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Hans Erhard Lauer

Geschichte als Stufengang der Menschwerdung

Ein Beitrag zu einer Geschichtswissenschaft auf geisteswissenschaftlicher Grundlage

II. Band:

"Die Wiederverkörperung des Menschen als Lebensgesetz der Geschichte"

1958 - Novalis-Verlag, Freiburg im Breisgau


Das wunderbarste, das ewige Phänomen

ist das eigene Dasein.

Das größte Geheimnis ist der Mensch sich selbst.

Die Auflösung dieser unendlichen Aufgabe

ist in der Tat die Weltgeschichte

Novalis


Vorbemerkung

   Der zweite Band der "Geschichte als Stufengang der Menschwerdung" sollte der ursprünglichen Absicht gemäß unter dem Titel "Wille und Vorsehung" erscheinen. Er sollte in seinem ersten Teile die Bedeutung zur Darstellung bringen, die der Wiederverkörperung des Menschen innerhalb des geschichtlichen Werdens zukommt, in seinem zweiten Teile sodann den moralischen Aspekt der Geschichte entwerfen. Bei ihrer Ausarbeitung nahm nun aber die erste Hälfte nicht nur solchen Umfang an, sondern machte sich auch als Mittelstück des "Triptychons" der Geschichte, zu welchem das Gesamtwerk sich immer deutlicher auswuchs, so entschieden geltend, daß ich micht entschließen mußte, sie für sich allein als zweiten Band herauszugeben, den ich hier nun unter dem Titel "Die Wiederverkörperung des Menschen als Lebensgesetz der Geschichte" vorlege. Die Darstellung des moralischen Aspekts der Geschichte wird dann als dritter, abschließender Band nachfolgen.

Dr. Hans Erhard Lauer


Einleitung

Die Gegenwartslage der Menschheit und ihre Forderungen

I.

(S11)   Am Beginn dieses zweiten Bandes der "Geschichte als Stufengang der Menschheit" scheint es uns geboten, das Anliegen, welches das Gesamtwerk vertritt, noch einmal, in etwas andrer Weise, als dies im Vorwort zum ersten Bande geschehen ist, zu kennzeichnen.

  Zu den mancherlei Krisen, in welche die Entwicklung der Menschheit in unserem Jahrhundert eingetreten ist (Krise der Kunst, der Erziehung, des sozialen Lebens usf.) gehört, den anderen an Tiefe und Gefährlichkeit keineswegs nachstehend, auch diejenige, die im Verhältnis der gegenwärtigen Menschheit zur Geschichte aufgebrochen ist. Ja, in gewissem Sinne darf sogar behauptet werden, daß diese Krise allen anderen zugrundeliegt und sich in ihnen, als in ihren mannigfaltigen Symptomen, nur manifestiert. Bedeutet doch das Verhältnis zur Geschichte in gewissem Sinne das Verhältnis zu sich selbst, zur eigenen Existenz und der Frage nach deren Woher und Wohin! Hierin liegt es wohl begründet, daß, während die anderen Krisen schon einer oberflächlichen Lebensbetrachtung sich aufdrängen, diese Krise der geschichtlichen Existenz nur einem die Erscheinungen tiefer durchdringenden Blicke sich enthüllt. Wer sie in ihrer ganzen Schwere gewahr geworden ist und zu ihrer Überwindung glaubt einen Beitrag leisten zu können oder zu sollen, sieht sich daher vor die Aufgabe gestellt, sie unserer Zeitgenossenschaft zunächst ins volle Bewußtsein heraufzuheben. Hierzu kann eine geschichtliche Besinnung von der folgenden Art dienen:

   Die geschichtliche Epoche, die mit etwa dem 15. Jahrhundert angebrochen ist, pflegt mit Recht als das naturwissenschaftlich-technische Zeitalter bezeichnet zu werden. Denn ihr hervorstechendstes Merkmal bildet zweifellos die von Triumph zu Triumph schreitende Entwicklung, welche in ihrem Verlaufe die Erforschung der Natur und in deren Gefolge die moderne Technik genommen hat. Dies alles steht, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, so doch als Gesamtphänomen dem heutigen Menschen so eindrucksvoll vor dem Bewußtsein, daß es keiner genaueren Schilderung bedarf. Dennoch aber macht die moderne Naturwissenschaft nicht das absolut Neue aus, das unser Zeitalter gegenüber (S12) früheren mit sich gebracht hat. Sie stellt vielmehr nur die, allerdings veränderte, Weiterentwicklung der Naturerforschung dar, welche durch die griechische Antike begründet worden ist. Es darf daran erinnert werden, daß an ihrer Wiege die Renaissancebewegung des 15. und 16. Jahrhunderts gestanden hat, deren Ziel die Wiederbelebung der klassischen Antike war. Und des weiteren daran, daß fast sämtliche Begriffe (bis hin zu demjenigen des Atoms), deren sie sich zur erkenntnismäßigen Bewältigung der Naturerscheinungen bedient, der griechischen Naturphilosophie entstammen.

   Das wahrhaft Neue, das unser Zeitalter von allen früheren unterscheidet, liegt nicht im Verhältnis des Menschen zur Natur, sondern in demjenigen zur Geschichte, wie es sich seit etwa drei Jahrhunderten herausgebildet hat. Die großartige Geschichtsschreibung der griechisch-römischen Antike, die durch Namen wie Herodot und Thukydides, Livius und Tacitus, Polybius und Plutarch u.a. repräsentiert wird, bedeutet keinen Einwand gegen diese Behauptung, selbst nicht einmal das Geschichtsbild, das Augustin in seinem "Gottesstaat" entworfen hat. Denn jene Geschichtsschreibung beschränkte sich im wesentlichen noch auf den nationalen oder zeitgeschichtlichen Lebensumkreis, dem die betreffenden Historiographen angehörten, und sie gründete sich in der Hauptsache auf das, was diese entweder aus eigenem Miterleben oder aus noch lebendiger mündlicher Überlieferung zu erkunden vermochten. Den Begriff einer einheitlichen, durch eine Folge von Epochen als Stufen ihres Werdegangs hindurchschreitenden Menschheitsgeschichte kannte das heidnische Altertum noch nicht, vielmehr erschaute es, darin noch dem Oriente verwandt, das geschichtliche Leben noch im Bilde von Kreisläufen, die nach bestimmter Zeit dasselbe immer von neuem wiederkehren lassen. Wenn demgegenüber Augustin aus christlicher Sicht heraus das Bild eines einmaligen zwischen Sündenfall und Jüngstem Gericht sich erstreckenden Geschichtsverlaufs zeichnete, so ist auch für dieses charakteristisch, daß innerhalb der so aufgefaßten Geschichte mit der Erlösungstat auf Golgatha das entscheidende Ereignis stattgefunden hat, demgegenüber ein grundsätzlich neues Moment im weiteren Verlaufe der Geschichte nicht mehr auftreten kann, durch welches vielmehr für alle Nachgeborenen die wesentliche Daseinssituation bis zum Jüngsten Tage in gleicher Weise bestimmt ist. Was im weltlichen Bereich der Geschichte als das Auf und Ab politischer oder kriegerischer Auseinandersetzungen sich abspielt, bedeutet lediglich den in wechselnden Formen die ganze Geschichte durchziehenden Kampf zwischen der civitas dei und der civitas terrena, dessen Wandlungen an der durch das Golgatha-Ereignis geschaffenen Situation nichts ändern. So war denn auch das ganze christliche Mittelalter davon überzeugt, daß Kaisertum und Papsttum, wie sie sich als Erben des vom Christentum durchdrungenen römischen Weltreiches herausgebildet hatten, bis ans Ende der Zeiten fortzudauern bestimmt seien. Und diese Vorstellung von dem "statischen" (S13) Charakter der Zeit entsprach ja auch durchaus die weitgehende Stabilität der damaligen äußeren Lebensverhältnisse.

   Dieses Geschichtsgefühl änderte sich erst im Beginne der neueren Zeit, und zwar dadurch, daß im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts der damaligen europäischen Menschheit die umwälzende Wandlung immer deutlicher zum Bewußtsein kam, die sich im 15. und 16. Jahrhundert vollzogen hatte. In zwei Momenten kam diese Veränderung des geschichtlichen Bewußtseins zum Ausdruck, die aber im Grunde nur die zwei Seiten einer und derselben Sache bildeten.

   Wie bereits angedeutet, war schon dem Bewußtsein des Mittelalters wenigsten eine Hauptgliederung der Gesamtmenschheitsgeschichte geläufig gewesen: jene nämlich, die in der von der Geburt Christi nach vorwärts und rückwärts zählenden Zeitrechnung, die sich in seinem Verlaufe eingebürgert hatte, ihren Ausdruck fand. In dieser Einteilung der Geschichte dokumentierte sich der theologisch-heilsgeschichtliche Charakter, der seiner Geschichtsauffassung überhaupt eigen war. Dieser Geschichtsgliederung, die sich noch über die Renaissance hinaus, welche die griechisch-römische Antike in neuer und intensiver Weise in den geschichtlichen Horizont der modernen Menschheit hatte eintreten lassen, empfindungsgemäß forterhielt, entsprach es, daß man selbst noch in neuerer Zeit, wenn man in kulturgeschichtlichen Vergleichen die "Alten" und die "Neueren" nach ihren Vorzügen und Mängeln einander gegenüberstellte, unter jenen die Vertreter der heidnischen Antike, unter diesen aber diejenigen der insbesondere seit der Völkerwanderung sich herausbildenden christlichen Kultur verstand. Anstelle dieser Zweiteilung der Geschichte in die der "Alten" und der "Neueren" setzte sich jedoch seit etwa der Wende vom 17. und 18. Jahrhundert die Dreiteilung derselben in Altertum, Mittelalter und Neuzeit durch. Diese neue Einteilung war nun zwar von vornherein dazu verurteilt, eine provisorische zu sein; denn eine jede Zeit ist zunächst eine "neue" und wandelt sich in ihrem Verlauf in eine "alte" bzw. wird über kurz oder lang von einer "neuesten" überholt. Und so hat denn auch bereits die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts von der "Neuzeit" im weiteren Sinne eine "neueste" unterschieden.

