit dem Streben nach Aufrichtung einer umgekehrt gearteten Herrschaft über die Menschheit zu tun, als wie sie im Westen droht. Und hierin liegt der spezifisch östlich-orientalische Zug dieses Systems, - die in ihm wirksame luziferische Tendenz.
   Aus all dem erhellt, daß auch mit dem Problem der von unserer Zeit geforderten Gesellschaftsordnung, wie es die heutige Welt bewegt und in Parteien spaltet, im tiefsten Grunde wieder, von einem bestimmten Gesichtspunkt aus, die Frage nach der wahren, zeitgemäßen Durchchristlichung unserer Kultur aufgeworfen ist. Diese bedeutet allerdings etwas ganz anderes, als diejenigen sich vorstellen, welche die "Verteidigung des christlichen Abendlandes gegen den unchristlichen Kommunismus" und ähnliche Parolen im Munde führen. Sie besteht nämlich ganz und gar nicht darin, unsere heutige Welt in irgendeiner Form wieder einer Priesterherrschaft zu unterwerfen, das heißt einer kirchlichen Führung zu unterstellen und unser Leben damit in die Klerikalisierung und Konfessionalisierung zurückzustoßen. Sie kann vielmehr - von dem hier in Rede stehenden Aspekt aus - nur eine soziale Ordnung zum Ziele haben, die ein Gleichgewicht zwischen dem materiell-wirtschaftlichen und dem geistig-kulturellen Pol des Lebens zu erreichen ermöglicht. Das bedeutet aber, daß das Herrschaftsprinzip in jeder Art und Form überwunden und auch in der Sphäre des Sozialen die menschliche Freiheit verwirklicht wird. Denn auch für dieses Gebiet gilt hinsichtlich der wahren Freiheit dasselbe, was schon Schiller für die Sphäre des Individuellen, das heißt für die innere "Verfassung" des einzelnen Menschen, aufgewiesen hat: daß der Zustand der Freiheit nur eintreten kann, wenn jede Vorherrschaft einer Seite der Menschennatur, sowohl die des Geistigen über das Sinnliche als auch jene des Sinnlichen über das Geistige - in Schillers Ausdrucksweise: sowohl die des Formtriebs über den Stofftrieb als auch die umgekehrte - überwunden und die beiden in ein ihre Wirksamkeiten neutralisierendes Gleichgewicht zueinander gesetzt sind. Auf dem Felde des Sozialen entspricht dem, daß das Leben der Menschheit weder unter die Tyrannei der Wirtschaft und ihrer Produktionsapparatur noch unter die des Geisteslebens, sei es in Gestalt einer geistlichen Kirche oder der weltlichen einer kommunistischen Parteiorganisation, gebeugt (S204) wird, sondern seine drei konstituierenden Gebiete: das geistige, das politisch-staatliche und das wirtschaftliche im Gleichgewichte zueinander stehen. Die formale Vorbedingung hierfür liegt, wie Rudolf Steiner gezeigt hat, darin, daß sie administrativ gegeneinander selbständig werden, also jedes in seine eigene Verwaltung gegeben wird, oder, umgekehrt ausgesprochen: daß das Idol unserer Zeit, der Totalstaat, der zugleich Kultur-, Rechts- und Wohlfahrtsstaat sein will, aufgegeben, das heißt das staatliche Leben auf sein eigentliches Gebiet: die Regelung und Sicherung der Rechtsbeziehungen zwischen den Menschen beschränkt und aus seinen Kompetenzen das geistige sowohl wie das wirtschaftliche Leben ausgeschieden wird. Dadurch wird nämlich die Möglichkeit unterbunden, daß eines dieser Gebiete vergewaltigend und tyrannisierend auf die andern übergreifen kann.
   Es wird ein Gleichgewicht zwischen ihnen dadurch aber noch aus einem tiefern Grunde ermöglicht. Wenn nämlich jedes von ihnen seiner eigenen Verwaltung übergeben wird, dann wird diese sich nach den Ordnungsprinzipien ausrichten müssen, die in der Natur und inneren Gesetzmäßigkeit eines jeden von ihnen begründet sind. Und dann wird sich herausstellen, daß auch diese Ordnungsprinzipien hinsichtlich des geistigen und des wirtschaftlichen Lebens von polarisch entgegengesetzter Art sind, und dasjenige des Rechts- oder Staatslebens eine ausgleichende Mitte zwischen ihnen darstellt.
   Das Ordnungsprinzip des geistigen Lebens (Erziehung, Wissenschaft, Kunst, Religion) kann gemäß dem Gange der geschichtlichen Geistesentwicklung, wie er auch im ersten Teil dieses Buches dargestellt worden ist, in unserer Epoche kein anderes als das der Freiheit sein in dem spezifischen Sinne, daß es sich gründet auf die freie Entfaltung und Betätigung der schöpferischen geistigen Anlagen der menschlichen Individualitäten gemäß den in ihnen selbst wirkenden Impulsen. Das geistige Leben vermag heute die ihm mögliche Produktivität nur zu erlangen, wenn seine Organisation den schöpferischen Individualitäten ein in freier Konkurrenz sich entfaltendes Schaffen gewährleistet. Was innerhalb dieses geistigen Lebens als Wahres, Schönes und Gutes zur Anerkennung und Herrschaft gelangen soll, darf diese keinerlei Gewaltmitteln staatlicher oder wirtschaftlicher Art verdanken, sondern ausschließlich der freien Überzeugung, die es durch seine innere Qualität in Menschenseelen hervorbringt. Wird diese Freiheit innerhalb des geistigen Lebens einmal verwirklicht werden, dann wird auch ersichtlich werden, daß die Freiheit, welche die heutige Menschheit innerhalb der Sphäre des Sozialen sinnvollerweise allein anstreben kann, nicht in der sogenannten "freien" Wirtschaft und ebenso wenig in der staatlich-politischen Selbstbestimmung der Nationen, sondern in der freien Selbstbestimmung des Einzelmenschen auf dem Felde des geistigen, das heißt des wissenschaftlichen, künstlerischen, religiösen, nationalkulturellen Lebens liegt. Ist ihm die Freiheit auf diesem (S205) Gebiete gesichert, dann hat der Mensch alles, was er unter den heutigen Lebensbedingungen der Menschheit sinnvollerweise an Freiheit verlangen kann.
