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Anhang 13e

Hermann Beckh: "Aus der Welt der Mysterien"

Buddhas Hingang

mit Proben aus dem Palikanon

Zu früh, ach, ist der Heiligeuns hingegangen,

 

 zu früh, ach,ist der Selige uns hingegangen,

 zu früh, ach, ist das Auge, das das Licht der Welt war, uns erloschen 

 (Mahaparinibbanasutta)

   

   Ungemein reich und vielseitig sind die Gesichtspunkte, von denen uns die Gestalt des Buddha in den verschiedenen Schriften, Vorträgen und Vortragszyklen von Dr. Rudolf Steiner beleuchtet wird. Im Unterschied von denen, die Vergangenes nur philologisch darstellen, oder die es mit einseitiger Vorliebe als Religion oder Weltanschauung in die Gegenwart stellen wollen, war es die Tat Rudolf Steiners, wie andere bedeutungsvolle Erscheinungen des Geistes, so auch das Phänomen Buddha richtig in die Gesamt-Bewußtseinsentwicklung der Menschheit einzuordnen. Bedeutungsvolle Zusammenhänge mit dem Mittelpunktsereignis der Erdengeschichte, mit Christus sind dabei zutage getreten. Einer der bedeutungsvollsten im 'Lukasevangelium', wo gezeigt wird, wie im nathanischen Jesusknaben (der schon bei der Weihnachtsverkündigung der Engel sich offenbarende) kosmische Liebesimpuls des Buddha so hereinwirkt, daß er im Christlichen wie durch einen Jungbrunnen hindurchgegangen ist. Was gleichsam alt geworden ist in der vorchristlichen Welt, erscheint in der großen Zeitenwende neu verjüngt durch die Kraft des Christus (der sich später mit der Hülle des nathanischen Jesus verbindet). Wie Zarathustra in die Geschichte des Matthäusevangeliums, wirkt Buddha in die des Lukasevangeliums herein. Und in eigenartiger Weise sieht der Blick des Geistesforschers fortwirkend auch die Wesenheit des Buddha im Weltgeschehen. Im Lichte des Christus eröffnen sich dem Auge des Geistes überall neue und wunderbare Zusammenhänge, auch da, wo dieses Auge auf Buddha hinblickt. So schaut auf Buddha wie auf alle anderen Tatsachen, die er geistig erforscht, Rudolf Steiner mit dem Auge eines durchchristeten Schauens. Alles, was er uns geschenkt hat, ist aus diesem durchchristeten Schauen seines Geistesauges geschenkt.

   Unmöglich wäre es dem alten Buddhisten gewesen, dem Geistesforscher in solche Tiefen des Schauens zu folgen. Seinem Schauen entschwindet Buddha im Nirvana. Von einem Fortwirken seiner Wesenheit hat er zunächst keine Vorstellung. Und so blieb es im wesentlichen durch die fünf Jahrhunderte von Buddhas Hingang bis zur großen Zeitenwende. Das ist genau der Zeitraum, für den Buddha im Gespräche mit seinem Jünger Ananda einst selbst geweissagt hatte, daß seine Lehre sich rein erhalten werde. Und von höchstem Interesse ist es wirklich, zu sehen, wie nach Ablauf dieses Zeitraums der Buddhismus etwas anderes wird, wie in der Phase des Mahayana-Buddhismus, die dann für weite Ländergebiete Asiens die entscheidende wird, die Lehre vom Nirmanakaya auftritt, die auf ein geistiges (ja geist-leibliches) Fortwirken Buddhas in höheren Welten, nach seinem Nirvana hinblickt, und an die Stelle des Weges der bloßen individuellen Selbsterlösung einen anderen höheren Pfad der Erdenerlösung, des Wirkens für das Heil aller Wesen, des Sich-Verbindens mit dem Erdenschicksal setzt. Auch in diesem Mahayana-Buddhismus fehlt durchaus das bewußte Hinschauen auf die Christustatsache, das Aufnehmen des Christusimpulses in die Bewußtseinsseele (zu deren Entwicklung die östliche Seele nicht in gleicher Weise wie die westliche fortschreitet). Und doch wirktobjektiv in manchem, wodurch sich der Mahayana-Buddhismus von dem alten und ursprünglichen, reinen Buddhismus unterscheidet, den Seelen selber unbewußt die Tatsache, daß der Christus durch das Mysterium von Golgatha (das auch der Mahayana-Buddhist als solches nicht erkennt)

sich mit der Erde und den Seelen der Menschen verbunden hat. Der Blick des hellsichtigen Schauens ist von diesem Ereignis an ein anderer geworden, er nimmt Tatsachen und Gesichtspunkte auf, für die vorher noch keine Organe da waren.

   Nicht diese späte Phase des Buddhismus soll uns hier beschäftigen. Hinschauen wollen wir einmal ganz auf den Zeitraum, den Buddha selbst prophetisch als die Dauer des von ihm gegebenen geistigen Impulses als eines zu Recht bestehenden und die ursprüngliche Lehre rein erhaltenden hingestellt hat, jenen fünfhundertjährigen Zeitraum also, der zwischen Buddhas Hingang ins Nirvana und der großen christlichen Zeitenwende liegt. Diese Zeit des alten reinen und ursprünglichen Buddhismus (den auch der Vortrag von Dr. Steiner einzig und allein im Auge hat) in den fünf Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha, wir können sie wirklich empfinden wie ein letztes gewaltiges Aufleuchten des altindischen Geisteslebens. Daß die ganze Geschichte dieses altindischen Geisteslebens ein Abstieg ist, wird uns da deutlich bewußt. Von reichen, herrlichen Erinnerungen an eine längst vergangene Urzeit zehrt das Bewußtsein des alten Inders. Keine Dokumente sind uns von dieser eigentlich indischen Urzeit erhalten. Der Geistesforscher schildert uns die (dem heutigen Menschheitsbewußtsein unvorstellbare) wie in Paradieseserinnerung lebte. Die Veden und Upanischaden, die großen Epen und Puranen sind nur späte Erinnerungsnachklänge an diese Zeit. Und auch die Veden und ihre Zeit sind zu immer mehr verblassenden Erinnerungen geworden im Zeitalter des Buddha. Der Yoga, die seit alten Zeiten in Indien gepflegte hohe Schule der Konzentration und Meditation, ist der Weg, auf dem sich einzelne immer wieder mit dem verlorenen Urbewußtsein zu verbinden suchen. Er gibt allem indischen Geistesleben, auch dem Impulse des Buddha, das entscheidende Gepräge. In diesem Geistesleben, das, als Ganzes betrachtet, ein Abstieg von der Urzeit bis zur großen Zeitenwende hin ist, erstehen - das betont auch der Vortrag von Dr. Rudolf Steiner - immer wieder einzelne große Persönlichkeiten, Eingeweihte, die Reste der alten Geistigkeit erneuern. So steht am Übergang ins 'finstere Zeitalter', ins Kali Yuga (dritter nachatlantischer Zeitraum), die Gestalt des Krischna, der seinem Schüler, dem Helden Ardschuna (Ton auf der ersten Silbe) die hohen Lehren der Bhagavadgita gibt. So steht schon tief im Kali Yuga selbst und nahe der großen Zeitenwende - nicht allzuviel bedeutet ein halbes Jahrtausend für die so große Zeiträume umspannende indische Geistesentwicklung - die Gestalt des Gotama Buddha als die des letzten großen vorchristlichen Eingeweihten, des größten vorchristlichen Eingeweihten in geschichtlicher Zeit. (Zarathustra - das heißt der Ur-Zarathustra, von dem die Geistesforschung spricht - gehört der Vorgeschichte an).

