B Zweiter Abschnitt

Vom Sternengeheimnis zum Erdengeheimnis

Vom rhythmischen Aufbau des Johannes-Evangeliums im Einzelnen

I. Der Herabstieg des Christus

4. Das Nikodemus-Gespräch

(Joh.3)

Steinbock - Krebs


S205   Als "Mysterien-Kapitel" erkannten wir die fünf ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums mit ihrem demjenigen des großen Weltenjahres folgenden Rhythmus, der sich durch die dunkeln Tierkreiszeichen nach abwärts wendet. Die Berührung des Christus mit verschiedenen Mysterien-Sphären, so sahen wir, spielt sich darin ab, sein Durchgang durch diese Mysterien-Sphären, bevor er, gegen das 6., 7. Kapitel hin, den Boden der niederen, gefallenen Menschheit betritt. So liegt den meisten dieser Kapitel - es gilt das vor allem für das zweite, dritte, vierte Kapitel des Johannes-Evangeliums - und ihrer Konstellation der Gegensatz von alter und neuer, vorchristlicher und christlicher Einweihung zugrunde. Doch wird auf diesen Gegensatz von einem immer wieder andern Gesichstpunkte hingeschaut. Dem entspricht die immer wieder andere Konstellation.

   Im ersten Kapitel begegnet der aus Weltenhöhen herniedersteigende Christus dem Einen, der ihn ganz versteht, der sich selbst restlos für das Weltenwerden, für die unmittelbare Verwirklichung des Neuen, Werdenden einsetzt und hinopfert. Das zweite Kapitel, die "Hochzeit von Kana", bringt demgegenüber schon etwas wie einen Zukunftsausblick, einen Ausblick auf eine vielleicht nicht mehr so ferne Zukunft. Auf der andern Seite treten uns dort noch Vergangenheitsmächte S206 entgegen, die den Christus und das Neue, das er bringt, noch nicht ganz verstehen könne, die noch darüber erschrecken, in Erstaunen geraten. Aber es ist doch zunächst ein freudiges Erstaunen, die Menschen lernen eine neue Freude und Beseligung in Christus kennen. Das ist dadurch möglich, daß wir hier in eine von den jüdischen Vorurteilen und Blutszusammenhängen sich absondernde Mysteriengemeinschaft treten, die dem Neuen ein schon verhältnismäßig weitgehendes Verständnis entgegenbringt. Alles spielt hier noch in einer sehr hohen Sphäre, nicht weit vom Berg Tabor, dem Berge der Verklärung. Und die Art, wie zuletzt vom "Bräutigam" gesprochen wird (Joh.2,9), läßt uns, wenn auch zunächst der Bräutigam jener Hochzeitsfeier gemeint ist, doch sehr stark auf Christus als den eigentlichen "Bräutigam" der "chymischen Hochzeit" und der großen Menschheits-Hochzeit der Zukunft (im Sinne der Apokalypse) hinschauen. Alles dieses ist ein höchstes Mysterien-Erlebnis. Auch bei Dostojewski finden wir dieses Motiv anklingend, und im Johannes-Evangelium selbst wird es aufgegriffen im 3. Kapitel (V29) da, wo Johannes der Täufer die bedeutsamen Worte von Braut und Bräutigam und vom "Freund des Bräutigams" spricht. Es ist für den ganzen Stil und Aufbau des Johannes-Evangeliums charakteristisch, wie die irgendwo zuerst anklingenden Motive dann im folgenden immer wieder aufgegriffen und weiter durchgeführt werden.

   Der hohen geistigen Sphäre, in der das zweite Johannes-Kapitel sich bewegt, entspricht die Konstellation, in der es liegt. Da steht für das Prinzip der alten Einweihung das Saturnzeichen Wassermann, in das doch zugleich die Sternengeheimnisse des Uranus, der oberen Sternenwelt, hereinleuchten; und für das Neue, das der Christus bringt, für den "neuen Lebenswein" das hohe Sonnen-Zeichen des Löwen selbst. Höchste Sternengeheimnisse, sich vermählend mit der Christus-Sonne, bilden den geistigen Hintergrund dieses Kapitels.

   Im dritten Kapitel geht es aus der Konstellation Wassermann-Löwe hinüber in die Konstellation Steinbock-Krebs (auf den Johannes 3,30 den deutlichsten aller Hinweise enthält). Auf den Wassermann, das Zeichen der (auch in S207 der "Wassertaufe" sich offenbarenden) lichten Äthererlebnisse und Sternenerlebnisse, folgt das von Saturn allein beherrschte finstere Zeichen des Steinbocks, das Zeichen der Seeleneinsamkeit, der Ich-Finsternis und Ich-Verlassenheit, in dem Johannes der Täufer den Ruf zur Sinnesänderung erhebt, während andere den "Sinn des Alten" hier festhalten, und Herodes beim finstern "Eigensinn" dieses Zeichens stehen bleibt. Das finstere Saturn-Zeichen Steinbock ist im Evangelium besonders der Ausdruck für alles dasjenige, was sich im jüdischen Wesen, im Pharisäertum vor allem den Licht- und Ich-Impulsen des Christus widersetzt.

   In Nikodemus steht ein erlesener Vertreter des Hebräertums und des jüdischen Pharisäertums, ein in die Kenntnis der jüdischen Esoterik tief Eingeweihter vor uns. Schon der Name Nikodemus - "Volksbesieger" d.h. wohl: Überwinder der Volksseele, des einseitig Stammesmäßigen - deutet darauf hin, daß er, obwohl Jude, über die engsten jüdischen Stammesvorurteile sich erhoben hatte, daß er, geistig gesehen, ein Führer seines Volkes zu einem höheren Menschentum war. Jedes Wort im Eingang dieses Kapitels - wie in den Evangelien überhaupt - ist von Bedeutung, so vor allem das Wort "Mensch" als das erste (und nicht geringste) der Prädikate, die dem Nikodemus beigelegt werden: er war ein wahrer Mensch, ein Vorkämpfer echten Menschentums gegen die Einseitigkeit jüdischen Wesens. Daß er der Pharisäergemeinschaft angehörte, darf uns dabei nicht irremachen. Wir schauen gewöhnlich zu einseitig auf das im Evangelium ja gewiß sehr stark betonte Negative des Pharisäertums, auf die Starrheit und Lieblosigkeit vieler seiner Vertreter, auf das zähe Festhalten jüdischer Stammesvorurteile hin. Darüber darf nicht vergessen werden der Ernst geistigen Strebens, wie er in jenen Kreisen gleichfalls an der Tagesordnung war, ein Ernst geistigen Strebens, wie er in solcher Höhe wohl nur selten und nur in Epochen eines höchstgespannten geistigen Lebens - wie um die Zeitwende in Palästina, oder zu Buddhas Zeit im alten Indien - angetroffen wird. Diesen Ernst des geistigen Strebens hatte Nikodemus mit andern Pharisäern gemein, die Menschlichkeit, das S208 Menschentum, den Menschen (anthropos) hatte er vor ihnen voraus. Und er war ein Tempeloberster (Archon) unter den Juden, hatte den gleichen Rang und Beruf, wie jener Jünger, der dann der Johannes-Jünger wird (ME271), und wir können uns gut vorstellen, daß die beiden im esoterischen Leben verbunden waren, daß sie Mysterien-Beziehungen zu einander hatten.

   Daß ein esoterisches Erlebnis des Nikodemus, kein gewöhnliches "Gespräch auf dem physischen Plan" den Inhalt des dritten Johannes-Kapitels bildet, ist schon von Rudolf Steiner betont worden. Er weist darauf hin, daß die Worte "der kam zu Jesu bei der Nacht" so verstanden werden müssen, daß sie auf ein "Nachterlebnis", d.h. ein nächtliches Meditationserlebnis, eine nächtliche Geistesschau hindeuten. Auf diese Sphäre geistigen Erlebens deutet ja vor allem auch das nächtliche Zeichen des Steinbocks. In ihm steht unter anderem die Erleuchtung des Buddha unter dem heiligen Feigenbaum (ME268), die ebenfalls ein solches "Nachterlebnis" (dabei wohl auch in ganz äußerem Sinne ein Nachterlebnis) war, das große vorchristliche Mysterien-Erlebnis, an das Christus bei der Begegnung mit Nathanael im ersten Johannes-Kapitel (V48) erinnert. Auch Nathanael scheint jenen esoterischen Kreisen, in denen wir außer dem späteren Johannes-Jünger und seinen Schwestern auch Nikodemus und Josef von Arimathia finden, angehört zu haben.

   Es war jenem vorchristlichen Mysterien-Erleben wesentlich, daß "in der Nacht", im Auslöschen des Tagesbewußtseins, die Erleuchtung sich einstellte, daß im nächtlichen Bewußtseinzustand die höchsten Dinge geschaut wurden. So gehört Nikodemus offenbar zu denen, die die geistige Anwesenheit des Christus in der Menschheit schon ahnend verspüren, auch solange er sich noch in den verschiedenen Mysterien-Sphären bewegt. Daß am Jordan wie auch zu Kana in Galiläa spirituell gewaltige Dinge, wenn auch noch verborgen den Augen der niederen Menschheit, sich vollzogen haben, das spürt, das ahnt Nikodemus in seinem eigenen geistigen, seinem meditativen Erleben. In einer Art nächtlicher Steinbock-Erleuchtung, S209 ähnlich derjenigen des Buddha oder Nathanael - wir brauchen ihn und Nathanael deswegen nicht auf die Mysterienstufe des Buddha zu stellen - hat er von solchen Vorgängen Kenntnis. Und es drängt ihn tief, noch mehr zu erfahren über das Geheimnis jener Wesenheit, die in der Jordantaufe die Erdensphäre und Menschheitssphäre betreten hat.

   Wir dürfen, wenn es in jenem nächtlichen Geistgespräche, von dem das dritte Johannes-Kapitel uns erzählt, auch zunächst so aussieht, als sei Nikodemus im Verständnis schwach, als sei er unfähig, die Geheimnisse des Christus zu erfassen, als werde er von Christus wegen der Rückständigkeit seines am Alten hängenden Bewußtseins, wegen der Verhärtung und Verschlossenheit seines höheren Erkenntnisorgans hoffnungslos zurechtgewiesen und zurückgewiesen, dies nicht zu sehr als etwas bloß Negatives ansehen. Wir müssen - gerade wenn wir uns klar machen, daß es sich ja um keine gewöhnliche Begegnung, kein gewöhnliches Gespräch auf dem physischen Plan handelt - doch bedenken, daß er alles dieses in der Geistesschau, in seiner eigenen Geistesschau so erlebt, daß  diese Geistesschau, diese Kraft der Meditation ihn zu einer solchen geistigen Begegnung mit Christus (dem er im Physischen nicht begegnet ist) erheben kann, und daß er in dieser geistigen Begegnung ein objektives, richtiges Bild von Christus gewinnt. Wir müssen uns klar machen, was für Grade von geistiger Konzentration und Selbsterkenntnis dazu gehören, in der Meditation ein solches objektives Bild von der anderen höheren Wesenheit zu gewinnen, vollends dann, wenn, was uns jene andere Wesenheit da zu sagen hat, in solchem Grade, wie bei Nikodemus, etwas für das eigene Selbst Vernichtendes hat. Ein anderer, Geringerer hätte vielleicht irgendwelche "wunderschöne" und beseligende Erlebnisse von Christus in seinen Meditationsträumen gehabt, Nikodemus erlebt in geistiger Realität die Christuswesenheit in richtender Strenge, in ohne Schonung darüber belehrend, wie wenig er, Nikodemus, als der Vertreter des Alten, imstande ist, das unerhört Neue und Gewaltige, das in Christus kommen soll, zu fassen. Ist es nicht ähnlich, wie in jenem Traum, wo wir, S210 im Schulunterricht vom Lehrer befragt, die Antwort nicht geben können, worauf denn irgendein anderer Schüler aufsteht und siegesgewiß die richtige Antwort gibt. Kommt nicht beides, das eigene beschämte Nichtwissen, und die beschämende richtige Antwort, die der andere gibt, aus dem Bewußtsein des Träumenden...? (In Strindbergs "Traumspiel", in der Mitte des zweiten Aktes, ist in einer Schulszene ein ähnliches Erlebnis dargestellt).

