B. Zweiter Abschnitt

3. Die Heilung des Blindgeborenen

(Joh. 9)


S299   Das für den "weltensymphonischen" Stil und Aufbau des Johannes-Evangeliums überall charakteristische Fortwirken und Fortklingen eines irgendwo angeschlagenen Motivs in den nächstfolgenden Kapiteln erscheint besonders bedeutsam beim Übergang vom achten zum neunten Kapitel. Das im Mittelpunkte des ganzen Evangelien-Abschnitts, ja des ganzen Johannes-Evangeliums stehende große Christus-Wort: "Ich bin das Licht der Welt", das im achten Kapitel wie ein wirkungsvoller Abschluß der Episode mit der Ehebrecherin empfunden werden kann, leuchtet nun machtvoll hinüber in das neunte Johannes-Kapitel, wird da in der Heilung des Blindgeborenen durch Christus gleichsam unmittelbar zur Tat, in der sich aus den Tiefen des Weltenlichtes heraus die Macht des göttlichen Ich in der Finsternis des Irdischen offenbart.

   Der kosmische Gesichtspunkt des Evangelien-Abschnittes, die Wage als das Zeichen des Welten-Ich im Welten-Lichte, zwischen Erdenlicht (Jungfrau) und Erdenfinsternis (Skorpion), wird bei diesem Christus-Worte "Ich bin das Licht der Welt" und bei der aus dem Geiste dieses Wortes hervorgehenden Blindenheilung ein in besonderer Weise offenbarender, wenn wir bedenken, wie bei dem einen der beiden Zeichen, zwischen denen wir hier überall die Wage erblicken, zwischen denen sie gleichsam in mannigfacher Auseinandersetzung hin und her oszilliert, bei der Jungfrau unter den Sinnen des Menschen der Sehsinn zu suchen ist (ME29,178). Das ist das große Motiv des neunten Johannes-Kapitels: die Wage des Christus-Ich-Bin zwischen der Lichtesmacht des irdischen Augenlichtes (Jungfrau) S300 und der Finsternis-Macht, die das irdische Auge (das physische wie das geistige) in Blindheit verschließt (Skorpion), Christus aus den Tiefen des Weltenlichtes heraus in der Vollmacht des göttlichen Ich dem Blindgeborenen das irdische Augenlicht schenkend. Wir werden die innere Harmonie der Evangelien daran erkennen, wie auch im Markus-Evangelium bei der dort erzählten Blindenheilung (8,22-26) der kosmische Rhythmus auf die Wage führte (ME178). Im Johannes-Evangelium kommt dann zu alldem noch der Gesichtspunkt der Ich-Krisis, der "Scheidung der Geister", die Art, wie hier das Ich-Bin des Christus im richtenden Zeichen der Wage die Scheidung vollzieht zwischen dem "sehenden Blinden", dem geistig für das Licht aufgeschlossenen und darum durch Christus auch zum irdischen Sehen erwachenden Blindgeborenen, und den Pharisäern als den "blinden Sehenden", denen, die in aller eingebildeten Geisteshelle doch die Wahrhaftigkeit des aus Herzenskräften erfließenden geistigen Schauens verloren haben, V.39: "Ich bin zum Gerichte auf die Welt gekommen, auf daß, die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden" (d.h. in ihrer Blindheit offenbar werden). Man vergleiche in dieser Hinsicht die andere im Markus-Evangelium 10,46ff erzählte Blindenheilung (ME242).

   Schon früher (ME15) wurde darauf hingewiesen, in welch hohem Grade die Erzählung gerade des neunten Johannes-Kapitels in ihrer sprechenden Lebendigkeit den Eindruck äußerer Tatsächlichkeit, der ganzen Art, wie es damals in Palästina zuging, erweckt. Man achte z.B. besonders auf die Art, wie die Nachbarn und die Eltern des Blinden in die Erzählung eingeführt werden (V.8;18-23), auf alle die wirr durcheinander redenden Stimmen, die in dem Kapitel auf uns eindringen. Fürwahr, ein Dramatiker, der wie kein anderer in die Tiefen des Weltgeschehens hineinzulauschen und dabei auch das an der Oberfläche des Irdisch-Historischen ich Abspielende zu erfassen wußte, hat das neunte Johannes-Kapitel geschrieben. Wir werden darum, was sich auch sonst noch ergeben mag, den Gesichtspunkt der äußeren Tatsächlichkeit für das neunte Johannes-Kapitel nicht preisgeben dürfen. S301 

   Was an der Erzählung dieses Kapitels besonders auffallen kann, ist die häufige Wiederholung des Motivs, wie der Christus Jesus durch Auflegen seines mit Erdensubstanz vermischten Speichels dem Blinden das Auge öffnet, ihm so das Augenlicht schenkt; immer wieder kommt die Erzählung darauf zurück (V.6,11,14,15), bis der immer wieder um dasselbe befragte von der Blindheit Geheilte zuletzt unwillig wird, und sich weigert, die Erzählung noch einmal zu wiederholen (V.27). Über das Geheimnis des Vorganges findet man im ersten Zyklus über das Johannes-Evangelium im 7. Vortrag eine für das Gesamtverständnis des Johannes-Evangeliums wichtige Erklärung (GA103) Rudolf Steiner schickt dabei voraus, "daß es schon große, gewaltige Geheimnisse in der Welt gibt, die heute dem Menschen noch nicht anstehen. Die heutigen Menschen, und wären sie auch noch so entwickelt, sie sind nicht stark genug, die großen Mysterien auch zu tun. Wissen kann man sie, einsehen kann man sie, wenn man sie geistig erleben kann, aber umsetzen ins Physische, dazu ist unser so tief in die Materie heruntergestiegener Mensch nicht fähig."