   Ein Abstieg aus hellen Lichteshöhen in wachsende Dämmerung, wachsendes Dunkel, von einzelnen glänzenden Lichterscheinungen unterbrochen, die aber nur in immer geringerem Maße das Licht der Urzeit erneuern können - so stellt sich das Bild der indischen Geistesgeschichte vor uns hin. Und charakteristisch für die indische Entwicklung (denn auch die andern großen vorchristlichen Entwicklungen - man denke nur an Ägypten - erscheinen als ein solcher Abstieg) ist dieses, daß gerade in die Zeit des letzten Abstiegs, nahe der Zeitenwende, noch eine so überaus helle Lichterscheinung wie die des Buddhas fallen konnte, in sich selbst strahlend hell, wenn sie auch nur dürftig den Zeitgenossen das vergessene Licht der Urzeit erneuern konnte (Anmerkung: Keiner der großen Eingeweihten hat so wenig geoffenbart, wie der Buddha, keiner so sehr die Menschen nur auf die Reinhaltung des Innenlebens hingewiesen. Von überreichen Tischen des Geistigen hatte der Inder in alten Zeiten gegessen. Darüber war die Reinheit, die innere Disziplin des Geistigen immer mehr verloren gegangen. In ihrer Wiederherstellung lag die Voraussetzung für alles andere. In dieser Richtung sah Buddha seine Aufgabe, die er mit einzigartiger, rückhaltloser Konsequenz erfüllte. Die Reinheit des alten Schauens, nicht seinen Reichtum, konnte er erneuern. Oft kann er uns erscheinen wie der Arzt, der nach dem allzu reichen geistigen Mahle der Vergangenheit dem Kranken die strengste Diät verordnet. Heute würden wir bei dieser Diät verhungern, das geistige Leben würde verkümmern, wenn nicht dem Schauen ein neuer Inhalt dargeboten würde). Es kann wirklich kein schöneres, kein treffenderes Bild für dieses Hineinfallen der Erscheinung Buddhas in den Abstieg und die Dämmerung des indischen Geisteslebens gefunden werden, als dasjenige der Abendröte, wie es Rudolf Steiner einmal in einem öffentlichen Vortrag

(Berlin 2.3.1911), vor uns hinstellte: Wie in der Abendröte das Tageslicht, bevor es zur Neige geht, noch einmal in den herrlichsten Farben aufleuchtet, so leuchtet auch in seiner letzten ganz großen Erscheinung, in Buddha, das Licht des altindischen Geisteslebens noch einmal machtvoll auf. Aus seinem Auge leuchtet den Zeitgenossen noch einmal die Herrlichkeit der Urzeit, die Größe des alten Yoga, das Licht des alten Hellsehens und weltenweiten Bewußtseins, das sich der Menschheit immer mehr entriß. Ergreifend ertönt darum bei Buddhas Hinscheiden von Menschen und übersinnlichen Wesen, von Geistern der Lüfte und der Erde die Klage: "Zu früh, ach, ist der Heilige uns hingegangen, zu früh, ach, ist der Selige uns hingegangen, zu früh, ach, ist das Auge, das das Licht der Welt war, uns erloschen". 

***

   Es sind diese Worte demjenigen Texte entnommen, der mehr als jeder andere jene Stimmung der Abendröte, des scheidenden Lichtes, vor uns hinzaubert, dem schönsten und evangelienartigsten aller alten Buddhatexte, der zugleich das Wesen des alten und ursprünglichen Buddhismus mit am reinsten darstellt, dem Mahaparinibbanasutta im Dighanikaya des Palikanons, der großen Erzählung von Buddhas Erdenabschied und Nirvana (Anmerkung: Vom Verfasser dieses Aufsatzes neu übersetzt in Bd.18/19 der Schriftenreihe 'Christus aller Erde' (Verlag die Christengemeinschaft, Stuttgart) unter dem Titel 'Der Hingang des Vollendeten', im folgenden: 'HdV'). In keinem andern der alten Texte wird uns die Gestalt Buddhas selbst und die ganze Zeit, in der er lebte, so lebendig, wie in diesem geschildert. Keiner ist so geeignet, um aus den alten Dokumenten heraus dasjenige näher zu beleuchten, was in dem Vortrage Rudolf Steiners über die Abschiedsstimmung des alten Buddhismus und des ganzen Buddha-Zeitalters gesagt wird. Als ein im Abdämmern befindlicher geistiger Impuls der Vergangenheit steht derjenige des Buddha hier deutlich vor uns. Aber in dem, was wir so als ein Vergangenes empfinden, spricht eine solche Größe des Reinmenschlichen zu uns, daß wir dieses Vergangene doch auch wieder wie ein uns innerlich Nahestehendes, ja fast wie ein Gegenwärtiges erleben können. Das Menschliche, das Künstlerische, das Rhythmisch-Musikalische der Darstellung (Anmerkung: Von diesem Rhythmisch-Musikalischen sucht in erster Linie, soweit dies in der deutschen Sprache möglich war, die genannte Übersetzung einen Begriff zu geben) ist es, was auch heute noch zu uns sprechen kann. Wir werden, wenn wir es zu uns sprechen lassen, in jener Abschieds-Erzählung, im Mahaparinibbanasutta, eine Perle der indischen, ja der Weltliteratur, und darüberhinaus eine der wahrhaft heiligen Schriften der Menschheit erkennen.

