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Kapitel B VII

Auferstehung

(Joh. 20 und 21)

Fische - Jungfrau


S412   Das zarte Erlebnis des Auferstehungs-Morgens im Anfang des 20. Johannes-Kapitels hat ein Gegenbild in der Art, wie derjenige Geist der neueren Zeit, der am tiefsten in seiner ganzen Wesenheit vom Geiste und der Substanz des Johanneischen berührt war, wie der Dichter Novalis dieses Erlebnis nacherlebt, wie ein Hauch des Erlebnisses der Auferstehung und der Begegnung mit dem Auferstandenen über sein Leben und seine Dichtung sich ausbreitet.

   Wir wissen, wie er einem fast noch im Kindesalter stehenden jungen Mädchen, Sophie von Kühn, im Herzen tief verbunden war, und wie ihn nach kaum halbjähriger Bekanntschaft der Tod des nur eben an der Schwelle der Weiblichkeit stehenden Kindes aus allen Träumen irdischen Glückes jäh herausriß. Wir entnehmen einige Äußerungen seinen Briefen, die von dem Eindruck des Ereignisses auf die jugendliche Dichterseele beredtes Zeugnis geben: "Seit dem 19. März ist das Mädchen, an dem ich mit ganzer Seele hing, seit dem 19. März ist meine Sophie tot. Nicht leicht lebte jemand sicherer der frohesten Zukunft entgegen. Sie war die Seele meines Lebens. Nicht leicht sieht jemand jetzt eine ödere Aussicht vor sich. Meine Wünsche und Bedürfnisse waren, wie die ihrigen, so beschränkt, - und auch diese Schranken fand das Schicksal noch zu groß und verbannte mich und sie auf den Raum, den ein Grab S413 einnimmt... Sie umgibt mich unaufhörlich - alles, was ich noch tue, tue ich in ihrem Namen. Sie war der Anfang, sie wird das Ende meines Lebens sein. Ihre Leiden sind mir Wunden, die nur die balsamische Luft einer besseren Welt heilen wird. Es ist ein unaussprechliches Gefühl, einen Engel wie sie, eine Geliebte wie sie, in so schrecklichen Kämpfen gewußt zu haben." An Schlegel schreibt er, wie klar ihm geworden sei "welch himmlischer Zufall ihr Tod gewesen ist - ein Schlüssel zu allem... Meine Liebe ist zur Flamme geworden, die alles Irdische nachgerade verzehrt", an Caroline Just (fünf Tage nach Sophiens Tod): "Ihre Leiden werd' ich ewig nicht verwinden. Die Martern dieser himmlischen Seele bleiben ein Dornenkranz meiner übrigen Tage. Wenn meine Wehmut zur leisen Flamme würde, die mich verzehrte, daß mich dann ein leichter Luftstoß in einen Haufen Asche verwandelte, sollte Sophie nicht diesen Wunsch unterstützen?" Schon vor Sophiens Tod schreibt er vorahnend in einem Briefe: "Die Asche der irdischen Rosen ist das Mutterland der himmlischen". Das erinnert an einen tiefsinnigen Ausspruch in den "Fragmenten": "Alle Asche ist Blütenstaub, der Kelch ist der Himmel" (Novalis, Sämtliche Werke, Ausg. von Ernst Kamnitzer, Bd.IS266,271,269,262,253;Bd.III-Fragmente-Nr.3S49=S27 des Sonderbandes der Fragmente).

   Aus diesen Lebenseindrücken, aus dieser ganzen Welt seines Innenlebens gestaltet Novalis den nur als kurzes Fragment uns hinterlassenen zweiten Teil ("die Erfüllung") seines Romans 'Heinrich von Ofterdingen'. Auch dort ist eine tief inspirierende junge Liebe durch den Tod der Geliebten jäh zerrissen. Langsam löst sich dem einsam in den Bergen Wandernden die Stimmung der qualvollen Trauer, eine sanfte Rührung tritt an ihre Stelle. Da vernimmt er im Geiste aus dem Baum eine Stimme, die wie die Mutter Jesu zu ihm spricht von ihrem Kinde, das den Tod überwunden hat, und der Pilger erkennt die Stimme der einstigen Geliebten... ein aus dem Baume dringender Lichstrahl läßt das Erlebnis immer mehr in eine Vision, ein Schauen übergehen, unter wogenden Gestalten erkennt er die Geliebte, die ihm freundlich lächelnd zuwinkt... Die Erscheinung S414 verschwindet, aber der Pilger fühlt sich jetzt im Herzen befreit von dem bangen Druck, von den Qualen der Einsamkeit, der Pein des Verlustes, der Leere des Innern. "Stimme und Sprache waren wieder lebendig in ihm geworden, und es dünkte ihm nunmehr alles viel bekannter und weissagender als ehemals, so daß ihm der Tod wie eine höhere Offenbarung des Lebens erschien, und er sein eigenes, schnell vorübergehendes Dasein mit kindlich heiterer Rührung betrachtete. Zukunft und Vergangenheit hatten sich in ihm berührt und einen innigen Verein geschlossen; er stand weit außer der Gegenwart, und die Welt ward ihm erst teuer, als er sie verloren hatte und sich nur als Fremdling in ihr fand, der ihre weiten bunten Säle noch eine kurze Weile durchwandern sollte". Wie er dann zur Laute vom Sinn heiliger Mutterliebe singt, wird er anfangs gar nicht gewahr, wie ein junges Mädchen vor ihm steht, die ihn als einen alten Bekannten grüßt, und nach dem Haus der Mutter einlädt. Unter einen Baum tretend schaut sie mit Lächeln hinauf und schüttet aus ihrer Schürze Rosen auf das Gras. Auf dem Heimwege, dem Wege zum Hause der Mutter entspinnt sich zwischen den beiden das folgende Zwiegespräch:


Wer hat mir von dir gesagt? fragte der Pilgrim.

Unsere Mutter.

Wer ist deine Mutter?

Die Mutter Gottes.

Seit wann bist du hier?

Seitdem ich aus dem Grabe gekommen bin.

Warst du schon einmal gestorben?

Wie könnt' ich denn leben?

...