   Vor allem wird von Rudolf Steiner in diesem Zusammenhange auf die Geheimnisse des Leichnams und der Verwesung hingewiesen. Am Leichnam selber ist für den geistigen Blick etwas wie ein Aufleuchten geistigen Lichtes bemerklich. Beim Zusammenschießen der Materie im Geburtsvorgang spielt sich das Umgekehrte ab, daß gleichzeitig in der geistigen Welt ein dortiges Bewußtsein stirbt. Dort ein Aufleuchten, hier ein Ersterben geistigen Bewußtseins im Werden des irdischen Bewußtseins und der irdischen Leiblichkeit. "Im Zusammenschießen der Materie zu einem physischen Menschenleibe sieht man in einer gewissen Weise ersterben ein geistiges Bewußtsein; und wahrhaftig, im Verwesen oder Verbrennen des physischen Leibes, wenn sich die Teile auseinanderbewegen, sich auflösen, da zeigt sich zu gleicher Zeit - im Geistigen - das Entgegengesetzte: da zeigt sich das Entstehen eines geistigen Bewußtseins. Physische Auflösung ist geistige Geburt. Deshalb sind auch alle Zersetzungsprozesse, alle Auflösungsprozesse für den Okkultisten noch etwas anderes. Ein Kirchhof, wo sich physische S302 Leiber auflösen, der ist geistig gesehen ein merkwürdiger Prozeß: ein fortwährendes Aufleuchten und Aufglänzen von geistigen Geburten. Nehmen wir nun einmal an, ein Mensch - niemandem wird das natürlich angeraten, denn die heutigen Körper vertragen das auf keinen Fall - gäbe sich in eine gewisse Schulung... daß er während einer gewissen vorgeschriebenen Zeit Verwesungsluft atmet mit dem Bewußtsein, den geistigen Vorgang in sich aufzunehmen, der eben geschildert worden ist. Wenn er dies tut in der entsprechenden Weise, dann kann er allerdings in nächsten Inkarnationen (es ist nicht in einer Inkarnation zu machen) mit jener Kraft verkörpert werden, die belebende und gesundende Impulse gibt. Totenluft einatmen, das gehört zur Schulung, um seinen Speichel nach und nach zu der Kraft zu bringen, daß er mit der gewöhnlichen Erde zusammen das gibt, was der Christus dem Blinden in die Augen gerieben hat. Dieses Mysterium, durch das man den Tod konsumiert, den Tod ißt oder atmet, wodurch man die Kraft erhält, gesund zu machen, das ist das Geheimnis, auf das der Schreiber des Johannes-Evangeliums deutet, indem er uns solche Zeichen zeigt, wie die Heilung des Blindgeborenen". Vom Schreiber des Johannes-Evangeliums selbst sagt Rudolf Steiner: "Es war eine solche Persönlichkeit, die in diese Mysterien wohl eingeweiht war, und wir müssen versuchen, uns das Verständnis dieser Mysterien anzueignen...*


10* In einem Nachsatz weist Rudolf Steiner auf den intimen Charakter dieser damals in einem anthroposophischen Zweig gegebenen Mitteilungen hin. Sie hätten damals, so wie sie gegeben wurden, nicht veröffentlicht werden können und dürfen. Inzwischen hat sich, seit 1924, alles dieses geändert. Es sind nicht nur alle Zyklen, einschließlich derjenigen über das

Johannes-Evangelium, der Öffentlichkeit übergeben worden, sondern die beiden Zyklen über das Johannes-Evangelium sind inzwischen in einer für die Öffentlichkeit bestimmten Neuausgabe erschienen, in der auch der oben angeführte Abschnitt im vollen Wortlaut abgedruckt ist.

   Auch auf die hier von Rudolf Steiner im Zusammenhange mit der Blindenheilung berührten Geheimnisse des Todes und der Verwesung können wir hinblicken vom Gesichtspunkte der über diesem ganzen Abschnitt stehenden kosmischen Zeichen. Wir können uns z.B. an die bei der Verwesung, beim Verfaulen S303 vegetabilischer Substanzen bis ins Physische gehenden, zuweilen bis zu blendendem Lichtglanz sich steigernden phorphoreszierenden Lichterscheinungen erinnern, und von da aus die geheimnisvollen Beziehungen ahnen, die zwischen den dunklen Todes-Tiefen der Erde (Skorpion) und dem Lichtgebiete des Phosphoros-Luzifer (Jungfrau) bestehen, können ahnen, wie in dem Christus-Ich der Mitte (Wage) auch hier die Macht liegt, die beiden Reiche zu verbinden, aus der Erdentiefe die geheime Lichtquelle hervorzuzaubern. Die ganze, hier öfter erwähnte ursprüngliche Beziehung der beiden Zeichen (Jungfrau und Skorpion, ME127) wird da in ein neues Licht gerückt.

   Auch im neunten Johannes-Kapitel offenbart sich in der Heilung des Blindgeborenen die von Kapitel zu Kapitel fortschreitende, auf immer höherer Stufe sich enthüllende, von Christus gezeigte Magie des Ich: "Aus dem Ich und durch die vom Ich aus verwandelte Erdenstofflichkeit das neue Augenlicht" - konnten wir das leitende Motiv des neunten Johannes-Kapitels fassen (Teil A cap.6) Aber es muß eben das Ich - das betont a.a.O. auch Rudolf Steiner - erst in Zukunft der Menschheit zu einer ganz andern Kraft und Vollmacht gekommen sein, bis es die Erdenstofflichkeit, beginnend mit der eigenen Leiblichkeit, soweit verwandeln kann, daß aus der also verwandelten Erde die bis zur Wiederherstellung des Augenlichts wirkenden heilenden Kräfte entbunden werden. Nicht umsonst spricht der Christus in der auch den Jüngern so dunkel und anstößig gebliebenen Belehrung des 6. Kapitels über das Abendmahlsgeheimnis vom "Fleisch und Blut des Ich". Darin sind tiefste Geheimnisse der Welten-Alchimie, Geheimnisse der Erneuerung und Vergeistigung aller Leibessubstanzen (und weiterhin der ganzen Erdenstofflichkeit) vom Ich aus enthalten. Und das Johannes-Evangelium - das wird allmählich immer mehr erkannt werden müssen - ist ganz aus diesen Geheimnissen heraus geschrieben. Diese Welten-Alchimie kommt zu ihrem Höhepunkt bei demjenigen Ereignis, dem wir uns jetzt immer mehr nähern, zu dem auch die bisher schon geschilderten Ereignisse, zunächst fast unmerklich, doch zuletzt immer deutlicher hinführen, bei der Erweckung des Lazarus, in S304 der das Einweihungs-Geheimnis des Johannes-Evangeliums am unmittelbarsten sich offenbart. Wie eigenartig verspüren wir auch dort die Geheimnisse des Todes und der Verwesung (V.39). Was Rudolf Steiner bei der Blindenheilung über diese Geheimnisse mitteilt, wird uns dort ein wesentlicher Schlüssel zum Verständnis sein.

