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Zur lebendigen Anschauung des geschichtsphilosophischen Themas: Individual- und Kollektivstruktur der Geschichte sei hier eine Komödie gebracht, die einen 'Käsebier' zum Hauptdarsteller hat. Es handelt sich um ein geschichtliches Thema - Fridericus Rex hat vor Prag eine Niederlage erlitten, weil ihm ein Dieb in die Parade fuhr.  Fridericus Rex - ein Vertreter auf der obersten Stufe der sozialen Leiter; Käsebier befindet sich auf der untersten Stufe. Aus dem Anhang zu der Komödie von Egon Erwin Kisch, der auch als der "Rasende Reporter" bekannt geworden ist und der, selber Tscheche, seinem Landsmann Käsebier phantasievoll die Feder führte, noch das Folgende:

 

   "...Die ins Ungeheure angewachsene Literatur über Friedrich den Großen und über den siebenjährigen Krieg  erwähnt aber... nirgends die Episode von Käsebiers Sendung. Sogar das große Generalstabswerk, das jeden Überbringer eines Befehls, die Bataillonszuständigkeit jedes blessierten Soldaten, jede Offiziers-Auszeichnung und - Verwundung, jedes Wirtshausschild, jedes falsche Gerücht usw. nach hundertfünfzig Jahren ausfindig zu machen wußte und drucken ließ, hält diese Tatsache einer Erwähnung für unwürdig. Und doch ist es kulturhistorisch bemerkenswert, daß ein großer König sich selbst eines Gauners erinnert, als dieser ihm Nutzen stiften könnte, und doch ist es militärisch mehr als verzeichnenswert, daß - wie wir gesehen haben - durch den gekränkten Ehrgeiz eines Diebes eine große Stadt und eine große Schlacht verloren gehen konnten!..." 

Egon Erwin Kisch: "Die Gestohlene Stadt"

- eine Komödie - 

im Erich Reiß Verlag Berlin 1922 (wo auch die 'Schaubühne' herausgebracht wurde)

 

Personen:

Der Dieb Käsebier

König Friedrich II. von Preußen

Marschall Keith

Ilsebill von Hohenau, Fahnenjunker

Der Ordonnanzoffizier du jour

Margit

Jakob, ein Apotheker

Pepik Mazany      Spione in östereichischen Diensten 

Wenzel Strupp    "

Der schwarze Ritter

Haschile

Frieske, ein kriegsgefangener preußischer Feldwebel

Der Trompeter des Parlamentärs

Strolche, Juden, Huren und Ordonnanzen

 

Die im ersten und zweiten Akt dargestellten Vorgänge ereignen sich am 12. Juni 1756, die des letzten Aktes eine Woche später. Das Schloß Stern bei Prag ist der Schauplatz des ersten und dritten Aktes, der zweite spielt sich in der Spelunke "Zum Fuchs" in der Prager Judenstadt ab.

Erster Akt

 

Eines der sternförmigen Zimmer im Schloß Stern am Weißen Berg bei Prag, in jenem Schloße, wo - nebenbei bemerkt - "Die bluthende Gestalt mit Dolch und Lampe" gespukt haben soll, das Urbild von Grillparzers "Ahnfrau". Aber da wir uns bereits im Jahrhundert der Aufklärung befinden - der Morgen des 12. Juni 1756 ist eben angebrochen - so gibt es hier keine Gespenster mehr, sondern es sind vielmehr Kriegskarten über Fenster und Wände gehängt, und zwei Schreibtische mit Akten beladen.

Der preußische Feldmarschall Keith, in lässiger Kanzleiuniform, eine Brille über den Augen, macht sich auf Landkarten zu schaffen, und kehrt den Schreibtischen den Rücken zu. Von der historischen Tatsache, daß dieser Engländer die deutsche Sprache keineswegs  beherrschte, macht in dem nachstehenden Theaterstück keinen Gebrauch. Am Schreibtisch sitzt sein Personaladjudant, ein stattlicher blonder Fahnenjunker, - Ilsebill von Hohenau; sie hat die Bluse weit offen, so daß man ein beträchtliches Dekolleté und ein Damenhemd sieht, und schreibt.

 

Keith  (diktierend):     An das Kommando der Avantgarde in Brewnoo.

Ilsebill  (wiederholend):     "Brewnoo..."

Keith:     "Brewnoo" mit Häkchen auf dem "r" und "w" am Ende.

Ilsebill  (unwillig):     Ja

Keith:     Da Vorposten Numero 8 im Laufe der heutigen Nacht von Skalla nach Pohoreelek -  "Pohoreelek"    mit Häkchen auf dem "r" und "c" am Ende - abgegangen ist, so...

Ilsebill  (wirft die Feder hin):    Schon wieder dieser blödsinnige Vorposten Numero 8! Gott, wie  scheußlich langweilig ist euer Krieg.

Keith:     Ich bitte dich, schreibe!

Ilsebill:     Ich mag nicht mehr. Mir wachsen diese Menagemeldungen für die Vorposten schon zum Halseheraus. Mit dem Sitzfleisch und der Kielfeder führt ihr euern Krieg!

Keith:     Ich bitte dich, mein Kind! Kann ich denn dafür, daß das keine Beschäftigung für dich ist? Habe ich dir vielleicht zugeredet, mitzuziehen? Habe ich mich nicht lange genug gegen diese wahnwitzige Marotte gesträubt? Und habe ich dich nicht noch in Pirna, als du in dieser Verkleidung zu mir kamst... (Sich gegen Ilsebill umwendend): Um Gotteswillen, wie sitzest du denn da? Willst du mich vor's Kriegsgericht bringen? Knöpfe dir sofort die Bluse zu!

Ilsebill:     Es ist so heiß.

Keith:     Und wenn man dich so sieht?

Ilsebill:    Wer soll denn jetzt schon kommen?

Keith:    Es ist sechs Uhr. Es können gleich die Ordonnanzen da sein.

Ilsebill:    Die klopfen an die Türe. Inzwischen habe ich längst die Bluse zugenknöpft.

Keith:    Und wenn Seine Majestät kommt?

Ilsebill  (rasch die Knöpfe schließend):    Der König? Du glaubst, daß der König heute wiederkommt?

Keith:    Gewiß kommt er heute. Die Pontonbrücken bei Podbaba sind wieder hergestellt. Er muß seine letzten Maßnahmen treffen. Die österreichische Armee formiert sich bei Kolin. Binnen ein er Wopche kann sie hier sein. Wenn sich Prag binnen vier Tagen nicht ergeben hat, waren Schlacht und Belagerung vergebens.

Ilsebill:    So stürmt also die Stadt!

Keith:    Dazu ists zu spät. Bevor wir sie besetzt hätten, könnten wir selbst darin gefangen sein. Umzingelt und belagert.

Ilsebill:   Siehst du: Habe ich dir nicht schon vor vier Wochen gesagt, wir sollen stürmen! Ihr glaubt mit Vorpostenmeldungen kann man den Krieg gewinnen. Wie du mich vehöhnt hast, daß ich eine Närrin bin! Eine Abenteurerin. Und daß ich mitgezogen bin, um tolle Schlachten zu sehen.

Keith:    Und warum bist du denn sonst ins Feld gegangen? Unter falschem Namen, als mein Adjudant?

Ilsebill:    Weil ich dich lieb haben wollte...

Keith:    Das konntest du in Berlin auch.

Ilsebill:    Ich konnte aber nicht. Du warst mir eine Enttäuschung. Und da dachte ich mir: im Felde wird er anders sein. Kein Kanzleischreiber, sondern ein Krieger, verstehst du! Ein Mann! Aber ich sehe, ein Mann ist überall gleich, im Bett, wie im Krieg. Vorpostenmeldungen... Munitionsverteilung... Retablierungsvorschläge... (Hysterisch auflachend): Du trägst ja nicht einmal einen Degen, Herr Marschall.

Keith:    Dekorationsstücke! Ich glaube, der Säbel ist bei dir ein Symbol für Männlichkeit. Aber die Zeiten sind zu ernst für solche Spiele. Glaubst du, die Festung dort unten wird sich ergeben, wenn ich mit Degen und Waffenrock und Goldverschnürung vor dem Schreibtrisch umherstolziere..?

Ilsebill:    Sie würde sich ergeben, wenn du ein Mann wärest.

Keith:    Vielleicht tut sie's, trotzdem ich keinen Degen trage. Bin neugierig, ob du mir dann abbitten wirst.

Ilsebill:    Ich fürchte, es wird nicht dazu kommen. Nicht einmal unsere böhmische Bäuerin aus Rixdorf hat gestern in die Stadt gelangen können, trotzdem die Alte, weiß Gott, ehrlich genug aussah. Sie spricht kein Wort deutsch, und doch haben die Österreicher sie nicht hinter die Stadtmauern gelasen. So vorsichtig ist man nicht, wenn man übergabebereit ist.