Hast du Lust, bei mir zu bleiben?

Ich habe dich ja lieb.

Woher kennst du mich?

Oh! Von alten Zeiten; auch erzählte mir meine ehemaliger Mutter zeither immer von dir.

Hast du noch eine Mutter?

Ja, aber es ist eigentlich diesselbe.

S415

Wie hieß sie?

Maria.

...

Wo gehen wir denn hin?

Immer nach Hause.


   Von diesem in der Weltliteratur einzigartigen Auferstehungs-Zwiegespräch des himmlischen Wiedersehens ziehen sich feine und geheime Verbindungsfäden  zum 20. Johannes-Kapitel, zu der von solcher ätherischer Zartheit überhauchten Begegnung der Maria Magdalena mit dem Auferstandenen "frühe, da es noch finster war", zu jenem kurzen Zwiegespräch der Wiedersehens-Freude und des liebenden Erkennens, wo sich in den kurzen Austausch der beiden Ausrufe 'Maria' 'Rabbuni' - die vom Auferstandenen mit ihrem Namen Gerufene antwortet ihm "mein Meister!" - eine Welt unaussprechlichster Empfindungen und Erlebnisse zusammendrängt. Ist es nicht, als ob der Geist des Auferstandenen selbst die beiden Zwiegespräche belebte?

   Ausdrucksvoll sind die Worte "frühe, da es noch finster war": noch scheint die Grabesnacht über allem zu liegen, mit der Stimmung des Auferstehungs-Morgens sich zu verbinden. An die von Maria mit durchlebte Grabesnacht lassen die Worte uns denken. Ausgelöscht war für die mit unter dem Kreuze Gestandene (Joh.19,25) die Welt des Tagesbewußtseins. Durch tiefste Liebe (Joh.11,2) und tiefstes Leiden war sie hindurchgeschritten, in ihrem Bewußtsein selbst mit dem Geliebten in die Grabestiefen hinuntergestiegen war sie, in die Nacht des Grabes und des Todes hinein war sie ihm gefolgt. Wie Lazarus, der vom Grabesschlummer Erweckte, hatte sie, die Schwester, den "Durchgang durch die enge Pforte" da erlebt. Etwas wie eine "Einweihung" hat sie darin erfahren. Anders als der noch im Menschheits-Schlaf Befangene hat sie die Nacht des Grabes und des Todes da erlebt. In Reiche, die bewußtlos sonst der Schlafende im Schlummer jeder Nacht betritt, ist sie da mit langsam sich erhellendem Bewußtsein eingetreten. Indem das Bewußtsein des Tages, in dem die noch den S416 Menschheitsschlaf Träumenden befangen sind, ihr verlosch, war langsam ein höheres Bewußtsein in ihr erwacht. Das für die dumpfen Sinne der noch im Menschheits-Schlaf Befangenen noch nicht Erspürbare wurde ihr da langsam wahrnehmbar.

   Im Haager Zyklus ("Welche Bedeutung hat die okkulte Entwicklung des Menschen für seine Hülen und sein Selbst"-GA145) zeigt Rudolf Steiner (im 6.Vortrag), wie die ätherische Welt, in die wir, das Physisch-Räumliche verlassend, im Tiefschlaf eingehen, in der wir uns heute zumeist noch völlig unbewußt im Tiefschlaf bewegen, imaginativ (d.h.: mit einem Bilderbewußtsein angeschaut), keine andere ist, als die im zweiten Genesis-Kapitel aus einem solchen Bilderbewußtsein heraus beschriebene "Welt des blühenden Paradiesesgartens", in deren Pflanzen und Lebewesen - wenn es uns glücken würde, in diesem Zustand "innerlich zu erwachen" - wir dann den Aufbau der eigenen physischen Leiblichkeit und ihrer Organe in ihrer einstigen urvergangenen Paradiesesherrlichkeit schauen würden. Für den okkult sich entwickelnden Hellseher, bedeutet uns Rudolf Steiner, ist ein solcher Anblick wirklich möglich. Mit dem inneren "Im-Schlafe-Wachwerden" ist dieser Anblick, dieses "Erleben des Paradiesesgartens" verbunden. Beim Anblick eines schlafenden Kindes vermag vielleicht auch der Nicht-Hellsehende, aber innerlich Empfängliche eine Impression des "blühenden Lebensbaumes" zu haben.

   Diese vom heutigen Menschen zumeist verschlafene "ätherische Welt" ist dann auch diejenige, in der Maria Magdalena, durch Grabesnacht und Todesfinsternis mit dem Gekreuzigten hindurchgeschritten, sich langsam erwachend findet. Der zarte Hauch eines solchen "ätherischen Erlebens" liegt über der ganzen Eingangs-Episode des 20. Johannes-Kapitels "frühe, da es noch finster war". In dieser "Welt des blühenden Paradiesesgartens" begegnet sie dem "himmlischen Gärtner". Das ist der Grund, warum sie, erst langsam im Bewußtsein erwachend, den Auferstandenen für den Gärtner hält: das Erlebnis des ätherischen Paradieses-Gartens breitet sich noch für sie über den Garten des Grabes von Golgatha, wie über alles Irdisch-Physische. In ihrem inneren Erleben ist sie noch S418 beim Vater, beim Tod, und langsam erst erwacht sie zum Bewußtsein der Nähe des lebendigen Christus. Wo der irdische Blick zuerste nur das leere Grab erschaut (V.1-10), sieht das ätherische Auge dann die beiden Engelgestalten (V.12). Erst wie sie sich "zurückwendet" (V.14), d.h. den geistigen Blick ganz nach innen, in die dem Tagesbewußtsein entgegengesetzte Richtung wendet - auch die alten Inder und Jakob Böhme sprechen vom "umgewendeten Blick" des inneren Auges - sieht sie den Auferstandenen. Und erst im geistigen Vernehmen des eigenen Namens wandelt das Schauen sich in Erkennen.