   Ein bedeutsamer innerer Faden spinnt sich von der "Episode mit der Ehebrecherin" im achten Kapitel (wo wir zuerst wie von ferne einen Zusammenhang mit den Geheimnissen des Johannes-Werdens ahnen konnten) über die Blindenheilung im neunten zur Erweckung des Lazarus - und mit ihr zur Einweihung des Johannes selbst - im elften Kapitel. Wie sich der Inhalt des zehnten Kapitels dem allen einfügt, wird noch darzustellen sein. Wie das Motiv "Ich bin das Licht der Welt" vom achten ins neunte Kapitel herüberwirkt, so auch das Karma-Motiv, das Motiv des "Schicksalsbuches" und mit ihm dasjenige der Erde und der Erdengeheimnisse. Gleichwie der Vorgang, wie Christus das Schuldkonto der Ehebrecherin in die Erde schreibt, nur aus den Tiefen der (immer mit der Erkenntnis der wiederholten Erdenleben verbundenen) Karma-Erkenntnis verstanden werden kann, so auch im Eingang des neunten Kapitels die Frage der Jünger: "Hat dieser gesündigt, oder seine Eltern, daß er blind geboren ist" - eine Frage, die ja keinen Sinn hätte, wenn die Tatsache der wiederholten Erdenleben dabei nicht vorausgesetzt wäre. Und wie schon im achten Kapitel, in dem, was Christus dort tut, ein Moment zu erkennen war, das über die indische Karmalehre hinaus tief in Christus-Erdengeheimnisse hineinführt, so weist auch die Antwort, die im Eingang des neunten Kapitels Christus auf die Frage der Jünger gibt, in eine ganz andere, in eine Zukunftsrichtung. Wie die Samariterin am Brunnen, wie der Kranke von Bethesda, wie die von Christus aus der Tiefe ihres Falles emporgehobene Ehebrecherin erlebt auch der Blindgeborene in der Begegnung mit Christus die Offenbarung des Göttlichen, die Wunder des Ich, und wird dadurch zu einer neuen Stufe des Seins und Bewußtseins erhoben.

   Ein allerbedeutsamstes Motiv, das aus dem achten Johannes-Kapitel S305 in das neunte herüberwirkt, ist dasjenige der Erde und ihrer Verwandlung durch Christus. Dadurch, daß Christus das Karma der Ehebrecherin in die Erde schreibt, in die er sich selbst hineinopfert, die er zu seinem Leibe erkiest, ist die Erde nicht mehr nur die Ursache der Bewußtseinsverdunkelung und Verdichtung dunkler Schicksalsschuld, die Summe alles dessen, was die Seele dem kosmischen Leben und em geistigen Lichte entfremdete, sondern die Erde wird da selbst erlöst und dem geistigen Lichte allmählich zurückgegeben. Und dadurch, daß Christus alle Erdenverdunkelung auf sich nimmt, wird die Seele der Frau von diesem Dunkel erlöst, und kann wieder frei im Lichte atmen. Ebenso ist im neunten Kapitel die Erde nicht mehr nur der dunkle Schoß der Todesgewalten, die das Auge mit Blindheit überschatten, sondern indem Christus mit dem aus Weltentiefen gesogenen Lichte seines Ich die Erdensubstanz durchleuchtet und verklärt, nimmt sie selbst wieder Lichteskräfte in sich auf, die dann die Heilung des in Blindheit verschlossenen Auges bewirken.

   Nachdem die äußere Tatsächlichkeit der im neunten Johannes-Kapitel erzählten Vorgänge zur Genüge betont worden ist, darf zum Schluß noch hingewiesen werden auf den schon bei der Darstellung des Markus-Evangeliums (ME177ff) berührten Gesichtspunkt, wonach im Bilde der Blindenheilung, unbeschadet der äußeren Realität des Vorgangs, auch gewisse geistige Vorgänge der Jünger-Einweihung geschildert werden: Christus bemüht sich, die geistige Blindheit von den Augen der Jünger hinwegzunehmen. Steht dabei, neben Johannes, im Markus-Evangelium Petrus noch in einer gewissen Weise im Vordergrund, so werden wir bei der Schilderung des Johannes-Evangeliums in stärkstem Maßen an den Johannesjünger selbst zu denken haben. Nicht er war jener Blindgeborene - das muß mit aller Deutlichkeit gesagt werden -, aber die Erzählung, die von der Heilung des Blindgeborenen durch Christus gegeben wird, hat einen intimen Zusammenhang mit der Art, wie auch die Erzählung von der Ehebrecherin im 8. Kapitel auf gewisse geistige Vorgänge und innere Wandlungen im Johannes-Bewußtsein hinweist. Wir nähern uns allmächlich immer mehr der großen S306 Tatsache, die als die "Erweckung des Lazarus" den geistigen Mittelpunkt des Johannes-Evangeliums bildet.

   Rudolf Steiner hat gezeigt, wie in dieser "Erweckung des Lazarus" eine Einweihungs-Tat des Christus zu erkennen ist. In dieser Tat erscheint das letzte der "sieben Zeichen" des Christus im Johannes-Evangelium (Man findet die Aufzählung der "sieben Zeichen" in der Fußnote des Kapitels 6 dieses Abschnitts - Heilung des Hauptmannssohnes - Joh. 4  Kapitel B I, 6/7), die - von der Christus-Auferstehung selber abgesehen - letzte und höchste Offenbarung der "Magie des Ich". In dem, was der Christus an Lazarus-Johannes vollbringt, liegt zugleich die Übertragung oder ein Stück der Übertragung dessen, was sich bis dahin überwiegend an Christus geoffenbart hat, auf ein dazu geeignetes menschliches Gefäß. Das göttliche Ich, das in Christus zur Erde herniedergestiegen ist, soll in Zukunft immer mehr das neue Wesensglied der Menschheit werden, in dem das Menschenwesen erst seine wahre, von den göttlichen Mächten ihm vorbestimmte Vollkommenheit findet.

