UA-34182763-1

IV. Eva

(Fortsetzung von 3e) 

Gen. 2,15-20

   Der Mensch ist so, wie er ursprünglich im Paradieseslichte lebt, noch nicht eigentlich von seinem göttlichen Schöpfer geschieden. Jahwe, der ihm die Erdenluft eingehaucht, das Erdenstaubelement, das der Mensch noch unschuldig-unbewußt in sich trägt, eingeprägt hat, ist selbst noch als des Menschen geistiger- himmlischer Teil sein ganzer Bewußtseinsinhalt. Die Verbindung des Männlichen und des Weiblichen der Welt, die das Geheimnis des Menschen der Urbeginne, des Geschöpfes der Elohim war, sie lebt noch im Menschen, so wie sie sich ausdrückt im Namen, der selbst des Menschen Geistiges widerspiegelt, im Namen Jahwe, JHVH. In der Unschuld seiner Gottesnähe, im harmonischen Gleichgewicht mit den unschuldigen göttlichen Kräften seines vollmenschlichen Wesens "baut" der Mensch noch schöpferisch gestaltend an seiner irdischen Umgebung, an seinem eigenen irdischen Wesen.

   Die Gottesnähe, in der der unschuldige, noch über den Gegensatz der Geschlechter erhabene Mensch in seinem paradiesischen Bewußtsein lebt, findet ihren Ausdruck in der Kraft des göttlich-schöpferischen Wortes, die noch ungebrochen durch den Menschen hindurchgeht. Die Sprache war noch übersinnlich, sie war noch nicht irdisch geworden. Der Mensch, so wie er lebte im Paradies, war selbst noch Träger des Weltenworts. Er erlebte sich und die Umwelt - Mensch und Welt waren noch nicht wie heute geschieden - im Weltenwort. Was er dann selbst an niedrigeren Organismen aus seiner Wesenheit heraussetzt, dem gibt er die Namen aus der Wesenheit des göttlichen Weltenwortes. Das Wort, das Geheimnis der Namengebung, das im Urbeginne bei Gott war, ist jetzt beim Menschen, weil der Mensch selber noch bei Gott ist. Die Geheimnis des Atems selbst lebende göttliche Worteskraft hatte er noch nicht aus sich herausgesetzt, sie war noch nicht seine äußere Gehilfin geworden.

   Es ist eins der Geheimnisse des Namens JHVH, daß das Urweibliche der Welt, Eva, ehe es mit Adam äußerlich sich verband, noch unmittelbar im göttlichen Lichte mit der Hand des göttlichen Schöpfers, mit dem Willensteile des Göttlichen selbst verbunden war. Es wurde erwähnt, wie Michelangelo in seinem Bilde "Die Erschaffung Adams", dieses zum Ausdruck bringt. Da war jenes Urweibliche der Welt noch nicht HVH (die hebräische Namensform von Eva), sondern 'HVH, göttliches Ursein, göttlich-weibliche Urkraft. Erst nach dem Sündenfalle ist dieses Geistige eigentlich irdisch geworden, was in dem Übergang des geistigen H in das irdische 'H (=Ch) seinen sprachlichen Ausdruck findet. Da erst erhält das Urweibliche der Welt den Namen HVH, Eva, Urmutter der Lebendigen: "Und Adam gab seinem Weibe den Namen Eva, darum daß sie die Mutter alles Lebendigen ist" (Gen.4,20).

 

Gen. 2,21-25

   Dieses Irdisch-Werden der Eva hat eine Vorstufe darin, wie sie noch im Vorirdisch-Übersinnlichen, im Paradies als des Menschen weiblicher Teil sich von ihm trennt und zum äußeren Dasein kommt. Dieses Ereignis, das einen wesentlichen Wendepunkt in der menschlichen Bewußtseinsentwicklung, einen Herabstieg des Menschen ins Irdische bedeutet, erzählt uns die Genesis in dem Bilde von Adams Schlaf. Beim Aufstieg aus dem heutigen Erdenbewußtsein zu den vergessenen Höhen des Lichtes, so fanden wir, hilft die Aufhellung des Schlafes, das Wachwerden im Schlafe. So stellt sich dann da, wo nicht der Aufstieg, sondern der Abstieg nach dem Erdenbewußtsein und Erdendunkel hin geschildert wird, ganz von selbst als Bild des Entgegengesetzten ein, also das Bild eines immer tieferen Einschlafens und Abdämmerns des ursprünglichen Bewußtseins. Vom Gesichtspunkte des Geistigen ist es ja wahr, daß das heutige "Wachbewußtsein" ein tiefer Schlaf der Menschenseele ist. So verstehen wir denn den ersten Teil des Bildes der Genesis leicht: "Und Jahwe Elohim ließ einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er entschlief." In seinem früheren höheren paradiesischen Bewußtsein hatte der Mensch noch nicht nötig zu schlafen. Jetzt kommt der erste Schlaf über ihn, was der Mensch heute als die Notwendigkeit des Schlafes empfindet, hatte damals seinen ersten entwicklungsgeschichtlichen Anfang. Natürlich müssen wir uns auch bei diesem "Schlafe Adams" klar darüber sein, daß der Mensch noch nicht war, wie wir heute sind, und daß auch sein "Schlaf" etwas anderes war als unser heutiger Schlaf, daß Vorgänge in all dem geschildert sind, die noch hoch über allem heutigen Erdendasein und Erdenbewußtsein liegen. Ein Herabdämmern eines ursprünglichen höheren Bewußtseins, ein Dunklerwerden des Bewußtseins, ein Herabsinken des Menschen in geistige Regionen, die immer noch von sehr lichter Art, aber gegen die Urlichtregion gehalten doch schon dämmerhaft, traumhaft, herabgedämpft sind - dieses ist es, was durch das Bild jenes Schlafes sich uns kundgibt. Es handelt sich dabei nicht nur um eine biblische Imagination, ein Genesisbild, sondern um ein allgemein menschheitliches Bild -möchte man sagen-, ein Bild, das uns besonders da entgegentritt, wo noch Zustände älteren Hellsehens in die Literatur inspirierend hereingewirkt haben, wie beim Märchen und in alten Sagen. Wir denken an des Märchen vom Marienkind, dem armen Mädchen, das bei der Jungfrau Maria im Himmel verweilen darf, aber dann zur Strafe für eine Unwahrhaftigkeit von der Jungfrau aus dem Himmel verwiesen wird. "Da versank das Mädchen in einen tiefen Schlaf, und als es erwachte, lag es unten auf der Erde, mitten in einer Wildnis." Oder an das Märchen vom Dornröschen, wo die vom Stich der Spindel getroffene Königstochter in einen tiefen hundertjährigen Schlaf versinkt, bis der Königssohn kommt und sie wachküßt. In diesem schönen Märchenbilde blicken wir auf reale Vorgänge im Menschheitsbewußtsein, das auch in einem bestimmten Zeitpunkte die atavistischen Kräfte und Reste alten Hellsehens verliert, und hinüberdämmert in die Zeit des Verstandesbewußtseins, jenes "wachen" Bewußtseins, das gegenüber einem höheren geistigen Bewußtsein doch nur ein Schlaf ist, in dem die Menschheit solange weiter schlummert, bis aus den Regionen, aus denen der Christus einst herabgestiegen, wieder ein höheres Bewußtsein an uns herankommt, und die Menschenseele, aus ihrer Erdenenge sich befreiend, wieder den Weltenweiten und dem Weltenlichte sich erschließt. Ein ähnliches Motiv wie Dornröschen finden wir in der nordischen Sage als die Walküre, die von Wotan in Schlaf versenkt wird, und dann dem irdischen Manne verfällt, der sie erweckt. Aus einem Götterbewußtsein schläft die Walküre hinüber in ein irdisch-menschliches Bewußtsein. So schläft auch Adam, der Mensch der Genesis, aus einem Bewußtsein, das noch ganz ein Götterbewußtsein war, hinüber in ein anderes, das schon um vieles irdischer und menschlicher, wenn auch noch immer viel höher, lichter und geistiger als unser heutiges Bewußtsein ist.