Keith:    Daß der Hunger unten furchtbar ist, wissen wir. Auch die Kanonenschüsse werden auffallend selten. Und daß die Entsatzarmee so nahe ist, können sie unten nicht ahnen. Wir haben die Stadt gut abgesperrt, mit unserer Vorpostentaktik, die du verspottest. Vielleicht haben wir heute schon Gewißheit. Vielleicht flattern schon heute weiße Fahnen auf den Türmen, - vielleicht bringt uns Käsebier schon morgen bestimmte Nachrichtk.

Ilsebill:    Kommt der heute schon?

Keith:    Ich habe ihn schon heute Nacht erwartet. Eine seltsame Idee des Königs, einen Dieb mit Eil-Stafetten aus dem Zuchthaus holen zu lassen.

Ilsebill:    Eine seltsame Idee! Also heute kommt Käsebier. Wie würden alle Weiber und Schlujungen mich beneiden, wenn sie wüßten, daß ich den "großen Käsebier" von Gesicht zu Gesicht sehen werde.

Keith:    Das ist etwas für dich, ein Meisterdieb... was?

Ilsebill:    Warum für mich?

Keith:    Nun, du betest doch den Erfolg an und liebst das Abenteuer. Da hast du doch einen Erfolgreichen und einen Abenteuerlichen dazu. Stell' dir nur vor: siebenhundert Diebstähle hat er verübt, dreimal wurde er gestäupt, zehnmal ist er aus Zuchthäusern entkommen.

Ilsebill:    Und so einer, meinst du also, könnte mich interessieren? Du beleidigst mich mit jedem Wort! Das sagst du mir, nachdem du mich schon ein Jahr kennst. So wiederhole ich dir's: Ich kann nur einen Adeligen achten, einen Mann, verstehst du, der adelig von Herz und Geblüt ist. Und wenn ein solcher den Erfolg für sich hat, und wenn er heldische Abenteuer besteht, au Liebe, aus Stammesehre oder aus Pflichtgefühl, dann kann ich ihn auch lieben! Vier meiner Ahnen haben in den Kreuzzügen gekämpft, und deren Blut habe ich in mir. Und wahrscheinlich habe ich auch Raubritter im Stammbaum, aber die durften rauben, denn sie hatten ein Recht dazu, und konnten wohl auch Anderes als das. Aber ich lache schon darüber, wenn sich bürgerliche Offiziere duellieren, und sich vorkommen, wie Ritter beim Turnier. Ich lache darüber, wenn ein Bäckermeister seine ungetreue Frau erschlägt, "um seine Ehre zu wahren"; - er soll gute Wecken backen, das ist seine Ehre und sein Geschäft. Und nun kommst du, und mutest mir einen Lumpenproleten zu, einen Dieb! Ein Dieb ist das Abscheulichste, was ich kenne. Ein Dieb ist ein schleichendes Gift, ein Dieb ist feige und heimtückisch. Leise zu sein, ist seine ganze Kunst. Lauern, bis eine Wohnung verlassen, ein Fenster offen, eine Tasche unbewacht ist, und dann zögernd mit den Fingern danach tasten, - pfui, wie gemein! Und nichts anderes befürchten zu müssen, als mit Staupbesen verprügelt zu werden und mit kahlem Schädel auf der Pritsche zu schlafen! Ja, ich bin für Verbrecher, aber nur dann, wenn der Verbrecher ein Edelmann ist, - das heißt: edel und frei und schön und rein, und wenn er seine schlimme Tat aus gutem Grund begeht, aus Liebe, aus Stammesehre, aus Rache oder aus Pflichtgefühl. Der Verbrecher muß ein Ritter sein, und der Ritter ein Verbrecher. Aber ein Langfinger, der in verschwitzter Wolljacke gefesselt zur Zwangsarbeit tappt, und sich am Abend in der Gitterzelle die Läuse kratzt, so Einen hältst du für mein Ideal, so schätzest du mich ein?

Keith:    Aber schau, der König will ihn doch empfangen.

Ilsebill:    Oh, der König! Der König dürfte alle Verbrechen begehen, denn er ist unfehlbar und unbesiegbar, er ist so groß, so groß, daß mir schwindelt, wenn ich daran denke. Aber er dürfte sich keines Verbrechers bedienen, am allerwenigsten eines Diebes. (Flüsternd): Siehst du, das hat mir gleich mißfallen, daß Friedrich einen Langfinger zu sich beruft, einen feigen Taschendieb... Er fühlt das selbst: Hat er nicht dem Ordonnanzoffizier strengstes Stillschweigen über die Eskortierung Käsebiers aufgetragen?

Keith:    Aber er braucht ihn. Soll er die Campagne verlieren, weil er moralische Skrupel hat?

Ilsebill:    "Die Campagne verlieren!" Wer spricht von so etwas? König Friedrich ist unbesiegbar. Nicht einmal ein einziges Treffen kann er verlieren, das er selbst befehligt. Aber es könnte rascher gehen, wenn Ihr vorwärtsstürmen würdet, immer vorwärts... (Seufzt): Aber mit Vorpostenverschiebungen --

Keith:     Um Gott, du erinnerst mich an die Vorposten, ich muß inspizieren gehen. (Er setzt den Hut auf und knöpft den Rock zu): Es ist schon sieben Uhr.

Ilsebill:    So nimm doch auch den Säbel.

Keith:    Du quälst mich fortwährend... Na, wenn du glaubst, daß ich dann schärfer durch's Fernrohr sehen werde (Er beginnt den Degen anzuschnallen): Der Säbel als Geschlechtssymbol! Hast du nicht Angst, daß ich dich betrügen werde, wenn ich mit dem Degen davonstolziere?

Ilsebill:    Nein. Du betrügst mich, indem du den Degen dort am Rechen baumeln läßt.

Keith (hat den Degenumgeschnallt, Handschuhe angezogen, den Hut aufgesetzt. Dienstlich): Fahnenjunker!

Ilsebill (in die Achtungsstellung fahrend): Zu Befehl, Herr Marschall.

Keith:    Er bleibt und schreibt die Rapports.

Ilsebill:    Zu Befehl, Herr Marschall.

(Keith ab.)

Ilsebill (geht, nachdem Keith den Saal verlassen hat, unwillig zu ihrem Platz, reißt den Waffenrock vom Leib und wirft ihn auf den Tisch. Dann läßt sie sich auf den Stuhl fallen und beginnt - zuerst unbewußt summend, dann lebhaft und gefühlvoll singend - dieses Lied):

Ein Ritter war mein eigen mit blankem Wappenschild...

Durft ihm die Lieb nicht zeigen, Ich mußte sie verschweigen...

So ward er nicht mein eigen, Der Ritter jung und wild.

 

Ein König ward mein eigen, ein König hoch und hehr,

Ein König sondergleichen, durft ihm die Lieb nicht zeigen...

So ward er nicht mein eigen, mir ist das Herz so schwer.

 

Mein Herz ist nicht mein eigen, mein armes Mädchenherz. Ach, ist's doch schwer zu schweigen...

 

König Friedrich II. (ist, von Ilsebill unbemerkt, in Dreispitz, Reitstiefeln und mit Reitstock, von rechts eingetreten, und in der rechten Zacke der sternförmigen Zimmers horchend stehen geblieben. Der Klang der Mädchenstimme scheint ihm nicht unangeheh, doch besinnt er sich bald auf seine den Krieg betreffenden Grundsätze und auf seine Antipathie gegen Frauen, dort, wo sie nichts zu tun haben. Er tritt vor, sieht die entkleidete Ilsebill, stößt unwillig mit dem Stock auf den Boden): Frauenzimmer!

Ilsebill (verstummt mit einem Schrei. Sie springt auf und starrt den König wie eine Erscheinung an): Mamajestät...

Der König:    Kleide sie sich an!

Ilsebill (nimmt den Waffenrock, will ihn anziehen, aber in ihrer Aufregung gerät sie in einen falschen Ärmel, dann kann sie wieder nicht in den richtigen finden. Der König macht Anstalten, ihr in die Jacke zu helfen, unterläßt es aber. Ilsebill beginnt sich zuzuknöpfen, doch ihre Finger versagen den Dienst. Endlich ist es gelungen, sie stellt sich soldatisch stramm.)

Der König: (mißt sie von oben bis unten. Leise drohend):    Frauenzimmer! Was ist das für eine Adjustierungsvorschrift, laut der die Uniformen meiner Fahnenjunker solch ein Futter haben?

