Anhang 13a

Hermann Beckh hat die altorientalischen Sprachen studiert und war in ihnen zuhause. In einem diesem vorangehenden Aufsatz hat er Hinweise zur Aussprache der alten Texte gegeben. Die Hervorhebungen sind in dem Text selbst vorhanden.

Die Betrachtungen von Hermann Beckh sind ein leuchtendes Beispiel dafür, was Sprachwissenschaftler leisten können, wenn sie sich bei der Anthroposophie inspirieren. Da diese Aufsätze in einem engen Zusammenhang mit geschichtlichen Themen stehen, seien sie hier gebracht.

Hermann Beckh "Aus der Welt der Mysterien":

"Isis - Die Sternenweisheit der altägyptischen Mysterien und ihre Zusammenhänge mit Zarathustra"

2. Aufsatz aus einer Reihe in "Die Drei" 1926  

und: "Zum Namen der Isis"

3.Aufsatz  


 

Isis-Sophia

Des Gottes Weisheit

Sie hat Luzifer getötet

Und auf der Weltenkräfte Schwingen

In Raumesweiten fortgetragen.

Christus-Wollen

In Menschen wirkend

Es wird Luzifer entreißen

Und auf des Geisteswissens Booten

In Menschenseelen auferwecken

Isis-Sophia

Des Gottes Weisheit

Rudolf Steiner


 

I.

   Zwei Worte sind es, die in der heiligen Ursprache Zarathustras besonders bedeutungsvoll erscheinen, schon darum, weil sie sich in dem in seinem Wortschatze sonst so weitgehend übereinstimmenden Sanskrit bereits nicht mehr finden (Nur spärliche Überreste eines Wortes str 'Stern' findet man noch im Veda. Im klassischen Sanskrit ist dieses Urwort gegen andere Worte wie tara, nakshatra ganz zurückgetreten), zwei Worte, die andrerseits durch ihre Beziehung zum Germanischen deutlich ihren Urwort-Charakter dartun, das Wort Stern (Avesta: star) und das Wort Jahr (Avesta gleichlautend: yar). Was im Urbewußtsein der Menschheit an Geheimnissen der Sterne und des Jahres, des Zeitenkreislaufs, lebte, es hat der Urweisheit des alten Zarathustra ihr ganz besonderes Gepräge gegeben, wenn auch in den uns überkommenen Avesta-Dokumenten nur Nachklänge davon enthalten sind. Bedeutungsvoll ist es immerhin, wie der älteste Teil des Avesta, der Yasna, in diese beiden großen Geheimnisse aufklingt, wie er endet (Yasna 72,10) mit einer Apostrophe an den ewigen, 'in sich gegründeten' Himmelsraum (thwasha hvadhata) und die unendliche Zeit (zarvana akarana), die in sich ruhende Urewigkeit (zarvana daroghohvadhata). Übersetzen wir alles dieses in die Sprache der Geisteswissenschaft, so finden wir in jener Raumes- und Sternenweisheit ein Geheimnis des astralischen, in der Zeitenweisheit ein Geheimnis des ätherischen Leibes. Anders als heute der Mensch erlebte der Mensch de Zarathustra-Zeit noch seinen astralischen Leib. Das Seelische des Menschen - darüber gibt der Neujahrsvortrag Dr. Rudolf Steiners vom 31.12.1915 (GA165) bedeutungsvollen Aufschluß - war damals gerade vereinigt mit dem umfassenden, um die Geheimnisse der Sterne wissenden Bewußtsein des astralischen Leibes (das dem heutigen Menschen des Bewußtseinsseelen-Zeitalters zu einem 'Unterbewußtsein' geworden ist). Im Zyklus über das Matthäus-Evangelium wird darüber gesprochen, wie Zarathustra an zwei seiner Schüler diese Geheimnisse weitergab, wie er dem einen vornehmlich offenbarte die Raumesweisheit, das Geheimnis dessen, was als ein Gleichzeitiges um uns ausgebreitet ist, dem andern die Geheimnisse der dahinfließenden Zeit. Und das Weltenfernen umspannende, um die Geheimnisse der Sterne wissende Bewußtsein des astralischen Leibes war bei dem großen Sonnen-Eingeweihten ein so vollbewußtes, hochentwickeltes, daß wir verstehen können, wie dieser astralische Leib in seiner inividuellen Ausgestaltung für die Welt etwas bedeutet. Wir lesen darüber in dem angeführten Zyklus (GA 165,2.Vortrag S5ff) "Die Individualität des Zarathustra, seine innerste Wesenheit, blieb ja in sich geschlossen erhalten zu immer wiederkehrenden Inkarnationen. Aber was gleichsam das astralische Kleid war des Zarathustra,...dieses astralische Kleid war so vollkommen, so durchdrungen von der ganzen Wesenheit des Zarathustra, daß es nicht zerstob, wie andere astralische Kleider der Menschen, sondern in sich geschlossen blieb. Im Weltenwerden können solche durch die Tiefe der Individualität, die sie getragen hat, in sich zusammengeschlossene menschliche Hüllen erhalten bleiben. Und der astralische Leib des Zarathustra blieb erhalten. Und der eine der Schüler, der von Zarathustra erhalten hatte die Raumes-Lehre und die Geheimnisse all dessen, was gleichzeitig unseren Sinnesraum durchdringt, dieser Schüler wurde wieder geboren in jener Persönlichkeit, welche in der Geschichte genannt wird Thoth oder Hermes der Ägypter. Und dieser wiederinkarnierte Schüler des Zarathustra, der dazu ausersehen war - so lehrt es die okkulte Forschung -, jener ägyptische Hermes oder Thoth zu werden, er sollte nicht nur in sich alles befestigen, was er in einer früheren Inkarnation von Zarathustra überkommen hatte, sondern er sollte es noch dadurch zur Festigkeit bringen, daß ihm in jener Art, wie es durch die heiligen Mysterien möglich ist, einverleibt, eingegossen, einfiltriert wurde der erhalten gebliebene astralische Leib des Zarathustra. So wurde die Individualität dieses Zarathustra-Schülers wiedergeboren als der Inaugurator der ägyptischen Kultur, und einverleibt wurde diesem Hermes oder Thoth der astralische Leib des Zarathustra selbst. Wir haben also direkt ein Glied der Zarathustra-Wesenheit in dem ägyptischen Hermes. Und mit diesem Glied und mit dem, was er sich mitgebracht hatte aus seiner Schülerschaft des Zarathustra, wirkte Hermes in der ägyptischen Kultur und wirkte alles, was wir an Großem und Bedeutungsvollen in der ägyptischen Kultur haben".

   Wie der astralische Leib des Zarathustra hingeopfert wurde an den die Raumesweisheit empfangenden Schüler und so überging auf den ägyptischen Hermes, so der Ätherleib, in dem das Zeitliche lebt, an die Zeitenweisheit empfangenden Schüler, der dann wiederverkörpert war in Moses. (Näheres im Zyklus Matthäus-Evangelium wie auch im Zyklus Lukas-Evangelium im 5.Vortrag - GA123+114). Die Kraft und Wirksamkeit einer so mächtigen, einer so überragenden, an der Schwelle des Übermenschentums stehenden Persönlichkeit wie Zarathustra erschöpft sich nicht in einem raschvorübergehenden Erdenleben. Sie bedeutet etwas für die ganze Entwicklung von Erde und Menschheit und bleibt mit dieser Entwickelung verbunden. Ihr Ich, das wiederkehrte in dem Eingeweihten Zarathos oder Nazarathos (mit dem die Juden in der babylonischen Gefangenschaft zusammengeführt wurden), vorher schon in einer anderen Persönlichkeit, von der hier nicht mit voller Sicherheit entschieden werden kann, ob es die des zweiten, späteren Zarathustra (der den Avesta inspirierte) war, dieses gewaltigste aller Menschen-Iche, opferte die Zarathustra-Wesenheit, als sie wiederverkörpert war in dem Matthäus-Jesusknaben aus der königlichen Linie, jenem anderen Ich hin, das nun kein Menschen-Ich, sondern das Welten-Ich selbst war, indem sie dem Christus ihre irdischen Hüllen darbot bei der Jordantaufe. Und dieses letzte entscheidende Ich-Opfer war nur der Abschluß einer durch die Erdenentwickelung sich erstreckenden Reihe von Opfertaten. Nicht nur ihr Ich, sondern ihr ganzes Menschenwesen hat die Zarathustra-Wesenheit im Werden der Menschheit hingeopfert, und jede dieser Opfertaten ist in einer intimen Art verbunden mit dem Geheimnis des in der ganzen Erdengeschichte waltenden und wirkenden Christus. Dies für den Fall des ägyptischen Hermes im einzelnen zu zeigen, wird die Aufgabe der folgenden Betrachtungen sein.

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   Nach dem über das Verhältnis des 'astralischen Leibes' zu dem Geheimnis der Sternenräume bereits Gesagten braucht auf einen Satz wie 'Der astralische Leib des Zarathustra ist übergegangen auf den ägyptischen Hermes' nicht nur als auf einem mit gewöhnlichem Verstehen nicht nachprüfbaren 'okkulten Tatbestand' hingeblickt zu werden, sondern in dem ganzen Zusammenhang, wie er sich aufzeigen läßt zwischen der Sternenweisheit des Zarathustra und derjenigen des Hermes in den ägyptischen Mysterien spiegelt sich dieser 'okkulte Tatbestand' (der als solcher nur der eigentlichen Geistesforschung unmittelbar zugänglich ist) in einer solchen Art, daß ein unbefangenes Denken einen Zugang zu ihm finden kann.

