UA-34182763-1

Dritter Abschnitt

Die Erweckung des Lazarus

(man vergleiche zu diesem ganzen Abschnitt M.E. 209-288, bes. S 241-288)

(Joh. 11 und 12)

Skorpion - Schütze - Steinbock - Wassermann - Fische


1. Der Sieche

(Joh. 11, 1-6)

Skorpion


S319   Das elfte Johannes-Kapitel steht äußerlich und innerlich im Mittelpunkte des Ganzen, wir berühren in ihm das Innerste des den Inhalt des Johannes-Evangeliums bildenden Christusgeschehens. Die im Vorausgehenden geschilderte Jüngerkrisis, die sich zur Menschheits-Krisis erweitert, die in ihr offenbar gewordene Unmöglichkeit der Menschheits-Finsternis, das Licht des göttlichen Ich zu begreifen, zeitigt in Christus mit göttlicher Notwendigkeit den Entschluß, in die verfinstere Erden- und Menschheits-Substanz sich sterbend hineinzuopfern, ihr durch dieses Opfer den Samen des Lichtes (vgl.Joh.12,24), der Finsternis die Tinktur des Lichtes - wie man in der noch bei Jakob Böhme anklingenden rosenkreuzerisch-alchimistischen Ausdrucksweise früherer Jahrhunderte sagte - einzuverleiben, S320 auf daß die Menschheit wiederum ein Gefäß werden konnte, das göttliche Ich in sich aufzunehmen.

   Nun liegt es aber doch im Wesen des Mysteriums von Golgatha, daß es nicht als bloßer Naturvorgang wirken konnte, daß es an das Bewußtsein der Menschen sich wenden, im Ich der Menschen aufleben wollte. Darum die unendliche Sorgfalt des Christus bei der Auswahl und Vorbereitung des Jüngerkreises, der dem göttlichen Geschehen zunächst das menschliche Gefäß darbieten sollte. Auch diese geistige Vorbereitung, diese "Initiation" des Jüngerkreises war, wie wir aus der Geschichte des Markus-Evangeliums wissen, ein Fehlschlag: gerade an dem großen Todesopfer und Todesentschluß des Christus, am Mysterium von Golgatha scheiterte das Verständnis des Jüngerkreises, in erster Linie des Petrus, des "Felsens der Kirche" (ME189ff,199ff). Was der eigentliche Sinn und wesentliche Inhalt der ganzen "Initiation" gewesen wäre, das gerade blieb unverstanden.

   So hing nunmehr die ganze Zukunft der Erde und Menschheit davon ab, daß es dem Christus noch gelang, aus dem Zusammenbrechen der Initiation des Jüngerkreises nun wenigstens die Initiation des Einen zu retten, in dem das Mysterium von Golgatha bewußt leben, in dessen Bewußtsein es gleichsam für die Zukunft von Erde und Menschheit aufbewahrt und da sein konnte. Als der Mitwissende und Mitwirkende (ME289) des Mysteriums von Golgatha war dieser Eine dann vor allem auch dazu bestimmt, den andern Jüngern, die zu Lebzeiten des Christus versagten, seine geistige Hilfe so zuzustrahlen, daß sie das anfänglich nicht Begriffene später begreifen und ihr Wirken mit demjenigen des Werkes Christi auf Erden zusammenfließen lassen konnten.

   So mußte zum Mysterium von Golgatha selbst der Erkenner dieses Mysteriums, der "Jünger, der unter dem Kreuze stand" hinzukommen, als der einzige, der berufen und imstande war, der Menschheit ihre von Golgatha aus in die Zukunft weisenden Wege zu weisen. Auf das eigentliche Geheimnis der "Johannes-Einweihung" wie auch der im Mittelpunkts-Stück des Johannes-Evangeliums erzählten Vorgänge ist S321 damit hingedeutet. Durch unsägliche, übermenschliche Schwierigkeiten und Krisen hindurch, die auch dieser Jünger noch zu bestehen hatte - die Initiationsgeschichte des Markus-Evangeliums, von der wir in unserer früheren Darstellung einen Begriff zu erwecken suchten, gibt davon Kunde - mußte im Wege einer von Christus selbst vollzogenen, weltgeschichtlich einmaligen Initiation (Einweihung) das Bewußtsein dessen geschaffen (oder herangebildet) werden, der imstande war, das große Todes-Mysterium erkennend in sich aufzunehmen. Je mehr die andern versagten, desto mehr kam auf die geistige Erweckung dieses Einen alles an. Durch Rudolf Steiner wissen wir, in welchem Zusammenhang die im elften Johannes-Kapitel geschilderten Vorgänge mit diesem inneren und äußeren Werden des Christus-Jüngers stehen.

   Das eigentliche christliche Einweihungs-Mysterium, so erkennen wir da, vollendet sich im elften Johannes-Kapitel. Durch dieses und das folgende, ihm innerlich nahestehende zwölfte Kapitel wird die Fünfheit der als "Mysterien-Kapitel" (Teil A cap.4) angesprochenen ersten Kapitel zur Siebenheit ergänzt (so wie die "Menschheits-Kapitel" Joh. 6-10 durch die beiden Passions-Kapitel, die "Jünger-Kapitel" Joh. 13-17 durch die beiden Auferstehungs-Kapitel ihre Ergänzung zur Siebenheit finden). Überdies sehen wir gerade von diesen beiden mittleren Kapiteln des Johannes-Evangeliums (11+12) Strahlen nach allen Seiten hin ausgehen: auch zu den folgenden "Jünger-Kapiteln" haben sie eine naheliegende innere Beziehung, mit den beiden "Passions-Kapiteln" stehen sie in einer bedeutsamen Parallele, mit den beiden "Auferstehungs-Kapiteln" stehen sie erst recht in einer inneren Beziehung, und für die in den Kapiteln 6-10 geschilderte Menschheits-Krisis bildet das Geschehen von Bethanien den eigentlichen Höhepunkt (Joh. 11,46-57). Schon in den Eingangsworten des Johannes-Evangeliums (Joh. 1,12.13) finden wir den ersten Hinweis auf das Geheimnis von Bethanien (Joh.11).

  Enthalten die ersten "Mysterien-Kapitel" (Joh. 1-5) gewisse Begegnungen des Christus mit verschiedenen Vertretern der alten vorchristlichen Einweihung und ihrer Mysterien, so S322 vollendet sich in denjenigen Vorgängen, die im elften Johannes-Kapitel als die "Erweckung des Lazarus" aus dem Grabesschlummer von Bethanien erzählt werden, das auf die Weckung der Ich-Kräfte (Joh.10: "Ich bin die Tür") beruhende neue, das christliche Mysterium. Rudolf Steiner hat (in den beiden Zyklen über das Johannes-Evangelium - GA103+112, wie zuerst schon in dem Buche "Das Christentum als mystische Tatsache" GA8) darauf hingewiesen, wie sich der Christus Jesus bei dem, was hier durch ihn geschieht, äußerlich noch gewisser Formen der älteren vorchristlichen, der ägyptischen und der ihr nahestehenden indischen Yoga-Einweihung bedient, wo der Einzuweihende in einen dreitägigen, todähnlichen Schlaf versenkt wurde, während dessen die Geheimnisse der übersinnlichen Welt dem Gefüge seiner feinern ätherischen Leiblichkeit in Bildern sich einprägten, sich gleichsam darin abdrückten. In diesem Sinne, so zeigt Rudolf Steiner, offenbart die "Erweckung des Lazarus" den Übergang von der alten vorchristlichen zur neuen, christlichen Einweihung.

   Zu all dem hätten wir heute den Schlüssel nicht, wenn er uns nicht durch Rudolf Steiner in die Hand gegeben worden wäre. Der zukunfttragenden Bedeutung des von Rudolf Steiner uns Geschenkten und damit der Größer der abzutragenden Dankesschuld ist sich die Menschheit inmitten der heutigen Zeitkultur noch nicht bewußt. Um so mehr besteht bei jedem Versuch eines bewußten Herantretens und bewußten Heranführens an die Sphäre der christlich-johanneischen Geheimnisse auch die Verpflichtung, die Tat Rudolf Steiners (ohne die der eigentliche Sinn des Christus-Ereignisses, der Tat Christi im Menschheitsbewußtsein verschlafen würde) der Menschheit ins Bewußtsein zu rufen.

   Dabei ist jedoch das Mißverständnis fernzuhalten, als ob es sich hier irgendwie um die Übernahme von Dogmen handelte. Auch über das Lazarus-Mysterium und die Johannes-Probleme hat Rudolf Steiner - das trat bei der erwähnten letzten Ansprache (GA238) noch besonders deutlich hervor - immer nur so gesprochen, daß er sich dabei an das Erkenntnisstreben der Menschen wendete, an ihren Willen, die Mitteilungen unbefangen zu prüfen, das als Schlüssel zur Erkenntnis Dargebotene auch als S323 solchen Schlüssel zu gebrauchen. Ein Versuch, das von Rudolf Steiner Gegebene in einem solchen Sinne anzuwenden, liegt in dieser ganzen Arbeit, liegt schon in dem, was bei der Darstellung des Markus-Evangeliums über das Johannes-Mysterium gesagt werden konnte (ME45ff,50ff,120ff,209ff,241ff). Während intellektuelle "Beweise" -um die es sich in solchen Fällen nicht handelt - den Verstand zwingen wollen, irgend eine Behauptung anzunehmen, besteht das Wesen eines Mysterien-Schlüssels - und um einen solchen handelt es sich bei dem hier von Rudolf Steiner Gegebenen - gerade darin, daß er die Seele frei läßt, daß es den aktiven Seelenkräften überlassen bleibt, sich die Dinge selbst zu erarbeiten, den Erkenntniswert des Dargebotenen selbst zu erproben. Nur dann ist ein solcher "Schlüssel" nicht zum Heile, wenn er in die Hände derjenigen fällt, die alles nur immer wieder als "Dogma" nehmen, selber gezwungen sein und andere zwingen wollen. Diese heute in kirchlichen wie außerkirchlichen Kreisen noch weit verbreitete Seelenhaltung steht im Widerspruch zu derjenigen des Johannes-Evangeliums, zu der ganzen Art, wie dort der Christus durch die Erkenntnis der Wahrheit im lichten Bewußtsein (aletheia) zur Freiheit (Joh.8,32), zum Ich führen wollte.