   Worin besteht jene Herabdämpfung und Einengung im Bewußtsein des Paradiesesmenschen? Was ist es eigentlich, das Adam in seinem Schlafe verliert? Wodurch war sein Bewußtsein früher ein göttlicheres gewesen? Hier müssen wir uns daran erinnern, wie die Göttlichkeit und Gott-Ebenbildlichkeit des Menschen der Urbeginne, Adam Kadmon, darin bestand, daß sein Bewußtsein noch Weltenweiten umfaßte, daß er noch nicht Stückwerk geworden, aus dem Ring der Ewigkeit in seinem Bewußtsein noch nicht herausgefallen war. Die beiden Urgegensätze der Schöpfung, auf deren Entfaltung alles Weltenwerden beruht, schlossen sich in ihm noch zum Ringe der Ewigkeit; indem Mann und Weib in ihm noch verbunden waren im Göttlichen, war sein Bewußtsein noch ein reiner Spiegel des Jahve-Bewußtseins. Diese Verbundenheit des Männlichen und des Weiblichen im Innern der eigenen Wesenheit ist dasjenige, was der Mensch durch das Irdischerwerden seines Bewußtseins, durch die herabziehende Kraft des ihm eingepflanzten Erdenelementes nun verliert. Dadurch wir der Kreis seines Bewußtseins ein engerer, er umfaßt nicht mehr die Weltenweiten, die Wesen, die vorher eigentlich nur Bestandteile seiner eigenen physischen und ätherischen Organisation waren, hat der Mensch jetzt als äußere Wesen, als Teile einer ihn umgebenden Umwelt aus sich herausgesetzt. Und als den weiblichen Teil seines Wesens setzte er heraus dasjenige, was vorher, solange es noch in ihm selber war, vor allem die weltumfassende Fülle seines Bewußtseins bedingte. Vorher war er nur Mensch, jetzt wird er Mann und Weib, dem Manne in ihm ist das weibliche Gegenbild zur äußeren Umwelt geworden. Und es ist derjenige Teil seiner Umwelt, an dem sein Bewußtsein als ein irdisches vornehmlich erwacht, an dem dieses Bewußtsein allmählich zum Sinnesbewußtsein wird. Am weiblichen Gegenbilde erwacht das Leben der Sinne. Und es weckt dieses Gegenbild die Erinnerung an die frühere Göttlichkeit. Das Bewußtsein des Menschen, im inneren Kreise verengert, ist nach außen hin reicher geworden.

   Das alles stellt die Bibel vor uns hin in der Art, wie sie das Bild vom Schlafe Adams dann weiter ausspinnt. "Und Jahwe Elohim - so sagt Genesis 2,22 - baute die Rippe, die er von dem Menschen genommen hatte, zum Weibe, und er brachte sie hin zum Manne." Es geht voraus, wie er eine der Rippen vom Menschen nimmt, und die Stelle dann wieder verschließt. Im Bilde der Rippe sieht die Genesis dasjenige, was der Mensch zuvor im Innern seiner Wesenheit hat, und woraus dann das Weib gebildet wird (36. Nur eine Andeutung, keine restlose Erklärung dieses eigenartig geheimnisvollen Bildes der Genesis ist damit gegeben. Es handelt sich bei jenem Bilde von Adams Schlaf und der Rippe um dasjenige, was in der anthroposophischen Betrachtung als der Übergang aus der hyperboräischen Zeit - wo der Mensch noch doppelgeschlechtlich, männlich-weiblich war - in die früh-lemurische Zeit erscheint, wo die Trennung der Geschlechter sich anbahnte, der Mensch männlich und weiblich wurde. Wir blicken da gleichsam hin auf einen Bewußtseinshöhepunkt mit nachfolgendem Bewußtseinsabstieg. Das einem solchen Wendepunkt der Bewußtseinskurve am Himmel entsprechende Zeichen ist der Krebs. Die Sonne steht da in dem großen Weltenjahr im Zeichen des Krebses, so wie sie es im kleinen Jahre zur Zeit ihrer sommerlichen Höhe tut, wenn die Tage am längsten geworden sind und wieder abnehmen, wenn die nördliche Bewegung der Sonne wieder in südliche sich umkehrt. Innerhalb der menschlichen Organisation gehört das Tierkreiszeichen des Krebses zum Brustkorb, zu den beiden Hälften des Brustkorbs, deren Abbild wir auch in dem herkömmlichen Schriftzeichen jenes Himmelsbildes wiederfinden können. Seelisch gehört dazu jenes Glied der menschlichen Innenwesenheit, das anthroposophisch die Empfindungsseele genannt wird, derjenige Teil des Innern also, durch den der Mensch in eine seelische Beziehung zur Außenwelt tritt. Auch dieses ist einer der Gesichtspunkte, der uns wieder auf Genesis 2,22 hinführt. Denn indem der Mensch anfängt, sich an seinem weiblichen Gegenbilde für die Außenwelt aufzuschließen, erwacht in ihm die Empfindungsseele. Es steht dieses Erwachen der Empfindungsseele also mit der Erschaffung der Eva aus der Rippe in einem unmittelbaren Zusammenhang. - Das neutestamentliche Gegenbild zu "Adams Rippe" ist die Seitenwunde Christi, Joh.19,34.). Wie anderes, wovon hier gesprochen wird, ist auch die Rippe wiederum ein Bild für Übersinnliches, da der paradiesische Mensch ein festes Knochengerüst, wie wir heute, noch lange nicht hatte, und auch sein Physisches noch ätherisch war. Wunderbar spiegelt sich in den erstaunten Worten, die die Genesi den Menschen nach jenem Geschehnis sprechen läßt, die Bewußtseinstatsache, wie der Mensch nun an Eva seine Außenwelt erlebt, wie sein Bewußtsein in einer andern Weise, als es dies vorher sein konnte, ein Außenweltbewußtsein wird. Und tief ist auch das Bild des letzten Satzes: "Und sie waren beide nackt und schämten sich nicht." Durch das Bild der Nacktheit blicken wir nicht auf die heutigen physische Gestalt des Menschen (die der Mensch damals so noch nicht hatte), sondern auf das ihm von Jahwe eingepflanzte Irdische, so wie er es damals hatte. Er hatte es in sich, aber er wußte es noch nicht, in seinem Bewußtsein lebte nur das Göttliche seines paradiesischen Menschen. Ein irdisches Wesen an sich haben und sich dessen bewußt sein, heißt in der Bildersprache der Bibel: sich als nackt empfinden, nackt sein und darum wissen. Und für ein geistiges Bewußtsein müßte ein solches Wissen um die Nacktheit zu einem Sich-Schämen werden. Der paradiesische Mensch schämt sich seiner Nacktheit nicht, weil er sich ihrer nicht bewußt ist, weil er von dem, was er als irdisches Staubelement in sich trägt, noch nichts weiß. In Unschuld lebt er noch von den Kräften des Lebensbaumes, vom Baum der Erkenntnis hat er noch nicht gegessen. Nur des Ätherischen der Lichterde ist der Mensch sich bewußt, nicht dessen, was er als das Erden-Staub-Element und Todeselement in sich trägt. Indem sein Bewußtsein noch ganz sich hingibt dem paradiesischen Strahlenlichte, ist auch sein Irdisch-Physisches noch ganz eingebettet in das Ätherische der Lichterde, wie in ein strahlendes Kleid (37. Jenes Strahlenlicht des Ätherischen, in das des Menschen Physisches eingebettet ist, bilden wir kultisch ab im weißen Gewande des Priesters am Altar, während das schwarze Gewand, das er verborgen unter dem weißen trägt, symbolisch ist für den irdisch-physischen Wesensteil, den der paradiesische Mrensch als den von Jahwe ihm eingepflanzten Erdenkeim noch unbewußt in sich trägt.).

*

V. Sündenfall

 

   Ihren dramatischen Wendepunkt findet die Paradiesesgeschichte in dem großen Bilde vom Sündenfall, von der Verführung des Ur-Menschenpaares durch die Schlange. Nur Tiefe der Selbsterkenntnis kann zu diesem weltentiefen Dokumente menschlicher Ur-Selbsterkenntnis den Zugang erschließen.