***

 

   Schon über dem Anfang der Erzählung, in den noch Weltgetriebe und Politik hereinspielen, liegt die Stimmung des ernsten Abschieds. Noch wird vom Hingang Buddhas nicht gesprochen, aber des Meisters Worte, seine Ermahnungen an die Seinen sind von solcher Art, daß sie deutlich auf diesen Hingang hinweisen, daß das große erste Ereignis schon im Hintergrunde gefühlt werden kann. Die Sorge um die Zukunft des von ihm in die Welt gesetzten geistigen Impulses mußte Buddha in dieser Zeit bewegen, die Frage mußte vor ihm stehen: Was kann ich noch tun, was muß ich den Meinigen ans Herz legen, auf daß das Geschaffene nicht untergehe, auf daß es weiterlebe in die Zukunft? Und an der Spitze aller seiner Ermahnungen steht die ernste, eindringliche, beschwörende Mahnung zur Einmütigkeit und Einigkeit. Dem Abgesandten eines befreundeten Fürsten, der sich mit Kriegsplänen gegen einen Nachbarstamm trägt, hat Buddha soeben vom Kriege abgeraten. Er hatte an seinen Jünger Ananda die Frage gerichtet, ob Einigkeit und andere Tugenden, die er nennt, noch unter den Vertretern des von jenem Kriegsplan bedrohten Stammes walten und auf die bejahende Antwort des Jüngers dem Abgesandten erklärt: solange jene Fürsten unter sich einig und einmütig sind, solange sie den rechten Gemeingeist usw. pflegen, solange wird es aufwärts mit ihnen gehen, nicht abwärts (Anmerkung: 'HdV' S24). Dieselbe Ermahnung richtet dann, nachdem der Gesandte sich verabschiedet hat, Buddha an seine Jünger, so daß er dabei wie ein Leitmotiv den Wortlaut dem entnimmt, was er zuvor dem Gesandten als Antwort mitgegeben hat (Anmerkung: 'HdV' S27ff - dort ist der ausführliche Wortlaut, der oben im Text kurz zusammengedrängt ist): 'Solange ihr, Jünger, den rechten Gemeinschaftsgeist pflegt, die rechte Einigkeit und Einmütigkeit wahrt, solange ihr das anvertraute Geistesgut hochhaltet und die rechte Ehrfurcht, den rechten Ernst des geistigen Lebens euch bewahrt, solange wird es aufwärts mit euch gehen, nicht abwärts'.

   Wo Buddha den Jüngern von der Lehre spricht - und noch immer zieht er, wie er ein langes, arbeitsreiches Leben hindurch getan, lehrend und predigend von Ort zu Ort (Anmerkung: Im 'HdV' - Einleitung S14f - ist hingewiesen auf die geographische Anschaulichkeit, mit der uns das Mahaparinibbanasutta Buddhas letzten Wanderzug verfolgen läßt) kehrt ein Satz immer wieder, der die Quintessenz des Buddha-Impulses in einer kurzen Formel so ausspricht, daß er zeigt, wie die vier Hauptstücke der Lehre und des Pfades - sittliche Selbsterziehung, Meditation, Erkenntnis, innere Befreiung - sich gegenseitig tragen und bedingen. Nicht diese vier Hauptstücke - obwohl sie in esoterischer Beziehung manches enthalten, was nicht nur den buddhistischen Pfad angeht - interessieren uns heute in erster Linie, sondern die Rhythmik der Sätze, die Bewegungen im Ätherkörper, die sie auslösen. Es sind diese Bewegungen - sagt uns Rudolf Steiner in dem Buche 'Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten' (S213ff der Urauflage) - "ein Abbild bestimmter Weltenrhythmen, die auch in gewissen Punkten Wiederholung und regelmäßige Rückkehr zu früheren darstellen", so daß sich "im Hinhören auf die Weise Buddhas der Mensch in den Zusammenhang mit den Weltgeheimnissen hineinlebt" (Vgl. 'HdV' S20f). Und hier bei diesen Sätzen möchten wir geradezu an die Rhythmen des Weltenmeeres denken (mit dem Buddha selber in einem berühmten Gleichnis seine Lehre verglichen hat), an den Pulsschlag der ans Ufer heranbrandenden und wieder zurückströmenden Meereswellen, der uns zu einem bedeutungsvollen Bilde des Zeitenrhythmus und der Rhythmen des Ätherischen werden kann: "Von sittlicher Selbsterziehung getragen und geläutert, ist Meditation ertragreich und segensvoll, von Meditation getragen und geläutert, ist Erkenntnis ertragreich ung segensvoll, und von solcher Erkenntnis durchdrungen und geläutert, wird der Geist frei von aller Trübung irdischen Wähnens, als da ist der Wahn der Weltlust, der Wahn des Weltdaseins, der Wahn der Weltansicht, der Wahn des Weltirrtums.

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   Tief eindrucksvoll ist die Verehrung, die dem Meister noch immer von allen Seiten entgegengebracht wird. Alles zeugt gerade auch in dieser Abschiedserzählung von jener Genialität der Ehrfurcht, von der sich der heutige Mensch draußen in der Welt so sehr entfremdet hat. Auch die Frauenwelt hat an dieser allgemeinen Verehrung für Buddha teilgenommen. Ja, schon zu Buddhas Zeiten scheint es so gewesen zu sein, daß die Frauenseele in besonderer Weise diese Hinneigung zur Verehrung in sich trugt. Das zeigt lebendig-anschaulich die Episode mit der Bajadere Ambapali im zweiten Kapitel ('HdV' S52f) , bei der Buddha die Einladung zum Mahle annimmt, während er die Einladung der damit zu spät an ihn gekommenen Litschavi-Prinzen ablehnt. Nach dem Mahle wird Ambapali vom Heiligen durch geistige Belehrung erhoben und erfreut. In tiefer Dankbarkeit gibt sie ihren großen Park dem Buddha und der Jüngerschaft zum Geschenk. Über der ganzen, in ihrer Schlichtheit menschlich zu Herz sprechenden, dabei auch einzelner humoristischer Züge nicht entbehrenden Erzählung liegt der Hauch der tiefen Verehrung des Meisters in allen Kreisen Indiens. Über der Bajadere Ambapali selbst etwas wie ein leiser-ferner Anklang von Maria Magdalena.

