UA-34182763-1

Von Hermann Beckh ein Text, der geeignet ist, den Blick auf die Vorgeschichte in einer speziellen Weise zu erweitern auf die Urgeschichte der Menschheit:
Der Ursprung im Lichte
Bilder der Genesis
(Aus der Schriftenreihe "Christus aller Erde" 1924 im Urachhaus-Verlag Stuttgart)

 

 Vorwort:

  Es konnte sich bei diesem Büchlein für den Verfasser nicht darum handeln, an die Genesisprobleme im Sinne einer heutigen Theologie heranzugehen. Denn eine Betrachtungsweise, die in den Kreisen des gegebenen Bewußtseins stehen bleiben will, kann nicht vordringen zu Schauungen, die aus einem ganz andern Bewußtsein geschöpft sind. Erkannt werden müßte, daß die Genesis - es trifft das ganz besonders ihre neun ersten Kapitel - solche Schauungen eines höheren Bewußtseins enthält, die in Bildern gegeben sind. Zu diesen Bildern dem Bewußtsein der Gegenwart den Zugang zu erschließen, kann als eine - nur-theologisch nicht zu lösende - Aufgabe empfunden werden, die einem allgemein menschheitlichen Bedürfnis entspricht.
   Es haben zu jenen Bewußtseinstiefen, aus denen die Genesis, wie die Bibel überhaupt, geschöpft ist, schon ältere Zeiten den Zugang gesucht. So haben u.a. Philo der Gnostiker, Jakob Böhme, Saint Martin, Fabre d'Olivet auf verschiedenen untheologischen geistigen Wegen versucht, an die Genesis heranzukommen. Keiner von ihnen würde uns heute dasjenige geben, was das Gegenwartsbewußtsein braucht. Von einer entscheidenden und epochemachenden Bedeutung für die hier gemeinten Probleme wurde dann in neuerer Zeit die anthroposophische Geistesforschung Rudolf Steiners. Unvergleichlich lichtbringend und dabei allen Bedürfnissen und Fragestellungen der Gegenwart Rechnung tragend ist alles, was hier aus übersinnlicher Forschung heraus über die Urzeitprobleme in dem Buche "Die Geheimwissenschaft im Umriß" und in den Zyklen, über die Genesis speziell im Münchener Vortragszyklus "Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte" gesagt ist. Für eine fortschrittlich sein wollende Betrachtung dieser Dinge ist es heute nicht mehr möglich, nicht mehr irgendwie denkbar, an jenen Forschungen Rudolf Steiners vorbeizuschauen oder vorbeizugehen. Der Verfasser gegenwärtiger Schrift ist sich des Dankes, den er nach dieser wie nach jeder andern Richtung hin der Anthroposophie und ihrem Gründer schuldig ist, tief bewußt. Doch hat er jene Ergebnisse anthroposophischer Geistesforschung nicht in äußerlicher Weise benutzt oder verwertet, sondern er war bestrebt, zur eigenen bildhaften Anschauung des Geschilderten vorzudringen, und aus dem, was sich ihm als ein Anfang einer solchen Anschauung in jahrelanger innerer Arbeit ergab, ist die gegenwärtige kleine Schrift entstanden. Das beispielsweise bei Darstellung des Bildes des fünften Schöpfungstages über den Schmetterling Gesagte hat sich ihm selbständig als eine Schauung ergeben, bevor ihm die tief inspirierenden Dornacher Vorträge Rudolf Steiners über das Wesen des Schmetterlings bekanntgeworden sind. Für alles von ihm Behauptete übernimmt der Verfasser daher selbst die Verantwortung. Verwahren muß er sich dagegen, daß für das etwaige Negative und Tadelnswürdige seiner Arbeit die Anthroposopohie verantwortlich gemacht wird. Und er glaubt, für diesen ersten Versuch einer neuen Darstellung schwieriger Probleme den einsichtsvollen Leser um nachsichtige Beurteilung bitten zu dürfen.
   Das Verhältnis des Dargestellten zur Anthroposophie lassen vor allem die als Anhang gebrachten (hier im laufenden Text rotbraun hervorgehoben) Anmerkungen ersehen, in denen alle entscheidenden Stellen der anthroposophischen Literatur, insbesondere der - seit der Dornacher Gründungsversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft Weihnachten 1923 zur Benutzung für gedruckte Werke freigegebenen - Zyklen angeführt sind. Auch im Texte selbst wird die Anthroposophie an markanten Stellen erwähnt. Neben der anthroposophischen Weltanschauung kann und soll auch das Kultische als ein geistiger Hintergrund der Arbeit in der Darstellung empfunden werden. So sprechen insonderheit Menschen-Weihe-Opfer (Messe) und Taufe von Geheimnissen der Schöpfung, von Geheimnissen der Paradiesesgeschichte das Eheritual.

Einleitung
Der Traum von Eden im Bewußtsein der Menschheit


   Wie sinngewaltige Traumbilder liegen über des Menschen Kindheit Urerinnerungen, die großen Bilder der Heiligen Schrift vom Ursprung des Menschen im Lichte und seinem Herabstieg ins Irdische, von Paradies und Sündenfall, von Bruderzwist und Sündflut, vom Ahnherrn des neuen Menschengeschlechtes, der die Flut überlebte. Als Fabel gilt dem Denken späterer Geschlechter, was also wie aus unfaßbarer Zeitenferne herüberklingt. Verstandesfinsternis breitet den Schleier des Vergessens über die Erinnerungen einer Kindheit, in die noch ein Strahl des verlorenen Paradieseslichtes fiel. Verstandeskraft hat erstarren lassen, was in dem flutenden Urgewässer einstmal noch strömendes Leben war. Und alles, was Schulwissen zusammengetragen, um den alten Menschheitstraum zu deuten, webt nur immer dichter den Schleier des Vergessens, läßt immer frostiger die Erstarrung der Seelen werden. Mit dem Paradiese ging auch des Paradieses Erinnerung immer mehr dem Menschen verloren. Erinnerung, ihrem Wesen nach selbst ein Übersinnliches, lebt heute nur von dem, was aus dem Sinnesgebiet ihr zufließt. Sie ergreift nicht mehr dasjenige, worin alles Leben der Sinne urständet. Nur im Kopfe lebt sie noch, im Herzen ist sie erstorben. Im Erdenlichte erlosch das Himmelslicht, das von Anbeginn leuchtete. Fata Morgana ist dem Herzen, das sich nicht mehr erinnert, der Traum von Eden geworden. Bei allem Wachen der äußeren Sinne schläft die Menschenseele tiefen Schlaf.
   Aber es geht durch diesen Schlaf der Menschheit etwas wie ein inneres Licht-Erleben hindurch, in dem bald deutlicher, bald dämmerhaft der Traum von Eden aufleuchtet. Feierlich stand er vor dem geöffneten Seelenauge des alten Chaldäers, wenn er emporblickte zu Sternhimmel und in ihm die leuchtende Schrift des Weltalls las, in jener Licht-Urheimat der Patriarchen, aus der Abraham auszog nach dem Lande Kanaan. Etwas wie Urlicht-Erinnerung klingt noch in dem biblischen Namen jener Heimat. Dämmernd lebte der Traum dann fort in der Seele der Patriarchen. Es war wieder unter dem funkelnden Sternenhimmel, als er in einer schicksaldeutenden Nacht noch einmal mächtig aufleuchtete in Jakobs Seelenauge. In klarstem Lichte, weite Zusammenhänge des Weltenwerdens und Menschheitswerdens überleuchtend, gestaltete er sich dann im Geiste dessen, dem wir die Inspiration der Genesis verdanken, im Geiste des Moses. In ihm vermählte sicch das alte Lichterleben mit jener Ichkraft, von der das spätere Verstandesbewußtsein der Menschheit getragen war, mit jenem Erdenlichte also, in dem das alte Himmelslicht allmählich erlosch. "Es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der Herr (Ich-Bin) erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht." Nur einmal noch ragt aus der Zeiten Finsternis das innere Lichterleben zu jener Welten- und Menschheitszusammenhänge überschauenden Höhe in Salomos Traumesweisheit. In ihr wird der Traum von Eden zum Baugedanken des Tempels, den dann die Hand des kunstfertigen Baumeisters aus Stoffen der Erde erbildet. In den geheimnisvollen Bildern des Tempels vermählt sich Menschheitsvergangenheit und Menschheitszukunft.
   Immer mehr dämmerte in der Folge das alte Lichterleben der Menschheit ab. Immer wesenloser wurde die Lichtwelt von Eden. Auf ewig wäre die Erde den Weltenhöhen entfremdet worden, wenn diese nicht selbst sich ihr liebend geneigt hätten. In die tiefste Erdennacht strahlt das höchste Weltenlicht, fällt die Offenbarung der höchsten Weltenliebe. In dem Kinde, dessen irdische Hülle zum Gefäße des Weltenlichtes werden sollte, wird der Baugedanke des Tempels, wird der Traum von Eden selber Mensch. Das alles lebt in der Weihnachtsgeschichte des Evangeliums, und es lebt im Bilde des von Engelscharen aus Sternenhöhen heruntergetragenen Grales. Im heiligen Gral sammeln sich die Strahlen des vergessenen Urlichtes, um zur neuen Lebenssonne für die Erdenzukunft zu werden. (1. So kann der Gral im Weihnachtslichte und im Osterlichte angeschaut werden. Das erstere geschieht in dem Bilde des von Engelscharen aus Sternenhöhen heruntergetragenen Edelsteines, das letztere in dem Bilde der heiligen Schale, in die das Blut des Erlösers aufgefangen wird. Das weihnachtliche Bild finden wir vor allem bei Wolfram von Eschenbach (Parzival IX,654f: "ein schar in uf der erden liez: diu fuor uf über die sternen hoch"), der, den inneren Zusammenhang von Paradieses- und Grals-Imagination ahnend, den Gral tiefsinnig desn "Wunsch vom Paradies" nennt (Parzival V,350ff): uf einem grüenen achmardi / truoc sie den wunsch von pardis / bede wurzeln unde ris / daz was ein dinc, daz hiez der Gral / erden wunsches überwal / Repanse de schoye sie hiez / die sich der gral tragen liez.)
   Eine tiefe Inspiration der Volksseele hat seit alter Zeit dem Tage vor Weihnachten den Namen "Adam und Eva" gegeben. Paradieseserinnerung, das Bild de Menschen in seiner Unschuld, wie er sie hatte in der Kindheit seines Ursprungs im Lichte, lebte im Lichte der Weihnacht auf. In diesem Lichte, aufblickend zum Sterne der Weihnacht, liest die Menschenseele wieder die Geheimnisse der Welt. Die verklungenen Urerinnerungen der Menschheit können in diesem Lichte wieder lebendig werden.
   In demselben Lichte soll hier versucht werden, die Bilderschrift der ersten Genesiskapitel zu lesen. Nicht aus dem heutigen Bewußtsein ist dieses möglich, sondern nur dadurch, daß die Seele den Zugang findet zu dem Bewußtsein, das jene Bilder schuf. Wie im einzelnen Falle ein solcher Zugang gefunden werden kann, soll nach Möglichkeit versucht werden, zu zeigen. Die Hauptsache bleibt, daß die Bilder für sich selber sprechen, daß an ihrer Wärme das Herz sich entzünden, die Seele sich aufschließen kann.