   Die Gestalt und Persönlichkeit des ägyptischen Hermes, auf die wir hier zunächst eingehen müssen, verbirgt sich wie diejenige des Ur-Zarathustra im Sagenschimmer einer fernen vorgeschichltlichen Urzeit. Über diese Sagen wurde schon im Zarathustra-Aufsatz einiges mitgeteilt. Hingewiesen wurde auf Yima, den Sohn des Vivanghvat, den König der goldenen Zeit, in der die Menschen den Tod und die Beschwerden des Alters noch nicht kannten. Gezeigt wurde, wie der Name Yima auf das indische Yama hinweist, das Beiwort hvarödaröso ('mit dem Sonnenauge - d.h. dem alten Sonnen-Hellsehen begabt') auf den ägyptischen Osiris. Bei den Indern, so sahen wir, fließen Erinnerung an die eigentliche Paradieseszeit und an die urindische Zeit (1.nachatlantische Epoche) zusammen. In Vivanghvat (=indisch: Vivaspat) lebt die Erinnerung an den göttlichen Eingeweihten der atlantischen Sonnenmysterien, den Manu (Xisuthros-Utnapischtim der Gilgamesch-Sage). Wie in der ägyptischen Sage Osiris, ist im Indischen Yama der erste Sterbliche, der ins Totenreich kommt. Osiris und Yama werden Herrscher im Totenreich. Beachtenswert ist die in der indischen Kathaka-Upanischad erzählte Geschichte von dem Brahmanen-Jüngling, der infolge eines Fluches seines Vaters das Totenreich betritt, dort von dem Todesgott und Totenherrscher Yama ehrfürchtig begrüßt und bewirtet und dann in die Geheimnisse des Yoga eingeweiht wird. Bedeutungsvoll ist, wie hier der Tod selbst als Urpriester und Ur-Initiator, als Urlehrer des Yoga vor uns steht. An der Pforte des Todes eröffnet sich dem Schüler das geheime Wissen. Während der persische Yima König ist, zeigt der indische Yama mehr priesterliche Züge. Es erscheint die Wesenheit Yima-Yama im Iranischen als Urkönig, im Indischen als Urpriester und Ur-Iniator. Im Ägyptischen fällt beides wieder auseinander: als Urkönig der goldenen Zeit erscheint Osiris (der, wie Yima, das 'Sonnenauge' hat), seine priesterliche rechte Hand - Hand heißt auf ägyptisch thoth - ist Thoth, den die Griechen Hermes nennen. Für den, der von der Urbedeutung der Laute durchdrungen ist, kann der Anklang von Thoth - auch wenn er weiß, das das Wort zunächst die Hand bedeutet - an Tod kein bloßer Zufall sein, besonders dann nicht, wenn er sich alle diese Beziehungen zu Yima und Yama gegenwärtig hält. Beachtung verdient das hochinteressante Buch von Rudolf Falb 'Das Land der Inca, in seiner Bedeutung für die Urgeschichte der Sprache und Schrift' (Leipzig 1883), wo unter anderem darauf hingewiesen wird, daß thoth die Hand mit der Sichel ist, wie das Bild der Sense in der Hand des Todes sich im Namen des ägyptischen Thoth-Hermes verbirgt. Und der griechische Name Hermes geht zurück auf ein hebräisches Wort hermes (chermesh), das Sichel bedeutet. Auch der griechische Hermes ist ja psychopompos, Führer der Seelen ins Totenreich. Wie in der indischen Kathaka-Upanischad der Todesgott Yama, so ist auch in den ägyptischen Mysterien der in den Namen Hermes-Thoth hineingeheimnisste Tod der große Führer in die Mysterien, der Urpriester und der Ur-Initiator. Gerade in den ägyptischen Mysterien, die von Stufe zu Stufe immer tiefer in den Tod und in das Grab hinuntersanken, mußte sich dieser Gedanke in seinem ganzen Ernste herausarbeiten. Immer mehr ja war es, indem von Periode zu Periode die ägyptische Mysterienweisheit hinunterdämmerte, die Finsternis und die Einsamkeit des Todes, was in der Tiefe der Mysterien erlebt wurde.

   Und hier stehen wir an dem Punkte, wo wir auf diese zeitlichen Abschnitte in der Entwickelung des ägyptischen Mysterienwesens selbst einen Blick werfen müssen. Der Zusammenhang der ägyptischen Mysterienweisheit mit der Sonnenweisheit Zarathustras wird dadurch in ein deutliches Licht gerückt werden. Und wir werden sehen, in welcher Weise die Sterne für das Periodische dieser ganzen Entwickelung selbst bestimmend waren. 

   Von dem, was in den Urzeiten als wirkliche Sternenweisheit einmal da war, blieb in den in die eigentliche ägyptisch-chaldäische (3.nachatlantische) Kulturepoche fallenden späteren Zeiten noch eine gewisse Sternenverehrung übrig. Eine besondere Verehrung genoß bei den alten Ägyptern der hellste Stern des Fixsternhimmels, der Sirius (Satit-Sothis). Der äußere Grund dieser Verehrung war das zeitliche Zusammenfallen des ersten Sichtbarwerdens des Sirius am Morgenhimmel nach der Sommersonnenwende (19.oder 20.Juli) mit der Nilüberschwemmung, von der die Fruchtbarkeit des ägyptischen Bodens abhing. So war Sirius für den alten Ägypter der Stern des Heiles. Sein Aufgang bestimmte ursprünglich den Beginn des neuen Jahres, den Kalender, die Jahresrechnung. Eindrucksvoll schildert Friedrich Creutzer (Symbolik und Mythologie der alten Völker, Bd.II,104), wie im Sommersolstitium, wenn man wußte, daß die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte und nun wieder abwärts ging, die ägyptischen Priester sich in der Nacht in Feierkleidern in den Hallen des Tempels versammelten. 'Wenn sie ihre heiligen Gebräuche verrichtet hatten, und jetzt der erwartete Augenblick herannahte, so führt der Stolist eine Gazelle herbei, nahm sie zwischen seine Knie, beobachtete durch ihre Hörner den eben am Firmament aufgehenden Sirius und nahm so das Jahreshoroskop. Denn je nachdem bei des Sternes Aufgang sich diese oder jene Umstände zeigten, urteilte er, ob das Jahr fruchtbar oder unfruchtbar sein werde, ob der Nil, dessen Steigen in dieser Zeit bemerklicher wird, einen hohen Wasserstand erreichen, oder nur eine spärliche Flut bringen werde. So hing an dem heliakischen Aufgang des Hundssterns (Sirius) eine Summe von Hoffnungen und Befürchtungen, Segen und Freude, oder Mangel und Sorgen, waren, nach der Ägypter Glauben, in jenen Stunden beschlossen'.

   Nun wurde das Jahr bei den alten Ägyptern - wie übrigens auch bei Zarathustra - zu 360 Tagen (12 Monate zu 30 Tagen) gerechnet, denen fünf Schalttage hinzugezählt wurden. Dabei blieb ein Zeitraum eines Vierteltags, um die hier angenommene Jahreslänge gegen die Sonnenlaufszeit zurückbleibt, unberücksichtigt. So verschob sich alljährlich astronomisch der Jahresanfang, und erst nach 4 mal 365 = 1460 Jahren (1461 ägyptische, 1460 julianische Jahre) war die Verschiebung von einem Vierteltag pro Jahr wieder ausgeglichen, der Anfang des bürgerlichen fiel wieder mit dem des Siriusjahres zusammen. So stand für den Ägypter hinter dem kleinen, 'alljährlichen' Jahr ein anderes, großes Jahr, eine Sirius(Sothis)-Periode zu 1460 (1461) Jahren.

  So weit der äußere Zusammenhang, hinter dem sich ein anderer tieferer, esoterischer verbirgt. Von Dr.Rudolf Steiner ist im Hermes-Vortrag darauf hingewiesen worden, wie diese Sirius- oder Sothisperioden in einem inneren Zusammenhang stehen mit der ganzen ägyptischen Bewußtseinsentwicklung und derjenigen der ägyptischen Mysterien. Eine Krisis für die Entwicklung dieser Mysterien bedeutet nach Rudolf Steiner, ein Jahr, in dem wieder eine solche Sirius-Periode ablief, das Jahr 1322 (nach anderen Angaben 1324), in dem Moses die Hebräer aus Ägypten führte. Selbst tief in die ägyptischen Mysterien eingeweiht, nahm er diese Geheimnisse mit nach Palästina, mit ihnen das große göttliche Geheimnis, das sich ihm im ätherischen Feuerelement des flammenden Dornbuschs geoffenbart hatte, das Geheimnis des Ich (J-H-V-H), vor dem das ägyptische Bewußtsein, wie die Pharao-Geschichte im Exodus zeigt, so sehr erschrak. Es lag in ihm eine Stufe, der das altägyptische Bewußtsein nicht gewachsen war. Verloren ging um diese Zeit dem alten Ägypter das Hellsehen, das bis dahin noch als Elementen-Wissen, als Schauen des Elementarisch-Ätherischen in Wasser, Feuer, Luft, Erde, in Pflanzen, Tieren, Mineralien vorhanden war. Das Jahr 1322 bedeutet den Übergang der Elementen-Weisheit in Sinneswissen, in jene Anschauung, die nur das Physische sieht und begreift. Es ist die Periode des Grabes in den ägyptischen Mysterien, des Grabes, dessen Geheimnis in der ägyptischen Pyramide so gewaltig zu uns spricht.

   In den 1460 Jahren also, die jener Krisis vorangingen, hatten die alten Ägypter, hatten vor allem die Eingeweihten in den Mysterien noch ein Elementen-Wissen, ein ätherisches Schauen, in  einer noch älteren Zeit, die wiederum eine solche Sirius- oder Sothis-Periode von 1460 Jahren umspannt, war noch ein planetarisches Hellsehen, eine Planeten-Weisheit da, ein Bewußtsein also, das über die Schranken des unmittelbar Irdischen hinausging. Und noch viel weiter reichte dieses Bewußtsein in einer noch älteren Urzeit, deren Herrlichkeit wir heute kaum mehr erahnen können, da fühlte der Mensch sein eigenes Wesen noch mit Weltenfernen verbunden (so wie es in der Zeit des Zusammenfallens des Seelischen mit dem Bewußtsein des des astralischen Leibes noch möglich war), da gab es noch eine Weltenfernen und Sternenräume umspannende Fixstern-Weisheit. Rechnerisch ergeben sich aus den Angaben Dr.Steiners für die Sothis-Perioden also folgende Zahlen:

5702 bis 4242 v.C.   Fixstern-Weisheit

4242 bis 2782 v.C.   Planeten-Weisheit

2782 bis 1322 v.C.   Elementen-Weisheit

1322 v.C. - 138 n.C.   Sinnes-Wissen   

   Auch mit dem Namen des Hermes stehen, wie der Hermes-Vortrag von Dr.Steiner (Berlin 16.1.1911) zeigt, diese Perioden in Zusammenhang. Er heißt in späterer Zeit Hermes Trismegistos, der 'dreimal Größte', während ältere Zeiten ihn den 'zweimal Größten' nennen. Wie Zarathustra, ist auch der ägyptische Hermes nicht nur eine einmalige physische Persönlichkeit, sondern ein Wesen, das übersinnlich die ganze ägyptische Mysterien-Entwickelung überschattet, sich in jeder Periode immer wieder neu offenbart. Die herrlichste, gewaltigste Offenbarung ist die der Urzeit, der ältesten Sirius-Periode, in jeder folgenden Periode verblaßt mit dem Abdämmern der Mysterien auch die Hermesoffenbarung. So blickt auf den Ur-Hermes eine spätere Zeit als den 'zweimal Großen', auf den letzten als auf den 'Großen'. So meinte man also eigentlich die Herrlichkeit der alten Fixstern-Urweisheit, wenn man von 'Hermes Trismegistos' sprach. Und die alten Ägypter sehen in ihm den Genius des Sirius, den Führer des Sirius-Gestirns. 'Wie der Sirius auf der Zinne des Firmaments die Lichttiere des Himmels hütet, so hütet und warnt er alle Creatur' (Creuzer S.108). 'Er ist der weise Priester, der Vater der geistigen Güter. Er ist der Träger des Wortes und der Schrift, ist die hohe Sternenschrift selbst. Er ist der verkörperte Logos, die verkörperte Intelligenz, das Wort des Lebens, das ewige Brot'. 'Wem seine Lampe leuchtet, der ist im Lichte, wer in seinen Spiegel sieht, der durchschaut alle Naturen und Kreaturen. Ein solcher nur ist Priester, ist der Hermes. Er liest in den Sternen, er schreibt die Schrift des Himmels, die Hieroglyphe, er deutet sie in gemeiner Schrift für das Volk. Er ratet dem Volk, er hilft ihm an Leib und Geist. Er ist Arzt, Gesetzeslehrer, Richter, Opferer, Beter, Wahrsager. Der Priester ist in und durch Hermes, von Hermes und zu Hermes' (Creuzer S.116).