   Darum wäre alles, was über jene Offenbarungen der "Magie des Ich" dem Johannes-Evangelium zu entnehmen ist, unvollständig, wenn nicht - und das geschieht eben jetzt im zehnten Kapitel - von Christus der Weg gezeigt würde, auf dem die göttliche Vollmacht dieses Ich von der Menschenseele in der Zukunft erlangt werden kann. Allem, was bisher über das Wesen jenes Ich geoffenbart war, mußte der Weg zum Finden des Ich hinzugefügt werden. Und was dabei im zehnten Kapitel noch theoretische Belehrung bleibt, das wird - darin liegt dann der weitere Fortschritt im Übergang vom zehnten zum elften Kapitel - in der "Erweckung des Lazarus durch Christus als eine Tathandlung hingestellt.

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4. Der gute Hirte

(Joh. 10)


S307   Äußerlich ist der Inhalt des zehnten Kapitels zu denen gesprochen, von denen auch das zunächst von der Blindheit Geheilten gerichtete, richtende Wort des Christus vernommen wird, das Wort (9,39), durch welches das ganze Geschehnis der Blindenheilung noch so deutlich der in cap. 6-10 geschilderten "Krisis des Ich", dem Richtenden der Wage sich einfügt: "Ich bin (das Ich ist) zum Gerichte auf diese Welt kommen, auf daß, die da nicht sehen, sehend werden, und die da sehen, blind werden". Es ist ein bedeutsamstes Ereignis der mit der großen Menschheits-Krisis verbundenen Zeitenwende und Weltenwende, wie Christus die Belehrung über den Weg, über den Pfad, der zur Erkenntnis der höheren Welt und zum Finden des Ich führt, ganz offen vor die Welt hinstellt, ihn ganz offen der Menschheit verkündet, so wie auch dann die unerhörte, schicksaltragende Tat der "Erweckung des Lazarus" offen vor der Welt im Beisein vieler sich vollzieht. Wir wissen ja, und im 12. Johannes-Kapitel wird es ganz deutlich ausgesprochen, daß diese mit eine Hauptursache war, warum die Juden den Tod des Christus Jesus beschließen.

   Unerhört war es für die ganze vorchristliche Welt und ihre Mysterien, das Geheimnis des Mysterienpfades so offen vor die Welt hinzustellen. Nur in strenger Abgeschlossenheit sollte ehedem von dafür Ausgewählten und innerlich Vorbereiteten die Kunde von diesen Dingen vernommen werden. So war vor allem in demjenigen Lande, das auf die älteste spirituelle Kultur der Menschheit zurückblickt,*...


* Diesen Satz wird derjenige nicht zugeben, der, wie der heutige Sanskritist und Gelehrte überhaupt, nur auf die überlieferten Schriftdokumente schaut. Er wird der altägyptischen und assyrischen Kultur ein höheres Alter zuschreiben als der altindischen. Erst die geistige Forschung Rudolf Steiners gibt uns den Schlüssel, um von der verhältnismäßig späten Zeit des überlieferten indischen Schrifttums auf die Zeit eines viel älteren

Indertums, auf eine "urindische Kulturperiode" zurückzuschauen, die in die Zeit fiel, wo der Frühlingspunkt der Sonne im Sternbilde des Krebses stand. Auch hier ist der kosmische Gesichtspunkt der Tierkreiszeichen und der mit ihm zusammenhängende des "großen Weltenjahres" ein offenbarender und lichtbringender.


...dem Lande, in dem seit uralten S308 Zeiten ein Wissen um den Mysterienpfad und eine praktische Übung dieses Pfades - Yoga - vorhanden war, wo das ganze Kulturleben in einer gewissen Weise den Stempel dieser Mysterien trug, das Wissen um die Geheimnisse des Pfades (Yogalehre) und die praktische Übung dieses Pfades (Yogapraxis)*...


* Eine auch die Zusammenhänge mit dem Johannes-Evangelium unmittelbar ins Auge fassende Darstellung dieser indischen Dinge findet man in dem von der Naturwissenschaftlichen Sektion der freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum Dornach herausgegebenen Jahrbuch Gäa Sophia (Bd.III Völkerkunde, 1929) in den beiden Aufsätzen des Verfassers: "Der indische Yoga im Lichte der Anthroposophie, insbesondere der Lehre von den ätherischen Bildekräften" (S183) und: "Der übersinnliche Organismus im indischen Yoga (Lotosblumen, Kundalini) im Lichte der Erkenntnis der ätherischen Bildekräfte". In ähnlicher Richtung bewegt

sich der Aufsatz in den "Österreichischen Blättern für freies Geistesleben" (Juni 1929,S7): "Der indische Yoga in seinem Verhältnis zum abendländischen Erkenntnisweg."

   Das Verhältnis des vorchristlich-buddhistischen zum christlichen Pfad erörtert besonders des Verfassers Schrift "Von Buddha zu Christus" (Schriftenreihe 'Christus aller Erde' Bd.10 Stuttgart 1925,Kap. IV "Der Weg" (S67). Das Allgemeine der indischen Yogalehre findet man dargestellt in der Schrift "Buddhismus" - Buddha und seine Lehre, Sammlung Göschen, 3.Auflage 1928 BdIIS9ff, die buddhistische Meditation ebenda S38ff.

  

...doch wie ein Heiligtum gehütet wurde. Nur in eng abgeschlossenen Kreisen wurde der Yoga geübt, nur in ihnen konnte das eigentliche Geheimnis der Yogalehre erfahren werden. Wenn auch in späterer Zeit manches Geschriebene in die Öffentlichkeit hinausdrang, so wurde doch das innerste Geheimnis, der entscheidende Punkt, auf den es eigentlich ankam, stets verschwiegen. Nur vom geistigen Lehrer ganz persönlich sollte S309 dieses Geheimnis erfahren werden. Erst Buddha hat in seinem innerlich ganz auf der Yogalehre fußenden "achtgliedrigen Pfad" das Wesentliche dieses Pfades - aber in einer verhältnismäßig doch schon sehr abstrakten, auf den "Bewußtseins-Nullpunkt" hinzielenden Form - vor weitere Menschenkreise hingestellt. Er erscheint in dieser Hinsicht schon wie ein Vorbereiter des Christus. Die eigentliche Übung des Pfades blieb dennoch auf die buddhistischen Ordenszusammenhänge beschränkt.