* 

 

 

I. Urschöpfung


(2. Von dieser Urschöpfung, der rein geistigen Schöpfung des himmlischen Menschen durch die Elohim, ist im ersten Genesiskapitel die Rede. Von der Erschaffung des Erdenmenschen durch Jahwe erzählt das zweite Kapitel. Dementsprechend hat das Wort bere'schit "im Urbeginne", mit ro'sch "Haupt" verwandt, den Nebensinn "zuerst im Geiste", wozu dann das zweite Kapitel als ein "darnach im Erdenstoffe" sich stellt.) 


Gen.1,1
   Andächtig, wie hintretend vor einen Altar, einen erhabenen Welten-Altar, den Weihe-Altar des großen Weltenopfers - denn Opfer ist alles Weltenwerden und Wesengestalten, alles schöpferisch-schenkende Sich-Ausgießen göttlich-geistigen Wesens - nahen wir dem ersten Schöpfungskapitel der Genesis. Sieben leuchtende Flammen strahlen uns entgegen, lebende Flammen, aus denen die Lichtantlitze göttlicher Wesen, der Weltenbildner und Menschenbildner uns anblicken, die die Bibel Elohim nennt (3. Vergl. hier und zum Folgenden Rudolf Steiner, Zyklus XIV "Die Geheimnisse der biblischen Schöpfungsgeschichte" Vortrag IIS6f), schöpferische Kräfte und Entfaltungen des Einen, der durch sie wirkt, des göttlichen Vaters, den wir im Bewußtsein unserer Menschheit erfühlen. In Ehrfurcht zu ihnen emporblickend schauen wir hinauf zu unserm eigenen Ursprung im Lichte, zum geistigen Ursprung unseres Menschenwesens, das noch als Zukunftskeim im göttlichen Gedanken der Elohim beschlossen ist. Denn Kraft des Gedankens, des Sinnens ist alles Götterwirken im Urbeginn. Nur in sich selbst findet der Geist da das Wesen, aus dem er gestalten kann. Irgendein äußeres, ein sinnliches oder übersinnliches Stoffelement, das er formen könnte, ist noch nicht da.
   Aber anders als menschliches Denken, das nur abbildet, was die Sinne erschauten, ist dieses göttliche Denken. Erst indem wir uns vom bloßen blassen Gedanken zur Andacht, zum Sinnen erheben und etwas von der bildgestaltenden Geisteskraft des Künstlers mithineinnehmen, können wir in diesem andächtigen Sinnen, dieser sinnenden Andacht uns hinaufahnen zu dem, was als ein göttlicher Gedanke, ein nicht nur abbildender, sondern bildend gestaltender, weltenwebender, wesenschaffender Gedanke im Urbeginn wirkt. Nicht kann göttliches Denken vom menschlichen begriffen werden. Aber aufgenommen fühlen kann sich der menschliche Gedanke vom göttlichen, wenn er sich in Andacht über sich selbst erhebt. Er kann da ahnen, was die Bibel mit dem Worte (4. bara. Nur von der Elohim-Schöpfung, die noch rein im Geistigen verläuft, nicht von der Jahwe-Schöpfung wird dieses Wort gebraucht, auch nie vom menschlichen Schaffen. Seine Wurzel br'h erinnert an die Wurzel brh des indischen Wortes Brahman, des schöpferischen Weltenwortes und der schöpferischen Weltenkraft) meint, mit dem sie das kosmische Sinnen, das schöpferische Weben der Elohim (5. Elohim, der Form nach Plural von Eloah "Gott", ist oftmals in der Bedeutung "Götter, Geister, Engelwesen" reiner Plural - z.B. in der Geschichte der Hexe zu Endor I Samuel 28,13 -, oft auch hat es wie hier am Anfang der Schöpfungsgeschichte das Verbum (bara) im Singular. Die ursprüngliche Vielheit wird da als Einheit empfunden. An der Stelle der Genesis 1,26 na'haseh adam "Lasset uns den Menschen machen" geht die Verbalkonstruktion in charakteristischer Weise wieder ins Pluralische über. So ist das Wort Elohim weder reiner Singular, nicht reiner Plural, sondern Einzahl in der Mehrzahl, Mehrzahl in der Einzahl hineingeheimnißt. Nur annähernd können wir dieses wiedergeben, wenn wir etwa übersetzen "Zuerst im Geiste wob der Götter schaffende Wesenheit himmlisches Oben, irdisches Unten".) im Beginne des Werdens von Himmel und Erde bezeichnet.

Gen. 1,2
   Und wie der irdische Gedanke in Begriffen scheidet und unterscheidet, so scheidet der göttliche Gedanke in wesenhafter Wirklichkeit ein Oberes, Sonnenhaft-Strahlendes, Schöpferisch-Männliches, das Himmlische, und ein Unteres, Mondenhaft-Dunkles, Weiblich-Empfangendes, das Irdische.
   Und der also in andächtiger Hingabe zum Bewußtsein gebrachte Gedanke gestaltet sich zum Bilde, zu demselben Bilde, in dem der hebräische Seher den Anfang des Erdenwerdens erschaut. Dieses Bild des sinnenden Gedankens ist der Vogel, der seine Flügel ausbreitet und brütend schwebt über dem Ei. Wie der Adler, die Taube die Flügel ausbreitet über dem Ei, so schwebt im Urbeginn der Geist der Elohim, der Geist Gottes, der Heilige Geist brütende (6. Dieses Brütend-Schweben, Schwebend-die-Fittiche-Ausbreiten liegt in dem hebräischen merachepheth, Partizip von r-ch-ph. An der einzigen Stelle, wo es sonst noch in der Bibel vorkommt (5.Mos.32,11), bedeutet dieses Wort in einer ganz ähnlichen Weise den schützend über seinen Jungen schwebenden Adler. Für eine geistige Lautbetrachtung liegt das Ausbreiten der Fittiche schon im ph-Laut. Näheres in Anmerkung 39. Bedeutungsvoll braucht die deutsche Sprache das Wort "brüten" sowohl vom physischen Vorgang beim Vogel-Ei, wie von der Gedankentätigkeit. Ähnlich ist der Sinn des im Weltschöpfungsrhythmus des indischen Rigveda (X,129) von der Schöpfertätigkeit gebrauchten Wortes tapas. tapas bedeutet zunächst Erhitzung, Brutwärme, sodann die Anspannung der Gedanken- und Willenskräfte im Yoga. Im vedischen Schöpfungslied fließen diese Bedeutungsnuancen so zusammen, daß war tapas empfinden können als das die Weltenwärme entzündende schöpferische Sinnen des Urgeistes. Im Schöpfungsbericht des Manu und anderwärts wird die göttlich-geistige Schöpfertätigkeit als Yoga-Mediatation, Dhyana, hingestellt.) über dem vom Pulsschlag des wehenden Weltenodems (7. Diese rhythmische Bewegung des kosmischen Pulsschlages und nicht bloß der Begriff des Chaotischen liegt in dem Worte tohu-va-bohu. Eine lautliche Erklärung davon gibt R.Steiner, Zyklus XIV,3.Vortrag,S3ff) rhythmisch bewegten Urgewässer.