   Umgekehrt liegen die Dinge heute im Wirtschaftsleben. Da die modernen technischen Produktions-, Transport-, Verkehrs- und Nachrichtenmittel in ihm eine ins Unendliche gehende Arbeitsteilung sowohl in technisch-organisatorischer wie in räumlich-geographischer Beziehung bewirkt und dadurch die frühere Haus- und Volkswirtschaft in den einheitlichen Weltwirtschaftsorganismus verwandelt haben, verlangt die Wirtschaft heute durch sich selbst, aus diesem Ganzen heraus, das heißt vom Gesichtspunkt der Gesamtmenschheit als einer einzigen Wirtschaftsgemeinschaft aus, geordnet zu werden. Dies ist der tiefere Sinn des Rufes nach "Sozialismus", der aus der neueren Wirtschaftsentwicklung heraus sich erhoben hat. Das bedeutet keineswegs Planwirtschaft und staatlichen oder überstaatlichen Dirigismus; es bedeutet vielmehr, daß die Wirtschaft heute vor die Aufgabe gestellt ist, aus sich selbst heraus die Organe zu erbilden, durch welche jederzeit an den in Betracht kommenden Stellen gewußt werden kann, was einerseits an wirtschaftlichen Bedürfnissen, andrerseits an Möglichkeiten der Produktion und der Verteilung vorhanden ist, und demgemäß die entsprechenden Entschlüsse gefaßt, Verträge geschlossen, kurz: Schritte des praktischen Handelns unternommen werden können (Siehe F.Wilken: Die Selbstgestaltung der Wirtschaft, Freiburg, ferner E.Leinhas: Vom Wesen der Weltwirtschaft, Stuttgart-Lohr 1949). Wird die Wirtschaft in solcher Weise ihre Verwaltung einmal selbst in die Hand nehmen, dann wird sie sich auch von dem furchtbaren Mißbrauch befreien können, den mit ihrer Produktion heute die Staaten noch treiben zum Zweck ihrer Kriegsrüstungen. Dann wird aber auch erst der ungeheure Bedarf voll ins Bewußtsein eintreten können, der heute in den sogenannten unterentwickelten Ländern durch die rapide Bevölkerungsvermehrung besteht, und die Organisation der Produktion und der Verteilung werden auf diesen Bedarf hinorientiert werden können. Der heute nur angeblich erstrebte "Wohlstand für alle" wird erst dann ein solcher in Wahrheit werden und die Hungersnot von zwei Dritteln der Menschheit beseitigen.
   So wird durch die verwaltungsmäßige Verselbständigung der verschiedenen Funktionssysteme des sozialen Organismus erst voll hervortreten die Gegensätzlichkeit der Strukturprinzipien, die seinem geistig-kulturellen und seinem wirtschaftlichen Glied innewohnen. Gleichzeitig wird er dadurch aber auch die Möglichkeit erhalten, als ganzer ins Gleichgewicht zwischen diesen seinen Polen zu kommen. Denn wird der Staat von allem entlastet sein, was nicht zu seiner eigentlichen Funktion gehört, dann wird sich zeigen, daß diese Funktion in der Regelung und Sicherung der Rechtsbeziehungen zwischen den Menschen liegt. Da aber die Menschen heute unabhängig von Geburt (S206) und Beruf, Stand und Nationalität, in ihrer Rechtsstellung als Individualitäten behandelt zu werden verlangen, so wird, da dieser ihr Charakter ihnen allen in gleicher Weise zukommt, die Festsetzung ihrer Rechtsbeziehungen nur auf das Prinzip der absoluten Gleichheit begründet sein können. Was wir im vorangehenden Abschnitt über die Gleichberechtigung der Geschlechter ausgeführt haben, bildet ja nur einen Teilaspekt dieser allgemeingültigen Forderung. Das Prinzip der Gleichheit stellt aber in sich selbst die neutralisierende Mitte dar zwischen den Prinzipien der Freiheit und der Gemeinschaft (Brüderlichkeit). Und so wird recht eigentlich durch den Staat, wenn er durch Abgabe aller ihm durch sein Wesen nicht zustehenden Kompetenzen endlich zum Rechtsstaat geworden sein wird, der soziale Organismus im Gleichgewicht zwischen seinen polaren Systemen gehalten werden können. Dann aber wird auch erst in Erscheinung treten, in welch ungeheuerlichem Maße wir heute in durch reine Machtverhältnisse bewirkten Unrechtszuständen leben und wie viel zu tun sein wird, um im Sinne der Gleichheit den Rechten und Pflichten der Menschen Respekt und Geltung zu verschaffen.