   Der über dem ganzen Erlebnis liegende zart-ätherische Hauch offenbart sich vor allem da, wo Maria - nicht mit Worten ist es gesagt, doch liegt es deutlich zwischen den Zeilen des Evangelientextes - voll Wiedersehens-Freude und liebender Hingabe, aus der ganzen Liebe heraus, die sie mit dem Meister verband, die Arme nach dem Auferstandenen ausbreitet, von ihm aber das Wort vernimmt: "Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater..." Das ganze, hier im Eingang des 20. Johannes-Kapitels mitgeteilte Erlebnis hat dieses Überzarte, auch mit intellektuellem Denken gar nicht zu Berührende an sich. In Wirklichkeit ist ja, was da erscheint, mehr als ein Nur-Ätherisches. Es ist der in einem zunächst noch übersinnlichen Physischen sich offenbarende, erste zarte Sprößling dessen, was als "himmlisches Samenkorn", als Tinktur des Lichtes im Erdensterben des Christus der Erdenfinsternis sich eingesenkt hatte, der erste jungfräuliche Keim der "neuen Erde", wie er zuerst in der übersinnliche, aber mehr als nur ätherischen Auferstehungs-Gestalt erscheint. *...


* Über diese Problematik ist in Rudolf Steiners Zyklus "Von Jesus zu Christus" (Karlsruhe 1911-GA131) ausführlich gesprochen. Das übersinnlich-physische "Phantom" wird da vom bloßen "Ätherleib" deutlich unterschieden. Wie der "ätherische Leib" zum

Pflanzlichen der Erde, verhält sich der "übersinnliche physische Leib" (das "Phantom") zu den "Kristallkräften des Kosmos". Der alchimistische "Stein der Weisen" (der "weiße Stein" der Apokalypse) ist dieselbe Wesenheit.


...Doch ist auch dieses alles mit dem Ätherischen verbunden, vom Ätherischen noch wie überhaucht, es ist zunächst noch alles wie in einem S418 Grenzgebiet zwischen dem Ätherischen und dem Übersinnlich-Physischen. Erst durch die engere Berührung mit den Vaterkräften, wie sie im Geschehen der "Himmelfahrt" sich vollzieht, wächst der Keim des Physischen.

   In alledem berühren wir wieder das im Anfang wie am Ende des Golgatha-Kapitels (VI) geschilderte "Erden-Geheimnis". Und dieses geistige Geheimnis der jungfräulichen Erde, der Licht-Erde, der Auferstehungs-Erde, der prima materia des großen Erden-Verwandlungs-Prozesses, es offenbart sich im Erdenzeichen Jungfrau, das zugleich ein Zeichen des Lebensätherischen ist. Es ist das Joh.12,24 gemeinte Samenkorn, das Weizenkorn, das in die Erde fallen und ersterben muß, um viele Früchte zu tragen: auch dort, so sehen wir, deutet das über jenem Kapitel stehende Himmelszeichen der Jungfrau auf das Geheimnis dieses "Samenkorns" hin. Auch dort standen wir, wie hier im Auferstehungs-Kapitel, in der Konstellation Fische - Jungfrau. Auch dort offenbarte sich, wie hier, im Zeichen Jungfrau Maria Magdalena, die wieder Jungfräulich-Gewordene, die Schwesterseele des "Jüngers der Liebe". Durch den "kosmischen Rhythmus" werden, wie durch nichts anderes, die inneren Zusammenhänge des Evangelium offenbar.

   So wird uns auch allmählich die Konstellation der Auferstehungs-Kapitel (Joh.20+21), zunächst des 20. Kapitels, in ihren ganzen Zusammenhängen immer tiefer verständlich. Schon wenn wir das "frühe, da es noch finster war" (V.1) einmal nur als reine Zeitbestimmung nehmen, offenbart sich darin das Zeichen Fische, das Zeichen der "Stunde vor Sonnenaufgang" (ME22). Und es ist dieses Zeichen Fische ein Ausdruck dafür, wie jetzt in der Auferstehung das Christus-Ich, das schon in der Jordantaufe zur Erde herniederstieg, auf einer neuen Stufe des Werdens mit dem Irdischen sich verbindet. Wie die Jungfrau, sind die Fische ein ätherisches Zeichen, das den ganzen über diesen Auferstehungs-Kapiteln liegenden Hauch des Ätherischen zum Ausdruck bringt. Und das mit ihnen verbundene Zeichen Jungfrau deutet nicht nur auf die als Erste am Grab, als Erste im Erleben des Auferstandenen uns begegnende Maria Magdalena, sondern durch Maria Magdalena auf das jungfräuliche Geheimnis S419 der Auferstehungs-Erde, der Licht-Erde, (Jungfrau ist Erden-Zeichen, wie auch Lichtes-Zeichen und Zeichen des Sehens), der jungfräulichen prima materia des großen Erden-Verwandlungs-Prozesses, auf das Geheimnis jener jungfräulichen Erde, die hier zum erstenmal sich offenbart, im "Neuen Jerusalem" des Apokalyptikers sich vollendet (Siehe über diese Auferstehungs-Geheimnisse auch des Verfassers Aufsatz "Das Neue Jerusalem" in Bd.16 der Schriftenreihe "Christus aller Erde" S.105). Die Apokalypse spricht da vom "großen Abendmahl", von der "Hochzeit des Lammes mit der Braut" (19,9;21,2+10;22,17), und wir erinnern uns, wie wir die über den Auferstehungs-Kapiteln stehende Konstellation Fische - Jungfrau (oder Jungfrau - Fische) auch immer als die "Abendmahls-Konstellation" kennen gelernt haben. Es ist die gleiche Konstellation, die auch das Geheimnis des Samenkorns im Sämanns-Gleichnis (Mark.4) und der Speisungen beherrscht.

   Endlich fanden wir die Konstellation Fische als diejenige der "Jünger-Kapitel" (Joh.13-16), so wie sie schon vorher die Jordan-Geschehnisse im ersten Kapitel und das zwölfte Kapitel beherrscht. Auch darin walten Zusammenhänge. Denn auch die Auferstehungs-Kapitel sind, wie früher gezeigt (Teil A cap.4+6), wiederum Jünger-Kapitel, auch das die Erzählung der ersten Jüngerberufung enthaltende Jordan-Kapitel ist in gewisser (nicht ausschließlicher) Beziehung ein solches Jünger-Kapitel. Auch das 12. Kapitel hat vielfach Beziehung zum Jüngergeschehen, und es stellt vor uns den auferweckten Lazarus hin, wie Joh.20+21 den auferstandenen Christus, und Maria Magdalena spielt dort, wie hier (Joh.20) eine entscheidende Rolle.