(8. Im Bilde des Wassers wird die übersinnliche Urstofflichkeit angeschaut. Man beachte den Anklang des hebräischen maj "Wasser", Plural majim an das indische Maya, das Urweibliche, die Weltenzauberin, die die Illusion des Stofflichen webt) der ersten ätherischen Erdenstofflichkeit, im Brüten die Welten-Wärme entzündend, und in ihr den physischen Urkeim der werdenden Menschenwesenheit erbildend.
Gen. 1,3-5
   Das Bild des ersten Schöpfungstages vollendet sich in der Erschaffung des Lichtes. In die von der brütenden Wärme des Welten-Urfeuers durchdrungene Finsternis der Tiefe strahlt aus dem Urlicht-Mittelpunkte der schaffenden Wesenheiten das Licht. "Und die Gottheit der Elohim sprach: Es werde Licht! Und (9. Man muß fühlen, wie auch in der deutschen Sprache dieses "Und" mehr als ein bloßes Bindewort ist, wie etwas Waltendes, Wirkendes, Vollziehendes in ihm liegt, dasjenige, was den Willen zur Tat werden läßt. In erhöhtem Maße gilt das vom hebräischen Und-Zeichen. Vergleiche darüber die in der Schriftenreihe "Wissenschaft und Zukunft" beim "Kommenden Tag" erschienene Schrift "Es werde Licht") es ward Licht." Noch ist dieses kein Licht, das irdische Augen hätten sehen können, wie ja auch kein irdisches Auge da war, das das Licht hätte schauen, kein irdisches Bewußtsein, das das Licht hätte empfinden können. Aber für das Bewußtsein der Elohim wird durch ihr göttliches Sprechen das Licht, das sie bis dahin als ein inneres in sich getragen haben, äußeres Licht (10. Klar dargelegt von Rudolf Steiner, Zyklus XIV,8.Vortrag,S6ff, im Hinblick auf die Genesisworte: "Und die Elohim sahen, daß das Licht schön war").
   Wie im ersten uranfänglichen Scheiden des Oberen vom Unteren, des Himmlischen vom Irdischen die Kraft des göttlichen Gedankens, so waltet im Herausrufen des Lichtes aus der Finsternis die Kraft des göttlichen Wortes. Kein irdisches Ohr hätte diesem Worte lauschen, kein irdisches Bewußtsein es auffassen können. Aber wie im irdischen Denken das Geheimnis des göttlichen Gedankens, so ist im irdischen Sprechen das Geheimnis des göttlichen Wortes beschlossen, so wird auch im irdischen Sprechen, wenn in den Geist, in das Leben des Wortes liebevoll eingedrungen wird, der Schlüssel gefunden zu dem, was als das göttliche Wort, das Weltenwort im Urbeginn ertönt und Licht aus der Finsternis ruft. "Unoffenbares wird offenbar, Inneres wird Äußeres, zuvor Verschlossenes strahl lichtverbreitend und erwärmend in die Umgebung durch die Kraft der im Herzen waltenden und schaffenden Liebe" - so können wir dieses Geheimnis des Wortes in unserer Sprache zu fassen suchen. Und dringen wir hin zur ursprünglich formenden Kraft der Laute, so können wir diesen Sinn schon finden in den Lauten des hebräischen Wortes, das hier, bevor es irgendwo vom menschlichen Sprechen gebraucht wird, zuerst für das Sprechen der Gottheit dasteht (11. 'h-m-r, Infinitiv amor "sprechen". Der erste Laut Aleph (in der Umschrift durch 'h wiedergegeben) drückt aus das noch Unoffenbare, m ist die Grenze zwischen Schweigen und Sprechen, das Ruhen in der Herzenstiefe, r das nach außen Strahlende und sich Offenbarende. Es kann als mehr denn bloßer Zufall empfunden werden, daß ein und derselbe Lautkomplex im Lateinischen "Liebe" und im Hebräischen "Sprechen" bedeutet. Der Zusammenhang zwischen Sprachkräften und Liebeskräften ist im physiologischen wie im geistigen Sinne eine Tatsache. Dante nennt die im Sprechen des Urwortes der Schöpfung sich ausdrückende göttliche Wesenheit und Eigenschaft il primo amore "die Liebe im Urbeginn"). Die Genesis selbst weist uns hin auf diesen Ursinn der Laute, wo sie vom Geheimnis der göttlichen Namengebung spricht. Alle irdische Namengebung, wie weit sie sich auch vom Urwort entfernt hat, geht auf dieses Geheimnis der göttlichen Namengebung zurück (12. Ein Wort wie das hebräische jom "Tag" wird vom Verfasser der Genesis selbst als Urwort empfunden, Aktivität (j) des göttlichen Zentrums (om) steht vor uns, wenn wir an die Urbedeutung der Laute denken. Zu hebräisch jom stellt Steiner (Zyklus XiV,5.Vortrag S10) das griechische aion, wielajlah "Nacht" an das indische layapralaya erinnert Natürlich sind auch "Tag" und "Nacht" hier Bilder, durch welche wir auf die großen Weltenzeiträume hinblicken, die der Inder "Tage und Nächte des Brahman" -Manvantara und Pralaya- nennt).
   In allen diesen Bildern sind Weltenwerden und Menschenwerden noch so enge miteinander verbunden, daß wir sagen können: es ist eigentlich die Wesenheit des Menschen, seines himmlischen (oder himmlisch-irdischen) Teiles zunächst, die wir in ihrem Werden von Stufe zu Stufe in diesen Bildern verfolgen (13. Vergleiche dazu Rudolf Steiner, Zyklus XIV,9.Vortrag. Das Bild des geistigen Urmenschen, der die Wesen der niedrigeren Reiche in sich hat und erst später aus sich heraussetzt, ist ein altes. Wir finden es im nordisch-germanischen Ymir, wie vor allem im indischen Puruscha, Rigveda X90, durch dessen Opferung in der Weltenschöpfung alle Naturreiche und Wesen entstehen). Das denkende Haupt dieses "Menschen der Urbeginne" (Adam Kadmon) finden wir gleichsam in dem im Höhenlichte sinnenden Göttlichen, das Rhythmische, das atmende Fühlen im Weltenrhythmus der wogenden Urwässer (die ja etwas ganz anderes als heutiges physisches Wasser sind), den in den Gliedern lebenden Willen in der Finsternis der Tiefe, in die dann aus den Höhen das Licht hineinstrahlt (so wie auch heute des Menschen ursprünglich finsterer Wille vom Denken das Licht empfängt). Die wiederum im Leiblichen des Menschen sich spiegelnde Urdreiheit von Denken, Fühlen und Wollen ruht keimhaft schon im ersten Schöpfungsbilde. Und in ihr die göttliche Dreiheit von Vater, Sohn und Geist: von Welten-Ursein, Welten-Urwort, Welten-Urlicht. Zwischen der Einheit des Urgöttlichen und der Siebenheit formender Kräfte steht das Geheimnis der göttlichen Dreiheit.   Im Bilde des zweiten Schöpfungstages spiegelt sich dann durch die Kraft des tönenden Weltenwortes nochmal die Urdreiheit im Irdischen und bewirkt in ihm die Scheidung der Elemente: ein lichter Zwischenraum (14. Das hebräische Wort raqia'h erinnert in seinen Lauten an das indische rajas, rajah, das dort den Luftraum, das Reich der atmosphärischen Dünste, wie auch dasjenige bezeichnet, was zwischen Licht (Sattva) und Finsternis (Tamas) als die Trübe in der Mitte liegt, so daß wir in den indischen drei Prinzipien eine Entsprechung zu denen der Goetheschen Farbenlehre finden können) trennt die Wasser oben von den Wassern unten. Nur dann wird das Bild richtig gesehen, wenn wir vom irdischen Wasser, vom irdischen Luftraum eben als von einem Bilde ausgehen, und hinter ihm das Urgeheimnis des Flüssigen, das Urgeheimnis des Luftartigen ahnen. Den übersinnlichen Urkeim alles dessen, was heute in chemischen Vorgängen als das die Scheidung der Elemente Bewirkende erlebt wird, stellt die Genesis in ihrem großen Bilde vor uns hin.
   Im Werden der physischen Elemente entsteht im himmlischen Urbilde des Menschen pyhsische Leiblichkeit. Es lebt, doch noch wie leblos, dieses Urphysische in der Urfinsternis, die zuerst von der Urwärme, dann vom Urlichte durchstrahlt wird. Die erste Stufe des Menschenwerdens spielt sich darin ab (15. Rudolf Steiner nennt in der "Geheimwissenschaft" diese erste Stufe, da wo sie uns in der vorirdischen Entwicklung entgegentritt - in der irdischen wird sie dann wiederholt - die Saturnstufe. Ihr folgt mit der Entwicklung des Lebenden die Sonnenstufe, mit der Entwicklung des Empfindenden die Mondenstufe. Die vierte Stufe wärd die eigentliche Erdenstufe). In vier solchen Stufen vollendet sich dieses Werden des himmlischen Menschen.

Gen. 1,9-13
   Den großen Einschlag des Lebendigen bringt die zweite Stufe des Weltenwerdens und Menschenwerdens am dritten Schöpfungstage. Im Bilde einer sprießenden Pflanzenwelt stellt die Genesis dieses vor uns hin. Ein Sprießen und Grünen und Blühen beginnt, Leben strahlt aus dem Schoße der Gottheit, in dem es bis dahin verborgen war, herein in das zuvor noch leblose Irdische. Zuvor mußte die Scheidung der Elemente noch bis zur Sonderung des Trockenen gekommen sein. Auch diese "feste" Erde ist ein Bild, durch das wir auf etwas Höheres blicken. Es ist noch nicht die Erde, auf der ein heutiger Fuß hätte ruhen können, sondern das noch im Geistigen keimende Geheimnis der Erde, der Äther des Irdischen, der Spiegel des göttlichen Lebens, in den das Licht der Gottheit eingestrahlt ist, die Lichterde.
   In diese Lichterde, diese vom irdischen Wasser getrennte, vom Tau des himmlischen Wassers befruchtete Erde strahlt aus dem Urlichtschoße das göttliche Leben und sie wird zur lebendigen Erde, zur Paradieseserde (16. Es sind diese Geheimnisse wie sonstige Zusammenhänge der Genesis-Urschöpfung hineingearbeitet in einen bei Eliphas Levi angeführten alten lateinischen Taufspruch, der in  Übersetzung auszugsweise lautet: "In jenem Salze ist Weisheit, und vor allem Verderb bewahre es unsere Seelen und unsere Körper, durch den Geist der göttlichen Weisheit und die Kraft der göttlichen Weisheit, es weichen von ihm die Truggebilde der Stofflichkeit, auf daß zum himmlischen Salze werde das Salz der Erde und des Salzes Erde... Die Asche kehre zurück zum Quell der lebendigen Wasser und werde zur fruchtenden Erde und lasse sprießen den Baum des Lebens durch drei Namen des himmlischen Glanzes.. Im Salze der ewigen Weisheit und im Wasser der Wiedererneuerung und in der Asche, die die neue Erde sprießen läßt, geschehe alles durch die Elohim, durch Gabriel, Raphael, Uriel, in alle Zeitenkreise. Es werde ein Zwischenraum zwischen den Wassern und scheide Wasser von Wassern, das Obere vom Unteren und das Untere vom Oberen, um die Wunder des Einen zu wirken. Die Sonne ist sein Vater, der Mond seine Mutter, und der Wind hat es in seinem Mutterschoß getragen. Es steigt von der Erde zum Himmel und Himmel kommt es wieder zur Erde hernieder. Ich beschwöre dich, Geschöpf des Wassers, daß du seiest ein Spiegel des lebendigen Gottes in seinen Werken, ein Quell des Lebens und eine Abwaschung der Sünden." Man kann die Dreiheit der Elemente, von der hier in der Sprache der alten Rosenkreuzer geredet wird, hineingeheimnißt finden in die ganze Erzählung des biblischen Schöpfungsberichtes). Die Maya des Stofflich-Irdischen selbst wird Geist und Leben. Am Altare des großen Welten-Weihe-Opfers vollzieht sich das Geheimnis der Wandlung, der Transsubstantiation, das wir am irdischen Altare erinnernd nachbilden.
   Auch hier sind Weltenwerden und Menschenwerden noch eins. Im aufsprießenden ätherischen Leben der Erde entsteht zugleich des werdenden Menschen ätherisch-lebendiger Wesensteil, oder dieses Wesensteiles himmlisches Urbild.
   Nichts von den heutigen Pflanzenarten, auch nicht in einen keimhaftesten Anfängen war damals entwickelt. Das Geheimnis der Pflanzenarten und ihrer Entstehung ruhte noch in dem Urgebiet, das zugleich des werdenden Menschen Urgebiet war. Goethe hat in seiner künstlerischen Intuition dieses Urwesen der Pflanze, das noch das Geheimnis der Pflanzenarten, ihrer Entstehung und Verzweigung in sich schließt, erschaut und "Urpflanze" genannt. Von dieser lichten Urpflanze, nicht von der heutigen Pflanzenwelt spricht uns das Bild des dritten Schöpfungstages.
   Auch hier kann wieder gefragt werden: welche Möglichkeit, welchen Weg hat die suchende Menschenseele, um in die Bewußtseinstiefen und Bewußtseinshintergründe dieses Bildes einzudringen? Einen solchen Weg gibt es, und Rudolf Steiner hat ihn in seinem Buche von der Erkenntnis der höheren Welten beschrieben. Gemeint ist jener ganz konkrete Weg des Eindringens in das Ur-Ätherische der Pflanze, und damit in das Ätherische überhaupt. Nur dann werden wir aber das dort Gegebene, die vielen so geheimnisvoll erscheinende Übung mit dem Samenkorn (17. Rudolf Steiner, "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten", S76ff der Urauflage. Um die Beziehung dieses Erlebnisses am Samenkorn zum Genesisbilde des dritten Schöpfungstages recht zu erfassen, ist auch zu beachten, wie in der Genesisstelle im Hebräischen immer wieder - im ganzen sechsmal - das Wort "Same" oder "sich besamen" wiederkehrt), der wachsenden, der vollentwickelten Pflanze usw. recht verstehen, wenn wir uns liebevoll und innerlich dem Leben der Pflanze hingeben. Wenn wir mit der ganzen Seele dabei sind, wie aus dem Samen des Maiglöckchens, dem Knollen der Hyazinthe usw. der erste zarte grüne Keim emporsprießt, wie aus dem Keim das Blatt sich entwickelt, wie zum Blatt die Knospe hinzukommt, wie die Knospe zur Blüte wird, die Blüte welkend zur Frucht, die dann wieder den Samen in sich schließt, in dem der ganze Werdeprozeß von neuem den Anfang nimmt - wenn wir alles dieses liebevoll auf unsere Seele wirken lassen, wachsen wir über die bloße äußere räumliche Anschauung des Pflanzenwesens hinaus, in die Anschauung ihres zeitlichen Werdens und zeitlichen Wesens hinein, vor dem schauenden Seelenblick entsteht die lichte Urpflanze, das ätherische Urbild der Pflanze und mit ihr das Urbild der ätherischen Menschenwesenheit, das Urbild des ätherischen Leibes.