   All das Angeführte bildet nun aber nur die eine Seite des Gesamtprozesses, um den es sich hierbei handelt: das Moment der Gliederung. Die andere, ergänzende Seite desselben liegt im Momente der Zusammenfassung. Wenn die letztere nicht mehr durch eine allumfassende Institution erfolgt - wie sie der Götze unserer Zeit: der Totalstaat, darstellt -, so kann sie nur durch die Menschen als solche geschehen. Und sie kommt gegenüber der skizzierten verwaltungsmäßigen sozialen Dreigliederung dadurch zustande, daß jeder Mensch in allen drei Lebensgebieten drinnensteht: als Rechtssubjekt im Staate, als wirtschaftlich Produzierender oder bloß Konsumierender in der Wirtschaft, als geistig Schaffender oder bloß Empfangender im Geistesleben. In jedem Menschen, was immer auch sein Beruf sein mag, fassen sich die drei Gebiete des sozialen Lebens zur Einheit zusammen. Und diese gesamtmenschliche Bedeutung des Einzelnen bekommt überhaupt erst Raum zur Entfaltung, wenn durch den Abbau des heutigen Total- oder Einheitsstaates der soziale Organismus als solcher sich gliedert. Der Mensch als solcher erlangt dann die Geltung, die zu vernichten, wo nicht die bewußte Absicht, so doch die unausbleibliche Wirkung alles Staatstotalitarismus ist. Und dies bedeutet, daß erst durch solche soziale Gliederung erreicht wird, was der marxistische Kommunismus angeblich als sein letztes Ziel anstrebt, aber in Wahrheit völlig verfehlt: eine wirklich "klassenlose Gesellschaft", die Überwindung aller Klassen- und Standesunterschiede. Und da ja, wie wir gesehen haben, die Ständeordnung ein Herrschaftssystem darstellt, so heißt das, daß auch von diesem Gesichtspunkt aus gesehen die Verselbständigung der drei sozialen Lebensgebiete die Überwindung aller Herrschaftsverhältnisse bedeutet. Zwar wird die Zusammenfassung des sozialen Ganzen in jedem Einzelnen in verschiedener (S207) Weise sich gestalten; aber es werden individuelle, nicht klassenmäßige Verschiedenheiten sein, und so viele, als es verschiedene Individualitäten gibt.
   Damit ist, vom inhaltlichen Gesichtspunkte aus, das auf das soziale Leben bezügliche "Gute" gekennzeichnet, das wir vom formal-methodischen Aspekt aus in dem Kapitel über "die menschheitliche Sphäre der moralischen Verantwortung" charakterisiert hatten.

D. Krieg und Frieden
   Zum Abschluß dieses Kapitels sei noch ein Aspekt der Beziehungen zur Vergangenheit hervorgehoben, der eine Problematik betrifft, die heute von nicht geringerer Aktualität ist als alle diejenigen, von denen im vorangehenden die Rede war: nämlich die Problematik von Krieg und Frieden. Sie ist darüber hinaus eine solche, die zu allen Zeiten als eine der hauptsächlichsten Formen empfunden worden ist, in denen das Hineingestelltsein des Menschen in den Gegensatz zwischen Gut und Böse zur Erscheinung kommt. In dem, was zu dieser Problematik hier zu sagen sein wird, fassen sich darum zugleich die Konsequenzen von vielem zusammen, was sowohl im ersten wie im zweiten Teil dieses Buches bisher ausgeführt worden ist.
   Wir zeigten ja in diesen beiden Teilen in etwas verschiedener Art, weil von verschiedenen Gesichtspunkten aus, wie der Gegensatz des Guten und Bösen in der vor- und frühgeschichtlichen Zeit noch auf die Menschheit im ganzen sich verteilte, im Laufe der geschichtlichen, genauer: der nachchristlichen Entwicklung aber allmählich in das Innere des einzelnen Menschen eingezogen ist, so daß seine Austragung heute legitimerweise auf dem Schauplatz der einzelnen Seele erfolgt. Wir schilderten im ersten Teil, wie in jenen älteren Zeiten der Gegensatz von Gut und Böse innerhalb der Gesamtmenschheit durch die Zweiheit der geistigen Führung und der großen Masse der Geführten vertreten war und wie durch das Christusereignis diese Zweiheit in ihrer bis dahin gültigen Form überwunden worden ist.
   Im zweiten Teil erschien sodann die ehemalige Verteilung von Gut und Böse auf die Gesamtmenschheit in der Gestalt, daß in den zwei Hauptströmungen, in welchen ihre geschichtliche Entwicklung zunächst verlief, sowohl das Gute wie auch das Böse in entgegengesetzter Art wirkte und auch aufgefaßt wurde, so daß behauptet werden darf, jede dieser Strömungen hatte es nur mit einer Hälfte bzw. einer Erscheinungsform des Guten und des Bösen zu tun. Die nördliche Strömung sah in Luzifer das Gute - das in dessen Wirksamkeit damals als eines ihrer Momente in der (S208) Tat auch enthalten war -, in Ahriman das Böse, in der südlichen dagegen wirkte Jahve als das Gute und Luzifer als das Böse. Die bloß relative Gültigkeit der in den beiden Strömungen herrschenden Auffassungen von Gut und Böse enthüllt sich freilich nur, wenn man von einer ihnen übergeordneten Warte aus in ihnen zusammengehörige Teile des größeren Ganzen der Gesamtmenschheit zu erblicken imstande ist. Von solcher Höhe aus vermochten jedoch die Angehörigen jener beiden Strömungen - zumindest in ihrer großen Masse - die Verhältnisse noch nicht zu überschauen. Ihr geistiger Horizont war auf ihre je eigene Strömung beschränkt, - und das hatte zur Folge, daß sie die jeweils entgegengesetzte als in der Verehrung falscher Götter befangen, im Irrtum über Gut und Böse verstrickt, ja zuweilen deshalb dem Bösen selbst verfallen empfinden mußten. Daraus resultierten in jener Zeit die Kriege zwischen diesen Strömungen. Sie hatten damals durchaus den Charakter von Religionskriegen, waren "heilige Kriege". Durch die Überlagerungsprozesse, zu denen sie führten, und die zugleich doch auch bis zu einem gewissen Grade Prozesse der Bevölkerungsverschmelzung waren, wurde für die damalige Menschheit je nach Notwendigkeit die übermäßige Wirksamkeit der einen oder der andern Form des Bösen in der Weise abgedämpft, daß die entgegengesetzten Formen desselben sich gegenseitig gewissermaßen in Schach hielten und neutralisierten. In diesem Sinne hatte die kriegerische Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Völkern damals noch eine positive Bedeutung und eine entwicklungsfördernde, kulturbegründende Wirkung. Sie war die legitime Form, in der über Schicksal und Fortschritt der Menschheit entschieden, Mächte des Bösen in ihrem Einfluß eingedämmt und Möglichkeiten des Guten eröffnet wurden. Und so wurde sie in jener Zeit auch durchaus angesehen. Ihre Entscheidungen galten sozusagen als "Gottesurteile". Ja, die Völker empfanden die Kriege damals im Grunde noch gar nicht als ihre eigenen Angelegenheiten, sondern noch als diejenigen der Götter, denen sie dienten; sie fühlten sich selbst nur als deren ausführende Werkzeuge. In die Kategorie dieser Kriege gehören noch diejenigen der alten Ägypter und Babylonier, der Israeliten, ja selbst noch der Perser unter Kyros, dem Begründer des Achämenidenreiches. Und ihre Nachzügler haben sie noch in den Eroberungszügen der Hunnen, der mohammedanischen Araber und der Mongolen gehabt.
