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III. Zeit und Geschichte

2. Kosmogonische, vorgeschichtliche, geschichtliche Zeit
  

(S159)   Noch tiefer können wir in das Verhältnis von Zeit und Geschichte dadurch eindringen, daß wir die Untersuchung der Beziehung zur Zeit auf die Epochen des Menschen- und Weltenwerdens ausdehnen, die wir in den vorangehenden Kapiteln als diejenigen der Vorgeschichte und der Urzeit dargestellt haben.

   Blicken wir zunächst auf die Urzeit zurück! Sie fällt, in dem Sinne verstanden, wie wir sie in unsrer Darstellung charakterisierten, in gewisser Weise mit der Kosmogonie, mit der "Weltschöpfung" zusammen.

   Halten wir uns bezüglich des Herganges der letzteren an die Darstellung der mosaischen Genesis - wir können uns dabei durchaus bewußt bleiben, daß diese in der Sinnbildersprache des Mythus abgefaßt ist -, so haben wir es dabei mit dem Beispiel par excellence eines göttlichen Schaffens zu tun, dem - im Sinne der vorangehenden Betrachtung - der Charakter der wesenhaften Zukunft zugeschrieben werden muß. Die Gottheit ist bei diesem Schaffen durch keinerlei Voraussetzungen, durch kein bestehendes Gesetz in ihrer Freiheit beeinträchtigt; denn sie bringt ja die Welt aus dem "Nichts" hervor. Es handelt sich hier um eine Neuschöpfung im absoluten Sinne, von deren einzelnen Schritten, wie sie in den sechs Schöpfungstagen erfolgen, durch das jedesmal von neuem erklingende "Es werde...!" ein jeder ein absolut Neues ins Dasein treten läßt. Die Welt, die so entsteht, ist während dieser sechs Schöpfungstage noch "ganz neu", hat noch keine Vergangenheit hinter sich, sondern ist nur von Zukunftsmöglichkeiten erfüllt, ist selbst gewissermaßen noch ganz Zukunft, die allerdings sogleich, schon im Paradiese, in Gegenwart und schicksalbestimmende Vergangenheit sich zu wandeln beginnt.

   Nehmen wir jedoch zur Grundlage unsrer Betrachtung die Darstellung der Kosmogonie, wie sie in unsrer Zeit Rudolf Steiner aus seiner geisteswissenschaftlichen Forschung heraus gezeichnet hat, so ergibt sich eine etwas andere Charakteristik. Nach dieser Darstellung ist der physische Kosmos aus der schöpferischen Tätigkeit einer Summe von göttlich-geistigen Wesenheiten hervorgegangen. Dieser Schöpfungsprozeß verläuft - wie wir bereits im vierten Kapitel schilderten - nach zwei Richtungen, die zwar von einem gemeinsamen Punkt ausgehen, an deren Ende aber dann auf der einen Seite die physische Menschengestalt - als Mikrokosmos -, auf der andern die gesamte übrige Welt - als Makrokosmos - dasteht. Auf je frühere Stadien dieses Prozesses wir zurückblicken, desto weniger ist die Divergenz seiner Richtungszweiheit noch in Erscheinung getreten; desto mehr ist der Mensch (S160) noch Welt, die Welt noch Mensch. Aber nicht nur dieses ist der Fall. Es findet zugleich auch eine stufenweise Loslösung und Verselbständigung der gesamten Schöpfung gegenüber der ihr zugrunde liegenden schöpferischen Welt der göttlich-geistigen Wesenheiten statt, - eine Loslösung, die in der fortschreitenden materiellen Verdichtung derselben zum Ausdruck kommt. Es ist also diese Schöpfung, in je frühere Phasen ihres Werdens wir zurückschauen, noch um so "geistiger", um so weniger zu unterscheiden von der schöpferisch-göttlichen Welt. Das bedeutet aber, daß ihre Geschehnisse noch um so weniger nach eigenen, nach "Naturgesetzen", sich vollziehen, sondern noch unmittelbarer Ausdruck des freien göttlichen Schaffens und damit noch nicht berechenbar sind. Steiner gibt an einer Stelle seiner "Anthroposophischen Leitsätze" von diesen Verhältnissen und Wandlungen folgende Schilderung:


   "Der Mensch steht (heute) einer Welt gegenüber, die einstmals ganz göttlich-geistiger Wesenheit war. Einer solchen göttlich-geistigen Wesenheit, der auch er selbst als ein Glied zugehörte. Damals also war die dem Menschen zugehörige Welt göttlich-geistiger Wesenheit. In einer folgenden Entwicklungsetappe war sie es nicht mehr. Da war sie kosmische Offenbarung des Göttlich-Geistige und dessen Wesenheit schwebte hinter dieser Offenbarung. Aber sie webte und lebte doch eben in der Offenbarung. Eine Sternenwelt war schon da. In ihrem Scheinen und Sichbewegen webte und lebte als Offenbarung das Göttlich-Geistige. Man kann sagen: wie damals ein Stern stand oder sich bewegte, darinnen konnte unmittelbar die Tätigkeit des Göttlich-Geistigen gesehen werden...

   Andere Zeiten kamen. Die Sternenwelt hörte auf, unmittelbar gegenwärtig die göttlich-geistige Tätigkeit in sich zu tragen. Sie lebte und regte sich, indem sie beharrend weiter fortsetzte, was solche Tätigkeit früher in ihr war. Das Göttlich-Geistige lebte im Kosmos nicht mehr als Offenbarung, sondern nur noch als Wirksamkeit. Es war eine deutliche Zweiheit zwischen dem Göttlich-Geistigen und dem Kosmischen aufgetreten...

   Heute aber ist der Mensch während seines Lebens im Physischen zwischen Geburt und Tode von einer Welt umgeben, die unmittelbar auch nicht mehr die Wirksamkeit des Göttlich-Geistigen zeigt, sondern nur etwas, das von dieser Wirksamkeit geblieben ist, man kann sagen, nur noch das Werk des Göttlich-Geistigen. Dieses Werk ist in seinen Formen durchaus göttlich-geistiger Art. Für das menschliche Anschauen zeigt sich das Göttliche in den Formen, in dem naturhaften Geschehen; aber es ist nicht mehr als lebendiges darinnen. Die Natur ist dies gottgewirkte Werk des Göttlichen und ist überall Abbild der göttlichen Wirksamkeit" (Aufl. von 1954,S161ff). Und an späterer Stelle desselben Werkes heißt es ergänzend: "So wie der Mensch in der gegenwärtigen kosmischen Epoche in der Welt darinnensteht, kann ihm (S161) das Sternenscheinen und Erdenkräftewirken nur als das Gesamtwerk der göttlich-geistigen Wesen, mit denen er in seinem Innern verbunden ist, erscheinen. Aber es gab eine kosmische Zeitepoche, da waren dieses Scheinen und diese Erdenkräfte noch unmittelbare Offenbarung der göttlich-geistigen Wesen. Der Mensch in seinem dumpfen Bewußtsein fühlte die göttlich-geistigen Wesen wirksam in seiner Wesenheit.