Gen. 1, 14-19
   Wie die zweite Stufe des Weltenwerdens vom Leblosen zum Lebenden, so führt die dritte vom Lebenden zum Empfindenden. Aus dem Urlichtschoße des göttlichen Lebens strahlt jetzt in dasjenige, was zuvor noch empfindungsloses Leben war, das Leben der bewußten Empfindung ein. Auch hier liegt im Weltenwerden das Menschenwerden, im Urbild des werdenden himmlischen Menschen leuchtet jetzt das Sternenleben der eigenen Empfindung auf, das zuvor noch im Schoße der Gottheit verborgen war. Ehe aber jenes Sternenleben der bewußten Empfindung im Geschöpf am fünften Schöpfungstage aufleuchten kann, erscheint das Aufleuchten der Sterne im vierten Schöpfungsbilde. Um dieses Bild richtig zu sehen, müssen wir hinauswachsen über die heutige Vorstellungsweise, die, um die Gestirne zu begreifen, dem Erdenleben entnommene Begriffe und Anschauungen in die Weltenräume hinausverlegt; wir müssen selbst in ein Sternenbewußtsein hineinwachsen, das nicht mehr das Kosmische am Irdischen mißt, sondern wieder die kosmischen Maßstäbe in das Erdenleben hineinbringt. Dann ahnen wir, wie von der Sternen nicht dieses Irdische, sondern wie kosmisches Leben, kosmische Liebe, kosmisch Wesenhaftes von ihnen uns zustrahlt. Dieses kosmische Leben, diese kosmische Liebe, dieses kosmisch Wesenhafte sieht der hebräische Seher aus Sternenräumen herunterstrahlend, im Bilde der himmlischen Lichter, Sonne, Mond, Wandelsterne und auch Fixsterne, wie wir sie heute mit dem Sinnesauge schauen. Ein solches Sinnesauge oder irdisches Bewußtsein, das äußere Gestirne hätte schauen können, war damals noch nicht da. Die Genesis spricht auch nicht davon, daß Sterne für ein irdisches Bewußtsein da waren; sondern für das Bewußtsein der Elohim waren sie da: "und die Gottheit sah, daß es schön war".

Gen. 1,20-23
    Die Zwiesprache der Seele mit den Weltenräumen leuchtet auf in den Sternen. Inneres Sternenlicht leuchtet im Empfinden der Seele. Dieses Sternenleben der Empfindung ist dasjenige, was der Mensch mit der Tierwelt gemeinsam hat, wie das bewußte Leben im Ich dasjenige ist, was ihn von der Tierwelt unterscheidet. Im Bilde eines sich regenden tierischen Lebens erschaut darum der Seher dieses Aufleuchten der Empfindung in der Welt des Erschaffenen. Was hier als Bild zunächst vor dem inneren Auge steht, ist das Bild von Raupe und Schmetterling. Im Geheimnis von Raupe und Schmetterling schaut die Seele zuerst das Geheimnis des empfindenden Lebens (18. Vergleiche dazu die (im Vorwort erwähnten) Vorträge Rudolf Steiners über den Schmetterling - Dornach 26./27.X.1923). Zur Urpflanze und Urblüte des dritten Schöpfungstages, dem Bilde des ätherischen Lebens, gesellt sich am fünften Tage, indem das Sternenleben des vierten Tages in das Erschaffene hineinstrahlt, der Urschmetterling (19. Das Wort 'hoph, das bekannte Übersetzungen mit "Vogel" wiedergeben, bedeutet jedes geflügelte Tier, also auch das Insekt, vor allem den Schmetterling. Das in demselben unmittelbaren Zusammenhang genannte Wort scheres bedeutet das kriechende Getier, die Urwurmform, die Urraupenform), als das vom Irdischen sich geistig Befreiende, das der Geistform der Raupe, als des vom Irdischen Festgehaltenen, geistig entschwebt. Der große Urgegensatz des Genesisanfangs, der Gegensatz des Himmlisch-oberen und des Irdisch-unteren erscheint jetzt als Schmetterling und Raupe. Demselben kosmischen Gedanken, der die Urpflanze ersann, entringt sich nun auch der Urschmetterling, der die Urblüte umflattert. Indem es uns gelingt, den im Lichte spielenden, im Lichte fliegenden Schmetterling nicht nur als bloße äußere Erscheinung vor dem Sinnesauge oder als bloße, vom äußeren Sinneseindruck abgezogene Erinnerung vor der Seele zu haben, sondern ein geistiges Erlebnis an ihm zu haben - in tieferen Untergründen ihres Bewußtseins haben viele dieses Erlebnis schon gehabt - können wir den Weg finden, um zu einem wahrhaften inneren Erleben des fünften Schöpfungsbildes zu gelangen. Der ganzen Verzweigung dieses empfindenden Lebens entsprechend gestaltet auch das Bild sich beweglich. Die Bilder gewinnen vor dem geistigen Auge etwas wie ein Eigenleben. Die Schmetterlingsform entwickelt sich hin zu derjenigen des Vogels, die Raupenform und Wurmform zur Drachenform (20. Hebräisch tanin nicht 'Walfisch', sondern ein Drachenwesen, vergleiche Jesaias 51,9 und andere Bibelstellen). Wie in der Urpflanze das Geheimnis der Pflanzenarten, so ist in diesen Ur-Tieresformen auch das Geheimnis der Tiergattungen, ihrer Entstehung und Verzweigung, ihres Zusammenhanges mit den Sternenregionen des Kosmos enthalten. Die äußeren Tierformen entstehen erst in der Erdenschöpfung des zweiten Kapitels (21. Der Fruchtbarkeitssegen Gen.1,22, bezieht sich, richtig verstanden, hier noch nicht auf physische Fortpflanzung, sondern eher auf dasjenige, was wir heute im wissenschaftlichen Sprachgebrauch die "Entstehung der Arten" nennen würden). Es ist zugleich wieder eine Stufe im Menschenwerden, was sich jetzt vollzieht. In das Menschenwesen strahlt die empfindende Seele ein, oder dasjenige, was das himmlische Urbild dieser empfindenden Seele ist. Und dieses Urbild ist noch ganz beschlossen im göttlichen Gedanken, der es keimhaft in sich trug und nun wesenhaft aus sich heraussetzt. Für das Bilderbewußtsein aber ist mit diesem Augenblicke das Bild der geflügelten Tierform, zunächst der Schmetterlingsform da.

Gen. 1,24,25
   Indem zur empfindenden Seele am sechsten Schöpfungstage noch hinzukommt das Abbild und Ebenbild der schaffenden Gottheit selbst, das Menschen-ich, vollendet sich dieses Urbild der Menschenwesenheit, und mit ihm das Urbild der Menschenform. Dies bedeutet die vierte Stufe des Menschenwerdens, den krönenden Abschluß des Schöpfungswerkes der Elohim, Zuvor muß zu dem, was in Wasser und Luft sich regt, noch hinzukommen das Urbild der Erdentierheit, wie es aus dem Kosmos in die werdende Erdenwesenheit hereinstrahlt. Was da als Löwe entsteht, ist nicht der heutige Erdenlöwe, sondern der kosmische Löwe als die Summe der aus einer bestimmten Region des Kosmos herunterkommenden Kraftstrahlen, die vom werdenden Menschen als Herzenskräfte aufgenommen werden. Dem Seherauge gestaltet sich dies zum Bilde des Löwen. Indem das göttliche Denken durch eine ganze Entwicklungsreihe tierischer Formen hindurchgeht, entsteht aus diesen tierischen Formen zuletzt die Menschenform.