   Die im vorausgehenden aufgestellte Tabelle der Sirius-Perioden und ihre Beziehung zur Entwickelung der ägyptischen Mysterienweisheit ist auch insofern von Wichtigkeit, als sie zeigt, daß die hier vom Geistesforscher überblickte Zeit der ägyptischen Mysterien-Entwickelung mit der sogenannten ägyptisch-chaldäisch-babylonisch-assyrischen Kulturperiode, der dritten nachatlantischen, keines wegs zusammenfällt. Diese dritte nachatlantische Kulturperiode dauert von 2907 bis 747 v.Chr. (wie die folgende vierte dann bis 1413 n.Chr.). Nur die Zeit der Elementen-Weisheit und das letzte Ausklingen der Planeten-Weisheit fällt noch in diese Periode, in der dann auch schon die Verfinsterung des alten Hellsehens ihren Anfang nimmt. Die 'ägyptische Kulturzeit' wird also schon das Grab des ägyptischen Mysterienwissens. Die eigentliche Hochblüte dieses Mysterienwissens, nämlich die ganze alte Fixstern-Weisheit und auch noch beinahe die ganze Planeten-Weisheit, gehört einer andern, älteren Kulturperiode an, eben der zweiten nachatlantischen, dem Zeitalter des Zarathustra. Von hier aus wird unmittelbar verständlich, was beispielsweise im Zyklus Lukas-Evangelium über Influenzierung und Inaugurierung der ägyptischen Kultur durch Zarathustra gesagt ist. Wenn auch das Innere dieses Vorgangs, der Übergang des astralischen Leibes des Ur-Zarathustra auf den ägyptischen Hermes nur geistig zu erforschen ist, so zeigen doch die Dokumente, vor allem die Avesta, in dem wir alle äußerlich überlieferte Zarathustra-Weisheit heute finden, die Spur diese Zusammenhänge.

   Das zeigt sich vor allem für jenen Stern, von dem wir gesehen haben, wie er den Ägyptern zum Regler ihres Jahreslaufs wird und über den Jahreslauf hinaus zum Schöpfer jener größeren Menschheitsepochen, die als Sirus- oder Sothisperioden mit der Entwickelung des menschlichen Bewußtseins und des ägyptischen Mysterienwesens in einer so bedeutungsvollen Weise zusammenhängen. Schon das in diesen rein äußeren Tatsachen Gegebene läßt uns erahnen, wie Sirius einmal im Mittelpunkte einer alten Fixstern-Weisheit gestanden haben mag (so wie die Sonnen-Geheimnisse dann im Mittelpunkte der Planeten-Weisheit gestanden haben). Wenn wir dieses uns sagen dürfen, kann es uns schon einen tiefen Eindruck erwecken, wenn wir auch im Avesta, der natürlich nur Nachklänge der alten Zarathustra-Weisheit enthält (Yascht 8) einen großen umfassenden Hymnus an den Siriusstern (Avesta Tishtriya,persisch Taschter) finden, der uns vor allem durch eine Menge von Einzelheiten überrascht, die wie auf ägyptische Verhältnisse (Nil und Nilüberschwemmung, bestimmte Isis-Namen) hingeordnet scheinen. Nur der Anfang des (sehr umfangreichen) Hymnus sei im folgenden mitgeteilt: 

Tishrim staröm raevantöm

hvarönanguhantöm yazamaide

ramashayanöm hushayanöm

aurushöm raokhshnöm fradörösröm

vyavantöm baeshazim

ravofraothmanöm börözantöm

durat vyavantöm banubyo

raokhshnibyo anahitaebyo

apömtscha pörpthuzrayanghöm

Vanghuhimtscha durat frasruta'm

geushtscha na'ma mazdadhatöm

ughrömtscha kavaem hvaröno

Fravashimtsch Spitamae

ahaono Zarathustrahe.


 

'Den Siriusstern, den leuchtenden mit sonnenhaftem Strahlenglanz, verehren wir in Andacht,

in dem der Friede wohnt, die selige Ruhe,

den goldglänzenden, lichten, der uns in Weltenfernen blicken läßt,

den leuchtenden, heilenden,

den, der rasch (die Entwicklung) vorwärtsbringt, den hocherhabenen,

der von weither leuchtet mit seinen Strahlen,

den lichten, fleckenlosen,

der die Wasser weithin strömen läßt

und den heilvollen Strom, der von weither sich ergießt, 

(der den) gottgeschaffenen Namen der Kuh (trägt),

den gewaltigen, die königliche Verheißung tragenden Sonnen-Äther-Strahlenglanz,

(wir verehren ihn) als den Genius (Fravashi=Angelos)

des heiligen Spitama Zarathustra'.

(es darf hier noch einmal angemerkt werden, daß Hermann Beckh die altorientalischen Sprachen studiert hat und in ihnen zuhause war. In einem diesem vorangehenden Aufsatz hat er Hinweise zur Aussprache der alten Texte gegeben. Die Hervorhebungen sind in dem Text selbst vorhanden)

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   Das Bewußtsein eines Zeitalters, das noch ganz anders zu den Sternen aufsah als das unsrige, spricht aus diesem Hymnus. Die ganze Sternen-Ehrfurcht Zarathustras wird in ihm offenbar, besonders wenn wir die alte heilige Ursprache in der Kraft und Fülle ihrer Leuchteworte, die die Übersetzung nur unvollkommen wiederzugeben vermag, auf uns wirken lassen. Von besonderem Interesse ist außer denjenigen Stellen, wo vom Strömen der Wasser und vom großen Strome die Rede ist (was uns einesteils an die himmlische Milchstraße, andrerseits an den heiligen Nilstrom, an ägyptische Verhältnisse danken läßt), vor allem der Schluß der ersten Strophe, wo Sirius als der Genius oder Schutzengel (Fravashi), oder, wie wir anthroposophisch auch sagen könnten, als das Geistselbst des Zarathustra verehrt und angerufen wird (Ein Vortrag Rudolf Steiners vom 4.6.1924 GA353, führt aus, wie hinter der kosmischen Astralität, die im Bilde der Sterne angeschaut wird, die 'kosmische Geistselbstigkeit' innerlich erlebt wird.). Sirius ist der Stern des Zarathustra - das wird im Avesta deutlich gesagt. Dem weltenweiten Bewußtsein der Menschheitsurzeit erglänzt das (noch nicht, wie im heutigen Zeitalter der Bewußtseinsseele tief in die physische Leiblichkeit untergetauchte) Ich noch als der Stern aus Weltenweiten, und mit dem Ich noch Geheimnisse der Menschheitszukunft. Dem Geheimnis der Raumesweiten verbindet sich dasjenige der Zeitenfernen. Da wird Sirius der Stern, der dem Menschen nicht nur von dem kleinen 'alljährlichen' Neujahr kündet - auch wir können heute den Sirius, der uns gegen Weihnachten und Neujahr am Abendhimmel aufzuglänzen beginnt, als den 'Neujahrsstern' empfinden -, sondern darüber hinaus von einem größeren Menschheits-Neujahr, einem Neujahre der Menschheitszukunft.

   In diesem Zusammenhang erscheint bedeutungsvoll, was bei Creuzer (Symbolik und Mythologie der alten Völker, Bd.1,S250, im Kapitel über die Mithras-Mysterien) über Sirius-Geheimnisse im alten Persertum ausgeführt wird. Es spielt dabei derjenige Name des Sirius-Sterns eine Rolle, den wir dann bei den Griechen wieder finden, der dort wie eine dekadente Entstellung*, oder absichtliche okkulte Verschleierung tiefer esoterischer Hintergründe anmutet, der aber in dem, was Creuzer hier von den Persern erzählt, doch wiederum sinnvoll erscheint. (Die heutige populäre Ausdrucksweise denkt beim 'Hundstern' wohl an den Hund, der hinter dem himmlischen Jäger Orion herläuft, an den 'Hüter der himmlischen Herde'.) Im Mithras-Mysterium ist von einem Urstier die Rede, der durch den Skorpion (bzw. durch die Schlange, Skorpion und Ameise, die Tiere der ahrimanischen Finsternis), den Todesstich erhält. (Man findet diese Szene oft in bildlichen Darstellungen.) Aber neben ihnen ist als ein Wesen, das dem guten Geiste angehört, noch anwesend ein 'Hund des Trostes', der den Sterbenden an den Taschter (persisch Tishtriya, Sirius) erinnert. 'Bild des Sirius' - heißt es bei Creuzer - ist er, des Hundssternes (Sothis bei den Ägyptern, Taschter bei den Persern). Wenn einst in der Fülle der Zeit der Stern des Hundes die Welt wieder anblickt, dann bricht der große Tag der Wiederbelebung an. Daher jene Sitte der Perser am Lager der Sterbenden. So wie es mit ihnen zu Ende ging, führte man ihnen einen Hund vor, der aus ihrer Hand einen Bissen empfing. Diese Handlung hieß Sagdid "der Hund siehet"  ein trostvolles Sinnbild der hoffnungsreichen Unsterblichkeit. So blickt auch hier der Hund den sterbenden Stier an. Auch er weissagt die bessere Zukunft, und ist mithin selbst Bild der Wiederbelebung'.