Ilsebill:     Majestät...

Der König:    Schweige sie... (Er geht auf und ab, bleibt wieder vor ihr stehen): Schämt sie sich nicht, zu einem luftigen Abenteuer zu machen, wofür Männer sterben müssen?! Was, wenn ich den Scherz akzeptiere, und den Herrn Fahnenjunker mit dem Mädchenhemd noch heute auf Avantgarde abrücken lasse, dorthin, wo es Prager Kugeln gibt?

Ilsebill:    Der Fahnenjunker mit dem Mädchenhemd wird glücklich sein, seine Pflicht zu tun, wie jeder Andere.

Der König:     "Wie jeder Andere?" Kommt sie sich so als Mann vor? Eine Frau soll frauenhaft sein...

Ilsebill:     Es gibt Zeiten, da weibische Naturen überflüssig sind und die Männlichkeit entscheidet.

Der König:     Die Männlichkeit ist aber doch wohl den Männern zu überlassen.

Ilsebill:     Wenn es aber so viele weibische Männer gibt, so wird es wohl auch einem Weib gestattet sein, sich männlich zu betragen.

Der König:   Sie mag recht haben. Aber das können die Frauen auch im Hinterland besorgen. Ich mag keine Jeanne d'Arc in meinem Feldlager. Lese sie die "Pucelle" des Herrn Voltaire!

Ilsebill:     Ich bin keine "Pucelle"...

Der König (ironisch):     In keiner Hinsicht...?

Ilsebill:     In keiner Hinsicht! Das Mädchen von Orleans war ein dummes, ungebildetes Bauernmädchen von krankhafter Schwärmerei, aus Unbefriedigung....

Der König:    Und sie?

Ilsebill:    Ich bin eine Frau vom Stande, ich bin die Schloßherrin von Hohenau. Meine Ahnen haben für die Mark Brandenburg Lohn und Tod gefunden. Soll ich zuhause sitzen in einem solchen Krieg? Hat mich die Hebamme bei meiner Geburt zu lebenslänglicher Feigheit verurteilt, als sie zu meiner Mutter sagte: Es ist ein Mädchen!? Nein! Ich bin die letzte Hohenau, und tue meine Pflicht, wie meine Vorfahren. Bin ich deshalb die Pucelle? Der Herr Voltaire war schlecht auf die Frauen zu sprechen, als er dieses Gedicht schrieb. Es wird ihm Eine Grund dazu gegeben haben. Es war nicht vornehm, Rache an allen zu nehmen!

Der König:    Ei, fühlt sich der Herr von Hohenau plötzlich wieder mit den Frauen solidarisch? Oh, Logik! Aber, Herr Fahnenjunker, darüber wollen wir nicht disputieren. Sie mag aus inneren Gründen gehandelt haben, - bon, ich kann sie dafür nicht bestrafen. Aber der Wille eines Mädchens darf nicht die Zusammensetzung meines Feldlagers bestimmen. Im Krieg muß Ordnung sein, das ist der prinzipale Grundsatz. Und ich will wisen, wen ich jetzt zum Teufel jagen werde, weil er sie mitgebracht hat, meinem ausdrücklichen Befehl zuwider?

Ilsebill:    Majestät...

Der König:     War es der Keith?

Ilsebill:     Der Marschall trägt keine Schuld, Ew. Majestät. Er hat es mir in Berlin verweigert, und als ich in Pirna zu ihm stieß, tat ich es gegen seinen Willen.

Der König:     Bei Pirna? Wann?

Ilsebill:    Zu Beginn der Belagerung.

Der König:     So ist sie schon sieben Monate bei der Armee?

Ilsebill:     Zu Befehl, Ew. Majestät.

Der König:     Und ich Menschenkenner merke nicht, daß der Herr Fahnenjunker, den ich fast täglich zu sehen das Vergnügen habe, ein Frauenzimmer ist!

Ilsebill:     Majestät sind der Erste, der das merkte.

Der König:     Nun, das war bei Gott nicht schwer. In der Montur, in der sie dasaß. (Ilsebill wendet sich verlegen ab.) Und was hat sie angestellt, die sieben Monate lang?

Ilsebill:     Ich machte den Dienst des Personaladjutanten beim Marschall.

Der König:     Und was war dieser Dienst?

Ilsebill:     Ortsnamen aufschreiben, wohin die Proviantkolonnen zu legen sind, Meldungen über Vorpostenverschiebungen, Vorposten und wieder Vorposten...

Der König:     Die Beschäftigung ist wohl weniger amüsant, als sie sich den Krieg gedacht hat? Und keine Gelegenheit zu Heldentaten, die der letzte Herr auf Hohenau erträumte?

Ilsebill (zögernd):     Langweilig, sehr langweilig, Majestät.

Der König:    Alle Kriege sind langweilig. Und der letzte ist immer der langweiligste. Erst die Historiker nach hundert Jahren sagen das Gegenteil.

Ilsebill (lächelnd):    Das ist ein schwacher Trost, Majestät.

Der König:     Warum blieb sie also bis heute, wenn der Krieg sie ennuyiert?

Ilsebill (gibt keine Antwort).

Der König:     Nun?

Ilsebill:    Ich bitte Ew. Majestät auf Knien, mir die Antwort zu erlassen.

Der König:     So, so! Und warum sträubt sie sich?

Ilsebill:     Weil ich Ew. Majestät niemals belügen werde.

Der König:    Also sage sie mir die Wahrheit.

Ilsebill:     Majestät!

Der König:     Fahnenjunker! (Ilsebill nimmt Achtungsstellung an.) Ich befehle ihm mir zu antworten.

Ilsebill (aus der Achtungsstellung in frauenhaftes Benehmen fallend und mit den Schultern zuckend):   Das ist unfair, Majestät.

Der König:     Was??

Ilsebill:    Majestät, verzeihen Sie einer unbedachten Frau!

Der König:     Sie wechselt ihr Geschlecht, so oft ihr's genehm ist: Jetzt also ist sie wieder Frau, weil es ihr in den Kram paßt. Einer Frau die Wahrheit zu befehlen, könnte unfair sein, - da hätte sie recht. Doch ich habe einen jungen Offizier vor mir.

Ilsebill:     Was der junge Offizier zu sagen hätte, Majestät, hängt nicht mit seinem Beruf zusammen. Außerhalb des Berufes könnte er als Frau empfinden.

Der König:    Sie strapaziert ihr Köpfchen, - das beweist, daß etwas dahintersteckt. Ob der Keith bleibt oder geht, hat sie zu bestimmen. Den weiblichen Fahnenjunker könnte ich ihm verzeihen, vielleicht, - den renitenten Fahnenjunker nicht. Anworte sie also! Was hält sie hier?

Ilsebill (mit sich kämpfend):    Mich -- hält hier --  der König Friedrich.

Der König:     Das will verstanden sein?

Ilsebill:     Daß ich auch in der Hölle oder in einem katholischen Nonnenkloster bliebe, wenn mir dort der Anblick und die Stimme König Friedrichs gewährt wäre...

Der König:    Sie begreift wohl nicht, wie wenig mir das schmeichelt, was sie sagt?

Ilsebill:     Ich bin mir bewußt, daß Majestät die Bewunderung Besserer besitzen.

Der König:    Wenn es solche gibt, so schätzen sie als Männer den Mann. Die Frau aber, die dem König ihre Achtung widmet, sagt ihm, daß er des Königs Mantel bedarf, um ihr das zu werden, was ein Anderer ohne diesen Schmuck zu sein vermag.

Ilsebill:    Nur der allerbeste Mann kann ein wahrhafter König sein.

Der König:     Wäre ich höflich, so müßte ich zur Revanche bemerken, daß es nicht die allerschlechteste Frau ist, die das erkennt.

Ilsebill:     Majestät, lassen Sie mich bei der Armee. Ich werde eben so mutig sein wie jeder Soldat!

Der König:    Komisches Frauenzimmer! Heißt es Mut, am ganzen Leibe zittern? Tut das ein ahnenstolzer Hohenau? Aber es paßt ihr, sie ist schön, Frauenzimmer, Fahnenjunker Ilsebill. (Schritte vor der Tür.) Der Keith kommt. Die Affaire bleibt vorläufig unter uns. Mag keinen Eclat. Auch der Marschall erfährt nicht, daß ich informiert bin.

Keith (tritt ein, bleibt stramm bei der Türe stehen).

Der König:    Guten Morgen, Marschall!

Keith:    Guten Morgen, Ew. Majestät!

Der König:    Sie waren rekognoszieren? Was besagen die Meldungen?

Keith:     Vier Feuersbrünste sind in der Stadt zu sehen. Auf der Kleinseite...