   So können wir also auch dem dritten Johannes-Kapitel gegenüber die Empfindung haben, daß es wiederum hohe Mysterien-Erlebnisse sind, die uns da mitgeteilt werden, Geisterlebnisse, wie sie in solcher Höhe wenige der damaligen Zeitgenossen, am allerwenigsten andere gewöhnliche Pharisäer hätten haben können. Hoch über sich selbst und sein eigenes Pharisäertum mußte sich Nikodemus erheben, um zu einer solchen geistigen Anschauung der Christuswesenheit zu kommen, um solche Belehrung geistig von ihm zu empfangen, auch wenn der Inhalt der Belehrung dann im Grunde etwas für ihn und seine ganze pharisäische Geisteshöhe Vernichtendes hatte.

   Diesem einen Gesichtspunkt steht als anderer gegenüber eben jenes Negative, das Nikodemus in dem Geistgespräche, dem Mysteriengespräche mit Christus erfahren muß. Ein spürbarer Rückschritt, so werden wir da sagen, liegt hier schon vor gegen jene Mysteriengeschehnisse zu Kana in Galiläa. Dort zeigte sich noch ein verhältnismäßig weitgehendes Verständnis für das Neue, das in Christus kommen sollte, weil man dort oben in Galiläa der jüdischen Engigkeit schon am weitesten entrückt, weil man da schon am weitesten aufgeschlossen war für das Umfassend-Menschliche, das in Christus kommen sollte. Es waren einfache, schlichte Menschen zu Kana in Galiläa, auf die irgendein "Vertreter der jüdischen Hochesoterik" - ein solcher steht auch in Nikodemus vor uns - vielleicht mit einem gewissen Hochmut herabgesehen hätte. Und doch ahnen jene schlichten, einfachen Menschen zu Kana in Galiläa in ihrem Mysterienkreise noch manches von dem, was der hohe jüdische Esoteriker nicht mehr zu fassen vermag. Dort erlebten wir die von Sternenlicht S211 durchleuchtete Offenbarung des Wassermann-Zeichens, hier die finstere Einsamkeit des Steinbocks.

   Was begreift Nikodemus nicht von den Christusgeheimnissen (ob es schon sein eigenes Bewußtsein ist, das ihm in der einsamen nächtlichen Meditation sowohl diese Christusgeheimnisse wie sein eigenes Nichtbegreifen geistig vorhält)? Zu Kana in Galiläa hatte man die "Mutter", man wußte dort, wo man "Hochzeit feierte", von den Geheimnissen der Geburt, des "Ewig-Weiblichen" und Weiblich-Mütterlichen (im geistigen Sinne), und man erschrak nur über den "Vater", über die Art, wie Christus die in jenem Mysterienerleben sonst wie etwas Todbringendes geflohene Verbindung des Physischen mit dem Ich, wie er den Vater in jenes bis dahin nur der Mutter geweihte Mysterien-Erleben hineinstellte. Aber andererseits liegt in der "Mutter" auch wiederum das Empfängliche, das jene Galiläer dann doch die in Christus vor sie hingestellten Vatergeheimnisse und "Geheimnisse des Bräutigams" bis zu einem gewissen Grade verstehen läßt.

   Als Angehöriger des Judentums und seiner Esoterik hatte Nikodemus noch einiges Wissen von den Vatergeheimnissen. Finden wir auch sonst, mit einer noch zu erwähnenden bedeutsamen Ausnahme, das vorchristliche Mysterienwesen in der Hauptsache von der Mutter, vom Prinzip des Mütterlichen und Ewig-Weiblichen beherrscht, so ist es doch gerade das Hebräertum, das in seinem Jahwe-Impuls den Vater-Impuls, ein Hinschauen auf den Vater-Gott, auf das große Ich-Bin, auf das Ich in seiner Verbindung mit dem Physischen und den Blutsgeheimnissen hatte. Nicht darin, daß, wie jenen Galiläern, die nur von der "Mutter" wußten, der "Vater" ihm fremd war, lag die Schwierigkeit des alten Hebräertums, sondern darin, daß der "Vater" ihm erstarrt und erstorben, daß er zum Tode selbst ihm geworden war. Nur noch als Todeserlebnis kannte man in der eigentlichen jüdischen Esoterik das Vater-Erlebnis. Darum die Heilighaltung des Sabbaths, des Saturnstages, des Todes-Tages, an dem nicht einmal Kranke geheilt, der Todesumklammerung entrissen werden durften, weil es die Vater-Majestät des Todes verletzt hätte. Im finstern Saturn-Zeichen des Steinbocks, dem S212 besonderen Zeichen auch des Hebräertums, ist alle diese geistige Offenbarung zuhause.

   Durch Christus, so hat Rudolf Steiner in den letzten Vorträgen des zweiten Johannes-Zyklus (GA112) eindrucksvoll gezeigt, wird das Todeserlebnis wieder in das geistige Vater-Erlebnis verwandelt, die Juden erlebten in der damaligen Zeit umgekehrt den Vater als den Tod, d.h. nur noch als den Tod. Erstarrt und erstorben war ihnen die einstige lebendige Offenbarung der Vaterkräfte. Was mußte der in der Meditation sich ihm offenbarende Christus als der Träger der Sohneskräfte dem Nikodemus sagen? Woran mußte er ihn erinnern? Nicht an das Vater-Geheimnis, sondern an das Mutter-Geheimnis der Welt, nicht an die Offenbarungen des Todes, sondern an diejenigen der Geburt, des Lebens, des Ewig-Weiblichen und Ewig-Mütterlichen, so wie sie jetzt durch das Christus-Ich-Erlebnis und Sohnes-Erlebnis in einem neuen, erhöhten Sinn da sein können.

   Vor Christus, dem Bringer des Ich, genügt es nicht, daß Nikodemus das Magische in den von Christus gewirkten Zeichen verspürt, für diese magische Zeichen-Wirkung besonders empfänglich ist (V.2). Denen, die nur auf die Zeichen hin "an seinen Namen glauben", vermag Christus im Herzen sich noch nicht aufzuschließen (vgl. Joh.2,23-25). Hier liegt auch die Schwierigkeit des Nikodemus. Das Magische des "Namens" empfand er, sein Ich vermochte er dem Christus-Geheimnis des ewigen Namens, das mit der Jordantaufe zu den Menschen herniedergestiegen war, noch nicht zu erschließen. Darum konnte er auch das Geheimnis der "neuen Geburt", die eine Geburt von oben (dies der wörtliche Sinn des griechischen ..., das Luther mit "von neuem" übersetzt), eine Geburt aus der Sternenwelt des ewigen Namens ist, noch nicht verstehen Nur durch die Pforte des Todes hindurch, als irdische Wiedergeburt, könnte er sich eine solche Neugeburt vorstellen (V.4). Da aber vermag er sie als Tatsache nicht zu finden.

   Aber Christus meint gar nicht diese Wiedergeburt, die zuvor ein Altwerden und Sterben des Physischen zur Voraussetzung hätte, sondern eine andere aus den geheimnisvollen S213 Kräften des Ich, aus den Sohneskräften, eine Geburt, die in jedem Augenblick sich vollziehen kann, wenn das Menschen-Ich mit den "oberen Kräften", die im Sündenfalle verloren gingen, durch Christus sich neu berührt. Das durch Christus wieder in seine verlorene Vollmacht eingesetzte Ich schafft eine neue Verbindung auch mit den Kräften der "Mutter", des Ewig-Weiblichen, mit dem oberen Lebenselemente der "höheren Ätherarten" (Lebensäther und Klangäther), von denen jetzt öfter (A5 u.a.) gesprochen worden ist. Wir finden sie wieder im dritten Johannes-Kapitel als "Lebenswasser" und "Lebenswind" (V5). Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, daß das griechische pneuma an dieser Stelle mit "Geist" zu abstrakt übersetzt sei, daß wirklich an das Luftartige, Windartige, Odemartige (von dem ja dann in V.8 ausdrücklich die Rede ist) zu denken sei. Nur müssen wir "Wind" und "Luft" nicht wiederum zu physisch vorstellen, sondern zunächst ins "Ätherische" hinaufbringen. Das Bild des Lebenswassers oder "lebendigen Wassers" wird im Evangelium selbst (vgl. Joh.4 und 7,38) für den "höheren Äther des Lebens" überall gebraucht. Und mit diesem höheren "Lebenswasser" verbindet sich der höhere "Lebenswind". Nicht wie die Not der irdischen Geburt mit ihren Schmerzen und "Wehen" wird diese höhere Geburt erlebt, sondern in der Freiheit des Ich, im Wehen des Windes, der von oben, aus Weltenhöhen herabweht: "Der Wind wehet, wo er will, und du hörest sein Wehen; aber du weißt nicht, von wannen er kommt, und wohin er geht. Also auch ein jeglicher, der aus dem Lebenswinde geboren ist" (V.8). In wunderbarer Weise läßt uns die hier besonders sich offenbarende weltensymphonische Sprache des Johannes-Evangeliums das im Weltenwind wie im irdischen Windeswehen zu erlauschende Geheimnis der Weltenmusik erahnen. Dieses ist aber zugleich das Geheimnis des Klangätherischen der Welt. Wie im "Lebenswasser" des Johannes-Evangeliums das Geheimnis des Lebensätherischen, verbirgt sich im Lebenswinde die Magie des Klangätherischen.