   Das Irdischwerden des Menschen, das sich in der Einprägung des Erdenelementes durch Jahwe und in Adams Schlaf, in der Entstehung des äußeren Gegensatzes der Geschlechter nur erst vorbereitet hat, vollendet sich im Sündenfall. Erst durch den Sündenfall sinkt der Mensch von den Urlichthöhen in die eigentlichen Erdentiefen herab. Und die Bibel selbst drückt, wenn wir sie genauer ansehen, dieses aus, daß es sich dabei um Vorgänge handelt, die sich durch Menschheitsepochen erstrecken (Gen. 3-11). Das noch ganz in überirdischen Höhen liegende Ereignis im Paradies findet seine Abspiegelung in dem, was dann in anderen, mehr irdischen Sphären geschieht: in der Kainsgeschichte und in der Sündflut. Erst nach der Sündflut, in dem, was in dem Bilde des Turmbaus zu Babel (Gen. 11) die Genesis uns erzählt, berühren wir das dichte Irdische, an das unsere heutige Vorstellung des Irdischen uns denken läßt. Und was bei diesem Turmbau von der Sprachenverwirrung erzählt wird, ist letzte unmittelbare Auswirkung des Sündenfalles. Das Wort, das im Menschen der Urbeginne noch als göttliches Urwort lebte, verfällt den Mächten des Irdischen und zersplittert sich.

   Ihren eigentlichen Erdenmittelpunkt hat die Sündenfallgeschichte im Brudermorde es Kain. Die Versuchungsgeschichte im Paradies ist dazu das höhere Vorspiel. Das Erdenelement, an dem der Mensch zum Erden-Ich im Sinne des göttlichen Schöpferwillens hätte erwachen sollen, wird ihm zur verführerischen Erdenfrucht, durch die die Gegner der göttlichen Schöpfermächte, insonderheit diejenige Macht, die Gegner des Jahwe ist, ihre Ziele beim Menschen zu erreichen sucht. Eine Schilderung der Vorgänge, wie diese Macht zum Gegner der Götter werden konnte, würde in noch höhere Regionen des Geistigen uns führen, die wir in der Genesis nur da ahnen können, wo dasjenige, was dort vorging, in der Kainsgeschichte sich abspiegelt (38 Vgl. dazu die tiefsinnigen Ausführungen von Rudolf Steiner in Zyklus XXXV - Die Evolution vom Gesichtspunkte des Wahrhaftigen - im 5. Vortrag. Im vorausgehenden 4. Vortrag ist gesagt, wie wir die große neutestamentliche Widerspiegelung des kosmischen Verzichtes, durch welchen Götter dem Bösen den Einlaß in die Weltenentwicklung gegeben haben, da finden, wo der Christus Jesus beim Abendmahl den Bissen in die Schüssel taucht und dem Verräter gibt.). In Mythen der alten Inder vom Kampfe der Götter mit den Dämonen (vgl. dazu auch Apok. 12) finden wir von jenen Vorgängen bildhafte Andeutungen.

   Als Jahwe dem Ebenbilde der Götter das den Todeskeim in sich tragende Staubelement der Erde einfügte, war diesem Ebenbilde damit die Möglichkeit gegeben, dasjenige, was sich vom göttlichen Leben abgetrennt hatte, in Freiheit zu ihm zurückzuführen. Vorher ein bloßes ohnmächtiges Glied im Leben der Gottheit, hätte der Mensch in Freiheit und Selbständigkeit den göttlichen Willen in sich aufgenommen, und an der Erde schöpferisch weiterbauend, das Irdische der Harmonie des Himmlischen eingegliedert. Dem göttlichen Ich, dem Geschenke der Elohim hätte sich das erwachte Erden-Ich, die Gabe des Jahwe, in Freiheit verbunden. Der Tod wäre in Leben verwandelt worden. Daß dies zunächst vereitelt wurde, bewirkte eine andere Macht, die der Gegner des Jahwe ist. Die Bibel stellt sie dar im Bilde der Schlange, des irdischesten der Erdentiere. Es lebt in der am Erdboden kriechenden Schlange das Bild dessen, was aus dem Ringe der Ewigkeit heraustretend nun im Irdischen auseinanderstrebt, solange in die Weltengegensätzlichkeit auseinanderstrebt, bis sich die Schlange selbst in den Schwanz beißt und dadurch wieder zum Sinnbild des Ringes der Ewigkeit wird. Schon in ältesten Zeiten wurde die Schlange als Sinnbild höchster Weltengeheimnisse empfunden.

   So liegt ein Zweischneidiges in dem, was dem Menschen als Geschenk von den Göttern ursprünglich gegeben war. Es liegt dieses Zweischneidige gerade in dem, wodurch der Mensch zur Krone der Schöpfung wurde, im Ebenbilde Gottes. In dem, was zu dem nur empfindenden Leben, wie es auch den Tieren eigen ist, als das Ich beim Menschen hinzutritt, findet dieses Ebenbild seinen Ausdruck. Indem das Ich zum Erden-Ich wird, erhält das Ebenbild der Götter die Möglichkeit, sich gerade aus dieser Ebenbildlichkeit heraus gegen den göttlichen Schöpferwillen zu stellen, in einer vom Göttlichen abgetrennten Sphäre sich selbst als den Schöpfer zu fühlen und so aus der Harmonie des Göttlichen herauszufallen. "Siehe, Adam ist worden als unsereiner, und weiß, was gut und böse ist" (Gen. 3,229):

   Bildhaft lebt jene Zweischneidigkeit des Erdengeschenkes in der Frucht, die der Versucher durch Eva dem Menschen darreicht. Das hebräische Wort bringt diese Zweiteiligkeit, Zweischneidigkeit der Frucht bis in die Laute hinein zum Ausdruck (39 Hebräisch pheri Frucht, 'hes-pheri Fruchtbaum (womit offenbar das griechische "Hesperiden" verwandt ist). P, ph, der Laut der blasenden Lippen, drückt dann, bildhaft gesehen, das Zweiteilige der sich öffnenden Lippen aus, und alles, was in ähnlicher Form sich zweiteilig, flügelförmig öffnet und auseinanderklafft. Besonders im Hebräischen ist diese Urbedeutung des Lautes offensichtlich. Wir fühlen noch nach im Lateinischen fructus "Frucht", das wieder zu fractus "der Bruch, das Aufbrechen" in einer innern Beziehung steht). In Übersetzungen ist die Frucht dann zum "Apfel" geworden. Und bis in das deutsche Märchen hinein finden wir jenes auf des Geheimnis des menschlichen Ich hindeutende Bild des Apfels, dessen eine Hälfte vergiftet ist. Indem die ursprünglich göttliche Ichkraft sich dem Göttlichen entfremdet, wird sie zur Selbstsucht des niederen Ich. Das Gift der Selbstsucht impft der Versucher dem Erdenmenschen ein. In dieser Selbstsucht sondert er sich vom göttlichen Leben ab. In dieser Absonderung liegt die Sünde (40. Der sprachliche Zusammenhang von "Sünde" und "Absondern" kann empfunden werden). Die Absonderung vom Göttlichen bewirkt die Verstrickung in das Irdische. Der Mensch verfällt den im Erdenkeime waltenden Todesmächten, die er überwunden hätte, wenn er in Harmonie mit dem göttlichen Willen geblieben wäre. Diese Todesmächte walten auch in der Erkenntnis, die dem Menschen jetzt zuteil wird. In der Unschuld des Paradieses, in der er von Gut und Böse noch nichts wußte, war der Mensch noch ganz von den Kräften des Lebensbaumes getragen. Die Unterscheidung von Gut und Böse hatte noch keine Bedeutung, weil die Unschuld, in der der Mensch lebte, noch jenseits von Gut und Böse war. Die Frucht vom Baum der Erkenntnis, die das vom Versucher verführte Menschenpaar jetzt genießt, wird ihm zur Todesfrucht. Der Mensch verbindet sich in diesem Wissen mit den Kräften, die das Erdenleben absterben lassen. An dem weiblichen Gegenbilde, das aus seiner Rippe gebildet worden war, hatte der Mensch zuerst das Bewußtsein eines irdischen Außerhalb erlangt. Durch diesen äußeren Eindruck aber fühlte er sich, solange er in Paradiesesunschuld lebte, wieder mit dem Göttlichen verbunden, dem er entstammte (Gen. 2,23). Er fühlte durch dieses Erleben des "Ebenbildes der eigenen Seele im Spiegel weiblicher Anmut " (41 Worte von Mereschkowski in "Leonardo da Vinci" - historischer Roman -, S532 der deutschen Übersetzung) dasjenige, was seine irdische Unvollständigkeit wieder zur Vollständigkeit des Göttlichen hinaufhob. Durch den Genuß der Frucht des Erkenntnisbaumes wurde ihm das Weib, an dem er die Erde erlebte, zur Verführerin nach dem Irdischen hin.