   * Es scheint sich dabei um einen Doppelsinn zu handeln, der in dem Wort kyon (so wird im Griechischen der Sirius genannt) liegt. Einmal heißt kyon 'der Hund', dann aber ist es auch Partizip von kyo 'schwellen', und das führt dann auf bestimmte Namen der im Sirius-Stern von den Ägyptern verehrten Göttin Isis, auf Namen, die zu den schwellenden, den Fruchtbarkeitskräften der weiblichen Natur und zum Anschwellen des Nilstromes eine Beziehung haben. Anderseits wird in Ägypten die ebenfalls zum Sirius in Beziehung gesetzte, öfters mit Hermes verschmolzene Glanzesgottheit Anubis mit einem Hundskopf dargestellt. 

   Alles dieses wird in ganz große Zusammenhänge gerückt, wenn wir auf uns wirken lassen, was über das große Weltenjahr und Welten-Neujahr in dem schon einmal erwähnten Neujahrs-Vortrag von Dr.Rudolf Steiner ausgeführt wird. So wie 6000 Jahre vor unserer Zeitrechnung ein großes Welten-Neunjahr war, in dem das Seelische des Menschen mit dem Weltenräume und Sternengeheimnisse umspannenden Bewußtsein des astralischen Leibes sich vereinigte (so wie das Bewußtsein der Pflanzen sich zur Neujahrszeit - in den Nächten um Weihnachten und Neujahr - sich mit dem das Kosmische umfassenden, wenn auch dumpfen, mineralischen Bewußtsein der Erde verbindet), so wird 6000 Jahre nach Golgatha, also etwa 4000 Jahre von heute ab, wieder ein solches großes Welten-Neujahr sein. Wieder wird ein solcher Durchgang unseres seelischen Bewußtseins durch das astralische Bewußtsein stattfinden, nur auf höherer Ich-Stufe. Wiederum wird der Mensch eintreten in ein Welten-Sternen-Bewußtsein. 'Und dazu', sagt Rudolf Steiner, 'wollen wir uns durch unsere Geisteswissenschaft vorbereiten, damit es vorbereitete Menschen dazu gibt...' Dann heißt es weiter:

   'Zwölf Jahr-Monate verfließen von einer Vereinigung des Pflanzenbewußtseins der Erde mit dem mineralischen Bewußtsein zur andern. Zwölf Jahrtausende verfließen von einem Welten-Erden-Neujahr bis zu dem andern Welten-Erden-Neujahr, von einem Durchgang der Menschenseele durch die astralische Welt bis zum andern Durchgang der Menschenseele durch die astralische Welt'.

   Auf eine noch umfassendere Menschheitsperiode, auf ein noch umfassenderes 'großes Jahr', als es die Sothis-Periode der alten Ägypter war, wird hier gedeutet, ein 'großes Jahr', für welches - wenn hinter dem, was Creuzer aus den Mithras-Mysterien mitteilt, irgendwelche Realität steht - ebenfalls, wie für die Sothis-Periode, der Sirius von einer Bedeutung sein würde. Immer sehen wir, wie aus der in die Geheimnisse des Sternes und des Jahres schauenden Weisheit des alsten Zarathustra die Schauung eines solchen großen Jahres aufsteigt (von der Friedrich Nietzsches in 'Also sprach Zarathustra' unrichtig auf die ewige Wiederkehr des Gleichen bezogene Vorstellung eines großen Weltenjahres, eines Ungeheuers von großem Jahr das moderne Zerrbild ist).

   Auch ägyptische Vorstellungen, die Creuzer (S106) erwähnt, führen auf einen Zusammenhang des Sirius mit der Welterneuerung, dem großen Welten-Neujahr. Es kündigt sich an, wenn mit dem Erscheinen des Sirius eine bestimmte Planeten-Konstellation sich verbindet. 'Wenn - so heißt es bei Creuzer - im nächsten Sommersolstitium die Sonne im Löwen steht, der Mond im Krebs, die Planeten in ihren Häusern, und der Widder mitten im Firmament, dann erscheint Sothis (Sirius) wieder, und begrüßt, indem er aufgeht, die neue Ordnung der Dinge und die neue Zeit. die jetzt beginnt. Es stellt aber jedes Jahr im kleinen das große Jahr dar: denn jedes Jahr, wenn die heiße Zeit in Ägypten heraufkommt und alles vertrocknet ist, zeigt gleichsam den Brand der Erde. Da würde auch das Land zur Einöde werden und in Flammen aufgehen, wenn nicht Sirius erschiene und mit ihm die rettende Nilflut, und nun wird unter Wasser die Erde neu geboren'. Auch im Avesta, bei Zarathustra, heißt der Sirius afshtschithra 'der den Samen der Wasser enthält'. Den Schlüssel für den Sinn des Weltenfeuers finden wir ebenfalls bei Zarathustra (vgl.den Zarathustra-Aufsatz - hier nicht wiedergegeben). Eine Hindeutung auf das Hinübergehen in den Äther - auf den Zusammenhang von avestisch athar - Feuer, mit griechisch aither - Äther, wurde im Zarathustra-Aufsatz hingewiesen - liegt darin, damit auch auf die 'Wiederkehr Christi im Ätherleib'. Wir ahnen, wie diese Geheimnisse hier ägyptisch im Lichte der 'Fixstern-Weisheit' angeschaut werden.

   Von Hermes-Sirius wird bei Creuzer (Bd.IIS112) noch gesagt, daß er (im Sinne der ägyptischen Weisheit) der Geist aller Geister ist, daß er die Geister, die Seelen, auf und ab durch alle Kreise leitet. 'Er steht am Anfang und Ende der Zeiten. 3000 (4x3000?) Jahre sind der Welt und den Geistern bestimmt, dann ist das große Jahr beschlossen, dann findet alles seine Bestimmung, dann konvergieren alle Lebenskreise in einem Punkt, und alle Läuterungen sind beendigt, alles gelangt an seinen Ort'.

   Aus der Art, wie im Ägyptischen, in Erinnerung alter Fixstern-Weisheit, der Sirius mit dem Gedanken der Welterneuerung, der großen Wiedererneuerung am Ende der Dinge verbunden wird, versteht sich auch seine Verbindung mit dem Vogel Phönix (ägyptisch: benu), über die Creuzer (S165) berichtet. Der aus der Asche verjüngt erstehende Phönix ist ja das große Symbol der Wiedererneuerung. Darum kommt er nicht alle Jahre, er kommt im großen Jahr, daher ist er der Vogel des Sterns, mit dessen merkwürdiger Konstellation er auffliegt. Er hat im Bilde den Stern des großen Jahres bei sich, das Bild des Sirius (Sothis)'.

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   Zu diesen Angaben über Ägypten sei noch hinzugefügt eine (ebenfalls bei Creuzer, Bd.IV,S64 angeführte) Stelle über Griechenland. Da wird davon gesprochen, wie Pan bei den Griechen in den Fixsternhimmel aufrückt. Er zeichne als Sirius die Bahn den übrigen Sphären vor, beschreibe mit Sternenschrift den Charakter des Himmels, ordne das Jahr, übe und weise als hoher Jünger die Chöre der Planeten und begleite in dieser Eigenschaft Rhea, die große Göttermutter. Wir empfinden oder ahnen in all dem den dekadenten Ausdruck alter Fixstern-Weisheit (die in ihrer reinen Form ja auch heute dem Menschheitsbewußtsein noch nicht ansteht). Und doch finden wir in jener, in der Art ihres Ausdrucks vielleicht dekadent anmutenden Vorstellung des griechischen Pan-Sirius wieder einen überaus bedeutungsvollen Übergang nach Ägypten, wenn wir zunächst an die Bedeutung von Pan, pan = 'alles, das All' denken, und dann an die ägyptische Göttin zu Sais (Neith-Isis), die in ihrer berühmten Inschrift von sich spricht: "Ich bin das All, ich bin alles, was da war, was ist und was sein wird. Kein Sterblicher hat meinen Schleier gelüftet", uns dabei erinnernd, daß Sirius den Ägyptern die Seele der Göttin Isis ist (auch in der späteren historischen Zeit immer war). Isis und Osiris, das Herrscherpaar der goldenen Zeit, leuchtet am Sternenhimmel als Sirius und Orion.


 

II.

   Und hier kommen wir auf die Seele der ägyptischen Mysterien-Weisheit und Sternenweisheit. Alles, was über diese Sternenweisheit hier gesagt werden konnte und noch gesagt werden kann, alles, was insonderheit über den Sirius-Stern zu sagen war, umspannt im Bewußtsein der alten ägyptischen Mysterien der königlich-jungfräuliche Name der Isis. Wie Thoth-Hermes der Geist, so ist Isis die Seele der alten Sternenweisheit, und Sirius (Sothis) selbst ist wiederum die Seele der Isis (die Seele, das innerste Zentrum der alten Sternenweisheit). Durch viele Metamorphosen ist die an Geheimnis so reiche Gestalt der Göttin Isis im ägyptischen Mysterienwissen hindurchgegangen, in jeder Sothis-Periode erscheint sie wieder in einem andern Bilde. Alle diese Bilder haben irgendeinen Zusammenhang mit der alten Sternenweisheit, jener Sternenweisheit, die in den ägyptischen Mysterien zuletzt hinuntergedämmert, wie in das Grab eingegangen ist. In den Berliner Vorträgen (1913 GA144) 'Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums' von Dr. Rudolf Steiner (vgl. dazu auch den Zyklus 'Christus und die geistige Welt' GA149) wird davon gesprochen, wie die Sternenweisheit, die im alten Ägypten, in der Krisis der ägyptischen Mysterien, hinunterdämmerte, wieder ans Licht heraufkommt durch das Mysterium von Golgatha, aber erst im Beginn des fünften nachatlantischen Zeitraumes, etwa so viele Jahrhunderte nach Golgatha, als sich vor Golgatha die Krisis der ägyptischen Mysterien, das Hinuntersinken und Begrabenwerden der Sternenweisheit vollzog. Was einstmals hinunterdämmerte, es kam wieder herauf als esoterisches Christentum, als das Christentum des heiligen Grales. Isis-Sophia, die altägyptische Sternenweisheit, ist die vorchristliche Offenbarung des heiligen Grales (der ja, ehe er auf Golgatha zur Blutschale des Erlösers wird von Engelscharen aus Sternenhöhen zur Erde heruntergetragen wird). Auf ein Geheimnis des heiligen Grales, auf die vorchristliche Offenbarung des heiligen Grales, schauen wir letzten Endes bei allem, was über die alte Sternenweisheit zu sagen war. Und alle Bilder, in denen in den verschiedenen Perioden der ägyptischen Mysterienentwicklung in verschiedener Gestalt das Geheimnis der Isis geschaut wird, haben irgendeine Beziehung zum großen kosmischen Kelch-Erlebnis, zur Imagination des heiligen Gralskelches. Immer ist Isis dabei irgendwie die gebärende oder empfangende Seele, die als das Urweiblich-Mondenhafte der Welt in sich aufnimmt oder gebiert das Urmännlich-Sonnenhafte, den Geist, das Ich, Osiris. Das Urgeheimnis des Menschenwesens selbst wird in der Verbindung von Isis und Osiris in Bildern von außerordentlicher Schönheit und Tiefe angeschaut, die je nach der Entwicklungsperiode de Mysterien, in welcher sie erlebt werden, einen verschiedenen Charakter tragen. Daß die ganze Offenbarung dieser Sternenweisheit ursprünglich auf Zarathustra zurückgeht, ist schon gesagt worden. Die allmählich sich immer mehr herausarbeitende Verschiedenheit des ägyptischen Geistes von demjenigen des Zarathustras hängt mit der ganzen sich verschieden gestaltenden Entwicklung des Menschheitsbewußtseins zusammen. Das Zarathustra-Zeitalter des astralischen Leibes geht hinüber in das ägyptische Zeitalter der Empfindungsseele. Daher bei Zarathustra überall die starke Nuance des Urmännlichen, in Ägypten das tiefsinnig-empfindungsvolle Hinschauen auf das Urweibliche. Beide Offenbarungen verhalten sich musikalisch, kann man sagen, wie Dur und Moll. Der starke Dur-Dreiklang Zarathustras wird in Ägypten in der Empfindungsseele Moll.