   In jenem Geheimnis des Weltenmusikalischen und Klangätherischen in Luftodem und Lebensodem lebten noch tief die alten Inder. Ihre Yogapraxis war ganz auf diesem Mysterium S214 des Luftatems und des Weltenmusikalischen, Klangätherischen im Atem aufgebaut (Näheres in den beiden Aufsätzen über den indischen Yoga in Gäa Sophia 1929 und besonders in dem Yoga-Aufsatz in den Österreichischen Blättern für freies Geistesleben, Juni 1929, bes. S12ff, 25f). In den Lebenstiefen, im "unteren Menschen" erweckte durch Atembeherrschung der indische Yogin die geheimnisvolle "Schlange" (Kundalini, Shakti), die dort unten schlafend als blinde Kraft das Menschenwesen in das "Nichtwissen", in die Finsternis der Triebe, Begierden und Leidenschaften verstrickt, als "wissende Schlange" aber, erwachend und als heilende Lebens- und Liebeskraft sich aufrichtend, zur Bringerin der inneren Freiheit durch das Licht der erlösenden Erkenntnis wird. Bis in die Moses-Mysterien hinein, bis in den Schlangenzauber vor dem ägyptischen Pharao und die "Erhöhung der Schlange in der Wüste" (Joh.3,15 mit Mos. 21,8) wirken diese Yoga-Geheimnisse, die im alten Indertum ihre klassische Stätte haben. Was damals aus dem Lebenszentrum, aus den Tiefen de Unterbewußten heraufgeholt wurde, das bewirkt jetzt der Christus aus der Kraft des Ich, im Lichte des höheren Bewußtseins. Aus der Kraft des Ich und in der Freiheit des Ich wird jetzt das höhere Lebenselement (Lebensäther und Klangäther, johanneisch: Lebenswasser und Lebenswind) wie in einer neuen Geburt von oben her empfangen. Das ist dann die Erhöhung des Menschensohnes (siehe Teil A cap. 6), die Entfaltung des Ich-Keimes und höhere Ich-Offenbarung des Menschenwesens, an Stelle der in vorchristlicher Mysterienpraxis noch geübten "Erhöhung der Schlange" aus den Kräften des unterbewußten Lebenszentrums (Joh.3,14). Da walten die höheren Geburtsgeheimnisse und Geheimnisse des "Ewig-Weiblichen", wie sie in Christus jetzt offenbar werden.

   Das mit dem Steinbock über diesem ganzen Kapitel des Johannes-Evangeliums stehende Krebs-Zeichen war mit diesen Geheimnissen der Geburt, des Weiblichen und Mütterlichen, der Mutterbrust insbesondere, immer verbunden (ME28u.a.). Schon die "Erschaffung Evas aus Adams Rippe" (Gen.2,22) weist auf dieses Zeichen, in dem man die "beiden Rippen" oder S215 Teile des Brustkorbes sehen kann, hin. Unter den "zwölf Sinnen" verbindet sich das Krebszeichen (in dem man auch die Windungen der Ohrmuscheln finden kann) mit dem Gehörsinn, dem Tonsinn. Wir erkennen, wie die "höhere Geburt" aus den klangätherischen Kräften des "Lebenswindes" beide Gesichtspunkte jenes Zeichens verbindet. Die Schwierigkeit des Nikodemus ist die, daß er beim Steinbock-Zeichen stehenbleibt, die Kräfte des vom Krebs her wirkenden höheren Lebens- und Geburts-Elements nicht erreichen kann.

   In der christlich-johanneischen Einweihung (ME241ff) ist der Krebs das Zeichen der Verwandlung des Physischen der Transsubstantiation und höheren Alchimie, der Neugeburt auch des Physischen aus den Kräften des Ich. Zwillinge, Krebs und Löwe stehen über dieser Einweihung. Dieselben drei Zeichen erscheinen wieder im Johannes-Evangelium in den drei "Mysterien-Kapiteln", die vor allem den Gegensatz der alten und neuen Einweihung behandeln (cap. 2,3+4), als obere Gegenzeichen. Das Primäre sind, wie auch sonst im Johannes-Evangelium, die unteren, dunkeln Zeichen, bei diesen drei Kapiteln also: Wassermann, Steinbock, Schütze. Im zweiten Kapitel, bei der "Hochzeit von Kana", wo es sich um den Gegensatz von "Wasser und Wein", Wassertaufe und Feuertaufe, Ätherwirkung und Ichwirkung handelt, erscheint der Wassermann als Gegenzeichen des Löwen. Im dritten, im Nikodemus-Kapitel, handelt es sich um den Gegensatz der noch im Tode sich offenbarenden Vaterkraft und der in der "Wiedergeburt von oben" wirkenden mütterlichen Kraft des oberen Lebenselementes. Da erscheint das Saturn-Vater-Zeichen des Steinbocks als der finstere Gegensatz des lichten Monden-Mutter-Zeichen Krebs. Da offenbart sich der Gegensatz der alten und neuen Einweihung in der Tierkreis-Achse Steinbock-Krebs.

   Strahlen des Uranus, Lichtätherkräfte der oberen Sternenwelt, so sahen wir, verbinden sich im Zeichen Wassermann (Joh.2) mit der Saturnwirkung. Darum erschien dort, bei der Hochzeit von Kana, alles in einem lichteren Element. Die finstere Saturn-Sphäre des Steinbocks, in der Nikodemus, der S216 jüdische Esoteriker, sich geistig zuhause fühlt, erreichen diese Strahlen nicht. Verschlossen blieb das höhere Sternengeheimnis, das Uranus-Geheimnis dem alten Judentum und weinem Saturn-Impuls. Wir erinnern uns (Teil A, cap.2+3), wie Uranus, Uronos in alten Mysterien ein Name war für die außerhalb der planetarischen Siebenheit, über den Saturn hinausliegende obere Sternensphäre, die eigentliche Sternenwelt. Aus diesem Uranos (das Wort findet sich gleichbedeutend auch im Johannes-Evangelium), diesem Reich der oberen Sternenwelt, dieser "Welt des ewigen Namens" ist Christus zur Erde herniedergestiegen (Joh.3,13). Und die Menschheit, die ihren ewigen, in den Sternen geschriebenen Namen (Luk.10,20) vergessen, ihre Verbindung mit der oberen Sternenwelt verloren hat (Teil A cap.7), sie vermag auch in so fortgeschrittenen Esoterikern, wie Nikodemus einer war, dieses Geheimnis des Christus-Namens nicht mehr zu erahnen, nicht mehr "an diesen Namen zu glauben", weil die Sternenharmonie des ewigen Namens im Herzen nicht mehr widerklingt. Darauf beziehen sich im Nikodemus-Gespräch die Christusworte (V.12): "Vernehmet ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie würdet ih innerlich vernehmen, wenn ich euch von himmlischen Dingen sagen würde?

   Wie mit der irdischen Geburt die irdische Namengebung, ist mit der von Christus hier gemeinten himmlischen Geburt, der "Geburt von oben" das Wiederfinden (oder Wiedererinnern) des ewigen Namens verbunden. Da leuchtet dieser Name wieder im "Buche des Lebens", in der Sternenschrift des Lebensbuches auf, von dem in der Apokalypse die Rede ist. (Über alles dieses Teil A cap.7) Im andern Falle bleibt die richtende Eintragung im "Buche des Schicksals" bestehen (Auf dieses "Buch des Schicksals" bezieht sich auch das von Luther mit "böse" übersetzte Wort ... im 19. Vers, von "Last", also eigentlich "belastend" d.h. schicksalbelastend. Das damit verbundene "Werke" = indisch: karma). Im ewigen Namen des Sohnes, im Ich selbst liegt diese richtende Kraft (Joh.3,18). Das Ich selbst wählt zwischen Licht und Finsternis, scheidet sich, wenn es die Finsternis wählt, selbst vom Lichte (V.19). S217 Als das Licht der Welt, zum Heile der Welt, ist der Sohn vom Vater aus Welten des Lichtes in die Erdenwelt entsandt (V.17), und nur die Finsternis, die das Licht nicht begreifen will, spricht sich selbst das Gericht, löscht sich selbst im Buche des Lebens, in der Welt des ewigen Namens aus. In einer hohen, ihm als Eingeweihten verständlichen Mysterien-Sprache vernimmt Nikodemus diese Christus-Belehrung im nächtlichen Geistgespräch.

***

   Bleibt für Nikodemus bei all dem ein Rest des Nichtverstehens, so lebt in Johannes dem Täufer das volle Verstehen des Sinnes der neuen Einweihung (V.23ff). Bei ihm hat sich, was einst aus dem Zeichen des Steinbocks wirkte, restlos hinübergeopfert an das Neue, das im Zeichen des Krebses kommen soll. Das Wort "Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen" (V.30) drückt am vollständigsten den Sinn der über dem ganzen Kapitel stehenden Konstellation Steinbock-Krebs aus*...


* Auch hier ist wieder zu beachten, wie durch die Konstellation deutlich der innere Zusammenhang der beiden auf den ersten Blick so verschiedenen Abschnitte des Kapitels (Nikodemus-Gespräch und Johannes am Jordan) hergestellt wird. Der Fall liegt in dieser Beziehung ähnlich wie im zweiten und im vierten Kapitel (auch in Kap. 6-10). Die Bedeutung des "kosmischen Rhythmus" für die Erkenntnis des inneren Evangelienzusammenhangs ist da überall offensichtlich.

   Der - für den "symphonischen Stil" des Johannes-Evangeliums überall so charakteristische - Zusammenhang der Motive in den verschiedenen Abschnitten ist auch hier zu beachten: Die Täufer-Motive V.23+28 ("Ich bin nicht der Christus") fanden wir schon im ersten Kapitel, das "Motiv der Reinigung"

(=Taufe, V.25) im zweiten, ebenso das "Motiv des Bräutigams" (V.29), auch das "Motiv des Maßes" (V.349; vgl. cap. 2 V.6); dann das "Uranos-Motiv" (V.31 mit 13) "Wer von der Erde ist, redet von der Erde; wer vom Himmel (Uranos) kommt, ist über alle"; das Motiv "Der Vater hat den Sohn lieb" (V.35 mit 16 "Also hat Gott die Welt geliebt..."); endlich das "Motiv des Zornes Gottes" (V.36), der das Gegenbild der "Liebe im Ich" ist, die richtende, scheidende Wirkung des Ich, von der auch, im Nikodemus-Gespräch die Rede ist (V.18-21), das Motiv des "Schicksalsbuches", wie wir es auch nennen können, das mit dem "Sternen-Motiv des Lebensbuches" (des "ewigen Namens" im Lebensbuch, s.Teil A cap.7) in einer inneren Beziehung steht.


...Es bezieht sich zunächst S218 auf das Verhältnis des Täufers zu Christus, entspricht aber auch dem der beiden Johannes: im Steinbock stand die (jetzt überwundene) Einweihung des alten, vorchristlichen Johannes, im Krebs vollendet sich die des neuen, christlichen. Die Johanniswende im Jahresgeschehen wird in diesem Worte zum Bilder der Johannes-Wende im Weltgeschehen.