   Dann kam eine andre Zeit-Epoche. Der Sternenhimmel löste sich als körperliches Wesen aus dem göttlich-geistigen Wirken heraus. Es entstand das, was man Weltengeist und Weltenleib nennen kann. Der Weltengeist ist eine Vielheit göttlich-geistiger Wesenheiten. Sie wirken in der älteren Epoche aus den Sternen-Orten auf die Erde herein. Was da von den Weltenweiten erglänzte, was vom Erdenzentrum als Kräfte erstrahlte, das war in Wirklichkeit Intelligenz und Wille der göttlich-geistigen Wesenheiten, die an der Erde und ihrer Menschheit schufen.

   In der späteren kosmischen Epoche... wurde das Wirken von Intelligenz und Wille der göttlich-geistigen Wesen immer geistig innerlicher. Worinnen sie ursprünglich wirksam-anwesend waren, das wurde 'Weltenleib', harmonische Anordnung der Sterne im Weltenraum. Man kann, wenn man in geistgemäßer Weltanschauung auf diese Dinge zurückblickt, sagen: aus dem ursprünglichen Geistleib der weltschöpferischen Wesen ist Weltengeist und Weltenleib entstanden. Und der Weltenleib zeigt in Sternen-Anordnung und Sternenbewegung, wie einst das intelligente und willensgemäße Götterwirken war. Aber für die kosmische Gegenwart ist, was einst freibewegliche Götterintelligenz und Götterwille in den Sternen war, in diesen gesetzmäßig fest geworden.

   Was also heute aus den Sternenwelten zu dem Menschen auf der Erde hereinschaut, ist nicht unmittelbarer Ausdruck von Götterwille und Götterintelligenz, sondern stehengebliebenes Zeichen für das, was diese in den Sternen einst waren. In der Bewunderung aus der Menschenseele lösenden Himmels-Stern-Gestaltung kann man daher eine vergangene, aber nicht die gegenwärtige Götteroffenbarung sehen... Für die alte Epoche wären Sternkonstellation und Sternenlauf nicht zu 'berechnen' gewesen, denn sie waren Ausdruck der freien Intelligenz und des freien Willens von göttlich-geistigen Wesen... Und wie für Sternenkonstellation und Sternenlauf, so gilt dieses auch für die Wirksamkeit der vom Erdenzentrum in die Weltenweite strahlenden Kräfte. Da wird das, was 'aus der Tiefe' wirkt, 'berechenbar' (S233f)".

   Diese Darstellung gibt die Möglichkeit, die Urzeit in ihrem Zeit-Charakter noch anders, noch genauer zu kennzeichnen. Fassen wir eine mittlere Phase derselben ins Auge, so finden wir da Mensch (Mikrokosmos), Welt (Makrokosmos) (S162) und göttliche-geistige Schöpferwesen zwar schon bis zu einem gewissen Grade differenziert, aber noch nicht völlig voneinander gesondert, sondern noch mehr oder weniger eine Einheit bildend. Da wir nun aber im Vorangehenden die genannten drei Bereiche als die Repräsentanten der drei "Zeitdimensionen" kennen gelernt haben: den Menschen als den der Gegenwart, die Natur bzw. Welt als den der Vergangenheit, das schöpferisch sich offenbarende Göttliche als den der Zukunft, so können wir auch sagen, wir haben es in der Urzeit mit einer "Zeit" zu tun, deren drei "Dimensionen" noch eine mehr oder weniger ungeschiedene Einheit bilden. Diese Ungeschiedenheit ist eine um so vollständigere, je mehr wir uns dem Anfange des Weltenwerdens nähern, - und kehrten wir gar "hinter" diesen "Anfang" zurück, dann würde sie eine absolute sein; d.h. wir wären in der "Ewigkeit", - in dem, was der altpersische Zarathustrismus die "Zeruane akarene", die "unerschaffene Zeit" genannt hat. Und es wird hieraus klar, daß, was wir den "Anfang der Weltschöpfung", der mit demjenigen der "Zeit" zusammenfällt, nennen können, in nichts anderem besteht, als in dem beginnenden Auseinandertreten der drei "Zeitdimensionen". "Ewigkeit" ist also - worauf wir später noch zurückkommen werden - nicht unbegrenzte Dauer der "Zeit", sondern Ungeschiedenheit ihrer Momente. "Zeit" dagegen wird als solche erlebbar, indem Zukunft und Vergangenheit sich scheiden, - indem ein Unterschied zwischen früher und später, zwischen "schon" und "noch nicht" hervortritt. Dieser Unterschied wird um so entschiedener, je weiter das Weltenwerden fortschreitet. Je nachdem, von welchem Aspekt aus wir es betrachten: von dem des Göttlichen, des Menschlichen oder der Natur, tritt an ihm das Moment der wesenhaften Zukunft, Gegenwart oder Vergangenheit hervor. Und wenn - wie wir andeuteten - in der mosaischen Genesis die Weltschöpfung vorzüglich als im Wesenselemente der Zukunft verlaufend erscheint, so ist das aus dem Grunde der Fall, weil der Standpunkt, von dem aus diese sie schildert, ein "theologischer" ist, anders gesagt: weil diese sie vom Blick auf das Göttliche hin erzählt. Wenn wir diesen Aspekt als einseitig und gegenüber unsern heutigen Erkenntnisbedürfnissen als ungenügend empfinden, so wird aus der vorangehenden Betrachtung deutlich, daß nach der andern Seite hin eine im Sinne der Kant-Laplaceschen Theorie gehaltene Darstellung der Weltentstehung, die in dieser von Anfang an nur gesetzmäßig-berechenbar verlaufende Naturvorgänge d.h. nur wesenhafte Vergangenheit sieht, diese Erkenntnisbedürfnisse ebensowenig befriedigt. Sie könnte bis zu einem gewissen Grade noch hingenommen werden, insofern sie sich bewußt als bloßen Teilaspekt des Gesamtgeschehens der Kosmogonie verstünde, - wie einen andern Teilaspekt desselben die mosaische Genesis zeichnet. Völlig unzulänglich ist sie aber, insofern sie die (wenn auch nur als (S163)