   Die berühmte Inschrift der Göttin Neith-Isis zu Sais: 'Ich bin das All. Ich bin alles, was da war, was ist, was sein wird. Kein Sterblicher hat meinen Schleier gelüftet' hat den Nachsatz 'Die Frucht, die ich gebar, ist die Sonne'. In diesen Worten wird auf das Isis-Osiris-Geheimnis, das große kosmische Liebeserlebnis, das Geheimnis des kosmischen Menschen hingedeutet, das der Apokalyptiker wieder in dem gewaltigen Bilde des zwölften Kapitels der Offenbarung aus der Christusoffenbarung neu erschaut. Wie aus dem Geiste das (bei ihm neu-durchchristeten Sternenhellsehens, der alten Fixsternweisheit heraus ist diese große Schauung des Apokalyptikers. Sie kann uns eine Hilfe sein, um uns in jene urfernen Zeiten des ägyptischen Mysterienwesens zu versetzen, wo noch aus dem Geiste der Fixstern-Weisheit heraus das Geheimnis von Isis und Osiris im Bilde angeschaut wurde. Da richtete sich der hellsichtige Blick auf eine bestimmte Region des dunkeln Nachthimmes und erlebte in ihr ein Geheimnis des Urmütterlichen der Welt, des Weltenschoßes, des kosmischen Geburtsschoßes, der in sich die Samen des Lichtes trägt, und man sah dieses Licht aufglänzen im hellen 'Sirius-Stern'. Weltheilende (vergleiche auch den oben angeführten Sirius-Hymnus des Avesta), welterneuernde Liebeskräfte fühlte man dort erstrahlen, ein Tröstendes, ein Verheißungsvolles, einen warmen Hauch der kosmischen Liebe (während man z.B. aus der Region des großen Bären etwas wie Kälte, ein kaltes Denk-Erlebnis empfand). Und alles das blieb kein unbestimmtes Empfinden, sondern es gestaltete sich wirklich zu dem Bilde der Sternenkönigin und Sternenjungfrau, wie es auch der Apokalyptikler erschaute. Noch ganz anders, viel bildhafter als das Auge des heutigen Menschen schaute die Empfindungsseele des Ägypters hinaus in die Sternenräume. Man sah in dieser Sternenjungfrau und Sternenseele das Bild der Menschenseele, der Menschheitsseele, die sich selbst noch in Sternenräumen erlebte, und sah im leuchtenden Sirius-Stern die Seele dieser Seele, die Seele der Isis. Von höchster kosmischer Reinheit war das Liebeserlebnis der Seele, die in sich den Geist empfing oder gebar. Was der ehelichen Verbindung vom Sexuellen anhaftet, entsteht erst im Irdischen, durch das Irdische. Im Kosmischen ist dieses alles noch jungfräulich, da ist die Weltenmtter noch Jungfrau. Darum kann auch das Verhältnis der Isis zu Osiris mit keinem irdischen Bande verglichen werden, darum ist Isis Gemahlin und Schwester des Osiris zugleich, zugleich ist sie die Mutter, den den Sonnen-Sohn in Ewigkeit gebiert (da, wo sie ihn in der Zeit gebiert, heißt der Sohn Horus). 'Die Frucht, die ich gebar, ist die Sonne' (vgl. die Sonne, mit der das apokalyptische Weib bekleidet ist). Und diese Weltensonne des Osiris, sie wird da, wo in der alten Fixstern-Weisheit der Blick des Hellsehens noch hinausschweift über die Grenzen des Sonnensystems, geschaut in dem Sternbilde Orion, von dem man empfindet, daß es zum Sirius in einer innern Beziehung steht - es kann dieses auch heute noch empfunden werden, wie es populär in dem Bilde von Jäger und Hund immer empfunden wurde (Wie in den Tierbildern des Tierkreises die einzelnen Teile des Menschenwesens und der Menschengestalt, so wird in dem -außerhalb des Tierkreises gelegenen- Sternbild Sirius-Orion das Menschenbild als solches, das in der Verbindung des Männlichen und Weiblichen sich ausdrückende volle Menschenwesen geschaut). Wie im Sirius die Seele der Isis, das Urweibliche, die Königin der Weltennacht mit dem bunten Farbenschleier, schaute man im Orion die Seele des Sonnensohnes, des sonnenhellen Osiris, in dem sich das Urmännliche der Welt und des Menschenwesens, der Geist, das Ich offenbarte. In der Verbindung von Isis und Osiris erlebte man die volle göttliche Einheit des Ur-Menschen-Wesens. Sirius wird zum Kelche, zum erhabenen Sternenkelche für dasjenige, was dann in dem auf Wundern des Bildes und der Zahl sich herrlich aufbauenden Orion-Sternbild zur Offenbarung des Menschengeheimnisses wird.

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   Von diesen erhabenen Höhen der ältesten ägyptischen Sternenweisheit (Fixstern-Weisheit) wenden wir uns zur späteren Planetenweisheit (4242-2782 v.C.) Da wird das große kosmische Kelch-Erlebnis nicht mehr in Fixstern-Fernen, sondern im engeren Bereiche des Sonnensystemes angeschaut, da erscheint es am Himmel in der sichelförmig erglänzenden Mondenschale, die die mattleuchtende, das Sonnenlicht von der Erde reflektierende, das geistige Sonnenlicht spiegelnde runde Scheibe in sich trägt (ein Bild, dessen kosmische Herkunft noch in dem Kuh-Gehörn der späteren Isis-Bildnisse erkannt werden kann). Da wird Isis die Monden-Jungfrau und Monden-Mutter, die den Sonnengeist (Osiris) in sich empfängt oder gebiert. Da erscheint das große Gralsbild in der Mondenschale. Deutlicher wird da auch die Beziehung des Osiris zur Sonne. Denn nicht ist Osiris die physische Tagessonne. Lange schon ist er ihrem Bereiche entrückt, seitdem Typhon, die Drachengewalt, dem Menschen das alte Sonnen-Hellsehen raubte, und Osiris in die Unterwelt, in des Menschen eigene leibliche Untergründe entrückt ward (Erst von dieser 'Ermordung' und 'Zerstückelung des Osiris' an wird der ägyptische Mysterienweg, der in der Urzeit das Sternen-Erlebnis auch noch in kosmischen Weiten erschloß, zu einem mystischen Wege nach Innen, die ägyptische Sternenweisheit immer mehr eine menschliche Organ-Wissenschaft, ein Erleben des in der menschlichen Leiblichkeit gespiegelten Sternenhaften). Der Ägypter erkennt eine vierfache geistige Sonnenwirkung: die Sonne im Aufgang, im Morgen und im Frühling verehrt er als die Gottheit Ra, die Sonne am Mittag und im Hochsommer (Sommersonnenwende) als Horus, die am Abend und im Herbst als Atum, die 'Sonne um Mitternacht', die die geistige Sonne der Mysterien-Weihe-Nacht und die der Winter-Sonnenwende (unserer Jahres-Weihnacht) ist, verehrt er als Osiris (vgl. Brugsch, Religion und Mythologie der alten Ägypter S249ff).

   Das Isis-Erleben des Mondenkelches liegt schon in einer andern Späre als dasjenige des Sternenkelches Sirius-Orion. Das Erlebnis der Fixsternzeit verbindet die Höhen des Ich mit den Tiefen der noch ätherisch-jungfräulichen, im ätherischen Keim geschauten Erdenstofflichkeit (Geheimnis der Sterne in seiner Beziehung zum Mineralischen der Erde). In der Planetenzeit tritt mehr die Verbindung des Astralischen (Mond) mit dem Ätherischen (Sonne) in den Vordergrund, das Erlebnis wird aus der ursprünglichen Ich-Sphäre mehr in die des Astralischen gerückt. Aber solange der Mond als die Sichelschale erscheint, bleibt auch dieses Erlebnis noch rein, keusch trägt die Schale in sich das geistige Sonnenlicht. Erst der zum Vollmond fortschreitende Mond löscht dieses geistige Sonnenlicht aus, wie er auch den Sternen die Deutlichkeit ihrer Erscheinung nimmt (Vgl. das Gedicht von Steffen in 'Wegzehrung': 'Der Mond geht auf und löst aus dem Gefüge der Welt das Erdensein. Der Schimmer nimmt den Sternen die Notwendigkeit, es schwimmt das Ich im Bann gespenst'ger Wolkenzüge'), so wie das ungeläuterte Astralische im Menschen das Ich auslöscht. So wird die nach oben gewendete schmale Sichel, die den Sternenhimmel durch ihre Schönheit schmückt, ohne ihm von seinem Glanze etwas zu rauben, zum Bilde der geläuterten Seele, die wieder das Geistige in sich aufnimmt, zum Gralskelch.