   Ähnlich, wie in Indien, lagen die Verhältnisse im alten Ägypten, wo die dem Yoga nahestehenden Geheimnisse des Tempelschlafes und der Tempelmysterien sorgfältig von Priestern gehütet wurden, bis sie in späterer Zeit immer mehr in Dekadenz verfielen. Die "Erweckung des Lazarus" enthält manche Momente, die noch auf einen Zusammenhang mit jenen altägyptischen Geheimnissen hinweisen.

   In einem ganz anderen Sinne noch als die indische Yogalehre, als selbst noch der buddhistische Pfad trägt die Verkündigung des Christus vom Wege ("Ich bin der Weg" Joh.14,6, dazu dann die Worte des 10. Kapitels) den Charakter des Rein-Menschlichen und Umfassend-Menschheitlichen, wenn auch auf der andern Seite der Inhalt dieser Verkündigung eine Sache der Menschheitszukunft ist und sich zunächst eigentlich nur in der Einweihung des Johannes, des einzigen von Christus selbst initiierten Jüngers, unmittelbar praktisch verwirklicht. Der Christus weiß, daß er, indem er das Mysterium - so wie es dann vor allem durch die Erweckung des Lazarus geschieht - offen vor die Welt hinstellt, seinen eigenen Tod vollends besiegelt, daß er damit das "Mysterium von Golgatha" unvermeidlich macht, und es hat darum einen tiefen Sinn, daß er alles dieses gerade im 10. Johannes-Kapitel zum erstenmal mit voller Deutlichkeit ausspricht, daß er weiß, daß seine Stunde (vgl. 7,30) jetzt gekommen ist: "Darum liebet mich mein Vater, daß ich mein Leben lasse, auf daß ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern Ich lasse es selber. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht es wieder zu nehmen. Solches Gebot habe ich S310 empfangen von meinem Vater"§ (Joh. 10,17.18). Und wiederum weckt das Wort nur Zwietracht, den inneren Zwiespalt unter den Juden (V.19), verschärft die Krisis, den nunmehr in voller Schärfe ausgebrochenen Menschheits-Konflikt.

   Christus steht im zehnten Johannes-Kapitel, da, wo er die Verkündigung des dann zunächst in der Erweckung des Lazarus verwirklichten Einweihungs-Weges gibt, schon ganz als der sich Hinopfernde vor uns. Christus steht im zehnten Johannes-Kapitel, da, wo er die Verkündigung des dann zunächst in der Erweckung des Lazarus verwirklichten Einweihungs-Weges gibt, schon ganz als der sich Hinopfernde vor uns. Darum gerade von diesem Kapitel an jene wunderbare Zartheit und Innigkeit der Sprache, die zu der furchtbaren Härte und Schärfe, der ganzen richtenden Strenge der vorausgehenden, den dramatischen Konflikt, die Krisis heraufbeschwörende Sprache - der Höhepunkt ist wohl Joh. 8,44, die Anfänge gehen bis ins 5. Kapitel (vgl. V.42) zurück - in einem so eigenartigen Gegensatze steht. Zuerst kam es drauf an, und es war dieses gerade ein Gebot der höheren göttlichen Liebe, das der Menschheit verloren gegangene, für die Menschheit unfaßbar gewordene, den wirren Zwiespalt im Herzen erweckende Ich zuerst wie rücksichtslos, ja scheinbar mitleidlos unter die Menschheit hinzustellen und so den Konflikt, die Krisis heraufzubeschwören. Aber bei diesem Wecken der Krisis konnte Christus nicht stehen bleiben. Sondern vom Gesichtspunkte des Göttlichen zog der eine Schritt nun auch noch den andern nach sich, daß der Christus zu dem Ich, das der Menschheit zunächst unfaßbar blieb, den Weg zeigte, unter Hinopferung des eigenen Lebens ihn so zeigte, daß er in der Einweihung des Johannes für das Finden dieses Weges das große Vorbild gab, und zuletzt im Mysterium von Golgatha, in der Art, wie er sich selbst in die Erde und Menschheit hineinopferte, die Möglichkeit schuf, daß die bis dahin völlig verdunkelte, zur Aufnahme des göttlichen Ich ungeeignete Substanz der Erde und Menschheit sich wieder mit geistigen Lichteskräften durchdrang und so für die Aufnahme des göttlichen Ich allmählich wieder ein geeignetes Gefäß werden konnte.

   So nimmt die Sprache des Johannes-Evangeliums gerade da, wo Christus als der "gute Hirte" den Weg zum Ich weist, jene wunderbare Innigkeit an, in der die sich hinopfernde göttliche Weltenliebe sich offenbart. Alle (im ersten Teile dieser S311 Schrift berührten) Sternengeheimnisse des ewigen Namens, der Ich-Vollendung des Menschenwesens leuchten auf in dieser Verkündigung vom guten Hirten, von dem es heißt "und er ruft seine Schafe mit Namen, und führet sie aus", erinnernd an Jesaias 43,1: "Ich habe dich (das Ich hat dich) bei deinem Namen gerufen; du bist mein" (hast Anteil am göttlichen Ich). Diese Innigkeit der Sprache unterscheidet sich sehr charakteristisch von der in indischen Yoga-Dokumenten üblichen, die entweder ganz abstrakt oder so gehalten ist, daß uns auf Schritt und Tritt bedeutet wird, daß wir ja doch nicht zu den Auserwählten gehören, daß das eigentliche Geheimnis trotz aller Worte, die darum herum gemacht werden, im Grunde doch nicht erfahren werden darf, so da´man sich dabei als Mensch letzten Endes immer zum besten (bzw. schlechtesten) gehalten fühlen muß. Auch in mittelalterlichen alchimistischen und ähnlichen Schriften ist eine solche Ausdrucksweise sehr beliebt.