***

   Wiederum nicht als "Beweis", aber doch als die Andeutung einer Richtung des inneren Suchens, in der das Johannes-Mysterium - das Geheimnis der beiden Johannes (ME Einl.cap.4) auf der einen, das Lazarus-Geheimnis auf der andern Seite - aus dem ganzen Aufbau, der ganzen Komposition des Johannes-Evangeliums heraus unserem verstehenden Denken näher gebracht werden kann, liegt in folgenden, von Rudolf Steiner in den Zyklen gegebenen Hinweisen: Da finden wir einmal, wie am Ende der ersten Evangelien-Hälfte (Joh.10,41) in einer das Vorangegangene zusammenfassenden Art auf das Zeugnis des Täufers Johannes Bezug genommen ist, und erinnern uns dabei, wie auch gleich am Anfang dieses ersten S324 Evangelien-Abschnitts (Joh.1,6ff) der Name Johannes bedeutungsvoll erscheint. Gemeint ist auch hier der Täufer - der Jünger wird im Johannes-Evangelium ja nie mit Namen genannt. Auf das Zeugnis dieses Jüngers (des Johannes-Jüngers also) als des "Jüngers, den der Herr liebhatte" nimmt dann in seinem Abschlusse Bezug der zweite Evangelien-Abschnitt, der Abschluß des Ganzen (Joh.21,20.24). Einleuchtend zeigt Rudolf Steiner, wie nun auch nicht ohne tiefen Sinn, nicht ohne tiefe Bedeutung im Eingang dieses zweiten Evangelien-Abschnitts (Joh.11,3) die Rede ist von einem - oder wir dürfen schon sagen: von dem - Jünger, "den Jesus liebhat" (denn es ist immer nur der Eine, vgl. ME222f), und wie dort das Geheimnis dieses Jüngers mit dem Lazarus-Namen verbunden ist. Die von Rudolf Steiner hier aufgezeigte Symmetrie zwischen Anfang und Ende des ersten, Anfang und Ende des zweiten Evangelien-Abschnitts, und der Zusammenhang dieser Symmetrie mit dem Johannes-Mysterium, dieses Mysteriums wieder mit dem Geheimnis des "Jüngers, den der Herr liebhatte" liegt auf der Hand. Immer wird dieses "Liebhaben" im Evangelium in einem ganz tiefen, einem vollwichtigen Mysteriensinn gebraucht, und wo es sich sonst, auch in anderen Evangelien (vgl. Mark.10,21) findet - nur ganz wenige Stellen kommen da in Betracht - läßt sich ein Zusammenhang mit dem Johannes-Mysterium überall aufzeigen (ME221ff).

   So wäre, wie beim ersten Abschnitt des Johannes-Evangeliums (cap.1-10) auf das Zeugnis des Täufers Johannes (dessen Geistigkeit auf den Jünger später ja immer mehr überging), beim zweiten Abschnitt (cap.11-21) auf das Zeugnis des Jüngers Johannes hingewiesen, und die im Anfang dieses zweiten Abschnitts erzählte Geschichte, die "Erweckung des Lazarus", würde dann gewissermaßen eine Hindeutung enthalten auf das Geheimnis der Vorgänge, durch welche die Kraft jenes Johannes-Zeugnisses durch die Tat des Christus in dem Jünger erweckt wurde. Das Schwergewicht der Stelle im Anfange dieses Abschnitts, wo es heißt, daß Jesus den Lazarus wie auch seine beiden Schwestern liebhatte - der geistige Zusammenhang dieser beiden leiblichen Schwestern mit S325 dem Mysterien-Erleben des Jüngers trat ja auch früher überall hervor - wird uns da in erhöhtem Maße bewußt. Bis in die Sprache hinein sind die beiden Evangelien-Abschnitte ja sehr verschieden: über der Christus-Ich-Offenbarung und Ich-Krisis im ersten Abschnitt liegt noch etwas von dem richtenden Ernste und der richtenden Strenge, wie sie auch der Predigt des Täufers Johannes, des "Rufenden in der Einsamkeit" eigen war, vom zehnten Kapitel an vernehmen wir immer mehr jene wunderbare liebevolle Zartheit und Innigkeit in der Sprache des Christus, die sich dann über dem Folgenden immer leuchtender ausbreitet. Im ersten Abschnitt erleben wir im Christus-Ich noch das Richtende (die Scheidung der Geister Bewirkende), im zweiten ganz das Sich-liebevoll-Hinopfernde. Dort handelt es sich noch um Scheidung (Krisis), hier um höhere Verbindung. So liegt im ersten Abschnitt des Evangeliums  - denn das im vollen, im allerhöchsten Sinne "Christliche" beginnt erst mit dem Mysterium von Golgatha selbst - noch immer in gewissem Sinne ein "vorchristliches Element" (darum auch der Hinweis auf das Zeugnis des Täufers am Schlusse dieses Abschnittes); erst die Art, wie vom 11. Kapitel an das große Christus-Geschehen erzählt wird, trägt voll und ganz den Stempel des Christus-Jüngers an sich. Nicht, als ob dieser nicht der Verfasser oder doch Inspirator des ganzen Johannes-Evangeliums wäre. Aber mit dem von seiner Einweihung an Erlebten ist er in einer ganz anderen Weise innerlich verbunden, als mit dem, was er erlebte, bevor er der Christusjünger war. Das eine erlebt er unmittelbar, das andere in einer Art geistiger Rückschau, an der das "Zeugnis Johannes des Täufers" - das von jetzt an in einer mehr geistigen Art in ihm selber lebt - intim mitbeteiligt ist.

***

   Werden wir also nach all dem sagen, der im Anfang des elften Johannes-Kapitels erwähnte Lazarus sei der Jünger Johannes gewesen? Schon aus dem in der früheren Darstellung darüber Entwickelten geht hervor, daß wir nicht eigentlich in dieser Form das über diesem mittleren Abschnitte des S326 Johannes-Evangeliums wie über den ganzen Zusammenhängen von Markus-Evangelium und Johannes-Evangelium waltende Geheimnis aussprechen können. Auch Lazarus, so sahen wir immer, ist nicht im gewöhnlichen Sinn ein "Name", ist nicht der eigentliche Name der Persönlichkeit, deren Geheimnis sich wirklich als dasjenige des "namenlosen Jüngers" von Anfang an (vgl.Joh.1,40 und das früher darüber Gesagte) durch das ganze Johannes-Evangelium hindurchzieht. Nicht so, wie es im Eingang des Johannes-Evangeliums vom Täufer heißt: "sein Name (ónoma) war "Johannes", heißt es etwa vom "Siechen" des 11. Kapitels, daß sein Name Lazarus war, das (von Luther hier gegen den Urtext eingefügte) Wort Name (ónoma) fehlt hier gerade in bedeutsamer und bezeichnender Weise. Nicht eigentlich ein Name steht in "Lazarus" vor uns, sondern ein Bild, das wir mit den Geheimnissen des Johannes-Werdens überall in intimer Weise verknüpft sahen, das Bild des Siechen, das uns von einem ganz bestimmten kritischen Punkte des Johannes-Werdens an immer begegnete (ME124ff,271ff,280ff). Nicht der wahre Name der geheimnisreichen Persönlichkeit, die im Mittelpunkte des Johannes-Evangeliums steht, spricht zu uns im Worte Lazarus, sondern die Tatsache jenes Siechtums, das überall wie ein äußeres Gegenbild derjenigen Vorgänge sich darstellt, die nach innen hin als die Krisen des werdenden Johannes-Bewußtseins erscheinen. In diesem zum Tode (oder doch hart an die Todesgrenze) führenden Siechtum, in diesen Lazarus-Erlebnissen vollendet sich das geheimnisvolle, von Christus selbst mit solcher banger Sorgfalt geleitete und überwachte Heranreifen des Christus-Jüngers, das Aufleben der im Täufer noch in einem vorchristlichen Mysterien-Sinn anwesenden Johannes-Geistigkeit auf einer neuen durchchristeten Stufe. Im Sterben des Lazarus vollzieht sich das Werden des neuen, des christlichen Johannes, findet die Johannes-Wesenheit (die jetzt das Johannes-Bewußtsein in sich tragende Wesenheit) ihre Auferstehung in Christus (ähnlich schon ausgesprochen in Teil A cap.6). S327

   Auch daß Johannes nicht Name im gewöhnlichen Sinne, sondern hoher Mysterien-Grad ist, daß man Johannes nicht einfach heißt, sondern Johannes wird, daß ein Einweihungs-Geheimnis, das zugleich ein Geheimnis des kosmischen Rhythmus ist, in diesem Namen liegt, wurde schon früher immer mit Nachdruck betont (ME Einl.cap.4u.a.). Nur durch das ganze Durchringen und Überwinden aller im Namen Lazarus sich aussprechenden schweren Entwicklungskrisen findet der werdende Christusjünger in seinem Bewußtsein den Punkt, wo der Name Johannes in der ewigen Sternenschrift vor ihm aufleuchtet, wo er seinen Mysterien-Namen als einen aus der Welt des ewigen Namens zu ihm gesprochen vernimmt, wo er ihn als seinen ewigen Namen eingetragen findet im Buche des Lebens (Vgl. zu alledem die Ausführungen im ersten Teile dieses Buches A cap.7). Im Johannes-Evangelium selbst bleibt er bis zum Schlusse der namenlose Jünger, der "Jünger, den der Herr liebhatte".

   So mußte Lazarus, der Sieche, sterben, damit Johannes, der Christusjünger, werdend ins Dasein treten konnte. Der sich als der initiierte Christusjünger aus dem Grabe von Bethanien erhob, war ein Anderer, als der vorher dort im Todesschlummer verschlossen lag, wenn er auch im Augenblick der Auferstehung das Bild des einstigen Siechen, des Lazarus, noch an sich trug. So verschieden, als die Puppe der Raupe von dem im Lichte sich befreienden Schmetterling ist Lazarus, der Sieche, von Johannes, dem Christusjünger.