   Der Inder nennt den Mond Soma, den wandelnden Tropfen am Himmel, und Soma ist ihm auch der belebende Tau der Sterne, des Kosmischen, der im Milchsaft der Somapflanze sein irdisches Abbild hat. Der indische Soma findet sich bei Zarathustra als Haoma, die Soma-Mystik erreicht da ihre Höhe und wirkt noch nach im Ägyptischen. Im Griechischen heißt Soma dann der Leib, insofern er vom ätherischen Leben erfüllt ist (denn der Begriff des Rein-Physischen liegt in sarx, vgl. 'Sarg'). Da ist Soma dann die in der Kelchschale ruhende Hostie, die 'wandelnde Wegzehrung'.

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   Immer liegt in der Verbindung von Isis und Osiris das Geheimnis des kosmischen Kelches, des heiligen Grales. Aus der Sonnen-Monden-Sphäre, in der wir es in der Zeit der Planeten-Weisheit noch finden, steigt das Bild dann herab in die (ätherische) Erden-Sphäre, in der wir es finden in der Zeit der Elementenweisheit (2782-1322). Da wird es zur reinen Offenbarung des Ätherisch-Astralischen. Da offenbart sich Isis als Sylphengestalt im Kelche der Wasserlilie, der Sternenkelch ist zum Blütenkelch geworden. Die Sprache fühlt noch den Zusammenhang von Stern und Blume, wenn sie von Blumen- oder Blütensternen spricht. Vergleiche des griechischen Blumennamen 'Aster'. Sternengeheimnisse offenbaren sich in der Pflanze, in der Blume. Und die Wasserlilie wird zum Bilde des keuschen, vom Physischen unberührten Ätherischen. Ein Geheimnis des Ewig-Weiblichen in den höheren Ätherarten, Klangäther und Lebensäther, spricht sich in ihr aus (der Klang-Äther wird irdisch zum Wässerigen). Noch im Totenbuch finden wir Darstellungen, wie sich das Antlitz der Isis aus dem Kelche der Wasserlilie erhebt.

   Und wie in der Blüte das Ätherische der Pflanze sich am nächsten mit dem Astralischen der höheren Lebewelt berührt, so kommt diese letztere dem Ätherischen der Pflanze am nächsten in derjenigen Erscheinung, an die wir jetzt denken werden, wenn wir fragen: wo gesellt sich Osiris zu der im Blumenkelche sich offenbarenden Isis? An dem Punkte, wo das ätherische Leben zum astralisch empfindenden fortschreitet, gesellt sich zur Blüte der Schmetterling, jeder Blütenart ist eine bestimmte Schmetterlingsart entwicklungsgeschichtlich

zugeordnet. Ein Wort von Rudolf Steiner sagt uns: 'Schaue die Pflanze: sie ist der von der Erde gefesselte Schmetterling. Schau den Schmetterling: er ist die vom Kosmos befreite Pflanze'. Im Ägyptischen ist es nicht eigentlich das Bild des Schmetterlings, aber das ihm sehr nahestehende des geflügelten Käfers (Cheper), in dem Osiris geschaut wird. Und dieser geflügelte Käfer, Cheper, er ist den Ägyptern, wie uns der Schmetterling, das Bild des in der Metamorphose der Gestalt sich erhaltenden Lebens, das Sinnbild des Ewigen und der Auferstehung. Wir empfinden, wenn wir heute aus einem christlichen Bewußtsein heraus auf das Bild hinschauen, wie uns da der Schmetterling an die Stelle des geflügelten Käfers der alten Ägypter treten muß. Und es wird uns das ätherisch-astralische Bild von Isis-Osiris mit einer leichten christlichen Metamorphose zu dem Bilde von Blüte und Schmetterling. Schon das Wort Osiris können wir empfinden wie eine Entfaltung des Wortes Isis, in der sich das im Lichte sich befreiende Leben, dessen Symbol uns der Schmetterling ist, zum Ausdruck bringt.

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   Auch die Blütenoffenbarung der Isis entsinkt dem Blick des Eingeweihten, als sich mit der Krisis des alten elementarischen Hellsehens der Übergang in die reine Sinnesanschauung vollzieht. Nur das Physische der Dinge bleibt dem in die Welt Schauenden zurück. Das Physische, hinter dem das Geistige nicht mehr erschaut wird, wird zum Grabe des Geistigen. Das Ende aller Offenbarung, wie sie in der Herrlichkeit der alten Mysterien sich einst so reich entfaltet hatte, wird das Grab. Und auch die Blume, in der das Auge des elementarischen Schauens noch der Isis Gestalt erblickte, sinkt in dieses Grab. Keine der großen Erdenkulturen hat das Grab, hat alle Geheimnisse und Schauer des Grabes so tief erlebt, wie die im alten Ägypten. Es wird da nicht nur die Mysterienstätte zum Grab, sondern das Grab wird zur Mysterienstätte. Gewaltig künden die Pyramiden und Sphinxe und Mumien von dieser Gräberkultur des alten Ägyptens. Ein umfassendes Wissen, eine tiefe Gelehrsamkeit des Physischen entnimmt der Ägypter noch dem Grabe. Es war nicht nur im heutigen Sinne ein äußeres Wissen, sondern ein besonders mit dem Mumienwesen in Zusammenhang stehender Okkultismus, der uns heute recht trübe erscheinen mag, aber damals eine relative Berechtigung hatte. In der klaren Luft Ägyptens halten die Gräber geheimnisvolle Zwiesprache mit dem Mond und mit den Sternen. Was einstmals Geheimnis der Sterne war, ist jetzt zum Geheimnis der Gräber geworden, es läßt uns ahnen, wie das Geheimnis der Sterne sich selber im Mineralischen der Erde, im Grab der Erde spiegelt. Durch alle Stufen und Hüllen des Menschenwesens hat den Ägypter die Entwickelung seines Bewußtseins und seines Menschenwesens hindurchgeführt. Was heute als Anthroposophie als Glieder des Menschenwesens vor uns hinstellt, wovon sie spricht als von des Menschen Ich, von seinem astralischen, seinem ätherischen und seinem physischen Leib, es offenbarte sich dem ägyptischen Eingeweihten in großen Bildern in jeder der vier großen Sothisperioden, es sprach zu ihm vom Ich, vom Astralischen, Ätherischen und Physischen des Menschen der Stern, der Mond, die Blume und das Grab.

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   Und wo weilen Isis und Osiris in jener Zeit der Gräberkultur und Gräberweisheit? Sie selbst sind in das Grab der Leiblichkeit herabgestiegen, der tiefer Eingeweihte schaut sie dort, schaut ihre Wirksamkeit noch in dem Wirken der Organe des Menschenlebens. Das Schauen dieser Organe, das einst selber noch ein am Leiblichen sich spiegelndes Sternenerlebnis, dann ein ätherisches Erlebnis war, es hat sich immer mehr ins bloße Physische, in den Leichnam, in die Mumie zurückgezogen. Sternenwissenschaft ist zur Organwissenschaft geworden. Die Andern, die nicht das tiefe Wissen haben, sprechen nur davon, wie Osiris der befruchtende Nil, Isis die von ihm befruchtete Erde ist. Und sie stellen Isis dar im Bilde der Kuh, deren Hörner noch an das große alte Bild der Mondsichel erinnern. Auch hinter allen diesen Bildern ruht noch tiefe Weisheit. Sie können verstanden werden aus Sternengeheimnissen, die die Kuh zur Erde in Beziehung bringen, die Erde und Wasser wiederum als Wandlungen der höheren Ätherarten erscheinen lassen. Aber immer mehr hat sich eben das alte Schauen von den Bildern zurückgezogen. Und so sind sie tote Bilder geworden. Als solche tote Bilder erscheint uns auch alles, was heutige Gelehrsamkeit noch von der Kultur des alten Ägyptens uns erzählen kann.

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   Aber 'wo Gräber sind, da sind auch Auferstehungen'. Wie die ins Grab hinuntergesunkene Herrlichkeit der alten ägyptischen Sternenweisheit wieder aufkommt im esoterischen Christentum des heiligen Grales im Beginn der fünften nachatlantischen Kulturzeit, wurde schon erwähnt. Tiefer als jedes andere Mysterienwesen der Erde ist gerade durch die Art seines Hindurchgehens durch das Grab das Mysterienwesen des alten Ägypten hingeordnet auf die große Christustatsache des Todes und der Auferstehung. Es führt uns gleichsam bis dahin, wo der Christus selbst in die Erdentiefen hinuntergestiegen ist, und läßt uns dadurch auch die Auferstehung des Christus als ein Wiedererstehen des alten Mysterienwesens und der alten Mysterienherrlichkeit erleben, zu der die Menschheit im Wege ihrer Entwickelung einst wiederum erwachen soll. Und was im alten Ägypten ein Abstieg war von Siriusperiode zu Siriusperiode, es wird für den Teil der Menschheit, der den Auferstandenen in sich aufnimmt, ein Aufstieg werden in die Zukunft. Erst wird die Menschheit aus dem bloßen Sinneswissen sich wiederum zum Schauen des Ätherisch-Lebendigen erheben, in einer Zeit, in der sie auch den Christus im Ätherleib schauen wird, dann wird auch ein Planeten-Wissen (das heute schon in seinen Anfängen uns gegeben ist) wieder da sein können, und in ferner Zukunft, wenn der Mensch nicht mehr wie heute mit seinen engen irdisch-materiellen Vorstellungen zu den Sternen emporblickt, wenn er in den Sternen wieder geistiges Wesen erkennt und sein eigenes durchchristetes Menschenwesen in diese vom Banne des Materiellen erlöste, durchchristete Sternenwelt hineinträgt, wenn er dann wieder zu einem weltallweiten Bewußtsein sich erhoben hat, wird es auch einmal eine Fixstern-Weisheit wieder geben können, die dann eine neue, durchchristete Sternenweisheit, ein neues Lesen der Sternenschrift sein wird. Geheimnisse werden sich dann dem Menschen entschleiern, die ihm heute noch nicht anstehen, über die heute noch nicht eigentlich gesprochen werden kann. Aber was so noch der Zukunft vorbehalten bleiben muß, es kann doch heute schon im Menschen als eine Ahnung leben, es kann besonders in der Weihnachts- und Neujahrszeit, wenn heller als sonst die Sterne am Nachthimmel aufleuchten (und unter ihnen jener hellste Stern, von dem manches in dieser Betrachtung gesagt wurde), der Seele zu einem ahnenden Bewußtsein werden, kann ihr ein Anlaß werden, den Weihnachts- und Neujahrsgedanken zukunftskräftig aufzunehmen. Es kann ihr da machtvoll zum Bewußtsein kommen, wie das Jahr, das jetzt zu Neujahr wieder in ein anderes hinübergeht, ein Abbild des großen Weltenjahres ist, der großen Wiedererneuerung aller Dinge. Und wir möchten diese (zwischen Weihnacht und Neujahr hingeschriebene) Betrachtung schließen mit den Sätzen, mit denen Rudolf Steiner jenen Neujahrs-Vortrag geschlossen hat: "Das Jahr ist ein Bild der Äonen. Und die Äonen sind die Wirklichkeit für jene Sinnbilder, die uns im Jahreslauf entgegentreten. Wenn wir diesen Jahreslauf im richtigen Sinne verstehen, so durchdringt uns in dieser würdigen Nacht, da ein neuer Jahreslauf beginnt, der Gedanke an die großen Weltengeheimnisse. Versuchen wir unsere Seele so zu stimmen, daß sie auch hinüberschauen kann in das neue Jahr mit dem Bewußtsein: sie will den Jahreslauf als ein Symbolum in sich tragen für den großen Weltenlauf, der einschließt alle Geheimnisse, welche die göttlichen Wesenheiten, die die Welt durchwallen und durchweben, mit unseren Seelen von Äon zu Äon verfolgen, wie verfolgen die kleineren Götter das geheimnisvolle Werden des Pflanzlichen und des Mineralischen im einzelnen Jahreslauf". (Beendigt in Dornach am Silvester 1925).

