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III. Zeit und Geschichte


1. Die Zeit in Natur und Geschichte


(S151)  Im Wandel der Formen der geschichtlichen Erinnerung - das konnte aus der vorangehenden Darstellung derselben wohl ersichtlich werden - kommt neben all dem andern, was ihm sonst zugrundeliegt, auch ein Wandel im Verhältnis des Menschen zum Elemente der Zeit zum Ausdruck. Nun besteht aber zwischen dem Wesen der Zeit und dem geschichtlichen Dasein der Menschheit überhaupt eine besonders innige Beziehung. Wir erinnern an den - im Vergleich mit Natur und Vorgeschichte - raschen zeitlichen Wandel der Kulturverhältnisse, den wir als ein charakteristisches Merkmal der Geschichte hervorgehoben und von einem bestimmten Gesichtspunkt aus auch bereits zu erklären versucht haben. Ferner an die Tatsache, daß der Fortgang der Zeit innerhalb der Geschichte immer wieder Neues, vorher nie Dagewesenes in Erscheinung treten läßt. All dies rechtfertigt es, dem Verhältnis von Zeit und Geschichte eine eingehendere Betrachtung zu widmen, die in den folgenden Kapiteln durchgeführt werden soll. Sie wird uns zugleich im allgemeinen Gang der Darstellung einen Schritt weiter und den Übergang zur speziellen Auseinandersetzung mit der geschichtlichen Phase der Menschheitsentwicklung bringen, welche ja das hauptsächlichste Thema dieses Buches bildet.

   Wir werden in die Tiefe der Beziehung zwischen Zeit und Geschichte allerdings nur Schritt für Schritt eindringen können und uns bequemen müssen, in Geduld die einzelnen Schritte, die auf diesem Wege zu tun sind, nacheinander zu vollziehen.

   Als Ausgangspunkt kann uns eine Bemerkung dienen, die wir im ersten Kapitel gemacht haben. Wir sagten dort, daß eine solche Entgegensetzung der beiden Welten der Natur und der Geschichte, wie sie in der Zeit des deutschen Idealismus noch üblich war: wobei nämlich die Welt der Geschichte mit der des Menschen schlechthin gleichgesetzt wurde, heute nicht mehr möglich erscheint, da wir heute die Geschichte nurmehr als eine bestimmte Phase des gesamtmenschlichen Daseins bezeichnen können, der andre Phasen: eine vorgeschichtliche und eine urzeitliche vorausgehen, die wir durchaus auch der Welt des "Menschen" zuordnen müssen. Wenn diese Behauptung nun auch (S152) ihre Wahrheit behält, so bleibt dennoch ebenso unbestreitbar, daß erst in seiner geschichtlichen Phase zwischen dem menschlichen Dasein und dem Naturdasein eine vollständige Polarität sich herausbildet, - eben jene Polarität, die schon der deutsche Idealismus aufgewiesen hat. Die Natur stellt sich danach im wesentlichen als die im Raume ausgebreitete Welt dar, die Geschichte dagegen als diejenige, die im Elemente der Zeit sich erstreckt.