   Auch diese Zweiheit von Strömungen ist - gemäß unserer Schilderung im vorletzten Kapitel - durch die Christuserscheinung in solcher Art zur Einheit verschmolzen worden, daß sie ihre Bedeutung in nachchristlicher Zeit völlig verloren hat. Hiermit steht es im tiefsten Zusammenhang, daß mit diesem Ereignis - sogar schon anläßlich der Geburt des Jesuskindes, wie Lukas sie schildert - der Menschheit das Evangelium des
Friedens verkündigt worden ist. Allerdings wurde auch diese Botschaft damals nur als ein Same in den Schoß der Menschheit gelegt. Zum Verständnis ihres eigentlichen Sinnes und (S209) zu ihrer Verwirklichung mußte diese im Lauf ihrer weiteren Entwicklung erst heranreifen. Betrachten wir dagegen den unmittelbaren Fortgang der Geschichte, so sehen wir mit dem Aufblühen der Mittelmeerantike die Kriege aus religiösen in staatlich-politische sich verwandeln. An die Stelle des "heiligen" tritt der "gerechte" Krieg, durch den eine Rechtsverletzung oder Missetat geahndet wird. Als ein solcher stellt sich schon der trojanische dar, den der "Raub der Helena" verursachte. Die Art und Weise freilich, wie - der Sage nach - schon dieser Raub als Folge eines Streites zwischen Göttern zustande kam und wie in die Schicksale und Kämpfe der Griechen und der Trojaner die Götter dauernd entscheidend eingreifen, läßt diesen Krieg noch als der erstgeschilderten Kategorie von Auseinandersetzungen angehörend erscheinen. Er bildet jedenfalls deutlich den Übergang von der ersten zur zweiten. Ja, dieser Übergangsphase gehören selbst noch die Perserkriege und ihr Gegenstück: die Alexanderzüge, an; denn beide sind noch nicht aus rein politisch-machtmäßigen, sondern auch aus Impulsen ins Werk gesetzt worden, die dem geistig-kulturellen Leben angehören. Haben sie doch auch beide bedeutende kulturelle Wirkungen hervorgebracht. Dagegen entstanden die Kriege zwischen den griechischen Stadtstaaten - das Musterbeispiel hierfür ist  der peloponnesische Krieg - aus rein politischen Machtrivalitäten. Und die fortgesetzten Kriege der Römer, des Kriegervolkes par excellence, dienten zuerst der stetigen Erweiterung ihres politischen Machtbereichs, später immer mehr der Sicherung seiner Grenzen. Wie sehr aber auch gerade in ihnen einerseits noch die älteren religiösen Impulsierungen nachwirkten, andererseits doch wesentlich um die Durchsetzung des Rechts gekämpft wurde, geht aus folgenden Worten eines Fachmanns der römischen Geschichte (Viktor Pöschl) hervor: "Aus dem römischen Sicherheitsdenken wächst auch die religiöse Sicherung des Krieges und seine Verknüpfung mit dem Begriff des Rechts. Der Krieg wird religiös gesichert nicht durch die Auspizien, die zu Beginn des Krieges und vor jeder Schlacht wie überhaupt jeder wichtigen politischen und militärischen Entscheidung eingeholt werden, sondern auch durch die Beobachtung heiliger Vorschriften, die im sogenannten Fetialrecht niedergelegt sind. Die Priesterschaft der Fetialen verlangt von dem, der durch Verletzung der Grenzen römischen oder bundesgenössischen Gebiets das Recht gebrochen hat, Wiederherstellung des Rechtszustandes (rerum repetitio). Wird dieser Forderung innerhalb von dreißig Tagen nicht stattgegeben, kann der Krieg nicht nur als 'gerechter Krieg' (bellum justum) erklärt werden, sondern er muß es. Durch diese religiöse Verknüpfung stehen Recht und Kriegsführung von vornherein in einer ganz festen Verbindung, und die Erweiterung des römischen Imperiums muß demnach notgedrungen als eine Ausdehnung des Bereiches betrachtet werden, in dem das Recht herrscht, und als eine Zurückdrängung des Gebietes, wo Unrecht, Unordnung und Unsicherheit (S210) eine ruhige Entfaltung des menschlichen Gemeinschaftslebens verhindern. So bildete sich aus der barbarischen Zone der Mittelmeerwelt, die sich zunächst von der Kulturzone scharf abgehoben hatte, ein neues Feld der Ordnung heraus, das eine immer stärkere Attraktionskraft entfaltete" (Die Einigung Italiens durch Rom. Historia Mundi, Band III, 1954. Siehe zu diesem Abschnitt auch: Karl Heyer, Wandlungen im Wesen des Krieges, Blätter für Anthroposophie, 5. Jahrgang, 1953,S17ff).