   Wie im Markus-Evangelium die zur Einweihung des Christusjüngers führenden Vorgänge gleichsam von ihrer Bewußtseins-Seite beleuchtet, vom Gesichtspunkte des werdenden Johannes-Bewußtseins aus dargestellt werden, so läßt uns das Johannes-Evangelium in dem, was sich damals äußerlich vollzog, was als eine Einweihungs-Tat durch Christus gewirkt wurde, gewissermaßen auf das Erdengeheimnis der Vorgänge hinschauen. Die Wesenseigenart beider Evangelien findet in dieser charakteristischen Verschiedenheit der Gesichtspunkte ihren Ausdruck. Konnten S328 wir uns in unserer Darstellung des Markus-Evangeliums die Bewußtseins-Erlebnisse des werdenden Johannes in den Krisen seiner Einweihung zu vergegenwärtigen suchen, so beantwortet das Johannes-Evangelium die Frage: was hat Christus getan, damit das Werden des Johannes-Jüngers zustande kommen konnte. Aus dem Markus-Evangelium kann herausgelesen werden, was die Vorgänge für das Johannes-Bewußtsein bedeuten, das Johannes-Evangelium als das eigentliche Christus-Evangelium (ME54) sagt uns, was sie für Christus selber bedeuten, wie sie sich dem in diesem Evangelium erzählten großen Christus-Geschehen einfügen. Als eine Christus-Tat, nicht nur als ein Johannes-Erlebnis wird die Initiation des Christusjüngers im Johannes-Evangelium erzählt.

***

   Das Siechtum des Lazarus, das ganze - auf das Leiden und Sterben des Christus selbst hingeordnete - Leiden und Sterben des Lazarus als das irdisch-äußere Gegenbild des geistigen Johannes-Werdens: dieses zugleich die Synthese von Markus-Evangelium und Johannes-Evangelium in sich schließende große Motiv der Evangeliengeschichte findet überdies im kosmischen Rhythmus der beiden Evangelien seinen lebendig-anschaulichen Ausdruck. Denn diejenigen Zeichen des Tierkreises, durch welche in der Lazarus-Geschichte des 11. Kapitels der kosmische Rhythmus des Johannes-Evangeliums, nachdem er vorher (cap. 6-10) in der Wage, im Zeichen des Christus-Ich-Bin gleichsam seinen Eckpunkt und Angelpunkt erreicht hat, wiederum nach abwärts, nach dem dunklen Teile des Tierkreises sich wendet (Skorpion - Schütze - Steinbock - Wassermann), sind, wie im einzelnen noch zu zeigen ist, die Gegenzeichen derjenigen Himmelszeichen, durch welche im Rhythmus des Markus-Evangeliums das Bewußtsein des werdenden, des seiner Einweihung entgegenschreitenden Johannes nach aufwärts geführt wird (Stier - Zwillinge - Krebs - Löwe). Das wird aus der früher gegebenen Darstellung des Markus-Evangeliums (ME241f) deutlich S329 ersichtlich, und soll, unter Gegenüberstellung des im Johannes-Evangelium (cap. 11, von der Grablegung und Erweckung des Lazarus) Entsprechenden im folgenden noch einmal kurz zusammengefaßt werden.

   Wir erinnern uns, wie da, wo in der dritten seiner drei Runden oder "Oktaven", nach der Verklärung des Christus auf dem Berge, der kosmische Rhythmus des Markus-Evangeliums (zum dritten Male) in das Wort-Zeichen des Stieres eingetreten ist, vom neunten, zehnten Kapitel des Markus-Evangeliums an die Erlebnisse des Johannes-Bewußtseins immer mehr im Vordergrunde stehen (d.h. wie die Evangelienerzählung von da an einen besonders tiefen Sinn gewinnt, wie sich ein besonderes Licht über alle Evangelien-Zusammenhänge dann ausgießt, wenn wir die innere Beziehung der in bunter Reihenfolge an uns vorüberziehenden Evangelien-Bilder zu den Einweihungs-Erlebnissen des werdenden Johannes-Bewußtseins ins Auge fassen können). Wie eine Vorbereitung des eigentlichen Einweihungs-Erlebens erscheint da alles, was noch unter dem Wort-Zeichen des Stieres steht. Einmal - und das ist die positive Seite der Johannes-Erlebnisse in diesem Abschnitt des Evangeliums - sahen wir, wie hier Johannes (das heißt immer: der werdende Johannes), der bis dahin Schweigende, "das Wort findet", wie er Wortführer wird, während ein anderer, der zu früh redete, "das Wort verlor" (ME212). Die lebendige Wortmacht (Stier) - das kann besonders im Anfang des zehnten Markus-Kapitels gefunden werden - gewinnt jetzt im werdenden Johannes-Bewußtsein den endgültigen Sieg über die vom Skorpion her wirkende Todesmacht der niederen Sinnlichkeit, die schöpferische Liebeskraft (Venus im Stier) überwindet in ihm jetzt endgültig die das Liebesleben vergiftende finstere Mars-Dämonie (Mars im Skorpion). Johannes (das werdende Johannes-Bewußtsein) gewinnt wieder die innere Jungfräulichkeit seines Wesens (Skorpion verwandelt sich in Jungfrau, vgl. das zu Joh.8 Angedeutete). Diesen positiven Erlebnissen und Errungenschaften stehen in der Konstellation Stier - Skorpion gewisse Anfechtungen und Krisen gegenüber, die das werdende Johannes-Bewußtsein vor dem eigentlichen Finden der Einweihung noch immer zu bestehen hat. Sie finden S330 im Markus-Evangelium ihren Ausdruck vor allem in jener "Episode vom reichen Jüngling" (Mark.10,17ff), von dem es heißt, daß Jesus ihn liebte (V.21), und der dennoch, weil er noch nicht das Letzte zu opfern vermag, von Christus zurückgewiesen wird. Nicht als ob gesagt werden sollte, Johannes - oder "Lazarus"... - sei jener "reiche Jüngling" gewesen, sondern im Bilde der Geschichte jenes Jünglings stellen sich vor das geistige Auge des werdenden Christus-Jüngers (des noch immer "Namenlosen") gewisse innere Schwierigkeiten, die er noch durchzumachen hat, gewisse Bewußtseinskrisen, die er noch bestehen muß (vgl. die ausführliche Schilderung ME221ff). In diesen letzten Einweihungs-Krisen des werdenden Johannes wirkt noch immer die Todesmacht (Skorpion), die, insoweit sie sich als nieder Sinnlichkeit geltend macht, bereits überwunden ist, aber immer noch da als Widersacher auf den Plan tritt, wo es sich für den werdenden Christusjünger darum handelt, nun im "Durchgang durch das Nadelöhr", die "enge Pforte" des Bewußtseins-Nullpunktes, des Ich-Nullpunktes im Bewußtsein den Weg des Lebens und der Christus-Zukunft zu finden, nunmehr alles Vergangene, auch alles geistig von früherher Überkommene endgültig loszulassen. Das eben ist die hier gemeinte "Prüfung des reichen Jünglings".

   Als das äußere Gegenbild aller dieser inneren Schwierigkeiten und Krisen, in denen noch immer die Todesmacht (Skorpion) sich geltend macht, erscheint im Johannes-Evangelium das Siechtum des Lazarus, und wir können gut verstehen, warum über dem Eingang des 11. Johannes-Kapitels ("Es war aber da ein Siecher, Lazarus von Bethanien...") für unsere Betrachtung das Skorpion-Zeichen steht. Es ist das Zeichen, von dem wir im übrigen auch wissen, daß es das Johannes-Zeichen ist, daß es dem "johanneischen Dreieck" angehört, die "esoterische Ecke" dieses Dreiecks bildet (ME375), das Zeichen, das die tiefsten Tiefen und die höchsten Höhen miteinander verbindet, das auf der einen Seite als finsterste Todesmacht, in Krankheit und Siechtum sich offenbart, auf der andern Seite aber wiederum als die Metamorphose des "Sonnen-Adlers" erscheint, der zu den Weltenhöhen der Lebens-Ursprünge sich S331 emporschwingt, und, von dem Jünger Johannes zurückgewonnen, das Zeichen des Evangelisten Johannes wird, das als solches schon über dem Eingang des Johannes-Evangeliums steht.

   Wie der Stier auf den inneren Bewußtseins-Sieg des werdenden Christus-Jüngers, deutet das Gegenzeichen, der Skorpion auf das äußere und innere Siechtum dessen, der um diesen Sieg erst noch zu ringen hat. Von diesem, sofort an die Zusammenhänge des 11. Johannes-Kapitels erinnernden Siechtum des werdenden Christusjüngers künden alte Legenden, deren wir in der Darstellung des Markus-Evangeliums öfter gedachten (ME51,123f,183f,225,280ff). Sie bezeichnen, in Anknüpfung an die Evangeliengeschichte, genau den Anlaß, wo dieses Lazarus-Siechtum (in dem das johanneische Initiations-Erleben seinen Anfang nimmt) zum ersten Ausbruch kommt, wo Lazarus der sieche, der schweigsame Jünger wird... Nicht, weil solchen Legenden an und für sich irgend ein besonderer Erkenntniswert zuerkannt werden sollte, wurden sie erwähnt, sondern weil sich ihr Inhalt mit demjenigen deckt, was geistige Forschung unabhängig von allen "Legenden" und sonstigen äußeren Dokumenten, unabhängig auch vom geschriebenen Evangelium findet, und was andrerseits bei intimerem Lesen auch zwischen den Zeilen des Evangeliums gefunden werden kann und, wenn es gefunden wird, ein wunderbares Licht über die Zusammenhänge des Evangeliums ausgießt. Wir erinnern uns, wie außer der Initiationsgeschichte des Markus-Evangeliums und der Lazarusgeschichte des Johannes-Evangeliums auch gewisse Abschnitte des Lukas-Evangeliums (cap.7+16), wie insbesonders auch die "Magdalenen-Geschichten" des Evangeliums (zunächst Luk7, mit dem Anklang an Joh.8) in diese Zusammenhänge verflochten wind. Auch die "Blindenheilung" des Johannes-Evangeliums (vgl. die Anklänge Joh.9,3+11,4) stellt sich in die Zusammenhänge jenes "Lazarus-Geschehens" hinein.