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   Unmittelbar nach dieser freundlichen Episode pocht auf einmal der Ernst des Weltenschicksals - das man bis dahin noch wie in fernem Hintergrunde empfindet - an die Pforte: Anzeichen einer schweren, schmerzhaften, tödlichen Krankheit treten bei Buddha auf (HdV S57) . Nach dem, was später (HdV S94) über blutige Dysenterie usw. gesagt wird, muß der Sitz der Krankheit im untern Menschen, im Stoffwechselsystem, gewesen sein. Um noch einmal zu den Freunden zu reden, drängt Buddha durch Willenskraft die Krankheit zurück, und hält das Leben in sich fest. Ein lähmender Schreck hat sich der Umgebung Buddhas bemächtigt. Ananda spricht davon, wie ihm der Boden unter den Füßen wankte, wie Schwindel und Schwinden des Raumgefühls ihn ergriff. Jetzt ist er wieder voll Hoffnung, weil die Krankheit zum Stillstand gekommen ist, und bittet den Heiligen um eine Kundgebung an den Jüngerkreis. Buddha erwidert, er habe nichts Wesentliches mehr mitzuteilen. Er sei jetzt alt und gebrechlich, am Ziel seiner irdischen Laufbahn. Nur noch mühselig, wie ein alter Wagen, schleppe sein achtzigjähriger Körper sich hin. Alle seine Ermahnungen an die Jünger gipfeln darin, fest zu stehen auf dem Boden der heiligen Wahrheit, im eigenen Selbste die Zuflucht und das Licht zu suchen.

***

 

   Den Ernst der Weltenschicksalsstunde, die jetzt geschlagen hat, sucht Buddha - das ist der Inhalt des nächsten, des dramatischen dritten Kapitels (HdV, S60ff. Über dieses Kapitel wurde schon berichtet in dem Aufsatz 'Anthroposophie und Wissenschaft... Ein entscheidungsvoller Augenblick im Leben des Buddha' im Heft "Die Drei" 1924-4+6. Sprachlich sind die dort gegebenen Übersetzungsproben durch den 'Hingang' zum Teil überholt. Man beachte die Erdbebenrhythmen S68f ua)  - seinem Lieblingsjünger Ananda im intimen Zwiegespräch zum Bewußtsein zu bringen. Und es ist die Tragik dieses Kapitels, daß auch der Nächste und Liebste diesen Ernst nicht erfaßt.

   Es wird immer und es wurde auch in diesem Aufsatz betont, daß der von Buddha gelehrte Pfad ein Weg der individuellen Selbsterlösung ist. (Erst der in die christliche Ära fallende Mahayana-Buddhismus verschiebt, wie wir gesehen haben, diesen Gesichtspunkt). Dabei muß aber auch dieses ins Auge gefaßt werden, daß Buddha selbst den 'größeren Pfad' gegangen ist, daß er sich nicht damit begnügte, für sich allein das Heil und die Erlösung zu finden - wie eine Versuchung stand solches Sich-Begnügen zuerst vor ihm, als er unter dem Bodhibaume das erlösende Wissen gefunden hatte (Vgl. Buddha und seine Lehre, Sammlung Göschen Bd.I S64) -, sondern daß er sich in der Mitteilung seiner Lehre selbstlos für die Welt hingeopfert hat. Von Rudolf Steiner ist einmal ausgesprochen worden, daß jene merkwürdige Schweinefleisch-Mahlzeit beim Schmiede Tschunda (Über die verschiedenen, hier nicht weiter zu erörternden Probleme, die sich an diese Mahlzeit knüpfen, findet man Näheres in meinen Schriften 'Buddha und seine Lehre', Sammlung E.Göschen Bd.IS73 und 'HdV' Anm.56S153) ein Bild sei für das spirituelle Nichtverstehen seitens der Menschen, an dem Buddha zugrunde gegangen sei (Die Stelle findet sich in Zyklus 'Welt, Erde, Mensch' -GA105 im 11. Vortrag S24 und lautet wörtlich: "Das scheinbar Triviale jener Mahlzeit ist ein Bild dafür, wie Buddha stand zu seiner Zeitgenossenschaft...An einem Zuviel des Okkultismus, den er der Welt gegeben hat, ging er zugrunde"). Da wird auf einmal deutlich, warum Buddhas Körper zuletzt in Altersschwäche verfiel, 'wie ein alter Wagen mühselig sich hinschleppt'. Der Yogin - und Buddha war Meister des Yoga - wäre, wenn er in sich geblieben wäre, auch Herr geblieben über die sprießenden Kräfte des Organismus. Auch jetzt noch - so belehrt Buddha in jenem schicksalsvollen Zwiegespräch seine Jünger Ananda - könnte der Heilige in selbstloser Weise, zum Heile der Wesen, durch Yogakraft diese sprießenden Kräfte aufrufen, um bis ans Ende der Weltenzeit sich mit dem Schicksal der Erde zu verbinden, für die Menschheit und alle Wesen zu wirken. Von der Möglichkeit eines unerhörten, alle menschliche Vorstellung übersteigenden Selbstopfers spricht Buddha andeutend zu seinem Lieblingsjünger Ananda. Etwas von der weltumspannenden Weite des Christusgedankens und der Christus-Opfertat (die dann ja ganz anders sich vollzog) leuchtet hier schon im alten Indien auf. Noch aber war, fünfhundert Jahre vor Golgatha, die Welt nicht reif, die Größe eines solchen Gedankens zu fassen. Nur weil auch der Nächste und Liebste die Andeutung nicht versteht - die andern hätten sie erst recht nicht verstanden -, beschließt Buddha jetzt, das Schicksal (Karma) walten zu lassen, um von der Erde Abschied zu nehmen, einsam hinüberzugehen ins Nirvana. Er läßt der Krankheit ihren Lauf, die er bis dahin zurückgedrängt hat. Die Bildekraft des Lebens, die er zuvor noch in sich festhielt, läßt er jetzt los.