   Dennoch wohnte dieser Neugliederung der Geschichte eine tiefe Bedeutung inne. In ihr spiegelt sich nämlich das Bewußtwerden jenes ganz Neuen wider, das in der Menschheitsgeschichte seit dem 15., 16. Jahrhundert zum Durchbruch gekommen war. Genauer gesagt: das Bewußtsein der Tatsache, daß selbst innerhalb der christlichen Ära noch ein ganz neuer geschichtlicher Impuls in Erscheinung getreten sei und damit eine wesentlich neue Epoche begonnen habe. Ja noch mehr: indem so grundlegende und für diese neue Epoche so charakteristische Errungenschaften wie die astronomischen Auffassungen und Entdeckungen Kopernikus' und Galileis von den Vertretern der christlichen (S14) Bekenntnisse als der christlichen Lehre widersprechend zunächst verketzert wurden, sich trotzdem aber unwiderstehlich durchsetzten, schien die neue Epoche überhaupt in einem anderen Zeichen als in dem des Christentums zu stehen. Oder umgekehrt ausgesprochen: das Christentum verlor für diese neue Geschichtsauffassung allmählich seine absolute Geltung und verfiel der historischen Relativierung. Es stellte sich mehr und mehr als eine bloß einer bestimmten geschichtlichen Epoche und Völkergruppe zugeordnete Erscheinung dar, - brachte doch das Zeitalter der Entdeckungen auch das schrittweise Bekanntwerden mit immer größeren nicht-christlichen Teilen der Menschheit mit sich. Das alles bedeutete aber, daß auch die neue Geschichtsauffassung selbst sich von einer im christlichen Sinne theologisch-heilsgeschichtlichen in eine - sagen wir zunächst - weltlich-profane wandelte. Diesem ihrem neuen Charakter entsprach es denn auch, daß von den Marksteinen ihrer Epochengliederung keiner mehr mit der Begründung des Christentums zusammenfiel: Diese wurde vielmehr nun mit zum "Altertum" gerechnet, das "Mittelalter" ließ man mit dem Eintritt der germanischen Völker in die Geschichte beginnen, und die "Neuzeit" mit dem Jahrhundert der "Erfindungen und Entdeckungen". Man behielt zwar auch weiter die christliche Zeitrechnung bei, aber nurmehr als eine überkommene Konvention, - die moderne Geschichtsauffassung selbst sprach sich nicht mehr in ihr aus. Und wenn dann die Französische Revolution das Christentum in aller Form abschaffte und mit der Proklamierung der französischen Republik ein neues Jahr 1 beginnen ließ, so kam darin nur die Wahrheit zum Ausdruck, daß mit der Geschichtsauffassung, welche der neuen Epochengliederung der Geschichte zugrunde lag, an die Stelle des Christentums etwas getreten war, was den Charakter einer neuen Religion trug, - einer Religion allerdings, die nun nicht mehr auf ein Jenseits bezogenen, sondern einen rein diesseitig gerichteten Glauben zum Inhalt hatte.

    Von welcher Art aber war dieser? Er bestand in der Überzeugung, daß die Geschichte den Prozeß bilde, welcher über eine Vielzahl von Stufen (die in der Folge der geschichtlichen Epochen ihren Ausdruck finden) die Menschheit einer immer vollkommeneren Verwirklichung der ihr Wesen konstituierenden Momente entgegenführe. Es war m.a.W. die "Religion" des geschichtlichen Fortschritts, der Glaube an die unendliche Perfektibilität des menschlichen Wesens und damit aller menschlichen Lebensverhältnisse. An die Stelle der Vorstellung vom Jüngsten Tag und dem an diesem erfolgenden göttlichen Weltgericht, das die Menschen in die für die ewige himmlische Seligkeit und in die für die ewige höllische Verdammnis bestimmten scheidet, trat die andere, daß die Weltgeschichte in sich selbst schon das "Weltgericht" sei (Schiller), d.h. daß das letzte Daseinsziel des Menschen nicht erst jenseits der Geschichte liege, sondern innerhalb dieser selbst erreicht werde. Die Folge hiervon war, daß die Geschichte eine Wichtigkeit erlangte, wie sie sie nie zuvor besessen hatte. (S15)

   Freilich erfuhr, was als Fortschritt und als Endziel der Geschichte zu betrachten sei, im Einzelnen die mannigfaltigsten Deutungen. Diese machten den Inhalt dessen aus, was jetzt als Geschichtsphilosophie entstand und was die eigentlich geistige Neuschöpfung unserer Epoche bildet. Ihre großartigsten Ausgestaltungen erlangte diese innerhalb des klassischen deutschen Geisteslebens durch Denker wie Lessing, Herder, Fichte, Schelling, Hegel, Fr.Schlegel u.a. Wie sehr deren Auffassungen aber auch nach Inhalt und Methode sich voneinander unterscheiden mochten, gemeinsam war ihnen allen, daß sie in der Geschichte einen einheitlichen, durch Stufen fortschreitenden, einem Endziel höchster Vollkommenheit entgegengehenden Prozeß erblickten. Und wenn auch die meisten gerade unter diesen Geschichtsdeutungen das Golgatha-Ereignis wieder in den Mittelpunkt der Geschichte stellten, so lag das Neue und Charakteristische dieser Auffassung, die sie bezüglich dieses Ereignisses vertraten, darin, daß sie dessen Ziele innerhalb des geschichtlichen Prozesses selbst stufenweise sich verwirklichen sahen.

   Es blieb aber nicht bloß bei diesen philosophischen Sinndeutungen der Geschichte. Ihnen gesellte sich vielmehr eine methodisch durchgebildete wissenschaftliche Erforschung und geschichtsschreiberische Darstellung der geschichtlichen Tatsachenwelt im Einzelnen und im Ganzen von solchem Umfang hinzu, wie sie kein früheres Jahrhundert jemals zustande gebracht hatte. So wurde das 19. Jahrhundert geradezu zum klassischen Jahrhundert der Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung und erhielt zuletzt mit Recht die Bezeichnung des "historischen" Jahrhunderts. Ein wesentliches Moment der ihm zu verdankenden geschichtsforscherischen Errungenschaften lag außerdem darin, daß in seinem Verlaufe durch die Entzifferung der morgenländischen Schriftsysteme der geschichtliche Horizont um etwa zwei Jahrtausende bis zu den Anfängen der ersten geschichtlichen Hochkulturen hin sich erweiterte.

   Was aber den Glauben an den in der Geschichte sich vollziehenden Fortschritt betrifft, so erreichte dieser seinen Kulminationspunkt - aus leichtbegreiflichen Gründen - in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Denn die geschichtliche Wirklichkeit selbst war inzwischen nicht nur überhaupt "fortgeschritten", sondern hatte gerade in dieser Zeit durch die Entwicklung der Technik, des Industrialismus, des Weltverkehrs und Welthandels die größte Umwälzung des äußeren, profanen Lebens der Menschheit mit sich gebracht, die seit Jahrtausenden stattgefunden hatte. Jeder Blick ins Leben belehrte einen von Tag zu Tag aufs neue über den gewaltigen Fortschritt, der sich in der Verbesserung der äußeren Daseinsbedingungen vollzog. Man stand mitten in den tiefgreifendsten Veränderungen aus allen Lebensgebieten drinnen. Wie hätte man da nicht glauben sollen, daß "Fortschritt" das Wesen der Geschichte sei, (S16) und daß diese zu immer höheren Höhen der Vollkommenheit der menschlichen Lebensverhältnisse hinaufführe.

   Allerdings betraf das alles nur die eine: die äußere, materielle Seite des menschlichen Daseins. Bei tiefersehenden Geistern, deren Blick vornehmlich auf den innern, geistigen Aspekt desselben gerichtet war, machte sich jedoch schon im 19. Jahrhundert eine andere, entgegengesetzte Empfindung gegenüber dieser ganzen Entwicklung geltend - eine Empfindung, die in einer bestimmten Nuancierung bereits am Beginne des Jahrhunderts bei seinem größten Geschichtsdenker: bei Hegel auftrag, - stammt doch von diesem das merkwürdige Wort: "Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, ist eine Gestalt des Lebens alt geworden. Die Eule der Minerva beginnt erst in der anbrechenden Dämmerung ihren Flug". Hegel glaubte bekanntlich, daß die Menschheitsgeschichte in seiner Zeit bereits ihrer Endphase entgegengehe. Denn wenn die wirkenden Kräfte und Gesetze der Geschichte in solchem Maße, wie dies - nach seiner Auffassung - in seiner Geschichtsphilosophie der Fall war, ins menschliche Bewußtsein heraufsteigen, dann haben sie sich im Leben ausgewirkt und ziehen sich von diesem bereits zurück. Sie wirken als schöpferisch gestaltende nur, solange sie dem Menschen nicht bewußt sind. Die objektiv in der Geschichte waltende "Vernunft", d.h. die das geschichtliche Werden bestimmende ideelle Gesetzlichkeit bedient sich - nach Hegels Meinung - einer "List", um sich in ihm zu verwirklichen. Sie erzeugt in den Menschen Machtaspirationen, politische Ideale, soziale Utopien und dergleichen, welche sie zu entsprechenden Taten anfeuern. Was im Sinne dieser Strebensziele liegt, wird zwar nicht erreicht; die auf sie gerichteten Bemühungen scheitern; die Menschen, die sie vertreten, gehen dabei zugrunde, - aber die "objektive" Vernunft, die in der Geschichte waltet, erreicht dadurch ihre Ziele; ein höherer Sinn verwirklicht sich dabei. Kommt diese Vernunft aber im Menschen schließlich zum Bewußtsein ihrer selbst, so zieht sie sich vom Leben zurück. Es entsteht ein umfassendes Erinnerungsbild des inneren Weges, den die Geschichte in der Verwirklichung dieses höheren Sinnes durchlaufen hat - vergleichbar der Lebensrückschau des Einzelmenschen im Greisenalter -; aber das Leben selbst neigt sich seinem Ende zu. Im Auftreten eines Geschichtsbewußtseins, wie es in der neueren Zeit entstanden ist und in Hegel in der Tat einen Gipfelpunkt erreichte, wäre somit ein Zeichen des Hinschwindens der geschichtlichen Lebenskräfte zu sehen.

   Und ein solches Versiegen der naturhaften geschichtsbildenden Kräfte - insofern diese mit den wahrhaft kulturschöpferischen identisch sind - zeigte sich gerade im 19. Jahrhundert denn auch unbestreitbar auf den verschiedensten Lebensgebieten im selben Maße, in welchem das geschichtliche Bewußtsein zunahm. In eklatanter Weise wurde es bemerkbar z.B. auf dem Gebiete des künstlerischen Schaffens. Jede der älteren Kulturen hatte ihren charakteristischen (S17) Kunststil hervorgebracht: die ägyptisch, die griechische, die mittelalterlich-christliche. Die neuere Zeit vermochte in ähnlich elementarischer Art keinen mehr zu schaffen. Sie bedurfte hierfür erst der in der Renaissancebewegung gesuchten erneuten Anregung durch die Antike. Aus dieser erwuchs dann zwar noch der Barockstil, der schließlich im Rokoko ausklang. Damit aber war die stilbildende Kraft endgültig erschöpft. Von jetzt an kam es nurmehr zu bloßen Imitationen, erst nochmals der Antike im Klassizismus, sodann des Mittelalters in der Neu-Gotik, zuletzt der Renaissance, die selbst schon bis zu gewissem Grade Nachahmung gewesen war, in der Neu-Renaissance. Die Kenntnis der geschichtlichen Vergangenheit war eine so eindringliche geworden, daß man, je nach Bedarf, in sämtlichen älteren Stilarten zu bauen, zu bilden, zu malen usw. in der Lage war. Nur einen eigenen, neuen Stil vermochte die Zeit nicht mehr hervorzubringen, - es sei denn denjenigen der Fabriken, Warenhäuser und Bahnhöfe. Dieser war jedoch ein in solchem Maße durch bloße Utilitätsgesichtspunkte bestimmter, daß man von eigentlicher Kunst dabei nicht mehr sprechen konnte. Zudem ließ das Erlöschen stilschöpferischer Kräfte die bildenden Künste immer mehr in die Abhängigkeit von den durch die moderne Technik verwendeten Materialien und Konstruktionsprinzipien versinken; und dies hatte, rückwirkend, wieder eine fortschreitende Entseelung alles kulturell-künstlerischen Schaffens zur Folge. Man baute nicht mehr Häuser, sondern konstruierte Wohnmaschinen; man verfertigte keine Möbel mehr, sondern fabrizierte Sitz-, Liege-, Schreib- usw. -apparaturen. Die Kultur ging mehr und mehr in durch die Technik beherrschte Zivilisation über.