   Nur als Hypothese" könnte hier die Frage aufgeworfen werden, ob nicht, wenn wir, der geistigen Forschung Rudolf Steiners folgend, das Nikodemusgespräch als "nächtliches Meditationserlebnis" nehmen, auch das ganze Bild des in restloser Selbsthinopferung an die neue, werdende Christuswelt begriffenen Täufers - unbeschadet der objektiven Realität der in diesem Evangelienabschnitt erzählten Vorgänge - zugleich als ein in der Meditation des Nikodemus aufsteigendes Bild verstanden werden kann, in dem er im Hinschauen auf die Gestalt Johannes des Täufers die Lösung der Zweifelsfragen findet, die ihn bis dahin beunruhigen. Die Evangeliengeschichte selbst (Joh. 7,50;19,39) ist ja ein Zeugnis dafür, wie Nikodemus immer mehr mit der Christus-Sphäre sich verbindet, in sie hineinwächst.

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5. Die Samariterin am Brunnen

(Joh. 4, 1-42)

Schütze - Zwillinge


Bei dem Bronn, zu dem schon weiland Abram ließ die Herde führen;

 Bei dem Eimer, der Heiland kühl die Lippe durft' berühren;

Bei der reinen reichen Quelle, die nun dorther sich ergießet,

Über-flüssig, ewig hell rings durch alle Welten fließet -

Goethe.


S219   Mit diesen, der 'Mulier Samaritana', der Samariterin des vierten Johannes-Kapitels in den Mund gelegten Worten in der Schluß-Apotheose des Faus (II. Teil) hat schon Goethe auf die Mysterien-Hintergründe des vierten Johannes-Kapitels (V.1-42) hingewiesen, die gerade dieses als das "Mysterien-Kapitel" vor allen andern erscheinen lassen. Den ersten Mysterien-Begegnungen des Christus am Jordan (Joh.1) war eine zweite zu Kana in Galiläa (Joh.2) gefolgt, dann eine dritte (nur im Geistigen sich abspielende) im "Nikodemus-Gespräch" (Joh.3). Im vierten Kapitel sehen wir, wie den Christus Jesus sein Weg an eine der Stätten führt, wo noch uralt-heidnische Mysterien-Überlieferungen, wenn auch in einer späten Form des Verfalles, sich mit Erinnerungen des alten Hebräertums verbinden. Auch S210 das dort geführte Gespräch mit der Samariterin ist eine solche Mysterienbegegnung des Christus vor dem Betreten der niederen Menschheits-Sphäre. Die Tatsache, daß vieles, wie im Johannes-Evangelium überhaupt, so insbesondere in der Erzählung des 4. Kapitels - man denke, wie die Jünger in die Stadt geschickt werden, um Speisen einzukaufen (V.8), und ähnliche kleine Züge - ein anschauliches Bild zu geben scheint, wie es im äußeren Leben des Christus Jesus, auf seinen Wanderungen mit den Jüngern usw. wirklich zuging, schließt diesen Mysterien-Gesichtspunkt nicht aus. Dem, der zwischen den Zeilen liest, offenbaren sich in aller schlichten Anmut der äußeren Erzählung die weltentiefen Hintergründe gerade dieses Kapitels.

   Der "kosmische Rhythmus" des Evangeliums beleuchtet auch hier die Situation auf das deutlichste. Der Richtung des "großen Weltenjahres" weiterhin folgend müßte er von dem im dritten Kapitel erreichten Steinbock jetzt nach dem Schützen hinunterführen; diesem unteren dunklen Zeichen würden dann als lichtes Gegenzeichen in der Höhe die Zwilling, das Zeichen des heiligen Berges und des auf ihm gegebenen Initiations-Impulses (ME88) sich hinzugesellen. Tatsächlich finden wir auch in dieser Konstellation Schütze - Zwillinge den entscheidenden Schlüssel für die Probleme des vierten Johannes-Kapitels: wie der Schütze auf die in Christus neu entspringende Lebensquelle (V.14, dazu ME133,349f), auf alles, was vom "heiligen Berge" an großen geistigen Impulsen in die Menschheit geflossen ist. Geschichtlich, so erinnern wir uns aus allem Früheren, verbindet sich dieses Zeichen Zwillinge, dieses Höhezeichen des heiligen Berges, mit der Menschheitsepoche, da der Frühlingspunkt im Sternbilde der Zwillinge war, mit der urpersischen "Kulturperiode", dem (vorgeschichtlichen) Zeitalter des grossen Menschheits-Eingeweihten Zarathustra (nicht des späteren Inspirators der Avesta-Dokumente, sondern des von Plutarch fünf Jahrtausende vor dem trojanischen Kriege, also sechs Jahrtausende vor der Zeitenwende angesetzten Ur-Zarathustra, des "Magiers Zarathustra"...* S221


* Plutarch über Isis und Osiris, cap. 46 (S81 ed. Parthey). Näheres über die Zarathustra-Probleme in des Verfassers Schrift "Zarathustra", Bd. 24 der Schriftenreihe "Christus aller Erde" (Stuttgart, Urachstraße 41, Verlag der Christengemeinschaft), besonders im 2. Kapitel S.35ff. Außerdem in der Schrift

"Aus der Welt der Mysterien" (bei Rudolf Geering, Basel) in den beiden Aufsätzen "Das heilige Urwort des Zarathustra" und "Isis - die Sternenweisheit der altägyptischen Mysterien und ihre Zusammenhänge mit Zarathustra". (Hier eingestellt unter - bitte anklicken:  13d Beckh: Zarathustra und  13a Beckh: Isis).

...Die noch im späteren Avesta uns entgegentretende Zweiheitslehre Zarathustras, die große Lehre von Licht und Finsternis, Gut und Böse ist im innersten Wesen des Zwillingszeichens verankert. Der Fortgang der Betrachtung wird immer deutlicher zeigen, wie gerade das Hinschauen auf Zarathustra, seinen Ur-Mysterien-Impuls und Ur-Zwillings-Impuls Licht auf die Probleme des vierten Johannes-Kapitels wirft (bei der "Samariterin am Brunnen" steht dabei der "Ur-Mysterien-Impuls", bei der Geschichte des Hauptmannssohnes das ethische Zwillings-Motiv der Weltgegensätze im Vordergrund). Nicht, als ob die Samariterin, mit der wir den Christus Jesus im 4. Johannes-Kapitel im Gespräch finden, eine eigentliche Zarathustra-Priesterin gewesen wäre. Wir befinden uns da in Samaria, im Grenzgebiet von Palästina, im Bereich jener Berg-Kulte und ihrer Mysterien, die schon im Alten Testament eine bedeutsame Rolle spielen. Altheidnisch-chaldäische Mysterien der Istar-Astarte-Astaroth - Isis in ihrer späteren chaldäischen Form - mit ihrer Bilderwelt eines dekadenten alten Hellsehens wirken da herein ins Hebräertum, dem das Gebot gegeben war: "Du sollst dir keine Bildnis noch irgendein Gleichnis (vom Göttlichen) machen", sollst im Ich allein das Göttliche finden. Der "Berg der Anbetung und des Opfers", der kosmischen Offenbarung des Göttlichen, stellt sich da entgegen dem "Tempel zu Jerusalem" (V.20). Aber auch jene dort hereinwirkenden chaldäischen Mysterien führen, gleich den hebräischen Moses-Mysterien selbst ("Zarathustra" a.a.O.S65ff), letzten Endes auf den Zarathustra der Urzeit zurück. Auch zwischen Moses und seinen "Gesetzestafeln" und dem Ur-Zarathustra und seinen Moralgeboten besteht ein verborgener, ein gleichsam unterirdischer geistiger Zusammenhang. Zarathustra (der Ur-Zarathustra) S222 ist der große Inspirator aller großen nachindisch-vorchristlichen Mysterien, zugleich der große Vorverkünder des Christus. Und es wird sich zeigen, wie seine Impulse, auf die schon die ganze über dem 4. Johannes-Kapitel stehende Konstellation hinweist, in einzelnen Motiven dieses Kapitels in einer besonderen Weise erkennbar sind.

   Keine gewöhnliche "Frau aus dem Volke", sondern die Hierophantin einer gefallenen Mysterienstätte, in deren Tradition aber noch gewisse selbst noch auf Zarathustra hinweisende Impulse spürbar sind, steht in der Samariterin des 4. Johannes-Kapitels vor uns. Und etwas von der Stimmung des "großen Mittags des Zarathustra" - so wie dieser "große Mittag" noch lebte in den schauenden Träumen Friedrich Nietzsches (vgl. darüber die Schrift "Zarathustra" S19ff,s.a.: 13d Beckh: Zarathustra) - liegt über dem ganzen Kapitel. Bei Zarathustra bedeutet dieser "große Mittag" die Welten-Mittags-Stunde und Welten-Entscheidungs-Stunde (das "große Gericht"), und in einem Dornacher Neujahrsvortrag (1915 GA291) hat Rudolf Steiner gezeigt, wie in bestimmten tausendjährigen Rhythmen für das Menschheitsbewußtsein, wie sie sechs Jahrtausende vo der Zeitenwende in den Mysterien-Impulsen Zarathustras lebte, wird sich sechs Jahrtausende nach der Zeitenwende durch den Christus-Impuls erneuern, im Ich auf höhere Stufe wieder dasein. Die Sonne wird dann im Frühlingspunkte im Sternbilde des Schützen stehen, so wie sie im "großen Mittag des Zarathustra" im Sternbilde der Zwillinge stand. So ist die über dem vierten Johannes-Kapitel stehende Konstellation Schütze - Zwillinge auch diejenige des großen Mittags, der Welten-Mittags-Stunde. Nicht umsonst, so sahen wir, folgt der "kosmische Rhythmus" der ersten Johannes-Kapitel (der "Mysterien-Kapitel") dem des großen Weltenjahres: wie wir schon in der Konstellation des ersten, noch mehr des zweiten Johannes-Kapitels eine große Welten-Prophetie erkannten, so steigert sich diese Prophetie zu ihrer höchsten und fernsten Höhe im vierten Kapitel: alle Geheimnisse des großen Weltenjahres, mit S223 seiner Erneuerung uralter Mysterien-Impulse durch den Christus-Impuls, leuchten da im Lichte des "großen Mittags", auf den die Zwillinge (bzw. die Konstellation Schütze - Zwillinge) hinweisen, vor uns auf.

   Und wie der Rhythmus des Jahreslaufes sein größeres Abbild in dem des großen Weltenjahres hat, so hat er sein kleineres Abbild im Tageslauf (ME19,21ff). Die Zwillinge, die im Weltenjahr den "großen Mittag Zarathustras" andeuten, sie sind ja, als das zur Sommer-Sonnenwende hinführende Zeichen, auch die "Mittagsstunde des Jahres" (der im Krebszeichen stehende Beginn des Jahresabstiegs fällt heute gerade in das Sternbild der Zwillinge). Und in gleicher Weise deutet dann dieses Zeichen im Tages-Rhythmus die Mittagsstunde an.