   Auf die Einzelheiten der indischen Yogalehre und ihrer Unterscheidung von derjenigen des christlichen Erkenntnispfades kann hier nicht eingegangen werden. Nur dieses sei als das für das Verständnis des zehnten Johannes-Kapitels unmittelbar Wesentliche hervorgehoben: im Mittelpunkte des indischen Yoga steht ein Mysterium, das wir auch im Ägyptischen als dasjenige von Isis und Osiris finden (vgl. ME217ff), das zuletzt in seiner eigentlichen weltgeschichtlichen Vollendung im Christlich-Johanneischen da erscheint, wo unter dem Kreuz Christus den Jünger mit der Mutter verbindet - soweit wir zu einem geistigen Verständnis dieses Vorgangs uns erheben können (Joh.19,26.27). Nun erweckt der Inder die Kraft (Schakti, Kundalini), die er als das Ewig-Weibliche der Welt verehrt, in den unterbewußten Tiefen des Lebens, um sie nach oben zu führen, wo sie dann im Haupte, in der Sphäre des denkenden Bewußtseins, die Vereinigung mit dem "göttlichen Herrn" (Schiwa) findet. Kräfte des Lebensbaumes - so können wir in einer aus den ganzen Hintergründen dieser Arbeit wohl verständlichen Bildersprache sagen - sind es, die der Inder im Yoga emporführen will zum Baum der Erkenntnis. Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen (und S312 aus den vorzüglichsten indischen Yogadokumenten, vor allem dem Yogasutra des Patandschali ergibt sich mit Deutlichkeit dasselbe), daß auch für die indische Yogaübung das eigentliche Ziel die Ich-Entwicklung war, nicht nur in dem Sinn, wie auch für uns heute das höhere Ich, die Ich-Vollendung noch eine Sache der Zukunft ist, sondern in dem Sinne, wie für uns das gewöhnliche Ich als denkendes Selbstbewußtsein heute schon Gegenwart geworden ist. Aus einem älteren, mehr träumenden, dafür noch mit hellseherisch-atavistischen Kräften begabten Menschheitsbewußtsein sollte der Inder sich zu einer bewußteren Stufe des klaren, denkenden Selbstbewußtseins emporringen. Darum auch die für Patandschali, für den vornehmen indischen Yoga so charakteristische Geringschätzung jener hellseherischen, mystischen und magischen Kräfte, die heute als das Okkult-Sensationelle am indischen Yoga für viele eine solche Anziehungskraft haben: sie müssen gerade überwunden werden, wenn die Bewußtseins-Vollendung im Ich, das eigentliche Ziel des Yoga erreicht werden soll. Was für den vorchristlichen Inder ein wenigstens vorläufiges Ziel des Erkenntnisweges war, ist heute beim christlich-abendländischen Weg der Ausgangspunkt. Der alte Inder konnte zehren von den in vorchristlichen Zeiten noch immer vorhandenen, wenn auch abnehmenden "Kräften des Lebensbaumes". In der Zeitenwende war das Kapital dieser Kräfte im wesentlichen verbraucht; gewisse späte Überreste löscht der Christus in einer bedeutungsvollen Welten-Schicksalsstunde selber aus. (Vgl. zu Mark. 11,13ff und über das "Geheimnis der Verfluchung des Feigenbaums" ME263ff). Von solchen etwa noch vorhandenen Überresten heute ausgehen zu wollen, wäre nicht im Sinne des geistigen Fortschritts. Nicht von den Tiefen des Lebenszentrums, sondern von den Höhen des klaren denkenden Bewußtseins, also von demjenigen, was heute als Ich schon vorhanden ist, geht der christliche Weg aus, um zu den höheren Stufen des göttlichen Ich emporzuführen. Nicht Kräfte des Lebensbaumes führt er empor zum Erkenntnisbaum, sondern aus den Kräften des Erkenntnis-Todesbaumes nur kann er und will er in der Überwindung des Todes durch Christus den S313 Lebensbaum zu einem neuen Aufsprießen - oder "Ausgrünen", wie Jakob Böhme sagt - bringen. Am verdorrten Kreuzesholze von Golgatha grünt der Baum des Lebens aufs neue aus (Vgl. zu all dem gleich den Eingang des oben erwähnten Büchleins "Von Buddha zu Christus" sowie den Aufsatz "Der Lebensbaum" in des Verfassers Schrift "Aus der Welt der Mysterien" (Rudolf Geering, Basel), S111.13b Beckh: Eva+Lebensbaum.

   Der Zugang zur indischen Yogaübung liegt bei der "verborgenen Tür" (Brahmadvara) in den Tiefen des Lebenszentrums, wo sich für eine hellseherische Anschauung das Organ der "vierblättrigen Lotosblume" findet (An die "verborgene Tür mit dem Vierblatt" in Strindbergs "Traumspiel" wird da erinnert). Der Zugang zum christlichen Weg geht durch die offene Tür des klaren denkenden Selbstbewußtseins, geht also aus von demjenigen, was wir heute schon als ein Ich in uns haben. In diesem Sinne spricht Christus, der "gute Hirte" und Seelenführer zu den Seinigen "Ich bin die Tür" (Joh.10,9), d.h. das Ich-Bin, das Ich, wie es im klaren denkenden Bewußtsein liegt, ist jetzt die Tür, durch welche der Weg zu der höheren göttlichen Ich-Vollendung führt, zu der "Sternenweide" (nomé) in der "Welt des ewigen Namens", den das Irdische im Menschen vergaß.

   Auch hier spricht das Christus-Ich in der Wage, im Zeichen des sich im Gleichgewichte haltenden Bewußtseins, dessen ihm eng verbundenes Gegenzeichen der Widder, das Zeichen der bewußten denkenden Haupteskräfte ist. Da wor der Mensch (auf ganz natürliche Art) das Widder-Zeichen der Augenbrauen hat, da fand alte hellseherische Anschauung und findet sie auch heute noch die "zweiblättrige Lotosblume" in der Augenhöhe (an derselben Stelle wo Rudolf Steiner unter den "zwölf Sinnen" auch den dem Widder-Zeichen sich zuordnenden "Ich-Sinn" angibt, ME29 *...