   Hinblickend auf diese im Gleichschritte mit der Zunahme des geschichtlichen Wissens fortschreitende Abnahme kulturschöpferischer Kräfte stieß bereits in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Nietzsche den in seiner Schrift "Über den Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" zum Ausdruck kommenden Alarmruf aus. Die moderne Menschheit leidet, so lautete die darin von ihm gestellte Diagnose, an der "historischen Krankheit", d.h. an einem "Übermaß von Historie, durch welches die plastische Kraft ihres Lebens angegriffen ist". Denn was für den einzelnen Menschen sein Gedächtnis, das ist für die Menschheit ihr geschichtliches Wissen. Wie aber ein Mensch, der nichts vergessen könnte, auch nichts zu produzieren vermöchte, weil er keiner neuen Situation mit frischen, unbefangenen Sinnen, mit für Neues empfänglicher Seele gegenüberzutreten imstande wäre, so hat das Übermaß ihres historischen Wissens die kulturschöpferische Kraft der neueren Menschheit gelähmt. "Zu allem Handeln gehört Vergessen; wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen wäre, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholten Wiederkäuen fortleben (S18) sollte. Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu sein, wie das Tier zeigt. Es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder, um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären: es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinn, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrundegeht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur..." Als "Gegenmittel gegen diese Krankheit" forderte Nietzsche "das Unhistorische und das Überhistorische. Das Unhistorische: die Kraft, vergessen zu können, - das Überhistorische: Kunst und Religion".

   Welche Bedeutung diese von ihm erstmals empfohlenen Rezepte in unserem Jahrhundert erlangen sollten, davon wird sogleich zu reden sein. Zunächst freilich - nicht umsonst hatte Nietzsche diese Schrift seinen "Unzeitgemäßen Betrachtungen" eingereiht - verhallte der in ihr erhobene Ruf ohne Echo. Denn die "Historisierung" der modernen Weltschau war in vollem, unaufhaltsamem Gange und eilte ihrem Gipfelpunkte zu. Sie erreichte diesen um die Jahrhundertwende mit der Vollendung des Historismus. Dieser bedeutet die restlose, absolute Historisierung aller auf den Menschen und die menschliche Kultur bezüglichen Betrachtung. Ob es sich um Religion, Kunst, Philosophie, Moral, Recht, Wirtschaft oder was immer handelte, - es ausschließlich nach seinen geschichtlichen Bedingungen und Wirkungen, seinem geschichtlichen Werden und Vergehen zu erforschen, erschien im Sinne seiner Prinzipien als die einzige Art von Verständnis, die gegenüber den Phänomenen menschlicher Kultur sinnvollerweise angestrebt werden könne.

   Es wäre ungerecht, die großen Verdienste zu leugnen, die dem Historismus zu verdanken sind. Er hat in einem nie zuvor erreichten Grade den Blick erschlossen für das Einmalige, Situationsbedingte, Nichtwiederholbare, das die geschichtlichen Phänommene am allerwesentlichsten kennzeichnet und sie von den Naturerscheinungen grundlegend unterscheidet. Er hat damit auch entscheidend dazu beigetragen, den Einbruck der auf das Allgemeine, Gesetzmäßige, Gattungshafte zielenden naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise in die Geschichtsforschung, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert erfolgt war, abzuschlagen und die geschichtliche Erkenntnisweise sich in ihrer Eigenart und Selbständigkeit gegenüber der naturwissenschaftlichen behaupten zu lassen. Aber, wie alle Dinge in der Welt, so hatte auch er seine Kehrseite. Indem er nämlich den geschichtlichen Beziehungen und Zusammenhängen der Kulturerscheinungen absolute Bedeutung zuerkannte, mußte er ihnen das nehmen, was sie bisher besessen hatten: die Gültigkeit ihrer geistigen Werte. Mit anderen Worten: die Verabsolutierung der Geschichte bedeutete die Relativierung aller kulturellen Werte. Seien es nun Werte der Wahrheit, der Schönheit oder der sittlichen Güte (d.h. der Erkenntnis, der Kunst oder der Moral), - indem diese bloß nach ihren geschichtlichen Relationen ins Auge gefaßt (S19) wurden, verflüchtigte sich ihr Anspruch auf absolute, übergeschichtliche Gültigkeit. Ja, durch diese Verabsolutierung der Geschichte relativierte der Historismus auch seine eigene Wahrheit; denn er mußte ja auch sich selbst als bloß geschichtlich bedingt verstehen. Und so mußte sich denn unter seinem Einfluß der Mensch unseres Jahrhunderts in die Geschichte wie in einen Strom hineingeworfen empfinden, der von einer unbekannten Quelle zu einer unbekannten Mündung fließt, der in seinem Fließen ständig neue Wirbel erzeugt und wieder auflöst, in dem man nur immer mitzuschwimmen verurteilt ist, ohne jemals auf einem Boden Fuß fassen und einen festen Stand gewinnen zu können. Die so aufgefaßte Geschichte sagt ihm nurmehr, was er in einer bestimmten Lage - je nach ihren Gegebenheiten - tun kann oder nicht tun kann, aber nicht, was er tun soll. Sie gibt ihm keine Antriebe und Richtlinien für sein Verhalten, sie offenbart ihm aus sich selbst heraus keinen Sinn und kein Ziel ihrer Bewegung. Das geschichtliche Wissen ist - nach Max Weber - "wertfrei", d.h. aber in höherem Sinne für das Leben und Handeln wertlos geworden. Pointiert ausgedrückt: unser Jahrhundert hat uns nicht nur die Begründung der physikalischen Relativitätstheorie, sondern - als Ergebnis des Historismus - zugleich auch einen geschichtlichen Relativismus gebracht.

   Die Entwicklung des geschichtlichen Bewußtseins hatte sich überspitzt und mußte dadurch mit Notwendigkeit in eine gegenläufige Bewegung umschlagen. Diese Bewegung ist es, die unserer Gegenwart die Signatur gibt. Da die Übersteigerung der Bedeutung der Geschichte uns aller absoluten Wertmaßstäbe und Verhaltensorientierungen beraubt hat, mußte sie die Meinung entstehen lassen, daß wir, wenn wir zu solchen wieder gelangen wolen - denn ohne solche können wir als Menschen nicht leben und handeln -, von dieser Überschätzung der Geschichte zurückkommen müssen (M.Eliade). Da diese aber mit unserem heutigen geschichtlichen Wissen untrennbar verknüpft, ja mit ihm geradezu identisch ist, so schien keine andere Möglichkeit übrig zu bleiben, als die notwendigen absoluten Gültigkeiten aus dem Glauben herauszuschöpfen (K.Löwith). Da wir unser geschichtliches Wissen jedoch nicht geradezu "aufheben" können, so bedeutet dies, daß wir ihm, die Sphäre seiner Gültigkeit begrenzend, eine Sphäre des Glaubens ergänzend entgegenstellen müssen, die ein Überhistorisches repräsentiert. So hat die Forderung Nietzsches nach Religion als dem Überhistorischen heute breiteste Aktualität erlangt. Das Streben nach ihrer Erfüllung tritt in unserem Jahrhundert in den mannigfaltigsten Varianten in Erscheinung.

   Wo gefühlt wird, daß die wissenschaftliche Entwicklung der letzten Jahrhunderte und die mit ihr verbundene geistige Verselbständigung der menschlichen Individualität heute eine Wiederbelebung dogmatischer Glaubenslehren unmöglich macht, wird eine je individuell geartete und im je eigenen Tatenleben zu bewährende bewußte innere Wiederverbindung (S20) des Menschen mit den das menschlich-geschichtliche Dasein durchwirkenden "immanent transzendenten Mächten" gefordert (A.Weber).

   Wo dagegen der Glaube an die geistigen Ansprüche und Fähigkeiten der menschlichen Inidividualität durch den Gang der neuzeitlichen Geistesentwicklung und die Ausartungen des modernen Individualismus erschüttert wurde - wie dies heute in weiten Kreisen der Fall ist -, wendet man sich zu den christlichen Glaubensüberlieferungen, namentlich in ihrer katholischen Ausgestaltung, zurück. Denn diese stellt ein "Weltanschauungsgehäuse" dar, welches als ein umfassender, überpersönlicher, in Gemeinschaft erlebbarer Kosmos von Werten und Gültigkeiten das Gefühl der geistigen Standfestigkeit und zugleich des Geborgenseins zu verleihen vermag. Man spricht in solchen Kreisen vom "Ende der Neuzeit", das in unserem Jahrhundert gekommen sei, und vom Anbrechen eines "neuen Mittelalters" (R.Guardini). Die katholische Weltanschauung versteht sich selbst ja als ein überzeitlich Gültiges und erkennt dem Wandel der geschichtlichen Erscheinungen und Epochen nur eine begrenzt-relative Bedeutung zu. Die Geschichte erscheint in ihrem Lichte in ein umfassenderes, übergeschichtliches Heilsgeschehen eingeordnet, innerhalb dessen ihr nur ein bestimmt umgrenzter Sinn zukommt.

   Noch um einen Schritt weiter wird dort gegangen, wo man auch den Glauben an die begrenzte Bedeutung preisgibt, welche der Geschichte in christlicher Sicht zuerkannt wird, und ein Absolutes nur in der Beziehung des Einzelnen zu göttlichen Mächten in Natur und Kosmos, unabhängig von allem Geschichtlichen, meint finden zu können. In der Preisgabe dieses Glaubens zieht man die radikalste Konsequenz aus der Relativierung aller auf die Geschichte bezüglichen geistigen Weltordnungen, welche der Historismus bewirkt hat. Die Folge davon ist in den meisten Fällen die Hinwendung zu den völlig ungeschichtlichen Weltdeutungen und Daseinsinterpretationen des Orients, deren geistige Erbschaften daher heute in breitem Strome die abendländische Zivilisation überfluten. Den Konversionen zum Katholizismus treten so in stets wachsender Zahl die Bekehrungen zu den Lehren des Buddhismus, Hinduismus, Taoismus zur Seite. Auch das Auftreten der indisch orientierten theosophischen Bewegung in unserer Zeit gehört in diesen Zusammenhang.