________________________


2. Das Grab von Bethanien

(Joh. 11,7 ff)

Schütze - Steinbock - Wassermann


S332   Vom Wort-Zeichen Stier, in dem auch der werdende Johannes das Wort findet, führt der kosmische Rhythmus im Markus-Evangelium nach dem Höhen-Zeichen der Zwillinge, dem Zeichen des heiligen Berges und Initiation. Dort finden wir auch in der Johannes-Einweihung, im werdenden Johannes-Bewußtsein den entscheidenden Beginn der Initiations-Erlebnisse. Schon über der Episode der "Zebedäus-Söhne" Mark. 10,35ff steht dieses Höhen-Zeichen der Zwillinge. Wir erinnern uns, wie da im johanneischen Initiations-Erleben in geistiger Rückschau wieder der "Berg der Verklärung" erscheint, das ganze geistige Bild der Verklärung - Christus zwischen Moses und Elias, Jakobus und Johannes bei Moses und Elias -, wie es schon im 9. Markus-Kapitel als ein auch das Johannes-Bewußtsein tief inspirierendes erkannt werden konnte (ME197). Für den Christus selbst bedeutet diese "Verklärung auf dem Berge" schon den Anfang des Sterbens, des Hineinsterbens in die Erde, des Mysteriums von Golgatha. Darum steht über ihrem Beginne der Schütze, das Zeichen der Todesoffenbarung (über dem Ganzen der Verklärung stehen dieselben vier Zeichen wie über Golgatha). Diese Todesoffenbarung nimmt das Bewußtsein des werdenden Johannes tief in sich auf, das jetzt im Höhenzeichen Zwillinge, im Zeichen des heiligen Berges auf das Erlebnis der Verklärung geistig zurückschaut. Suchen wir von S333 diesem Geisterlebnis aus das äußere Gegenbild in den Lazarus-Geschehnissen des Johannes-Evangeliums, so kommen wir Höhenzeichen der Zwillinge wiederum auf das Gegenzeichen, auf das Todes-Zeichen des Schützen in der Tiefe. Vom Siechtum (Skorpion) hat das Lazarus-Erleben zum Tode, zum irdischen Sterben (Joh.11,13.14), zu einem mindestens hart an die Todesgrenze heranreichenden Geschehen geführt. Gerade da, wo das Johannes-Bewußtsein geistig die lichten Höhen des Verklärungs-Berges (Zwillinge) erschaut, ist für den äußeren Anblick im Lazarus-Geschehen das irdische Sterben (Schütze) das äußere Gegenbild.

   Es ist von einer ganz tiefen Bedeutung, wie die ganzen rhythmischen Zeichen des Mysteriums von Golgatha, des Christus-Sterbens und der Christus-Auferstehung (Schütze - Steinbock - Wassermann - Fische) wiederkehren bzw. schon vorher sich ankündigen im Lazarus-Geschehen. Denn diese Lazarus-Erlebnisse nehmen innerlich und äußerlich das Christus-Geschehen von Golgatha in sich auf, bilden es innerlich und äußerlich nach. Der johanneische Einweihungs-Weg - und um diesen handelt es sich hier - ist durchaus und in jeder Beziehung eine "Nachfolge Christi". Das geistige Hinschauen auf das Mysterium von Golgatha, wie es sich in den oberen, den lichten Gegenzeichen (Zwillinge - Krebs - Löwe) vollzieht, ist die eine, die geistige Seite des Einweihungs-Erlebens. Aber auch bis ins Leiblich-Physische hinein lebt, soweit dieses innerhalb der Möglichkeiten des Menschen liegt, der werdende Christusjünger in jenen drei (dreieinhalb) Tagen des Grabesschlummers von Bethanien das Christus-Geschehen nach. Am eigenen Leibe erfährt er, während sein Bewußtsein in Weltenhöhen weilt (Zwillinge - Krebs - Löwe), die Mysterien des Todes und des Grabes (Schütze - Steinbock - Wassermann).

   Da berührt er in den Todestiefen des Schützen die Lebensquelle, die dort entspringt, den neuen Paradieses-Strom der Christus-Zukunft der Menschheit. Auf den Schützen folgt das Wende-Zeichen des Steinbocks, das finstere Saturn-Zeichen und Gegenzeichen des Krebs-Wende-Zeichens in der Höhe, das zugleich auf das Höhen-Zeichen der Zwillinge folgend, das Zeichen S334 des beginnenden Abstiegs ist. Wir erinnern uns, wie dort oben, vom geistigen Gesichtspunkte des Bewußtseins aus, die johanneische Einweihung sich vollendet, wie es charakteristisch für diese Einweihung ist, daß sie nicht auf der geistigen Bergeshöhe, sondern im Herabstieg zur Menschheits-Niederung ihren Abschluß findet, wie der Krebs gerade auch das Monden-Erden-Zeichen ist, wie das Geheimnis der Materie, das Erdengeheimnis, das Geheimnis der Verwandlung, der Transsubstantiation der Erde dort erlebt und verwirklicht wird. Daß sie bis zu diesem in alten, vorchristlichen Einweihungen noch nicht verwirklichten Punkte vordringt, ist das Wesen der christlich-johanneischen Einweihung. Im Krebs, mit dem dann noch das Sonnen-Zeichen des Löwen (der "rote Löwe") sich verbindet, spricht sich das alchimistische Geheimnis dieser christlich-johanneischen Einweihung aus (ME287).

   Wie im Steinbock die alte, vollendet sich im Krebs die neue Einweihung. So ließ uns die über dem dritten Johannes-Kapitel stehende Polarität Steinbock - Krebs bedeutsam auf diesen Gegensatz der alten und der neuen Einweihung, dieses Sichmessen der einen an der andern hinschauen. So gehört es jetzt zu den Geheimnissen des elften Johannes-Kapitels, daß, während das Bewußtsein des werdenden Christusjüngers in Welten-Lichtes-Höhen (zum Krebs gehört im Tonarten-Kreise A-dur, die Tonart des in fernen Weltenhöhen leuchtenden Grales) das Geheimnis der verwandelten Erde, der jüngfräulichen Lichterde erlebt, sein Erdenteil durch die tiefste Erdenfinsternis, durch die finsterste Grabestiefe hindurchgeführt wird. In der finstersten Erden-Tiefe und Saturn-Tiefe des Weltgeschehens vollzieht sich der Übergang von der alten (Steinbock) zur neuen Einweihung (Krebs): das ist der Sinn des finsteren Saturn-Zeichens Steinbock im Lazarus-Geschehen des elften Johannes-Kapitels. In diesem finstern Saturnzeichen Steinbock, im Gegenzeichen des Krebses, berührt die johanneische Einweihung zuerst die alchimistischen Tiefen des Erdengeheimnisses an dem Punkte, wo das werdende Johannes-Bewußtsein im Mondenzeichen Krebs das Sternengeheimnis der Erden-Wandlung erfährt. S335

   Zu alledem wissen wir aus den früheren Darstellungen, wie die beiden Zeichen Steinbock  und Wassermann das spirituelle Geheimnis der Johannes-Wesenheit (der "Elias-Johannes-Wesenheit") in sich schließen: indem das Lazarus-Geschehen des elften Johannes-Kapitels durch diese beiden Zeichen des dunkeln Tierkreises durchgeht, verbindet sich zugleich das Lazarus-Geheimnis mit dem Johannes-Geheimnis: die Wesenheit des namenlosen Jüngers, die jetzt in der von Christus selbst geleiteten, ihrer Vollendung nahen Initiation durch die Lazarus-Grabes-Erlebnisse hindurchgeführt wird, nimmt hier die geistige Wesenheit des Johannes, mit der sie sich schon vorher immer mehr, zuletzt und am meisten in der Verklärung (Mark.9,4.5.,ME197) berührte nun vollends in die eigenen Wesenstiefen hinein auf.

   Die tiefsten Geheimnisse knüpfen sich dabei noch an das letzte der über diesem Kapitel stehenden Zeichen, an das Zeichen Wassermann. Wir kennen dieses Zeichen schon als dasjenige der Grabestiefen, wie der ätherischen Erlebnisse der Jordantaufe. Die Wassertaufe des Johannes, wie später die Grablegung des Johannes, zuletzt die Grablegung des Christus selbst fanden wir in diesem Zeichen. Aus dem Planetarischen wissen wir, daß dieses Zeichen Wassermann kein bloßes finsteres Saturnzeichen, wie der Steinbock ist, sondern ein Saturn-Uranus-Zeichen, in dem das Finstere der Erdentiefen sich schon nach dem Sternenhaften, dem Lichtätherischen der Uranus-Region hin aufhellt. Die Sternen-Ursprünge des noch ätherischen "Menschen der Urbeginne" fanden wir bei diesem Zeichen, das auch in der Vierheit der Evangelien als das "Zeichen des Menschen" den Hinweis auf das Matthäus-Evangelium enthält. So erleben wir bei diesem Zeichen Wassermann in einem ganz besondern Sinne auf der einen Seite das Mysterium des Grabes, der Grabestiefen, auf der andern Seite das Mysterium der Sternenwelten, das Uranus-Mysterium. Etwas vom Goetheschen "Still ruh'n oben die Sterne, unten die Gräber" spricht zu uns aus dem Geheimnis dieses Zeichens Wassermann.