   Es ist hier nicht nötig, die ganze seitherige Geschichte der Kriege im genaueren durchzugehen. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß, nach dem in diesem Werke so vielfach aufgezeigten Gesetz der Rekapitulationen früherer Entwicklungsphasen in späteren, im Laufe der neueren Zeit noch einmal die drei Hauptformen des Krieges nacheinander auftreten: Im 16. und 17. Jahrhundert durchläuft im Gefolge der Refomationsbewegung Europa noch einmal ein Zeitalter der Religionskriege. Dieses geht mit dem Dreißigjährigen Kriege, der als Glaubenskrieg beginnt und als rein politischer Machtkampf endet, in das Zeitalter der politischen Kriege über. Die Wesenszüge derselben erlangen in den Raub- und Erbfolgekriegen Ludwigs XIV. von Frankreich und Friedrichs II. von Preußen ihre signifikante Ausprägung. Diese Unternehmungen werden zwar durch allerlei juristische Manöver und Argumentationen (Reunionskammern, Erbrechtkonstruktionen usw.) auch als "gerechte" begründet und gerechtfertigt, dienen aber in Wirklichkeit nurmehr der Erweiterung der eigenen politischen Macht auf Kosten der schwächeren Nachbarn oder Rivalen. So handelt es sich zwar auch hier wieder angeblich um die Durchsetzung oder Wiederherstellung des "Rechts"; in Wahrheit wird in den meisten Fällen brutales Unrecht verübt. Aber diese Problematik des Krieges verbleibt in dieser Zeit im wesentlichen in dieser Sphäre. Wie den Spaniern, die in den Kriegen der Gegenreformation die führende Rolle spielten, von ihren mittelalterlichen Kämpfen gegen die Mauren her der heilige, der Religionskrieg, im Blute liegt, so dem Franzosentum der aus politisch-juristischen Gründen geführte.
   In der Zeit Napoleons geht durch die von ihm - bezeichnenderweise in seinem Kampf gegen England - proklamierte Kontinentalsperre die Ära der politischen in die der Wirtschaftskriege über, die recht eigentlich die Kriege der Neuzeit überhaupt, ganz besonders aber der neuesten Zeit sind. Ihre Repräsentanten bilden die Kriege, namentlich die Kolonialkriege Englands (Nordamerikanischer Freiheitskrieg, Opiumkrieg gegen China, Burenkrieg u.a.). Immer geht es hierbei um die Wahrung wirtschaftlicher Interessen, um die Erringung oder Behauptung wirtschaftlicher Machtpositionen. Wie sehr auch der erste Weltkrieg den Charakter eines Wirtschaftskrieges hatte, zeigte nicht nur die gleich an seinem Beginn von England gegen Mitteleuropa verhängte (S211) wirtschaftliche Blockade, sondern noch unverhüllter nach seinem Abschluß die teilweise Demontierung der deutschen Fabriken, die Wegnahme der deutschen Kolonien und die phantastische Höhe der Deutschland auferlegten Reparationsleistungen, durch die das deutsche Volk auf Generationen hinaus wirtschaftlich versklavt werden sollte.
   War der Krieg schon in der Phase seiner Politisierung überwiegend zum Unrecht, ja zur paradigmatischen Form des Unrechttuns geworden, das im Großen innerhalb des Menschheitslebens geschieht, so wurde er in der Ära der Wirtschaftskriege vollends unmoralisch, ja geradezu zum Urphänomen des Unmoralischen, Bösen, das innerhalb der Menschheit waltet und wirkt, - insbesondere jenes Bösen, dessen Verführung gerade die moderne Menschheit erlegen war und die sie in weiten und zumal in ihren maßgebenden Teilen im 19. Jahrhundert in den moralischen Nihilismus des hemmungslosen Willens zur Macht hatte versinken lassen. Hatte sich doch der Krieg, seitdem er zum Wirtschaftskrieg geworden war, nur in die gewaltsame Form des vom rein egoistischen Gewinnstreben impulsierten Konkurrenzkampfes verwandelt, den das moderne liberalistisch-kapitalistische Wirtschaftsleben an sich darstellt und der in Darwin die Idee des "Kampfes ums Dasein" hatte entstehen lassen, den er als Entwicklungsmotor in das Leben des Tierreiches hineindeutete. Was der Krieg ehemals an moralischen Tugenden erzeugte, ist ihm zu erzeugen in unserer Zeit außerdem ja auch dadurch unmöglich geworden, daß mit der Anpassung der Kampfmittel an die Möglichkeiten, die das moderne Wirtschaftsleben zur Verfügung stellt, der Sieg immer mehr zu einer Frage der Überlegenheit an technischer Ausrüstung und an materiellen Hilfsquellen geworden ist. Aus dem moralischen Abscheu, den er aus all diesen Gründen in wachsendem Maße gegen sich erregt hat, ist schließlich um die letzte Jahrhundertwende die pazifistische Bewegung geboren worden, der freilich in den letzten Jahrhunderten bereits mannigfaltige ähnliche Bestrebungen vorangegangen waren.