   Das große biblische Bild vom Weibe und der Frucht, vom Baum und der Schlange gehört zu denen, die auch heute immer wieder abgebildet werden, weil das nach unten blickende moderne Bewußtsein, das sonst dem Bildhaften abhold ist, glaubt, gerade zu diesem Bilde einen leichten Zugang zu haben. In Wirklichkeit ist das Bild vielleicht das schwierigste und weltentiefste unter allen großen Bildern der Bibel. Die Gefahr, im Aufbau gerade dieses Bildes abzuirren, ist groß. Und hüten müssen wir uns vor einer solchen Auffassung, wie ihr auch ein feingeistiger und schätzenswerter Künstler in neuerer Zeit verfallen ist, jener Auffassung, die gewisse Folgen des Sündenfalles mit seiner Ursache und seinem ursprünglichen Wesen verwechselt. Es könnte nach jener Auffassung die Sache so aussehen, als sei in Adam und Eva, nachdem sie lange Zeit harmlos zusammengelebt, eines Tages die Schlange der Begierde erwacht, sie seien dann von einer wahnsinnigen Leidenschaft zueinander ergriffen worden, und diese Leidenschaft hätte zu einer Vereinigung geführt, die nicht im Sinne des göttlichen Schöpfers lag. Vor uns steht ein neueres Bild, wo Adam in fiebernder Begierde vor Eva kniet, die ihm den Apfel reicht, während hinter ihm die furchtbare Schlange sich aufbäumt. Daß heute solche Dinge als eine Folge des Sündenfalles da sind, ist gewiß. Aber das Bild des Sündenfalles selbst danach zu zeichnen, ist verfehlt. Es liegt der "Sündenfall" noch in ganz anderen Höhen des Bewußtseins, und Grandioseres, als sich die Mehrzahl unserer modernen Künstler vorstellt, mußte an das noch immer göttliche Bewußtsein des paradiesischen Urmenschen herangebracht werden, um ihn zu Fall zu bringen (42. Es darf hier vielleicht auf eine Äußerung Hamerlings hingewiesen werden, Aphorismen und ästhetische Notizen, Bd.16,S250 der Ausgabe von Rabenlechner. Hamerling nennt da die Vorstellung, der Apfel, zu dessen Genuß Adam durch Eva verleitet wird, sei ein Symbol der Verkehres der Geschlechter, albern und philisterhaft. Die Vereinigung, für welche der Schöpfer den Mann und das Weib organisiert habe, als etwas ursprünglich Sündhaftes aufzufassen, scheint ihm absurd. Einen so trivialen Sinn habe der "Baum der Erkenntnis" nicht gehabt. Die Ausführungen von Hamerling entbehren nicht eines richtigen Kernes. Die Fortpflanzung der Wesen wird schon im Urschöpfungskapitel deutlich mit dem Göttlichen in Verbindung gebracht, auf göttlichen Willen zurückgeführt. Was Hamerlings Äußerung zu wenig ersehen läßt, ist die Unterscheidung der Liebe von ihrem dämonisch-erdenhaften Gegenpole, der Sexualität. Daß in ein Gebiet ursprünglich unbewußt-unschuldiger Vorgänge und reiner göttlicher Kräfte sinnliche Begierde den Eingang fand, muß allerdings mit dem Sündenfall in einen inneren Zusammenhang gebracht werden. Doch ist das hier Gemeinte eben eine Folge des Sündenfalles, nicht seine Ursache oder sein Wesen). Näher als solche moderne Darstellungen kam der alte Grieche in seinen Prometheusmythen an die Natur des Feuers heran, das damals von götterfeindlicher Macht im Menschen entzündet wurde, und den göttlichen Funken mehr und mehr verdrängte und erstickte. Durch die irdische Natur dieses Feuers verfiel der Mensch immer mehr den im Erdenelement waltenden Todesmächten. Die Kräfte des Empfindungslebens, über die ihm geboten war, zu herrschen, wurden zu Mächten, die ihn beherrschten. So entstand dann erst dasjenige, was als der Gegenpol der Liebe den Menschen dem Zwange seiner niederen Natur unterwirft. Was zwischen den Geschlechtern in Unordnung gekommen ist, das alles ist, wie Genesis 3,16 selbst deutlich genug ausspricht, Folge, nicht Ursache des Sündenfalles. Nur eine Selbsterkenntnis, die nicht oberflächlich bei jenen Symptomen stehen bleibt, sondern in viel tiefere Bewußtseinsuntergründe hinunterdringt, kann uns den Zugang zu dem Bilde des Sündenfalles wirklich erschließen.

 

Gen. 3,7

   Über das Bild der Nacktheit und des Schämens ist bereits in einem anderen Zusammenhange gesprochen worden. Erst durch das Essen der Erkenntnisfrucht ist sich der Mensch dessen, was er als Erdenelement in sich trägt, bewußt geworden. Das stellt die Genesis im Bilde der Nacktheit und des Schämens hin. Das Strahlenlicht, das den Menschen bis dahin einhüllte und bekleidete, zieht sich vor ihm zurück. Unverhüllt liegt das Irdische vor ihm. Ein Höhepunkt des Sündenfallkapitels (Gen. 3,8-14) und seiner Bildersprache ist derjenige, wo nach der Szene mit dem Versucher der Mensch wieder die göttliche Stimme vernimmt, die Stimme Jahwes, "der im Garten ging, da der Tag kühl worden war" (die Abendluft wehte). Da vernimmt der Mensch die Stimme des Göttlichen, wo er auch heute noch sie hören kann, wenn er tief genug unter das Tagesbewußtsein, unter jene Regionen heruntersteigt, in denen er dem Versucher der Menschheit begegnet. Im grellen Licht des Tageslebens übertäuben die Stimmen des Irdischen so leicht das Göttliche in uns. Aber wenn der Tag zur Neige gegangen ist, wenn das Geräusch des Alltags um uns verstummt, wenn der kühle Hauch von oben uns anweht, dann kann im ruhig gewordenen Innern die Stimme der höheren Welt wieder hörbar werden. Es gehört die Genesisstelle zu denjenigen, die uns deutlich zeigen, aus welchen Bewußtseinstiefen die Bilder der Genesis geschöpft sind, und durch welche Art von innerer Arbeit wir den Zugang zu ihnen finden können.

   Und wir verstehen dann auch das Folgende, wie sich der Mensch in seinem Schämen scheu und ängstlich vor der göttlichen Stimme verbirgt, die ihn im Innern anklagt. Er, durch den, solange er noch in Harmonie mit dem Göttlichen, in der Nähe des Göttlichen lebte, das Weltenwort selber sprach, um allen Dingen und Wesen ihre wahren göttlichen Namen zuzurufen, gebraucht jetzt das Wort, um sich zu entschuldigen und Ausflüchte zu machen. An die Stelle des heiligen Gebrauches, für den das Wort im Sinne der göttlichen Schöpfer allein bestimmt war, ist der erste unheilige Gebrauch, der erste Mißbrauch des Wortes getreten. (43 Schön dargelegt von Rudolf Meyer in Nr.6 des "Tatchristentums", S62 - Als Adam die erste Ausrede vor Gottes richterlicher Frage zu tun wagt, da wird zum ersten Male die Leuchtkraft des Wortes umwölkt..."). Der Mensch, der sich dem, was göttlich in ihm war, entfremdet hat, versündigt sich zum erstenmal am Worte und seiner göttlichen Wesenheit. Mit dem Menschen selbst sinkt auch das Wort immer tiefer ins Irdische herunter, bis dahin, wo wir es dann, ganz irdisch geworden, in der Geschichte des Turmbaues zu Babel und der Sprachverwirrung antreffen.