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   Auf diese Mittagsstunde im Tageslauf weist uns gleich der Anfang des 4. Johannes-Kapitels (V.6) hin, wenn es da, wo erzählt wird, wie Jesus, müde von der Reise, am Brunnen rastet, heißt: "und es war um die sechste Stunde". Wenn wir berücksichtigen, wie die hebräische Stundenrechnung mit Sonnenaufgang (d.h. wohl: mit der Sonnen-Aufgangsstunde der Tagundnachtgleiche, früh 6 Uhr) beginnt, erkennen wir unschwer, daß es wirklich die heiße Mittagsstunde ist (12 Uhr), in der der Christus Jesus hier dürstend am Brunnenrand sitzt. Es ist die gleiche Stunde, die uns dann bei der Kreuzigung wieder begegnet (Mark.16,33). Die Weltbedeutung der Konstellation Schütze - Zwillinge wird darin offenbar. Wie im Tageslauf zwischen diesen beiden Zeichen das Geheimnis von Sommerhöhe und Wintertiefe liegt, so im Rhythmus des großen Weltenjahres, der für diese ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums bestimmend ist, das Geheimnis der Welten-Sternenstunde, in der der Urimpuls der Mysterien gegeben (Zwillinge), und jener andern Stunde, wo er am Kreuze erneuert wird (Schütze), des "großen Mittags Zarathustras" auf der einen, des Mysteriums von Golgatha auf der andern Seite. Aus der Konstellation Fische - Jungfrau im ersten Johannes-Kapitel hat der Rhythmus des großen Weltenjahres beim S224 zweiten Kapitel in die Konstellation Wassermann - Löwe, beim dritten in die Konstellation Steinbock - Krebs geführt, der sich nun im vierten Kapitel die Konstellation Schütze - Zwillinge folgerichtig anschließt. Wir sind dabei wieder in das "Kreuz des Ätherischen", in das "Christus-Kreuz" der Mitte eingetreten, von dem wir bei der Jordan-Begegnung (Fische - Jungfrau) unsern Ausgang nahmen. Wir konnten dieses Kreuz auch als dasjenige der großen Erden-Geburtsstunde, der Stunde der Ich-Geburt (die auf Golgatha sich vollzieht, im Jordanereignis sich vorbereitet) ansehen. Was man beim Horoskop einer Geburtsstunde den "Aszendenten" (das im Aufgang begriffene Zeichen) und den "Deszendenten" (das untergehende Zeichen) nennt, erscheint bei diesem Kreuze als die Konstellation Fische - Jungfrau, während wir bei der Konstellation Schütze - Zwillinge auf Himmelsmitte und Himmelstiefe, das sog. Medium Coeli und Imum Coeli hinschauen. (Die Figur im Anhang läßt alles dieses mit voller Deutlichkeit ersehen.)

   Schon aus der Betrachtung des Markus-Evangeliums kennen wir die Zwillinge, das Höhen-Zeichen des heiligen Berges und des "großen Mittags" als das Zeichen des großen Himmels-Zenith. Es ist die Welten-Sternenstunde der großen Einweihungs-Impulse des Ur-Zarathustra, die dann nicht nur das Persertum selbst, sondern das Ägyptertum und seine Isis-Mysterien, das Chaldäertum, das Hebräertum unmittelbar oder mittelbar inspirierten.

   Schauen wir zunächst auf das Hebräertum, so finden wir dessen großen Stammvater Abraham, wie er aus Ur in Chaldäa, dem Lande alter Sternen-Urweisheit einwandert (Gen.11,31), wie er von dorther noch mit dem hellseherischen Bewußtsein der Sternen-Urheimat verbunden ist, wie er noch Weisungen des Göttlichen aus diesem Sternen-Urbewußtsein heraus empfängt. Auch mit dem Ägyptertum, wo dasjenige, was dann bei den Chaldäern schon mehr Anschauung ders äußeren Sternhimmels war, in einer tieferen Verinnerlichung lebte, sehen wir ihn in Berührung kommen (Gen.12,10ff). Und wie hinter jener chaldäischen, steht hinter der ägyptischen Weisheit und ihren Isis-Mysterien wiederum die Sternen-Urweisheit Zarathustras.

S225   Was bei Abraham noch lebendiges Verbundensein mit geistigen Welten, mit dem Geistigen der Sternenwelten war, es wird bei Jakob, seinem großen Nachkommen, zum Traumerlebnis: unter dem funkelnden Sternhimmel schlafend, träumend, sieht Jakob noch die Engel, die Wesenheiten der himmlischen Hierarchien, an der großen Himmelsleiter auf- und niedersteigen (Gen.28,10ff). Erst später hat er die Begegnung mit ihnen auch im Wachen (Gen.32). Von seinen zwölf Söhnen ist es allein Josef, der jene Gabe träumenden Hellsehens sich bewahrt und darum von seinen Brüdern als der "Träumer" gemieden und angefeindet wird. Es war ja gerade der Impuls, die Entwicklungs-Aufgabe des Hebräertums, jenes ältere Hellsehen und träumende Bilder-Erleben auszulöschen und dafür das wache Verstandesbewußtsein und Ichbewußtsein auszubilden. In diesem Sinne wurde Moses, der selbst noch eine hellseherisch-magische Begabung trug, der Führer seines Volkes zum Ich.

   Nicht ohne tiefen Sinn spricht uns das vierte Johannes-Kapitel von Jakobs Brunnen. Das Bild der Brunnentiefe alter hellseherischer Erkenntnisse, alter träumender Bilderschau steigt vor uns auf, die Brunnentiefe, in die der Träumer versinkt, die in der Bilderwelt unserer Märchen manche Rolle spielt, wo das in diese Tiefe versunkene arme Mädchen sich dann auf der schönen sonnenbeschienenen blumigen Wiese erwachend findet... Die ganze Örtlichkeit, wo die Begegnung im Johannes-Evangelium stattfindet, ist von einer tiefen Bedeutung: wenn da die Rede ist von dem Felde, das Jakob seinem Sohn Josef schenkte (Joh.4,5), ihm sterbend als Vermächtnis gab (Gen.48,22), so läßt uns dieses an alles dasjenige denken, was da als eine geistige Vererbung von Abraham über Jakob zu dessen Nachkommen, zu "Josef dem Träumer" hinüberging. Und wie hinter der späteren Moses-Weisheit, so steigt auch hinter Abraham und seiner Heimat Ur in Chaldäa, der Stätte uralter Sternenweisheit, die große Gestalt Zarathustras auf, des Ur-Inspirators aller späteren Mysterien, auch der ägyptischen Mysterien der Isis, deren dekadente, gefallene Form uns dann auch in den späteren, die Grenzgebiete von Palästina S226 berührenden "Bergkulten" der Istar-Astarte-Astaroth entgegentritt.

   In der Glut der Mittagsstunde, der etwas vom "großen Mittag Zarathustras" widerspiegelnden Stunde der himmlischen Zwillinge liegen alle diese Urerinnerungen über der gefallenen, verlassenen Mysterienstätte, an die uns das vierte Johannes-Kapitel versetzt. Nicht mehr in Klarheit des Bewußtseins sind sie aufbewahrt. Sondern wie wir noch da und dort hören, wie in nicht allzu ferner Vergangenheit, aus verworrenen Resten alter Bewußtseinsformen heraus der Schläfer im hohen Kornfeld in heißer Mittagsglut die spukhaft-albdruckartige Erscheinung der "Mittagsfrau" erlebte, die ihn mit ihrer Fragepein, mit dunkeln Rätselfragen über Raum und Zeit, Leben und Tod bedrängte, wie dann dieses Traumerlebnis der Mittagsfrau und ihrer Fragepein zu den großen Sphinx-Erlebnissen altägyptischer Mysterien sich verhält, so verhält sich dasjenige, was damals an jener verfallenen Mysterienstätte noch geistig anwesend war, zu dem, was früher war, so schweben jene Schatten verflossener Mysterienherrlichkeit noch über der verlassenen Stätte.

   Der Name Sichar selbst - so heißt im Johannes-Evangelium die Stadt Samarias, in der die Begegnung stattfindet - scheint so etwas wie die verstopfte Quelle, die versiegte Quelle zu bedeuten (Vgl. Wilhelm Gesenius, Hebräisches Handwörterbuch S538unten). Wir denken da an die große Lebensquelle, der einst im Paradies der "vierfache Strom in Eden", der vierfache Äther-Strom der Welt entfloß, der das Leben der Urzeit trug, das dann infolge des Sündenfalles der Menschheit, ihrer Absonderung vom göttlichen Urquell immer mehr vertrocknete und versiegte. Noch einmal konnte aus jenem Strome Zarathustra die Kraft alten Mysterien-Erlebens erneuern, das dann in Ägypten und Chaldäa zu neuer Herrlichkeit erblühte. Noch einen Abglanz dieser Herrlichkeit brachte Abraham, der Erzvater des hebräischen Volkes, aus der chaldäischen Urheimat nach der neuen Heimat mit. Diese letzte lebendige Verbindung mit der alten Lebensquelle wurde dann in Jakob und Josef schon traumhaft. S227

   In nächtige Brunnentiefe ist seitdem die Lebensquelle verschlossen. Nur mühsam, mit "Schöpfgefäßen" ist sie noch zu erreichen. Auch auf dieses "Motiv der Schöpfgefäße" im Johannes-Evangelium müssen wir achten. Es erscheint zuerst bei den sakramentalen Wasserkrügen in der Hochzeit von Kana (Joh.2,6). Eine weitere Anspielung darauf enthält der Schluß des dritten Kapitels, wo Johannes der Täufer davon spricht, daß "Gott den Geist nicht nach dem Maß gibt". Im Zyklus über das Johannes-Evangelium zeigt Rudolf Steiner, wie da auf ein Geheimnis des Unterschieds der alten und der neuen Geistigkeit hingedeutet wird. In alter Zeit - davon geben vor allem die indischen Ritualtexte ein beredtes Zeugnis - war alles nach bestimmten Gesetzlichkeiten des Mantrams (d.h. des Laut- und Silbenmaßes der Worte, ihrer ganzen lautlichen Abstimmung) und Metrums geordnet, die im Lautlichen der Worte sich offenbarenden Zahlengesetzlichkeiten wirkten da noch magisch, "mantrisch". Bei dem in Christus wiedergefundenen lebendigen Wort kommt es nicht in der gleichen Weise auf Zahl und Maß, auf die äußeren "Schöpfgefäße" des Mantrams an, da entscheidet die freie Schöpferkraft im Ich. Die Gesetze erschaffen sich da lebendig im Ich. Dasselbe Motiv begegnet dann im vierten Johannes-Kapitel bedeutsam wieder. Die Samariterin weiß nichts anderes, als daß man mit solchen überlieferten "Schöpfgefäßen" früherer Geistigkeit mühsam die versiegenden Reste der einstigen Lebensquelle aus der Brunnentiefe heraufholen muß (V.11). Und Christus spricht ihr von der neuen Lebensquelle, die aus dem innersten Nullpunkte, dem Ich sich neu und frei ergießt. Während die alte Lebensquelle, die einst ein mächtiger Strom war, dann immer spärlicher dahinfloß, immer mehr in sich versiegte und vertrocknete, ist das Geheimnis der neuen Lebensquelle dieses, daß sie aus jenen bescheidenen, kaum sichtbaren und spürbaren Anfängen heraus immer breiter und mächtiger in die Zukunft der Menschheit hinein sich ergießt,Joh.4,13.14: "Wer dieses Wassers trinket, den wird wieder dürsten; wer aber des Wassers trinken wird, das Ich ihm gebe (das das Ich ihm gibt), den wird ewiglich nicht dürsten; sondern das Wasser, das Ich ihm geben werden, wird in ihm ein Brunnen S228 des Wassers werden, das in das ewige Leben quillet (in das "Leben der Ewigkeiten", der "künftigen Zeitenkreise"). "Aus dem Ich die neue Lebensquelle, der neue Paradiesesstrom" nannten wir (Teil A cap.6) das große Motiv des vierten Johannes-Kapitels.