   Und dieses Uranus-Zeichen Wassermann, das über dem Grabe von Bethanien steht, ist das untere Gegenzeichen S336 des Sonnen-Zeichens Löwe, das wir in der Dreiheit der Zeichen fanden, in denen, vom Gesichtspunkte der Bewußtseinserlebnisse gesehen, die Johannes-Einweihung sich vollendet. Wie der Skorpion mit dem Stier, der Schütze mit den Zwillingen, der Steinbock mit dem Krebs, hat der Wassermann mit dem Löwen den inneren Zusammenhang, den wir schon von dem Hochzeitswunder von Kana her kennen. Die nun als innere Sonne aufleuchtende Sternenwelt ("die Sternenwelt wird zerfließen zum goldenen Lebenswein") erkannten wir als das Geheimnis dieser Konstellation. Weil er dieses Geheimnis im Grabesschlummer von Bethanien, der zugleich ein höheres hellsichtiges Erwachen war, so tief erlebte, konnte der Christusjünger als der Inspirator des Johannes-Evangeliums das Wunder von Kana so tief und bedeutungsvoll vor uns hinstellen. In diesem Uranus-Zeichen Wassermann, das auch das Zeichen des Menschen ist, und dieser Konstellation Wassermann - Löwe, die auch diejenige des Wunders von Kana ist, berühren sich Sternengeheimnis und Erdengeheimnis aufs innigste, und es sind die Erlebnisse des Grabesschlummers von Bethanien, in denen diese Berührung von Sternengeheimnis und Erdengeheimnis sich unmittelbar vollzieht. Da leuchtet die Sonne, die im Löwen zu Hause ist, dem Christusjünger jetzt in Erdentiefen, da geht sie ihm im eigenen Herzen auf, da erlebt er in dieser zur inneren Sonne gewordenen Sternenwelt den Sinn des Mysteriums von Golgatha, den Sinn der Menschheit, den Sinn der Erde...

   Im Hindurchgehen durch den innersten Ich-Nullpunkt des Bewußtseins hat er dieses alles erlebt. Dieser Ich-Nullpunkt des Bewußtseins ist die "enge Pforte", durch die der "Weg des Lebens" führt (Matth.7,14), die "enge Pforte", von der auch bei der Darstellung der Johannes-Erlebnisse im Markus-Evangelium immer die Rede war (ME278ua). Diese "engste aller engen Pforten", die von innen gesehen die Pforte des Ich-Nullpunktes ist, durch den wir das Johannes-Bewußtsein hindurchgehen sehen, des Nullpunktes, wo alles Vergangene ausgelöscht wird und alle Zukunft beginnt, diese enge Pforte ist von außen gesehen die Grabes-Pforte, durch die Lazarus, der Sieche von Bethanien, jetzt hindurchgeht, von Christus, dem Initiator, hindurchgeführt wird. Es ist jener Durchgang durch die S337 enge Pforte, durch die Grabespforte, den wir in der Initiations-Dramatik des Markus-Evangeliums dargestellt fanden im Bilde der armen Witwe (Mark.12,41ff), die ihr letztes Scherflein in den Opferkasten wirft (Daß es nicht notwendig ist, um dieses den Vorgang in die Initiations-Dramatik hineinstellenden Bildcharakters willen die "Realität des äußeren Vorgangs" aufzugeben, wurde schon damals betont). 

   Wenn in dieser Art und in diesem Sinne die finstersten Erdentiefen vom Bewußtsein durchdrungen und durchleuchtet werden, wenn so, wie es im Lazarus-Geschehen der Fall ist, mit Bewußtsein die Tiefen des Erdengrabes durchlebt werden, so trägt das Grabes-Erleben selbst schon in sich den Keim der Auferstehung, die Bürgschaft der Auferstehung. Das Zeichen des Erdengrabes, das Saturn-Uranus-Zeichen Wassermann trägt in sich selbst das Geheimnis der Auferstehung des Lichtes, die dann im darauffolgenden Zeichen der Fische sich vollendet. So erleben wir dann im Schlusse des elften und im zwölften Johannes-Kapitels den vom Grabe Erstandenen in den Zwillingen, in demselben Zeichen, das sich später auch mit der Auferstehung des Christus, mit dem Auferstehungs-Morgen vor allem verbindet. Von besonderer Bedeutung ist dabei, daß die Zwillinge überall, und besonders auch im Johannes-Evangelium, das Zeichen der dienenden Liebe sind, der Liebe, die sich in einem neuen, hingebungsvollen, göttlichen Sinn mit dem Irdischen verbindet. Das wird sich in den Einzelheiten des zwölften Johannes-Kapitels noch deutlicher offenbaren. In der Konstellation Fische - Jungfrau begegnet sich der Rhythmus des Lazarus-Geschehens im Johannes-Evangelium mit dem der Initiations-Erlebnisse des werdenden Johannes-Bewußtseins im Markus-Evangelium, der im 14. Markus-Kapitel ebenfalls auf dieser Konstellation (Jungfrau - Fische) hinführt (ME288ff). Wir beachten, wie der eine Rhythmus auf den andern hingeordnet ist. Im Markus-Evangelium erleben wir gleichsam die Himmels-Seite des Geschehens in den lichten, oberen Zeichen, die auf die Erlebnisse des Johannes-Bewußtseins hinweisen; im Johannes-Evangelium im Grab von Bethanien die Erden-Seite des Geschehens, das S338 Lazarus-Geschehen in den jeweils gegenüberliegenden unteren, dunklen Tierkreiszeichen, in denselben Zeichen, die auch diejenigen des Mysteriums von Golgatha sind.

***

   Es handelt sich bei dieser Übereinstimmung der rhythmischen Zeichen des Lazarus-Mysteriums mit denjenigen des Mysteriums von Golgatha nicht nur darum, daß Lazarus-Johannes in seiner Einweihung das ganze Mysterium von Golgatha, das ganze Christus-Martyrium an sich und in sich wie antiziperend miterlebt, so daß ihn dieses Erlebnis dann auch in den Stand setzt, dasjenige durchzumachen, was er bald darauf "unter dem Kreuze stehend" durchlebt, sondern es kommt dabei ein noch anderer, ein noch tieferer Gesichtspunkt in Frage, ein Gesichtspunkt, der sich erst dann ergibt, wenn wir auf das Ganze nicht nur als ein Lazarus-Erleben und ein Lazarus-Erleiden, sondern als eine Christus-Tat hinschauen. Da erst wird die enge Beziehung des Lazarus-Geschehens zum Mysterium von Golgatha voll offenbar.

   Wir erinnern uns aus der Darstellung des Markus-Evangeliums (ME192ff), wie das Sterben des Christus, sein Hineinsterben und Sich-Hineinopfern in die Erde nicht erst auf Golgatha, sondern wie es schon in der Verklärung beginnt, wie es dort sogar schon einen gewissen Höhepunkt erreicht. Auch die rhythmischen Zeichen des Verklärungs-Vorgangs (Schütze - Steinbock - Wassermann - Fische) sprechen deutlich von diesem Zusammenhang mit dem Todesgeschehen von Golgatha. Den Sinn dieses Todesgeschehens, der den andern dunkel bleibt, nimmt das Johannes-Bewußtsein in sich auf. Von da aus wird auch das Mysterium von Gethsemane verständlich, das uns den Christus bereits als einen in voller Agonie Ringenden zeigt (ME299ff).

   Aber auch das an Geheimnissen so reiche Geschehnis der Lazarus-Erweckung liegt nach der Verklärung. Auch diese Tat hat der Christus als ein bereits Hinsterbender, sterbend in die Erde sich Hineinopfernder vollbracht. Es ist im Grunde S339 gar nicht so, daß das Mysterium von Golgatha dem Mysterium von Bethanien nur auf dem Fuße folgt, sondern das Mysterium von Bethanien steht eigentlich zeitlich und räumlich und geistig selbst schon ganz innerhalb des Mysteriums von Golgatha. Und gerade dieser - auch durch die Tierkreiszeichen geoffenbarte - Zusammenhang mit dem Todesgeschehen des Christus gibt die allertiefsten Aufschlüsse über die Rätsel und Geheimnisse des Vorgangs, der in dem Grabe und über dem Grabe von Bethanien sich vollzieht. Wir suchen, dieses im folgenden noch deutlicher vor uns hinzustellen.

   Von solchen, die sich nicht nur an den rein äußeren Wortlaut des Evangeliums, sondern an die Mitteilungen des Geistesforschers halten, kann man öfter hören, wie sie die Lazarusgeschehnisse des 11. Johannes-Kapitels gar nicht als eigentliche Todes-Erlebnisse nehmen, wie sie sagen: es war ja "bloß" eine Einweihung. Solchen Äußerungen und Auffassungen - die mit dem, was Rudolf Steiner selber uns vermitteln wollte, nichts zu tun haben, von einem eigentlichen Verständnis der "Mitteilungen des Geistesforschers noch recht weit entfernt sind - liegen doch gewisse Mißverständnisse sowohl hinsichtlich des Wesens der Einweihung überhaupt, wie der besonderen im 11. Johannes-Kapitel erzählten Vorgänge (vgl. besonders V.14) zugrunde. Zunächst ist es ein Irrtum, anzunehmen, als seien Einweihungsvorgänge der vorchristlichen Zeit - und im Falle des Lazarus bedient sich der Christus Jesus, darauf hat Steiner ausdrücklich hingewiesen, noch gewisser Formen der vorchristlichen Mysterien - etwas so einfach Harmloses gewesen. Es war vielmehr schon im alten Ägypten ein ganz gewöhnlicher Fall, daß die Einweihungs-Prozedur einen tödlichen Ausgang nahm, daß der Einzuweihende den Gefahren der Einweihung erlag. Von anderen "Gefahren der Einweihung" abgesehen, die schon in der "Vorbereitung" den Tod des Schülers der Einweihung zur Folge haben konnten, war die Prozedur des Herausziehens des ätherischen Leibes, um so den Totenschlaf, die Todes-Katalepsie in dem Einzuweihenden herbeizuführen (jenen Zustand, in dem dann die höheren Geisterlebnisse dem gelösten oder gelockerten Ätherleib sich einprägen sollten) eine äußerst kritische und S340 gefährliche, eine wirklich hart an den Rand des Todes führende (Man kann nicht sagen "an den Rand des Grabes", denn das Grab war ja in seiner vollen wirklichen Realität in jenem Vorgang schon vorhanden). Und die Gefahr wurde - auch darauf hat Rudolf Steiner hingewiesen - im Lauf der Menschheitsentwicklung, je fester sich der Ätherleib in das Physische des Menschen hineinpreßte, gegen die Zeit des Mysteriums von Golgatha hin eine immer größere. Immer weniger hatte die sich immer mehr verhärtende und vermaterialisierende menschliche Physis die Kraft, den Gefahren einer solchen Prozedur standzuhalten. Von allen andern Mitgliedern des Zwölferkreises, die der Christus ursprünglich wohl alle (vielleicht alle bis auf einen) zur Initiation führen wollte, hätte keiner die Kraft dazu gehabt. Für sie alle wäre die Lazarus-Prozedur der sichere, endgültige Tod gewesen. Was über der Jünger "Versagen in der Initiation" früher hingestellt wurde - dieses Versagen lag immer im Todeszeichen Skorpion, in dem für Lazarus der Anfang seiner Einweihungs-Erlebnissse liegt -, es hat durchaus auch diese ernste physische Kehrseite. Nur ein in ganz anderem Maße vom Ich aus umgearbeiteter, durchläuterter und durchfeuerter physischer Leib vermag der Christus-Initiation, vollends der noch an die alten Prozeduren sich anlehnenden Lazarus-Initiation, standzuhalten. Und wir begreifen, wie kritisch auch der Fall des einen Jüngers war, der dann, durch jene Prozeduren hindurchgehend, schließlich der Christusjünger wurde. Wir nehmen alles bis ins Physische hinein so ernst wie möglich, wenn wir von den kritischen Gefahren und Anfechtungen hören, die auch er in seiner Einweihung noch zu bestehen hatte (ME221ff). Wir ahnen, mit welcher hingebungsvollen und zugleich bangen Sorgfalt der Christus Jesus um das Werden des Einen sich bemühte, an dessen Initiation nach dem Versagen der andern das Heil und die Zukunft der ganzen Entwicklung von Menschheit und Erde lag, und verstehen dann noch tiefer und besser das Mysterium von Gethsemane, wo der Eine, mit solcher selbsthinopfernden Sorgfalt von Christus zur Initiation Geführte dem Christus um der Menschheit willen den geleisteten Dienst zurückgibt (ME307ff). 