   Der Schluß des an dramatischen Momenten so reichen Kapitels bringt dann noch das erschütternde Bild der Vertreibung aus dem Paradiese und des Cherubs mit dem flammenden Schwert, der den Zugang zu dem Baume des Lebens bewacht. Es soll der Mensch davor bewahrt werden, das Leben so zu haben, daß er durch dieses Leben dauernd an das der höheren Welt entfremdete Irdische gefesselt würde, dem ihn noch immer der Tod wohltätig entreißen kann. In dem Buche "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten" schildert Rudolf Steiner den Weg, der die Seele aus dem heutigen Bewußtsein heraus wieder zu den Höhen des Lichtes hinaufführt, von denen sie einst herniederstieg. Er beschreibt da, wie die Seele auf diesem Wege derjenigen Macht begegnet, die den Eintritt in die Lichtwelt jedem so lange verwehrt, bis er zu diesem Eintritte reif geworden ist, bis er die Wirkungen des Sündenfalles ausgeglichen, das verlorene Gleichgewicht wieder hergestellt hat. Mit einem schon in älterer Literatur gebrauchten Worte nennt Rudolf Steiner jene Macht den "Hüter der Schwelle" (44. Vergl. darüber Rudolf Steiner, "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten", im Abschnitt "Der zweite Hüter der Schwelle". Es hat diese Lichtgestalt des "großen Hüters" ebenso mit der Zukunft des Menschen zu tun, wie eine andere Gestalt, die des ersten oder sog. "kleinen" Hüters, mit des Menschen Vergangenheit. Die Begegnung mit dem ersten Hüter ist Voraussetzung für das Erleben des zweiten. Vergl. über diese ganzen Probleme auch Rudolf Steiners Schrift "Die Schwelle der geistigen Welt" und Zyklus XXIX "Die Geheimnisse der Schwelle"). Es ist dieselbe Macht, die der unvorbereiteten Menschenseele den bewußten Eintritt in die Lichtgefilde auch da verwehrt, wo sie allnächtlich im Schlafe an diese Schwelle hingeführt wird. Indem die Seele in ihrem Aufstieg bewußt die Begegnung mit diesem "Hüter der Schwelle" erlebt, findet sie am unmittelbarsten die Möglichkeit, sich alles dasjenige zu bewahrheiten, was gleichsam wie Stationen des Abstiegs in ihren einzelnen Bildern die Genesis uns beschreibt. Sie findet dann, wie es reale Bewußtseinstatsachen sind, die in diesen Bildern vor uns stehen und zu denen ein zeitgemäßes Verständnis dieser Bilder uns heute den Zugang wieder erschließen kann.

*

VI. Kain

 

Gen. 3,16

   In großartiger Weise wird in den Bildern des Sündenfall-Kapitels der Genesis auch das Rätsel der Frau vor uns hingestellt. Erschütternd klingt es in einem Hinweis auf dasjenige aus, was sich wie der Fluch des Weibes, der Fluch der Geschlechter durch die Menschheitsgeschichte hindurchzieht. Es kann kein geringer Kenner dieser Menschheitsgeschichte und kein geringer Künstler gewesen sein, der in so eindrucksvoller Weise diese Bilder uns zeichnen, so schlicht-lapidare Worte dafür finden konnte. Aber es ist dies nur die eine Seite der großen Probleme. In einem so gewaltigen Horizonte sind die Bilder der Bibel gesehen, daß über dem Fluche und hinter dem Fluche schon wieder ein höherer und umfassenderer Segen an unser Ohr dringt. Von Eva, wie sie der Versuchung erlag und zur Verführerin des Menschen wurde, schweift der Blick zurück zu Eva, wie sie vor dem Sündenfall im Paradiese war, ja wie sie im höheren Geistsein als das Urweibliche der Welt in Jahwe dem Göttlichen selbst noch vermählt war. Und von dieser Urvergangenheit fällt der Blick auf jene Zukunft, auf die sich die Segensworte de Bibel beziehen, die Worte die von Jahwe an die Schlange gerichtet sind: "Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen" (Gen.3,15). Wie für den in die Urvergangenheit gerichteten Blick Eva vor dem Sündenfalle, so zeigt sich dem in die Zukunft gewendeten Blick Maria, die Gebenedeite unter den Frauen. Nicht ohne tiefe Bedeutung für die Zukunft der Menschheit ist auch die Tatsache, daß wiederum eine Frau es ist, eine andere Maria, Maria von Magdala, die zuerst an das Grab kommt - "früh, da es noch finster war" - und den Auferstandenen sieht. Die Frau, die später als der Mann irdisch geworden ist, geht ihm voran auf dem Wege zum Geistigen. Auch hier bedeutet die Erscheinung des Christus auf Erden einen Wendepunkt in der Menschheitsentwicklung. - Schon alte Kirchensprüche weisen darauf hin, wie in "Ave Maria" die Umkehrung des Eva-Namens zu finden ist. Durch alles dieses lernen wir, beim Namen Eva nicht nur an die Schlange, an Verführung und Sündenfall zu denken, sondern wieder die ganze ursprüngliche Erhabenheit und Majestät dieses Namens zu erkennen.

   Von dem, was Eva vor dem Sündenfalle war, läßt uns, außer dem Namen JHVH, nur eine dunkle und geheimnisvolle Stelle der Genesis etwas ahnen, diejenige, wo im Anfang des vierten Kapitels die Geburt des Kain erzählt wird. Eva spricht da die dunkeln Worte: "Ich gewann Jahwe als Gemahl" (45. Auch wenn übersetzt wird: "Ich habe einen Mann genommen mit Jahwe" - wobei unter dem "Manne" dann das Kind verstanden werden müßte -, wäre der Sinn der Stelle letzten Endes kein anderer. Es handelt sich immer darum, daß Kain unmittelbar einer Verbindung Evas mit dem Göttlichen entstammt. Von einer gewissen Tradition, auf die hier nicht näher eingegangen werden kann, ist in bedeutungsvoller Weise an diese Bibelstelle angeknüpft worden. Vergl. über das Problem auch H.P.Blavatzky, Secret Doctrine II§135 - schrieb über dasselbe Problem S406). Darnach wäre Kain gar nicht eigentlich Adams Sohn, sondern von viel höherer Abkunft, von göttlicher Schöpfermacht vor dem Sündenfalle übermenschlich erzeugt. Erst Abel wäre dann reiner Menschensproß, Sohn von Adam und Eva gewesen. Abel, der Nachkomme des sündig gewordenen ersten Menschenpaares, hat den Sündenfall also gleichsam in seiner Vererbung (soweit man dieses heutige dem Physischen entnommene Wort auf die damaligen viel geistigeren Verhältnisse anwenden kann), Kain, der ursprünglich Sündlose und Göttliche, begeht ihn aus sich sich selbst heraus. Ja, wir können empfinden: Kains Tat ist überhaupt der eigentliche Sündenfall, ist die Verwirklichung dessen, was gleichsam sein Vorspiel in höheren Gebieten hatte, in einer schon mehr irdischen Sphäre.

   Zu dem Bilde von Schafen und Feldfrüchten, von Abel dem Schäfer, Kain dem Ackerbauer bietet das in der Urschöpfung über tierische und pflanzliche Wesenheit Gesagte einen Schlüssel. Abel neigt zum Überirdisch-Empfindenden, Kain zum Irdisch-Lebendigen, zur starken Lebenskraft. Abel ist also der von Anbeginn Schwächere, Kain der Starke, Überkräftige, der auch nach seinem Sündenfalle in ungebrochener Kraft weiterlebt. Dieser Sinn liegt schon in den Namen: Abel, hebräisch Hebel, heißt eigentlich Windhauch, dasjenige, was wie ein Nichts verweht. Kain hingegen, von einer Wurzel q-n-h, die schöpferisches Können oder Vermögen ausdrückt, bedeutet den starken Könner, den schöpferischen Künstler, den, der starke schöpferische Werte in sich trägt. Abel vielleicht: der ins Nichts Verwehende, Kain: der aus dem Nichts heraus Schaffende. Kain handelt ganz aus den Impulsen des Erden-Ich (in dem auch da, wo es in die Abirrung gerät, ein höheres göttliches Ich sich spiegelt), Abel hat es gar nicht zur Entfaltung dieses Ich gebracht. Er kann selbst nicht sündigen, weil dasjenige, was die Voraussetzung dieses Sündigens, dieses Sich-Absonderns wäre, das Ich - bei ihm noch nicht vorhanden ist. Kain ist zu stark im Erden-Ich, um sich im Göttlichen halten zu können. Abel strebt zu sehr nach dem Himmlisch-Luftartigen, um sich im Irdischen behaupten zu können. Das einseitige Wesen der beiden findet in dem Bilde des Opferrauchs seinen Ausdruck (Gen. 4,3-5): bei Abel steigt der Opferrauch nach oben, bei Kains Opfer bleibt der Rauch unten an der Erde. In Kain lebt ursprünglich die starke Kraft, die er aus der Nähe zum Göttlichen und seiner unmittelbaren Abstammung vom Göttlichen zieht, aber indem er die Kraft nach dem Irdischen hin wendet, das göttliche Ich zum Erden-Ich werden läßt, belädt er sich mit Schuld (Gen. 4,6-9) Er, der das Göttliche in sich hütete und bar, wendet sich nun von dem Göttlichen, gegen das Göttliche, er erschlägt den Stiefbruder, in dem ihm jenes Höhere entgegentritt, aber eben so, daß er es nicht mehr als kraftvoll empfinden kann.