Hypothese gemeinte) Darstellung der Weltentstehung zu sein prätendiert. Denn innerhalb einer so gearteten, nur wesenhafte Vergangenheit darstellenden Welt hätte niemals der Mensch als der Repräsentant der wesenhaften Gegenwart entstehen können, da ja die letztere aus Vergangenheit und Zukunft, aus Notwendigkeit und Freiheit geboren wird. Dies kommt bei ihr darin zum Ausdruck, daß innerhalb der von ihr gemalten Welt der Mensch in der Tat zunächst auch für lange Zeit gar nicht existiert und erst in einem sehr späten Zeitpunkt entsteht, allerdings auf eine Weise, die für sie ein unauflösbares Rätsel bleibt. Aber auch insofern ist diese Darstellung unzulänglich, als sie - in ihrer Weise - zwar das Werden der Welt, nicht aber das Werden der Zeit selbst beschreibt. Indem sie sogleich für den Beginn der Kosmogenie ein völlig aus dem Ganzen der Zeit herausdifferenziertes Vergangenheitselement desselben voraussetzt, muß sie annehmen, daß dieses entweder durch einen einmaligen Sturz oder Bruch aus dem Überzeitlich-Ewigen herausgefallen sei, - was dann zur Vorstellung eines vor-weltlichen, völlig leeren, ereignislosen "Zeitraums" nötigt. Sinnvollerweise kann die Kosmogenie nur in einer "Zeit" verlaufend gedacht werden, die selber mit der Welt zusammen im Werden begriffen d.h. qualitativ noch so geartet war, daß neben dem, was aus demselben gemeinsamen Mutterschoß der Ewigkeit heraus als wesenhafte Vergangenheit sich bildete d.h. als berechenbare Naturgesetzmäßigkeit in Erscheinung zu treten begann, zugleich auch die Elemente der wesenhaften Zukunft (d.h. der die "Welt" noch durchwaltenden Offenbarung des Göttlichen) und der wesenhaften Gegenwart (d.h. des Menschen in irgendeiner Daseinsform) hervortraten.

   Gehen wir von da nun zur Vorgeschichte - im Sinne der vorangehenden Darstellungen verstanden - über, so kommen wir in die Epoche, in der - nach der Schilderung Steiners - Weltengeist und Weltenleib sich völlig voneinander geschieden haben. Durch diese Scheidung wird der Weltenleib erst im vollen Sinne zur "Natur", deren Lebensvorgänge sich nun nach Gesetzen abspielen, die es möglich machen, sie zu berechnen. In diesen Gesetzen ist, was ehemals sich wandelnde Offenbarung der göttlich-geistigen Welt war, gewissermaßen erstarrt und so zur wesenhaften Vergangenheit geworden. Es kommt dies auch darin zum Ausdruck, daß ihnen gemäß nur immer wieder dasselbe sich wiederholt und nichts Neues geschieht. Ausdruck dieser Wiederkehr des Gleichen sind die Zeitmaße des Tages, des Monats, des Jahres usw. in der heutigen Bedeutung, die an ihre Geschehnisse anzulegen daher erst jetzt möglich wird. Es wird hieraus ersichtlich, daß die Zeit bis an den "Anfang" des Weltenwerdens in "Jahren", in der heutigen Bedeutung dieses Begriffes, zurückzuberechnen - auch wenn deren Zahl, wie (S164) dies heute üblich ist, als eine solche von Milliarden angenommen wird - unsinnig ist.

   Auf der andern Seite steht die Welt der göttlich-geistigen Wesen. Ihr Wirken ist jetzt ganz "geistig innerlich" geworden. Es hat sich von der Natur zurückgezogen, es verläuft nun "hinter" der Natur verborgen. Es ist, insofern es sich auf die "Welt" richtet, nach wie vor ein im absoluten Sinne freies, schöpferisches, - ist wesenhafte Zukunft; aber es bezieht sich als solches nicht mehr auf die Natur, - genauer: es offenbart sich als solches nicht mehr im Naturgeschehen. (Vermöchten wir die "Rückseite" dieses Geschehens wahrzunehmen, so würden wir freilich auch ihm ein freies Wirken des Göttlichen zugrundeliegend erblicken. Dies ist wohl der eigentliche Sinn der von der neuesten Physik aufgestellten Behauptung, daß die Naturgesetze nur "Gesetze großer Zahlen" seien d.h. nur "Statistiken" bedeuten, während jeder einzelne "Elementar-Akt" von der Gottheit frei gesetzt werde. Vor ihrer "Vorderseite" betrachtet aber stellen sich die Naturvorgänge als streng determiniert und berechenbar dar.) Wo aber kommt das freie, wesenhaft "zukünftige" Wirken der göttlich-geistigen Welt jetzt, in dieser zweiten Epoche zur Offenbarung? Wo treten seine Ergebnisse als solche zutage?

   Hierfür haben wir nun auf den Menschen hinzublicken. Im selben Maße, als die Welt sich gegenüber dem Göttlichen verselbständigt und zur Natur wird, löst sich aus ihr der Mensch heraus und tritt als solcher physisch-leiblich in Erscheinung. Wir schilderten ja schon in einem früheren Kapitel, wie am Ende der Urzeit, mit dem Übergang zur Vorgeschichte, seine leibliche Menschwerdung zum Abschlusse kommt. Seine physische Gestalt steht nun fertiggebildet da. Der Mensch aber ist dazu bestimmt, das verbindende Mittelglied zwischen physischer und geistiger Welt, zwischen "Natur" und "Gott" zu bilden.

      Mit seiner leiblichen Menschwerdung ist jedoch ein anderes Ereignis verknüpft. Jenes Ereignis, das auch in der mythischen Darstellung der mosaischen Genesis in unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Erschaffung im "Paradies" gebracht wird: sein "Sündenfall" und seine "Austreibung aus dem Paradiese". Wir konnten bereits an früherer Stelle erwähnen, wie der Paradiesesmythus heute auch der prähistorischen, ja selbst der biologisch-anthropologischen Forschung nicht mehr als bloßes Phantasieprodukt gilt, sondern als sinnbildliche Widerspiegelung von auf die Urzeit der Menschheit bezüglichen Verhältnissen und Vorgängen. Der geisteswissenschaftlichen Betrachtung erschließen sich im Blick auf die betreffenden Tatsachen allerdings noch ganz andre Aspekte derselben als den genannten Forschungszweigen. Wir werden auf diese im zweiten Bande ausführlich einzugehen haben. An dieser Stelle sei über diese Tatsachen zunächst nur so viel gesagt, daß durch sie das, (S165) was als "Menschheit" im Entstehen ist, gewissermaßen im Momente seiner Entstehung in zwei Teile auseinanderbricht. Auf diese Zerspaltung deutet der mosaische Bericht durch die Worte hin, daß dem Menschen, nachdem er vom Baum der Erkenntnis genossen hatte, der Baum des Lebens entzogen wurde.