   Warum aber, wenn er doch der Bringer der neuen Lebensquelle ist, spricht Christus zur Samariterin: "Gib mir zu trinken?" (Joh.4,7). Hier gerade liegt eines der bedeutsamsten und tiefsten aller Geheimnisse des Johannes-Evangeliums, dessen Deutung wir uns nicht voreilig dadurch erleichtern wollen, daß wir die Dinge nur von außen betrachten: Jesus von Nazareth, müde und durstig von der Reise, die Frau um einen Trunk Wassers bittend, wie einst auf seiner letzten Erdenwanderung der todkranke Buddha den Lieblingsjünger Ananda. Gewiß, es kann sich, rein äußerlich betrachtet, der Vorgang so abgespielt haben. Und es könnte auch naheliegen, zu sagen: nun ja, wenn (V.14) der Christus vom Lebenswasser, vom "Wasserbrunnen, der in das ewige Leben quillet" spricht, da meint er natürlich nicht mehr gewöhnliches Wasser, da nimmt er die Dinge geistig; aber das was die Samariterin meint, und was zunächst den Ausgangspunkt des ganzen Gesprächs bildet, ist doch nur gewöhnliches Wasser, H2O. Aber die eigentlichen Tiefen, die wahren Hintergründe des vierten Johannes-Kapitels würden wir damit doch nicht erreichen. Nichts ist hier deutlicher, und wird in der weiteren Betrachtung immer noch deutlicher werden, als daß Christus und die Samariterin im 4. Johannes-Kapitel von Anfang an "Mysteriensprache" miteinander sprechen - ähnlich wie wir dies auch in einer Szene des Markus-Evangeliums (Mark. 7,25-29, bes. V.27+28) fanden, wo Christus ebenfalls mit einer Hierophantin einer gefallenen Mysterienstätte spricht (ME163. Wenn auch für die Mark.7 angedeuteten Zusammenhänge mit der Herodias-Sphäre (ME161) bei Joh.4 nicht in Frage kommen). Rudolf Steiner hat es einmal als ein Ergebnis hellseherischer Forschung hingestellt, wie Jesus von Nazareth schon vor dem Jordanereignis auf seinen Wanderungen vielfach an solche im Umkreis liegende S229 erfallene Mysterienstätten kommt und bedeutsame geistige Erlebnisse dort hat, wie er in der geistigen Athmosphäre die ganze Vergangenheit dieser Stätten und die Abgründen ihres späteren Verfalles schaut. So durchschaut der Christus Jesus auch im 4. Johannes-Kapitel sofort, an welcher Stätte er sich befindet, und wen er in der Frau vor sich hat. Inmitten alles Verfalles, der ihn da umgibt, schaut er dennoch geistig die einstige Größe der Vergangenheit, wie etwas für das hellsichtige Auge noch immer Gegenwärtiges, das spürbar und unsichtbar-sichtbar die Stätte umschwebt. Und nicht nur um gewöhnliches Wasser, sondern um alles, was da zwischen ferner Menschheits-Urvergangenheit und ferner Menschheits-Zukunft liegt, geht der beiden Gespräch. Schon alles, was wir von Hinweisen auf hebräische Vergangenheit, von Jakob, Josef, von "Schöfpgefäßen" usw. darin fanden, deutete in diese Richtung.

   Aber gerade wenn es sich also um ein "Mysterien-Gespräch" hier handelt, bleibt die Frage bestehen: Warum spricht der Christus zur Samariterin: "Gib mir zu trinken!" (V.7)? Warum begehrt er, der Bringer der neuen Lebensquelle, die Labung aus der alten, versiegenden? Die Frau selbst empfindet die Bitte als etwas sehr Ungewöhnliches, ihr zunächst Unverständliches (V.9) - eine Haltung, die ja doch sinnlos wäre, wenn es sich nur um einen gewöhnlichen Wassertrunk handeln würde -, darum, weil sie in dem, der sie bittet, einen Vertreter des Judentums sieht, und daran gewöhnt ist, daß solche an allem, was von Samaria kommt, dort vielleicht noch (im geistigen Sinne) "zu holen ist", hochmütig vorübergehen (V.9: "Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern"). Auch die Jünger des Herrn selbst sehen wir darum an dem, was zwischen dem Christus und der Samariterin hier sich abspielt, Anstoß nehmen (V.33ff). Wir dürfen das nicht einmal als bloßen Hochmut nehmen, sondern müssen verstehen, daß der von den Juden zu entwickelnde geistige Impuls in der Tat in einer ganz andern, jenen halbheidnischen "Bergkulten" völlig abgewendeten Richtung lag, daß er ganz nach dem Innern, nach der aus dem Ich heraus zu entwickelnden Geisteskraft ging. Eben darum war ihr Stamm ja dazu bestimmt, dem S230 Christus, dem lebendigen Träger des neuen Ich, die leibliche Hüller zu bereiten.

   Und doch gehört wiederum zu den negativen Seiten des Pharisäertums die eines gewissen geistigen Selbstgenügens, die über dem, was einem vom Geistigen her geschenkt ist, was geistiger Vorzug ist, nun alle Sehnsucht nach dem noch Höheren, alle Sehnsucht nach der verlorenen Lebensquelle vergißt. Was aber wäre wahres Menschentum ohne diese Sehnsucht? So wahr es ist, daß alles, was heute nieder menschliche Sehnsucht ist, mit dem Falle der Menschheit, dem "Sündenfall" zusammenhängt, so wahr ist auch das andere, daß es eine Sehnsucht gibt, ohne die der Mensch sich niemals zu den Höhen seines verlorenen Ursprungs wieder erheben könnte. Durch Christus ist auch der Stern der Liebe und Sehnsucht wiederum heilig geworden (Teil A cap.6 am Ende). Und es liegt noch etwas von Größe des alten "Heidentums" darin, daß es sich eine Sehnsucht bewahrte, die das Judentum vorzeitig verneinte (Oder die da, wo sie dennoch auftritt - man denke an die heute noch hörbaren Klagegesänge in Jerusalem - sich in tragischer Weise an das Vergangene, Unwiederbringlich-Verlorene hängt. Die Sehnsucht, die in ihrer richtigen Form das alte Pharisäertum verneinte, hat in einer tragisch-rückständigen Form das spätere spirituelle Judentum um so mehr heimgesucht).

   Eine Ahnung der im vierten Johannes-Kapitel waltenden tiefen Zusammenhänge liegt in dem Spruche des Angelus Silesius:

Gott selber klaget Durst: ach, daß du ihn so kränkest

Und nicht, wie jenes Weib, die Samaritin, tränkest.

Der Gott in Christus war über alles menschliche Dürsten erhaben, weil er eins war mit dem Lebensquell. Aber nicht darin liegt das Entscheidende der Christustatsache, sondern darin, daß die göttliche Liebe sich gerade mit der menschlichen Sehnsucht verbindet, daß der Gott das Menschentum, damit aber auch das Leiden der Menschheit, das Gebrechen der Menschheit, das Dürsten der Menschheit auf sich nimmt. Buddha lehrte die Menschen die Entäußerung vom Durste (Trischná), von S231 der Begierdensehnsucht. Christus nimmt am Kreuz alles Dürsten, alle Sehnsucht der Menschheit auf sich. In dem - gerade im Johannes-Evangelium (19,28) überlieferten - Kreuzesworte "Mich dürstet" klingt geistig alles Sehnen und Dürsten der ganzen Menschheit in die Sternenräume hinaus. Nicht, was diese Worte bedeuten - hat Rudolf Steiner einmal im Gespräch zum Verfasser dieser Arbeit gesagt - "sondern was es bedeutet, daß sie überhaupt gesprochen wurden, sollte hier gefragt werden."

   Nicht ohne Bedeutung ist auch hier vom Gesichtpunkte des "kosmischen Rhythmus" die Tatsache, daß beide Worte des Dürstens - das Kreuzes-Wort und die Bitte Joh.4,7 -, bzw. die Evangelien-Abschnitte, wo sie sich finden, im gleichen Himmelszeichen stehen, im Todeszeichen des Schützen, das der Konstellation des 4. Johannes-Kapitels, wie derjenigen von Golgatha angehört, das das Zeichen der im Tode von Golgatha neu entspringenden Lebensquelle ist. Eins der intimsten Geheimnisse des Johannes-Evangeliums wird darin offenbar. Und schon durch diesen unmittelbaren Zusammenhang mit der Konstellation von Golgatha erscheint das vierte Johannes-Kapitel als das tiefste und bedeutsamste der den Eingang des Johannes-Evangeliums bildenden "Mysterien-Kapitel".