   Gewiß spielt die Zeit auch in der Natur eine Rolle. Wir sehen hier zunächst davon ab, daß sie für die moderne Physik zu vierten Dimension (t) geworden ist, die erst mit den drei Dimensionen (x, y, z) des Raumes zusammen das Ganze des Ordnungsschemas bildet, dessen diese sich zur Bestimmung der Naturvorgänge bedient, indem sie "keinen prinzipiellen Unterschied mehr macht zwischen einem raumerfüllenden Etwas und den zeiterfüllenden Vorgängen, die sich an diesem vollziehen, sondern nur noch eine Etwas, kennt, das immer zugleich Raum und Zeit erfüllt" (B.Bavink, Die Naturwissenschaft auf dem Wege zur Religion, 1294S87). Es genügt hier für uns, auf die Tatsache hinzuweisen, daß alle Lebensvorgänge in der Natur sich für die unmittelbare Erfahrung als zeitlich geordnete darstellen. Dennoch aber erschien es uns berechtigt, hier in einem vorläufigen Sinne von "unechter" Zeitlichkeit zu sprechen (S21). Denn das Charakteristische aller dieser in zeitlichen Ordnungen verlaufenden Prozesse liegt darin, daß sie sich rhythmisch, d.h. in regelmäßiger Wiederholung vollziehe, in deren Folge nichts wesentlich Neues auftritt, sondern dasselbe immer von neuem wiederkehrt. Die Natur lebt - soweit sie unsrer Erfahrung gegeben ist - in der ständigen Wiederholung des Gleichen. Wir sprechen in ihrem Gebiete von den "Kreisläufen" des Lebens, - und wie innig diese Art ihrer "Zeitlichkeit" mit ihrem allgemeinsten und wesentlichsten Merkmal: dem Ausgebreitetsein im Raume, zusammenhängt, das zeigt sich auch darin, daß die zeitlichen Kreisläufe ihres Lebens entweder zugleich auch räumliche sind (wie etwa der Blutkreislauf) oder mit räumlichen Kreisläufen verbunden sind (Tages- und Jahreskreislauf der Erde, monatlicher Kreislauf des Mondes usw. Das Bild der in sich  zurückkehrenden Kreisbewegung für ihre Lebensprozesse hat also nicht nur sinnbildliche Bedeutung, sondern zugleich auch diejenige einer Beschreibung ihres physisch-räumlichen Verlaufs.

   Anders die Welt der Geschichte. Ihre Ereignisse sind - auch wenn sich zwischen ihnen mancherlei Parallelen und Analogien feststellen lassen - dennoch alle einmalig und einzigartig, und es kommen in ihnen im strengen Sinne (S153)

keine Wiederholungen vor. Das bedeutet keineswegs, daß in der Geschichte das Moment der Wiederholung überhaupt fehlte. Es bedeutet lediglich, daß ihre Ereignisse, insoweit dieses Moment ihnen das Gepräge gibt, unterhalb des Niveaus des Geschichtlichen verbleiben und nur insoweit sich zu geschichtlicher Bedeutung erheben, als sie einmalig sind. Entsprechend darf auch gesagt werden, daß sich das geschichtliche Bewußtsein innerhalb der Menschheit in dem Maße entwickelt, als es die Fähigkeit erlangt, geschichtliche Ereignisse in ihrer Einmaligkeit zu erfassen. Und seine volle Höhe erreicht es erst, wenn es der Einmaligkeit nicht nur einzelner Ereignisse, sondern auch derjenigen des geschichtlichen Prozesses im Ganzen inne wird,. Diese Höhe war - worauf wir später noch ausführlich zurückkommen werden - selbst innerhalb der klassischen Antike nicht erklommen, sondern wurde - nach den vorbereitenden Schritten, die dazu das alte Hebräertum getan hatte - erst innerhalb des Christentums erreicht und zeigt sich in imposanter Repräsentation erstmals in Augustinus. Hier erscheint der Prozeß der Geschichte gewissermaßen im Bild einer Geraden,

die mit der Vertreibung des Menschen aus dem Paradiese beginnt und mit dem Jüngsten Gericht endet. In dieser Einmaligkeit der geschichtlichen Ereignisse ist es auch begründet, daß jedes gegenüber den vorangegangenen etwas absolut Neues darstellt; ja es bildet dies nur die andre Seite ihrer Nichtwiederholbarkeit. Der bekannte Ausspruch Ben Akibas, daß in der Geschichte "nichts Neues unter der Sonne" sich ereigne, beweist daher nichts weiter, als daß derjenige, der ihn tat, sich noch nicht bis zu einem geschichtlichen Bewußtsein erhoben hatte. Und es ist von diesem Gesichtspunkte aus bezeichnend, daß dieser Ausspruch nicht aus dem christlichen Kulturkreis stammt. 