   Bei dieser Zerspaltung sank der eine Teil des Menschlichen ein Stück weit unter das Niveau, das dem Menschen seinem Wesen nach zukommen sollte, in den Bereich der Natur hinunter. Es ist seine Vertreibung aus dem Paradiese. "Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein. Und zu Adam sprach er: Dieweil du gehorcht hast der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen, - verflucht sei der Acker um deinetwillen, mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde, und sollst zu Erde werden."
   Dieses Hinuntersinken des einen Teils der "Menschheit" in die Sphäre der Natur bedeutete zugleich sein Eintauchen in die Welt der wesenhaften Vergangenheit, welche ja die Natur darstellt. Hiermit zeigt sich in einem neuen Lichte, was wir in den vorangegangenen Kapiteln als die eigentümliche Form der Erinnerung des vorgeschichtlichen Menschen geschildert haben. Wir wiesen dort darauf hin, daß diese Erinnerung noch nicht eine persönlich-seelische, sondern eine leiblich-gattungsmäßige war und sich mit dem Blute von den Vorfahren auf die Nachkommen vererbte. Sie war noch nicht eine individuelle, sondern eine blutsmäßig-kollektive. Ihren Inhalt bildeten Weltschöpfungsmythen, Götter- und Heldensagen, also Vorgänge des Welten- und Menschenwerdens, der Ur- und Vorgeschichte. Wir wiesen ferner darauf hin, daß dieser Erinnerung noch eine gleichsam magische kulturgestaltende, lebenprägende Macht innewohnte. Die vorgeschichtliche Menschheit lebte aus den Kräften dieser Erinnerung heraus. Dieses Leben bezeugte sich in dem durch und durch konservativen Charakter der damaligen Kulturverhältnisse, durch den sich diese, beinahe den Naturgegebenheiten gleichend, durch Jahrtausende hindurch fast unverändert erhielten. Und insofern sich etwas in ihnen veränderte, tendierten sie dahin, sich immer wieder in ihrer ursprünglichen Gestalt herzustellen.
   Nun bildete das alles aber doch nur die eine Hälfte des gesamt-menschlichen Daseins. Denn wenn auch - im großen und ganzen - diese Tendenz der Beharrung, der ständigen Wiederholung des Gleich ihm in der (S166) 
Vorgeschichte den Stempel aufdrückte, so darf man sich dennoch nicht vorstellen, daß die menschliche Kultur während dieser überhaupt keine Veränderung erfahren oder keine Fortschritte gemacht hätte. Dies war - wie auch die materiellen Hinterlassenschaften selbst ihrer Spätphase bezeugen - vielmehr durchaus der Fall. Nur kamen diese Fortschritte auf eine ganz andre Weise zustande als während der geschichtlichen Zeit. Sind die letzteren mit den Errungenschaften vergleichbar und zum allergrößten Teil auch identisch, die der erwachsene Mensch durch selbständiges Denken, Forschen, Beobachten, Experimentieren usw. macht, so wären die ersteren denjenigen zu vergleichen, die der heranwachsende Mensch dadurch sich erwirbt, daß er von Erwachsenen unterrichtet wird. Und hier kommen wir nun auf den andern Teil der damaligen Menschheit zu sprechen. Er ist in dem zu suchen, was das Geistig-Schöpferische im Menschen darstellt und für die damalige Zeit als das Element der Menschheitsführung bezeichnet werden muß. Wie der erstbeschriebene Teil des menschlichen Wesens infolge des "Sündenfalles" ein Stück weit unter das eigentlich menschliche Niveau in den Bereich der Natur hinuntersank, so stieg der jetzt zu beschreibende Teil um ebensoviel über dieses Niveau hinauf in die Sphäre der göttlich-geistigen Welt. Es vollzog sich mit anderen Worten im Übergang zur Vorgeschichte innerhalb des Menschlichen selbst ein ähnlicher Vorgang der Entzweiung, wie wir ihn für die kosmogonische Urzeit kennengelernt haben in der stufenweisen Trennung von Weltengeist und Weltenleib. Das eigentlich Geistige im Menschen selbst näherte sich gewissermaßen dem Göttlich-Geistigen an; es zog sich - wie dieses gegenüber der Natur - so gegenüber der äußeren Erscheinung des menschlichen Daseins in die Verborgenheit zurück, wirkte aber aus dieser heraus dennoch so in das menschliche Dasein herein, daß in bezug auf die Kulturverhältnisse Fortschritte gemacht wurden. Diese Verborgenheit ist der Grund, warum in den meisten Darstellungen der Vor- und Frühgeschichte, die aus der modernen prähistorischen Forschung hervorgegangen sind, diese andre Hälfte des damaligen Menschheitslebens überhaupt nicht gesehen wird und darum zur Erklärung seiner kulturellen Errungenschaften vielfach die krausesten Theorien aufgestellt werden. Freilich enthalten die überkommenen Reste vorgeschichtlicher Kultur nur sehr spärliche Hinweise auf dieses verborgene Wirken. Seine Ausstrahlungspunkte waren die Stätten, die man für jene Zeit als Orakel bezeichnen kann, und die, insoweit sie sich auch noch weit in die geschichtliche Ära hinein erhielten, als Mysterien (Geheimstätten) wenigstens ihrer Existenz nach bekannt sind. Von diesen Stätten ging die Führung und "Erziehung" der Menschheit in der Vorgeschichte und auch noch durch einen großen Teil der Geschichte hindurch aus. Diejenigen, die als in die Mysterien "Eingeweihte" an dieser Führung beteiligt waren, (S167) konnten dies dadurch, daß sie an diesen Orten Umgang pflegten mit der göttlich-geistigen Welt, insofern in dieser das eigentlich Geistige des Menschen selbst damals gesucht werden mußte und gefunden werden konnte. Um dieses Umganges teilhaftig zu werden, mußten sie sich dessen, was als persönliche Selbstheit sich in ihnen entwickeln wollte, ebenso entäußern, wie diese persönliche Selbstheit innerhalb der breiten Masse der Menschheit nach andrer Richtung hin dadurch in ihrer Entfaltung noch zurückgehalten wurde, daß die aus dem Blut aufsteigende kollektive Erinnerung noch ihre Seele erfüllte und ihr Handeln bestimmte. Durch dieses Abstreifen alles Persönlichen vermochten sich diese Eingeweihten mit Geistig-Göttlich-Wesenhaftem so zu erfüllen, daß sie wie Inkarnationen von übermenschlichen Wesen selbst über die Erde hinwandelten. Sie erschienen ihren Mitmenschen als die halbgöttlichen Heroen, welche die Tiergestalten der niederen Triebe und selbstsüchtigen Leidenschaften (Drachen, Schlangen, Löwen usw.) in sich überwunden hatten. Diese Heroen waren zugleich die "Lehrer" und "Erzieher" der übrigen Menschheit, die Inauguratoren kultureller Impulse und Bringer des Fortschrittes. Aber ihre Erziehertätigkeit bestand nicht in gedanklich-wissenschaftlichen Unterweisungen - denn das Denken im eigentlichsten Sinne erwarb sich die Menschheit ja erst in der vorgeschichtlichen Epoche -; sie bestand vielmehr in vorbildlichen Taten und Leistungen, die sie aus ihren besonderen Fähigkeiten heraus vollbringen konnten, und die dann von der übrigen Menschheit nachgeahmt wurden. Sie wirkten als die großen Autoritäten, denen in selbstverständlicher Weise Verehrung entgegengebracht wurde. Was sie innerhalb der Orakel bzw. Mysterien durchgemacht hatten, so daß sie als diese Autoritäten aufzutreten und zu wirken vermochten, das blieb für die "Masse" der Menschheit in tiefes Geheimnis gehüllt; verborgen blieb ihr auch, was an tieferen Absichten und Zielen dem Wirken dieser Heroen zugrunde lag. So flossen in das Leben der vorgeschichtlichen Menschheit Impulse des Fortschrittes hinein, ohne daß sie sich der Bedeutung dieser Impulse bewußt war. Rudolf Steiner schildert diese Verhältnisse einmal ("Aus der Akasha-Chronik") in der folgenden Art: "Was in dem Vorangehenden... gesagt worden ist, das bezieht sich auf die große Masse der Menschheit. Aber diese stand unter Führern, die in ihren Fähigkeiten hoch emporragten über sie. Die Weisheit, welche diese Führer besaßen, und die Kräfte, welche sie beherrschten, waren durch keinerlei irdische Erziehung zu erlangen. Sie waren ihnen von höheren, nicht unmittelbar zur Erde gehörenden Wesenheiten erteilt worden. Es war daher nur natürlich, daß die große Masse der Menschen diese ihre Führer als Wesen höherer Art empfand, als 'Boten' der Götter. Denn mit den menschlichen Sinnesorganen, mit dem menschlichen Verstand, wäre nicht zu erreichen gewesen, was diese (S168) Führer wußten und ausführen konnten. Man verehrte sie als 'Gottesboten' und empfing ihre Befehle, Gebote und auch ihren Unterricht. Durch Wesen solcher Art wurde die Menschheit unterwiesen in den Wissenschaften, Künsten, in der Verfertigung von Werkzeugen. Und solche 'Götterboten' leiteten entweder selbst die Gemeinschaften oder unterrichteten Menschen, die weit genug vorgeschritten waren, in den Regierungskünsten. Man sagte von diesen Führern, daß sie 'mit den Göttern verkehren' und von diesen selbst in die Gesetze eingeweiht werden, nach denen sich die Menschheit entwickeln müsse. Und das entsprach der Wirklichkeit, An Orten, von denen die Menge nichts wußte, geschah diese Einweihung, dieser Verkehr mit den Göttern. Mysterientempel wurden diese Einweihungsorte genannt. Von ihnen aus also geschah die Verwaltung des Menschengeschlechts.