Der König:     Ich weiß, ich habe sie bemerkt... Und was ist's mit den Glocken?

Keith:     Sie läuten wieder, wie vorgestern morgens, melden die vorgeschobenen Patrouillen. Aber es klingt auch heute wieder nicht wie Sturmglocken, sondern wie ein Ruf zum Gottesdienst... Zu einem Begräbnis wahrscheinlich... Vielleicht ist vorgestern einer der Prinzen gestorben und wird heute beerdigt... Oder ein General...

Der König:     Und wären es hundert, sie würden meinen armen Schwerin nicht aufwiegen! (Nach einer Pause): Was haben Sie verfügt, Marschall?

Keith:     Die Artillerie bekam Weisung, die Brandstellen unter Feuer zu nehmen, um die Löschungsarbeiten zu erschweren.

Der König:     Wird nichts helfen, es sind kleine Brände, und Prag ist eine steinerne Stadt. Nichts regt sich unter ihren hundert Türmen, was auf Übergabe deuten würde. Ich war heute selbst auf dem Weißen Berg, zu rekognoszieren; keine Bewegung ist dort unten zu bemerken. Und Daun ralliert sich immer mehr bei Kolin. Gestern bekam er wieder zwei oberösterreichische Regimenter. Innerhalb fünf, sechs Tagen wird es zur Schlacht kommen. Wie soll ich die Schlacht gewinnen, wenn ich die Belagerungsarmee von Prag nicht frei habe...? (Er geht mit geballten Fäusten auf und ab). Es ist furchtbar, furchtbar. Ganz Europa wird jubeln, wenn ich am Boden liege. Mitsamt meinen Bundesgenossen... (Plötzlich): Marschall, lassen sie den hannoverschen Attaché bewachen.

Keith (erstaunt):    Den hannoverschen Attaché?

Der König:     Der Kerl schleicht immerfort hinter mir her... Heute früh unterhielt er sich wieder mit einem Wachtmeiter meiner Leibkürassiere; als ich vorüberkam, war er erschrocken. Möcht wissen, ob der Kerl vielleicht Geheimberichte über mich nach England schickt!

Keith:    Majestät, das halte ich für ausgeschlossen.

Der König:     Hm, es wäre auch eine verrückte Idee! Wenn ich keinen Anlaß zu Mißtrauen gegen meinen britischen Bundesgenossen habe, - England kann keineswegs einen Anlaß zu Mißtrauen gegen mich haben. Ich wehre mich ja meiner Haut. Dieser hannoversche Attaché ist mir aber so antipathisch...

Keith:     Aber Geheimberichte schickt er doch wohl kaum fort.

Der König:     Ja, Sie haben recht, Marschall. Unterlassen Sie also noch die Bewachung. Nur weil ein Mensch antipathisch ist...? Mir ist heute die ganze Welt antipathisch...

Keith:     Ew. Majestät sind mißgelaunt heute.

Der König:     Mißgelaunt, ja, vraiment, mißgelaunt. Liebe es nicht, wenn's die Weltgeschichte so macht, wie mein Racine. Liebe es nicht, wenn die Weltgeschichte die griechischen Tragiker kopiert. Die Historie soll nicht die Einheit des Schauplatzes wahren. Sie hat Kulissen genug, warum holt sie also die alten hervor? Man fühlt sich dann nicht frei, ist an seine Rolle gebunden. Bin immer mißgelaunt, wenn ich hierher rekognoszieren komme. Sagt' ich es nicht schon vor einem Monat: dieser Weiße Berg bringt uns Protestantischen Friedrichen keine Fortune. Hier reußieren die Oesterreichischen.

Keith:     Wie können Ew. Majestät das sagen! Vor einem Monat haben Ew. Majestät hier den größten Sieg der Weltgeschichte erfochten. Und den überraschendsten. Gerade über die Österreicher.

Der König:     Einen Sieg? Wo sehen Sie seine Frucht? Eine Bataille habe ich gewonnen, und nicht mehr. Nicht einmal die Stadt wurde genommen, nicht einmal heute, nach fünf Wochen! Bien, Europa fuhr der Schreck in die Glieder, aber jetzt hat es wieder seine Contenance gewonnen. Die Koliner Armee, - sie wird mich nicht mehr unterschätzen. In zehn Tagen können wir eine zweite Schlacht bei Prag haben. Und ich bin voll von Sorgen...

Keith:      Gewiß, Majestät, der Krieg ist nicht am Ende, der kann auch noch einmal so lange dauern, als er schon gedauert hat. Noch einmal sieben Monate...

Der König:     ...oder sieben Jahre...!

Keith (devot lächelnd):     Nun, wenn auch nicht sieben Jahre, so doch noch einmal sieben Monate und noch mehr. Aber hätte Ew. Majestät vor Monatsfrist dort drüben die Farm Stierbohol verloren, dann wäre Ihr "siebenjähriger Krieg" schon zu Ende, Majestät.

Der König:     C'est possible. Mais une victoire? Ce n'était pas une victoire. Die Oesterreicher, ja, die hatten hier eine, vor hundertdreißig Jahren! Schauen Sie hinunter, Keith, in dieses Prag, das sie sich unterworfen haben, es gedemütigt, bestialisch bestraft. Sehen Sie irgend ein Mouvement? Und doch würde jetzt jede Revolte Rache bringen. So, Marschall, so haben damals die Kaiserlichen gesiegt. In einer Stunde über Länder und Jahrhunderte zu entscheiden, - das war eine Victoire. Aber die meinige?

Keith:     Majestät sollten nicht selbst auf den Weißen Berg gehen, zu rekognoszieren.

Der König:    Wissen Sie, daß da oben Descartes einen Granatsplitter abbekam? Ein Splitterchen in die Wange? Ich muß immer daran denken: wie sähe heute die Philosophie aus, wenn die Bombe diesen österreichischen Gemeinen getötet hätte! Dexcartes - eine Leiche, vor seiner philosophischen Zeit! Epouvantabler Gedanke! Non cogite ergo non sum! Bei den Göttern, ich liebe keine Schäferspiele, - aber wissen, daß drüben beim Karl ein Descartes dient, - micht würde bei jeder Kartätsche, die ich jetzt nach Prag schicke, der Cartesianische Zweifel packen. Vielleicht ließe ich dann überhaupt nicht schießen, auch wenn solches dahier dem feurigen Fahnenjunker contre coeur ginge.

Ilsebill:     Majestät, Majestät! Müssen acht geben, daß die Pompadour solche Ansichten nicht erfährt! Sonst macht sie ihren Voltaire zum Generaltruppeninspektor der eilenden Reichsexekutionsarmee...

Der König (kichert):    Mein alter, schlauer Voltaire, - ein Soldat, déliceux! Akzeptieren würde er den Gerneralsrang gleich, denn eitel ist er wie keiner, mein alter Christmoque. Haha, wenn er Marschall in Prag wäre, weiß Gott, dann schickte ich wohl täglich die doppelte Ration von Bomben über die Moldau, damit er besser über seinen Eudämonismus meditieren könnte. (Ernst werdend): Aber es ist Sacrilegium ihn mit Descartes zu vergleichen! In einer geometrischen Formel von Descartes steckt mehr Weltweiheit als im neunzigbändigen Oeuvre Voltaires. Nein, nein, - ich kann leider ruhig schließen lassen, - unserer Zeit lebt kein Descartes, unserer Generation ist kein Unsterblicher vergönnt...

Ilsebill (warm):     Oh, Majestät, uns lebt ein Unsterblicher! (Sie weist auf den König, der ihr den Rücken gekehrt hat, und diese Geste nicht bemerkt): Uns lebt ein Unsterblicher, der Philosophie und Tat vereinigt.

Der König:     Nein, Junker, den gibt es jetzt nicht!

Ilsebill (wie oben):    Majestät, es gibt Einen, dessen Geist man ohne Haß bewundert und dessen Taten ganz Deutschland liebt, von dem man sich Wundersagen erzählt.

(Der Adjutant du jour ist eingetreten und stehen geblieben. Der König beachtet ihn nicht.)

Der König (auf und ab gehend):    "Ein Mann, dessen Geist man ohne Haß bewundert und dessen Taten ganz Deutschland liebt?" - "Von dem man sich Wundersagen erzählt?" (In der Nähe des Adjutanten stehen bleibend): Wer soll das sein?

Der Adjutant (sich befragt glaubend, meldet):    Der Strafgefangene Käsebier.

(Der König, Keith und Ilsebill lachen. Auf einen Wink des Königs öffnet der Adjutant die Türe, drei Grenadiere mit aufgepflanzten Bajonetten führen Käsebier herein. Er ist kleion, kurzgeschnittenes rötliches Haar, schlecht rasiert, Zwillichkeider, die Hände vorne gefesselt, an der Kette hängt eine Eisenkugel.)