   Diese erlangte insbesondere nach dem ersten Weltkrieg weite Ausbreitung. Ja, ihre Ideen hatten schon wesentlichen Anteil gehabt an der 1919 erfolgten Begründung des von Woodrow Wilson propagierten "Völkerbundes", durch den ein Boden geschaffen werden sollte, auf welchem künftig alle zwischenstaatlichen Konflikte mit friedlichen Mitteln ausgetragen werden können. Allein diese und auch verwandte Begründungen (Internationaler Gerichtshof im Haag, Kellogpakt usw.) vermochten nach Lage der Dinge in der von ihnen angestrebten Richtung nichts zu erreichen. Denn im ersten Weltkrieg war neben der wirtschaftlichen Kriegsführung (durch Blockade und Gegenblockade) nicht nur die politisch-militärische mit der ganzen Modernisierung der Kampfmittel und der Vermehrung der Streitkräfte, wie sie die neueste Zeit mit sich gebracht hatte, einhergegangen, - es war die letztere außerdem durch eine (S212) Propaganda des Hasses und der Verleumdung der gegnerischen Nationen, wie sie erst das Zeitalter des Nominalismus überhaupt möglich machte, noch derart verschärft worden, daß das ganze Kriegsgeschehen in eine Art von "Kreuzzugsstimmung" getaucht wurde, in der die Empfindung nicht nur eines gerechten, sondern eines heiligen Krieges in entarteter Form wiederauflebte. Und so war der erste Weltkrieg erstmals zu einem totalen Krieg geworden, der alle Lebensgebiete umfaßte und die gesamte Bevölkerung der kriegführenden Staaten unmittelbar in Mitleidenschaft zog. Die Folge davon war, daß diese an seinem Ende nicht nur blutmäßig die ungeheuersten Verluste erlitten hatte, in wirtschaftliche Verelendung versunken, sondern auch moralisch völlig heruntergekommen war. Diese Verhältnisse verurteilten die Friedensbewegung trotz ihres anfänglichen Aufschwungs nach kurzer Zeit zum Scheitern. Auf der einen Seite mißbrauchten die Sieger den Völkerbund als Instrument zur dauernden Niederhaltung der Besiegten. Auf der andern Seite wurde dadurch der Boden bereitet für jene grundsätzliche Totalisierung des Staates, wie sie dann in den Diktatursystemen Mittel- und Osteuropas durchgeführt wurde, die in den zwanziger und dreißiger Jahren sich etablierten und durch die sich die ehemals Besiegten oder Zukurzgekommenen dazu rüsteten, die Nachkriegsordnung umzustoßen. Und so kam es durch die skrupellose und unersättliche Expansionstendenz der letzteren am Ende der dreißiger Jahre zum zweiten Weltkrieg, in welchem die Totalisierung des Krieges noch einen weit höheren Grad erreichte als im ersten.
   Aber auch damit noch nicht genug: Durch die Konstruktion und den erstmaligen Einsatz der Atombombe trat während desselben ein Massenvernichtungsmittel auf den Plan, dessen Zerstörungskraft alles, was der Mensch bisher an Zerstörungswirkungen hervorrufen konnte, bei weitem übersteigt. Die seitherige Weiterentwicklung und Anhäufung solcher "Kernwaffen" würde daher einen weiteren Krieg zu einem Wahnsinnsakt gegenseitiger Vernichtung machen, die keinen Sieger mehr, sondern nur ein Feld der allgemeinen Verwüstung übrig ließe und die Möglichkeit einer Fortexistenz des überlebenden Restes der Menschheit in Frage stellte.
   Das bedeutet, daß die Menschheitsgeschichte heute an einem Punkte angelangt ist, wo kriegerische Auseinandersetzungen schlechterdings ihren Sinn verlieren, weil sie eine Form angenommen haben, welche die Möglichkeit ausschließt, daß eine der an ihnen beteiligten Parteien durch sie irgendein positives Ergebnis erzielt. Und so sieht sich die Menschheit von nun an gezwungen, auf das Mittel des Krieges zur Entscheidung von Konflikten, seien sie nationaler, politischer oder wirtschaftlicher Art, zu verzichten. Dennoch haben die im Gang befindlichen Bemühungen um eine allgemeine Abrüstung, wie sie ja schon in den dreißiger Jahren an einer internationalen Konferenz angestrebt wurde, aber damals scheiterte, auch heute kaum irgendwelche Chancen, (S213) zum Ziele zu führen. Den Grund dafür haben wir schon an früherer Stelle genannt: Er liegt nicht nur in den Schwierigkeiten, die mit der Einrichtung eines hierfür notwendigen Kontrollsystems verbunden sind, sondern in erster Linie darin, daß, Kriege durch Abrüstung verhindern zu wollen, dasselbe bedeutet, wie das Pferd am Schwanze aufzuzäumen. Denn wenn auch zugegeben werden muß, daß angesichts der Ausmaße und der Formen, welche sie heute angenommen hat, die militärische Rüstung schon an sich eine Gefahr für den Ausbruch des Krieges darstellt, so entstehen Kriege trotzdem auch heute nicht primär durch die Rüstung, sondern durch ungelöste Gegensätze und Spannungen. Rüstung ist nicht Ursache der Kriegsgefahr, sondern deren Folge. Eine andere Frage ist freilich diese, ob sie - nach dem altrömischen Sprichwort: Si vis pacem, para bellum (wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor) - den Krieg zu verhindern vermag. Die ganze Geschichte hat dieses Wort jedenfalls Lügen gestraft, und heute ist es nur das "Gleichgewicht des Schreckens", das uns vor dem Ausbruch eines Krieges vorläufig bewahrt. Einen wirklichen Friedenszustand vermag es aber nicht herbeizuführen; und würde nicht die Gefahr, die in ihm liegt, als mindestens ebenso große empfunden wie die Sicherheit, die es uns bietet, so würde ja die allgemeine Abrüstung nicht als eine so dringliche Notwendigkeit erachtet.
   Will man in Zukunft Kriege vermeiden, so gilt es vor allem, einen wirklichen Friedenszustand herzustellen. Zu diesem Zwecke aber muß man den Willen dazu entwickeln, die Ursachen der weltpolitischen Spannungen zu beseitigen und Verhältnisse zu schaffen, die es ermöglichen entstehende Konflikte friedlich zu schlichten. Auch darüber wurde bereits an früherer Stelle gesprochen.