   Das, was in den Mysterientempeln geschah, war demgemäß auch dem Volke unverständlich. Und ebensowenig verstand dies die Absichten seiner großen Führer. Das Volk konnte mit seinen Sinnen ja nur verstehen, was sich auf der Erde unmittelbar zutrug, nicht was zum Heile dieser aus höheren Welten geoffenbart wurde. Daher mußten auch die Lehren der Führer in einer Form sein, die nicht den Mitteilungen über irdische Ereignisse ähnlich war... Daß diese 'Gottesboten' diese Offenbarungen empfangen konnten, rührte davon her, daß sie selbst die vollkommensten unter ihren Menschenbrüdern waren... Nur in einer gewissen Beziehung gehörten sie dieser Mitmenschheit an. Sie konnten die menschliche Gestalt annehmen. Aber ihre seelisch-geistigen Eigenschaften waren übermenschlicher Art. Sie waren also göttlich-menschliche Doppelwesen. Man konnte sie daher auch als höhere Geister bezeichnen, die menschliche Leiber angenommen hatten, um der Menschheit auf ihrem irdischen Wege weiterzuhelfen. Ihre eigentliche Heimat war nicht die Erde. Diese Wesen führten die Menschen, ohne ihnen die Grundsätze mitteilen zu können, nach denen sie sie führten" (S26ff).

   Mit dieser Schilderung ist zu der in früheren Kapiteln gegebenen Kennzeichnung der Vorgeschichte eine solche hinzugefügt, welche jene in bedeutsamer Weise ergänzt. Wir können diese, vom Aspekte der Zeit her, auch so formulieren, daß das vorgeschichtliche Dasein der Menschheit eine Zeitwelt repräsentierte, welche nur die Zweiheit einer wesenhaften Zukunft (in den Führern der Menschheit) und einer wesenhaften Vergangenheit (in der großen Masse der Geführten) in sich enthielt. der aber das Element der wesenhaften Gegenwart noch fehlte. Die große Masse der Menschheit lebte - durch die mit dem Blute durch die Generationsfolgen strömende mythische Kollektiv-Erinnerung - nur im Elemente der Vergangenheit; ihre Führer - durch die on ihnen ausgehenden Fortschrittsimpulse - nur in demjenigen der Zukunft. Ein mittlerer Menschentypus, der diese beiden Elemente im (S169) Erleben hätte verbinden und dadurch mit Bewußtsein im Elemente der Gegenwart hätte drinnenstehen können, war noch nicht vorhanden. Dieser Menschentypus hätte ein solcher sein müssen, der schon die Fähigkeit des Denkens in sich entwickelt gehabt hätte; denn nur diese hätte ihm ermöglicht, die Absichten der Menschheitsführer mit Verständnis zu durchdringen und sich dadurch zu eigen zu machen. Und sie hätte ihn auf der andern Seite in die Lage versetzt, sich der mythischen Kollektiverinnerung und ihrer lebenbstimmenden Macht zu entringen und die begriffenen Zukunftsziele nach den Möglichkeiten der jeweiligen Gegenwartssituation selbständig ihrer Verwirklichung entgegen zu führen. Kurz: sie hätte ihn zu einem geistig mündig gewordenen, sich selbst bestimmenden Ich-Menschen gemacht. Ein solcher zu werden war aber dem Menschen erst für die geschichtliche Epoche seines Erdendaseins bestimmt.