Der König (zum Adjutanten):    Abtreten. (Adjutant und Grenadiere ab. Zu Käsebier): Er war die ganze Zeit so gefesselt?

Käsebier:    Nein, Ew. Majestät. Erst vor einer Stunde, beim Betreten des Lagers hat mir der Lieutenant die Ketten wieder angelegt.

Der König:    Es ist nicht nobel von ihm diese Nachsicht zu verraten!

Käsebier:     Majestät, ein Lieutenant, der glauben könnte, ein Mann von Witz werde flüchten, wenn er zum großen Friedrich geführt wird, - ein solcher Lieutenant wäre nicht würdig, in den Diensten des großen Friedrich zu stehen.

Der König:     Nun, ein Mann von Witz scheint er vraiment zu sein. (Er gibt Ilsebill den Schlüssel und weist ihr durch Geste an, die Handfesserln Käsebiers aufzusperren.)

Käsebier:     Sonst hätten mich Ew. Majestät nicht zu sich berufen. (Leise zu Ilsebill, die mit dem Öffnen des Schlosses beschäftigt ist): Bei wem sind Sie Adjutant, Madame, beim Herrn Marschall oder bei Seiner Majestät?

Ilsebill (erschrocken):    Wie kommt er darauf, mir "Madame" zu sagen?

Käsebier:    Sollte ich das nicht erkennen, so müßte ich ein schlechter Dieb und - was schlimmer wäre! - ein schlechter Frauenkenner sein.

Ilsebill (verwirrt, aufstampfend):    Es ist nicht wahr.

Der König (aufmerksam geworden, hinzutretend):    Was ist nicht wahr?

Ilsebill (schweigt).

Der König:    Was ist nicht wahr, will ich wissen.

Käsebier (auf Ilsebill deutend):    Die Wahrheit, Majestät.

Der König (stirnrunzelnd):     Das hat er gleich erkannt?

Käsebier:     Beim ersten Blick, Majestät.

Der König (zu sich):    Ich hatte sieben Monate dazu gebraucht. (Zu Käsebier): Sein Scharf blick ist groß.

Käsebier:    Hätten mich sonst Ew. Majestät zu so wichtiger Aufgabe ausersehen?

Der König:    "Zu so wichtiger Aufgabe?"  Weiß er denn, was ich von ihm will?

Käsebier:    Ich denke es mir, Majestät.

Der König:    Nun?

Käsebier:    Ich denke, ich soll mich nach Prag einschleichen, auskundschaften, wo Prinz Karl wohnt, wo Prinz Xaver wohnt, wo Marschall Browne wohnt, wo das Generalquartier, die Munitionslager sind, die Rouragmagazine, wieviel etwa darin ist...

Der König (nickt):     Bien.

Käsebier:     ...wo die Batterien aufgestellt sind, wo die Truppen untergebracht sind, ob sich etwas zu einem Ausfall rührt und in welcher Richtung, ob sich eine Übergabe vorbereitet...

Der König (lebhaft):     Bien, bien!

Käsebier:     ...ob ein Tor oder eine schwache Stelle in den Bastionen zum Einfall nach Prag geeignet wäre....

Der König:     Nein, brauche ich nicht!

Käsebier:     Aber wenn ein Platz ganz vernachlässigt wäre, oder ein Wachtposten für unsere Sache gewonnen werden könnte? 

Der König:    Widerspreche er nicht! Ich will nur wissen, ob sich binnen fünf Tagen eine Übergab e der Stadt vorbereitet oder ein Ausfall. Wenn ich's durch Beschießung important. Die Hauptsache ist, daß ich binnen drei oder vier Tagen Informations von ihm habe. Wird ihm das gelingen?

Käsebier (hat bei dem Satz "die Bewachungsverhältnisse interessieren mich nicht" erstaunt aufgehorcht): Ach so, die Entsatzarmee ist schon so nahe!

(Der König, Keith, Ilsebill: Geberde des Schreckens.)

Keith (zu Käsebier, nach dem richtigen Ausdruck suchend):    Die Entsatzarmee - was fällt ihm ein - es gibt überhaupt keine Entsatzarmee.

Käsebier (lächelt. Mit ironischer Geste):    Wie Herr Marschall befehlen.

Der König:     Ich habe ihn etwas gefragt! Wird es ihm gelingen, mir binnen vier Tagen die Informations zu bringen?

Käsebier:    Gestatten Majestät submissest eine Frage: Werden Ew. Majestät die nächste Schlacht gewinnen?

Der König:    Vergleicht er einen Kundschaftsgang mit einer Bataille?

Käsebier:     Eigentlich nicht. Eine Schlacht könnten Ew. Majestät auch durch fremde Schuld verlieren. Ungeschicklichkeit einer Patrouille, Feigheit einer Abteilung, Voreiligkeit eines Unterkommandanten, Unbill der Witterung....

Der König:     Er will mir schmeicheln?

Käsebier (überlegen lächelnd):    Nun, wenn Ew. Majestät das so auffassen...

Der König:     Ach so, jetzt verstehe ich, - er will sagen, auch meine Erfolge sind nicht die meinigen.

Käsebier:     Nicht bloß die Ihrigen, - halten zu Gnaden, Ew. Majestät.

Der König:     Wogegen seine Erfolge bloß seine eigenen sind?

Käsebier:     Ich bin der neunte Sohn eines armen Schneiders in Halle.

Der König:     Und er glaubt, es weit gebracht zu haben?

Käsebier:     Das Volk Deutschland nenntn den Namen Andreas Christian Käsebier ohne Haß und mit Bewunderung. Man erzählt Wundersagen von mir. Ich gelte als Mann, der Philosophie und Tat vereinigt. Das Appellationstribunal von Magdeburg hat mich zum Tode durch das Rad verurteilt. Der große Friedrich hat mich zu lebenswierigen Kerker begnadigt, und beruft mich zu sich, da er meiner bedarf. Das ist mehr, als je der neunte Sohn eines armen Schneiders erreicht hat.

Der König (langsam, boshaft):     Ich habe ihn nicht deshalb unter den Dieben Deutschlands ausgesucht, weil er mir als besonders geschickt bekannt ist, sondern nur deshalb, weil ich weiß, daß er die Stadt da unten kennt. Er hat ja in Prag wegen Diebstählen Staupenschläge und Pranger ausgestanden, nicht wahr?

Käsebier:    Ich hätte nie gehofft, daß der große König von Preußen aus meinen Diebstählen Nutzen ziehen würde. Das ist mehr, als je ein Dieb Deutschlands erreicht hat.

Der König:     Sein Ruhm ist sehr beschränkt.

Käsebier:    Ew. Majestät, wenn ich als Kronprinz geboren wäre, so würde man mich auch in der neuen Welt kennen. Von höherem Sprungbrett springt man höher, - wenn man springen kann.

Der König:     So meine ich's nicht. Ich glaube, daß ein Ruhm beschränkt ist, der mit unserem Körper ins Grab sinkt.

Käsebier:     Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch ich einmal meinen Homer finde. Vielleicht läßt noch nach zwei Jahrhunderten ein Autor den Dialog drucken, den der große Hohenzoller und der große Käsebier miteinander heute führen.

Der König:    Davon wird sich nichts in den Akten finden!

Käsebier:    Man hat mich durch das Lager führen gesehen, und sicherlich ist bereits ein Geheimbericht von dieser Audienz an den englischen Hof abgegangen...

Der König (aufbrausend):    Wie kommt er darauf?

Käsebier:    Meinem beschränkten Untertanenverstand erscheint es ganz selbstverständlich, daß Britannien seinen großen Bundesgenossen bespitzelt...

Der König:     Ein Friedrich der Zweite wird nicht bespitzelt!

Käsebier:     Majestät, ich weiß aus Erfahrung, daß es gerade die Größten ihrer Zeit sind, die bespitzelt werden. Und so wird auch mein Besuch in den Akten stehen, und ein findiger Komödienschreiber kann diese Tatsache nach zwei Jahrhunderten ausfindig machen...

Der König:     Aber niemand kann wissen, was wir hier gesprochen haben, - niemand schreibt ja ein Protokoll über unsere Unterredung.

Käsebier:     Ein Mann von Talenten wird es sich denken und ziemlich getreu wiedergeben können, was der große König seiner Zeit mit dem größten Dieb seiner Zeit im Lager von Prag sprechen konnte.

Der König:    Er ist selbstbewußt, Käsebier. Was hat er denn Großes getan?
Käsebier (bemerkend, daß Ilsebill ihn groß und erregt anschaut):    Ich war wegen sechshundert Diebstählen angeklagt.