   Wir haben ja nun im ersten Kapitel auch schon darauf hingewiesen, daß diese Einmaligkeit der geschichtlichen Ereignisse darin ihren Grund hat, daß im Lauf der geschichtlichen Entwicklung der einzelne Mensch zur geistig  auf sich selbst gestellten, und d.h. sich in ihrem Handeln aus sich selbst bestimmenden Individualität heranreift. Denn er bestimmt sich darin auf Grund der jeweiligen Situation, die niemals für zwei Menschen genau dieselbe ist. Umgekehrt gilt auf der andern Seite der Polarität zwischen Natur und Geschichte, daß die stetige Wiederholung des Gleichen in den Prozessen der lebendigen Natur darin begründet ist, daß wir es bei ihren Wesen nicht mit Individualitäten zu tun haben, sondern lediglich mit Exemplaren verschiedener Wesensgattungen, in deren jedem das betreffende Gattungsmäßige immer wieder in gleicher Weise bzw. als dasselbe in Erscheinung tritt, wenn auch in der mannigfaltigsten Variation. Dementsprechend kann auch jeder (S154) einzelne Lebenskreislauf - insofern das Dasein eines Naturwesens einen solchen darstellt - als bloßes Exemplar einer bestimmten Gattung von  "Kreislauf" aufgefaßt werden; und was uns daran interessiert, ist nicht dieser einzelne Kreislauf in seiner einmaligen Gestaltung, sondern jener Kreislauftypus, der in allen seinen Manifestationen als derselbe immer wiederkehrt. Diese Kreislauftypus tritt zwar nur im Elemente der Zeit in Erscheinung, ist aber als solcher über-oder außerzeitlich, geht selbst nicht in die wirkliche Zeit ein; daher das "Unechte" der Zeitlichkeit, die seine Erscheinung aufweist.

   Damit hängt schließlich ein weiteres Moment des Gegensatzes zwischen Natur und Geschichte, d.h. zwischen Wiederholung und Einmaligkeit zusammen, das hier hervorgehoben werden soll. Es ist dieses, daß die Vorgänge der Natur berechenbar bzw. voraussagbar, die Ereignisse der Geschichte dagegen unberechenbar bzw. unvoraussagbar sind. Und hierin kommt noch eine andre Seite des Unterschiedes zwischen diesen beiden Welten zum Ausdruck: daß nämlich die Naturvorgänge mit Notwendigkeit geschehen bzw. durch Gesetze bestimmt sind, die Geschichte dagegen das Reich der Freiheit bildet. Wieviel Bedingtheit und Zwangsläufigkeit im einzelnen auch in den geschichtlichen Ereignissen mitspielen mag, der Ausspruch Hegels behält dennoch seine Richtigkeit, daß die Geschichte der Fortschritt der Menschheit auf dem Wege zur Freiheit sei.

   Fassen wir all das Angedeutete zusammen, so können wir sagen: Wenn die Menschheit gerade in der geschichtlichen Phase ihres Daseins ein besonders inniges Verhältnis zum Zeitelemente eingeht, so liegt dies in all dem begründet, was zu den bezeichneten Merkmalen dieser Phase gehört: Ausbildung der Individualität, Entwicklung zur Freiheit, Einmaligkeit der Geschehnisse. Das bedeutet aber, daß das Wesen der Zeit gerade mit diesen Tatbeständen irgendwie im Zusammenhang steht und gesucht werden muß.

   Wir versuchen nun, im Erfassen des Zeitproblems eine Schichte tiefer vorzudringen, indem wir die Zeit selbst ins Auge fassen. Wie wir in bezug auf den Raum die drei Dimensionen unterscheiden, so unterscheiden wir auch hinsichtlich der Zeit ein Dreifaches: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie sind diese drei "Zeitdimensionen" unserm Erleben gegeben? Als "gegenwärtig" erleben wir, was wir in einem gegebenen Zeit-"Punkte" unmittelbar innerlich oder äußerlich wahrnehmen können. Sich etwas "vergegenwärtigen" heißt, es sich vor die innere oder äußere Wahrnehmung bringen. Als "vergangen" erleben wir, was wir zwar nicht wahrnehmen, woran wir uns aber erinnern können. Und als "zukünftig", was wir weder wahrnehmen noch erinnern, dagegen aber wollen können (Ähnlich konstatiert Augustinus in seiner Untersuchung über das Wesen der Zeit im 11. Buch seiner "Bekenntnisse": "Gegenwärtig ist hinsichtlich des Vergangenen die Erinnerung, gegenwärtig hinsichtlich der Gegenwart die Anschauung und gegenwärtig hinsichtlich der Zukunft die Erwartung" -20.Kap.).