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   Anders, als der bloße Vertreter des Hebräertums und Pharisäertums - auch das liegt noch in der Richtung der Erklärung der Bitte Joh.4,7 - schaut der Christus auf die Geheimnisse der alten verfallenen und verlassenen Mysterienstätte, und ihres dem Vertrocknen und Versiegen nahen Lebensstromes. Offen liegt vor seinem geistigen Auge die einstige Größe der Urzeit, der Reichtum ihrer geistigen Offenbarungen. Was einstmals da war in Zarathustra und in seiner Verkündigung von Menschheitswerten, was da lebte in den Isis-Mysterien Ägyptens und in der Sternenweisheit Chaldäas, es lebt für Christus nicht nur als ein Vergangenes, sondern weil er selbst die ewige und ewig-erneuernde, ewig-verjüngende Lebensquelle in sich trägt, sieht S232 er jenes Vergangene zugleich als ein in der Zukunft sich Erneuerndes. Nicht, um irgendwelchen verflossenen "heidnischen" Lehren und Religionen eine neue "christliche" entgegenzusetzen, ist Christus auf der Erde erschienen, sondern um als der Wieder-Beleber des erstorbenen Erdendaseins das Leben der Erde selbst aus den Quellen des Kosmos zu erneuern. In dem Blute, das aus den Wunden des Gekreuzigten fließt, leuchtet kosmisches Sternenleben im Irdischen auf. Die neue Lebensquelle selbst, der neue Paradiesesstrom entspringt am Kreuze auf Golgatha (ME350 ist gezeigt, wie bis ins Ritual der katholischen Kirche hinein eine Ahnung davon erhalten ist). Alles Große, was auf Erden war und ist, alles was Ewigkeitswert in sich trägt, findet in diesem Strom aus Ewigkeitsquellen seine Erneuerung. Es ist ein Geheimnis aller Blüte, daß sie nicht nur aus dem Irdisch-Vergänglichen, sondern daß dieses Allervergänglichste im Irdischen nur aus dem Ewigen, aus dem Hereinleuchten eines geistigen Sternenlichtes verstanden werden kann (In diese Richtung weist auch das Wort des Novalis "Die Sieste (Ausfluß, Schwelle?) des Geisterreichs ist die Blumenwelt - Fragmente ed.Kamnitzer652). Auch alle Blüte alter Mysterien war von diesem Ewigkeitslichte überleuchtet, trug Ewigkeitswerte in sich. Was diese Ewigkeitswerte in sich trägt, ist durch das Christentum nicht aufgehoben, sondern findet gerade dort aus der ewigen Lebensquelle seine Erneuerung. Was an Schätzen höherer Geistigkeit in alten Mysterien einmal da war, was durch ein Versiegen des Lebensstromes im Abstieg der Menschheit sich dann immer mehr aufzehrte, was für immer verloren gegangen wäre, es findet in Christus diesen neuen Einschlag, die Erneuerung aus den Quellen des ewigen Ich. Darin liegt aber auch, daß diese Erneuerung keine bloße Wiederholung des Vergangenen ist, sondern daß dieses Vergangene, jetzt aus dem Ich neu geboren, auf einer neuen, höheren Ich-getragenen Bewußtseinsstufe erscheint. Und daß, während die versiegende alte Lebensquelle zuletzt im Nullpunkte verschwand, die neue als immer breiterer Strom aus dem Nullpunkte des Ich in die Zukunft hinein sich ergießt. Es ist jener Nullpunkt des Ich, jenes "Nadelöhr" des S233 Bewußtseins, durch welches in erschütternden Todeserlebnissen hindurchgehend der Johannes-Jünger den Zugang zur neuen Lebensquelle, den Weg des Lebens fand (ME278). Wir können uns gut vorstellen, wie alles gerade in den ersten, den Mysterien-Kapiteln seines Evangeliums von ihm Berührte mit dem im Totenschlafe zu Bethanien Durchlebten und Erschauten tief zusammenhängt...

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   So begehrt der Christus den Trunk aus der versiegenden Lebensquelle (Joh.4,7) auch darum, weil er den Wert der Urzeit darin erkennt, weil er der Hierophantin der gefallenen Mysterienstätte über den Wert dieser Urzeit-Quelle und die Möglickeit ihrer Erneuerung aus Ewigkeits-Quellen eine neue Belehrung schenken will. An dieser Stelle aber müssen wir die ganze hinreißende Dramatik, die ganze Mysterien-Dramatik des vierten Johannes-Kapitels wohl im Auge haben. Wie Christus der Frau vom Geheimnis der Lebensquelle spricht, die in immer breiterem Strom ins Leben der Zukunft, der Äonen (der "künftigen Zeitenkreise") sich ergießen wird (V.14), vollzieht sich eine wunderbare Verwandlung in der Seele der Frau (wir erinnern uns dabei der Wandlung in dem schon berührten ähnlichen - und doch auch wieder verschiedenen - Fall Mark.7,25f., dazu ME163). Vergessene Urerinnerungen und Urverheißungen der alten Mysterien steigen im Bewußtsein der Hierophantin auf. Geht nicht, ging nicht durch die alten Mysterien als deren letzter, spärlicher Überreste Hüterin sie sich noch fühlt, der Strom einer großen Verheißung, der bis auf Zarathustra zurückführt, den großen Zarathustra, dessen Schatten wir gleichsam im grellen Schein der heißesten Mittagssonne, in der Stunde des "großen Mittags" (Joh.4,6) noch immer über der verlassenen Mysterienstätte schwebend empfinden? Ist hier nicht gerade der Punkt, wo die in der Erzählung des vierten Johannes-Kapitels zu erahnenden Zusammenhänge der verfallenen Mysterienstätte mit Zarathustra-Urerinnerungen offenbar werden? War nicht die Erneuerung der alten Lebensquelle durch das S234 Christus-Ereignis aus den Quellen des ewigen Ich gerade von Zarathustra geweissagt worden? Lag nicht gerade im Impulse Zarathustras ein Umspannen alles dessen, was zwischen dem Höhenzeichen des großen Mittags (Zwillinge) und dem Todeszeichen von Golgatha (Schütze) inmitteliegt? Sahen wir nicht von Anfang an im Mysterien-Gespräch des Christus mit der Samariterin am Brunnen das ganze Zarathustra-Geheimnis und Christus-Geheimnis dieser Konstellation aufleben?

   Noch im alten Aveta (Yascht 19,89) ist die   große Christus-Weissagung Zarathustras mit folgenden Worten überliefert (Den avestischen Urtext findet man in des Verfassers Büchlein "Zarathustra" im Anhang, desgleichen "Aus der Welt der Mysterien", Verlag Rudolf Geering, Basel S35, hier anklicken: 13d Beckh: Zarathustra):


"Die mächtige, die königliche Verheißung tragende Sonnen-Äther-Aura,

die gottgeschaffene, verehren wir im Gebet,

die übergehen wird auf den siegreichsten der Heilande und die andern, seine Apostel,

die die Welt vorwärts bringt,

die sie überwinden läßt Alter und Tod, Verwesung und Fäulnis,

die ihr verhilft zu ewigem Leben, zu ewigem Gedeihen, zu freiem Willen ('zur Herrschaft im Willen'),

wenn die Toten wieder auferstehen,

wenn der lebende Überwinder des Todes kommt,

und durch den Willen die Welt vorwärts gebracht wird."


   Diese auf Zarathustra zurückführende grandiose, in der Deutlichkeit ihres Hinweises auf das Christus-Ereignis, die Auferstehung der Toten, die Christusbotschaft vom Ich und vom freien Willen unvergleichliche Christus-Weissagung ging durch die alten Mysterien. Vom Geiste dieser Weissagung - ob sie nun den Wortlaut kannte oder nicht - war auch die samaritische Hierophantin, die mit Christus das Mysterien-Gespräch am Brunnen führt, noch irgendwie berührt, siehe Joh. 4,25, wo sie selber die Christus-Weissagung der Mysterien erwähnt. Für sie, die "Anbeterin auf dem Berge" (Joh.4,20) und Pflegerin urheidnischer Mysterien-Tradition lebte gewiß nicht nur das S235 enge Jüdisch-Messianische in einer solchen Weissagung, sondern noch etwas vom kosmischen Weitblick des "heiligen Berges Zarathustras". Noch weiß sie nicht, noch sieht sich nicht, daß derjenige, in dem die Weissagungen der alten Mysterien sich erfüllen, und auf den sie zielen, daß Christus vor ihr steht. Doch ahnt sie schon das Geheimnis der neuen Lebensquelle, und begehrt aus ihr zu trinken. Auch in ihr, der Hüterin der alten, vertrocknenden Lebensquelle und Mysterienquelle regt sich der Durst, die große Menschheits-Sehnsucht nach dem Wasser des Lebens, wo sie der alten Schöpfgefäße, die sich schon lange als unzulänglich erwiesen haben, nicht mehr bedarf... Was muß Christus, der Bringer der neuen Lebensquelle, ihr erwidern? Worin besteht das Geheimnis der neuen Lebensquelle?

   Schon in dem oben über den Nullpunkt des Ich als den Ursprung der neuen Lebensquelle Gesagten liegt die Ausdeutung des Geheimnisses. Nicht mit passiven Seelenkräften, nicht durch die Kunst von Zahl und Maß (Metrum) allein, wie sie in der verflossenen Geistigkeit waltete, ist die neue Lebensquelle zu erreichen, sondern nur in der freien Schöpferkraft des Ich, durch den Willen im Ich kann sie empfangen, kann der Zugang zu ihr gefunden werden.

   Wir erinnern uns des über die Magie der Mutter bei der Hochzeit von Kana Gesagten, des ganzen Mysterien-Gegensatzes von Vater und Mutter, wie er uns dort entgegentrat, erinnern uns, wie dort das Weiblich-Empfangende des Mütterlichen vor dem Ichhaft-Männlichen der aktiven Seelenkräfte die Überhand hatte, wie das Wirken des Christus in jenem Mysterien-Kreis darum so überrascht, weil er wieder das Ichhaft-Männliche in einer auch das Physische neu ergreifenden und verwandelnden Art hereinbringt. Wo man in alten Mysterien nur die Mutter gelten ließ, führt im Christus-Ich der Sohn wieder zum Vater. Was im alten Hebräertum noch vom Vaterprinzip sich erhielt, war - so sahen wir bei Nikodemus - in unlebendiger Erstarrung. So war im wesentlichen alles vorchristliche Mysterienwesen von den Impulsen S236 der Mutter getragen. Gab es nicht doch eine Ausnahme? Nur eben die eine, die wir nun schon kennen, bei Zarathustra. In den späteren ägyptischen Mysterien der Isis, in allem Ägyptischen überhaupt, finden wir das Entscheidende wieder im Mütterlichen, im Ewig-Weiblichen. Der Impuls des Zarathustra war noch ein ausgesprochen männlicher, willensmäßiger. Der erdenverwandelnde, zur positiven Arbeit am Irdischen führende aktiv-magische Willensimpuls, wie wir ihn aus der großen Weissagung kennen, ist das Mysterien-Prinzip Zarathustras. Noch war nicht die eigentliche Erden-Geburtsstunde des Ich da, die erst in Christus gekommen ist. Aber das aktive Hinschauen auf diese Erden-Geburtsstunde des Ich in Christus gibt dem ganzen Wirken Zarathustras sein charakteristisches Gepräge. Mehr als jeder andere der großen vorchristlichen Mysterien-Impulse ist derjenige des Zarathustra mit dem Ich-Geheimnis, dem Geheimnis des freien Willens im Ich verbunden.

   Wir finden bei dem überall von johanneischen Tiefen berührten Dichter Novalis das Wort "Reine Willenskraft", ohne alles Gewicht von raffinierten Gefühlen, ist das, wodurch wir einzig leben und handeln können. Sie ist das Element des Mannes, der ohne sie kein Mann ist. Sie ist es, durch die wir gesund sind und werden... So wirkt auch Gesundheit des Körpers und der Seele ineinander... wenn reine, feste, ewige Willenskraft da ist".