   Aber noch ahnen wir vielleicht immer nicht, bis zu welchem Grade der Selbsthinopferung die von Christus auf die "Erweckung des Lazarus" gewendete hingebungsvolle Mühe ging. Wir erinnern un an dieser Stelle noch einmal daran, wie ja schon in der Verklärung auf dem Berge der Christus ein Sterbender, ein in die Erde Hineinsterbender, in die Erde sich Hineinopfernder war. Immer höhere Grade erreicht dieses Hinsterben, bis wir den Christus in Gethsemane als einen schon in voller Agonie Ringenden vor uns sehen, der allein auf die Kraft des hinsiechenden Erdenleibes gestellt, sich nicht mehr bis zur Stunde von Golgatha im physischen Leben hätte erhalten können.

   In diese Sterbens-Vorgänge bei Christus selbst fällt die "Erweckung des Lazarus" mitten hinein. Und jetzt ahnen wir schon deutlicher, daß es mehr als ein nur zeitlicher Zusammenhang war, daß auch ein geistiger, ja ein räumlicher, ein bis ins Erdenstoffliche hinein gehender Zusammenhang dabei waltete. Und wir wagen es auszusprechen: gerade durch dieses Sterben, dieses Sterbend-sich-in-die-Erde-Hineinopfern hat Christus neben allem andern, was dieses Sterben sonst noch bewirkte, auch die Erweckung des Lazarus ermöglicht. Nur dadurch, daß er mit den Sonnenstrahlen seiner Liebe, in die Erde hineinsterbend, die finstere Erdenstofflichkeit durchleuchtete - und der Menschenleib, vor dessen Mysterium wir hier stehen, ist eine integrierender Teil der "Erde" -, nur dadurch hat der Christus dem Grabe der Erde, in dem Lazarus im Todesschlummer verschlossen lag, das Leben der Auferstehung entrungen. Und kein anderer Initiator als der Christus Jesus hätte auch in diesem Falle den Toten, den im Grabesschlummer Verschlossenen wieder zum Leben erwecken können.

   Über jene von gewisser Seite (trotz Joh.11,14) oft so leicht hingestellte Aussage 'es sei ja bei Lazarus gar kein Tode, es sei ja "bloß eine Einweihung" gewesen', sind wir jetzt doch etwas nachdenklicher geworden. Zur Entscheidung der Frage, ob es nun ganz wirklich und restlos ein "physischer Tod" oder nur eine bis an die äußerste Todesgrenze, bis hart an den wirklichen S342 Tod hingekommene Todes-Katalepsie war, halten wir uns nicht für zuständig. Sicher ist nur das eine, daß hier im elften Johannes-Kapitel ein in der ganzen Erden- und Menschheitsgeschichte einmaliger Vorgang erzählt wird, ein Vorgang, der ebenso einmalig ist, wie der Erdenwandel des Christus selbst, daß niemals vorher und niemals nachher in dieser einzigartigen Weise ein irdisch-physischer Menschenleib dem Erdengrabe und den Kräften der Verwesung, von denen er schon ergriffen war, wiederum entrissen wurde, und daß kein anderer Initiator irgendwelcher vorchristlicher oder christlicher Mysterien als nur derjenige, in dem die Gottheit selbst Leib angenommen hatte, zum Wirken einer solchen Einweihungs-Tat imstande gewesen wäre.

   In diesem Hereinkommen der Verwesungskräfte scheint uns das eigentliche Lazarus-Geheimnis des 11. Johannes-Kapitels enthalten zu sein. Gerade in diesem Punkte spricht ja das Evangelium so eigenartig charakteristisch (Joh. 11,39). In der allereigenartigsten Weise liegen über dem elften Johannes-Kapitel jene (schon im neunten Kapitel, bei der Blindenheilung, berührten) Mysterien der Verwesung, für die in der neueren Literatur - in einer älteren alchimistischen Literatur waren sie wohlbekannt - vor allem der Russe Dostojewski einen Spürsinn hatte. Man vergleiche das in dem Kapitel über die "Hochzeit von Kana" darüber Enthaltene. Gerade auf diesem Gebiet berühren sich in der eigenartigsten Weise die Mysterien des Todes und die der neuen Geburt (materia prima und materia ultima der Alchimisten).

   Rein theoretisch wäre es natürlich auch hier wiederum möglich, zu sagen, es sei ja Joh.11,39 gar nicht von einer objektiven Tatsache, sondern nur von einer subjektiven Meinung die Rede, die Martha sich irrtümlich gebildet hatte, und nun als Vorwand oder eben als Begründung nahm, um das Öffnen des Grabes, das Hinwegheben des Steines zu verhindern. Aber nur zu deutlich empfinden wir, daß so die Sache im Evangelium nicht gemeint ist, daß vielmehr der Verwesungsgeruch objektiv vorhanden, ja ein so starker geworden war, daß er auch durch das S343 geschlossene Grab hindurchdrang. Nichts anderes meint das Johannes-Evangelium, als daß wirklich den Kräften der Verwesung, die ihn schon ergriffen hatten, der physische Leib des Lazarus durch den Christus Jesus, durch das Wort des Christus Jesus (V.43) wiederum entrungen wurde. Auch hier ist noch einmal an das schon bei der "Blindenheilung" (Joh.9) Erwähnte zu erinnern, was Rudolf Steiner in dem ersten der beiden Zyklen über das Johannes-Evangelium (GA103) über das "Atmen von Totenluft" als Einweihungs-Prozedur im Zusammenhang mit dem Geheimnis der Blindenheilung angeführt hat. Das schon früher Ausgesprochene, daß zwischen jenem Kapitel der Blindenheilung (Joh.9) und demjenigen der Lazarus-Erweckung (Joh.11) ein intimer, auf die Johannes-Mysterien hindeutender Zusammenhang walte, wird nun immer deutlicher. Und selbst gewisse Anlehnungen im äußern Wortlaut werden aus dieser inneren Beziehung verständlich, so vor allem, wenn, ähnlich wie Joh. 9,3 von der Blindheit des Blindgeborenen, so 11,4 auch vom Siechtum des Lazarus Christus sagt, daß es zur Offenbarung des Göttlichen sei: "daß der Sohn Gottes (das im Ich sich erlebende Göttliche) dadurch geoffenbart werde", Luther mißverständlich: "geehrt werde").

   Und wir können nach allem in der Darstellung schon Ausgeführten sagen, daß diese in der "Erweckung des Lazarus" ihren Ausdruck findende göttliche Ich-Offenbarung, als das siebente und letzte der "sieben Zeichen" des Christus im Johannes-Evangelium auch die höchste Stufe aller bis dahin gewirkten Offenbarungen der "Magie des Ich", der göttlichen Liebe im Ich in sich schließt (vgl. Teil A cap.6). Wir wissen aus allem Früheren, daß diese "Magie des Ich" nicht einfach nur von außen wirken kann, daß eine solche einseitige Wirkung von außen dem göttlichen Wesen des Ich widersprechen, dieses Wesen des Ich selbst annullieren würde. Nur von Ich zu Ich geht diejenige Wirkung, die vor Christus bestehen, vor Christus sich halten kann. Warum war diese Offenbarung des göttlichen Ich, diese Offenbarung des göttlichen Liebe nur bei Lazarus-Johannes, warum war sie nicht bei den anderen Jüngern möglich? S344 Die Anwort liegt schon in dem unmittelbar zuvor Ausgesprochenen. Im einzelnen ist noch folgendes zu sagen.