Anmerkung 17: Es könnte die im Vorangehenden geschilderte "Entzweiung" des Menschlichen in der Vorgeschichte wie auch die im Folgenden zu schildernde "Wiedervereinigung" desselben, welche im Lauf der Geschichte eintrat, als im Widerspruche stehend erscheinen mit dem, was wir in früheren Kapiteln als die Einheit des Sinnlichen und Geistigen im Erleben des vorgeschichtlichen Menschen und die Differenzierung dieser beiden Elemente im Bewußtsein des geschichtlichen Menschen charakterisiert hatten. Man muß jedoch berücksichtigen, daß sich die Zeiten in gewisser Weise übereinanderschieben. Was als sinnlich-geistige Einheit im Erleben des vorgeschichtlichen Menschen dargestellt wurde, ist nämlich gerade der Überrest dessen, was ihm noch aus dem "paradiesischen" Zustand vor dem Sündenfall geblieben war; denn die Auswirkungen des letzteren traten erst allmählich in Erscheinung. Im vollsten Maße machten sie sich erst geltend in der ersten Hälfte der geschichtlichen Phase. Darum kam ja auch in jenem Konservativismus, welcher der mythischen Kollektiv-Erinnerung des vorgeschichtlichen Menschen entsprang, nicht nur dessen Hinuntergesunkensein in die Natursphäre zum Ausdruck, sondern er hatte - wofür M.Eliade (a.a.O.) reichhaltige Belege beibringt - auch die Seite an sich, daß mit der ständig erneuerten Rückkehr zum Ursprung zugleich die Wiederherstellung des einstigen "Unschuldszustandes" angestrebt wurde. "Wir haben gesehen, daß während einer recht beträchtlichen Zeit die Menschheit sich mit allen Mitteln gegen die 'Geschichte' gestemmt hat. Können wir nun aus all dem schließen, die Menschheit sei während dieser Periode innerhalb der Natur geblieben und habe sich noch nicht aus ihr gelöst? Nur das Tier sei wirklich unschuldig, schrieb Hegel am Anfang seiner 'Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte'. Die Primitiven fühlten sich zwar nicht immer unschuldig, versuchten aber, es wieder zu werden durch die periodisch wiederkehrende Beichte ihrer Fehler. Können wir in dieser Tendenz zur Reinigung die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Tierhaftigkeit erblicken? Oder aber sollen wir etwas anderes erkennen in diesem Verlangen des Menschen, kein 'Gedächtnis' zu haben, die Zeit nicht zu registrieren und sich damit zufrieden zu geben, sie allein als eine Dimension seiner Existenz zu ertragen, aber ohne daß er sie verinnerlichte, sich einverleibte, in Bewußtsein verwandelte? Vielleicht sehen wir darin eher den Durst des Primitiven nach dem 'Ontischen', seinen Willen, zu sein, wie die archetypischen Wesen sind, deren Handlungen er unaufhörlich wiederholt? Das Problem ist ungemein wichtig, und man darf es nicht in wenigen Zeilen abtun wollen. Aber es gibt Gründe, die zu der Annahme führen, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies schließe bei den 'Primitiven' einen Wunsch, das 'Paradies der Tierhaftigkeit' wiederherzustellen, glatt aus. Alles, was wir über die mythischen Erinnerungen an das 'Paradies' wissen, zeigt uns im Gegenteil das Bild einer idealen Menschheit, die sich einer Glückseligkeit und einer geistigen Fülle erfreute, die in der aktuellen Situation des 'gefallenen Menschen' für ewig unrealisierbar geworden sind. Die Mythen zahlreicher Völker machen wirklich Andeutungen über eine sehr weit zurückliegende Epoche, in der die Menschen weder den Tod noch Arbeit oder Leid kannten und nur die Hand auszustrecken brauchten, um Nahrung in Fülle zu finden. In illo tempore (in damaliger Zeit) stiegen die Götter aus dem Himmel herab und vermischten sich mit den Menschen, und die Menschen konnten ihrerseits ohne Schwierigkeiten zum Himmel emporsteigen. In der Folge eines rituellen Fehlers wurden die Verbindungen zwischen Himmel und Erde unterbrochen, und die Götter zogen sich in die höchsten Himmel zurück. Seit der Zeit müssen die Menschen arbeiten und sind nicht mehr unsterblich" (Eliade, a.a.O.S134f).

   Ebenso vollzieht sich nach der andern Seite hin die "Wiedervereinigung" des entzweiten Menschen, die im Laufe der Geschichte stattfindet, nicht vom Anfange derselben an, sondern setzt, wie die folgenden Seiten zeigen, erst mit dem Golgatha-Ereignis ein und ist auch heute noch zum größten Teil eine Aufgabe der Zukunft.

   Von da aus gesehen erscheint nun erst in ihrer vollen Bedeutung die im letzten Kapitel gegebenen Charakteristik der Geschichte in ihrer Beziehung zur Zeit. Diese ging ja dahin, daß die Geschichte im eminentesten Sinne die Welt der Zeit sei, weil sie die Zeit in der Totalität ihrer drei "Dimensionen": Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich enthalte, - und zwar dadurch, daß sie in erster Linie wesenhafte Gegenwart ist, deren Wesen ja aber darin liegt, daß sich Zukunft und Vergangenheit in ihr verschlingen. Es tritt nämlich jetzt völlig ins Licht, wie dies in der mit der intellektuellen Entwicklung verknüpften Herausbildung der geistig auf sich selbst gestellten menschlichen Individualität begründet ist, die dem geschichtlichen Menschentypus das Gepräge gibt. Auch auf den Prozeß dieser Herausbildung können wir nun allerdings von der gegenwärtigen Betrachtung aus noch ein neues Licht werfen.

   Wir bemerkten bereits, daß die Spaltung der Menschheit in die eingeweihten Führer und die Masse der Nichteingeweihten sich noch eine große Strecke weit in die geschichtliche Epoche hinein erhalten habe. Im Grunde genommen steht fast die ganze vorchristliche Ära noch im Zeichen dieser Spaltung. Und in verwandelter Form lebt sie selbst noch innerhalb des Christentums in der namentlich vom Katholizismus streng festgehaltenen Unterscheidung von Priestertum (Lehrstand) und Laientum (von laios = Volk) fort. Doch aber hatte sich bereits in der griechisch-römischen Antike ihre frühere Bedeutung verloren. Zwar kannte auch noch das ältere Griechentum eine ganze Anzahl von Mysterien- bzw. Orakelstätten, welche in jener Zeit als Ausstrahlungspunkte des kulturellen Lebens wirkten. Es sei hier nur an die Rolle erinnert, welche das delphische Orakel für die Gestaltung der griechischen Geschichte bis in die Perikleische Zeit hinein spielte. Oder an die Bedeutung, die den eleusinischen Mysterien für die Entstehung des griechischen Dramas (S170) zukommt. Noch ein Heraklit legte sein philosophisches Werk im Tempel des Artemis-Mysteriums zu Ephesus nieder zum Zeichen seines Verbundenseins mit diesem. Dennoch war es aber gerade die griechische Philosophie, durch welche der Weisheitsgehalt, der bis dahin in den Mysterien verborgen gehalten worden war, zum erstenmal in großem Umfang in Gedankenform gegossen und damit den Uneingeweihten übermittelt wurde. Sowohl der platonischen wie der aristotelischen Philosophie kommt nach dieser Richtung, wenn auch in verschiedener Art, eine unermeßliche Bedeutung zu. Und schon Sokrates hatte sich ja gerühmt, nicht in die Mysterien eingeweiht zu sein. Und welch gewaltiger Anstoß für die philosophische Entwicklung ist gerade von ihm ausgegangen! Was früher aus der Verborgenheit der Mysterientempel heraus führend und leitend gewirkt hatte, das sprach als sein "Daimonion" zu ihm aus seinem eigenen Innern heraus.