   Was in all den zuletzt genannten Strömungen auf relativ höherer geistiger Ebene in der Gegenwart als ein Verlust oder eine Preisgabe des im Abendland entstandenen und entwickelten historischen Sinnes sich vollzieht, dem entspricht auf tieferem geistigen Niveau jenes rapide Hinschwinden geschichtlichen Interesses und Wissens, das wir in den großen Massen unter dem Einfluß ihrer geistigen Betäubung durch die Errungenschaften der Technik und ihrer geistigen "Ernährung" durch Kino, Radio und Television heute wahrnehmen (1958 geschrieben!). Mit ihm geht Hand in Hand das Abreißen fast aller Kulturtraditionen und Bildungsüberlieferungen, das unsere Zeit kennzeichnet. Es ist, als (S21) ob die Massen bis zu einem fas tierisch zu nennenden Hinvegetieren in jenen Geistesschlaf des Vergessens gegenüber allem Geschichtlichen versinken wollten, den Nietzsche als das andere Gegenmittel gegen die "historische Krankheit" bezeichnet und empfohlen hatte, - oder mindestens auf eine vorgeschichtlich-ungeschichtliche Bewußtseinsstufe zurückzufallen im Begriffe wären.

   "Es scheint heute möglich, daß die gesamte Überlieferung... verloren geht, daß die Geschichte von Homer bis Goethe in Vergessenheit gerät. Das mutet an wie die Drohung des Untergangs des Menschseins, jedenfalls ist unabsehbar und unvorstellbar, was unter solchen Bedingungen aus dem Menschen wird" (K.Jaspers: Vom Ursprung und Ziel der Geschichte, S169).

Anmerkung:

   In einem Bericht über die Jugendkrawalle der "Halbstarken", die seit einiger Zeit in den Großstädten der USA, aber auch verschiedener europäischer Länder, namentlich Westdeutschlands, die Öffentlichkeit zunehmend beunruhigen, stand in der Züricher "Weltwoche" (12.10.1956) zu lesen: "Hier handelt es sich weder um eine Revolte der Jugend für neue Ideen, wie man sie auch in der Vergangenheit kannte, wenn die Generationen zusammenstießen, noch geht es um den Kampf für irgendwelche praktischen Ziele, für die es sich lohnen könnte, gegen die Alten zu rebellieren. Alles ist vielmehr erschreckend unvernünftig... Man hat es mit überraschenden Auswüchsen eines seelenlosen technischen Zeitalters zu tun, in dem die Motorisierung triumphiert... Wo die Leidenschaft für Auto und Motorrad die junge Generation am stärksten gepackt hat, gibt diese Jugend außer Rand und Band ihre hemmungslosen Vorstellungen... In den jugendlichen Banden, die sich spielend gebildet haben, scharen sich die Mitglieder um den 'Boss'. Er ist der Stärkste, dessen Befehlen sie bedenkenlos folgen, zum Bösen wie zum Guten, wenn man ihnen solche Ziele setzen würde. Er ist auch tonangebend für ihren Geschmack. Wie er, lesen alle das gleiche weit verbreitete Groschenblatt. Er füttert sie täglich mit einem bestimmten Quantum an Morden, Skandalen, Nacktphotos und Unwichtigkeiten, die wichtig genommen werden. Dank dieser Lektüre entsteht in Westdeutschland jetzt eine neue Form des Analphabetentums. Denn es gibt bereits Millionen Menschen, die nur von dieser 'geistigen' Kost leben: Ein paar Bilder, ein paar Schlagzeilen, ein paar billige Ressentiments. Alles wird so mühelos serviert, daß eigenes Denken und anstrengendes Lesen überflüssig sind. Eine Bildersprache von der Primitivität der Trommelsignale afrikanischer Buschneger sorgt für die Übertragung gewisser Emotionen."


II.


   Mit den letzten Hinweisen ist nun freilich bereits auf einen anderen Aspekt hingedeutet, den die in der Gegenwart eingetretene Krisis im Verhältnis des Menschen zur Geschichte darbietet. Dieser schließt sich uns vollends auf, wenn wir nicht sowohl auf die Entwicklung des geschichtlichen Bewußtseins als vielmehr auf diejenige des geschichtlichen Lebens in unserem Jahrhundert hinblicken. (S22)

   Ein solcher Blick muß nämlich zur Feststellung der Tatsache führen, daß seit etwa 1900 im geschichtlichen Leben selbst ein Umbruch stattgefunden hat, dessen Bedeutung noch weit über diejenige jener Umschwünge hinausgeht, die etwa um 1500 (Beginn der Neuzeit) oder 800 v.Chr. (Aufgang der klassischen Antike) sich vollzogen haben, - ein Umbruch, der zu den tiefstgreifenden gehört, die im irdischen Menschheitsdasein überhaupt jemals stattgefunden haben. Er hat nicht bloß das "Ende der Neuzeit", sondern das Ende einer viel umfassenderen Epoche mit sich gebracht. Es ist nicht nur die zeitliche Nähe dieses Umbruches, die uns dies so empfinden läßt, - es sind vielmehr objektive Tatsachen, welche zu einer solchen Bewertung desselben zwingen. Diese Tatsachen finden sich auf allen Gebieten des menschlichen Lebens. Als die hervorstechendsten dürfen auch in diesem Falle beispielsweise wieder diejenigen erwähnt werden, die das künstlerische Schaffen unseres Jahrhunderts darbietet. Wenn weiter oben besonders bezüglich der bildenden Künste daran erinnert wurde, daß sie im 19. Jahrhundert keine stilschöpferische Kraft mehr offenbarten, sondern ausschließlich in der Imitation älterer Stilarten sich bewegten, so hat ein solches Imitieren seit der Jahrhundertwende völlig aufgehört, und es ist an seine Stelle etwas gänzlich Neues getreten. Vergleicht man aber das, was in Architektur, Plastik, Malerei, Musik, ja selbst in der Dichtkunst seither zutage getreten ist, mit dem, was nicht nur das letztvergangene, sondern auch frühere Jahrhunderte auf künstlerischem Gebiete geschaffen haben, so sieht man sich zu der Feststellung genötigt, daß ein Umbruch von solcher Radikalität sich vollzogen hat, wie er in der ganzen uns bekannten geschichtlichen Entwicklung der Kunst niemals vorgekommen ist. Hierin liegt es ja auch begründet, daß die Kunst unseres Jahrhunderts so heftig umstritten ist, daß die überwiegende Mehrheit unserer Zeitgenossen noch keine Beziehung zu ihr gewinnen kann, und daß es nicht leicht ist, zu beurteilen, inwiefern man es bei ihren Erzeugnissen überhaupt noch mit künstlerischen Schöpfungen und etwa gar noch mit zeitüberdauernden Werken, oder aber mit bloßen Experimenten, Konstruktionen, modischen Absurditäten, seelischen Perversitäten und völliger Destruktion alles Künstlerischen zu tun hat. Sehen wir von den extremsten Erscheinungen ab und fassen nur einen Grundzug dieser Kunst ins Auge: ihr Hinstreben zum Abstrakt-Ungegenständlichen. Wie sehr auch die Stilformen bisher von Epoche zu Epoche sich wandeln mochten, so haben doch wenigstens in allen geschichtlichen Kulturen: in Ägypten, in Griechenland, im Mittelalter, in der Neuzeit Malerei, Zeichnung und Plastik immer in irgendeiner Art Gegenständliches dargestellt. Eine abstrakt-ungegenständliche Kunst von der Art der heutigen ist in geschichtlicher Zeit zum erstenmal in unserem Jahrhundert aufgetreten.

   Alfred Weber - den neuen künstlerischen Bestrebungen durchaus positiv gegenüberstehend - charakterisiert ihr Verhältnis zur Vergangenheit in seiner Schrift (S23) "Der dritte oder der vierte Mensch (1953) in folgender Weise: "Ich sehe in der unzweifelhaft verworrenen und umwälzenden Kunstphänomenologie der Gegenwart ein Symptom, ein sehr eindringliches, weil in künstlerischer Konzentration optisch sichtbares Symptom einer allgemein historisch-soziologischen Situation. Und es scheint mir vor allem in den letzten Jahren schon ins allgemeine Bewußtsein übergegangen und allgemein anerkannt zu sein, daß diese Situation die eines Umbruchs, einer Krisen- und Übergangszeit von einer Tiefe darstellt, derart, daß sie ein Ende einer jahrtausendelangen Art, genauer der von 3500 v.Chr. dauernden Art der geschichtlichen Bewegung und der menschlichen Lage in ihr widerspiegelt. Wir haben Abchied zu nehmen von der bisherigen Geschichte, und wir haben allem, was uns umgibt, zu begegnen mit der Frage: Was bedeutet es als Symptom dieses Abschieds?... Wir haben seit 19914 mit explosiver Gewalt die äußerlichen und innerlichen Umwälzungen und geschichtlichen Abschlußerscheinungen tellurischer Art erlebt, in deren Abrollen wir mittendrin stehen. Im kalten Krieg, der die gesamte Erde umfaßt und der uns umgibt, handelt es sich nicht nur um die äußere, sondern ganz ebenso um die geistige Existenz und die künftige Art des Menschen. Das fühlt heute jeder. Einige prophetische Geister haben diese umwandelnde Katastrophe schon längere Zeit vorausgesagt, während ihr Publikum über diese Voraussagen im Ganzen hinweggegangen ist. Aber wie Seismographen haben die bildenden Künstler bereits seit 1890 das Kommende und seine Wendebedeutung antizipiert. Mit und nach Cézanne verlassen die Maler das alte perspektivisch geordnete Daseinsbild. Sie verwerfen damit das durch die Jahrhunderte, ja, allgemein gesehen, durch die Jahrtausende sorgfältig entwickelte Ausdrucksmittel der räumlich geordneten menschlichen Daseinssicht und suchen bewußt nach neuen Ausdrucksmitteln. Was nichts anderes heißt, als daß sie eine andere, neue Weltsicht haben und sie zu vermitteln suchen. Wenn sie dabei vielfach anscheinend an die Primitiven anknüpfen, so heißt das eben, daß sie sich nicht mehr als Fortsetzer der bisherigen Geschichte fühlen. Dem geht parallel die ganz bewußte Revolutionierung der Architektur, die nach den tastenden Versuchen des sogenannten Jugendstils etwa 1910 einsetzt. Sie heißt Abschüttelung der gesamten jahrtausendealten Formensprache, die ihre Wurzeln für die westliche Hemisphäre bekanntlich im alten Ägypten hat und ergänzt, erweitert und umgeformt in den Grundelementen seitdem bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts beibehalten worden ist. Man schüttelte diese Formensprache als leer und verlogen gewordenen Formelkram ab. Ich hebe hervor: Es war das eine seelische Reinigungs-, Befreiungs- und Vertiefungstat... Es war vor allem ein seelischer Akt. Und es war und wirkte wie ein Signal, daß etwas lange Dauerndes, Altes zu Ende sei und etwas ganz weitgehend Neues unternommen werden müsse als Ausdruck einer neuen inneren und äußeren Situation" (S206f).