   Das ganze Rätsel, das ganze Geheimnis der Lazarus-Erweckung liegt im Grunde ausgesprochen in dem schon in den Eingangsversen (V.3+5) des Kapitels ausgesprochenen Wort vom Jünger, "den der Herr liebhat", V.3: "siehe, den Du liebhast, der liegt krank", V.5: "Jesus aber hatte Martha lieb, und ihre Schwester, und den Lazarus". Das ost in der Darstellung berührte Geheimnis, wie im ganzen Seelenwesen, in der ganzen Liebe der beiden Lazarus-Schwestern Maria und Martha ein innerstes Geheimnis der Johannes-Wesenheit offenbar wir, tritt hier vor allem zutage. Es begegnete uns diese Liebe zuerst im 7. Lukas-Kapitel bei der dort noch namenlosen Sünderin und "Ehebrecherin", die dem Christus Jesus mit kostbarer Salbe die Füße salbt, sie mit ihren Tränen benetzt und mit den Haaren ihres Hauptes trocknet. Später (Joh.12,Mark.14) vollzieht sich ein ähnlicher Vorgang in unmittelbarer zeitlicher Nähe des Mysteriums von Golgatha, da ist die Frau nicht mehr die "Sünderin", da vollzieht sie wie eine Priesterin eine sakramentale Handlung an Christus vor dem großen Todesgang, da ist sie nicht mehr die "Namenlose", da trägt sie - ausdrücklich nur im Johannes-Evangelium - schon den Marien-Namen (Maria von Magdala). Zwischen beiden Vorgängen liegt im Johannes-Evangelium jene bedeutsame Episode des 8. Kapitels, wo Christus die von den Juden verdammte "Ehebrecherin" zu sich und zu dem Lichte einer höheren Jungfräulichkeit emporhebt (siehe cap.II "die Krisis"). Wir brauchen (so wurde schon früher gesagt) jene Frau nicht mit Maria Magdalena zu identifizieren, wollen sie gar nicht mir ihr identifizieren, und können doch in dem ganzen Vorgang ein Bild für dasjenige finden, was sich auch im Seelischen der Maria Magdalena einmal als eine innere Wandlung vollzogen hat. In dieser Wandlung empfängt die (im höheren Sinne) "Namenlose" den Marien-Namen, da wird - wie dies gerade in den Bildern des 8. Johannes-Kapitels so tief bedeutsam zum Ausdruck kommt - ihre Schuld im "Schicksalsbuche" von Christus gelöscht, so daß dann im andern Buche, im "Buche des Lebens" ihr ewiger Name, ihr S345 Marien-Name wiederum aufleuchten kann. Und wir suchten schon früher zu verstehen, wie in dieser inneren Wandlung, in diesem Maria-Werden der Schwesterseele zugleich ein Bild für das Johannes-Werden des namenlosen Jüngers, den wir im 11. Johannes-Kapitel als den Siechen, den Lazarus erleben, gefunden werden kann. Der gerade durch seine ganze Mysterien-Vergangenheit mit dem Kains-Fluch der Menschheit Verbundene (ME280ff) wird da von diesem Kains-Fluch erlöst, im Sterben des Lazarus vollzieht sich das Werden, die Auferstehung des Johannes, über dem Grabe von Bethanien versöhnen sich in der Magie des Christus-Wortes Abel und Kain (schon ausgesprochen und näher begründet ME231f) wurde gezeigt, inwiefern auch die Erweckung der Jairus-Tochter (Mark.5) sich in diese Zusammenhänge hineinstellt, inwiefern alle drei Totenerweckungen des Evangeliums (Luk.7,Mark.5,Joh.11) eine Hindeutung auf die johanneischen Geheimnisse, auf das Johannes-Mysterium enthalten.

   Schauen wir im Lichte aller dieser Zusammenhänge auf den Eingang des elften Johannes-Kapitels (V.3+5) zurück, so erkennen wir um so mehr, wie darin ein Mysterium der Liebe sich offenbart, in dem wir die tiefere Erklärung für dasjenige finden, was dem Christus Jesus die Erweckungstat von Bethanien ermöglichte. Diese Erweckungstat war nur möglich aus jener tiefen Liebe heraus, der die ganze Sphäre des Christus Jesus mit derjenigen des Jüngers, den er liebte, verband, jene Sphäre der Liebe, in die die beiden Schwestern als die eigentlichen Trägerinnen des seelischen Elements voll mit einbezogen waren, daß ihre dienende Liebe wie ein äußeres Abbild alles dessen erscheint, was der Jünger selbst seinem Herrn und Meister entgegenbrachte. Nicht umsonst weist gerade der Eingang des 11. Johannes-Kapitels (V.2) darauf hin, wie die eine der beiden Schwestern diejenige war, die einst den Herrn gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte. Es erscheint richtiger, dieses auf Luk.7, als antizipierend auf Joh.12 zu beziehen, doch weist S346 ja beides in die gleiche Richtung: ein Mysterium liegt darin, wie gerade diese aus der Tiefe des Menschheits-Falles (vgl. auch Joh.8), des Kainsfluches der Menschheit emporblühende Liebe zuz jener vollkommenen, restlosen Selbsthingabe werden konnte, die dann wie ein heiliges Kelchgefäß fähig war, die weckende Liebe des Christus in sich aufzunehmen. In dieser, auch in der Schwersterseele und an der Schwesterseele sich offenbarenden Liebe konnte das Johannes-Ich wie ein heiliges Kelchgefäß dem Christus-Ich, der weckenden Christusliebe sich aufschließen. Nur wo diese das Ich dem Ich voll aufschließende Liebe waltet, kann die Liebe des Christus als eine auch die Grabestiefen noch durchstrahlende und erhellende weckende Liebe sich offenbaren. Da schauen wir dann tief in das Mysterium des 11. Johannes-Kapitels, das beschlossen ist in dem Worte: "Ich bin die Auferstehung und das Leben", d.h. im Ich, in der göttlichen Magie des Ich offenbart sich die todüberwindende, lebenweckende Liebe, das Ich trägt selbst die Kraft in sich, aus der Verwesung heraus den unverweslichen Auferstehungsleib aufzubauen. In diesem Sinne wird Martha, die die Hilfe für ihren Bruder noch von irgend einem äußeren Eingreifen göttlicher Mächte erwartet (V.24), von Christus auf diese Vollmacht des Ich hingewiesen: "Ich bin (das Ich ist) die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt (sein Ich hingibt an das Ich), der wird leben, auch wenn er stürbe. Und als ein Lebender und dem Ich Vertrauender (seine Herzenssicherheit in das Ich Versenkender) wird er den Tode überwinden, und teilhaben am Leben der Zeitenzukunft."

   Was in jener tiefen- hingebungsvollen Liebe zwischen dem Jünger und dem Meister von Ich zu Ich ging, was am ganzen Gebahren der Maria Magdalena nach außen hin offenbar wurde, das war es, was dem Christus Jesus die Erweckungstat von Bethanien ermöglichte. Als ein in die Erde Hineinsterbender, sterbend in die Erde sich Hineinopfernder wirkte er diese Erweckungstat, vermochte er, ähnlich wie er schon bei der Blindenheilung die finstere Erdenstofflichkeit mit der Wesenheit des Weltenlichtes durchdrang (Joh.9,6), mit den Strahlen seiner göttlichen Liebe wie mit der Tinktur des Lichtes die Finsternis S347 des Erdengrabes zu durchdringen. Die schon beginnenden Lichtvorgänge der Verwesung werden durchdrungen von den göttlichen Liebesstrahlen des Weltenlichtes im Christus-Ich. Indem der Christus selbst die eigene Leibeshülle sterbend in dieses Erdengrab hineinopfert, vermochte er die Hülle des Freundes diesem Erdengrabe und seinen Verwesungskräften zu entreißen. Selbst sterbend offenbart der Christus das Geheimnis der todüberwindenden, lebenweckenden Liebe, die höchste Magie des Ich. Dem Sterben des Christus ist die Erweckung des Lazarus abgerungen. Das ist es, wovon auch die Himmelsschrift, die Sprache der Tierkreiszeichen kündet, wenn in ihr die über dem Lazarusgeschehen des 11. Johannes-Kapitels stehenden Himmelszeichen überstimmen mit denen der Ereignisse von Golgatha

***

   So steht ein Geheimnis der Liebe auch über dem Grabe von Bethanien, über der Erweckung des Lazarus. Aber diese Liebe, aus der heraus der Christus spricht: "Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe" (Joh.10,12) und "Niemand hat größere Liebe, denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde" (Joh.15,13), hatte er sie nicht für alle seine Jünger, für alle Menschen und Wesen überhaupt? Spricht er das zweite der angeführten Worte nicht zum ganzen Jüngerkreis, fügt er nicht gleich hinzu: "Ihr seid meine Freunde..."? Wohl enthalten - wie die spätere Betrachtung noch deutlicher zeigen wird - diese Abschiedsreden des Christus in den "Jünger-Kapiteln" (13-17) die leuchtendste aller Offenbarungen einer sich selbst hinopfernden göttlichen Liebe, wohl spricht eine starke menschliche Liebe auch aus der Trauer der Jünger, aus der begeisterungsvollen Hingabe, den glühenden Bekenntnissen des Petrus. Aber neben aller dieser Liebe und Hingabe steht die tragische Wendung von Gethsemane, der Verrat des Judas, die Verleugnung des Petrus, die Jüngerflucht. Allzu menschlich, mit der Schwäche des im Leibe lebenden Menschlichen behaftet war noch diese Liebe der Jünger, noch war sie nicht S348 stark genug, der göttlichen Liebe das menschliche Gefäß darzubieten. Ob sie schon aus der Kains-Tiefe des Menschheits-Falles erblühte - diejenige Liebe, auf die Joh. 11,2 den Hinweis enthält, war doch noch eine andere, sie barg ein Kelch-Geheimnis in sich, in dem auch das Geheimnis der Lazarus-Erweckung beschlossen liegt. Man hat die Liebe und das Liebesopfer des Christus nur halb verstanden, wenn man nicht sieht, wie diese Liebe, wenn sie das Höchste im Menschenwesen wirken soll, aus den innersten Tiefen des Ich heraus und in der Freiheit des Ich ergriffen sein will, wie alles, was im höchsten Sinne des Wortes Christuswirkung ist, im Bewußtsein des Menschen, im Ich errungen werden muß. Das war der tiefere Grund, das war die Ursache, warum die Liebe des Christus, so sehr er sie für alle hatte, doch nur dem Lazarus gegenüber eine weckende Liebe, eine die Grabesfesseln sprengende, eine unmittelbare todüberwindende Liebe sein konnte. Die lebenweckende, die bewußtseinweckende Liebe offenbart sich in der Erweckung des Lazarus.