   Den gewaltigen Umschwung, der sich mit all dem vollzog, kann man kaum mit treffenderen Worten charakterisieren, als es Jaspers in seiner Geschichtsphilosophie getan hat (S81): "Der große Durchbruch ist wie eine Einweihung des Menschseins. Jede spätere Berührung mit ihm ist wie eine neue Einweihung. Seitdem sind nur die eingeweihten Menschen und Völker im Gang der eigentlichen Geschichte. Aber diese Einweihung ist kein verborgenes, ängstlich behütetes Geheimnis. Vielmehr ist es in die Helligkeit des Tages getreten, in grenzenlosem Mitteilungswillen sich aussetzend jeder Prüfung und Bewährung, sich zeigend jedem, aber doch 'offenbares Geheimnis', insofern es nur erblickt, wer für es bereit ist, durch es verwandelt zu sich selbst kommt. Die neue Einweihung geschieht in Interpretation und Aneignung. Bewußte Überlieferung, autoritative Schriften, Studium wird unerläßliches Lebenselement."

   Und doch war all dies nur erst Vorbereitung, im besten Falle Einleitung. Ihren entscheidenden Punkt aber erreichte diese ganze Umwälzung erst in dem Ereignis von Golgatha. Denn in diesem hat sich, was früher im verborgenen Innern der Mysterien als mystisch-symbolisches Hindurchgehen durch Tod (des niederen Selbstes) und Auferstehung (eines höheren Ichs) von den Einzuweihenden erlebt worden war, nicht nur als erweckender Erkenntnisprozeß, sondern als reales Geschehen in der physischen Welt - sozusagen auf der Bühne der Weltgeschichte - abgespielt (S.R.Steiner: "Das Christentum als mystische Tatsache"). Mit ihm erst haben daher die Mysterien in ihrer früheren Form ihr Ende gefunden. In ihm ist, was bis dahin leitend und führend verborgen in der Menschheitsgeschichte geistig gewirkt hatte, in menschlicher Gestalt in die sinnliche Erscheinung eingetreten. Es ist darum die "Offenbarung" kat exochen, - die Offenbarung des in der Geschichte wirkenden Göttlichen, das als der göttliche "Sohn" von dem der Natur schöpferisch zugrunde liegenden göttlichen (S171) "Vater" unterschieden wird. Mit ihm wurde zugleich der "Baum des Lebens", welcher ihr nach dem "Sündenfall" entzogen worden war, der Menschheit zurückgegeben und mit dem "Baum der Erkenntnis" wiedervereinigt, d.h. mit dem Bewußtsein, wie es sich in ihr seit dem Sündenfall auf Erden allmählich entwickelt hatte. Indem dieses Geistig-Schöpferische des Menschen so aus der göttlich-geistigen Welt in die Sphäre des Menschlichen herunterstieg, wurde dadurch die Möglichkeit veranlagt, sein Physisch-Leibliches aus der Sphäre der Natur, in die es hinuntergesunken war, wieder zur Ebene des eigentlich Menschlichen emporzuheben. Darauf deutet hin, was im Christentum als die "Erlösung von der Erbsünde" durch die Tat auf Golgatha bezeichnet wird. Und insofern jenes Hinabsinken in die Sphäre der Natur sich ausgewirkt hatte in der stetig zunehmenden Macht des Todes über den Menschen, bezeugt sich diese Erlösung in der ihm durch sie zuteilgewordenen Möglichkeit, den Tod durch die "Auferstehung" zu überwinden. Wie alle diese Begriffe der christlichen Theologie im Sinne der modernen geisteswissenschaftlichen Forschung und speziell der geisteswissenschaftlich fundierten Geschichtswissenschaft zu verstehen sind, darüber wird im zweiten Bande dieser Schrift noch ausführlich zu sprechen sein. Hier sollte zunächst nur darauf hingedeutet werden, wie die erwähnten Tatsachen sich im religiösen Bewußtsein der Menschheit widerspiegelten.

   Vom Gesichtspunkte der gegenwärtigen Betrachtung aus aber kann ihre Bedeutung noch in der folgenden Weise charakterisiert werden:

   Durch die mit dem Golgatha-Ereignis eingeleitete Wiedervereinigung dessen im Menschen, was durch den "Sündenfall" auseinandergesplittert war, wurde in ihm selbst erst eine wahre Mitte zwischen seinem Leiblichen und seinem Geistigen geschaffen, welche diese beiden Pole seines Wesens in sich verbindet. Diese seine Wesensmitte ist nichts anderes als sein "Ich", das dadurch geistig auf sich selbst gestellt und zur Verwandlung seiner "Natur", d.h. seiner Leiblichkeit befähigt wurde, - jenes Ich also, das zu entwickeln das Grundmotiv der Geschichte bildet.

   Durch all dies wurde auch der Menschheit im Ganzen erst die Möglichkeit errungen, jene wahre, verbindende Mitte zwischen der göttlichen und der natürlichen Welt zu werden, welche darzustellen sie durch ihr Wesen bestimmt ist.

   Und zuletzt, vom Gesichtspunkt der Zeit aus betrachtet, darf gesagt werden: Indem durch die Christustat der Menschheit ihr Geistig-Schöpferisches wiedergebracht wurde, das sich, insofern sie zu tief ins Natürliche hinuntergesunken war, von ihr getrennt hatte, empfing sie ihr Zukunftselement, das sie aus sich verloren hatte, zurück. Es wurde ihr damit überhaupt erst eine wahre Zukunft geschenkt. Denn in der früheren Art, von außen her durch (S172) die Mysterien, hätte dieses Element wegen ihrer fortschreitenden Individualisierung immer weniger in ihr Vergangenheitselement hineinwirken können. Wäre das Golgatha-Ereignis nicht eingetreten, so hätte sie keine echte Zukunft mehr gehabt. Sie hätte nur das Vergangene immer von neuem wiederholen können, bis dessen Kräfte immer mehr erstorben gewesen wären. Indem aber die Christustat mit ihrem Vergangenheitselement ihr Zukunftselement vereinigte, wurde ihr damit auch erst die wahre wesenhafte Gegenwart geschenkt. Und so wurde die Totalität der Zeit in allen ihren drei Dimensionen, allerdings als gegliedertes Ganzes, ihr erst durch das Christusereignis erobert.