   Nun ist jedoch zu beachten, daß mit diesen Bestimmungen in der Tat lediglich (S155) darüber etwas ausgesagt ist, auf welche Weise das Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige unserm Erleben gegeben ist, noch nicht aber unmittelbar etwas darüber, was das Wesen dieser drei Qualitäten an sich selbst ist. Würde man sagen, es bestehe in nichts anderem als in dieser Verschiedenheit des Gegebenseins für unser Erleben, dann würde man ganz an der Oberfläche, im Äußerlichen, bleiben, - und es läge dann in dem Charakter der Beziehung eines Sachverhaltes zu dem in der Zeit selbst sich bewegenden Menschen, hätte aber nichts mit den Dingen selbst zu tun. Vielmehr könnte ein jegliches Geschehen, je nachdem, ob es entsprechend dem wechselnden zeitlichen Standpunkte des Menschen einmal Gegenstand seines Wollens, ein andermal Gegenstand seines Erinnerns ist, Zukunft oder Vergangenheit sein. Die Zeitbestimmungen des Vergangenen und Zukünftigen würden sich dann mit den räumlichen Bestimmungen des "Hinten" und "Vorne" vergleichen lassen, wie sie etwa ein auf einer Straße dahinwandernder Mensch unterschiedslos allem beilegen kann, je nachdem, ober er es schon hinter sich gelassen hat oder noch darauf zuschreitet.

   So ist es nun aber nicht; vielmehr weisen schon die verschiedenen Seelentätigkeiten, durch welche der Mensch die drei zeitlichen Bestimmungen erlebt, auf verschiedene Qualitäten derselben hin. So stellt sich als die wesentliche Eigenschaft des unserer Erinnerung gegebenen Vergangenen seine Unveränderbarkeit dar. Was vergangen ist, vermögen wir nicht mehr zu ändern. Wir können zwar begangene Fehler "wieder gutmachen"; aber wir können sie dadurch nicht ungeschehen machen, sondern lediglich ihre Folgen aufheben oder verändern, indem wir eine entsprechende neue Tat setzen. Durch diese seine Unveränderbarkeit trägt das Vergangene, insoweit es in das Gegenwärtige hereinragt, in dieses ein Moment der Notwendigkeit herein. Und dieses Hereinragen findet ja dadurch statt, daß das Gegenwärtige streng genommen einem ausdehnungslosen Punkte gleicht, in welchem die Vergangenheit mit der Zukunft zusammenstößt.

   Umgekehrt erweist sich als das charakteristische Merkmal des Zukünftigen sein Nichtbestimmtsein. Was durch unser Wollen in Erscheinung treten soll, worauf unser Wollen sich richten kann, dem gegenüber haben wir noch die Wahl, zu entscheiden, ob und wie es geschehen soll. Darum trägt das Zukünftige, insofern es in die Gegenwart hereinragt, in diese das Moment der Freiheit herein.

   Und damit ist schließlich auch schon der Charakter der Gegenwart selbst bezeichnet. Er ist durch das Zusammenstoßen von Zukunft und Vergangenheit oder von Freiheit und Notwendigkeit bestimmt. In der Tat macht es das Wesensmerkmal jedes gegenwärtigen Augenblickes aus, daß wir uns in einer durch die Vergangenheit bestimmten Situation befinden, die aber einen Spiel-(S156)raum für freie Entscheidungen läßt. Oder umgekehrt: daß wir ein freies Wollen entfalten können, dessen Möglichkeiten aber durch einen Rahmen von Bestimmtheiten begrenzt sind.