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Zum Namen der Isis

 3. Aufsatz in "Aus der Welt der Mysterien" von Hermann Beckh


 

   Unter den vielen ausdrucksvollen Namen, die der alte Ägypter der Göttin Isis gegeben hat - eine Zusammenstellung findet sich bei Brugsch 'Religion und Mythologie der alten Ägypter' im Kapitel über Isis - stehen als die am unmittelbarsten das Wesen der Isis kennzeichnenden im Mittelpunkte diejenigen, die sie als Herrin oder Walterin der Liebe erscheinen lassen. Das Geheimnis der Isis ist kein anderes als das Geheimnis der Liebe. Wie Liebe nach außenhin die Macht ist, die schöpferisch bildet, die magisch den Weltenstoff gestaltet, nach innen die Macht, die im Bewußtsein das Ich - im höchsten Sinne, den dieses Wort haben kann - erweckt, so ist auch die ägyptische Isis die Stoffesmutter und die Weckerin des höheren Ich, des Osiris. Und es steht als die Ich-Gebärerin und Stoff-Gestalterin schon in den Lauten ihres Namen Isis vor uns. Sehen wir uns, in Laut und Schrift, den Namen zunächst in seiner ägyptischen Form an. Schon die Isis-Hieroglyphe, der Sitz (Thron),

Isis-Hieroglyphe

Isis-Hieroglyphe 1


 

deutet auf diejenige hohe Region des Göttlich-Geistigen, in der die in aller späteren Stoffgestaltung sich offenbarenden geistigen Kräfte wirken. Dasselbe Bild des Thronsitzes finden wir auch in der Hieroglyphe des Osiris (ägyptisch. wsjr, Usiri), dort noch verbunden mit dem Auge (iri) des sehenden Bewußtseins, so daß sich für Usiri, Osiris durch Laut und Schriftbild der Sinn ergibt: 'Auge der Kraft, der Sonnen-Sehermacht' (vgl. dazu Brugsch, Religion und Mythologie der alten Ägypter S81). Mit dem aus dem Quadratisch-Rechteckigen heraus sich aufbauenden Thronsitz (der für sich allein 'Isis' heißen kann), finden wir aus dem Lautlichen des Wortes beim Isis-Namen (ägyptisch: Isit) verbunden die t-Hieroglyphe, den Halbmond bzw. (auf dem Durchmesser als Basis stehenden) Halbkreises,

Isis-Hieroglyphe 2

Isis-Hieroglyphe 2


 

darunter noch ein eiförmiges Gebilde, das Weibliche in Isis andeutend,


 

Isis-Hieroglyphe 3

Isis-Hieroglyphe 3


 

Nach dem im Buche von Dr.Günther Wachsmuth (Die ätherischen Bildekräfte in Kosmos, Erde und Mensch) über die Formtendenzen der vier Ätherarten (-viereckig beim Lebensäther, halbmondartig beim Klangäther-) Ausgeführten muß uns dieses ägyptische Schriftbild des Isis-Namens an die Verbindung des Lebensäthers mit dem die Kraft der Stoffgestaltung (vgl.Wachsmuth S164) in sich tragenden Klangäther erinnern. In diesen beiden (höheren) Äther-Arten liegt ja das Geheimnis des im Paradiese dem Menschen verlorenen Lebensbaumes, und damit auch das Geheimnis des Ewig-Weiblichen in seinem (heute vergessenen) höheren, spirituellen Sinn, jenes Geheimnis des Urweiblichen der Welt, das der alte Ägypter im Isis-Namen ansprach.

      Das Lautliche des Isis-Namens muß aus der die Vokale nicht bezeichnenden ägyptischen Schrift erst erschlossen werden. Da finden wir zunächst nur 'H-S-T (wobei mit 'h der dem hebräischen Aleph entsprechende Spiritus lenus, der 'leise Hauch', der noch an der Grenze des Unhörbaren stehende Laut, bezeichnet sein soll). Das noch undifferenzierte Urgeistige (h) verbindet sich mit dem stoffgestaltenden Prinzip des S-T, dieser bis in die modernen Sprachen hinein urworthaft-ausdrucksvoll das Feste und Starre des Physisch-Mineralischen andeutenden Lautverbindung (über die bereits in der Schriftenreihe 'Wissenschaft und Zukunft' erschienene Schrift 'Etymologie und Lautbedeutung' S24ff Angaben enthielt). Was oben im Ätherischen als das 'Stern-Strahlende' wirkt, wird unten, im Physisch-Mineralischen, zum Festen und Starren des Steins, zum Kristall. Dieses Oben und Unten richtig im Geiste zu verbinden, führt auf ein in Isis und den Lauten ihres Namens sich verschleierndes Geheimnis. Götternamen sind ja vor allen andern diejenigen, in denen uns noch am meisten jeder Laut von seiner 'göttlichen Urbedeutung' spricht. Nur aus dieser (eurythmischen) Urbedeutung der Laute kann ein Name wie der ägyptische Isis-Name sinnvoll gelesen werden.

   Daß die Vokale im Ägyptischen wie ja auch in den semitischen Sprachen in der Schrift zunächst unbezeichnet bleiben, ist keine bloße Laune, sondern hat mannigfache Gründe und geistige Hintergründe. Das Rein-Geistige, vom Seelischen Ungefärbte des Wesens oder der Idee wird in der vokallosen Schreibung hingestellt. Man versuche nur einmal den ägyptischen Isisnamen I-S-T wirklich in dieser Weise rein konsonantisch, doch ausdrucksvoll langsam zu sprechen, und man wird etwas von dem heiligen Ur-Schweigen, der 'Stimme der Stille' darin vernehmen, jener göttlichen Urstille, die der Gnostiker Sige benannte und als den weiblichen Teil, die Urgemahlin des Weltenvaters verehrte. Dieses unbestimmte 'H-S-T', (das in der Dreiheit seiner Laute ein Christusgeheimnis uns verschleiert hält), das Göttlich-Geistige, in dem die stoffgestaltende, weibliche Urkraft wirkt, wird dann vokalisch (es ist dabei immer viel Hypothese) den Ägyptologen zu I-s-t, Iset, Isit, auch U-s-t (siehe Brugsch S83) aufgestellt. Der Urlaut U würde noch auf das reine Ursein, die Urfinsternis hindeuten - Isis ist ja wirklich die Königin der Weltennacht. Im I liegt schon das in der Finsternis aufleuchtende Licht (der Ägypter dachte an den Sirius-Stern). Und in diesem Lichte lebt das göttliche Ich. Der Lichtvokal I ist zugleich der Ich-Vokal. Das ist kein bloßes 'Lautempfinden' (auf das unsere Schul-Etymologen mit scheuem Entsetzen hinblicken), sondern überdies für das ägyptische (wie auch für das Assyrische und Hebräische, dann erst recht für die germanischen Sprachen) eine wirkliche sprachliche Tatsache, die sich darin äußert, daß das Wort Ich, oder doch bestimmte pronominale Ich-Beziehungen ('mein' usw.) durch den I-Vokal bzw. das I-Suffix grammatisch ausgedrückt werden. Auch an das bedeutungsvolle J (Jod) im hebräischen Jahve-Namen (J-H-V-H) ist in dieser Beziehung zu erinnern. 

   So kann uns der ägyptische Isis-Name I-S-T, Iset, Isit, wirklich anmuten, wie die urwortmäßige Zusammenfassung dessen, was auch in unserer Sprache noch zu uns spricht aus der Inschrift der Göttin zu Sais: 'Ich bin alles, was da...ist....'.

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   In alten Sprachen lagen sich S und T in der Aussprache oftmals nahe, und so wurde der Name der Göttin den Griechen zu Isis. Für den Schulethymologen, der nur dem Historisch-Ursprünglichen nachgeht, wird diese griechische Namensform als solche keine Bedeutung haben. Er wird sie nur als Hilfsmittel zur Erschließung der ägyptischen Form, besonders der ägyptischen Vokale, gelten lassen. Aber abgesehen davon, daß allem Erschließen ägyptischer Wortformen immer etwas Problematisches und Hypothetisches anhaftet, können wir dem griechischen Worte Isis gegenüber eine Empfindung haben, als komme darin eine bestimmte Nuance des Urwort-Gehaltes des Namens der ägyptischen Göttin erst zur vollen Ausprägung. (Das eigentliche Urwort liegt ja im Ewigen, Außerzeitlichen, gar nicht immer nur in dem, was zeitlich-historisch das Vorangehende ist). Und es lebt in den zwei gleichen (nur durch die Länge und Kürze des Vokals sich unterscheidenden) Silben ein rhythmisches Element der Wiederholung, das dem Wesen des Ätherischen entspricht, und damit zugleich ein Geheimnis des auf den Rhythmus und das Formprinzip der Zweizahl hingeordneten Urweiblichen. Geistvoll zeigt Rudolf Falb in seinem Buche 'Das Land der Inca in seiner Bedeutung für die Urgeschichte der Sprache und Schrift, Leipzig 1883, wie in verschiedenen Sprachen Worte, die sich einerseits auf den Zeitenrhythmus, andrerseits auf die Mutterbrust und ihre rhythmische Bewegung beziehen, unter sich, und auch wieder mit dem ägyptisch-griechischen Isis zusammenhängen.