Gen. 1,26-31
   Und das Menschen-Ich soll der Herr sein über alles, was die einzelnen Kräfte des empfindenden Lebens sind. Nur Bild für dieses innere Wesensverhältnis ist dasjenige, wovon als einem Gebote äußerer Herrschaft die Genesis ihrem Wortlaute nach spricht. Der himmlische Mensch, der Mensch der Urbeginne, Adam Kadmon, hat noch all das Wesenhafte in sich, das der spätere Erdenmensch allmählich aus sich heraussetzt. Er, das Abbild und Ebenbild der schaffenden Gottheit, ist selbst noch die Welt und vereinigt in sich alle Weltengegensätzlichkeit: "Und die Gottheit der Elohim wob im schaffenden Gedanken den Menschen zu ihrem Abbilde, zum Bilde des Göttlichen schuf sie ihn. Und sie schuf ihn ein Männliches, ein Weibliches." Den Welten-Urgegensatz des Männlichen und Weiblichen, der schon im uranfänglichen Schöpfungsgegensatze des Oberen und Unteren, des Himmlischen und des Irdischen leise anklingt, trägt der himmlische Mensch, der Gedanke der Götter und ihr Ebenbild, noch in sich selbst. Aber was so der Mensch in Einheit noch in sich trägt, ersteht vor dem Auge des Sehers im Bilde der doppelten Form, der männlichen und weiblichen. Was in diesem Bilde angeschaut wird, ist die Urverbundenheit dessen, was sich später irdisch getrennt hat, jene Urverbundenheit des Männlichen und Weiblichen im Schoße des göttlichen Lebens, von der alle irdische Verbindung das unvollkommmene Abbilde ist. (22. In charakteristischer Weise ist auch hier im Hebräischen Einzahl in die Mehrzahl, Mehrzahl in die Einzahl hineingeheimnißt. Es heißt zuerst: "...zum Bilde des Göttlichen schuf er ihn", darauf "er schuf sie, ein Männliches, ein Weibliches". Es kommt darin auch grammatikalisch zum Ausdruck, wie die Zweiheit des geschlechtlichen Gegensatzes noch in der Einheit des Urmenschen enthalten ist. Die hebräischen Worte zakhar und neqebah heißen nicht einfach "Mann und Weib" (oder "Männlein und Fräulein", wie Luther hat), sondern "männliches und weibliches Wesen" in einem viel allgemeineren als dem nur menschlichen Sinn und drücken den Formgegensatz des Männlichen und des Weiblichen bis in die Laute hinein aus.)
   "Und die Gottheit schuf den Menschen zu ihrem Bilde, zum Bilde des Göttlichen schuf sie ihn. Und sie schuf ihn ein Männliches, ein Weibliches". Ein Geheimnis ist mit diesem vielleicht gewaltigsten Satze der Heiligen Schrift vor uns hingestellt, das im wahrsten Sinne des Wortes noch Zukunftsgeheimnis ist. Denn jenes Abbild und Ebenbild der schaffenden Götter ist nicht zur Erdenwirklichkeit geworden. Verloren hat der Mensch durch den Sündenfall dieses himmlische Urbild, er ahnt nicht mehr, was von den Göttern mit ihm gewollt war. Über sich hinaus schaffen wollten sie, das Wesen wollten sie hinstellen, das die ganze Strahlenfülle des Siebenlichtes, das im Urbeginn am Welten-Schöpfungs-Altar leuchtete, in sich vereinigen sollte, das dieses Geistig-Schöpferische hereintragen sollte in das Erdensein, um an diesem Erdendasein mit göttlich-schöpferischen Kräften weiterzuarbeiten und weiterzubauen. Und aus sich selbst sollte der Mensch diese Möglichkeit finden, den göttlichen Schöpferwillen, den Willen, der die Welt im Sinne des Göttlichen weiterführt, in sich aufzunehmen. Dazu mußte ihm auch die Möglichkeit gegeben werden, von diesem Göttlichen abzuirren, sich von ihm zu entfernen, zu sündigen. Darum mußte zur Urschöpfung die andere Schöpfung hinzukommen, von der das zweite Genesiskapitel spricht. In ihr aber verfiel der Mensch den Versuchermächten, durch den Sündenfall erst wurde er der heutige Erdenmensch. Dadurch hat er das himmlische Urbild im Bewußtsein verloren. Erst dadurch, daß dieses Urbild selbst aus Himmelshöhen niederstieg und Erdenmensch wurde, konnte er es wiederfinden. Da erst war irdisch der Mensch da, den die Elohim himmlisch erschaffen hatten. Aber erst in einer fernen Zukunft wird in der Menschheit selbst das verlorene himmlische Urbild wieder da sein können. Insofern ist für uns heute der Mensch, von dem das erste Schöpfungskapitel der Genesis spricht, eigentlich noch Zukunft. Hinblicken müssen wir auf das Schöpfungstagewerk als ein gewissermaßen erst in der Zukunft sich vollendendes. Das geheimnisvollste aller Bilder der biblischen Schöpfungsgeschichte bleibt dem heutigen Menschen dasjenige, in dem diese Schöpfung ihren krönenden Abschluß findet: sein eigenes Bild, sein himmlisches Urbild.
   Gerne möchten wir auch bei diesem Bilde die Frage stellen, wie sie schon bei den andern Bildern der biblischen Schöpfungsgeschichte immer an uns herangetreten ist: was kann der Mensch tun, welche Wege kann die suchende Menschenseele gehen, um nun auch den lebendigen Aufbau dieses letzten und höchsten aller Bilder der Elohim-Schöpfung sich zu erarbeiten? Durch welches Erlebnis, durch welche innere Seelenarbeit oder Übung können wir uns die Wege bahnen zum letzten und höchsten Bilde der Urschöpfung, zum Bilde des himmlischen Menschen selbst? Keinen solchen Weg, kein solches Mittel, das noch irgendwie vom Äußeren oder Besonderen hergenommen wäre, können wir aufzeigen, um zu jenem Letzten und Höchsten schauend vorzudringen. Hier hilft nur eines der suchenden Menschenseele, daß sie sich ein immer größeres, ein immer tieferes, ein immer umfassenderes Verständnis ihres eigenen Wesens erwirbt, daß sie die Höhen und Tiefen des Wortes Mensch immer gründlicher auszuschöpfen lernt. In Selbsterkenntnis muß der Mensch lernen hinzublicken auf dasjenige, was in ihm irdisch geworden, was den Versuchermächten, was den Todesmächten, was der Sünde in ihm verfallen ist. Seiner niederen Natur muß er sich zuerst bewußt geworden sein, ehe er zur Anschauung des himmlischen Teiles seines Wesens sich erheben kann. Erst dann wird er mit dem Worte der Genesis vom Ebenbilde Gottes den wahren und vollen Sinn verbinden, erst dann wird das Bild des sechsten Schöpfungstages sich ihm wahrhaft beleben können. Nicht durch diese oder jene Einzelbetrachtung oder Einzelübung also, sondern nur durch ein immer umfassenderes und tieferes Verständnis unseres ganzen Menschenwesens, durch ein Wissen vom Menschen also, durch Anthroposophie im höchsten Sinne des Wortes können wir das letzte und höchste der biblischen Schöpfungsbilder uns wirklich erarbeiten. Wahres Wissen vom Menschen, "Anthroposophie" muß ihr Licht in uns entzünden und unsere Seelenführerin werden auf dem dunklen Wege, der die Seele hinaufführt zu den Lichtes-Höhen, von denen das Urbild des himmlischen Menschen, der Lichtschöpfung der Elohim, zu uns herunterstrahlt.

 

*

II. Andere Schöpfung 


   Atmend im Lichte der Gottheit, selbst noch wie ein Wesensglied der Gottheit, die ihn erschaffen, und aus ihren Wesensgliedern sein Wesen gefügt hatte im Übersinnlichen, lebte der himmlische Mensch der Urbeginne, Adam Kadmon, das Geschöpf der Elohim. Sollte der Mensch wirklich alle Kräfte der göttlichen Schöpfer in sich zusammenfassen, sollte er aus seiner Freiheit heraus den göttlichen Schöpferwillen in sich aufnehmen, um selbstschöpferisch am Erdendasein weiterzubauen, so mußte ihm erst die Möglichkeit gegeben werden, zu dieser Freiheit zu erwachen. Nur aus göttlichen Wesensteilen gefügt, hätte er den göttlichen Wesen gegenüber niemals selbständig werden können, in deren Schoß er noch lebte. Es mußte daher die Gottheit das aus ihren Wesensgliedern Gefügte nun dadurch verwandeln, daß sie dem Menschen jenes seinem himmlischen Wesen fremde Element einprägte, das die Bibel "Staub von der Erde" nennt. Nicht umsonst gebraucht sie hier ein ganz anderes Wort, als da, wo sie in der Urschöpfung von Erde spricht (23. Rudolf Steiner spricht hier in Zyklus XIV, 10.Vortrag S8ff unter tieferer anthroposophischer Begründung von "mondenhaftem Erdenstaub". Das hebräische Wort in der Genesis (2,7) ist 'haphar min ha adamah "Staub von der Erde", wobei auch darauf zu achten ist, daß für "Erde" hier ein ganz anderes Wort gebraucht wird als im Schöpfungskapitel, nämlich das mit adam "Mensch" verwandte Wort adamah, das im ersten Kapitel ein einziges Mal vorkommt (1,25 remes ha adamah "Erdengewürm"), während dort sonst an allen anderen Stellen "Erde" eres heißt. Adamah drückt die Beziehung zum Menschen, eres den Gegensatz zu schamajim "Himmel" aus). Etwas ganz anderes ist dieser Erdenstaub, diese Todeserde als die Lichterde der Urschöpfung, die lebendige fruchtende paradiesische Erde, die den Baum des Lebens ersprießen läßt. Bei jener Lichterde war aus dem Himmlischen das Licht der Gottheit eingestrahlt ins Irdische und hatte das Irdische verwandelt, transsubstantiiert. Die (ebenfalls noch ganz übersinnlich zu denkende) Stauberde, die Todeserde des zweiten Kapitels, ist der reine Gegensatz des Himmlischen, ist diejenige Manifestation des Geistigen, die aus dem Leben des Geistigen am stärksten herausgefallen ist
 
Gen. 2,1-4
   Daß sie so da sein konnte an dem Punkte, wo der Mensch zu seinem Erden-Ich erwachen sollte, wo sie dem Erdenmenschen eingefügt werden sollte, der der Nachkomme des himmlischen Menschen ist (24. Im vierten Spruch des zweiten Schöpfungskapitels (der in der Übersetzung Luthers ganz unkenntlich ist) gebraucht die Genesis vom Geschlecht des nun zu schildernden Erdenmenschen das Wort toledoth "Nachkommen". Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, daß wir dieses ganz wörtlich dahin zu verstehen haben, daß der Erdenmensch des zweiten Kapitels, der Jahwe-Mensch, der Nachkomme des himmlisch-irdischen Menschen, des Elohim-Menschen ist, vergleiche Zyklus XIV,11.Vortrag,S7ff), dazu war der Übergang nötig, den die Genesis im Eingang ihres zweiten Kapitels, im Bilde der großen Feiertagsruhe vor uns hinstellt, das so naiv und doch wieder so sinnig und bedeutungsvoll unsern irdisch-menschlichen Verhältnissen entnommen ist. Wir erleben diese Feiertagsruhe innerlich geistig, wenn wir empfinden können, wie sie keine bloße äußere Ruhe ist, sondern wie wir in dieser äußeren Ruhe in einem höheren Sinne arbeiten an dem, was nun nicht unser Alltägliches ist, sondern der höhere Mensch, der Feiertagsmensch, den wir auch in uns tragen. Und erfahren können wir, wie uns gerade daraus neue Kräfte für das Leben und die Arbeit des Alltags erfließen, daß wir für die Dauer des Feiertags in ein höheres geistiges Leben eintauchen konnten. Gelingt es uns dann, alles dieses ins Kosmische zu erheben und auszudehnen, so können wir uns einen Begriff erwecken von der großen Welten-Feiertags-Ruhe, die dem Sechstagewerk folgt, und verstehen, was die Bibel meint, wenn sie die Segnung und Heiligung des irdischen Feiertags an jene kosmischen Vorgänge anknüpft. Wir werden dann auch bei diesem Welten-Feiertag, dieser großen Weltenruhe des siebenten Tages den "Tag" nur als Bild nehmen, und verstehen, wie wir durch dieses Bild auf jene großen Zeiträume des Weltenwerdens hinblicken, die der Inder als "Tage und Nächte des Brahman" kennt. Und wir werden weiterhin verstehen, wie diese große Weltenruhe keine bloße Untätigkeit der schaffenden Wesen ist, sondern wie sie, indem sie sich vom Irdischen, an dem sie bis dahin gearbeitet haben, abkehren, nun diese Arbeit ihrer eigenen höheren geistigen Wesenheit zuwenden, wie sie dem, was über der Erde ist, in dieser Zeit hingegeben sind. Gerade dadurch reifen die starken Gotteskräfte, die nötig sind, um das Irdische weiterzubringen und dem himmlischen Menschen, dem Geschöpf der Elohim, jenen Erdenkeim einzupflanzen, an dem er als Erdenmensch zur Selbständigkeit erwachen und sein Erden-Ich erleben kann.