   Lassen wir uns in dieser Art auf die verschiedenen Qualitäten der drei Zeitbestimmungen ein, dann zeigt sich sofort, daß wir sie nicht unterschiedslos allen Sachverhalten zuordnen können, wenn wir nur einen jeweils entsprechenden Standort innerhalb der Zeit wählen. Es tritt vielmehr hervor, daß wir es da mit Qualitäten zu tun haben, die zusammenfallen mit denjenigen, die bestimmten Weltbereichen an sich selbst zukommen; je nach der Art dieser Koinzidenz können die betreffenden Weltbereiche darum nur der einen oder der andern "Zeitdimension" zugeordnet werden.

   So ist es, wie wir gerade eingangs dieses Kapitels wieder hervorgehoben haben, das Grundmerkmal aller Naturprozesse, daß sie sich mit Notwendigkeit nach bestimmten Gesetzen vollziehen. Ihr Ablauf ist unsrer freien Entscheidung, der Bestimmung durch unsern Willen, entzogen. Wir vermögen ihn nicht zu verändern. (Wenn wir durch die Mittel der Technik in Naturvorgänge "eingreifen", tun wir dies nicht im Sinne einer Durchbrechung der Naturgesetze. Alle technische "Naturbeherrschung" setzt vielmehr die unverrückbare Geltung der Naturgesetze voraus und wird nur möglich in dem Maße, als wir die letzteren kennen.) Die Naturvorgänge sind ihrem Wesen nach, was auch alles Vergangene ist: unveränderbar. Sie sind daher - wesenhafte Vergangenheit. Die Natur kann für uns in keinem ihrer Abläufe Zukunft sein, auch in denjenigen nicht, die, von einem angenommenen "heute" aus bestrachtet, noch nicht eingetreten sind. Die Sonnenfinsternis, die in irgendeinem Zeitpunkt der "Zukunft", den ich vorausberechnen kann, eintreten wird, gehört nur scheinbar der Zukunft an; in Wirklichkeit, dem Wesen nach, ist sie der Welt der Vergangenheit zuzurechnen. Daß morgen die Sonne aufgehen wird, ist Vergangenheit; denn ich kann es nicht ändern. Was ich am morgigen Tag tun werde, ist Zukunft; denn ich habe noch die Freiheit der Wahl. Nach der Auffassung der modernsten Physik "zwingen" zwar auch die Naturgesetze die Natur nicht, sondern haben nur die Bedeutung von "Statistiken". Doch handelt es sich bei dieser Auffassung lediglich um eine naturphilosophische Deutung derselben, durch welche deren faktische strenge Gültigkeit in keiner Weise gemindert wird. Außerdem liegt die "freie" Bestimmung ihrer Geschehnisse jedenfalls nicht bei uns. Ihre "Freiheit" ist nicht Inhalt unsrer Erfahrung.

   Andrerseits: Wo tritt in der Welt ein Geschehen entgegen, das Notwendigkeit und Freiheit gemischt ist, - ein Geschehen, das sich im Rahmen bestimmter Gegebenheiten aus freien Entscheidungen entfaltet? Es ist dies auf dem Felde des menschlichen Handelns der Fall, wie wir es als diejenigen, (S157) die wir heute, d.h. in der geschichtlichen Epoche, sind, erfahren und betätigen, - im Kleinen wie im Großen, im persönlichen wie im geschichtlichen Leben. Wir können daher auch das geschichtliche Leben der Menschheit als die Welt der wesenhaften Gegenwart bezeichnen. Denn ganz allgemein gesprochen - Unterschiede werden wir später noch zu kennzeichnen haben - gilt von ihr, daß sie in jedem der Zeitmomente, durch die sie hindurchgeschritten ist, das Merkmal der wesenhaften Gegenwart zeigt: daß sie nämlich aus Taten sich zusammensetzt, die durch freie Entscheidungen im Rahmen vorgegebener Situationen und Möglichkeiten zustandekommen. Und auch insofern erweist sie sich als die Welt wesenhafter Gegenwart - in der ja Vergangenheit und Zukunft aneinander grenzen, also beide auch als solche enthalten sind -, als der Verlauf der Geschichte, im Ganzen genommen, echte Vergangenheit und Zukunft umfaßt: denn war in irgendeinem ihrer Zeitpunkte "vergangen" ist, läßt sich nicht mehr ändern, und was noch bevorsteht, unterliegt noch der freien Entscheidung und ist darum nicht berechenbar.