(S24)    Weber erblickt also eine relativ einheitliche Entwicklungsphase des menschlichen Daseins überhaupt in derjenigen, die vor ca. 5000 Jahren mit dem Aufblühen der ersten geschichtlichen Hochkulturen (am Nil und Euphrat) begonnen hat und um 1900 zum Abschlusse gekommen ist: es ist jene, die wir im bisherigen Sinne des Wortes als die geschichtliche schlechthin zu bezeichnen gewohnt sind. Er hatte daher bereits seinem vorangehenden Buche, das sich mit den Aufgaben und Forderungen auseinandersetzte, die aus dem Zuendegehen dieser Phase uns heute erwachsen, den Titel gegeben "Abschied von der bisherigen Geschichte" (1946). Wenn er sein Werk mit dem Titel "Der dritte oder der vierte Mensch" versah, so deshalb, weil er die Gegenwart im Zeichen der Heraufkunft eines "vierten" Menschentypus stehen sieht, dem als der "dritte" der geschichtliche schlechthin, als der "zweite" der vorgeschichtliche und als der "erste" der "Urmensch" vorangegangen ist, von dem heute nurmehr Knochenreste und primitivste Werkzeuge eine spärliche Kunde geben.

   Wie haben wir nun aber den heute heraufkommenden "vierten" Menschen zu kennzeichnen? Können wir ihm in der Tat die charakteristischen Merkmale des geschichtlichen nicht mehr zuerkennen?

   An dieser Stelle sei nicht auf das von Weber entworfene Bild desselben eingegangen, sondern zunächst auf eine auch von ihm gestreifte Tatsache hingewiesen. In einer analogen Weise, wie der im 15. Jahrhundert erfolgte geschichtliche Umschwung die abendländische Menschheit dazu nötigte, eine neue Gliederung der geschichtlichen Epochen und damit eine neue Auffassung vom Wesen der Geschichte zur Geltung zu bringen, so hat der noch viel tiefer greifende Umbruch unseres Jahrhunderts dazu gezwungen, eine neue Gliederung des die bloß geschichtliche Phase weit übergreifenden irdisch-menschlichen Gesamtdaseins überhaupt und damit ein neues Bild vom Wesen und Sinn der menschlichen Existenz schlechthin zu erarbeiten. Um die Ausgestaltung dieses Bildes kreisen heute die Bemühungen sowohl der Philosophie wie der Psychologie wie auch der Anthropologie. Zu dieser Notwendigkeit hat allerdings noch eine andere Tatsache beigetragen, über deren tiefinnerlichen Zusammenhang mit dem Zeitenumbruch unseres Jahrhunderts kein Zweifel bestehen kann: die Tatsache nämlich, daß der Ausdehnung unseres Vergangenheitshorizontes bis in die Anfänge des geschichtlichen Menschheitsdaseins zurück, welche die Entzifferung der orientalischen Schriftsysteme im letzten Jahrhundert bewirkt hat, in dem unserigen eine solche von mehr als zehnfachem Ausmaße gefolgt ist durch eine in dieser Zeit zutage getretene unübersehbare Fülle von Funden prähistorischer Skelettreste, Werkzeuge, Kunstschöpfungen, Wohn-, Kult- und Begräbnisstätten bis in die Anfänge menschlichen Kulturschaffens überhaupt. Diese Entdeckungs- und Ausgrabungsarbeit hat in unserem Jahrhundert nicht nur die Archäoliogie an die erste Stelle unter (S25) den Hilfswissenschaften der Geschichtsforschung gerückt, sondern auch den Schwerpunkt des historischen Interesses von den eigentlich geschichtlichen in die früh- und vorgeschichtlichen Epochen sich verlagern lassen, und sie hat im Laufe eines halben Jahrhunderts von einer vordem noch fast unbekannten Welt urzeitlichen und vorgeschichtlichen Menschheitsdaseins ein reiches, vielfältig gegliedertes Bild entstehen lassen, dessen einzelne Partien von Jahr zu Jahr detailliertere Ausführung erfahren. (Siehe etwa die Bücher von Herbert Kühn über "Das Erwachen der Menschheit" und den "Aufgang der Menschheit"). Hierbei ist nun das Merkwürdige zutage getreten, daß zumal die im Zeichen mythischer Sinnbilder und abstrakt-zeichenhafter Symbole stehende Kunst der (neolithischen) Übergangszeiten von der Vorgeschichte zur Geschichte eine erstaunliche Verwandtschaft aufweist mit der expressionistischen, aber auch der abstrakt-ungegenständlichen Kunst unseres Jahrhunderts, - wie denn auch bereits seit Gauguin die Künstler unserer Zeitenwende vielfach bewußt Anknüpfung und Anregung bei der Kunst der auf jenen Entwicklungsstufen Stehengebliebenen gesucht haben und suchen. Sollte dies ein Zeichen dafür sein, daß die vorgeschichtlichen Weisen des Erlebens und Gestaltens während der geschichtlichen Phase von deren Prinzipien bloß überdeckt waren, aber in den seelischen Tiefenschichten auch der geschichtlich sich entwickelnden Menschheit sich forterhalten haben und nun, nachdem die geschichtliche Phase heute zu Ende gegangen ist, aus diesen Tiefen wieder heraufsteigen? Und sollte hierin ein Symptom dafür zu erkennen sein, daß der "vierte", "nachgeschichtliche" Mensch in jene Bewußtseinsformen zurückzusinken verurteilt ist, die dem "zweiten", "vorgeschichtlichen" Menschen eigen waren? Wozu wäre dann aber die geschichtliche Phase überhaupt durchlaufen worden? Wären ihre Errungenschaften für die Zukunft tatsächlich als verloren zu betrachten?

   Indem diese Frage aufgeworfen wird, drängt sich eine weitere Erscheinung unseres Jahrhunderts dem Blicke auf, in der heute Viele eine Antwort auf sie zu finden glauben: es ist die ebenfalls genau mit seinem Beginne entstandene Tiefenpsychologie. Die zentrale Entdeckung, von der die Entwicklung derselben ihren Ausgang genommen hat, ist bekanntlich diejenige des Unbewußten im menschlichen Seelenleben. Die von C.G.Jung in seiner "komplexen Psychologie" begründete Richtung, in der die tiefenpsychologische Forschung heute den weitreichenden Einfluß auf das allgemeine Geistesleben erlangt hat, unterscheidet innerhalb des Unbewußten, wie ebenfalls allgemein bekannt, zwei Schichten: eine oberflächlichere, die unmittelbar an den Bewußtseinsbereich angrenzt und noch dasselbe Grundmerkmal aufweist, welches den letzteren kennzeichnet: die individuell differenzierte Gestaltung, - und eine tiefere, das sogenannte "kollektive Unbewußte", in welchem die Individuation aufgehoben ist und ein einheitlich-allmenschliches, gemeinsam-gleichartiges (S26) Seelenwesen sich darlebt. Diese allmenschliche Einheitlichkeit bezieht sich nicht auf die zu einer gegebenen Zeit im Raume nebeneinander lebenden Menschen, sondern auch auf die in der Reihe der Zeitepochen aufeinander folgenden Generationen. Das spezifisch Menschliche aber dieses allmenschlich-einheitlichen Seelenwesens liegt in bestimmten Arten und Formen der Welt- und Selbsterfassung sowie der Daseinsgestaltung, die innerhalb der bewußten und d.h. individualisierten Sphäre des seelischen Erlebens - sowohl auf religiösem wie auf künstlerischem, ja selbst auch auf wissenschaftlichem Felde - in entsprechenden symbolisch zu verstehenden Bildgestaltungen sich manifestieren, welche Jung wegen ihrer ur- oder allmenschlichen Bedeutung als archetypische bezeichnet. Zwar werden diese im bewußten Erleben je nach Zeit, Ort und Individualität gewissermaßen mit anderem "Stoffe" bzw. "Inhalt" ausgefüllt; die Strukturprinzipien, die ihnen zugrunde liegen, bleiben aber stets dieselben. Sie bilden - nach einem von Jung gebrauchten Vergleich - gewissermaßen die, als solche im Unbewußten verbleibenden, "Themen", die in den im Bewußtsein erscheinenden symbolischen Bildgestaltungen nur unendlichfache "Variationen" erfahren. Im Lichte dieser Jungschen Thesen fände also die Tatsache, daß in der expressionistischen und ungegenständlichen Kunst der Gegenwart formale Gestaltungsmotive auftauchen, die sich auch im frühgeschichtlich-archaischen Kunstschaffen finden, eine einleuchtende Erklärung. Allerdings kommt ein Umstand hinzu, durch den die tiefenpsychologische Beurteilung und Bewertung dieses Prozesses erst ihre entscheidende Note erhält. Gerade die "komplexe Psychologie" muß einen wesentlichsten Grundzug der menschlichen Psyche in ihrem Streben nach Individuation erblicken. Ihr zufolge verwirklicht sich dieses Streben - sowohl im Leben des einzelnen Menschen wie auch in demjenigen der Gesamtmenschheit - in der Weise, daß aus einem ursprünglichen noch undifferenzierten, dumpf-bewußten, allmenschlich-kollektiven Seelenganzen sich zunächst eine Gliederung in eine bewußte und eine unbewußte Sphäre (gleichsam eine Tag- und eine Nachtseite desselben) herausbildet, von denen die erstere den Pol der Individuation, die letztere denjenigen der Kollektivität darstellt. Der Individuationsprozeß nun vollzieht sich in jener dadurch, daß sie ein Ich-Zentrum entwickelt, auf welches alle bewußten Erlebnisse und Betätigungen bezogen werden, und daß ihre Weise der Welterfahrung und Betätigungsorientierung ein intellektuell-begriffliches Gepräge annimmt, - während dagegen die Erlebnisse, die in dem allgemein-menschlich-kollektiv verbleibenden Unbewußten sich abspielen, soweit sie in den Bewußtseinsbereich heraufdringen, in die Form von mythisch-symbolischen Bildgestaltungen sich kleiden, wie sie vor allem in den religiösen Weltvorstellungen erscheinen, als welche sie dann freilich für Abbildungen außerseelischer bzw. übermenschlich-transzendenter Tatbestände gehalten werden. Solange nun der Mensch bzw. die Menschheit - trotz der Ausbildung (S27) begrifflicher d.h. philosophischer oder naturwissenschaftlicher Weltvorstellungen - im religiösen Empfinden und Glauben an den archetypisch-symbolischen Bildgestaltungen noch festhält, bleibt trotz der eingetretenen Differenzierung ihrer beiden Sphären die Ganzheit und Einheit der Seele gewährleistet. Der Drang zur Individuation erzeugt jedoch in dem bewußten Teil der Seele die Tendenz, dieses ich-zentrierte, bewußte, in intellektuellen Formen erkenntnismäßig sich bewegende Seelenleben für das Ganze der Seele zu halten, das heißt sich von dem unbewußt-kollektiven Teil des Seelischen in der Weise zu emanzipieren, daß sein Vorhandensein schlechthin geleugnet wird. Diese Tendenz kommt im Gange der Menschheitsentwicklung darin zum Ausdruck, daß die aus älteren Zeiten überkommenen religiös-mythischen Weltvorstellungen schließlich als Aberglauben erscheinen und die Existenz einer geistig-göttlichen Welt, auf welche sie projektiv bezogen wurden, verneint wird. Wir beschreiben damit den Vorgang, der sich in der abendländischen Entwicklung seit dem 16. Jahrhundert mit zunehmender Beschleunigung und Radikalität vollzogen hat. Seit Descartes wurde die Seele zur "res cogitans", d.h. zur denkenden oder Bewußtseinssubstanz, der die Welt nurmehr als die "res extensa", d.h. als die im Raume ausgedehnte Substanz gegenüberstand. Die moderne Naturwissenschaft mündete denn auch im 19. Jahrhundert folgerichtig in einen atheistischen Materialismus aus. Damit war im Zuge dieser Entwicklung ein Punkt erreicht, wo, wenn das Ganze der Seele nicht völlig in zwei Teile auseinanderbrechen sollte, das verkannte und verleugnete kollektive Unbewußte, gegen diese Verleugnung revoltierend, dem Bewußtsein sich mit Gewalt aufdrängen mußte. Dies konnte zunächst allerdings nur in Gestalt eines katastrophenartigen Einbruchs in den Bereich des letzteren geschehen, d.h. es mußte zu einer Überwältigung der Bewußtseinswelt durch diejenige des Unbewußten kommen, - einer Überwältigung, welche die intellektuellen Begriffssysteme und moralischen Wertordnungen, die in dieser Sphäre ausgebildet worden waren, außer Kurs setzte, das Individualleben, das da entstanden war, auslöschte und anstelle desselben einen neuen, einer Besessenheit gleichkommenden Glauben an "Mythen" und "Zeichen" sowie einen Kollektivismus des Fühlens und Wollens zur Herrschaft brachte. Wir haben es im Menschheitlichen hierbei mit demselben Komplex von Phänomenen zu tun, der im Einzelleben bei den neurotisch-psychotischen Erkrankungen mit ihren irrationalen Zwangsvorstellungen und manischen Zwangshandlungen vorliegt. Und es ist kein Zufall, daß diese psychischen Erkrankungen gerade in unserer Zeit in beinahe epidemisch zu nennender Häufigkeit auftreten und daß die Begründung der Tiefenpsychologie ja auch gerade aus der ärztlichen Behandlung dieser Erkrankungen hervorgegangen ist. Denn was zuletzt geschildert wurde, ist ja wiederum nur eine Beschreibung, - eine Beschreibung nämlich derjenigen Erscheinungen, die mit dem geschichtlichen Umbruch (S28) unseres Jahrhunderts in der Tat untrennbar verbunden sind: der kollektivistischen Massenbewegungen mit ihren Besessenheiten von "Mythen des 20. Jahrhunderts", ihrem Kult von Fahnen und Symbolen, ihrer Verneinung aller rationalen und ethischen Ordnungen, die der "Fortschritt" insbesondere der Neuzeit gebracht hatte, mit der sie kennzeichnenden Auslöschung der Freiheit und Selbstbestimmung der Individualität. So erhält die tiefenpsychologische Erklärung des "Endes der Neuzeit" sowie des Wiederauftauchens mythisch-archaischer Symbole, wie es im politischen Leben und künstlerischen Schaffen der Gegenwart erfolgt ist, allerdings noch eine besondere Nuancierung, - nämlich die der Feststellung eines durch eine menschheitliche Seelenerkrankung bewirkten Kulturzusammenbruchs; und die sozialen und kriegerischen Katastrophen unseres Jahrhunderts, die ja mit dem Auftreten der erwähnten Massenbewegungen unmittelbar zusammenhängen, scheinen diese Diagnose nur allzusehr zu bestätigen.