***

   Die Tatsache, daß die beiden Auferstehungs-Kapitel des Johannes-Evangeliums wiederum "Jünger-Kapitel" sind, gibt uns zum Verständnis dieser Kapitel einen wichtigen Schlüssel. Nicht einmal Johannes steht, neben dem Auferstandenen selbst, im eigentlichen Mittelpunkte dieser Kapitel, sondern der Jünger-S420-Kreis als solcher. Die tragende und bewahrende Liebe des Christus, wie sie in den Abschieds-Kapiteln und zuletzt noch in der "großen Fürbitte" so leuchtend sich offenbarte, trägt die Jünger durch ihre Krisis, durch ihren Bewußtseinsschlaf hindurch und schafft die Möglichkeit, daß diejenigen, die im Erdenleben die Verbindung mit Christus, dem Initiator, nicht aufrechterhalten konnten (Mark.14,50; Joh.16,32), ihn nun als den Auferstandenen in einer andern Daseinssphäre wiederfinden können, daß dem großen herzbrechenden Abschied das Wiedersehen folgen kann. In der Trauer des Abschieds selbst liegt die Kraft des Wiedersehens. Das große Motiv des Wiedersehens verbindet Joh.20+21 mit den Abschiedskapiteln 13-16. Dadurch sind auch Joh.20+21 "Jünger-Kapitel", durch welche die Fünfheit der früheren "Jünger-Kapitel" (Joh.13-17) zur Siebenheit ergänzt wird. Und es ist ebenso bedeutsam, wie offenbarend, daß die aus dem Rhythmus des Ganzen sich ergebende Konstellation in diesen, wie in jenen Kapiteln die gleiche ist (Fische - Jungfrau).

   Das volle Erwachen der Jünger aus dem Bewußtseinsschlaf bringt erst das (im Anfang der Apostelgeschichte erzählte) Pfingstereignis. Wie eine Hindeutung schon auf dieses Ereignis, ein tiefes geistiges Kommunion-Erlebnis*...


* Wie der Anfang des Johannes-Evangeliums - der "Herabstieg des Christus", cap.1-5 - eine Beziehung zum Herabstieg des Wortes, zum Evangelium hat das Folgende, die "Krisis" - cap.6-10 - eine Beziehung zum

Offertorium, das Weitere - Lazarus-Erweckung und Golgatha - zur Wandlung - Transsubstantiation -, der Schluß des Evangeliums - die beiden Auferstehungs-Kapitel - zur Kommunion.


... der Jünger mit Christus kann empfunden werden im Zusammenhange mit dem Worte "Der Friede sei mit euch" (Joh.29,19+21) das Anhauchen mit dem Odem des heiligen Geistes (V22). Schon an früheren Stellen des Johannes-Evangeliums (7,39,vgl.12,16) war auf dieses Wesen des heiligen Geistes als eines durch den Tod und die Verklärung Christi sich offenbarenden, erst nach dem Tod und durch den Tod in die Erscheinung tretenden hingewiesen. Über S421 den ganzen Auferstehungs-Kapiteln des Johannes-Evangeliums liegt Offenbarung des heiligen Geistes.

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   Auch in der Rolle, die Simon Petrus, der (nach außen hin) Führende im Jüngerkreise, im Beginne des Auferstehungsgeschehens spielt (Joh.20,2ff), tritt der Charakter der Jünger-Kapitel hervor. Wie später in der Apostelgeschichte, sehen wir schon hier den "Jünger, den der Herr liebhatte" dem Petrus helfend und inspirierend zur Seite stehen. Schon in der Passionsgeschichte übernahm, wie es scheint, der eben durch die Initiation Gegangene diese Aufgabe (Joh.19,15ff), ohne damals noch den Petrus vor seinem tiefen Fall bewahren zu können.

   Warum war es eigentlich nicht dieser - so werden wir hier vielleicht fragen -, der dann in seiner Schauung des "Neuen Jerusalem" der tiefste Kündiger aller Auferstehungs-Geheimnisse wurde, warum war es nicht der "Jünger, den der Herr liebhatte", der als der Christus-Initiierte mit unter dem Kreuze gestanden war, warum war er es nicht, der zuerst den Auferstandenen schaute?

   So aber wäre die Frage nicht ganz richtig gestellt. Erinnern müssen wir uns gerade hier, welche Rolle immer die Schwesterseele, Maria Magdalena, bei allem spielt, was mit dem "Jünger der Liebe" sich begibt. Unbeschadet ihrer physischen Realität scheint ihr Erleben - so sahen wir an vielen Stellen (ME291ff ua) - immer im Seelischen widerzuspiegeln, was der Christusjünger geistig erlebt. So betrachtet, erscheint dann ihr Schauen auch im 20. Johannes-Kapitel wie eine Widerspiegelung alles dessen, was der Christusjünger von seinem Grabesschlummer in Bethanien an bis dahin, wo er mit den beiden Marien und der Mutter unter dem Kreuze stand, erlebte. Wir wissen, wie er schon hart am Rande des physischen Todes war, wie er schon die Sphäre der Verwesung berührte. Noch wie ein Leichnam, noch wie mit Grabtüchern angetan erscheint dem geistigen Blick geraume Zeit dann der eben dem Grabe Entstiegene. In der Initiations-Geschichte des Markus-Evangeliums (ME283ff) S422 hat sich in einem bedeutungsvollen Augenblick (Mark.13,1) gezeigt, wie vor dem geistigen Auge dessen, der äußerlich noch gar nicht voll der Welt des Tagesbewußtseins zurückgegeben ist, in dämmernder Ferne schon der lichte Tempel des Neuen Jerusalem, der Auferstehungs-Erde der Zukunft aufzuglänzen beginnt, wie er darum den alten Tempel aus Stein und Erz, der mit seinem ganzen Erdenschicksal so tief verbunden war, dem Tempel, an dem er oftmals mit dem Herrn vorübergeschritten war, nicht mehr erkennt und den Christus Jesus über ihn befragt. Wir sahen, wie tiefste Mysterien-Zusammenhänge an dieser Stelle des Evangeliums aufzuleuchten beginnen. Das alles schaut er wie in dämmernder Ferne. "Noch blendet ihn der neue Tag". Der vom Lichte der neuen Welt noch wie Geblendete vermag die Welt, die ihn zunächst umgibt, die Welt des Tagesbewußtseins nicht mehr voll in sich aufzunehmen, "wahrzunehmen". So sehen wir auch ihn in Gethsemane schlafen (ME307), wenn wir auch gerade da erkennen konnten, wie sein, des Initiierten Schlaf ein anderer,  geistlebendigerer ist, als der der andern Jünger.