   Bedeutungsvoll ist in der Genesis das Geheimnis dieser Erschaffung des irdischen Menschen aus dem Himmlischen, der Verwandlung des himmlischen Menschen in den irdischen, wie wir auch sagen können, gebunden an den Namen, der hier an dieser Stelle zum erstenmal als Name des Göttlichen erscheint, an den Namen JHVH (Jewe, Jahwe, Jehovah oder wie wir sonst das unaussprechliche JHVH in konventioneller Weise durch Vokale zum Worte gestalten wollen). "Jahwe Elohim" - so sagt die Genesis jetzt - "bildete den Menschen als Staub von der Erde, und er blies ihm in die Nasenflügel den Odem des Lebens, und so ward der Mensch eine lebendige Seele." In derjenigen Wesenheit, die jetzt Jahwe Elohim genannt wird, wirkt fort die schöpferische Kraft der Elohim, die den Menschen dahin geführt hat, wo ihm, der vorher nur ein geistiger Mensch, ein himmlischer Mensch war, das Erdenelement und mit ihm das Erden-Ich eingefügt werden kann. Jahwe Elohim ist die Schöpferwesenheit, in der sich die Kräfte der übrigen da vereinigen, wo es sich darum handelt, die geistige Urschöpfung in die andere Schöpfung überzuführen (25. Vgl. Rudolf Steiner,Zyklus XIV,11.Vortrag,S6). Er ist derjenige, der die besondere Beziehung zu allem Irdischen hat, in dem des Menschen irdische Wesenheit selbst als in ihrem göttlichen Spiegel sich spiegelt. An der Erdenanlage, die ihm jetzt eingefügt wird, soll der Mensch zum Erden-Ich erwachen. Wehender göttlicher Weltenodem wird da im Menschen zur irdischen Atemluft, göttliche Welten-Ich-Kraft wird zum irdisch-menschlichen Ich (26. Es ist eine der Feinheiten des deutschen Wortes "ich", daß es diese Verbindung des auch in JHVH vorhandenen "Ich"-Urlautes mit der Atemwesenheit empfinden läßt). Der Mensch, wie er zuvor war als himmlischer Mensch, hatte noch nicht irdisch geatmet. Jetzt erst beginnt in ihm, wenn auch noch hoch im Übersinnlichen, jener geheimnisvolle Rhythmus von Einatmen und Ausatmen, dessen Anfang unsern Eintritt ins Erdenleben, dessen Aufhören den irdischen Tod bedeutet. Geburt und Tod, wie wir sie heute kennen, wie der paradiesische Mensch sie noch nicht kannte, sind innig verbunden mit jenem Geheimnis des Atemrhythmus, in dem Weltentatsachen sich irdisch widerspiegeln. Mit dem irdischen Atem verbindet sich im Menschen das irdisch-menschliche Ich, so wie im Göttlichen die Kraft des Welten-Ich mit dem wehenden Welten-Odem sich verbindet. Und der der Name Jahwe, JHVH, selbst ist es, der diese Verbindung der göttlichen Welten-Ich-Kraft mit der Wesenheit des wehenden Odems geheimnisvoll ausdrückt, so wie für den alten Inder jene Verbindung sich ausspricht in dem Worte Atman, das ursprünglich dasselbe wie unser deutsches "Atmen" ist und ebenfalls das "Ich" oder Selbst bedeutet. Und wenn gefragt würde: auf welchem Wege kann die suchende Menschenseele ein lebendiges Verständnis, eine lebendige Anschauung des großen Genesisbildes von der Menschen-Erden-Schöpfung (Gen.2,7) sich erarbeiten, so könnte als auf einen möglichen Weg - nicht den einzigen - hingewiesen werden auf jene Mysterien des Atems, die der alte Inder Yoga genannt hat.

   Ein anderer uns heute näher liegender Weg ist die unmittelbare künstlerische Anschauung dessen, was als ein bildhaftes Element im Namen JHVH liegt. Wie in diesen Namen hineingeheimnißt ist alles dasjenige, was als Schöpfungsgeheimnis in dem großen Genesisbilde der Erschaffung des Erdenmenschen lebt, das ganze Bildhafte des Namens JHVH und seiner Beziehung zur Menschen-Erden-Schöpfung, wir finden es in künstlerisch-großartiger Weise zum Ausdruck gebracht von Michelangelo in seinem Bilde "Die Erschaffung Adams". Gewaltig ist hier erlebt, wie der göttliche Lebensfunke, der Funke des Erdenlebens überspringt von der ausgestreckten Hand des Schöpfers auf das Geschöpf, den Erdenmenschen. In dieser ausgestreckten Hand des Schöpfers lebt das Aktiv-Willensmäßige, Bejahende, Schaffend-Handelnde, Männlich-Schöpferische und Gebende, dasselbe, was als ursprünglich formende Kraft im J, im Anlaut des JHVH-Namens sich ausspricht (das hebräische Wort für Hand, jad, ist mit dem Namen dieses Anlautes verwandt). Die Urbedeutung und formende Kraft von H ist dasjenige, was im Hauche lebt. In HVH (das als Verbum im Hebräischen "sein", geistiges Ursein bedeutet) liegt das Geheimnis des atmenden Daseins, der weiblichen Urkraft (27. Der Inder kennt die weibliche Urkraft als shakti (spr. schakti) oder svadhá (Innenkraft). Jeder Gottheit ist ein weiblicher Aspekt, eine solche shakti zugeteilt. Im Schöpfungsliede des Rigveda (X.129) wird bereits von dem Göttlich-Einen, der Urgottheit, gesagt, daß es vor der eigentlichen Weltschöpfung durch diese seine weibliche Urkraft (svadhá) ohne äußeren Odem geistig atmete), dasselbe, was dann in seiner sprachlichen Fortbildung zum Eva-Namen geworden ist. Das Ichhaft-Männliche verbindet sich mit dem, was im atmenden Dasein lebt, mit der weiblichen Urkraft der Welt. So ist der Eva-Name selber hineingeheimnißt in den göttlichen JHVH-Namen, es schaut der Mensch in diesem Namen sein eigenes göttliches Urgeheimnis an, von dem es in der Urschöpfung heißt: "Und er schuf sie, ein Männliches, ein Weibliches". Auch von Michelangelo ist durch eine Frauengestalt geheimnisvoll angedeutet, wie des Menschen weibliche Hälfte, wie das Urweibliche der Welt, Eva, noch in geistigen Höhen, beim göttlichen Schöpfer weilt. Das ganze Geheimnis des himmlischen Menschen der Urbeginne, Adam Kadmon, und seines Überganges in den Erdenmenschen spiegelt sich also im Namen JHVH. Während alle andern Gottesnamen Worte sind, mit denen der Mensch das Göttliche nennt oder meint, wird das unaussprechliche JHVH empfunden als der Name, den der Mensch schon darum nicht aussprechen soll und kann, weil es der Name ist, den nicht der Mensch dem Göttlichen, sondern den das Göttliche sich selber gibt. So wie jeder Mensch nur zu sich selbst "Ich" sagen kann, wie dieses Ich der Name ist, der aus dem verhangenen Allerheiligsten unseres eigenen Innern uns entgegentönt, so ist JHVH der Name, in dem das Göttliche gleichsam "Ich" zu sich selbst sagt.

   Und das Wort Elohim, das bei der Erden-Menschen-Schöpfung im 2. Kapitel der Genesis zum ersten Male mit dem JHVH-Namen sich verbindet, während es im ersten Kapitel und im Anfang des zweiten noch für sich allein das Göttliche bezeichnet, es kann empfunden werden als ein Schauer der Ehrfurcht weckendes Wort, in dem das Herz sich andächtig aufschließt nach den Höhen der Menschheitsurbeginne zu den geistigen Schöpfermächten und von dort in sich zurückstrahlend das Licht empfängt.

 

 

 

 

 

Michelangelo, Erschaffung Adams

Michelangelo, Die Erschaffung Adams

III. Paradies 

In Unschuld lebte der Mensch im Lichte der Gottheit auch dann, als er den Erdenkeim von Jahwe empfangen hatte. In seinem Bewußtsein trägt er nur den himmlischen Menschen, nicht den Erdenmenschen, der er geworden ist. Er lebt noch ganz von den Kräften des Baumes des Lebens; der Kräfte des Baumes der Erkenntnis, der ihm zum Todesbaum werden sollte, ist er sich noch nicht bewußt. In dieser Unbewußtheit liegt seine Unschuld.

 

Gen. 2,8-10

   In großen Bildern stellt die Bibel dieses alles hin. Sie spricht von Eden als dem höheren Lichtgebiete, das des Menschen jetzt enger gewordene, aber noch immer weltenweite Heimat umschließt. Von dieser Heimat, diesem Wohnplatze selbst spricht sie als von dem Garten in Eden. Sie spricht von den Bäumen, die Jahve Elohim selbst in diesen Garten pflanzt, vom Baume des Lebens mitten im Garten, und vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und endlich spricht sie von einem Quellgebiet von Strömen, die alle von einem Strom ausgehen, der in Eden entspringt, und von dort den Garten bewässert.

   Und wir können erkennen: hoch im Übersinnlichen, auf Bergeshöhen des Übersinnlichen liegt alles dasjenige, wovon uns die Bibel in diesen ihren lichten Paradiesesbildern spricht; nicht irgendwo auf der Erde, wie sie heute geworden ist, wie wir sie heute geographisch verstehen, sondern noch hoch über ihr (28. Dieses Motto finden wir auch in den Mythen und mystischen Traditionen anderer Völker, vor allem in Indien. So gibt es ein buddhistisches "Sutra der Urgeschichten" (Aggannasutta des Dighanikaya) mit einer Art von Paradieses- und Sündenfall-Geschichte. Auch dort wird erzählt, wie in urferner Vorzeit die Menschen noch als Strahlenwesen im Luftumkreise der Erde von Licht und Wonne lebten. Erst durch Entstehung des Begierdehaften - eines der Lichtwesen kostete einmal von der "süßen Rahmerde" - vergröberten sich die Nahrungsinstinkte, dadurch verstrickten sich die Wesen in das gleichzeitig immer dichter werdende Irdische, bis das heutige Sündenelend und soziale Elend erreicht war. Der interessante Text nimmt sich wie ein dekadenter Überrest alter hellseherischer Erinnerungen des Menschengeschlechtes aus. Dieser Dekadenz stellt sich in Rudolf Steiners "Geheimwissenschaft" ein neues Hellsehen entgegen, das es nun unternimmt, wieder in lebendiger Weise den Ursprung im Lichte schauend zu erforschen), wobei diese Höhe auch nicht nur räumlich zu verstehen ist. Und ein Bild, das uns vieles sagen kann, das uns vielleicht wenigstens einen Schritt der Anschaulichkeit des großen Paradiesebildes der Genesis näher führen kann, ist das Bild, das wir eben schon vor uns hingestellt haben, das Bild der irdischen Bergeshöhe. Nicht ohne Sinn haben diejenigen, denen wir die Inspiration der Genesis, der Bibel überhaupt verdanken, von heiligen Bergen gesprochen, nicht ohne Sinn führt uns der Christus zur höchsten Schauung, zur intimsten Zwiesprache mit dem Geiste auf die Höhe des Bergs. Aber nur der kann dieses Heilige und Inspirierende der Bergeshöhe verstehen, der nicht nur physisch, sondern geistig atmet, sieht und hört, der in der Höhenluft etwas von dem Hauche der Götter, im Höhenlichte etwas vom Lixchte der höheren Welten, an Bergblumen etwas von Farben der höheren Welten erleben kann. Wir können die Empfindung haben, daß wir auf der Bergeshöhe nicht nur näher den Grenzen der physischen Atmosphäre, sondern näher den geistigen Welten sind. Der Bergquell, der Bergstrom, das Wasser, das noch nahe seinem Ursprung in der Höhe ist, läßt uns einen Hauch von Freiheit und Reinheit, von Glück und Heiterkeit empfinden, den wir beim Strom des Tieflands nicht mehr finden. Der eine erinnert uns an die Jugend des eigenen Lebens, der andere an die Altersreife des Lebens und an den Tod.