   Mit dem dort angedeuteten wahren Weg zum Frieden ist aber noch ein anderes verbunden, auf das hier der Blick noch hingelenkt werden soll. Daß in unserer Zeit die Geschichte der Kriege insofern an ihrem Ende angekommen ist, als der Krieg sich ad absurdum geführt hat, ist auch ein Zeichen dafür, daß der Gegensatz von Gut und Böse in unserem Zeitalter in das Innere des einzelnen Menschen eingezogen ist und deshalb auch die Auseinandersetzung zwischen ihnen sich heute legitimerweise auf diesem Schauplatz abzuspielen hat. Denn wir haben gesehen, wie der Krieg als gewaltsame Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Teilen der Menschheit - auch wenn er seit damals die oben geschilderten Metamorphosen durchgemacht hat - dennoch eine Erbschaft darstellt aus jenen Zeiten, in welchen diese Auseinandersetzung noch berechtigterweise im Äußern, zwischen verschiedenen Teilen der Menschheit stattgefunden hat. Und wir haben ja auch gesehen, wie diese Metamorphosen, insbesondere die letzten, schon solche seiner Entartung waren. Dies gilt aber nicht nur von kriegerischen Konflikten im eigentlichen Sinn, sondern auch von allen polemischen Auseinandersetzungen zwischen weltanschaulichen, politischen oder sozialen (S214) Parteibildungen. Alle derartigen Kämpfe rühren davon her, daß die betreffenden Menschenkreise in ihrem Bewußtsein den Gegensatz von Gut und Böse in einer Art auf verschiedene Menschengruppen projizieren, die den heutigen Tatsachen nicht mehr entspricht. (Von der Tiefenpsychologie wird - wie schon in der Einleitung erwähnt - dieser Tatbestand heut stark und mit Recht hervorgehoben). Und es wirken solche Kämpfe auf die Betreffenden wieder in der Weise zurück, daß sie ihnen den Blick für diese Tatsachen nur noch immer fester verschließen. Diese Tatsachen bestehen aber darin, daß heute Gutes und Böses in jedem Menschen vorhanden ist - auch jenes Böse, das er im anderen verurteilen und bekämpfen zu müssen glaubt - und daß der Kampf, die Auseinandersetzung zwischen diesen Gegensätzen, die ohne Zweifel stattfinden muß, im Innern jedes einzelnen Menschen sich abzuspielen hat. Wird sie hier in rechter Art durchgeführt, dann hört der äußere Streit zwischen den Menschen auf und macht dem Frieden Platz.

   Der Irrtum, dem der Pazifismus immer wieder verfällt und der ihn auch immer wieder zum Scheitern verurteilt, liegt darin, daß er einen äußeren Friedenszustand durch bloße militärische Abrüstung, Ausschaltung von Kriegen, Begründung entsprechender Institutionen usw. glaubt herbeiführen zu können. Sein Ungenügen wurzelt darin, nicht zu sehen, daß der Krieg ebenso untrennbar zum Wesen des menschlichen Lebens und zum Fortgang der Menschheitsentwicklung hinzugehört wie der Friede. Denn die letzte Ursache aller kriegerischen Auseinandersetzungen, in welcher Form oder Sphäre sie auch immer sich abspielen mögen, bildet der Widerstreit zwischen Gut und Böse, in welchen der Mensch als das zur Freiheit bestimmte Wesen hineingestellt ist. Genauer gesagt: der Gegensatz zwischen den luziferischen und den ahrimanischen Mächten, die am Leben und an der Entwicklung des Menschen wesenhaft beteiligt sind und die miteinander dauernd im Kampf um ihn liegen. Alle kriegerischen Konflikte sind darum letzten Endes Ausdrücke, Abbilder, Projektionen der wesenhaften Auseinandersetzung, die ständig zwischen diesen stattfindet, bzw. derjenigen, die seit der Tat auf Golgatha der Christus in der Menschheit und im Menschen mit dieser Gegensätzlichkeit des Bösen durchführt. Und darum wird sich das Element des Kampfes, des Krieges nie aus dem Leben der Menschheit ausschalten lassen, solange sie nicht das Ziel ihrer irdischen Entwicklung erreicht hat. Mit Recht schrieb daher Alfred Weber in seinem schon mehrmals zitierten Buch "Der dritte oder der vierte Mensch" im Hinblick auf die heutige Weltlage (S162ff): "Man kann sagen, die Vorstellung, daß der gegenwärtige Zustand der rivalisierenden Rüstung ohne kriegerischen Austrag vorerst ein Dauerzustand werde, heiße der Welt zumuten, daß sie ihre Existenz einrichten solle auf ein dauerndes Leben am Abgrund. Daran ist etwas Richtiges, sofern die heutigen Spannungen in unverminderter Stärke und in Begleitung all (S215) der üblen Vernichtungsmittel, die diese heute zeitigen, fortdauern... Man soll nicht wähnen, dahinter käme, wenn man durchgehalten hat, die Zeit einer Ära von Weltdomestikation und die Möglichkeit einer so durchgreifenden Erdorganisation, daß sie alle weitere Rüstung auszuschließen vermöchte. So nötig bei der technischen Unifizierung des Globus und der künftigen Einheitlichkeit seines Schicksales eine Weltorganisation ist, die in der UN ja schon besteht, so wünschenswert und dann auch möglich deren verstärkte Einflußnahmen sein werden, so muß man doch von dem vitalen Mächtewerk der Welt und der Geschichte so gut wie keine Ahnung haben, um zu glauben, dieses vitale Mächtewerk ließe sich durch irgendwelche Zaubermittel gewissermaßen 'pensionieren'... Die Welt wird sich wandeln, aber nicht so, daß sie nun plötzlich eine brave Kinderstube würde... Ich sehe keinen praktischen Weg auch trotz äußerst wünschenswerter Abkommen über Abrüstung, die katastrophalen Möglichkeiten völlig auszuschließen. Ich sehe nur die Hoffnung, daß sie allmählich gewissermaßen einfrieren. Die vitalen Machtrivalitäten aber werden, weil sie eben vital sind, bleiben. Man wird dadurch dem Zustand wieder näherkommen auf freilich anderer Ebene, der in der Geschichte, solange wir sie kennen, da war. Man lebte auch damals immer in Gefahr... Schiller, vor der Jahrhundertwende der Verkünder der Geschichte als einer Humanisierungsentwicklung, schrieb schon 1802 unter dem Eindruck des französischen Terrors und inmitten der napoleonischen Eroberung: Die Welt als historischer Gegenstand sei im Grunde nichts anderes als der dauernde Konflikt der Naturkräfte untereinander selbst und mit der Freiheit des Menschen." Wenn - wie wir hier in Parenthese zu bemerken uns gestatten - in diesem Ausspruch, wie es dem Sinne nach vollberechtigt ist, anstelle der "Naturkräfte" die Zweiheit der luziferischen und der ahrimanischen Mächte und anstelle der "Freiheit im Menschen" die seit Golgatha im Menschen aktivierbare Christuskraft gesetzt wird, so besagt er, daß die Geschichte nichts anderes sei als der Ausdruck des dauernden Konflikts dieser Mächte unter einander selbst und mit der Wirksamkeit des Christus im Menschen, - und er bezeugt damit abermals den tiefen Einblick Schillers in die Konstellierung der im Leben der Menschheit wirksamen Kräfte, wie sie sich seit dem Beginne unserer Zeitrechnung herausgebildet hat. Weber fährt fort: "Jedenfalls, wenn wir als erstes die Bedeutung der rein vitalen im Menschen und in der Geschichte stets vorhandenen Mächte für die objektive Sinndeutung der Geschichte in Betracht ziehen, so müssen wir, wie auch dieser Idealist in seiner Ehrlichkeit es schließlich tat, erklären: die Existenz am kriegerischen Abgrund ist schlechthin die geschichtliche Existenz des Menschen. Wir leben heute nur in einer besonderen, in der Art freilich noch nicht dagewesenen Gefährlichkeit dieser Existenz. Aber, mag bei einer (S216) Abnahme der gegenwärtigen Spannung die bändigende Weltorganisation stärker oder schwächer sein, das Wesen der geschichtlichen Existenz bleibt doch dasselbe."