   Über den in jener Mahlzeit beim Schmiede Tschunda gegebenen äußeren Anlaß, der zum Ausbruch der Krankheit (bzw. zu ihrem verstärkten Wiederausbruch) führt, berichtet das IV. Kapitel (HdV S93ff). Wir verstehen das dort Erzählte nur richtig, wenn wir auf den inneren Zusammenhang mit dem dritten Kapitel, mit dem Versagen Anandas in der Prüfung, hinblicken. Hätte ein Mensch in dem entscheidungsvollen Augenblick die Größe Buddhas verstanden, das Schicksal von Erde und Menschheit wäre anders verlaufen. Ein Weltenschicksal lag auf der Wage. Und die Schale, auf der Buddhas Leben und Möglichkeit weiteren Erdenwirkens lag, neigt sich tief herab. Ihr Sinken bedeutet den Tod, den Abschied von der Erde, Nirvana. Die ganze Krankheitsgeschichte des vierten Kapitels bringt nur im äußeren Geschehen zur Offenbarung, was innerlich schon im dritten Kapitel entschieden worden ist.

   Der Schluß dieses vierten Kapitels (HdV S101f) bringt jene Szene, die man immer mit der Verklärung Christi auf dem Berge verglichen hat. Und wirklich können wir die Empfindung haben, daß hier, wie anderwärts, schon Christus-Strahlen in das Leben des Buddha hineinleuchten. Wie Christus vor dem Kreuzestod, so leuchtet Buddha vor seinem Hingang ins Nirvana in überirdischem Glanze. Beide Erzählungen weisen deutlich auf den Zusammenhang der Erscheinung mit dem Todesereignis hin. Und doch fehlen in der Buddha-Erzählung die weltenweiten Zusammenhänge, auf die in der Evangelien-Erzählung schon die Erscheinung von Moses und Elias hindeutet, es fehlt der Buddha-Erzählung alles, was in der Evangeliengeschichte auf die weltumspannende Größe des Mysteriums von Golgatha und seine Zukunftsbedeutung hinweist. Über Christi Verklärung liegt etwas von dem Lichte einer neuen Welten-Morgenröte, über der Verklärung Buddhas in voller Deutlichkeit und Ausschließlichkeit die Stimmung des scheidenden Lichtes, der großen Abendröte. Wie vor seinem Untergang das Tagesgestirn noch einmal in Farben herrlich aufleuchtet, so leuchtet Buddhas Leib vor seinem Hingang ins Nirvana noch einmal in überirdischem Glanze. Der Glanz überstrahlt noch die gelbe Farbe zweier Gewänder aus Goldbrokat, die ein befreundeter Adeliger in Verehrung dem Heiligen schenkt:

   "Noch war der Mallaprinz nicht lange fortgegangen, da legte der ehrwürdige Ananda auch noch das andere der beiden Gewänder, der glänzenden, aus Goldbrokat dem Heiligen an seinen Leib, und siehe da, es leuchtete, anliegend an des Heiligen Leib, in blendend hellem Glanz, wie weißer Aussatz. Da sprach der ehrwürdige Ananda zum Heiligen: "Ein Wunder, Herr, ein seltenes Geheimnis ist es, wie in Verklärung hier in lichtem Weiß, das Inkarnat des Heiligen erglänzt, hier dies Gewänderpaar, dies glänzende, aus Goldbrokat, ich legte es dem Heiligen an seinen Leib, und nun es an des Heiligen Leib herangebracht ist, leuchtet es in blendend hellem Glanz, wie weißer Aussatz". "Ja, so ist es, Andanda. Zwei Zeitenanlässe gibt es, wo des Heiligen Inkarnat in überheller Verklä?ung in lichtem lauterem Weiß erglänzt, welche zwei? Zuerst in jener Nacht, da der Vollendete, Ananda, zur höchsten vollkommenen Erleuchtung auferwacht, und in der andern Nacht, da der Vollendete im Nirvana, in des Welt-Wahn-Verwehens leibfrei-welterhabenem Urgrund verweht, bei diesen beiden Zeitanlässen, o Ananda, erglänzt des Heiligen Leib wie in Verklärung überhell, in lichtem, lauterem Weiß. Und heute nun, Andanda, im letzten Drittel dieser Nacht, zu Kusinara im Salahaine der Malla, im 'Garten der Heimkehr', zwischen zwei Zwillings-Salabäumen, wird der Hingang des Vollendeten ins große Nirvana sein. Wohlauf, Ananda, zum Fluß Kakuttha laß uns weiterpilgern". "Ja Herr", sagte der ehrwürdige Ananda zu dem Worte des Heiligen.

"Ein auserlesenes Gewänderpaar,

wie Gold erschimmernd, holte Pukkusa herbei.

Als damit angetan der Meister war,

erglänzte seine Farbei weiß wie Schnee."

     Am Schlusse des Kapitels (HdV S104) sehen wir den Heiligen noch liebevoll bemüht, allem vorzubeugen, was dem Schmiede Tschunda seine (äußerlich ja den Tod Buddhas herbeiführende) Mahlzeit, die ihm im Weltenschicksal als höchstes Verdienst anzurechnen sei, im Lichte des Selbstvorwurfs erscheinen lassen könnte.

***

 

   Buddhas letzter irdischer Wanderzug, der ihn, von Radschagaha, der Hauptstadt von Magadha, südlich des Ganges ausgehend, dann über den Ganges immer weiter nach Norden geführt hat, neigt sich zum Ende. In der Nähe des Himalaja, zu Kusinara, nicht sehr weit von der anderen Stadt, wo der große Heilige geboren ist, findet seine irdische Pilgerschaft auch ihr Ziel. Die ewigen Schneegebirge, die auf die gnadenvolle Geburt des Boddhisattva im blühenden Garten herunterleuchteten, schauen auch hernieder auf den sterbenden Heiligen.