Der König:    Er rühmt sich dessen, wie ein Anderer eroberter Festungen...

Käsebier (mit Blick auf Ilsebill):     ...oder eroberter Frauen. Und mit ebensoviel Recht oder Unrecht.

(Ilsebill wendet sich, gespielt ärgerlich, ab.)

Der König:    Mag sein. Was war sein geschicktestes Gaunerstück? Will sehen, ob seine Impertinenz Berechtigung hat. (Setzt sich): Erzähle er mir's!

Käsebier:    Majestät, ich bin kein Schauspieler, der Monologe memoriert hat und sie auf Wunsch deklamieren kann. Bin kein Fabeldichter, der seine Verse aufsagt, wenn man sie von ihm verlangt.

Der König (ironisch):     Er will sagen, daß er ein Mann der Tat ist und nicht des Wortes?

Käsebier:    Nein, Majestät. Ich kann auch vortrefflich erzählen. Aber im Freundeskreis, in froher Gesellschaft, bei einem Glas Wein, wenn sich dann eine Situation ergibt, eine passende Anekdote, eine Reminiszens. Aber, halten zu Gnaden, Ew. Majestät, so auf Kommando kann ich nichts Zusammenhängendes vorbringen.

Der König:     Er meint also, ich müßte ihn zum Souper bei mir einladen?

Käsebier:    Spotten Ew. Majestät nicht! Wenn ich wiederkehre, kann es leicht sein, daß Majestät mich bei der Hoftafel an Ihrer Seite sitzen lassen!

Der König:     Aber, Käsebier, was würde sein Komödienschreiber nach zweihundert Jahren dazu sagen, daß ich in Gesellschaft eines Kriminalverbrechers gespeist habe?

Käsebier:     Er würde sagen, daß es im Kriege eben als Verdienst gilt, Kriminalverbrecher zu sein. Wenn jemand den Feind tötet, so ist er eben kein Mörder, sondern ein Mordskerl. Wenn jemand in feindliche Städte einbricht, so ist das kein Einbruchdiebstahl, sondern ein siegreicher Einbruch. Und wenn da unten in Prag plötzlich das Kaiserliche Hauptquartier in Flammen stehen wird, so werden Ew. Majestät schwerlich sagen, daß der Käsebier ein Brandstifter ist, sondern: ein Feuerkopf. Und da Ew. Majestät sich nicht danach richten, was ein Autor nach zweihundert Jahren zu Ihren Taten sagen will, so werde ich bei Ew. Majestät Hoftafel neben Ew. Majestät sitzen, und Ew. Majestät lustige Kapitel aus dem Kriminalroman "Leben und Taten des Andreas Christian Käsebier" erzählen.

Der König (unwillig):     Er schwätzt zuvie. Ich unterlasse es, ihn zu meiner Tafel zuzuziehen, nicht darum, weil ich fürchte, jemand könnte darüber seine Glossen machen, sondern weil es mir nicht paßt. Er wird auch mit anderer Recompense zufrieden sein. Er wird begnadigt werden und Geld bekommen. Ist er's zufrieden?

Käsebier (schweigt).

Der König (geht zum Ausgang).

Keith (leise zum König):     Majestät haben ihn nicht für sich gewonnen.

Der König:    Mag sein. Liebe es nicht, wenn in meinem Land die Diebe klüger sein wollen als der König.

Keith:    Man sollte ihn nicht über meine Vorpostekette hinauslassen. Er weiß manches und könnte uns verraten.

Der König:    Er weiß nichts, was er beweisen könnte. Am allerwenigsten würde man ihm in Prag glauben, wo er als Verbrecher bekannt ist. (Zu Ilsebill): Man bringe den Strafgefangenen Käsebier vor die Vorpostenlinie beim Reichstor. (Er setzt den Dreispitz auf.) Adieu, meine Herren!

Keith und Ilsebill (nehmen Achtungsstellung an, während Käsebier mürrisch stehen bleibt):    Adieu, Majestät (Der König geht ab; Gesprächspause.)

Keith ( zu Ilsebill): Fahnenjunker, verschaffe er ihm andere Kleidung. Die Wegzehrung kann reichlich bemessen sein, sehr reichlich sogar. (Leise): Versuche es, ihm Ambition für seine Aufgabe zu machen. (Laut): Und dann veranlasse er seine Eskortierung zum Vorpostenkommando römisch zwei. Quittung und Gegenschein, lautend "auf einen Zivilisten", sind dem Begleitmanne mitzugeben. (Ab mit kurzem Gruß.)

Ilsebill (geht zum Schreibtisch und setzt sich, Käsebier den Rücken zukehrend, nieder): Was für Kleider will er haben?

Käsebier:    Nur irgend einen Zivilrock und eine Hose, - pardon ein Beinkleid.

Ilsebill:    Will er vorher noch menagieren?
Käsebier:    Danke, ich habe bereits gegessen.

Ilsebill:    Wieviel will er als Wegzehrung?

Käsebier:    Ich brauche keine.

Ilsebill:     Er geht wohl nich sehr gerne an seine Aufgabe?
Käsebier:    Ich hatte mich während der ganzen Fahrt darauf gefreut. Ich muß gestehen, daß mein Eifer jetzt sehr herabgemindert ist. Die Unterredung war nicht dazu angetan...

Ilsebill:     Das war sein Fehler.

Käsebier:     Ich darf Fehler machen, ich bin ein Privatmann. Sehen Sie, Madame...

Ilsebill (unwillig):    Sag er mir nicht: "Madame!"

Käsebier:     Pardon, Herr Fahnenjunker! Sehen Sie, Herr Fahnenjunker, wenn der König in Sansouci die Flöte spielt, duldet er keine Zuhörer. Aber heute hat er ein Kriegsgeschäft vor Zeugen abgewickelt, er hat sozusagen konertregieren wollen, weil eine schöne Dame anwesend war.

Ilsebill (sich umwendend):    Meinetwegen...? Er glaubt, daß der König...?

Käsebier:    Ich glaube, daß der König erst heute erkannt hat, daß Herr Fahnenjunker eine Frau ist...

Ilsebill:     Ja, und --?

Käsebier:    ...und daß er deshalb den Herrn Fahnenjunker mitsamt dem Marschall nicht aus dem Zimmer lassen wollte, als er mit dem schlauen Dieb zu verhandeln hatte. Er wollte sich in seiner Überlegenheit zeigen...

Ilsebill:    Und warum hat er dem König diesen "Triumph" nicht gegönnt?

Käsebier (nach einer kurzen Pause):     Aus dem gleichen Grund.

Ilsebill:     Ich verstehe nicht...

Käsebier:    Verzeihen Sir, Madame, - Herr Fahnenjunker, ich bin seit acht Jahren in Stettin gefangen, und das schlimmste daran ist, daß ich den Anblick von Frauen entbehren muß. Und nun werde ich hierher gebracht, vor den größten König und - die schönste Frau. Vor dem König hätte ich bescheiden sein, hätte ich mich sogar dumm stellen können. Vor einer Frau könnte ich das niemals, Herr Fahnenjunker. Und meine Schlagfertigkeit mußte bis zur Frechheit, meine Klugheit bis zur Dummheit gehen, da ich vor der schönsten Frau stand, die ich jemals gesehn, Herr Fahnenjunker.

Ilsebill (kokett):    Er ist seit acht Jahren in Stettin gefangen, und das schlimmste daran ist, daß man den Anblick von Frauen entbehren muß. Die erste, die man dann sieht, ist dann die schönste.

Käsebier:     Ich bin vorher auf meinen Fahrten durch ganz Europa gekommen, und bin zur Nacht in vielen Schlafzimmern schöner und vornehmer Frauen zu Gast gewesen, - wenn sie auch zumeist nichts davon wußten. Prinzessinnen haben sich vor mir entkleidet und die Maitresse eines regierenden Herrn, reife Frauen und junge Mädchen. Es gab solche, die sich breit vor den Spiegel stellten, sich an ihrer nackten Schönheit zu weiden, - und sie waren weich und häßlich. Es gab solche, die sich vor sich selbst schämten, und geduckt in einem Winkel aus ihrem Hemd schlüpften, - und sie waren hart und schön. So schön, daß ich ihnen ihren Schmuck schenkte, der meinem Griff erreichbar auf dem Tisch lag, und mit leeren Händen aus dem Fenster stieg. Und den Frauen, die ich persönlich kennen lernte, auf meinen Fahrten, schenkte ich Gold und Diamanten, wie sie kein König schenkt. So viele waren es, daß mir kein Kleid mehr einen Reiz vorpielt, keine Kleid mehr einen Reiz verbirgt. Und als ich jung und doch für immer auf die Festung kam, da dachte ich mir, es müsse wohl so sein, denn ich hatte alles genossen, was zu genießen ich mir gewünscht hatte... Und heute muß ich Sie sehen, Herr Fahnenjunker, die schönste Frau...