   Und wo haben wir schließlich die Welt der wesenhaften Zukunft zu suchen? Dort, wo wir in irgendeiner Weise ein Sich-Offenbaren des Göttlichen in der Welt annehmen. Denn, wie sehr sich auch die Auffassungen vom Göttlichen in den verschiedenen Religionen voneinander unterscheiden mögen, das eine ist ihnen allen gemeinsam, daß man sich das Göttliche in seinem Sich-Offenbaren niemals von Naturgesetzen abhängig oder durch vorgegebene Situationen eingeschränkt oder bestimmt vorgestellt hat. Bei der Weltschöpfung nicht, da zugleich mit der Natur auch ihre Gesetze erst von ihm geschaffen wurden, - und auch bei seinem Eingreifen in das Weltgeschehen nach der Schöpfung nicht; denn, wo man an ein solches glaubte oder glaubt, kannte oder kennt man entweder den Begriff des Naturgesetzes noch nicht oder betrachtet man als die Manifestation seines Eingreifens immer solche Geschehnisse - "Wunder" -, durch welche die Naturgesetze durchbrochen werden. Mit dem Begriff des Göttlichen, insbesondere da, wo man es entschieden gegen das Menschliche absetzte, wurde immer derjenige der absoluten Freiheit oder Selbstbestimmung verbunden. Daher auch der Begriff von der "Allmacht" Gottes in seinem Verhältnis zur Natur bzw. der "Vorsehung" in seinem Verhältnis zur Geschichte. Wenn Aristoteles die Gottheit als den "unbewegten Beweger" der Welt bezeichnete, so kommt auch darin die Vorstellung zum Ausdruck, daß sie zwar alles bewegt, aber selbst durch nichts außer ihr bewegt wird, - und wenn er dieses Bewegen der Welt durch die Gottheit als ein solches zu sich selbst hin (als ein finales) bezeichnete, so liegt darin auch die Vorstellung von der wesenhaften "Zukünftigkeit" ihres Sich-Offenbarens. Das alles steht nicht im Widerspruch dazu, daß das Göttliche an und für sich selbst als im Elemente der Ewigkeit, jenseits der Zeit, wesend vorgestellt wird. (S158)

   Aufgrund dieser Betrachtungen kann nun genauer und zutreffender gefaßt werden, was wir eingangs über das verschiedene Verhältnis von Natur und Geschichte zum Elemente der Zeit und zumal über die besondre Beziehung der Geschichte zur Zeit ausgeführt haben. Wenn wir dort davon sprachen, daß in den Vorgängen der lebendigen Natur, die in stetigem Kreislauf dasselbe wiederholen, nur eine "unechte" Zeit zu finden sei, so können wir dies nun so formulieren, daß - weil in diesen Vorgängen nichts Neues geschieht, sondern mit Notwendigkeit immer wieder dasselbe eintritt und deshalb vorausberechnet werden kann - die Natur vom Ganzen der Zeit nur ein "Drittel": die Dimension der Vergangenheit in sich enthält.

   Dagegen können wir von der Geschichte als der Welt der wesenhaften Gegenwart behaupten, daß sie - weil die Gegenwart nicht nur als ein Mittleres zwischen Vergangenheit und Zukunft drinnensteht, sondern beide zugleich auch in sich vereinigt - das Ganze der Zeit umfaßt. Nur in der Geschichte finden wir die Totalität der Zeit in allen ihren Momenten. Hierauf beruht der besonders innige Zusammenhang zwischen Zeit und Geschichte. Die Geschichte ist im eminentesten Sinne die Welt der Zeit.

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