   Als er vollends das Erlebnis unter dem Kreuz durchlebt und durchlitten hatte, war er mehr denn je dem gewöhnlichen Erdenbewußtsein entstorben. Er hatte da das Weltgeschichtlich-Einmalige miterlebt, das Äußerste, was im ganzen Prozeß des Erdenwerdens und Menschheitsgeschehens erfahren und durchlitten werden konnte, was so nur einmal durchlitten worden ist. Er war da, irdisch gesprochen, selbst wie am Ende, wird sich in seiner äußern Erscheinung von den andern Jüngern (die noch den Bewußtseinsschlaf schliefen) darum gar nicht so wesentlich unterschieden haben, ja, äußerlich angesehen, wird er, der wirklich zweimal (das zweite Mal geistig) durch Grabesnacht Hindurchgeschrittene, vielleicht noch erstorbener als jene gewirkt haben. Was bei den andern vom Versagen im Erleben, kam bei ihm von der überwältigenden Überfülle des Erlebten. Sein Auferstehungserlebnis, es liegt in voller wahrer Größe noch in der Zukunft, in einer zunächst noch fernen Zukunft. Was er im Grabesschlummer von Bethanien und auf Golgatha erlebte, es braucht im Grunde noch ein volles, S423 langes Erdenleben - denn zunächst ist er ja noch ein Jüngling an Jahren -, um zu dem zu reifen, was er dann erst später, nahe dem Ende seines Lebens, auf Patmos erlebte, was dann in der "Apokalypse" wie ein Vermächtnis an die Nachwelt niedergelegt erscheint. Da erst, in der "Apokalypse des Johannes", finden wir das eigentliche große Auferstehungserlebnis des Christusjüngers, da erst ist es voll beschrieben. Indem, was er da zuerst als die Majestät des Menschensohnes, des vom Tode auferstandenen Christus inmitten der sieben goldenen Leuchter (Apok.1,9-20) beschreibt, in diesem Erleben des lebendigen Christus - das hier ein volles geistiges, nicht nur ein ätherisches Erleben ist - liegt gleichsam die Bewußtseinsseite seines Auferstehungs-Erlebens; in der am Schlusse der Apokalypse ihm sich offenbarenden lichten "neuen Erde" des "Himmlischen Jerusalem", im "Abendmahl des Lammes und der Braut", die Erdenseite, die alchimistische, das "Geheimnis der chymischen Hochzeit", das Erdengeheimnis der Auferstehung. Wie das Männliche und das Weibliche verhalten sich die beiden Seiten des Auferstehungs-Erlebnisses: die "verwandelte Erde", die jungfräuliche Licht-Erde des Neuen Jerusalem ist die Braut, das vom Tod erstandene Ich, Christus, der Bräutigam. Was erst in ferner Erdenzukunft im vollen Lichte sich offenbaren wird, ruht heute wie ein Keim im Erden- und Menschen-Sein, ein Keim, der, indem er von der Menschenseele immer bewußter aufgenommen wird, auch die Erde selbst ihrer Verklärung und Verwandlung, ihrer Auferstehung in der Zukunft der Zeiten entgegenreifen läßt. Dies alles wie ein schon Gegenwärtiges zu schauen, war und ist das Auferstehungs-Erlebnis des Johannes, das er so aber erst am Ende seines Erdenlebens haben konnte.

   Nicht so, als ob er von dem Auferstehungsgeschehen von Golgatha selbst nichts erlebt hätte. Sondern wie es schon ausgesprochen wurde, gerade das Erleben der Maria Magdalena im Beginn des 20. Johannes-Kapitels scheint zugleich widerzuspiegeln, was im Christusjünger als ein Auferstehungs-Erleben auf höherer Ich-Stufe sich vorbereitete. Die Ich-Erlebnisse des Jüngers spiegeln sich ätherisch in der empfindenden Schwester-S424-Seele. Und das Ätherische jener Ereignisse, das wie ein zarter Hauch über dem ganzen Kapitel liegt, ist gleichsam ein Bild dafür, wie im eigenen Erleben des Christusjüngers zunächst noch alles keimhaft, wie alles zunächst erst wie leises Zukunfts-Ahnen ist. Das irdische Aufe dieses Jüngers blickt, wie dasjenige des Petrus, zunächst nur in das leere Grab. Was die männliche, die bewußte Seele noch nicht fassen kann, es ist zuerst in der empfindenden, in der weiblichen Seele da. Es ist tief in den Geheimnissen des Christentums begründet, daß zuerst die weibliche, die Schwester-Seele, das Erlebnis des Auferstandenen hat. So wird durch alles, was im Anfang des 20. Johannes-Kapitels von Maria Magdalena uns erzählt wird, in zarter Weise doch zugleich auf das Johanne-Erleben selber hingedeutet. Auch in der Art, wie Maria Magdalena, einer Weisung des Auferstandenen damit gehorchend, zuerst den Jüngerkreis von dem Erlebten in Kenntnis setzt (Joh.20,18), liegt eine Widerspiegelung der Helfer-Rolle des Johannes gegenüber den übrigen Jüngern (Wesen und Sinn dieser Helfer-Rolle entwickelt Emil Bock in seinen "Beiträgen zum Verständnis des Evangeliums" Nr.15: Petrus und Johannes).