   Es kommt immer nur darauf an, in welcher Sphäre der Krieg sich abspielt. Genauer gesagt: daß der Krieg jeweils in der Sphäre ausgefochten wird, die für eine bestimmte Stufe oder Epoche der Menschheitsentwicklung die legitime ist. Gelingt es, ihn in dieser Sphäre im rechten Sinne durchzuführen, dann kann in andern Sphären des Lebens der Friede herrschen.
   In unserer Epoche ist der Schauplatz, auf dem sich Gutes und Böses begegnen und sich auseinandersetzen wollen, das Innere jedes einzelnen Menschen geworden. In dem Maße, als der Mensch imstande ist, diese Auseinandersetzung hier zu einem positiven Ergebnis zu führen, wird in das äußere Leben der Friede einziehen. Wenn Christus der Menschheit diesen Frieden verheißen hat, so aus dem Grunde, weil er durch die Tat auf Golgatha für den einzelnen Menschen die Möglichkeit begründet hat, den Widerstreit zwischen den luziferischen und den ahrimanischen Mächten in seinem Innern zum Ausgleich zu bringen, genauer: sich in seinem höheren Ich, in dem der Christus in ihm auflebt, gegenüber diesen gegensätzlichen Mächten des Bösen zu behaupten.
   Wir sagten an der früheren Stelle, wo wir über die für die Zukunft eingetretene Notwendigkeit sprachen, auf kriegerische Entscheidung von Konflikten zu verzichten (S108), daß damit der Menschheit eine moralische Aufgabe erwachsen sei von einer Größe, wie sie ihr noch kaum je zuvor gestellt war. Es ist daher verständlich, wenn Karl Jaspers in seinem Radiovortrag über "die Atombombe und die Zukunft der Menschheit" (München 1957) sagte: "Was längst im einzelnen Menschen da war, aber ohnmächtig blieb, ist nun zur Bedingung für den Fortbestand der Menschheit geworden. Ich glaube nicht übertreibend zu reden. Wer weiter lebt wie bisher, hat nicht begriffen, was droht. Es nur intellektuell zu denken, bedeutet noch nicht es in die Wirklichkeit seines Erlebens aufnehmen. Ohne Umkehr ist das Leben der Menschen verloren. Will der Mensch weiterleben, so muß er sich wandeln. Denkt er nur an das Heute, so kommt der Tag, mit dem der Atomkrieg beginnt, durch den wahrscheinlich alles ein Ende hat" (S18f). Ersichtlich wird aber erst hier, worin denn nun im konkreten die Umkehr, die Wandlung besteht, die heute vom Menschen gefordert ist. Sie besteht nämlich darin, jene Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, von der alle äußeren Kämpfe und Kriege nur die Abbilder sind, ganz in sein Inneres zu verlegen und hier durchzuführen. Da diese Auseinandersetzung aber eine solche mit den geschilderten kosmischen Mächten des Guten und des Bösen ist, so bedeutet diese Forderung ebensoviel, wie daß der Mensch heute in jenen dritten, umfassendsten Bereich seiner moralischen Verantwortung sich tätig hineinstelle, den wir an jener Stelle die "kosmische Sphäre seiner Verantwortung" genannt haben.
(S217)    Vergegenwärtigt man sich die Größe dieser Aufgabe, dann wird man nicht dem illusionären Optimismus verfallen, zu glauben, daß bereits von unserer Zeit an äußere Kriege, schon wegen der Gefährlichkeit der Waffen, tatsächlich nicht mehr ausbrechen werden. Nur dies läßt sich aber mit Sicherheit behaupten, daß, wann und wo immer ein solcher in Zukunft ausbrechen wird, dies eine Folge davon sein wird, daß versäumt wurde, vorhandene Gegensätze innerlich in den einzelnen Menschen zum Austrag zu bringen. Und mit gleicher Sicherheit läßt sich auch das weitere behaupten, daß durch keinen solchen äußeren Krieg mehr eine wirkliche, positive Lösung vorhandener Konflikte erreicht werden kann, sondern die Situation jeweils nur noch verschlimmert wird. Jeder künftige Krieg - weil er eine Folge von inneren Versäumnissen ist - wird seinem Wesen nach eine bloße Katastrophe sein, - wie es ja auch schon die beiden Weltkriege unseres Jahrhunderts unzweideutig gewesen sind.

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