   Den Zugang zu dem Bilde gewinnen wir nicht, wenn wir uns den Vorgang einfach als einen physischen vorstellen (was er natürlich nicht war, weil hier alles noch in höheren Gebieten zu denken ist), sondern nur, wenn wir in jene Bewußtseinstiefen heruntersteigen, wo wir das ganze Verhältnis von Kain und Abel im eigenen Innern anschauen können, in jene Tiefen der Selbsterkenntnis, wo wir uns mit dem Kainhaften im eigenen Ich begegnen und dasjenige antreffen, was immer bereit ist, den zum Göttlichen hinaufstrebenden Bruder in uns zu erschlagen. Aller Zwiespalt der Menschheit, wie ihn die Geschichte offenbart, führt auf diesen tief im Menscheninnern sitzenden Zwiespalt, auf die menschliche Kainsnatur zurück (46. Das tiefernste Problem behandelt Rudolf Steiner in dem schon bei der Paradiesesgeschichte erwähnten Zyklus XXVII-Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung...- im 8. Vortrag. Es ist hier davon gesprochen, wie im Menschen, vom Geistigen aus gesehen, ein bestimmtes äußeres Wesen sich als der Hüter eines inneren fühlen kann, wie dieses Verhältnis aber dann durch den Sündenfall sich so umgekehrt hat, daß demselben Wesen, wo es sich dem Andern, der besser und selbstloser ist, auf Erden gegenübergestellt sieht, der Protest sich entringt: Ich will nicht der Hüter sein, ja wo in tiefster, verborgenster Seele der Entschluß aufdämmert, den andern, den man als besser fühlt, zu töten - wenn auch unter heutigen Verhältnissen die Tat nicht im Physischen sich auslebt. - Wie in der Menschenweihehandlung, ist auch in dieser okkulten Imagination der Opferrauch ein Bild für das Seelische des Menschen. Steiner betont a.a.O., die Kain- und Abel-Geschichte sei nichts anders als die Wiedergabe eines okkulten Erlebnisses (S8), und die Spiegelung eines hohen Opfers). Nicht als zwei Einzelpersönlichkeiten wie der heutige physische Mensch stehen da Kain und Abel vor dem inneren Blick, sondern wie zwei Menschheitstypen, Wesenheiten, die der Mensch heute noch seelisch in sich trägt, wenn in dem Einen auch mehr die eine Wesenheit, im Andern mehr die andere verkörpert sein mag. In der Abel-Wesenheit lebt das Unpersönliche, dasjenige, was es noch gar nicht bis zum persönlichen Ich gebracht hat, in der Kains-Wesenheit lebt die Kraft des persönlichen Ich. Durch diese Kainsnatur führt der Weg hinauf zum Überpersönlichen, in dem das menschliche Ich sich wieder dem göttlichen Schöpferwillen verbindet. In Christus ist dieses Überpersönliche, das aber doch durch das Persönliche hindurchgegangen ist, erreicht (Gen. 4,10-16). Ruhelos und fluchbeladen irrt Kain von Leben zu Leben (das ist der tiefere Sinn des biblischen Bildes), bis er, der nicht zu sterben wußte, im Gekreuzigten stirbt. Das unverlierbare Ich, das was nicht sterben kann, was der Mensch von Leben zu Leben trägt, liegt in dem Zeichen, das Jahwe dem Kain auf die Stirn drückt. Der Tod auf Golgatha ist die Erlösung Kains und der Kainsnatur im Menschen. Die durch das Blut des Brudermordes befleckte Erde wird durch die heiligen Blutstropfen wieder entsündigt.

   So wird durch die Erlösungstat des Christus, wenn das Menschen-Ich sich mit ihr verbindet, die Kainsnatur überwunden und umgewandelt. Es führt uns der Gekreuzigte und Auferstandene wieder hin zu Kain, wie er vor dem Sündenfalle war, der starke, menschlich-göttliche Ahnherr unseres Geschlechts. Adam war nur der menschliche Ahnherr, in ihm lebte noch nicht die volle menschliche Ich-Wesenheit, sondern nur allgemein die Menschheit. Das Wort Adam ist in der Bibel kaum irgendwo deutlich Name, sondern heißt eigentlich überall nur "der Mensch". Kain aber ist der starke Ahnherr der ich-begabten Menschheit, der erste vollbewußte Träger eines menschlichen Ich. Für eine tiefere Betrachtung verschmilzt er mit Adam fast zur Einheit, er ist die ich-begabte männliche Seite in der Wesenheit des Menschen, des Adam, während andrerseits Abel Züge des Weiblichen, Züge Evas an sich trägt. Starke Sonnenkraft des Ich lebt in der Wesenheit Kains, während in derjenigen Abels ein Mondenhaft-Weibliches sich ausprägt. Aus dieser starken Sonnen-Ich-Kraft heraus vermag er auch dann noch die Stimme des Göttlichen zu vernehmen, nachdem er die furchtbare Freveltat begangen. Und furchtlos nimmt er die begangene Tat auf sich.

 

Gen. 4,17-24

   Und Kain, der diese starke Kraft der Persönlichkeit in sich trägt, wird der Ahnherr eines starken Menschheitsgeschlechtes. Träger künstlerischer Impulse, Menschen, die in der kunstfertigen Bearbeitung der widerstrebenden Erdenstoffe zuerst es weit gebracht haben, Bewahrer geheimer Weisheit entstammen dem Kainsgeschlecht. Die Genesis nennt ihre Namen, und bis in den Wortlaut dieser Namen hinein können wir das Große und Eigenartige, das in der Kainsströmung lebt, erkennen. Der Musiker und Meister der Musikinstrumente, Jubal, der Erzkünstler Tubal-Kain, sie sprechen schon durch die Laute ihrer Namen hinein vom Geheimnis ihres Wesens und den polarischen Gegensätzen ihrer Tätigkeit. In alle Gebiete geistigen und physischen Schaffens verzweigt sich die Kunstfertigkeit der Kainssöhne. Es sind die starken, künstlerischen, schöpferischen Menschen, die großen Persönlichkeiten, die das Geistige auch im Erdenstoffe verwirklichen können, die dem Kainsgeschlecht entstammen. Nicht ohne eine gewisse verborgene Anspielung wird später (1.Kön.7,14) auch vom Baumeister des salomonischen Tempels, ähnlich wie in der Genesis von Tubal-Kain, gesagt, daß er war ein Meister in Erz, geschickt zu arbeit allerlei Erz- und Eisenwerk. Gerade weil sie so stark ins Irdische wirken, sind es Kräfte höchster Art, die im Kainsgeschlecht leben. Blicken wir zurück in die Menschheitskulturen, so finden wir im alten Indien ein Überwiegen der andern Kräfte, die diesen Punkt nicht erreichen und sich mehr im Geistigen halten. Es sind die andern Kräfte, die Mondenkräfte der Abel-Seth-Strömung, die im alten Indien wirken. Erst im alten Iran bringt der Sonnen-Impuls Zarathustras eine Sonnenkultur herauf, hier wird zuerst wieder in Asien die Erden vom Geistigen aus umgearbeitet. Und unsere heutige westliche Kultur, sie wäre ohne die Kräfte der Kains-Strömung nicht möglich. Der Kains-Mensch ist es, dem durchaus die Zukunft gehört, aber es muß zuvor der Fluch des Kainsgeschlechtes durch die Christuskraft getilgt werden. Die menschliche Kainsnatur muß in Christus gestorben sein. Hier liegen die großen geistigen Aufgaben der Gegenwart und Zukunft. Und eben weil die Kraft des Kainsgeschlechtes die Persönlichkeit, die Ich-Kraft, die Willenskraft ist, kann dieses Geschlecht nich einfach passiv durch die Heilstat Christi erlöst werden, sondern es ist notwendig, daß es beußt mit den Kräften dieser Persönlichkeit, dieses Willens, dieses Ichs jenen Impuls des Christus aufnimmt. Erst dann kann der Kainsmensch den Ausweg finden aus dem Lande der Not, der harten Erdennotwendigkeiten, in das er sich vor dem Angesicht Jahwes verbannt hatte, erst dann kann er in der Zukunft der Menschheit wieder zurückfinden in die Gefilde des Lichtes, in denen er seinen Ursprung hat, und dort dem großen Ahnherrn begegnen, wie er vor dem Sündenfall gewesen war.