   In solchen Vorstellungen lebend und sie vergeistigend kommen wir dem großen Bilde des Paradieses, dem Geheimnis des Gartens und der Ströme vielleicht um einen Schritt näher, können wir im Quellgebiet der Paradiesesströme ein Bild der noch vom Wasser des Lebens umrauschten Jugend des Menschengeschlechtes finden. Aber noch nicht dringen wir mit all dem zu der hinter dem Bilde stehenden übersinnlichen Wirklichkeit voll hindurch. Und es erhebt sich die Frage: Wie findet das verdunkelte Bewußtsein von heute den Zugang zur lichtesten Imagination der Bibel, zur Imagination des Paradieses? Ist das Licht, in dem wir einst lebten, ist der Garten, in dem wir wandelten, uns für immer verdunkelt? Wehrt der Cherub mit dem flammenden Schwert auf ewig den Zugang zu den Lichtgefilden? Nur tieferem Eindringen in die Rätsel des menschlichen Bewußtseins kann die Anwort auf solche Fragen werden. Dem Alltag, dem "wachen" Tagesbewußtsein sind die Lichtgefilde des menschlichen Urspungs entrückt, in jenen Regionen, in die wir allnächtlich im Tiefschlafe eintauchen, haben sie nicht aufgehört dazusein (29. Vergleiche Rudolf Steiner, Zyklus XXVII ("Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine HÜllen und sein Selbst"), 6.Vortrag. Am Schlusse dieses Vortrags werden Paradieses- und Grals-Imagination als die größen Imaginationen hingestellt, die für die Erdenzeit erlebt werden können). Allnächtlich gehen wir ein in die Lichtgefilde und wissen es nicht mehr. Vergessen, Betäubung ist der nächtliche Schlaf, nachdem einmal die Todesmächte in das menschliche Bewußtsein ihren Eingang gefunden haben, der Menschenseele geworden. Und jener Hüter der Paradiesesschwelle, an dem allnächtlich der innere Weg die Menschenseele vorbeiführt, er löscht dieser Seele, so wie sie heute durch ihr Tagesleben, ihre Tagesinteressen, durch all ihr Persönliches, durch alle Wirkungen des Sündenfalles geworden ist, ihr Bewußtsein aus. Noch empfängt auch heute der Mensch im Schlafe der Nacht einen Teil der Stärkung, die seiner ganzen Wesenheit aus jenen Lichtgefilden erfließen kann, die Lichtgefilde selbst bleiben seinem Bewußtsein verdunkelt. Nicht anders kann er diese Verdunkelung besiegen, als durch eine innere Erkraftung der Seele, durch jene Kräfte, die aus den Höhen des vergessenen Lichtes selbst sich uns schenkten und als ein neuer Einschlag in die Entwicklung der Menschheit gekommen sind. In ihnen leben wieder die Kräfte des Baumes des Lebens, den der Mensch durch den Sündenfall verwirkte. Indem wir uns mit diesen reinen Unschuldskräften in unserer Seele verbinden, können wir auch unsern Schlaf so umwandeln, daß wir in diesem Schlaf nicht ganz den bewußtseins-auslöschenden Todesmächten verfallen, sondern daß wir mit einem Rest von Bewußtsein hinüberschreiten in die Gefilde des Lichtes. Eine alte tiefe Sage (30. Erwähnt von Rudolf Steiner im Berliner Weihnachtsvortrag am 21.12.1909 - "Der Weihnachtsbaum ein Symbolum") spricht von den drei Samenkörnern des Lebensbaumes, die Adam mitnahm, als er aus dem Paradiese vertrieben war. Als Adam dann gestorben war, versenkte Seth die drei Samenkörner in Adams Grab. Und aus dem Grabe heraus erwuchs ein Baum, aus dessen Holz wunderbare Dinge gebildet wurden: der zauberkräftige Stab des Moses, ein Pfeiler im Tempel Salomos, und endlich das Kreuz auf Golgatha. In diesen Bildern ist auf tiefste Zusammenhänge der Menschheitsentwicklung hingewiesen, ist hingewiesen vor allem auf den Punkt, von dem aus die Wiederumwandlung der abbauenden Bewußtseinskräfte in aufbauende, die Verwandlung des Todesbaumes selbst in den Lebensbaum uns werden kann. In einer bestimmten Strömung des Geisteslebens wurden jene Kräfte, die zur Wiederbelebung des Paradieses führen können, im Bilde des Heiligen Grales angeschaut (31. Vergleiche dazu, außer der Einleitung der gegenwärtigen Schrift, Rudolf Steiner, Zyklus XXVII,6.Vortrag,S9ff). Die Imagination des Paradieses und die des Heiligen Grales stehen in einer inneren Verbindung. Paradieseslicht wird im Heiligen Gral zur Lebenssonne der Zukunft.

   Schlafeserleben also, ein Wachwerden im Tiefschlaf kann uns führen zu einem Erleben dessen, was in den Bildern der Genesis als des Menschen urferne paradiesische Vergangenheit geschildert wird. Das sprießende Pflanzenleben, von dem uns schon das Bild des dritten Schöpfungstages erzählte, breitet sich da um uns aus, und wir erkennen: wir, mit der ganzen Organisation und Wesenheit unseres Leibes, den wir im Schlafe mit unserer empfindenden Seele verlassen haben, sind selbst dieser sprießende Garten. Das Sternenleben, das mit dem Leben der Empfindung am vierten Schöpfungstage aufleuchtete, und das wir jetzt selbst geworden sind, läßt uns herabschauen auf den sprießenden Garten. Und wir erkennen, wie dasjenige, was aus den einzelnen Sternenregionen des Kosmos am fünften Schöpfungstag herausgeboren ist, dasjenige, was als empfindendes Leben in Wasser und Luf und auf der Erde sich regt, was dann im Bilde tierischer Wesenheiten erschaut wird, wie alles dieses mit dem Leben unserer eigenen Organe verwoben ist. Empfindendes Leben, im Bilde dieser Wesen angeschaut, breitet sich aus inmitten des sprießenden Paradiesesgartens. Und uns dämmert die Erkenntnis: dieses empfindende Leben, wir sind es selbst, oder wir waren es doch in einer urfernen Vergangenheit, solange wir noch lebten in unserer übersinnlichen Wesenheit. Wir suchen nach dem, was uns vertrieben hat aus dem Paradiese, herausgetrieben hat in das Leben der Sinne. Und vor uns steht die Schlangengestalt des Versuchers im Garten, das ganze Bild des Sündenfalles, wie ihn die Bibel uns erzählt (32. Rudolf Steiner a.a.O. Wir entnehmen dem interessanten Abschnitt, in dem geschildert wird, was erlebt würde, wenn der Mensch mitten im Schlafe hellsichtig des verlassenen physischen und ätherischen Leibes ansichtig werden könnte, das Folgende: "Und so schauen wir mit dem Gefühl, das uns eigen geblieben ist, zurück auf das, was da eingebettet ist in das Nebelgebilde, in das immer bewegliche Nebelgebilde unseres Ätherleibes als unser physisches Organ... Maßlose Traurigkeit, eine ganz melancholische Stimmung überkommt uns, wenn wir nun aufblicken zu den Weltgedanken, die in uns einströmen. Diese Gedanken beleuchten sozusagen dieses Gebilde unseres physischen Leibes und sagen uns: Das alles, was wir da sehen, das ist das letzte Dekadenzprodukt einer einstmals bestehenden Herrlichkeit... Wie eine letzte ins Physische verhärtete Erinnerung urferner Herrlichkeit erscheint uns das, was da eingebettet ist in unseren Ätherleib. Da erscheinen uns unsere einzelnen physischen Organe... Wir blicken sie von außen an, sie geistig anschauend, und siehe da, sie erscheinen uns so, daß wir uns sagen: Das alles, was wir da im physischen Leibe vor uns haben, das sind Schrumpfprodukte, verdorrte Produkte von einstmals existierenden Lebewesen... die in einer herrlichen Umgebung gelebt haben und die jetzt zusammengeschrumpft und verdorrt sind... Und es formen sich uns in diesem hellseherischen Anschauen allmählich diese Organe zu dem, was sie einstmals waren... Es wächst sich in unserer Anschauung die Lunge aus...zur Imagination des Adlers... Und wenn wir uns rückblickend an unser Herz wenden, dann fühlen wir... wie wie zurückgeführt werden in uralte Zeiten, in urferne Vergangenheiten zu einem Wesen, das der Okkultist als den Löwen bezeichnet. Und dann, die unteren Lebensorgane, sie stellen sich uns dar wie eine Erinnerung an das, was Okkultismus Stier genannt wird. Das ganze Nervensystem löst sich auf in eine Summe von uralten pflanzlichen Wesenheiten, so daß sich uns wirklich etwas darstellt wie eine mächtig sich ausbreitende Pflanzenwesenheit, darin wohnend die tierischen Wesenheiten, von denen wir eben gesprochen haben... Deshalb macht der physische Leib zunächst diesen traurigen Eindruck, weil man ihn als etwas erkennt, was sich ergeben hat wie das letzte Welkprodukt einer einstmaligen Herrlichkeit, die jetzt aufgegangen ist dem hellseherischen Blick... Und nun handelt es sich darum: Ja wer hat die Schuld an diesem Zusammenschrumpfen? Wer hat die Gestalt, die du hellseherisch dir hast, dieses wunderbare Pflanzenwesen mit den tierischen vollkommenen Gebilden... zu dem heutigen Schrumpfprodukt des physischen Leibes gemacht? Jetzt ertönt es wie eine innere Inspiration aus einem selbst heraus: Du selbst hast das gemacht, du selbst... Daß dein Wesen wie Gift hineingeträufelt ist in diese alte Herrlichkeit, das hat diese alte Herrlichkeit so zum Schrumpfen gebracht wie sie jetzt ist... Und immer mehr und mehr drängt der Mensch in seinem astralischen Leibe dazu, zu wissen, wie das gekommen ist. In diesem Moment erscheint ihm unter den tierischen Urwesen, die er hier wahrnimmt, sozusagen an der Hinterwand des Gartens wie so sich windend... in einer wunderschönen Gestalt tatsächlich Luzifer! Hier macht man zuerst Bekanntschaft durch hellseherische Betrachtung mit Luzifer... Der Mensch verband sich mit Luzifer und die Folge davon war, daß... die Wesenheiten der höheren Hierarchien nachdrängten und den Menschen... nach vorne heraus drängten... Er ist herausgejagt worden durch die Öffnungen, die heute die Sinne sind, und ist heute in der Sinneswelt, und das, worin er war in urferner Vergangenheit, ist heute zusammengeschrumpft, das stellt sein Inneres dar... Der Mensch weiß von den Dingen außerhalb... Sonst wußte er, was drinnen ist; aber dieses drinnen war groß, war das Paradies."). Wir wissen jetzt, welche Macht uns das Licht verdunkelt hat, in dem wir einst lebten. Und wir erkennen den Weg, der uns wieder zur Anschauung der Lichtgefilde und zum Bewußtwerden unseres Ursprungs im Lichte führen kann. Derselbe Weg, den die Bibel uns beschreibt als den Herabstieg des Menschen aus den Höhen des Lichtes in die dunklen Tiefen seines heutigen Erdendaseins und Erdenbewußtseins, wir müssen ihn in umgekehrter Richtung zurückfinden, um wieder zu den Höhen des Lichtes zu gelangen. Es ist der Weg durch die Tiefen der Selbsterkenntnis, die den Menschen die Versuchermächte und den Fall in die Sünde mit allen seinen Folgen in seiner eigenen Wesenheit auffinden läßt. Es ist der Weg vorbei an jener Macht, die die Schwelle des Paradieses bewacht und Unberufenen den Eintritt in die Lichtgefilde verwehrt. Alle Stationen des Abstiegs, wie ihn die Bibel uns schildert, müssen der Reihe nach Stufen des Wiederaufstiegs für die den Weg empor suchende Seele werden. Wie der Abstieg ein Weg des immer tieferen Einschlafens und Eindämmerns war, so ist der Aufstieg ein Weg des immer helleren Erwachens. Gilgamesch, der große Sohn der altassyrischen Kultur, versagte auf diesem Weg. Er konnte nicht mehr die Kräfte finden, um sein Bewußtsein im Schlafe aufzuhellen, konnte sich nicht wach erhalten in den Höhen des Lichtes, zu denen er, durch Todesfinsternis und Todesgefahren mutig hindurchschreitend, den Zugang sich erstritten. Es konnte ihm dieses nicht mehr gelingen, weil in der Epoche, in der er lebte, die Menschenseele schon zu sehr den Todesmächten verfallen war. Was Gilgamesch nicht mehr vermochte, es wurde erst wieder möglich, als am Kreuze der Sieg über die Todesmächte errungen war.