   Freilich: wie bei bestimmten körperlichen Erkrankungen die Fieberzustände ein Sichwehren des physischen Organismus gegen die Krankheitserreger bedeuten, so kommt nach den Ergebnissen der Tiefenpsychologie in gewissen Phänomenen psychischer Erkrankung die Tendenz des seelischen Organismus zum Ausdruck, den eigentlichen Ursachen seiner Erkrankung die entsprechenden Gesundungsimpulse entgegenzusetzen. In der Erkrankung, welche zur entscheidenden Krisis der menschlichen Seelenentwicklung wird, muß sie solche Gesundungsimpulse in dem Streben nach Wiederganzmachung des Seelischen erblicken, das den betreffenden Phänomenen zugrunde liegt. Dieses Streben zielt aber im Grunde auf nichts anderes als auf eine solche Fortsetzung der seelischen Entwicklung, wie sie durch das Wesen der menschlichen Seele selbst gefordert wird. Es ist dies im selben Sinne der Fall, wie auch die zur Krisis führende Erkrankung als mögliche Gefahr im Wesen der menschlichen Seelenentwicklung selbst begründet liegt. Denn diese Entwicklung führt in einer ersten Hauptphase zu der einem äußersten Punkt zutreibenden Entzweiung des Seelenganzen in eine individualisierte Bewußtseinssphäre und in eine Sphäre des kollektiven Unbewußten. Was in dieser Entzweiung als treibende Kraft wirkt, ist der eine Grundtrieb der Seele: derjenige der Individuation, der seine Erfüllung nur in der Ausbildung des im vollen Bewußtsein sich erfassenden Ichs findet. Die sinngemäße Fortsetzung dieser Entwicklung in einer zweiten Hauptphase kann daher nur in der Überwindung dieser Entzweiung durch ein Wiederganzwerden der Seele liegen. Auf die Differenzierung der Seelenbereiche muß ihre Re-Integrierung folgen. Insofern die Seele dieses Ganze ist bzw. diese ihre Ganzheit zu verwirklichen strebt, wird sie von Jung als das Selbst bezeichnet. Der Gesamtweg der Seelenentwicklung verläuft somit von dem noch undifferenzierten kollektiven Seelenleben über die Ichwerdung zu der dieser übergeordneten Selbstwerdung. Der Schritt vom (S29) Ich zum Selbst schließt die Wiedereinbeziehungssetzung des Bewußten mit dem Unbewußten in sich. In der Überwältigung des ersteren durch das letztere erfolgt dieser Prozeß in tumultuarischer Art, in Gestalt einer Erkrankung. Ihn in einer vom Bewußtsein gelenkten und beherrschten Weise zu vollziehen, darin kann allein der Weg zur Überwindung der Krise bestehen. Damit ist schon ausgesprochen, daß dieser Weg nur vom Bewußtseinspol der Seele seinen Ausgang nehmen und nur die stufenweise Integration des Unbewußten in das Bewußtsein zum Ziele haben kann.

   So scheint die Tiefenpsychologie einen gewissen Ausblick zu eröffnen auf die Möglichkeiten, Forderungen und Zielsetzungen, die der Menschheit in ihrer gegenwärtigen Entwicklungskrise erwachsen. Und in der Tat kann nicht geleugnet werden, daß wesentliche Momente derselben von ihr aufgewiesen worden sind. Dennoch aber reichen ihre Funde nicht aus, die Erkenntnisfragen zu beantworten und die Lebensprobleme zu lösen, die sich angesichts der Zeitenwende unseres Jahrhunderts stellen.

   Zwei Punkte nur seien hier angeführt, die ihre Unzulänglichkeit diesen Forderungen gegenüber bezeichnen:

   Der erste liegt darin, daß für die Beantwortung dieser Fragen eine nur psychologische Forschung und Betrachtungsweise, über welche die Tiefenpsychologie als Psychologie naturgemäß nicht hinausgehen kann, nicht genügt. Wenn die Tiefenpsychologie das Unzulängliche älterer religiös-mythologischer Vorstellungsweisen darin erblickt, daß deren Inhalte projektiv auf eine außerseelisch-transzendente Welt bezogen, d.h. als Abbildungen von Tatbeständen einer solchen aufgefaßt und nicht nach ihrer rein menschlich-seelischen Bedeutung erkannt wurden, so liegt ihre eigene Begrenzung umgekehrt darin, daß sie nur deren menschlich-psychologische Bedeutung darstellt und nichts über ihren Wert für die Beziehung des Menschen zu einer transzendent-metaphysischen Welt auszusagen vermag. Was den Menschen aber überhaupt erst zum Menschen macht, ist gerade die besondere Beziehung, in welcher er zur Welt des Transzendenten steht, mag diese in welchen Formen des Erlebens auch immer sich manifestieren. Nur aus einer solchen Sinndeutung seines Daseins kann er daher Erkenntnisbefriedigung und Lebensorientierung schöpfen, welche über seine Existenz innerhalb des Gesamtweltzusammenhanges und namentlich in ihrem Verhältnis zur Welt des "Metaphysischen" in irgendeiner Art Licht verbreitet. Das letztere aber vermag die Tiefenpsychologie nicht zu leisten. Freilich teilt sie dieses Unvermögen mit dem Agnostizismus, der als die Erbschaft gerade der letzten Jahrhunderte noch die gesamte gegenwärtige Wissenschaft durchdringt. Was ihr dabei ihre spezifische Note gibt, das ist, daß, gerade weil sie sich hinsichtlich der Aufdeckung der psychologischen Bedeutung der "archetypischen" Bildgestaltungen große Verdienste erworben hat, diese Verdiente ihre Vertreter fast unvermeidlich dazu verführen, diese (S30) Teilbedeutung der archetypischen Bilder für deren ganze zu halten und so in ein uferloses Psychologisieren zu geraten, das den Menschen immer mehr in seine seelische Innenwelt sich einspinnen und seine Wesensbeziehungen zur objektiven Welt von Natur und Geist erkenntnis- und lebensmäßig vernachlässigen läßt.

   Der andere Punkt liegt darin, daß das Verhältnis von Individualität und Kollektivität innerhalb des Ganzen der menschlichen Seele im Seelenbilde der Tiefenpsychologie keine ausreichende Klärung erfährt. Auf der einen Seite erscheint das Unbewußte, namentlich in seiner tieferen Schicht, als die Sphäre der Kollektivität, - auf der anderen Seite, insoweit die im seelischen Entwicklungsprozeß auftretende Differenzierung in dessen weiterem Verlauf durch die Re-Integrierung überwunden wird, als das Selbst, das auch als eine Art höheren Ichs angesprochen werden kann, verliert sich in den tiefenpsychologischen Darstellungen zuletzt im Unbestimmten, mindestens im Unaussprechbaren (Siehe C.G.Jung: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten, Zürich 1933). Es ist dies dadurch bedingt, daß dieser Prozeß in ihnen eben nur von seinem psychologischen Aspekte aus charakterisiert wird. Wenn auch der von C.G.Jung gewiesene Weg der Individuation gerade die volle Herausbildung und Behauptung der wahren menschlichen Individualität gegenüber den Mächten der äußeren (gesellschaftlichen) und der inneren (psychischen) Kollektivität zum Ziele zu haben scheint, so nehmen doch auf diesem Wege die Kräfte des kollektiven Unbewußten Gestalt und Ansehen einer Welt von so gewaltiger Macht an, daß das menschliche Ich von dieser immer mehr oder weniger sich mit Überwältigung bedroht empfinden muß. Die Folge hiervon ist, daß das Moment der Kollektivität, das namentlich in den Frühstadien der individuellen und der menschheitlichen Seelenentwicklung das Bestimmende ist, in den tiefenpsychologischen Darstellungen überhaupt im Vordergrunde steht. Es kommt dies auch darin zum Ausdruck, daß das Interesse der tiefenpsychologisch orientierten Kulturhistoriker sich vornehmlich der Erforschung jener archaisch-frühgeschichtlichen Kulturen zugewandt hat, welchen noch die Vorherrschaft einer mythenbildenden Kollektivpsyche das Gepräge gegeben hat.