   Von daher wird es verständlich, wenn Rudolf Steiner die Bedeutung dieses Ereignisses einmal (Pfingsbetrachtung 1924) dahin charakterisiert, daß durch dasselbe dem irdischen Menschheitswerden erst in vollem Maße das Element der Zeit eingefügt worden sei. Christus, so führt er da aus, brachte dem irdischen Menschheitswerden erst die volle Realität der Zeit. Hatten wir im Vorangehenden aber gesehen, daß das Insichenthalten der - gegliederten - Totalität der Zeit das Eigentümliche gerade der Geschichte ausmacht, so kann jetzt auch gesagt werden, daß erst mit dem Christus-Ereignis das Nachwirken der Vorgeschichte überwunden und die Geschichte im eigentlichsten Sinne des Wortes begonnen hat.

   Und von da aus erklärt sich nun auch erst in tieferem Sinne die schon mehrfach erwähnte Tatsache, daß bis in die griechische Antike hinein die aus den orientalischen Kulturen, letztlich aber noch aus der vorgeschichtlichen Epoche her stammende Anschauung von der stetigen Wiederkehr des Gleichen in den Kreisläufen des Welten- und Menschendaseins nachwirkte, dagegen erst auf dem Boden des Christentums eine wirklich geschichtliche Auffassung der Geschichte entstand, welche die Einmaligkeit sowohl ihres Verlaufs im Ganzen wie auch aller ihrer Einzelereignisse betonte. In Augustins "Gottesstaat" trat diese zum erstenmal in imposanter Form in Erscheinung, - allerdings zunächst in einer ersten, noch unvollkommenen Entwicklungsgestalt. Worin die Unvollkommenheit derselben besteht und warum sie eine solche zunächst noch aufweisen mußte, das wird gerade aus der Fortsetzung dieser Darstellungen über das Verhältnis von Zeit und Geschichte ersichtlich werden, welche die nächsten Kapitel bringen sollen.

   Zum Abschlusse dieses Kapitels aber soll nur noch darauf hingewiesen werden, wie durch die "Vervollständigung" des Zeitwesens zur (gegliederten) Totalität, die durch das Christusereignis zustandekam, ein eigentümliches Gegenstück geschaffen worden ist zu jener (ungegliedert-ungeschiedenen) Zeittotalität, die am Ausgangspunkte der kosmogonischen Urzeit gestanden hatte: in der Welt der "Ewigkeit". Wieder ist jetzt das Ganze der Zeit da, (S173) in dem ursprünglich das Göttliche weste, nur jetzt als das Element, in dem der Mensch webt und lebt. Und an Stelle der Ungeschiedenheit ist jetzt die Geschiedenheit ihrer Momente getreten. Darum lebt der Mensch in der "Zeit", die Gottheit aber in der "Ewigkeit". Daß aber dennoch die Ganzheit der Zeit im Menschen jetzt da ist, hat seinen Grund darin, daß durch das Erscheinen des "Gottmenschen" das Göttliche in das Menschliche eingezogen ist. Dadurch trägt der Mensch nun in sich selbst ein "Ewiges", ein "Überzeitliches", - was geschichtlich zunächst darin zum Ausdrucke kam, daß erst innerhalb der christlichen Religion die Lehre von der "Unsterblichkeit der menschlichen Seele" entschieden und eindeutig zur Geltung gebracht wurde. Durch dieses Überzeitliche in sich kann aber der Mensch die verschiedenen Zeitmomente doch stufenweise in sich eins werden lassen. Er ist damit in der Lage, sich aus dem Auseinander, dem Geschiedensein derselben zu erheben zu ihrem Ineinandersein, ihrem Ungeschiedensein. Er ist nicht nur Bürger eines Jetzt oder Damals oder Dereinst, sondern aller Zeiten. Dies zeigt sich in noch mehr äußerlicher Art darin, daß die Menschengeister Glieder einer über die Jahrtausende hinweg sich erstreckenden Gemeinschaft geistiger Kommunikation sind, in welcher die Zeitdistanzen überwunden werden. "Wir überschreiten die Geschichte, wenn uns der Mensch in seinen höchsten Werken gegenwärtig wird, durch die er das Sein gleichsam aufzufangen vermochte und unmittelbar machte. Was hier von Menschen getan wurde, die sich verzehren ließen von der durch sie Sprache werdenden ewigen Wahrheit, das ist, obzwar im geschichtlichen Gewande, über Geschichte hinaus und führt uns auf dem Wege über die geschichtliche Welt in das, was vor aller Geschichte ist und durch sie Sprache wird. Da ist nicht mehr die Frage: woher und wohin, nicht nach Zukunft und Fortschritt, sondern in der Zeit ist etwas, das nicht mehr nur Zeit, über alle Zeit als das Sein selbst zu uns kommt. Die Geschichte wird selber der Weg zum  Übergeschichtlichen. In der Anschauung des Großen - dem Geschaffenen, Getanen, Gedachten - leuchtet die Geschichte wie ewige Gegenwart... Die Einheit der Geschichte ist selbst nicht mehr Geschichte. Diese Einheit ergreifen, das heißt schon, sich über die Geschichte hinausschwingen in den Grund dieser Einheit, durch den die Einheit ist, die die Geschichte ganz werden läßt. Aber dieser Aufschwung über die Geschichte zur Einheit der Geschichte bleibt selber Aufgabe in der Geschichte. Wir leben nicht im Wissen der Einheit, sofern wir aber aus der Einheit leben, leben wir in der Geschichte übergeschichtlich." (Jaspers, a.a.O.S345).

   In einem noch tieferen Sinne freilich liegt all dies beschlossen und begründet in der schon erwähnten Tatsache der Reinkarnation, welche die Grundursache der Geschichte bildet, und von der auch schon erwähnt wurde, daß (S174) sie in einer allerdings im wesentlichen noch der Zukunft angehörenden Epoche immer mehr ins menschliche Bewußtsein eintreten wird. Damit wird dieses Bewußtsein - freilich im Sinne einer "Aufgabe der Geschichte" in einer noch viel realeren Weise, als die Worte Jaspers' dies meinen, aus dem bloß Historischen ins "Metahistorische" hinaufwachsen, nicht mehr aus seinem Zeitlichen, sondern aus dem Ewigen heraus leben, das über den Zeiten steht. Von der Gliederung der Zeittotalität wird der Schwerpunkt seines Erlebens immer mehr auf ihre innere Einheit sich verlagern. Auch dies wird in späteren Kapiteln noch konkreter ausgeführt werden.

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Nächstes Kapitel:  III.3 Struktur der Zeit