   Weite Zusammenhänge umfaßt die große Imagination der Bibel von den beiden Paradiesesbäumen, vom Baum des Lebens und vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Bis in Einzelheiten der menschlichen Physiologie, bis in die Geheimnisse von Rückenmark und Gehirn können wir der Wesenheit der beiden Bäume nachspüren. Wir können, bis zu einem gewissen Grade wenigstens, die Bilder denkend begreifen, bevor wir die Anschauung selber haben, und erkennen dann, wie eine tiefe Wirklichkeit aus jenen Bildern zu uns spricht. Wie große Grenzmarken im einzelnen Menschenleben, wie in der Gesamtentwicklung der Menschheit stehen die beiden Bäume vor uns. Wie das Leben des Einzelnen in der Kindheit gleichsam von den Kräften des Lebensbaumes seinen Ausgang nimmt, um später, besonders von der Geschlechtsreife an, immer mehr den Kräften des anderen Baumes dienstbar zu werden, so wirkt auch in die Menschheitsentwicklung bis in die indische und persische Urzeit noch immer etwas von den Kräften des Lebensbaumes herein, während die späteren Kulturen immer mehr von den andern Kräften beherrscht werden. Wie die einen Kräfte diejenigen sind, die uns hineinstellen in unser Leben, die uns die Frische der Kindheit, die Blüte der Jugend schenken, uns aber, so wie wir im physischen Leben einmal geworden sind, keine Erkenntnis verleihen, so sind die anderen, die erkenntnisgebenden Kräfte, zugleich diejenigen, die unsern physischen Organismus hinwelken lassen, die uns dem Tode zuführen. Nur dadurch kann uns, so wie wir in unserer Leiblichkeit einmal geworden sind, eine Erkenntnis werden, nur dadurch kann ein Denken sich in uns vollziehen, daß sich Abbauprozesse, Absterbeprozesse in uns abspielen, daß Todeskräfte in uns wirken. Zwischen Vorgängen des Blühens und Welkens, des Wachsens und Absterbens verläuft alles Leben, alle Entwicklung (33. Welche Bedeutung die innere Hingabe an diese Vorgänge des Blühens und Welkens, des Wachsens und Absterbens für die höhere Entwicklung des Geistesschülers hat, ist von Rudolf Steiner "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten" (im Abschnitt über die Vorbereitung) ausgeführt. Auch das dort Gesagte kann im Lichte der Genesisbilder angeschaut werden). Der Jahreslauf, der alljährliche Wandel der Jahreszeiten ist es, der über diese Tatsache alles Lebens am eindringlichsten und unmittelbarsten zu uns spricht. Er spricht zu uns in Naturbildern, hinter denen wir tiefere Geheimnisse des geistigen Lebens ahnen. Und es kann uns möglich werden, zwischen diesen sich alljährlich neu vor unsere Sinne stellenden Bildern und denen der Heiligen Schrift eine innere Beziehung zu finden.

 

Gen. 2,10-14

   Über das Geheimnis der vier Paradiesesströme kann nur wenig hier angedeutet werden. Daß wir nicht beim äußerlich Geographischen hier stehen bleiben dürfen, müßte erkannt werden. Auch was wie eine Erinnerung an bestimmte Erdgebiete uns anmutet, ist nur Bild für eine in der Zeit, auf die sich das Bild bezieht, noch in höheren Daseinsgebieten liegende Wirklichkeit. Auf die höchsten Bergeshöhen des Übersinnlichen führt uns die Genesis da, wo sie vom Quellgebiet der vier Ströme spricht. In seiner eigenen damals noch Weltenweiten umspannenden Wesenheit wird der Mensch dieses Quellgebiet suchen müssen. Das Geheimnis der Vierheit, durch welches er in vier Stufen zur Höhe seines geistigen Wesens emporgeführt wird in der Schöpfung der Elohim, es begegnet uns wieder in der Vierheit der heiligen Ströme. Sie haben ihren Ursprung in Eden als dem umfassenden Lichtgebiete, in dessen Mitte der Paradiesesgarten des Menschen engerer Bereich ist. Wie der Mensch noch heute in allen Teilen seiner Wesenheit mit der ihn umschließenden Welt und ihren Lebensströmen verbunden ist, so war er es noch viel mehr in seinem paradiesischen Dasein (34. In eine bedeutungsvolle Beziehung bringt das Ritual der katholischen Kirche die vier Paradiesesströme zu demjenigen, was als ein neuer Lebensstrom vom Kreuze auf Golgatha seinen Ausgang nimmt. Alles dieses kann noch vertieft werden aus anthroposophischer Betrachtung heraus, die uns zeigt, wie auf Golgatha wirklich der Keim einer neuen Erde und Zukunftssonne der absterbenden Erde einverleibt wurde. Wie das Leben der neuen Erde von dem Blutstrome auf Golgatha seinen Ausgang nimmt, so das Leben der jetzt ins Absterben gekommenen Erde von den vier Lebensströmen im Paradies. - Über das erwähnte katholische Ritual - es handelt sich um eine Weihe des Taufwassers - findet sich im "Meßbuch der heiligen Kirche" von Anselm Schott, 22.Auflage,S362, das Folgende: "Der Priester teilt das Wasser nach vier Seiten in Form des Kreuzes, um anzudeuten, daß vom vierarmigen Kreuze die Gnadenflut des kostbaren Blutes in die vier Weltrichtungen des neuen Paradieses ströme". - Dazu später die Gebetsworte: "Der dich aus der Quelle des Paradieses hervorströmen ließ und dir befahl, durch vier Flüsse die Erde zu befruchten, der deine Bitterkeit in der Wüste in Süßigkeit verwandelte und dich trinkbar machte, der dich dem Felsen zur Labung des dürstenden Volkes entlockte. Ich segne dich auch durch Jesus Christus, seinen eingebornen Sohn, unsern Herrn, der dich zu Kana in Galiläa durch ein Wunderzeichen seiner Allmacht in Wein verwandelt hat, der mit dem Fuße auf dir wandelte, der von Johannes im Jordan mit dir getauft wurde, der dich zugleich mit Blut aus seiner Seite hervorquellen ließ, der seinen Jüngern befahl, die Gläubigen mit dir zu taufen, indem er sprach: Gehet hin, lehret alle Völker und taufet sich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.")

   In einer besonderen Weise finden wir mit dem ersten der vier Ströme Geheimnisse des Physischen in Verbindung gebracht: "Der Name des ersten Stromes ist Phison, er fließt um das ganze Land Havilah, dort findet man Gold. Und das Gold des Landes ist köstlich; auch gibt es dort die edle Substanz Bedolah und den Edelstein Soham." Das Geheimnis des Goldes und des Edelsteins und andere Geheimnisse einer höheren Alchymie sind verwoben mit dem Geheimnis des Paradieses und der Paradiesesströme. Wenn wir auch hier nicht stehenbleiben beim physischen Gold und beim physischen Edelstein, wenn wir hindurchdringen zum Urständen alles Physischen im Lichte und in den Kräften des Übersinnlichen, des Geistigen, wenn wir endlich auch verstehen den geheimnisvollen Zusammenhang der menschlichen Natur und Leiblichkeit mit allen physischen Substanzen und Elementen - so ist Kohlenstoff in der Erde auch als Diamant, im Menschen als der chemische Grundstoff alles Organischen enthalten - können wir etwas von jener uns in der Genesis angedeuteten höheren Alchymie ahnen. Es eröffnet sich dann von einer ganz neuen Seite her ein Zugang zu dem an Geheimnissen so reichen Bilde der Bibel vom Paradiese und den Paradiesesströmen. Nur einige Andeutungen zum Geheimnis des Goldes seien hier aus anthroposophischer Geisteswissenschaft gegeben, aus jener Betrachtungsweise also, der sich auch das Stoffliche wieder in Geist verwandelt, der auch Materie ein Phänomen des Geistigen wird. Das Licht erkennen wir da als etwas Geistiges, als Urphänomen des Geistigen und alle sogenannte Materie als Verdichtung des Lichtes und Verdunkelung des Lichtes. Das Geheimnis des Goldes wäre dann dieses, daß uns in ihm auch in der stofflichen Verdichtung, im Reiche des Mineralischen, des finsteren Lichtgegensatzes das ursprünglich Lichthaft-Sonnenhafte wie in die physische Substanz selbst hineingeheimnißt entgegenträte. Im Golde erglänzt uns das Lichtgeheimnis aller physischen Materie. Und im Edelstein steht die mineralische Welt an dem Punkte, wo sie wieder durchscheinend wird für das Licht, wo sie wieder lichtverwandt uns entgegentritt. Die schwarze Farbe der Kohle, der finstere Gegensatz des Lichtes, wird im Diamanten wieder zum Lichte, in dem das Geheimnis der Farben uns erstrahlt. Alles dieses kann, bevor es höhere Wirklichkeit in uns wird, uns Sinnbild werden dafür, wie der Mensch die eigene Substanz läuternd und vergeistigend umwandeln, das in ihm finster Gewordene wieder zum Lichte hinaufführen kann. Der alte Rosenkreuzer nannte diesen Prozeß die "Arbeit mit dem Stein der Weisen" (35. Vergleiche darüber Rudolf Steiner, Zyklus I - "Vor dem Tore der Theosophie" - S73f.u.a.). In solcher Arbeit findet die Menschenseele einen sicheren Weg, der sie wieder hinaufführt in die Bergeshöhen des Übersinnlichen, von denen der Genesis die großen Bilder unseres Ursprungs im Lichte gekommen sind, einen Weg hinauf in die Gefilde des Lichtes, in das Quellgebiet der ewigen Ströme. Als Zukunftsausblick steht solches vor dem geistigen Auge des Novalis, wenn er in "Christenheit oder Europa" sagt: "Wie von selbst steigt der Mensch gen Himmel auf, wenn ihn nichts mehr bindet; die höhern Organe treten von selbst aus der allgemeinen, gleichförmigen Mischung und vollständigen Auflösung aller menschlichen Anlagen und Kräfte als der Urkern der irdischen Gestaltung zuerst heraus. Der Geist Gottes schwebt über dem Wasser, und ein himmlisches Eiland wird als Wohnstätte der neuen Menschen, als Stromgebiet des ewigen Lebens zuerst sichtbar über den zurückströmenden Wogen."

*

 

 

 

 

Titelbild von Rex Raab: Wilhelm Rath - Bernardus Silvestris