   Aber auch in dieser Richtung enthält, neben dem eigentlichen Johannes-Geheimnis, das elfte Kapitel noch ein bedeutsames Mysterium. Wohl vermochte keiner der anderen Jünger dem Christus dasjenige im Bewußtsein entgegenzubringen, daß er, wie Lazarus, die Liebe des Christus als eine weckende Liebe unmittelbar hätte empfangen können. Keiner hätte wie Lazarus die Kraft gehabt, sterbend im Grabe zu leben, in liebendem Hinsterben die lebenweckende Liebe des Christus zu erfahren, an der Hand des höchsten Seelenführers die Grabespforte selber zu durchschreiten. Aber wozu es den andern noch an der inneren Kraft, an der Bewußtseinsstärke, am Ich gebrach, das lebte doch bei einem von ihnen in der Sehnsucht, und dieser eine war Thomas. Neben dem Mysterium des Todes und der Liebe enthält das 11. Johannes-Kapitel noch ein Mysterium der Sehnsucht. Und es spricht dieses Mysterium der Sehnsucht aus den Worten des Thomas: "Laßt uns mitziehen, daß wir mit ihm (mit Lazarus) sterben" (V.16). Was er noch nicht unmittelbar mitzuerleben S349 die Kraft hat, das lebt er doch mit in seiner Sehnsucht. Darum ist Thomas auch der erste, der nach der Auferstehung des Christus zu einer Art von Einweihungs-Erlebnis kommt. Er ahnt von allen am tiefsten das Geheimnis des "Jüngers, den der Herr liebhat", ist derjenige, der mit den stärksten Kräften der Sehnsucht zu jener Liebe, wie sie waltet zwischen dem Christus und dem "Jünger, den er liebhat" sich emporahnend, an dieser Liebe in seinem Innern Anteil nimmt, der das ganze Mysterium des Todes und der Auferweckung über dem Grabe von Bethanien am tiefsten miterlebt. Die ihm noch nicht unmittelbar erreichbare Einweihung lebt in seiner Sehnsucht. Es gibt im Menschenleben ein lähmendes Sehnen, das wir lernen immer mehr zu überwinden, wenn die Kraft des Christus im Herzen stärker wird. Aber es gibt noch eine andere, eine von Christus selbst erweckte und inspirierte Sehnsucht, die unsere Flügel wachsen läßt zu allem hin, was höchste Ziele der Menschwerdung sind. Diese Sehnsucht trägt in sich die Kraft, zur großen Liebe zui werden. Vom heiligen Geiste empfangen ist eine solche Sehnsucht. Wie Johannes der Jünger der Liebe, war Thomas in diesem Sinne der Jünger der Sehnsucht. Nicht nur als auf den "Zweifler", sondern als auf den Jünger der großen Sehnsucht sollten wir auf ihn hinschauen. Erkennen mögen wir, wie gerade für unser heutiges Zeitalter in dieser Thomas-Sehnsucht die Kraft liegt, dem johanneischen Zeitalter der Liebe als einem Zeitalter der Menschheitszukunft, in der der Tod in seiner heutigen Form überwunden sein wird, innerlich entgegenzureifen.

***

   Die Verklärungskräfte, die sich aus dem Hinsterben des Christus heraus dem Wesen der Jünger mitteilen, nennt das Johannes-Evangelium selbst die des heiligen Geistes. Das wird vor allem deutlich aus den beiden Stellen Joh.7,39 und Joh.12,16. Der Sinn des Verklärungs-Vorgangs selbst (Mark.9), der zugleich ein Vorgang des Sterbens, ein Beginn des Sterbens war, wird daraus deutlich. Ebenso die leuchtende S350 Liebesoffenbarung in den Abschiedsreden des Christus, die Jünger-Erlebnisse des Auferstandenen, das Pfingstereignis selbst. Nur durch das Sterben des Christus waren diese Offenbarungen des heiligen Geistes möglich. Und es lebt diese ganze aus dem Sterben des Christus erfließende Offenbarung des heiligen Geistes schon in jener wunderbaren Zartheit un Innigkeit der Sprache, deren erste Anfänge wir im zehnten Johannes-Kapitel bemerkten. Darum auch dort (V.12,15,17,18) zuerst die vielen Hinweise auf das Sterben des Christus.

   Und wir finden dann diese Zartheit und Innigkeit der Sprache auch im elften Johannes-Kapitel, schon vor der Begegnung mit den beiden Schwestern im Gespräch des Christus mit den Jüngern, besonders ergreifend in der Stelle: "Lazarus, unser Freund, schläft, aber ich gehe hin, daß ich ihn aus dem Schlafe erwecke". Aus dem Sterben des Christus, aus dem, was als der heilige Geist im Sterben des Christus sich nun immer mehr offenbart, sehen wir diese Zartheit erblühen.

   So spricht schon die ganze Sprache des elften Johannes-Kapitels davon, wie der Christus, indem er die Auferweckung des Lazarus wirkte, selber ein Sterbender war, wie in seinem eigenen Sterben die Kraft jener Auferweckung lag. Mit den Leuchtekräften des eigenen Hinsterbens durchdrang der Christus die Finsternis der in sich ersterbenden Erde. Die leibliche Hülle des Lazarus, sie war gleichsam das erste Stück Erde, das also von den belebenden Leuchtekräften des Christus durchdrungen wurde. Und die Tat von Golgatha setzt nur fort, was über dem Grabe von Bethanien, in der Tat von Bethanien seinen Anfang nahm.

   Wie sehr die Tat von Bethanien schon ein Hineinsterben des Christus in alles Irdische und Irdisch-Menschliche war, zeigt sich vor allem an der Art, wie er an der Trauer der Menschen (Diese Trauer -V.19,21,31,33,36) zeigt wohl am allerdeutlichsten, daß alle am Ereignis Beteiligten dasselbe als ernsten, wirklichen Todesfall nahmen, daß alle mit dem tödlichen Ausgang der von Christus eingeleiteten Einweihungsprozedur als mit einer sicheren Tatsache rechneten, daß keiner sich damit tröstete, daß er sich sagte, "es ist ja bloß eine Einweihung".) S351 Anteil nimmt, wie ihn selbst diese Trauer übermannt. Auch das Weinen des Christus über den Geschehnissen von Bethanien (V.35, von Luther schön übersetzt "Und Jesu gingen die Augen über") gehört zu den Mysterien des elften Johannes-Kapitels. "Wie kann Christus, der Lebendige, Christus der Todbesieger über den Tod weinen?" möchte man hier fragen. Wußte er nicht, daß er den Jünger, den er liebte, den Grabesfesseln eintreißen würde, sprach er nicht eben (V.4) selbst davon, daß die Krankheit nicht zum Tode wäre, sondern zur "Offenbarung des Sohnes", des Göttlichen im Ich? Warum dann das Weinen über den Tod (wenn es wirklich ein physischer Tod war, was sich hier vollzogen hat)? Aber nicht über den Tod weint hier der Christus, sondern darüber, wie die Menschen den Tod erleben. Hineinsterbend in die Erdenfinsternis und Menschheitsfinsternis lernte Christus, lernte der Gott, der aus den Reichen des Lebens, wo man den Tod nicht kennt, herniederstieg, erst jetzt kennen, was für die Menschen der Tod bedeutet, erfuhr er erstjetzt die ganze hoffnungslose Trauer, wie sie sich für das Menschenwesen mit dem Tode, mit dem Hingang eines geliebten Menschen verbindet. Auch dieses Todeserleben der Menschen nahm der in das Irdisch-Menschliche sich hineinopfernde Christus jetzt auf sich: den Tod im Herzen der Menschen, der sie so fassungslos vor dem Mysterium des Todes stehen läßt, erlebte er da. Und so tief war er schon mit allem Menschlichen verbunden, daß ihn auch die im Menschenwesen lebende Todestrauer ganz unmittelbar überkam...

   Da kann es uns dann wunderbar tief anmuten, wenn im weitern Fortgang des Evangelienberichts vom Steine die Rede ist, der vom Grabe abgehoben werden soll, wenn sich Schwierigkeiten und Bedenken dem entgegenstellen (V.39), bis zuletzt das machtvolle Wort des Christus doch den Stein hinwegheben läßt. Das Motiv des Steines, das uns schon im 8. Johannes-Kapitel so bedeutungsvoll begegnete - auch an Mark. 16,3 ist zu erinnern - tritt uns auch hier wieder vor die Seele, auch S352 hier wieder mit der deutlichen Empfindung, wie der äußere Stein ein Bild für den Stein, der auf den Herzen der Menschen liegt. Aber die Kraft des Christus, das Licht des Christus, das Wort des Christus nimmt den Stein vom Herzen der Menschen: "es öffnet sich der Seele Grab" (Die Worte finden sich in den Oster-Strophen der Menschen-Weihe-Handlung). In dem Worte des Christus, der mit gewaltiger Stimme dem Verstorbenen ruft (V.43), lebt die Liebe, die den Tod überwindet, die Fesseln des Grabes sprengt. In dieser lebenweckenden Liebe offenbart sich die höchste Magie des Ich.

   Und Christus wirkt die Tat von Bethanien aus der Vollmacht und Fülle des Welten-Ich im Welten-Lichte, in dem die zwölf heiligen Himmelskräfte wirksam sind. Auf diesen Himmels-Rhythmus, und nicht auf irgend eine irdische Zeitangabe, beziehen wir den Hinweis auf die "zwölf Tagesstunden" im 9. Vers. Jede Tat, die er wirkt, jeden Schritt, den er tut - darauf hat Rudolf Steiner in der Schrift "Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit" (GA15S57) bedeutungsvoll hingewiesen - vollbringt der Christus unter dem Einfluß des ganzen Kosmos, dem Hereinwirken aller kosmischen Kräfte, aus allen zwölf heiligen Himmelskräften. Und das Sternen-Geheimnis der zwölf heiligen Himmelskräfte wird in der Tat von Bethanien Erdengeheimnis.

______________________