* Vgl. darüber das ganze in diesem Kapitel berührte Gebiet vor allem das Buch "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten" von Rudolf Steiner.


Dort ist auseinandergesetzt, wie der (auch im zehnten Johannes-Kapitel angedeutete) "Weg des Ich" heute in zeitgemäßer Weise im einzelnen gegangen werden kann.


...Von hier aus können wir auch die "Schafe" des 10. Johannes-Kapitels als diejenigen verstehen, die die Hinordnung zu den Christus-Impulsen der denkenden Haupteskräfte S314 (Widder-Kräfte) in sich fühlen. Bemerkenswert, und wie eine Vorahnung des Christlichen kann es uns erscheinen, wenn es schon im späteren indischen Yoga eine Sekte gab, die nicht von der "vierblättrigen Lotosblume" in der Tiefe, sondern von der zweiblättrigen beim Ich-Zentrum in der Augenhöhe den Ausgangspunkt ihrer Übung nahm. Es waren diejenige, die als ihre zentrale Meditation die "Sonnenstrophe" des Rigveda hatten: "Das liebeweckende Licht des belebenden Sonnenwesens, des göttlichen, wollen wir meditierend in uns aufnehmen, es entwickle in uns das andachterfüllte Denken", und zuletzt die Vereinigung  von Schiwa und Schakti (christlich ausgesprochen: "des Jüngers und der Mutter") nicht, wie die andern, im denkenden Haupt, sondern im Herzen fanden, da, wo sie auch auf dem christlichen Wege gefunden wird. (Näheres darüber in den angeführten Yoga-Aufsätzen).

   So erlangen die Christus-Worte "Ich bin die Tür" und "Ich bin der gute Hirte" einen bestimmten erkenntnismäßigen Sinn, durch den sie sich deutlich und sinnvoll in die gesamten Ich-Motive des Johannes-Evangeliums und ihre stufenweise Entwickelung hineinstellen. Christus, das Licht der Welt, lehrt in einer Zeit, wo nur noch dieser Weg berechtigt sein kann, den Weg des klaren Bewußtseins als den zur Ich-Vollendung führenden. Die andern, die sich vor diese Eingangspforte hinstellen, dem Ich den Weg versperren, weil sie die Seele in der Bewußtseinsverdunkelung halten, bei alten dekadent gewordenen Kräften festhalten wollen, sind "Diebe und Mörder des Ich" (V.8), und die Schafe, die Ich-Menschen, die das Widderzeichen richtig im Haupte tragend die Stimme des Christus hören, werden solchen Führern (die auch heute noch immer eine Rolle spielen) nicht folgen. Sie allein finden den Weg zu den Höhen des wahren Ich, und der "Hüter der Schwelle" wird sie passieren lassen (V.3).

   Christus, der gute Hirte, opfert sich in die Erde hinein, stirbt im Irdischen, auf daß der Mensch im Geistigen wiederum leben, den Weg zum göttlichen Ich finden könne. Das ist der Sinn des Wortes: "Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe". Ihm entgegen steht der "Räuber und Mörder des Ich", S315 der Wolf, der den Schafen, den zum Ich Berufenen nachstellt, sie in die Bewußtseins-Verdunkelung zu führen und vom Pfade des Ich abzulenken sucht. Als der furchtbarste Vertreter solcher finsterer Mysterienwege erscheint in der Geschichte des Markus-Evangeliums Herodes und vor allem Herodias. Sie werden im Johannes-Evangelium nicht mit Namen genannt, sind aber da, wo vom "Wolfe" die Rede ist, in erster Linie gemeint. Die Geschichte von Herodes und Herodias zeigt, wie der "Wolf" es am meisten auf die zum Ich berufenen Jünger des Christus abgesehen hat. Ihnen sucht er zuerst das Bewußtsein zu umnebeln und zu verdunkeln, um so am wirksamsten das Christus-Erden-Werk selbst zu treffen und auszulöschen. Bis in den Wortlaut hinein von Interesse ist die Art, wie im Johannes-Evangelium von diesem christusfeindlichen Wirken des Wolfes, des Räubers und Mörders am Ich gesprochen wird (V.12): er erhascht die Schafe und "zerstreut sie", d.h. bringt sie in die Vereinzelung, in die Absonderung vom göttlichen Leben Christi. Das urtextliche Wort ist hier wie am Ende des 16. Johannes-Kapitels (V.32), wo Christus auf die Flucht der Jünger in Gethsemane weissagend hindeutet, das griechische skorpizein mit seinem deutlichen Anklang an den Skorpion, die bewußtseinsverdunkelnde Todesmacht (ME322). Christus spricht im 10. Kapitel nicht nur theoretisch-abstrakt von irgend einer möglichen Gefahr, sondern von derjenigen, der die Jünger dann in tragischer Weise wirklich erliegen. Er sieht diesen tragischen Ausgang der Jünger-Initiation voraus und tut darum alles, um in der Initiation des Einen doch die Grundlage für das spätere Erden-Werk zu schaffen.

   So erkennen wir auch in der Schilderung des 10. Johannes-Kapitels den vom Ich ausgehenden, zum (höheren) Ich führenden Christus-Weg des "guten Hirten" als den zeitgemäß-fortschrittlichen, den wahren Weg der Mitte, erkennen, wie auch hier das Ich-Bin des Christus in der Wage die Mitte hält, während diejenigen, die das in der Vergangenheit einmal Berechtigte jetzt noch festhalten wollen, vom Ich abirren, in die Ich-auslöschende Bewußtseinsverdunkelung (Skorpion) des Ahriman verfallen. Auch hier steht die Wage des Christus-Ich-Bin S316 zwischen dem Lichteszeichen (Jungfrau) und dem Finsterniszeichen (Skorpion): wer heute dem trügerischen Scheinlicht des einen Versuchers folgt, erfährt die Bewußtseinsverdunkelung vom andern her, so wie schon Petrus in tragischer Weise sie erfahren mußte (ME189ff). So führt dieser dunkle Weg "von Luzifer zu Ahriman", während der Ich-Pfad der Mitte der Weg des Christus ist.