 

Gen. 4,25

   So ist das Kainsgeschlecht im eminenten Sinne die zukunftskräftige Strömung, während Abel der Vertreter derjenigen Menschheitssubstanz ist, die nicht lebensfähig war. An seine Stelle tritt als Ersatz jener Seth, von dem in der Legende gesagt war, wie der die drei Samenkörner vom Baume des Lebens in Adams Grab versenkte. Eine Abel-Strömung, die den Gegensatz zur Kains-Strömung in der Menschheit gebildet hätte, hat es also nicht gegeben. An ihre Stelle ist die Seth-Strömung getreten, die wir, insoferne Abel-Kräfte in ihr leben - denn auch heute noch, wie die Kains-Wesenheit, so auch die Abel-Wesenheit in der Menschheit geistig vorhanden ist -, auch die Abel-Seth-Strömung nennen können.

 

Gen. 4,26

   Für die Bewußtseinsentwicklung der Menschheit bedeutungsvoll ist noch der letzte Satz des Kains-Kapitels: "Zu dieser Zeit fing man an, den Namen Jahwes kultisch zu verkünden" ('anzurufen' bei Luther). In die Anfänge der Religion, des Kultus in der Menschheit führt uns dieser Satz. Für die frühere Menschheit, für den Menschen, wie er noch im Paradiese war, brauchte es eine Religion, brauchte es einen solchen Kultus noch nicht zu geben, weil er noch in unmittelbarer Nähe des Göttlichen lebte, weil dieses Göttliche noch so führ ihn da war, wie alle Gegenstände der Sinneswelt heute für uns da sind. So lebte der Mensch vor dem Sündenfall noch bewußt inmitten der Wesenheiten der geistigen Welt. Es hätte keinen Sinn gehabt, ihm von dem zu "predigen", was er sah und in dessen Mitte er lebte. Erst allmählich hat sich dies geändert durch den Sündenfall, immer tiefer sank der Mensch von den Lichtregionen zur Erde herab, immer mehr verlor er die Fähigkeit, Wesenhaftes der geistigen Welt noch zu schauen und Zwiesprache mit ihm zu halten, jene Zwiesprache, wie sie Kain auch nach seinem Falle mit dem Göttlichen noch gehabt hatte. Tief im Herzen des Menschen lebte die Sehnsucht, sich wieder mit dem zu verbinden, was er im Bewußtsein verloren hatte. Dieser Sehnsucht entspringt das religiöse Streben, das in der Urzeit des Menschen seinen Ausdruck im Kultischen findet. Im Kultischen sucht der Mensch wieder die kosmischen Rhythmen in das Erdenleben hereinzutragen, denen er sich durch den Sündenfall, durch die Absonderung des Irdischen vom Kosmischen, entfremdet hat. Natürlich dürfen wir dasjenige, wovon die Genesis erzählt, nicht zu nahe an heutige Verhältnisse heranrücken. Es war alles noch nicht so im Irdischen. Nur Bilder sind zunächst jene Ausdrücke, die heutigen irdischen Verhältnissen entnommen, sich doch auf dasjenige beziehen, was noch in viel höheren Gebieten sich bewegte.

*

 

VII. Der Regenbogen

 

   Im Beginne der Entwicklung waren Mensch und Welt, Mensch und Erde nicht, wie heute, geschieden, sondern sie waren noch immer viel enger verwoben und wirkten viel stärker wechselseitig aufeinander als heute. Einen letzten Nachklang dieser Urtatsache enthält die Geschichte von der Sündflut. (Es ist dieses Wort darum gut gewählt und sollte nicht durch andere Ausdrücke ersetzt werden.) In dieser großen Flutkatastrophe vollenden sich die Wirkungen des Sündenfalles insofern, als erst jetzt, nach der Sündflut, der Mensch ganz ins dichte Irdische, wie wir es kennen, herunterkommt. Erst der Regenbogen des Noah spannt endgültig die Brücke zwischen dem noch in höheren Gebieten liegenden Teil der Genesis und dem Irdisch-Dichten.

   Gewiß spiegeln sich in dem Sündflutbericht - wie in all den zahlreichen Flutsagen, die wir über den ganzen Erdboden hin verbreitet finden - Erinnerungen der Menschheit an gewisse Urkatastrophen, durch die die Erdoberfläche allmählich ihr heutiges Aussehen gewann. Doch dürfen wir bei jenen Wassern der großen Flut nicht nur an dasjenige denken, was schließlich wirklich irdisches Wasser geworden ist. Sondern im Bilde dieser Wasser blicken wir auch hin auf alles dasjenige, was durch den Sündenfall und seine Auswirkungen in der Leidenschaftsnatur des Menschen, in seinem ganzen Seelischen aufgerührt und aufgewühlt worden ist (wie wir auch bei den Urwassern im Anfang des ersten Schöpfungsberichts eine Beziehung zum Seelischen des werdenden Urmenschen fanden). Feuerkatastrophen und Wasserkatastrophen begleiten für den äußeren Blick dasjenige, was als nicht mehr zu bändigendes Feuer der Leidenschaft, als nicht mehr einzudämmende Flut der Leidenschaft dem innern Blick sich ergibt. Der noch im Übersinnlichen lebende Mensch kann sich vor dem überflutenden Meere seiner Leidenschaften nicht mehr anders retten, als dadurch, daß er sich rettet in jenen festen Körper aus Erdenstoffen, den er heute trägt, und dieser zuerst noch von den Urgewässern getragene, auf dem übersinnlichen Meere der Leidenschaft schwimmende feste Körper ist es letzten Endes, den wir in der Genesis im Bilde der Arche anschauen. (47. Zu dem ganzen Probleme der "Urgewässer", das uns vom Beginne der "Urschöpfung" bis hierher beschäftigte, mag noch eine Stelle aus Novalis "Die Lehrlinge zu Sais" angezogen werden:  

   "Nicht unwahr haben alte Weisen im Wasser den Ursprung der Dinge gesucht, und wahrlich, sie haben von einem höhern Wasser als dem Meer- und Quellwasser gesprochen... Wie wenige haben sich in die Geheimnisse des Flüssigen vertieft, und manchem ist diese Ahnung des höchsten Genusses und Lebens wohl nie in der trunknen Seele aufgegangen. Im Durste offenbart sich diese Weltseele... und am Ende sind alle angenehmen Empfindungen in uns mannigfache Zerfließungen, Regungen jener Urgewässer in uns. Selbst der Schlaf ist nichts als die Flut jenes unsichtbaren Weltmeers, und das Erwachen das Eintreten der Ebbe. Wie viele Menschen stehen an den berauschenden Flüssen und hören nicht das Wiegenlied dieser mütterlichen Gewässer und genießen nicht das entzückende Spiel ihrer unendlichen Wellen! Wie diese Wellen lebten wir in der goldnen Zeit; in buntfarbigen Wolken, diesen schwimmenden Meeren und Urquellen des Lebendigen auf Erden, liebten und erzeugten sich die Geschlechter der Menschen in ewigen Spielen; wurden besucht von den Kindern des Himmels, und erst in jener großen Begebenheit, welche heilige Sagen die Sündflut nennen, ging diese blühende Welt unter; ein feindliches Wesen schlug die Erde nieder, und einige blieben geschwemmt auf die Klippen der neuen Gebirge in der fremden Welt zurück".

   Zum Problem der Arche ist noch dieses zu sagen, daß sie sich, wie schon Saint Martin in "Dieu, l'homme et l'Univers" andeutet, symbolisch neben die Stiftshütte und den späteren Tempel als eine der verschiedenen Formen menschheitlicher Entwicklung stellt. Letzten Endes haben alle diese Symbole eine Beziehung zum menschlichen Leib.)

   Nur in großen Zügen wollen wir noch auf die einzelnen Bilder der Fluterzählung hinblicken. Daß der Mensch bei seinem Eintritt in eine festere Leiblichkeit die Tiere mit sich nimmt, und daß er tierisches Wesen, das er früher noch in sich hatte, dann immer mehr aus sich heraussetzt, kann verständlich sein. Bedeutungsvoll beim Übergang aus den überirdischen Höhen in die Erdentiefen ist der irdische Berg. Auf dem Gebirge Ararat läßt sich die Arche zuerst nieder. Die Spitzen der Berge schauen zuerst aus den abnehmenden Gewässern der Flut. (In ähnlicher Weise sind es im indischen Flutberichte die Höhen des Himalaya, auf denen das Schiff des Manu sich niederläßt.) Wie der irdische Berg mit seinen Quellen und Strömen uns ein Bild sein konnte, durch welches wir hinzublicken suchten auf die überirdischen Lichtgebiete des Paradieses und das Quellgebiet seiner Ströme, so finden wir den Berg nochmal da, wo wir nun endgültig herunterkommen in das dichte Irdische, nach der großen Flut. Die Arche landet auf der Spitze des Gebirges. Auf dem Berge beginnt die Bekanntschaft des Menschen mit dem Irdischen.