III.

(S31)   Unser Zeitalter aber steht nun einmal im Zeichen der Individuation, - und wenn auch der moderne Individualismus manche Entartungserscheinungen gezeitigt hat, so heißt die zentrale Aufgabe der Gegenwart doch, gerade den nivellierenden Kollektivismen gegenüber, die sie heute zu verschlingen drohen, die Rettung der Individualität. Da aber die Individualisierung das wesentlichste innere Ergebnis der spezifisch geschichtlichen Entwicklung darstellt, so ist diese Aufgabe identisch mit der anderen: heute, da diese geschichtliche Phase ihr Ende erreicht zu haben scheint, ihr wesentlichstes Resultat nicht verlorengehen zu lassen, sondern in die Zukunft hinein zu bewahren. Freilich kann es sich hierbei um keine bloße Bewahrung handeln - in dem Sichbeschränkenwollen auf eine solche liegt die Schwäche und das Versagen der heutigen westlichen Welt, die sie die "freie" nennt -, sondern nur um eine Weiterführung des Individuationsprozesses, aber in einem Sinne, wie ihn die heutige Entwicklungssituation der Menschheit fordert. Diese Situation verlangt zweifellos eine bestimmte Synthese" des "Individualitätsprinzips mit dem - wenn man das Wort gebrauchen will - "Kollektivitätsprinzip", - das wird heute auf den verschiedensten Seiten gefühlt. So bezeichnet es z.B. Alfred Weber in seinem schon erwähnten Buche "Der dritte oder der vierte Mensch" (S248f) als 

"unsere Aufgabe, wo wir auch stehen, den Versuch zu machen, das Menschentum in diesem so gefährdenden Dasein zu retten... Das Menschentum retten, heißt aber nach wie vor die Persönlichkeit retten. Freilich: wir müssen wissen, daß modernes Menschentum etwas ganz anderes heißt als einst in der Goethe- und Humboldtzeit, wo unter allen den Großen, die lebten, wohl nur Goethe, vor allem in seinem Alter, da Herannahen von etwas Neuem, Gefährlichem ahnte. Das Menschentum erfassen, heißt heute im Massenzeitalter sehr viel verbreitetes Triviales, Gewöhnliches, ja Gemeines in das gewonnene Menschenbild mit einzuschließen. Es heißt dabei aber nicht etwa, wie gewisse nur zu modern gewordene Propheten meinen, Distanz nehmen von der Masse und fortgesetzt klagend reden von der Schauerlichkeit der Vermassung. Das ist billig, töricht, snobistisch und unfruchtbar wie aller Snobismus. Das moderne Menschentum erfassen heißt vielmehr, einen Bewußtseinsdurchbruch vollziehen von dem alten isoliert gefühlten Persönlichkeitsbewußtsein zu einem Neuen - im übrigen 18. Jahrhundert schon einmal zum Teil gefühlt gewesenen - "Wir-verbundenen" Persönlichkeitsbewußtsein... Das moderne Menschentum zu erfahren und innerlich zu erfassen, heißt demnach erkennen, daß auch die Masse in Individuen besteht. Es heißt als unsere große Aufgabe erkennen die Vermenschlichung, die Individualisierung, die Personalisierung der Masse... Wir müssen das alte (S32) Persönlichkeitskeitsideal aus der Einkerkerung in den Solipsismus, in den es bei den liberalistischen Theorien und ihrer Praxis geraten konnte, befreien. Es sollen wir-verbundene Persönlichkeiten sein, die wir erziehen und bilden... Dies in dem Sinne, daß (dem Menschen) seine Wir-Verbundenheit klar wird aus seinem Aufgeklärtwerden über die Stelle, die er in der geschichtlichen Lage an seinem Ort einnimmt."

   Was nun diese "geschichtliche" Lage betrifft, so kommt da allerdings noch ein andres Moment in Frage. Wenn eines der Kennzeichen der geschichtlichen Entwicklung darin lag, daß deren wesentliche Träger einzelne Völker waren, so ist sie heute auch insofern an ihrem Ende angekommen, als es von unserem Jahrhundert an eine Geschichte einzelner Völker im bisherigen Sinne nicht mehr gibt, sondern nurmehr die einheitliche Geschichte der Gesamtmenschheit. Diese Tatsache, die durch das alle Zeiten und Räume überwindende moderne Nachrichtenwesen, durch Weltverkehr und Weltwirtschaft, wie sie in Auswirkung der technischen Entwicklung sich herausgebildet haben, durch die zwei Weltkriege unseres Jahrhunderts und die in deren Gefolge entstandenen Weltorganisationen des Völkerbundes und der Uno, schließlich durch das Erwachen der Farbigen und ihren Aufstieg zur politischen Mitbestimmung der Menschheitsgeschicke herbeigeführt worden ist, wird sich in die Zukunft hinein in noch immer höherem Grade verwirklichen. Das bedeutet aber, daß die "Wir-Verbundenheit", die für das Erleben der je eigenen Persönlichkeit errungen werden muß, keine national oder völkisch oder klassenmäßig begrenzte, sondern nurmehr eine schlechthin menschlich-menschheitliche sein kann. Und dies wiederum besagt, daß, wenn man für die bisherige Geschichte der Völker die Bezeichnung der geschichtlichen (historischen) Phase der Menschheitsentwicklung beibehalten will, die heute anbrechende Phase der letzteren nicht als eine bloß nach-geschichtliche in dem Sinne verstanden werden kann, daß ihr eben die Merkmale der geschichtlichen verlorengehen oder gar diejenigen der vorgeschichtlichen wieder bestimmend werden, - sondern als eine übergeschichtliche (metahistorische) in der Bedeutung aufgefaßt werden muß, daß sie den Fortgang bzw. Aufstieg zu einem höheren, umfassenderen Bewußtsein als dem bloß geschichtlichen im bisherigen Sinne fordert. Es kommt freilich nicht auf Benennungen an, sondern darauf, daß man mit diesen einen bestimmten begrifflichen Inhalt verbindet.

   Als der wesentlichste Inhalt dessen aber, was diese neue Phase als Lebensforderung mit sich gebracht hat, muß ohne Zweifel die Verwirklichung einer die gesamte Menschheit umgreifenden kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Lebensordnung betrachtet werden, - einer Lebensordnung, welche allen ihren Teilen als gleichberechtigten Gliedern derselben ein ihren verschiedengearteten, durch Naturgegebenheiten und geschichtliche Schicksale bestimmten Lebensbedingungen und geistigen Veranlagungen entsprechendes Dasein (S33)

gewährleistet. In allen politischen Bewegungen und kriegerischen Auseinandersetzungen unseres Jahrhunderts geht es im Grunde um die Erfüllung dieser Forderung, d.h. um die Herbeiführung eines gleichberechtigten, friedlichen Neben- und Miteinander der verschiedenen Teile der Menschheit. Daß die Auffassungen über die Grundlagen eines solchen - nach den bei den verschiedenen Völker und Farben vorliegenden geschichtlichen Antezedentien - heute noch weit auseinandergehen, wird niemanden wundern können.

   In gewissem Sinne kann auch hierbei von einer Aufgabe der Wiederherstellung einer seelischen Ganzheit gesprochen werden, die eine eigentümliche Parallelität aufweist zu dem, was die Tiefenpsychologie unter dieser versteht. Denn so wie die Ausbildung eines ichzentrierten Bewußtseinspoles der Seele durch die geschichtliche Entwicklung im wesentlichen durch die Kultur der Weißen repräsentiert wird, so der im Kollektiven verbliebene Pol des Unbewußten durch die Welt der Farbigen, von denen ja auch große Teile bisher auf einer vor- oder frühgeschichtlichen Entwicklungsstufe stehengeblieben waren. Und der fortschreitenden Emanzipation und Domination der individualisierten Bewußtseinssphäre gegenüber dem kollektiven Unbewußten, zu welcher die geschichtliche Entwicklung geführt hat, entspricht der Welthegemonie, zu der die weiße Menschheit in den letzten Jahrhunderten mittels der Unterwerfung der farbigen Völker unter die von ihr aufgerichtete Kolonialherrschaft sich aufgeschwungen hat. Wie aber heute die ichzentrierte Bewußtseinssphäre sich auseinanderzusetzen genötigt ist mit dem gegen sie revoltierenden, ja sie mit Überwältigung bedrohenden Unbewußten, so sieht sich die weiße Menschheit heute gezwungen, unter Verzicht auf ihre bisherige Herrschaftsstellung, sich mit der zum Anspruch auf geistige und politische Gleichberechtigung erwachenden farbigen zu arrangieren. Bei diesem Sicharrangieren kann es sich aber ebensowenig um eine einfache Kapitulation der individualistischen Zivilisation des Abendlandes gegenüber den aus deren uraltem Erbe aufsteigenden religiös-kollektivistischen Lebensidealen der farbigen Menschheit handeln, wie innerhalb der europäischen Zivilisation selbst das bewußtseinsdurchlichtete Individualleben mit seinen logisch-begrifflichen Weltdeutungen und seinen ethischen Wertordnungen einfach ausgelöscht werden darf durch die von Heilslehren, Mythen und Symbolen besessenen nivellierenden Massenbewegungen. Vielmehr muß gleichzeitig auch die farbige Menschheit sich mit dem von der westlichen Welt ausgebildeten Individualitätsprinzip in einer ihr angemessenen Form durchdringen, - genau so, wie wir auch innerhalb der europäischen Zivilisation "als unsere große Aufgabe erkennen müssen die Individualisierung, der "Personalisierung der Masse" (Weber). Und in der Tat zeigt sich ja auch, daß in der heute erwachenden farbigen Menschheit nicht nur das Kollektiv aufsteht, sondern auch die Individualitäten als solche erwachen, - genau so, wie in den Ländern des (S34) europäischen Kommunismus die Ansprüche der Individualität auf Selbstbestimmung heute immer stärker zum Durchbruch drängen.