   Dieser Weg des Christus führt zum Finden des höheren, des der Menschheit verloren gegangenen göttlichen Ich. Das Ich, aus dessen Vollmacht der Christus spricht, zu dessen Lichteshöhen er die Menschen in der Verkündigung des Weges emporblicken läßt, weiß sich eins mit dem Weltenlichte des göttlichen Vatergrundes: "Ich und der Vater sind eins" (V.30). Wir sehen im Johannes-Evangelium, wie gerade dieses Wort des Christus den Konflikt auf die Spitze treibt, den ganzen die Ich-Krisis darstellenden Evangelien-Abschnitt zum dramatischen Abschluß bringt. Wie ein ruhevoller Zwischensatz erklang in ihrem innigen Herzenston die Christusverkündigung vom guten Hirten und den Schafen, die ihm folgen; in den von Ahriman verdunkelten Herzen der Menschen  erweckt sie nur den wilden Zwiespalt und treibt ihn auf die Spitze (V.19). Die selber vom Widersacher Besessenen, die ihr göttliches Ich verloren haben, sehen den Widersacher in dem, der aus dem Göttlichen zu ihnen spriht (Joh.10,20,vgl.8,48, Vers 22: "Es war aber Tempelweihe zu Jerusalem, und es war Winter". Und Jesus wandelte im Tempel in der Halle Salomos. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du unsere Seele auf? Bist du Christus, so sage es uns frei heraus." Wir haben da die Empfindung, wie es nicht nur draußen Winter ist, sondern wie diejenigen, die so zu Christus sprechen, die bald wieder den Stein nach ihm aufheben, selbst den Winter im Herzen tragen, und erinnern uns daran, wie schon im Markus-Evangelium das Wort vom Winter und von der "Flucht im Winter" (Mark.13,18) eine Hindeutung auf die Skorpion-Todesmacht enthält (ME326). Der Skorpion ist das Zeichen, das die winterliche Jahreshälfte einleitet. Und in den Evangelien des Markus und Johannes erscheint er überall als die im Herzen der Menschen die Bewußtseins-Verdunkelung S317 bewirkende Macht. Das im griechischen Urtext des Johannes-Evangeliums für diese Bewußtseinsverwirrung (Luther "Zerstreuung") gebrauchte Wort skorpizein enthält, so sehen wir den deutlichen Anklang an Skorpion.

   In erschütternder Weise erscheint zum Schlusse noch einmal das den ganzen Evangelien-Abschnitt einrahmende Motiv des Steinwurfes (V.31), ausgelöst durch das Wort des Christus: "Ich und der Vater sind eins". Abermal erheben die Juden den Stein gegen den Repräsentanten des göttlichen Ich, der von dieser Göttlichkeit des Ich zu ihnen spricht. Nur wer, wie Christus, auch das Widergöttliche des gefallenen Menschenwesens erschaut, zwischen den beiden Widersachern in der Mitte aufrecht hindurchschreitet, kann diese Göttlichkeit des innersten Wesenskernes in Wahrhaftigkeit erschauen und darf von ihr reden. Immer gewaltiger steigert sich da die Dramatik des ganzen krisenreichen Evangelien-Abschnitts in die Höhe, bis der Christus zuletzt den Juden das Psalmwort (82,6) entgegenschleudert: "Ihr seid Götter" (V.34: "Jesus antwortete ihnen: Stehet nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?"). (Das Psalmwort hat einen ersten Nachsatz: "Ich habe wohl gesagt, ihr seid Götter, und allzumal Kinder des Höchsten; aber ihr werdet sterben, wie Menschen, und wie ein Tyrann zugrunde gehen".)

   Nicht so, wie vielleicht da und dort Menschen in leichtfertig-anmaßendem Philosophieren und ohne es selber ganz ernst zu nehmen von ihrer eigenen Göttlichkeit oder derjenigen ihrer Werke sprechen, tut es hier der Christus, sondern aus der Tiefe des göttlichen Welten-Vatergrundes selbst spricht er von dem dem Menschen im göttlichen Schöpferwillen vorbestimmten Ich, durch welches der Mensch erst zur Krone der Schöpfung wird, so wie Genesis 1,27 es meint: "Und die Gottheit schuf den Menschen zu ihrem Bilde, zum Bilde des Göttlichen (des göttlichen Ich) schuf sie ihn." Über sich hinaus schaffen wollten in einem gewissen Sinne die schaffenden Wesenheiten, indem sie im geistigen Menschen die "Hierarchie der Freiheit" erbilden wollten. So hatten sie den Menschen als das zur Freiheit berufene Weltenwesen in ihrem schaffenden Geistgedanken, das S318 Wesen, das in Freiheit für das Göttliche sich entschließen, in Freiheit auch dem Göttlichen sich verschließen konnte. Durch die vom Göttlichen um der menschlichen Freiheit willen zugelassene Versuchung des Widersachers fiel das Menschenwesen in die Sünde, die Absonderung, entfremdete es sich dem Göttlichen, verlor das göttliche Ich. So tief war der Fall, daß das gefallene Menschenwesen nichts in aller Welt so wenig ertragen kann, als den Anblick des göttlichen Ich, daß es durch nichts in solch wirren Konflikt gebracht wird, als wenn in jenem Welten-Ernste, wie es durch Christus geschieht, von dieser Göttlichkeit des vergessenen Ich zu ihm gesprochen wird. Das Göttliche irgendwo draußen zu suchen und anzubeten, dafür waren, wie die Geschichte aller Religionen und Kirchen zeigt, die Menschen immer leicht zu haben. Auf die eigene Verantwortlichkeit, das eigene Drinnenstehen und Verankertsein im Weltengrund, die in der tiefsten Tiefe des Menschenwesens verborgene eigene Göttlichkeit, auf das Ich im wahren und letzten Sinne gewiesen zu sein, das war und ist für das Menschenwesen, wie es durch den Fall der Menschheit geworden ist, immer der tödlichste Schrecken. Niemand hat das erschütternder hingestellt als der Evangelist Johannes im 10. Kapitel. "...Der Vater in mir und Ich in ihm" ist da Christi letztes Wort. "Da suchten sie abermal ihn zu greifen; aber er entging aus ihren Händen..."

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