***

   Von Petrus und Johannes wendet sich das Interesse dann vor allem dem Jünger zu, der bei jenem Joh.19,19-23 erzählten, die Pfingst-Vorahnung in sich enthaltenden Erlebnis nicht dabei war, dem Jünger, der, obschon auch er zu Lebzeiten des Christus Jesus die Initiation nicht finden konnte, doch in seiner Sehnsucht am stärksten mit dem verbunden war, was der Christus damals mit dem "Jünger, den er liebhatte", vollbrachte (Joh.11,16). Wie Johannes der Jünger der grossen Liebe (die in Maria Magdalena sich immer widerspiegelt), ist Thomas der Jünger der großen Sehnsucht. Und eine solche aus geistigen Wesenstiefen, nicht aus irdischer Begierde erfließende Sehnsucht trägt in sich die Kräfte, um dasjenige zu verwirklichen und herbeizuziehen. was in der Gegenwart noch nicht S425 verwirklicht werden konnte. Es gibt im Leben eine Sehnsucht, die die Menschenseele dem Christus-Urquell entfremdet, aber auch eine solche, die uns diesem Urquell näher bringt. In diesem Sinne ist Thomas der "Zweifler", indem er doch zugleich der "Jünger der großen Sehnsucht" ist, zugleich ein Vorbild für unser Zeitalter der Gegenwart, das auf den Verstandeszweifel geradezu hingeordnet ist, so hingeordnet ist, daß gerade die fortschrittliche Seele durch diesen Verstandeszweifel zuerst wird hindurchgehen müssen.

   Das Merkur-Zeichen der Zwillinge, dem Thomas, der "Zwilling" (Joh.11,16) zugehört (ME348), ist auf der einen Seite wirklich ein Zeichen des Verstandeszweifels, auf der andern Seite ein Zeichen der höchsten Einweihung (Joh.4,dazu das Kapitel "Die Samariterin am Brunnen" und ME88ff,234ff. Über die beiden Seiten des Hermes-Merkur siehe das Planeten-Kapitel A4). Die Auferstehungs-Geschichte des Johannes-Evangeliums (cap.20-29) zeigt, wie er durch die Kraft der in ihm vorhandenen Sehnsucht den Weg von der niederen kosmischen Offenbarung des eigenen Wesens zur höheren findet, wie er nach dem Erdentode des Christus Jesus der erste der Jünger wird, der, ähnlich vor ihm der "Jünger der Liebe", die Wege der Einweihung findet. Denn um einen Einweihungs-Vorgang gewaltigster Art, keineswegs um eine bloße Beschämung des "Zweiflers" - obwohl das eine das andere noch nicht einmal ausschließt, auch ein die Seele in ihren Tiefen aufrührendes Schämen kann "Weg zur Einweihung" werden - handelt es sich bei dem geistigen Erlebnis, das uns im Johannes-Evangelium da erzählt wird. Auch die Worte Joh.29,29 "Die himmlisch Begnadeten (griechischer Wortlaut) sind diejenigen, die, ohne zu sehen, innerlich vernehmen", - die, noch bevor sie schauen, schon innerlich vernommen haben (Luther: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben"), braucht gar nicht nur als Werturteil genommen zu werden (obwohl das zunächst ja nahe liegt), sondern kann auch den Sinn haben, daß es Menschen gibt, denen das innere Hören noch wie ein gnadenvolles Erbteil geschenkt ist, während die eigentlich S426 fortschrittlichen Seelen diejenigen sind, die sich zuerst durch den Verstandeszweifel hindurchkämpfen müssen, dann aber vom Ich aus zum Schauen, vom Schauen zum inneren Hören, zur Inspiration, zur Aufschließung der Herzenskräfte vordringen. Gerade im heutigen Zeitalter kann dieser Weg als der fortschrittliche, zeitgemäße angesehen werden. Wir können ein solches Zeitalter als das "Thomas-Zeitalter", das dem noch in der Zukunft (vielleicht noch in ferner Zukunft) liegenden eigentlich johanneischen Zeitalter vorangeht, empfinden.

   Das Auferstehungs- und Einweihungs-Erlebnis des Thomas ist, wenn auch noch immer im Ätherischen, doch schon um eine Stufe bewußter und damit zugleich dem Irdisch-Physischen näher als dajenige der Maria Magdalena. Die Berührung, die der Maria Magdalena noch verweht wird, sie wird dem Thomas gerade geboten (Joh.20,27). Etwas unfaßbar Großes, Weltgeschichtlich-Einmaliges läßt uns gerade dieser Zug der Erzählung ahnen. Von der "Empfindungsseele" sind wir jetzt gleichsam zur "Verstandesseele" vorgeschritten, um erst im späteren johanneisch-apokalyptischen Auferstehungs-Erlebnis das Niveau der "Bewußtseinsseele" zu erreichen. Alle in den Schlußkapiteln der Evangelien erzählten Auferstehungs-Erlebnisse sind nur erst vorbereitend, liegen in einer Sphäre, die noch nicht diejenige des vollen geistigen Erwachens ist. (Auch bei Thomas werden wir uns vorzustellen haben, daß seine zunächst noch halbgeträumte "Einweihung" ihm erst im Pfingstereignis vollbewußt wird, daß sie also erst da eine voll-reale wird.)

   In mancher Beziehung ist das Erlebnis des Thomas demjenigen der Maria Magdalena verwandt. Wie Maria Magdalena den Paradiesesgarten, so erlebt Thomas, der die Hände in die Nägelmale des Gekreuzigten und Auferstandenen legt (Joh.20,27), den großen Ätherstrom und Lebensstrom der Welt, der auf Golgatha neu entspringt, den neuen Paradiesesstrom (Gen.2,10, dazu ME349,350 und hier in dieser Arbeit das Kapitel "Die Samariterin am Brunnen" - Über die Wesenheit der "vier Paradiesesströme" vgl. auch des Verfassers Büchlein "Der Ursprung im Lichte" -in "Christus aller Erde" S39 - hier eingestellt unter  Ursprung im Lichte I und  Ursprung im Lichte II). Thomas erlebt in seiner S426 Einweihung unmittelbar-wesenhaft die Substanz des Christus-Worte Joh.7,38: "Wer ich in sich aufnimmt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen". Dieser ätherische Lebensstrom verwandelt alles erstorbene Denken des Verstandeszweifels wieder in lebendiges Denken. Wie das Auferstehungs-Erlebnis der Maria Magdalena in der Sphäre des Empfindens, liegt dasjenige des Thomas in der Sphäre des Denkens. Das in der Zukunft liegende johanneische Auferstehungs-Erlebnis trägt in sich die entscheidende Inspiration des Wollens.