   Alles wird in diesem fünften Kapitel (HdV S105ff), dem dichterischen und rhythmisch-musikalischen Höhepunkte der ganzen Erzählung, zur großen Weltenimagination. Das Bewußtsein der indischen Urzeit, das selber noch wie reine Paradieses-Erinnerung war, leuchtet in diesen Bildern mächtig vor uns auf. Es war ja der Sinn alles indischen Geistesstrebens, alles Yoga, zu diesem Menschheits-Urbewußtsein zurückzuführen, zurückzufinden den Weg zum Paradies, zum Baum des Lebens. Buddha war der einzige, dem es gelang, in der Spätzeit noch einmal die ganze Größe und Herrlichkeit des alten Urbewußtseins zu erneuern (Darum im Texte auch bedeutungsvoll die unzeitigen Blüten der beiden Salabäume. Wie eine späte unzeitige Blüte lebt in Buddha das alte paradiesische Bewußtsein der Urzeit, das der Menschheit längst verblaßt war, noch einmal machtvoll auf). Und jetzt, wo sein ätherischer Leib beginnt, sich vollends von der hemmenden Umstrickung der Erdenphysis zu lösen, sich auszubreiten in die Ätherwelt, wird jenes Paradieseshöhen umspannende Bewußtsein gleichsam frei, wie in die ganze Umwelt ausgegossen, die ganze Natur scheint mitzuleben, was jetzt in Bildern von weltumfassender Größe und Herrlichkeit dem Ätherleibe des sterbenden Heiligen entströmt. Alle Paradiesesbilder sind da, der Norden selbst mit seiner geheimnisvollen Beziehung zur Menschheits-Urzeit, das Bild der 'Welten-Eisgefilde' in den fernen Schneegebirgen des Himalaja, der Paradiesesgarten (hier der 'Garten der Heimkehr' genannt), der Paradiesesstrom, der das Geheimnis des Goldes mit sich führt, die beiden Bäume selbst, die wie die erhabenen Weltensäulen, die Säule der Geburt und die Säule des Todes, Buddhas Sterbelager rahmen, die himmlischen Blüten, die klingenden Harmonien, die ätherischen Düfte. Buddha war der letzte der Großen, der noch in vorchristlicher Zeit in ganzer Stärke mit den Kräften des Lebensbaumes verbunden war. Und indem das Erdenauge sieht, wie die beiden Salabäume (Es sind das hohe, majestätische Bäume - Shorea robusta - mit starkem Harz- und Ölgehalt. Auch das Öl ist ja ein heiliges Symbol des kreisenden, alldurchdringenden ätherischen Lebens.), zwischen denen Ananda dem Meister das letzte Lager gebettet hat, ihre Blüten auf den sterbenden Heiligen herabregnen lassen, schaut das übersinnliche Auge, das Ätherauge, wie Blüten vom Blütenbaum im Paradies, vom Baume des Lebens auf den Heiligen herniederrieseln. Alle Reiche des im Paradiese zurückgebliebenen höheren Ätherelements, des Lebensäthers und Klangäthers, öffnen sich, die Sprache selbst wird Rhythmus, wird Musik, von Rhythmen des Klangäthers durchströmt: 

(Zu dem folgenden Text darf zu Hermann Beckh hinzugefügt werden, was Frank Teichmann seinen Seminaristen oft vorgeführt hat. Die sogenannte Empfindungsseele, die in den Zeiten der letzten Jahrtausende vor Christus  - dritte Kulturepoche - ausgebildet und ausgelebt wurde, hat noch nicht zur Bildung von Überbegriffen geführt. Das brachte mit sich, daß bei jedem neuen, weiterführenden Gedanken das bis dahin Gebrachte wiederholt werden mußte, damit es im Bewußtsein gegenwärtig war. Für uns heute entstehen dadurch Satztürme, die für uns langatmig sind).

   "Obwohl es damals ihrer Blüte Jahreszeit nicht war, standen die beiden Zwillings-Salabäume dennoch in voller Blütenpracht, in aufgebrochener Blütenknospen Überfülle, und Blütenschauer ließen sie auf des Vollendeten Leib herniederregnen, herniederrieseln, herniederströmen, zu ehren den Vollendeten der Erde, und Blüten, himmlische, vom Blütenbaum im Paradiesesgarten schwebten flatternd aus der Luft heran, auf des Vollendeten Leib herniederregnent, herniederrieselnd, herniederströmend, zu ehren den Vollendeten der Erde, himmlische Sandeldüfte erfüllten mit feinem Staub die Luft und senkten sich herab, auf des Vollendeten Leib herniederregnend, herniederrieselnd, herniederströmend, zu ehren den Vollendeten der Erde, und himmlische Gesänge erfüllten sanft die Luft, zu ehren den Vollendeten der Erde. Da sprach der Heilige zum ehrwürdigen Ananda: 'Obwohl es ihrer Blüte Zeit nicht ist, stehen die beiden Zwillings-Salabäume doch in voller Blütenpracht, in aufgebrochener Blütenknospen Überfülle und Blütenschauer lassen sie auf des Vollendeten Leib herniederregnen, herniederrieseln, herniederströmen, zu ehren den Vollendeten der Erde, und Blüten, himmlische, vom Blütenbaum im Paradiesesgarten schweben flatternd aus der Luft herab, auf des Vollendeten Leib herniederregnend, herniederrieselnd, herniederströmend, zu ehren den Vollendeten der Erde, himmlische Sandeldüfte erfüllen mit feinem Staub die Luft, und senken sich herab, auf des Vollendeten Leib herniederregnend, herniederrieselnd, herniederströmend, zu ehren den Vollendeten der Erde, und Himmelsharfen tönen in der Luft, zu ehren den Vollendeten der Erde, und himmlische Gesänge erfüllen sanft die Luft, zu ehren den Vollendeten der Erde. Doch nicht durch dieses alles wird, Ananda, in rechter Weise der Vollendete geehrt, gefeiert, hochgehalten, wird rechte Verehrung und rechte Huldigung ihm dargebracht, sondern der Jünger und die Jüngerin, Ananda, der Laienbruder und die Laienschwester auch, die da in allen Stücken der heiligen Wahrheit zugetan im Herzen ist und so ihr Leben führt, im Rechten treu bewährt den Weg der Wahrheit wandelnd, sie ist's, die den Vollendeten in rechter Weise ehrt, ihn feiert, hochhält, ihn in höchster Ehrfurcht recht verehrt. Darum, Ananda sollt ihr darin eure Schulung suchen, daß ihr euch fest gelobt: in allen Stücken der heiligen Wahrheit zugetan im Herzen wollen wir das Leben führen, im Rechten treu bewährt den Weg der Wahrheit wandelnd'."