   Auch dieses Irdische müssen wir lernen, nicht als etwas bloß Materielles zu nehmen, sondern hindurchzublicken auf Geistiges. Die Gewässer der Flut können wir als die "Wasser des Todes" (wie im Stromgebiete des Paradieses die "Wasser des Lebens") erkennen. Nach der biblischen Schöpfungsgeschichte blickten wir auf eine Reihe von Entwicklungsphasen des Erdenelementes hin. Aus dem ersten Irdischen (Eres) als dem Urgegensatz des Oberen, Himmlischen, Sonnenhaften (Schamajim) wird durch Einstrahlen des Lichtes und des kosmischen Lebens die Lichterde, die lebendige Erde, die fruchtende paradiesische Erdde. Ihr Gegenbild ist der "Staub von der Erde", der dann dem Menschen von Jahwe eingeprägt wird. Alles dieses ist noch übersinnlich. Das ganz dichte Irdische berühren wir erst nach der Flut. Was von da ab als feste Erde da ist, bildet eine Art Ausgleich zwischen den Gegensätzen, in denen vorher die Entwicklung sich bewegte. Auf dieser Erde soll sich die Harmonie verwirklichen, von der der Schluß des achten Genesiskapitels redet ("Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen... Solange die Erde stehet, soll nicht aufhören Same und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht"), auf ihr und in ihr soll das Göttliche selbst irdisch werden, soll der mit dem Irdischen sich verbindende, drei Tage in den Tiefen der Erde und des Todes weilende Gott das Absterbende zu neuem Leben aufrufen. Das Stoffliche der Erde selbst wird durch den Christus wieder in Geist verwandelt.

 

Gen. 8, 7-12

   Im Vorübergehen streifen wir als charakteristische, der Imagination sich tief einprägende Bilder der Genesis den Raben und die Taube, die wie zwischen Erdenvergangenheit und Erdenzukunft, zwischen überwundenem Tode und neuersprießendem Leben als Boten hin- und herflattern. Dann das Ölblatt, das selbst ein Bild der durch das Erdendasein und Erdenwachstum kreisenden Lebenssäfte, ein Sinnbild alles dessen ist, was Erdendasein heilt und heiligt, Absterbendes neu erkraftet. Als Lebensbotin und Lebensspenderin erkennen wir die Taube mit dem Ölblatt. Als Nachklang alter Mysterienbilder erscheinen Rabe und Taube in Märchen und Sagen. Zu dem zwischen Tod und neuem Erwachen im Glassarge schlummernden Schneewittchen kommen, außer der Eule, ebenfalls der Rabe und das Täubchen. Wie Schneewittchens Sarg, so bewahrt auch die Arche die Keime eines Tod und Zerstörung überdauernden Lebens. Wie die Arche, hat auch der Sarg, als Bild vom Geistigen aus gesehen, die Beziehung zum physischen Leibe der Menschen. Das dem Worte Sarg zugrundeliegende griechische Wort (sarx) bedeutet die Substanz des Physisch-Leiblichen.

    

Gen. 9, 8-17

   Den bedeutungsvollen Abschluß der Sündflut-Imaginationen bildet der Regenbogen der neuen Verheißung. Wie eine Brücke spannt sich zwischen dem noch mehr überirdischen und dem ganz irdischen Teile der Genesis der leuchtende Farbenbogen des Noah. Mit ihm schließt ein Abschnitt der Bibel, und ein neuer beginnt.

   Erst nach der Flut waren, indem sich Wasser, Luft und Erde, so wie wir sie heute kennen, voneinander schieden, die physikalischen Bedingungen für die Erscheinung des Regenbogens gegeben. Insofern hat der Regenbogen des Noah einen ganz physisch-realen Sinn. Er fällt zusammen mit dem Dichtwerden des Irdischen und mit dem Eintritt der heute auf der Erde waltenden atmosphärischen Bedingungen. Damit ist aber zunächst doch nur auf die äußere Seite des Regenbogens hingewiesen. Es ist noch nicht hingewiesen auf dasjenige, was der Regenbogen als ein inhaltvolles Zeichen der geistigen Schrift des Weltalls uns sagen kann. Wohl hängt der Regenbogen mit dem Dichterwerden des Irdischen zusammen. Aber doch nur so, daß in ihm zugleich dieses irdisch Dichtgewordene selbst überwunden, in ein bloßes Phänomen des Geistigen verwandelt wird. Goethes Farbenlehre zeigt uns, wie die geistige Dreiheit: Licht, Trübe, Finsternis die Bedingungen des Erscheinens der Farben schafft. Der alte Inder wußte noch, wie diese Dreiheit wie ein geistiges Prisma das ganze Phänomen des Stofflichen zustande bringt. Indem wir am Regenbogen erleben, wie Licht, Trübe, Finsternis die bunte Farbenskala erschaffen, schauen wir in das innerste Geheimnis alles materiellen Daseins hinein, sehen wir, wie aus jener geistigen Dreiheit der ganze bunte Schleier der Sinnenwelt sich webt. Stoffliches verwandelt sich uns, indem wir anfangen, die Sprache des Regenbogens zu verstehen, wieder in Geist. Wir blicken da hin auf die wesenhafte Macht, die, indem sie das irdische Dasein auf sich nahm, alle Materie in Geist, den Tod selbst in Leben verwandelt. Insofern enthält der Regenbogen des Noah eine Christusverheißung, es kündigt sich in demselben Augenblick, in dem zuerst die Bedingungen des heutigen dicht-materiellen Erdenseins eintreten, schon diejenige Macht an, die alles dichtgewordene Erdendasein geistig wieder aufhebt und überwindet, die alles Materielle zum Geiste hinaufhebt, es wieder in Geist verwandelt. So steht in dem Augenblick, da ein Erdenzyklus zu seinem Ende gekommen ist und ein neuer beginnt, der Regenbogen als Zukunftsverheißung da. Und in dem Zukunftszeichen liegt noch einmal die Urvergangenheit. Es leben in den Farben die Taten des Lichts, im Lichte lebt die flutende Weisheit der Welt, in ihr das Wesenhafte der schöpferischen Weltenmächte. In dem Augenblick, da die Erde im heutigen Sinne irdisch-dicht wird, spricht aus Himmelsweiten im Regenbogen das schöpferische Geheimnis alles Irdischen zum Menschen herunter. Es erscheinen jetzt, nachdem der Schöpfungszyklus vom Urlichte uns herunter in Erdentrübe und Erdenfinsternis geführt hat, im Bilde der sieben Farben des Regenbogens aufs neue die formenden Kräfte der Weltenschöpfer, die im Beginn der Urschöpfung, am großen Altare des Weltenopfers, im Bilde des Siebenlichtes vor dem geistigen Auge standen. (48.) Es ist hier noch auf eine Stelle in Goethes Farbenlehre hinzuweisen, die zeigt, wie nahe der große Dichter den hier behandelten geistigen Problemen innerlich gewesen ist. §919 der Farbenlehre lautet:  

"Wenn man erst das Auseinandergehen des Gelben und Blauen wird recht gefaßt, besonders aber die Steigerung ins Rote genugsam betrachtet haben, wodurch das Entgegengesetzte sich gegeneinander neigt und sich in einem Dritten vereinigt, dann wird gewiß eine besonders geheimnisvolle Anschauung eintreten, daß man diesen beiden getrennten, einander entgegengesetzten Wesen eine geistige Bedeutung unterlegen könne, und man wird sich kaum enthalten, wenn man sie unterwärts das Grün und oberwärts das Rot hervorbringen sieht, dort an die irdischen, hier an die himmlischen Ausgeburten der Elohim zu gedenken."

***

 

 

 

 


*

de universitate mundi - megacosmus + microcosmus

aus Wilhelm Rath: Bernardus Silvestris - Über die allumfassende Einheit der Welt