Ilsebill (ist aufgestanden und reicht ihm die Hand, die Käsebier heiß küßt):    Er versteht es, schön zu sprechen...

Käsebier:    Die schönste Frau... Zum ersten Male schaudert es mir, wieder hinter die Zuchthausmauern zurückzukehren, wenn draußen eine so schöne Frau lebt...

Ilsebill:     So versöhne er den König, bringe er gute Nachrichten...

Käsebier:    Das steht nicht in meiner Macht.

Ilsebill:     Ein Mann wie er! Er sollte sich nicht in die Stadt zu schleichen vermögen und binnen vier Tagen alles auszukundschaften?! Erfahre er auch, wie es dem Freunde des Königs geht, dem Dichter Ewald von Kleist, der unten gefangen ist, - der König liebt ihn über alles. Erfahre er...

Käsebier:     Ach was, nicht darum handelt es sich! Ich vermöchte unten anderes zu tun, als Fouragemagazine auszukundschaften und den Krankenbefund eines gefangenen Frühlingsdichters zu erfahren. Aber weshalb? Damit ich nicht nach Stettin zurück muß? Glauben Sie, man würde mich in Prag finden, wenn ich mich verstecken wollte? Wo soll mein Ansporn sein, zu Käsebierschen Taten? (Eindringlich): Seien Sie mein Ansporn!

Ilsebill:    Ich - und Sie?

Käsebier:    Ich und Sie? Sie sagen das "Ich" stolz und das "Sie" verächtlich. Ich bin ein Dieb, Sie sind eine Edelfrau. Deshalb bestand ich darauf, an der Hoftafel zu sitzen, neben dem König... Ich bin ein Dieb, Sie sind eine Edelfrau. Aber ich bin kein gewöhnlicher Dieb und Sie sind keine gewöhnliche Edelfrau. Und wenn ich binnen vier Tagen die Entscheidung herbeiführe und wenn ich an der Hoftafel sitze, neben dem König...

Ilsebill (ungläubig):    ...wenn er die Entscheidung herbeiführt und an der Hoftafel sitzt neben dem König...

Käsebier:    ... dann werden Sie mein sein, Herr Fahnenjunker, in Ihrem Lager...

Ilsebill (spöttisch):    ...dann werde ich die Ihre sein in meinem Lager.

Käsebier (umfängt sie und will sie küssen):    Und die Wegzehrung?

Ilsebill (entwindet sich ihm):     Er sagte doch, er brauche keine.

Käsebier (stampft unwillig auf).

 

Vorhang.

Zweiter Akt

 

Die Spelunke "Zum Fuchs" in der Prager Judenstadt zwischen der Altneusynagoge und dem Spital der Barmherzigen Brüder. Noch immer ist der 12. Juni 1756, aber nachmittags. Hinter dem Wirtstisch hantiert der Schänker mit aufgeschlagenen Ärmeln. Auf einem der Tische rechts hat Pepik Mazany seinen Kopf und Arm hingelümmelt und schläft. Während des ganzen Aktes ist Kanonendonner hörbar. Im Vordergrund steht der alte jüdische Apotheker Jakob (Kisch) in langem Mantel und Dreispitz und unterhält sich mit dem etwas jüngeren Schnorrer Haschile.

Das Jiddisch der hier vorgestellten Juden bringt der neuzeitliche Kaesebier in den Jargon, den er bei seinen Bemühungen um die jiddischen Lieder sich angeeignet hat.

 

Haschile:    Dos werd' sich nix haltnn, dos werd' sich nix haltnn, dos werd' sich nix halten.

Jakob (schaut sich um, ob ihm niemand zuhört):    Es seht mies aus. Wenn schon die Herrn Offiziers Katzenfleisch essn! In ganz Prag is ka Stückerl Pferdefleisch net aufz'treibn. Dia halbe Stadt brent, tousend Loit' sterbn jedn Tog...

Haschile:    Dos werd' sich nix haltn, dos werd' sich nix halt'n.

Jakob:     Noch e Woch, höchst'ns. Gott sull hütn, wos kommen wird dann! Wenn d'Städtl bfreit werd, wird's gein Jidn oisgeijn, wia sich's immer is. Wenn aber (er schaut sich um) die Praiß'n einikimn, werd's noch mießer saijn. Hob ich derlebt, vor 13 Jorn, wie d'Praiß'n send von Prag abzoign, - do ham ehn dia Börger ois'n Fenstern nachgschoßn, andre ham sich oif die Bagage-Wogn gstirzt ond olles derschlogn, bloß´doß se sich liab Kind mach'n, bai di Österraicher. Dofir mecht'n s'sich rächn etzt, dia Praißn, wenn sich Prag nimmer holt'n kann...

Haschile:    Es werd' sich nix haltn...

Jakob:     Mir kan nix passiern! Un wenn ich zum Kenii Friedrich geijn misst, - i hob' e gut Konnexien zu'em...

Haschile:    Zu'em Keni Friedrich?

Jakob (stolz): Und oib. Main Sohn, dr Avram (Abraham), wos in Berlin Doktor in de Medzin is worn, - hundert Jor sul er mir wer'n olt, maijn Awroimele - hot dortn e jung'n Bocher Latein glernt, und dr jung Bocher, e bschtimter Moische Mendelsohn is e Gaon worn, e großer Talmudist un d'bescht Fraind fun Keni Friedrich...

Haschile:    E Jud - e Freind fun e Keni...?

Jakob:     Dr bescht Froind fun Keni Friedrich un dr bescht Froind fun mei Sohn...

Haschile:    Dos werd' sich nix haltn, dos werd' sich nix haltn.

(Ein kriegsgefanener preußischer Feldwebel namens Frieske ist eingetreten, Arm und Kopf in der Binde. Gleich darauf Käsebier.)

Feldwebel Frieske:    Nu, Herr Wirt, jiebt's noch wat?

Der Schänker (böhmisch-deutsch):     Is sich gor nix mehr da, nix z'trinke, nix z'fresse... I halt' i main Logal bloß offn, damit sich mein' Gäst nit gewöhn'n oif'n anders Logal. Ewig wird doch der Elend nicht daur'n.

Haschile:    Dos werd sich nix haltn...

Frieske:     Verteufelt unanjenehm... Bin dem Verdursten nahe, hätte für mein Leben jern een Tröppchen Branntwein jenehmicht...

Jakob (auf ihn zutretend, öffnet seinen Mantel, unter dem er eine große viereckige Flasche mit rotflüssigem Inhalt versteckt hält): E Glaserl Aqua Carminativa ois maijn Apothek bittscheen? Hochprima Tineff mit Lakritz...

Frieske:    Danke, nein!

Jakob:    Schmeckt wia Schnaps, sull ich eso lebn un gsund sain.

Frieske:    Kaufe nichts im Schleichhandel, vastehnste? (Er will fortgehen.)

Jakob (wieder zu Haschile zurücktretend, achselzuckend):     Seh' der an da: "Ich kauf' nix im Schleichhandel".

Haschile:    Dos werd sich nix haltn...

Käsebier (auf Frieske zutretend):    Verzeihen Sie, Herr Feldwebel...

Frieske:    Sie wünschen?

Jakob:    Wer is dos? Den hob' i hier g'sehn noch nia?

Käsebier:    Ich bin Herrn Feldwebel nachgegangen und wollte Sie um eine kleine Auskunft bitten... (Jakob schaut den Haschile an.)

Frieske:    Ich gebe keine Auskünfte...

Käsebier:   Es handelt sich nur um eine3n alten Bekannten von mir, der in Prag kriegsgefangen sein soll, um Herrn Major Ewald von Kleist...

Frieske:    Kenne ich nicht.

Käsebier:    Auch als Dichter sehr bekannt...

Frieske:    Ich wiederhole, kenne ihn nicht.

Käsebier:    Schade, er hätte sich sehr gefreut, von einem alten Bekannten besucht zu werden.

Frieske:    Nu, so fragense doch jefälligst den Betreffenden, der Ihn'n jesacht hat, daß der Herr Major jefangen in Prag is.

Käsebier:   Das hat mir niemand gesagt. Ich habe ihn selbst gesehen, wie er mit anderen preußischen Offizieren in einem Wagen über den Altstädter Ring gefahren wurde. Ich dachte, daß er zufällig im selben Lazarett liegt wie der Herr Feldwebel.

Frieske:    Im Spital der Barmherzigen Brüder liegen nur Mannschaftspersonen. Vielleicht fragense mal im Jesuitenkollegium nach, dort liejen die schwerverwundeten Herren Offiziere...