   Auch die folgende Episode (HdV S108f) zeigt, wie die ganze übersinnliche Welt an den Vorgängen teilnimmt, wie aus allen Weltgegenden geistige Wesen herbeiströmen, um zum letzten Male die Nähe des Heiligen zu suchen. Und viele von ihnen bewegt der große Schmerz: 'Zu früh, ach, wird der Heilige entschwinden, zu früh, ach, wird der Selige entschwinden, zu früh, ach, wird das Auge, das das Licht der Welt war, uns erloschen sein'.

   Ganz in die Stimmung des Rückblicks getaucht ist auch Buddhas Hinweis auf die Bedeutung der heiligen Stätten seines Lebens als Stätten frommer Erinnerung (HdV S110f):

   "Vier, o Ananda, sind der heiligen Stätten, die da ein gläubiger Sohn aus edlem Stamme zu schauen kommt, und wo sein Herz bewegt wird, welche vier? 'Hier ist der Heilige geboren' - wo er dies sich sagt, dies, o Ananda, ist die erste Stätte, die da ein gläubiger Sohn aus edlem Stamme zu schauen kommt, und wo sein Herz bewegt wird. 'Hier ist der Heilige zur höchsten vollkommenen Erleuchtung aufgewacht' - dies, o Ananda, ist die andere Stätte, die da ein gläubiger Sohn aus edlem Stamme zu schauen kommt, und wo sein Herz bewegt wird. 'Hier hat er, der Vollendete der Erde, der heiligen Wahrheit Rad zuerst bewegt' - dies, o Ananda, ist die dritte Stätte, die da ein gläubiger Sohn aus edlem Stamme zu schauen kommt, und wo sein Herz bewegt wird. 'Hier ist am Ende der Vollendete in des Nirvana Höhen, in des Weltverwehens leibfrei-erhabenen Urgrund hingegangen' - dies, o Ananda ist die vierte Stätte, die da ein gläubiger Sohn aus edlem Stamme zu schauen kommt, und wo sein Herz bewegt wird. Und pilgernd nahen werden da, Ananda, die Jünger und die Jüngerinnen, Laienbrüder auch und Laienschwestern, um dann in gläubiger Verehrung sich zu sagen: 'Hier ist der Heilige geboren - hier ist der Heilige zur höchsten vollkommenen Erleuchtung aufgewacht - hier hat er, der Vollendete der Erde, der heiligen Wahrheit Rad zuerst bewegt - hier ist am Ende der Vollendete in des Nirvana Höhen, in des Weltverwehens leibfrei-erhabenen Urgrund hingegangen. Und alle, die, Ananda, dann in frommer Pilgerfahrt die heiligen Stätten suchend und so die Ruhe ihres Herzens findend das Ziel des Zeitlichen erreichen, sie werden nach dem Zerfall der Leiblichkeit im Tode zur Seligkeit der Himmelswelt gelangen".

   Nachdem noch über die mehr irdisch-praktischen Dinge der Leichenverbrennung und Leichenehrung gesprochen worden ist, wird Ananda vom Schmerz übermannt. Die ganze Größe seines Versäumnisses, seines Versagens in der großen Prüfung kommt ihm jetzt zum Bewußtsein. Buddha, der ihm damals (im dritten Kapitel) mit rückhaltloser Deutlichkeit die Größe seiner Verfehlung geoffenbart hat (er hat ihm vorgehalten, wie er ihm schon früher bei den verschiedensten Anlässen an den verschiedensten Orten immer wieder jene Andeutung gegeben, und wie Ananda jedesmal den Sinn der Worte verschlafen habe), tröstet ihn jetzt mit unendlicher Liebe, mit jener Liebe, die aus der ganzen Erzählung, ihrer herben Schlichtheit und dabei so reinen und schönen Menschlichkeit spricht, und die sich überall in ihr als Wesenszug Buddhas offenbart (HdV S114).

   "Genug, Ananda, trauere nicht und klage nicht, hab' ich dir nicht, Ananda, schon zuvor dies immer klar gesagt: von allem Lieben, allem, woran das Herz sich hängt, von all dem müssen einmal uns scheiden, müssen es entbehren dann und meiden, müssen erfahren, daß unsres Daseins Weg uns von ihm trennt. Denn wie, Ananda, wäre in dieser Welt es irgend möglich, zu erreichen, daß, was geboren, was geworden, was durch des Daseins Bildekräfte sich gefügt und dem Gesetze des Verfalles unterliegt, daß dies nicht auch in Wirklichkeit verginge, das wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Du hast, Ananda, lange Zeit in Treuen dem Vollendeten gedient, bist nahe ihm gewesen in reiner, lauterer, selbstlos-unwandelbarer, unbegrenzter Liebe, und diese reine, lautere, selbstlos-unwandelbare, unbegrenzte Liebe, sie war in allem deinem Tun, in allen deinen Worten, war in allem deinem Denken. In deinen Taten lebte reine Güte, so spanne nur, Ananda, alle Kraft des geistigen Strebens an, bald wirst du frei sein von allen Flecken irdischer Trübung".

   Von hohem zeitgeschichtlichem Interesse ist die Erzählung von Buddhas letzter Unterredung, die er noch einem Angehörigen einer andern Geistesschule bewilligt, der um jeden Preis noch den Heiligen zu sprechen wünscht. Die Stelle läßt uns ahnen, wie viele immer die Unterredung mit Buddha suchten, und wie diejenigen um Buddha wachen mußten, um den Meister vor allzu großer Zudringlichkeit der Mitmenschen zu schützen. In diesem Falle wird der Bittsteller dreimal von Ananda abgewiesen: 'Genug, Bruder Subhadda, belästige den Heiligen nicht, laß ab in den Vollendeten zu dringen, der Heilige ist müde und matt'. Aber Buddha, der das Gespräch mit angehört hat, gebietet selbst den Subhadda noch vorzulassen. Subhadda, der Fragen der Esoterik auf dem Herzen hat, erkennt, daß der jetzt zu ihm spricht, der wahre Esoteriker, sein Pfad der wahre, der eine Pfad, der uralt heilige Pfad des Wisens ist, und wird, von Buddhas Geistesgröße überwältigt, des Heiligen letzter persönlicher Schüler.