   Rein tatsächlich bezeichnet Isis im ureigentlichsten Sinne das Weibliche der Welt. Und es liegt dieser Sinn schon in den Lauten, im S als dem Laute des Erdenhaften, Weiblichen, Stofflich-Sinnlichen, dessen altes Symbol die Schlange war. In diesem Sinne lassen viele der alten Schriftzeichen (auch im Ägyptischen) die Schlange in S- oder Z-Lauten erkennen. Es läßt in manchen Urworten dieses S - und erst recht die Lautverbindung ST - uns denken an die Schlange der Erkenntnis, die sich um den Baum des Lebens windet. Und das doppelte S des ägyptisch-griechischen Isis läßt uns dann denken an die beiden Schlangen, die den Stab des Hermes-Merkur umschlingen. Dieser Hermes-Stab mit den beiden Schlangen ist ja wiederum ein Bild der ägyptischen Mysterien- und Sternenweisheit, die wesenhaft angeschaut Isis ist. Auch Worte, die die Sechszahl und die Lilie (Wasserlilie, deren Geheimnis mit dem der Isis und der Sechszahl verbunden ist) bedeuten, haben im Hebräischen und Ägyptischen charakteristisch das doppelte S (hebräisch shushan 'Lilie', ägyptisch s-sh-n, koptisch shoshen 'Wasserlilie, Lotus').


 

Hier sei der Sechstern hinzugefügt, der schon fast als ein Sinnbild der historiogenetischen Betrachtungen stehen kann. Er findet sich nicht in dem Aufsatz von Hermann Beckh:

Wasserlilie hebräisch shushan, koptisch shoshen

Wasserlilie als Sechstern, hebräisch: shushan, koptisch: shoshen, ägyptisch: lotus

 

   Nicht das Physische der Stoffgestaltung, sondern die ätherischen Bildekräfte, die die Stoffgestaltung bewirken, und ihre Verbindung mit dem Ich erleben wir im Isis-Namen. Wo wir aber die Bildekräfte der Stoffgestaltung im Ätherischen anschauen, zeigen sie sich noch sternenverwandt (die auch in ihren Namen mit Isis, Isit verwandte assyrische Göttin Istar hat noch deutlich den Stern im Namen, vgl. das avestische Urwort star). Alles dieses hat sein Abbild und Gleichnis auch in der äußeren Natur, wenn wir die Stoffgestaltung des Physisch-Mineralischen nicht da anschauen, wo sie unten auf der Erde, sondern da, wo sie in den Höhenregionen der Atmosphäre sich abspielt. Dort oben bilden sich, als wenn noch kosmische Sternenwirksamkeit waltete, aus der Wirkung des Lichtäthers im Wässerigen der Atmosphäre (s.Wachsmuth S182) die Eiskristalle der Schneeflocke mit ihren ausdrucksvollen Sternenformen. Und in der von diesen Eiskristallen der Schneeflocke gebildeten Schneedecke erscheint Erdenstofflichkeit noch in ihrer reinsten, dem Kosmischen am nächsten stehenden, jungfräulichen Form. Im Eiskristall der Schneeflocke erleben wir jenes Ätherisch-Jungfräuliche des Kosmos, das der Ägypter Isis nannte. Es ist, wie es an anderer Stelle einmal ausgesprochen wurde*, die Kraft, die da im Ätherlichte webend des Schneekristalles Sterngebilde zaubert** (*Vgl. die Schriftenreihe 'Christus aller Erde' Bd16,S107 - Das neue Jerusalem - Auch auf die Beziehung zum Ich wird an dieser Stelle hingewiesen. --**Vgl. ebenda S110. 'Wie in des Schneekristalles Ätherflaum ein lichtes Welten-Sternen-Leben sich zu zartem Erden-Stoffes-Schleier dichtet'.) Und wenn wir dahin gekommen sind, mit der Seele ganz tief auf diesen geistigen Zusammenhängen zu ruhen - es kann bis zur Meditation erhoben werden -m dann ist es nicht nur ein leichtfertiges Spiel mit Lautanklängen, sondern dann gewinnen wir ein inneres Recht dazu, dann dürfen wir hinweisen darauf, wie in dem deutschen Worte Eis dieselben aus dem Sternenhaften des Kosmos heraus die Erdenstofflichkeit gestaltenden ätherischen Bildekräfte bis in die Laute hinein sich aussprechen, wir dürfen dann, indem wir uns dabei noch die Märchengestalt der Eisjungfrau vor die Seele rufen, beim Eis und Eiskristall auch an dasjenige denken, was sich im Lautlichen des Isis-Namens uns offenbart (Wenden wir uns von Ägypten und seinen Mysterien nach dem aus durchchristeten Nachklängen keltischer Mysterien inspirierten altfranzösisch-mittelhochdeutschen Sagenkreis, dem auch die Gralslegende und Parzival-Sage angehört, so finden wir dort das Kosmisch-Jungfräuliche des Eises in dem gleichfalls bedeutungsvoll Geheimnisse des höheren Ewig-Weiblichen verschleiernden Namen Isolde, wenn die von Sprachforschern gegebene Zusammenstellung dieses Namens mit nordischen Ishild (Eis-Hilde, Eis-Holde) richtig ist. In der altfranzösischen (auch in der mittelhochdeutschen Dichtung gebrauchten) Form Isot kommt dieser Name lautlich ganz nahe dem ägyptischen Iset, Isit. Je mehr wir in die esoterischen Zusammenhänge dieser Namen eindringen, desto mehr hebt sich auch dieser Anklang aus dem Gebiete des bloß Zufälligen in dasjenige des innerlich Sinnvollen.

Schneekristall

Schneekristall, Foto Science Photo Library


   Daß dieses alles wirklich noch etwas mehr als eine phonetische Märchen-Imagination ist, wird deutlich aus dem schon einmal hier erwähnten interessanten Buche von Rudolf Falb. Er weist (S57,66,69,362ua) hin auf den Schleier oder die 'Webe' der Isis, den Stoffesschleier, der Ägyptischen, wie in einer Umkehrung von Is-is, si-si heiße. Si-si-ra wäre dann 'Sonnenschleier, Schleier des Glanzes'. Dieses Wort sisira ist für Falb darum bedeutungsvoll, weil er es in ähnlichen Bedeutungen wieder findet in den von ihm erforschten, auf atlantische Urzeit hinweisenden peruanischen  Ursprachen und Monumenten. Dasselbe Wort der amerikanischen Ursprachen finden wir dann im Sanskrit in der Form shishira (Ton auf der ersten Silbe), es bezeichnet da die 'gefrorenen Sonnentränen', den Rauhreif, das Eis, die Kälte, und wir können in diesem indischen Worte einen wirklichen (auf Metathesis beruhenden) sprachlichen Zusammenhang mit dem deutschen Eis (in alter Form: is) erkennen. Der Maja-Schleier der Isis ist da zum Schleier der Eisjungfrau geworden, der dann besonders die leuchtende rote Farbe hervorzaubert. Man denke an die im Purpur der untergehenden Sonne rosig erglühenden Schneegebirge. (Darauf bezieht sich nach Falb auch das - noch in vielen anderen Bedeutungen schillernde - peruanische Wort). Diese Bedeutung 'rote Farbe' hat das auf denselben Konsonanten aufgebaute Wort dann auch im Hebräischen. Wir stehen hier also anscheinend wirklich vor einem der ältesten und universalsten Urworte.

   Etwas ganz Bedeutungsvolles ergibt sich zum Schlusse noch dann, wenn wir den Blick hinlenken auf die so oft bei Rudolf Falb angeführte, zuletzt noch als Schluß-Bild hingestellte peruanische Hieroglyphe jenes Wortes sisira, die sich in dortigen Tempeln als heiliges Sinnbild findet. Sie besteht aus zwei gleichseitigen Dreiecken, darunter in ihrer Mitte ein Kreis (folgende Abbildung). Aus Wachsmuths Buch kennen wir das Dreieckige und das Kreisrunde als die Formtendenzen der beiden niederen Äther-Arten: Lichtäther und Wärmeäther. Stellen wir dieses gegenüber dem, was uns die ägyptische Hieroglyphe des Isisnamens mit ihrer Verbindung der Formprinzipien des Lebensäthers und Klangäthers (viereckige und Halbmond-Form) gezeigt hat, so erscheint uns das Geheimnis der beiden höheren Ätherarten, Lebensäther und Klangäther, das Wesen der Isis, in den beiden niederen Äther-Arten (Lichtäther und Wärmeäther) der Schleier der Isis (si-si-ra). Durch den Sündenfall hat das Menschenbewußtsein den unmittelbaren Zusammenhang mit dem Lebensbaum, mit den beiden höheren Ätherarten, Lebensäther und Klangäther, verloren, der Mensch lebt heute bewußt nur in dem, was die Offenbarungen der niederen Ätherarten, Licht- und Wärme-Äther, sind. Diese Offenbarungen von Licht und Wärme verschleiern ihm heute das Geheimnis der höheren Offenbarungen von Weltenleben und Weltenharmonie (Lebensäther und Klangäther): das Irdisch-Weibliche verschleiert ihm das Geheimnis des höheren, des Ewig-Weiblichen. So ist ihm Isis noch die verschleierte Göttin. Einst wird er ihren Schleier wieder heben, wenn die Kraft des auferstandenen Christus stark in ihm geworden ist. Ergreifend schildert Rudolf Steiner im dritten Vortrag des Berliner Zyklus 'Die Mysterien des Morgenlandes und des Christentums' den Abstieg und Verfall der ägyptischen Mysterien. Er schildert da, wie die Seele des Eingeweihten, wenn sie an das Ufer des weltallweiten Daseins vorgedrungen war, wenn sie mit der Isis sich vereinigt hatte, in der Zeit der alten Mysterienherrlichkeit die Offenbarung der Weltentöne (Sphärenharmonie) und des Weltenwortes vernahm, wie sie darin erlebte Osiris als geboren oder ausgesprochen werdend aus der Isis; wie sie dann in der späteren Zeit, nach der Krisis des Jahres 1322, dastand vor der stummen, der schweigenden, vermummten Göttin, der 'trauernden Witwe'. 'Kein Osiris konnte in der späteren Zeit geboren werden, keine Weltenharmonie ertönte, kein Weltenwort erklärte dasjenige, was sich bange jetzt zeigte als Weltenwärme und Weltenlicht'. In Weltenwärme und Weltenlicht verschleiert sich die höhere Offenbarung von Weltenleben und Weltenharmonie! So werden wir hier tief eindrucksvoll vom Geistesforscher hingeführt auf dasselbe, was von einer ganz anderen Seite her die lautliche und hieroglyphische Betrachtung des Isis-Namens ergeben hat.


 

Ätherarten - Lebens-Klang-Licht-Wärmeäther

Ätherarten: ägyptisch Lebensäther-Klangäther, peruanisch Lichtäther-Wärmeäther