   Nur ist es hier eben zur selbstverständlichen Überzeugung geworden, daß durch diese Ansprüche der Individualität diejenigen der Gemeinschaft nicht verletzt werden dürfen, und daß solche Ansprüche zu erheben nur die "wir-verbundene" Individualität berechtigt ist. Darin liegt aber zugleich die Forderung, daß zu jener menschheitlichen Lebensordnung, von der oben die Rede war, auch die Lösung der sozialen Frage gehöre, d.h. der Frage einer sowohl die Rechte der Individualität wie diejenigen der Gemeinschaft bzw. der Gesamtheit garantierenden sozialen Lebensgestaltung. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß der kollektivistische Kommunismus zunächst als bloße Gegenbewegung ebenso durch die Herrschaft des "in den Solipsismus eingekerkerten Persönlichkeitsideals der liberalistischen Theorie und Praxis" ausgelöst wurde, wie der heutige Aufstand der Farbigen durch die Kolonialherrschaft der Weißen.

   So erweist sich, von welcher Seite her immer man die Gegenwartslage betrachten mag, als deren Grundforderung eine menschliche Lebensgestaltung, welche die Verwirklichung darstellt einer gegenseitigen Durchdringung und Harmonisierung zwischen den Prinzipien des Einzelmenschlich-Individuellen und des Allgemeinmenschlich-Gattungshaften. Nur in dem Maße, wie die Menschheit eine solche Lebensgestaltung herauszubilden vermag, wird sie auch die in ihrem Verhältnis zum geschichtlichen Werden eingetretene Krisis überwinden können. Nur auf diesem Weg wird sie die Mitte finden zwischen einem anachronistischen Bewahrenwollen des Alten, Bisherigen und einem Abreißen aller Brücken zur Vergangenheit, das aber nur ein Zurücksinken in noch Älteres, in Urältestes zur Folge haben könnte. Sie wird mit anderen Worten nur so den rechten Fortgang vom Geschichtlichen zum "Übergeschichtlichen" finden können. Hierfür ist allerdings notwendig, daß sie Vorstellungen von einem solchen Übergeschichtlich-Methahistorischen erringt, die nicht bloß den Charakter eines fortschrittsideologischen oder eines dialektisch-materialistischen oder eines religiös-eschatologischen Glaubens haben, sondern in einer Erkenntnis wurzeln, - einer Erkenntnis nämlich des Menschen, die so tief und umfassend ist, daß sie nicht nur die geschichtliche Menschheitsentwicklung, sondern auch die vor- und die nach- oder "über"-geschichtliche in ihren spezifischen Eigentümlichkeiten in bestimmter Weise zu erfassen vermag. Dies erfordert aber, daß der Begriff des Menschen - gegenüber seinem bisherigen Inhalt - eine Erweiterung erfahre nach zwei Richtungen hin: einerseits in bezug auf sein Verhältnis zum außermenschlichen Kosmos, mit dessen Genesis ja die Herkunft des Menschen irgendwie verknüpft ist, andererseits in bezug auf das Wesen der menschlichen Individualität, um deren Fortentwicklungsmöglichkeit für die Zukunft es ja eigentlich geht. Der Verfasser glaubt in (S35) diesem Werke einen Beitrag zur Erfüllung dieser Aufgabe dadurch zu leisten, daß er auf Grundlage einer in dieser Art erweiterten und vertieften Menschenwesenserkenntnis darzustellen versucht, in welchem Sinne und in welcher Art der Gang der Menschheit durch Ur- und Vorgeschichte, Geschichte und "Übergeschichte" hindurch als "Stufengang der Menschwerdung" aufgefaßt werden darf.

   Was nun im Speziellen das Rätsel der menschlichen Individualität und das Problem der Durchdringung und Harmonisierung von Individuellmenschlichem und Allgemeinmenschlichem betrifft, welche für die Zukunft gefordert ist, so ergeben sich für die hier vertretene Menschenwesenserkenntnis die Grundlagen für die Lösung desselben dadurch, daß sie, indem sie auf ihren Forschungswegen das im menschlichen Seelenleben zunächst Unbewußte ins Bewußtsein heraufhebt, dieses als ein solches kennenlernt, das einerseits den Charakter der Individualität trägt, andererseits aber zugleich insofern denjenigen des Universellmenschlichen, als es in rhythmischem Wechsel zwischen irdisch-physischen und geistig-kosmischen Daseinszuständen die ganze Geschichte der Menschheit mitbestimmend und miterleidend durchwandert und dadurch in dem Maße, als diese in die "Übergeschichte" übergeht, zum Repräsentanten des Gesamtmenschlichen aufzusteigen vermag. Die Einheit de Einzelmenschlichen und des Allgemeinmenschlichen erweist sich also für diese Erkenntnis in der innersten Wesenheit der menschlichen Individualität, wie sie im geschichtlichen Werden zur Entfaltung gelangt, selbst begründet bzw. veranlagt. Diesen Tatbestand von verschiedensten Gesichtspunkten her ins volle Licht zu setzen, bildet das spezielle Thema dieses zweiten Bandes unseres Werkes. Hierdurch kommt in ihm fürs erste zur genaueren Darstellung, wie jener Begriff des geschichtlichen Werdens der Menschheit, den wir im ersten Bande im Allgemein-Grundsätzlichen und in seinem Unterschied von dem der vorgeschichtlichen und urzeitlichen Entwicklung herausgearbeitet hatten, sich im Konkreten verwirklicht. Es zeigt sich hierbei, daß die Geschichte das, was sie ihrem Wesen nach ist, nur dadurch sein kann, daß die geistige Individualität des Menschen in der Weise, wie es hier dargestellt wird, durch wiederholte Verkörperungen hindurchgeht. Zum zweiten wird hierdurch klar, in welcher Art das Verhältnis dieses Individuellen im Menschen zu der unbewußten Kollektivgeistigkeit namentlich der archaischen Epochen vorzustellen ist. Die Frage also beantwortet sich, die sich im besonderen der Jungschen Psychologie als Kardinalfrage stellt, aber durch sie keine befriedigende Klärung erfährt. Und zum dritten erhellt hieraus, wie jenes Zusammenfließen von Individuell-Menschlichem und Menschheitlich-Menschlichem lebensmäßig sich erreichen läßt, das für die Zukunft gefordert ist, und das weder die Tiefenpsychologie noch die bisherige Geschichtsphilosophie erkenntnismäßig zu begründen vermag.

 

IV.

(S36)  Die Frage der Wiederverkörperung ist auch sonst heute zu einem der Zentralprobleme des Geistesringens der Menschheit geworden. Sie ist es zunächst dadurch geworden, daß durch das "Erwachen Asiens" die westlich-christliche Welt zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit dessen Religionen herausgefordert ist, in denen bestimmte Lehren von der Reinkarnation bekanntlich eine zentrale Rolle spielen.

   Hierbei sieht sich - wie im Vorwort zu einer kürzlich erschienenen, dem Problem der "Reinkarnation" gewidmeten Sondernummer der "Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte" (1957Heft2) dessen Herausgeber E.Benz schreibt - der Westen "einer missionarischen Propaganda der fernöstlichen Religionen gegenüber, die für sich geltend machen, daß in der Lehre von der Reinkarnation alle die Antworten auf die Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen gegeben seien, auf die die dogmatische Überlieferung des Christentums eine klare Antwort schuldig zu bleiben scheint. So ist die Lehre von der Reinkarnation in den Mittelpunkt der allmählich in Gang kommenden neuen Form der Begegnung und Auseinandersetzung der Weltreligionen gerückt."

   "Die Aktualisierung dieses Themas" - so fährt Benz fort - "wird noch durch eine Reihe anderer Umstände gefördert. Einmal hat die neuere religions- und geistesgeschichtliche Forschung mit allem Nachdruck auf die Tatsache hingewiesen, daß die Lehre von der Reinkarnation auch im Bereich der christlichen Geistesgeschichte immer wieder ganz spontan hervortritt, und zwar keineswegs immer nur als Folge einer literarischen Beeinflussung durch die fernöstlichen Religionen, sondern in immer neuen, unmittelbaren Durchbrüchen letzthin irrationalen Ursprungs, in denen sich diese Lehre trotz ihres allgemeinen Verdiktes durch die herrschende christliche Lehre zu Wort meldet. Die ganze europäische Geistesgeschichte weist die Spuren immer neuer Einbrüche der Reinkarnationsidee auf." Als ein "weitere bedeutsames Phänomen in diesem Zusammenhang" bezeichnet er das Auftreten der Reinkarnationsidee in der Theosophie und in der Anthroposophie.

   "Aber auch unabhängig von Theosophie und Anthroposophie zeigt sich, daß in einer überraschenden Konvergenz auch die moderne Psychologie sowohl von der Symbolforschung wie von der Traumdeutung her spontan darauf geführt wurde, das Thema von der Reinkarnation zum mindesten als eine mögliche Interpretation gewisser seelischer Phänomene ernst zu nehmen und zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung zu machen. Vor allem hat sich mit dieser Aufgabe auch die moderne Parapsychologie beschäftigt..."

    Und als eine letzte Tatsache führt er an, daß auch im Bereich des Hinduismus selbst durch dessen bedeutendsten modernen Denker Shri Aurobindo die (S37) Reinkarnationsidee eine Umgestaltung erfahren hat, die in vielen Punkten einem christlichen Gottes- und Menschenbild entgegenkommt.

   So scheint es in erster Linie das religiöse Leben, in zweiter die psychologische Forschung zu sein, für welche die Lehre von der Reinkarnation heute Aktualität erlangt hat.

   Daß ihr auch für ein tieferes Verständnis der Geschichte grundlegende, entscheidende Bedeutung zukommt, wird - außer in der Anthroposophie - so gut wie noch nirgends berücksichtigt, - obwohl schon Lessing sie gerade in diesem Zusammenhang in neuerer Zeit als erster wieder geltend gemacht hat. Typisch hierfür ist, daß auch in dem oben zitierten Passus von einer Ausstrahlung der von der Anthroposophie vertretenen Reinkarnationslehre nur auf die Gebiete der Anthropologie, Psychologie, Natur- und Religionsphilosophie geprochen, die Geschichte aber nicht erwähnt wird. Und doch liegt, wie die nachfolgenden Ausführungen zeigen werden, der Schwerpunkt der anthroposophischen Reinkarnationsauffassung gerade auf ihrer Bedeutung für die Geschichte.

   In diesem Buche jedenfalls wird sie ausschließlich unter diesem Aspekt behandelt. Dadurch vermag diese Darstellung vielleicht etwas dazu beitragen, das Spezifische der anthroposophischen Reinkarnationsauffassung deutlicher, als es bisher gesehen wurde, in das allgemeine Bewußtsein zu rücken. Vor allem aber fügt sie dadurch zu den Gesichtspunkten, unter denen die Frage der Reinkarnation im Geistesleben der Gegenwart überhaupt bisher behandelt wird, ein neues Moment hinzu. Ihr letztes Ziel freilich wird sie nur erreichen, wenn es uns gelingt, durch sie zu zeigen, wie untrennbar verschlungen mit dem Problem der Reinkarnation dasjenige jenes neuen, tieferen Geschichtsverständnisses ist, durch welches allein die gegenwärtige Krisis im Verhältnis des Menschen zur Geschichte überwunden werden kann.

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