   Vor seinem Hingang ins Nirvana trifft Buddha mit Liebe und Sorgfalt noch alle für den Fortgang der Dinge nötigen persönlichen Anordnungen. 'Vergänglich ist der Daseins-Bildekräfte Wesen, bleibt immer fest im strebenden Bemühen' ist seine letzte Ermahnung an die Jünger. Dann hebt sich sein Geist noch einmal aufwärts und abwärts durch alle Stufen der großen Bewußtseinsstufenleiter, die in der Yoga-Versenkung durchschritten wurde (S128). Für manche der hier genannten Bewußtseinsstufen - 'Gegenüberstehen dem Nichts' ('Sphäre des Nichts-Ist'), Sphäre der Unendlichkeit des Weltenäthers u.a. findet sich ein noch wenig beachteter Schlüssel im ersten Vortrag des Zyklus 'Mysterien des Morgenlandes und des Christentums' von Dr. Rudolf Steiner. Nachdem Buddha noch einmal bis zur ersten Stufe der Versenkung heruntergegangen ist, geht er von der vierten Stufe ins große Nirvana, ins Parinirvana, ein.  

   'Und als der Heilige hinübergegangen war ins große Weltverwehen, gleichzeitig mit dem Eingang ins Nirvana, geschah ein großes Beben dieser Erde, das alle Welt erschauern ließ in scheuer Furcht, und dumpf erdröhnte himmlisch Donnergrollen.

   Und als der Heilige hinübergegangen war ins große Weltenverwehen, gleichzeitig mit dem Eingang ins Nirvana, sprach Brahman, der Herr der Himmelshalle, diesen Spruch:

'Ablegen werden alle Wesen in der Welt einst dies Gefüge ihrer Leiblichkeit,

So wie jetzt hier der große Meister, der unvergleichliche in aller Welt,

Der also wandelte den Buddhaweg, der Herr der Kraft,

Der voll Erwachte, ins Nirvana ging.'

   Und als der Heilige hinübergegangen ins große Weltverwehen, gleichzeitig mit dem Eingang ins Nirvana, sprach der 'Erzengel der Kraft', der Drachentöter der Himmelsscharen (Buddhas Leben und Wirken fällt in ein Michael-Zeitalter), diesen Spruch:

'Nicht-ew'gen Wesens sind des Daseins Bildekräfte.

Es hält sie das Gesetz des Werdens und Vergehens.

Wie sie entstanden sind, so werden sie auch schwinden.

Ihr Schwinden ist die höchste Seligkeit'.

   Und als der Heilige hinübergegangen war ins große Weltverwehen, gleichzeitig mit dem Eingang ins Nirvana, sprach der ehrwürdige Anuruddha diesen Spruch:

'Es war ein heiliges Erschrecken,

Ein Schauer bebte durch die Welt,

Als der Erwachte ins Nirvana ging,

Der alles Höchsten und Schönsten Inbegriff uns war'.

(HdV S129f)

   Sieben Tage lang ziehen sich die Leichenfeierlichkeiten hin, die von den adeligen Fürsten des Gebietes, wo Buddha stirbt, mit großem Gepränge ausgerichtet werden. Noch immer ist die ganze Atmosphäre erfüllt von übersinnlichem Duft, von all dem, was dem Sterben des großen Heiligen ätherisch entströmte. Bis zum Wegrand, heißt es (S135), ist alles noch mit Blumen vom Paradiesesbaum bedeckt. Und ein feiner Duft höherer Wirklichkeit umschwebt die scheinbar so märchenhafte Erzählung, die wir hier zum Schlusse noch anführen wollen. Da ist gerade Kaschyapa, oder, wie er im Pali genannt wird, Maha-Kassapa, Buddhas großer Jünger - maha heißt groß - (Interessantes über ihn enthalten die Kölner Ostervorträge von Dr. Rudolf Steiner vom 10. und 11. April 1909, GA 109/111), der bei Buddhas Nirvana nicht zugegen war, unterwegs nach Kusinara. Nicht eher, heißt es in der Erzählung, soll nach der Götter Ratschluß Buddhas Holzstoß in Flammen aufgehen, als bis ihm der große Kaschyapa mit seinen Jüngern seine Verehrung bezeugt hat. Unterwegs begegnet dem Kaschyapa ein heiliger Bettler, der eben von dem Sterbeorte kommt. Diesem 'Bettler im Geiste' ist das übersinnliche, ätherische Auge geöffnet, die höheren Organe seiner Seele sind voll erschlossen für all das Unaussprechliche, Geheimnisvolle, das wie ein Äther vom Lebensbaum im Paradiese die ganze Aura des Sterbeortes mit feinem Dufte, mit sanften Tönen, mit lichten Bildern noch immer erfüllt. In ihrer Sprache sagt die Erzählung, es hätte jener Bettler 'eine der Himmelsblüten vom Paradiesbaum sich aufgehoben'. Wir lassen den Wortlaut hier folgen:

   'Zu eben dieser Zeit hatte ein 'Bettler im Geist' in Kusinara eine Himmelsblüte vom Paradiesesbaum sich aufgehoben und war damit nach Pava unterwegs. Da sah der ehrwürdige Mahakassapa aus der Ferne den 'Bettler im Geist' sich nah'n und fragte ihn: 'Kennst, Bruder, du unsern Meister?' 'Ja, Bruder, ich kenne ihn, heute vor sieben Tagen ist der Geistesjünger Gotama ins Weltverwehen eingegangen. Daher kam mir die Himmelsblüte hier vom Paradiesesbaum'. Da waren unter jenen Jüngern manche..., die stürzten da mit ausgestreckten Armen wie in jähe Tiefe gerissen hin und warfen sich am Boden hin und her, weinten und klagten: 'Zu früh, ach, ist der Heilige uns hingegangen, zu früh, ach, ist der Selige uns hingegangen, zu früh, ach, ist das Auge, das das Licht der Welt war, uns erloschen (HdV S137f).

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   Ein großer Menschheitsabschied, ein Abschiednehmen von alten Geisteskräften der Menschheit spricht sich in dieser ganzen Erzählung von Buddhas Hingang ergreifend aus. In einen blühenden, einen noch einmal zur Spätzeit blühenden Garten hat uns dieser Abschied geführt. Dem ernsten Abschied folgt das große Menschheitswiedersehen in jenem großen Weltenaugenblick, da - wiederum im blühenden Garten des noch in Ätherhöhen keimhaft sich haltenden, noch nicht zur Erde herniedergestiegenen Auferstehungswunderes - Maria Magdalene dem 'himmlischen Gärtner' begegnet.

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