   Nicht schöner und eindrucksvoller, als mit diesen Worten kann gesagt werden, was im Mysterien-Sinn, der hier zugleich der johanneische Sinn ist, der Mann bedeutet. Wie bei der Hochzeit von Kana in einem bedeutungsvollen Mysterien-Sinne von der Mutter (Joh.2), ist im Mysteriengespräch des vierten Johannes-Kapitels vom Manne die Rede. Denn ein solches Mysteriengespräch, nicht eine bloße Erkundigung nach privaten Verhältnissen, ist es ganz gewiß, wenn der Christus der Hierophantin und Walterin der alten Mysterienquelle auf ihre Bitte um das Wasser der neuen Lebensquelle diejenige Antwort gibt, deren Sinn nach allem Vorausgehenden nun schon verständlich sein kann, die Antwort nämlich (V.16): "Gehe hin, S237 rufe deinen Mann und komme her." Als eine gewöhnliche Priesterin der Istar-Astarte hätte die Hierophantin aus Samaria den Mysterien-Sinn dieses Wortes nicht verstehen können. Aber gerade über dieser (wenn auch verfallenen) Mysterienstätte, so sahen wir, liegen noch die Erinnerungen der alten Mysterien. Da kann der Christus für dasjenige, was er hier meint, auf Verständnis rechnen. "Wenn du wirklich aus der neuen Lebensquelle zu trinken begehrst" - das will der Christus der Samariterin mit dem Worte sagen - "und wenn von dem über deiner verfallenen Mysterienstätte auch nur ein schwacher Schimmer in deiner Seele ist, so muß du ja wissen, aus welcher Kraft allein du die Lebensquelle finden kannst, dann mußt du wissen, daß diese Kraft der schöpferische Wille im Ich, daß es der Mann in deiner Seele ist."

   Nicht ein weithergeholte, willkürlich-subjektive Deutung der Evangelienzusammenhänge liegt in alledem, sondern eine von einem einsichtsvollen freien Geiste schon lange gegebene. Ein solcher freier, mit dem Ichhaft-Männlichen in der Seele selber stark verbundener Geist war im frühen Mittelalter (13. Jahrhundert) der deutsche Mystiker Meister Eckehart, der über den Willen die Worte gefunden hat: "Solange dieser Wille unberührt steht von allen Kreaturen und aller Erschaffenheit, solange ist er frei... Wenn sich dieser Wille auch nur einen Augenblick von sich selber und allem Geschaffenen fort wieder in seinen Ursprung kehrt, so steht er seiner rechten freien Art und ist frei, und in diesem einen Augenblick wird alle verlorene Zeit wiedergebracht." In der "Predigt vom getreuen Knechte" (Matth.25,14ff) streift Eckehart auch das vierte Johannes-Kapitel, die Episode der Samariterin am Brunnen. Da offenbart er, weit entfernt von aller einseitigen, nur in Innenschau schwelgenden Mystik, ein auf konkreter Geist-Erkenntnis beruhendes tiefes Evangelienverständnis, wo er sagt: "Nimmermehr gibt sich Gott der Seele offenkundig, ganz und rückhaltlos, wenn sie nicht den Mann in der Seele hinzubringt: ihren freien S238 Willen. 'Weib', so sagt unser Herr, 'du sprichst wahr: fünf Männer hast du gehabt (Joh.4,18), die sind tot!' Welche waren die fünf Männer? Die fünf Sinne! Mit denen hatte sie gesündigt und darum waren sie tot. Und den nun hast, der ist nicht dein!' Das war ihr freier Wille, der gehörte ihr nicht, denn er war gebunden in Todsünden, und sie hatte keine Macht über ihn: wessen man nicht mächtig ist, das gehört einem nicht; es gehört mehr dem, der die Macht hat".

   Soweit Meister Eckehart. Und richtig erkannte er die entscheidende Wendung, die dann durch das Gespräch mit Christus in der Seele der Frau eintritt, wie sie da (das bezieht sich auf Joh.4,28f) "auf einmal von Gott erfüllt, überfließend und überquellend von der Fülle Gottes wird. Seht" - heißt es bei Eckehart - "so geschah ihr, als sie ihren Mann herzugeholt hatte... ihren freien Willen."

   Inwiefern wirklich im 4. Johannes-Kapitel "Mysteriensprache" gesprochen wird, offenbart sich an dieser Stelle am deutlichsten; und wir können, was Meister Eckehart über die "fünf Männer" (Joh.4,18) gesagt hat, als die "exakte Lösung" des Problems dieser Evangelienstelle betrachten. Sie wird durch ein Hinschauen auf die kosmische Konstellation des Kapitels (Schütze - Zwillinge) bestätigt. In der Auswirkung des Sündenfalles wird der hohe Zarathustra-Impuls und Hermes-Merkur-Impuls der Zwillinge (Teil A cap.2+3) zum Verstandes-Zweifel (in dem wir dann auch den Jünger Thomas, den "Zwilling" finden), beim Todeszeichen Schütze offenbart sich dann die "Verstandesseele" (ME31), das auf den "fünf Sinnen" beruhende Denken*...


* Auch in der den "Abstieg" der Seele im Menschheits-Sündenfall darstellenden, die Ordnung des Tierkreises widerspiegelnden Entwicklungs- und Kausalitätsreihe des Buddha, in der berühmten Formel der "zwölf Ursachen-glieder (Nidana)" erscheinen die fünf bzw. (bei Buddha) "sechs Sinne" an der Stelle, die dem Tierkreizeichen des Schützen entspricht. Näheres darüber - doch ohne

Hinweis auf den Tierkreis - in des Verfassers Göschen-Bändchen "Buddha und seine Lehre" Bd.2S93ff. Auf die Tierkreiszeichen ist hingewiesen ME268 Anm., wo ein Parallelfall behandelt ist. Wie dort das fünfte Ereignis (im Buddhaleben) auf das Zeichen des Schützen, trifft auf das gleiche Zeichen das fünfte der zwölf Ursachenglieder, dasjenige der "sechs Sinne".

  

...Durch S239 Christus wird die negative Auswirkung dieser Konstellation wieder ins Positive gewendet: der Ur-Mysterien-Impuls (Zwillinge) wird neu belebt, aus dem Tode selbst (Schütze als Zeichen von Golgatha) entspringt die neue Lebensquelle (Rudolf Steiner gibt in den "zwölf Stimmungen " zu Jupiter im Schützen die Worte: "Im Sterben erreift das Weltenwalten").

   In eindrucksvoller Steigerung läßt uns der dramatische Aufbau des vierten Johannes-Kapitels erleben, wie immer tiefer im Gespräche mit Christus die Ahnung des Christus-Ich-Geheimnisses in der Samariterin sich belebt, wie eine immer tiefere Wandlung ihr ganzes Wesen ergreift. Der ersten Bitte um das Lebenswasser war der Hinweis auf den Mann in der Seele, den verlorenen Willen im Ich gefolgt. Diese Antwort des Christus erweckt ihr die Ahnung von seiner prophetischen Geistesgröße, die Ahnung verdichtet sich zu einer neuen Frage, die Zarathustra-Prophetie der großen Weissagung drängt sich ihr auf die Lippen, bis in einer letzten dramatischen Steigerung der Punkt erreicht ist, wo, anknüpfend an diese Weissagung, der Christus ihr erwidern kann (V.26): "Ich bin's, der mit dir redet". Im Griechischen steht nur "ich bin", der Sinn der in ihrer letzten Feinheit nicht übersetzten Stelle (siehe Teil A cap.6 die erste Anm.) ist: "Ich bin das Ich, aus mir spricht das Ich, dem unser ganzes Gespräch gegolten hat". Was in den machtvollen Worten der großen Weissagung Zarathustras als eine Verheißung, eine Hoffnung, ein Gedanke lebt, es hat sich jetzt in wesenhafter Wirklichkeit der Frau geoffenbart. Nicht nur einen magischen Eindruck von der überragenden Größe des Christus hat sie bei alledem empfunden, sondern ihr eigenes Ich hat sie darin gefunden.

   So wirkt das Erlebnis dann auch objektiv auf weitere Kreise. Nicht nur durch das begeisterte Zeugnis der Hierophantin werden die Menschen da gewonnen, sondern im eigenen Ich erleben sie die Offenbarung des Christus-Ich (V.42). Der göttliche Name klingt in ihren Herzen wider. Es ist die Wirkung, auf die es dem Christus immer ankommt, und die er so selten erreiht (vgl. Joh.2,23-25, dazu Teil A cap.7).

   Gegenüber dem Versagen aller Menschen, dem Versagen S240 sogar der eigenen Jünger - das sich gerade bei gewissen im 4. Johannes-Kapitel (V.31-38) zutage tretenden Verständnisschwierigkeiten schon leise und wie von ferne ankündigt - gegenüber der ganzen Menschheits-Tragik, die dann in den folgenden Kapiteln des Johannes-Evangeliums immer erschütternder sich offenbart, liegt im Erlebnis von Samaria noch etwas Positives, Bejahendes, der größte aller Erfolge (wenn man den Ausdruck des Alltagslebens hier gebrauchen darf), den das unter die Menschheit tretende, sonst überall zurückgewiesene Christus-Ich erreicht. Auf der freien Bergeshöhe, im abgelegenen Samaria hat man noch verstanden, was in den Niederungen der Menschheit nicht mehr verstanden wird.

   Auf dem Gipfel des heiligen Berges, über dem im Lichte der himmlischen Zwillinge Zarathustra-Weissagung leuchtete, hat sich der Christusimpuls als die Erfüllung aller Religionen und ihrer Mysterien mächtig geoffenbart. Alle landläufigen Gegensätze von Heidentum, Judentum, Christentum (wie es die Menschen im Sinne irgend einer beschränkten Konfession oder Lehrmeinung verstehen) versinken vor der Größe dieser Offenbarung. Im Lichte des "in Raumesweiten und Zeitenfernen" waltenden Christus enthüllen die Worte tiefer ihren Sinn. Da erscheint Größe des "Heidentums" da, wo man "auf Bergen anbetet" (Joh.4,26), d.h. im Kosmischen, in Weltenweiten die Offenbarung des Göttlichen vernimmt; Größe des Judentums da, wo das Göttliche in der einseitigen Abgeschlossenheit, nach innen erlebt wird (für die der "Tempel zu Jerusalem" das erhabene Sinnbild ist). Auf freier Bergeshöhe erlebte der heidnische Verehrer "der Götter weltschaffenden Odem"; im Tempel zu Jerusalem - darin lag der Fortschritt des Hebräertums (Joh.4,22 - Der von Luther unverständlich übersetzte Vers 22 bedeutet etwa: "Ihr seid nicht mit Bewußtsein bei eurer Anbetung, wir aber sind mit Bewußtsein bei der unsrigen, darum ist der Fortschritt bei den Vertretern des Hebräertums) - strebte man zum wachen Ich-Bewußtsein in der Anbetung hin. Aber beides - so sagt der Christus der Frau aus Samaria - ist nur Vorbereitung, beides muß sich und S241 wird sich einmal finden und auf höherer Stufe dasein in der wahren Offenbarung des Christus-Ich, V.21-23: "Frau, vernimm von mir im Vertrauen, es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berge noch zu Jerusalem werdet den Vater anbeten... Es kommt die Stunde (des Ich) und ist schon da, daß die wahrhaft-wachen Verehrer den Vater werden anbeten im Geiste des lebendigen Odems und in der Wahrheit des nie verlöschenden Bewußtseinslichtes; denn der Vater such diejenigen, die ihn also verehren. Die Gottheit ist lebendiger Odem; und die ihr nahekommen wollen, müssen es tun im Geiste des lebenschaffenden Odems und in der Wachheit des nie verlöschenden Bewußtseins."

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