   Wie in den Auferstehungs-Erlebnissen der Maria und des Thomas das Bild des Gartens und des Stromes sich offenbart (des Stromes, der, auf freier Bergeshöhe entspringend, dann den Niederungen der Menschheit zufließt), so finden wir dann in dem erst in der Apokalypse sich vollendenden Auferstehungs-Erleben des Johannes das Bild der Stadt, der heiligen Stadt des "Neuen Jerusalem", die das Geheimnis der neuen verwandelten Erde, der Lichterde, des "weißen Steines" (oder "Steines der Weisen", Ap.2,17) in sich birgt. Wie alle Bewußtseins- und Ich-Entwicklung der Menschheit vom Naturdasein zum Städtedasein weiterschreitet, wie alle Städtekultur gerade mit der Ich-Entwicklung zusammenhängt, so führt auch der Einweihungs-Weg der erwachenden Bewußtseinsseele vom Paradies der Urvergangenheit zur heiligen Stadt der Zukunft. Erst in dieser heiligen Stadt, die nicht mehr aus toten Erdenstoffen, sondern aus der Welt des "oberen Lichtes", aus den Kräften des Unverweslichen, der jungfräulichen übersinnlichen Licht-Erde, der "verwandelten Erde" aufgebaut ist, vollendet sich die Auferstehung, erst da ist das Ich zu seiner ganzen Vollmacht im Irdisch-Physischen, zum neuen Aufbauen des Irdischen aus Kräften des Unverweslichen vorgeschritten, erst da verbindet sich ganz das Ich-Erleben der Auferstehung mit dem Erden-Geschehen. Als ein unsichtbar-verborgenes Werden mitten im "ersterbenden Erdendasein" ist dieses alles schon heute da vorhanden, wo das erwachende Ich seine werdende, in der Zukunft sich vollendende Kraft erahnt und ergreift. Seinen Anfang hat dieses Werden genommen in dem, was, unsichtbar dem irdisch-S428-physischen Auge, aus dem Grabe von Golgatha sich erhoben hat.

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   Wie in dämmernder Ferne, einer Fata Morgana gleich, liegen alle diese Zukunftsbilder dann noch über dem letzten, einundzwanzigsten Kapitel des Johannes-Evangeliums, das uns mit dem Fischzug am Anfang, dem Speisungs- und Abendmahls-Erlebnis am Schlusse noch einmal mit aller Deutlichkeit in die über den ganzen Auferstehungs-Kapiteln stehende Abendmahls-Konstellation Fische - Jungfrau versetzt. Waren bei der "großen Speisung" im 6. Johannes-Kapitel noch die "Brote" als das Ätherische primär betont, so finden wir bei dieser, wie fernste Zukunftsschau sich ausnehmenden Auferstehungs-Begegnung im letzten Johannes-Kapitel die Fische als das Symbol der werdenden Ich-Kraft, des zukünftigen "Wesensgliedes" der Menschheit, im Vordergrund (Joh.21,11). Die dort gegebene Zahl weist auf Geheimnisse der johanneischen Einweihung und den Maßstab umfassenderer, kommender "Zeitenkreise" hin.*...


* Wie bei der früheren "Speisung" die Fünfzahl der Brote auf die von der Willens-Einweihung zu ergreifenden unteren Kräfte des Menschenwesens hinweist, die den fünf unteren dunkeln Tierkreiszeichen entsprechen, so erheben wir uns mit der Joh. 21,11 gegebenen Zahl vom Anblick des Ganzen im Bilde der

Zwölfheit zu dem umfassenderen Aspekte des "großen Jahres" 5/12.tel, auf die Anzahl der Tage im Jahr (365) umgerechnet - darauf hat unser Freund Rudolf Meyer (Prag) zuerst hingewiesen - ergibt, wenn der bei der Rechnung bleibende Bruchteil als volle Einheit angenommen wird, die Zahl 153.


   ...Auch hier entspricht das Tierkreiszeichen der Fische der Tatsache, daß das Ganze ein zwischen Nacht und Morgen liegendes Erlebnis ist, den Träumen und Schauungen vergleichbar, die wir in der Nacht vor dem Aufwachen haben (ME22oben). Wie die Jünger bei dem früheren Erlebnis zuerst Schwierigkeit haben, Christus zu erkennen (Mark.6,49), so auch hier (Joh.21,4); hier wie dort ist das Ufer des Festlands Bild des tagwachen Bewußtseins, in dem das Erkennen dann allmählich sich vollzieht. Zuerst erkennt den Auferstandenen der "Jünger, den der Herr liebhat", derselbe, der auch hier den andern, S429 Petrus voran, sie spirituelle Hilfe leiht. Der ganze Vorgang liegt weit entfernt vom gewöhnlichen Tageserleben. Überall bemerkt man, wie Erlebnisse, die die Jünger früher mit dem Christus Jesus hatten, jetzt in einer ganz andern, in ferne Zukunft weisenden Bewußtseinsebene aufleuchten. Wie im "Mahle", das die Jünger mit dem Auferstandenen halten, die frühere Speisung (Mark.6,Joh.6), so lebt im Fischzug selbst der frühere "Fischzug Petri" (Joh.21,15ff) die "Verleugnung Petri" wiederum auf. In allem liegt ein für eine spirituelle Psychoanalyse erforschbarer exakter innerer Zusammenhang. (Auch die Frage Joh.13,23-25 hat ihr Gegenbild in 21,20-22).

   Eindrucksvoll zeigt (wie der ganze Inhalt der beiden Auferstehungs-Kapitel) besonders die letztere Episode (Joh.21,15ff), wie ein Bewußtseinsschlaf, ein auf dem Bewußtsein der Jünger, in diesem Falle des Petrus, ruhender Bann sich langsam zu lösen beginnt. Als er das "Ich bin's nicht" (griechisch: "ich bin nicht") der Verleugnung sprach (Joh.18,17+25), war sein Bewußtsein vom Widersacher tief verdunkelt, wie ausgelöscht: den bei diesen Worten geistig auf ihn gerichteten Blick des Christus nahm er nicht wahr, der Vorgang blieb ihm völlig unbewußt (oder im allertiefsten Unterbewußtsein - vgl. zu den hier waltenden psychoanalytischen Problemen des Verfasser Schrift 'Das Parsifal-Christus-Erlebnis', Verlag der Christengemeinschaft Stuttgart S29ff). Aber das objektiv dennoch vorhandene Erlebnis erschafft in der Seele ein Gegenbild, das jetzt in der Bewußtseins-Sphäre der Auferstehung sozusagen die Substanz findet, um sich zu verlebendigen und sich zu offenbaren. Das ist vielleicht der Grund, warum der Evangelist die ganze Geschichte von der Verleugnung des Petrus, der er sonst liebevoll-schonend verschwiegen hätte, doch mit solcher Ausführlichkeit erzählt (Joh.18,15-27). Denn es handelt sich hier nicht um irgendeine nebensächliche Episode, sondern um ein folgenschweres Stück Menschheits-Tragik voll umfassender weltgeschichtlicher Bedeutung. Das spricht auch für die (von manchen bestrittene) Echtheit des 21. Johannes-Kapitels, die im geistigen Sinne mindestens besteht. S430

   So spiegelt sich in der dreimaligen Christus-Frage: "Simon Jona, hast du mich lieb" die dreimalige Verleugnung, das dreimalige "ich bin nicht" des Petrus. Das ganze 21. Johannes-Kapitel ist ein Spiegelungs-Kapitel, rollt Vorgänge der Bewußtseins-Spiegelung vor uns auf. Tiefste Geheimnisse der fernsten Menschheitszukunft spiegeln sich darin, erscheinen wie eine Fata Morgana am Zukunftshimmel. Wie eine bange Schicksalsfrage und Zukunftsfrage erhebt sich zuletzt das Rätsel der beiden Jünger, die wir von der Auferstehungsgeschichte an im äußeren Wirken immer mehr miteinander verbunden sehen, von denen der eine wie der spirituelle Helfer des andern, zum Wirken nach außen als "Fels" der werdenden Kirche in erster Linie Berufenen erscheint. Wie dieser immer mit dem Geheimnis von Fisch und Fischzug (als dem Bilde für die Menschheitsaufgabe der äußeren Kirche) irgendwie verbunden scheint - man denke auch an den "Fischer-Ring" Petri -, so ist jener der Eine, der den Weg des Lebens gefunden, den Todesstachel überwunden hat (ME127f,211ff,233) - der "Jüger, der nicht stirbt" (Joh.21,23), d.h. für den der Erdentod keine Bedeutung mehr hat, weil er dauernd in der Christus-Erden-Sphäre lebt und wirkt, "bleibt" (griechisch V.22+23, wobei wir uns erinnern, wie dieses Wort immer auf das Geheimnis der Christus-Verbundenheit und Ich-Verbundenheit hindeutet) -, der Jünger, der die Jungfrau (Tierkreiszeichen) in sich erweckte, mit dem Geheimnis der jungfräulichen Erde, der Auferstehungs-Erde, der Erden-Verwandlung und Erdenzukunft innerlich verbunden ist. So erscheint sogar noch in der Gegenüberstellung der beiden Jünger im Schlusse des 21. Johannes-Kapitels die über diesem Kapitel stehende Konstellation Fische - Jungfrau als geheimnisvolle Antithese (wenn wir bei Fische nicht so sehr an den unmittelbaren Christus-Sinn dieses Zeichens, sondern gewissermaßen an seinen hier sich offenbarenden Petrus-Sinn denken).

   Wie mit dem einen Jünger das Geheimnis der zeitlich-bedingten, irdisch sichtbaren Kirche in der erdenmächtigsten ihrer Offenbarungen, ist mit dem andern, dem "Jünger der Liebe" (Joh.21,20) und Inspirator des Johannes-Evangeliums (Joh.21,24) das Geheimnis der überzeitlichen, S431 der "unsichtbaren Kirche", der ewigen Ich-Zukunft der Menschheit verbunden. "Und schwer und ferne hängt eine Hülle mit Ehrfurcht. Stille ruhn oben die Sterne und unten die Gräber".

   Was dem eben dem Grabe Entstiegenen, von den Strahlen des neuen Lichtes noch Geblendeten noch wie in dämmernder Zukunfstferne vor dem geistigen Auge stand (ME285), was wie eine ferne Fata Morgana den dämmernden Zukunfts-Hintergrund und Zukunftsausblick des 21. Johannes-Kapitels bildet, das lichtverklärte Geheimnis des Neuen Jerusalem, es erscheint dann in klaren Umrissen in der großen Schauung, die als die Apokalypse des Johannes wie ein letztes und teuerstes Vermächtnis an die Nachwelt dem Geiste, dem wir die Inspiration des Johannes-Evangeliums verdanken, entflossen ist. In dieser großen Schauung des Neuen Jerusalem, im Werden der Auferstehungs-Erde, vollendet sich das Abendmahls-Geschehen der Menschheit (Fische - Jungfrau), das auch über den beiden Auferstehungs-Kapiteln bei Johannes angedeutet ist. Da erst, im Abendmahl des Lammes und der Braut, in der großen chymischen Hochzeit, in diesem letzten und höchsten Inhalte des johanneischen Schauens erfüllt sich die johanneische Ich-Offenbarung, vollendet sich die Zukunft des Menschheitsbewußtseins in der Apokalypse im Ich.

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Hermann Beckh hat in Gedichtform über das "Himmlische Jerusalem" der Johannes-Apokalypse geschrieben. Dieses Gedicht soll demnächst abschließend hier gebracht werden.

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"Freund, es ist auch genug! Im Fall du mehr willst lesen,
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen"
  - Angelus Silesius -