Käsebier:    Nun, hoffentlich ist er gar nicht schwer verwundet.

Frieske:   Ein preußischer Offizier, der nicht schwer verwundet is, is auch nich kriegsjefangen, vastanden! (Geht nach hinten.)

Haschile:    Dos wer' sich nix haltn...

Jakob (zu Käsebier, die Flasche unter dem Mantel zeigend):    E Glaserl Aqua Carminativa ois main Apothek gfällig? Hochprima Tineff mit Lakritz...

Käsebier:    Tineff mit Lakritzen? Danke sehr, ich trinke jetzt nicht.

Jakob:    Schmeckt wia Schnaps, sul ich eso lebn un gsund sain.

Käsebier:     So, - na ich hab' jetzt keinen Durst. Vielleicht später.

Jakob:    "Später, später!" Später wer'n Se nix mehr kriejen. Wenn de Leut' fun'm Begräbnis z'rikkummn...

Käsebier:    Von welchem Begräbnis?

Jakob (macht Haschile durch einen Blick aufmerksam):    Sie wissn nich, was for e Begräbnis heut' is?

Haschile:    Dos wer' sich nix haltn.

Käsebier:    Bedaure, leider weiß ich das nicht.

Jakob (als ob er einen Witz machen wollte):    Sind der Herr vielleicht heute in Prag eingetroffen?

(Alle drei lachen, einander beobachtend, ein gezwungenes Lachen, welches Käsebier beginnt, und das nach zehn Sekunden alle drei durch eine ernste Miene abrupt abschließen).

Jakob (wieder als "Witz"):    Die österreichischen Wachtposten befördern ja den Fremdenverkehr!

(Alle drei lachen wie oben.)

Käsebier:     Und bei der preußischen Vorpostenkette kann man die Pferde wählenb, wenn man nach Prag will.

(Alle drei lachen wie oben.)

Jakob:    Aber wieso wissen'S wirklich nich, was für e Begräbnis heut is?

Käsebier:    Ich komme fast gar nicht aus meiner Werkstatt, und kümmere mich um nichts. Ich arbeite beim Mechula, beim Goldarbeiter in der Wälschengasse.

Jakob:     Hot der viel Ghilfen?

Käsebier:    Acht sind wir jetzt.

Jakob:    Hobn'S nischt gehert, daß seit vorgestern die Glocken läuten? Der Feldmarschall Browne is gstorben, was vor sechs Wochen bei Stierbohol verwundet worden is, und heit is die Beerdigung. So e großen Funus hot Prag bisher noch nix gesehn und wird ihn auch nix mehr sehn. Ich bitt Sie, die Feldmarschälle lebn doch in Wien und sterbn in Wien...

Haschile:    Dos werd sich nix haltn...

Käsebier:    Also ein großes militärisches Begräbnis?

Jakob:     No, was heißt dos! Die ganze dienstfreie Armee rückt aus...

Pepik Mazany (der bisher, den Kopf auf die Tischplatte gelehnt, geschlafen hat, ist aufgewacht, zupft Käsebier beim Rock und fragt ihn tschechisch, wovon die Rede ist):     Wotzo ide?

Käsebier (schaut ihn an, antwortet aber nicht und wendet sich an Jakob):    Könnte man das Begräbnis noch sehen?

Jakob:     Nein, jetz is schon z'spät.

Pepik Mazany (wiederholt ärgerlich, fast drohend seine Frage):    Ptam se, wotzo ide? Wo ten weischlapp?

Käsebier:     Bedaure, ich verstehe nicht tschechisch.

Jakob (schaut den Haschile wieder vielsagend an. Zu Käsebier):     Ich bitt' Sie, wie redn'S in der Werkstätt mit Ihre Kollijen, wenn'S nix tschechisch kennen?

Käsebier:    Mein Gott, ich rede überhaupt nicht viel.

Margit (ist eingetreten, ohne Hut über schwarzem Haar. Sie schwingt sich auf den Schanktisch und schaukelt mit den Beinen):    Na, Herr Wirt, noch kein Faß Pilsner Bier eingetroffen? Kein Faßl Melniker Weins? - ich möcht' heute vertragen. Ich hab' mich gequetscht in der Menge...

(Pepik, Mazany, Jakob und Haschile sind zu ihr getreten.)

Der Schänker:    Jo, scheene Sachen! Pilsner Bier, Melniker Wein - Dreck hab' ich...

Margit:    Und du, alter Apotheker, hast du deinen Schnapsbalsam unter dem Mantel?

Jakob:    Ob ich hob!

Margit:     Und kostet?

Jakob:     Acht Silbergroschn dos Glas, - es is schon der Rest fun Vorrat, Chontile.

Margit:    Acht Silbergroschen, - uj jegerl, wo soll ich die hernehmen?

(Mazany zahlt, Jakob schenkt ein.)

Margit:    Ich sag's ja, ich habe die nobelsten Kavaliere von ganz Prag. (Sie streichelt den Kopf Pepik Mazanys und trinkt das Glas aus.)    Aaah! Du kannst zahlen, Pepik Mazany, was, du hast ja ärarische Gelder! (Lachen.)
Jakob:     Wie war das Begräbnis, Chontile?

Margit:    Ich bin weggelaufen. So ein Gequetsche. Ganz Prag war auf den Beinen, als ob man jetzt keine anderen Sorgen hätte! Und Soldaten1 Husaren und Dragoner und Kanoniere und Kroaten und Magyaren, alle Straßen voll von ihnen und Musikbanden, - da macht man was her, wegen eines Toten. Bei Stierbohol und Maleschitz sind im vorigen Monat Zehntausende gefallen und haben nicht so ein Begräbnis gehabt. Aber wenn einer ein General ist...

Jakob (macht sie durch Geberden aufmerksam zu schweigen und deutet auf den Käsebier, der sich vorne - ihnen den Rücken zukehrend - an einem Tisch niedergesetzt hat).

Margit (leise):    Wer ist das?

Jakob:    Ich waass nich, Chontile, aber er kommt mir nix koscher vor

Margit:     Werden wir gleich haben. (Sie springt vom Schanktisch und geht auf Käsebier zu, dem sie von hinten auf die Schulter klopft. Jakob, Haschile und Pepik Mazany begeben sich in den Hintergrund der Bühne.)     Geh', du, zahl' mir einen Schnaps!

Käsebier (wendet sich um, Margit gefällt ihm aber er sagt):     Ich habe leider kein Geld.

Margit (fährt zurück, wie sie sein Gesicht sieht):     Wer bist du? (Wiedernäherkommend, ihn groß anschauend): Wer bist du? Mit dir habe ich schon einmal gechlafen.

Käsebier (erstaunt):     Davon müßte ich doch etwas wissen.

Margit (langsam, wie für sich):     Die, mit denen ich wirklich geschlafen habe, wissen nie etwas davon --

Käsebier:     Na, aber ich müßte dich doch wenigstens kennen.

Margit (wie oben):     Die, mit denen ich wirklich geschlafen habe, kennen mich niemals -- Aber ich kenne dich!

Käsebier:     Merkwürdig. Und gute Augen hast du!

Margit:     Findest du, daß ich gute Augen habe?

Käsebier:     Ja. Und ich täusche mich niemals in solchen Dingen. Du glaubst es wohl selbst nicht?

Margit:     Meine Augen sind nicht für jeden gleich. Auf die meisten Menschen schauen sie böse.

Käsebier:     Und auf mich?

Margit:     Du hast es früher herausgefunden, als ich es wußte: Meine Augen sind dir gut. Weil ich dich einmal geliebt habe. Siehst du, das weiß ich wieder früher als du.

Käsebier:     Nein, davon weiß ich wirklich nichts.

Margit:     Sag mir, woher ich dich kennen kann...

Käsebier:     Warst du schon einmal irgendwo draußen in der Welt?

Margit:     Ich war noch nie von Prag fort. Aber du warst schon einmal in Prag, ich weiß es, ich kenne dich.

Käsebier:     Oh, nein, du irrst dich, Mädel.

Margit:     Doch, doch! Ich irre mich nicht. Nicht wahr, du warst schon einmal in Prag?

Käsebier:     Das ist schon lange, lange her... So lang kannst du nicht zurückdenken, damals mußt du noch ein ganz kleines Kind gewesen sein.

Margit (freudig):     Ja, ja, ganz recht, ich war ein ganz kleines Kind (sie holt aus ihrem Kopf Erinnerungen hervor, und spricht wie im Traum), ich war ein ganz kleines Kind und du warst ein ganz großer König, und...

Käsebier (lächelnd):     Aber davon müßt' ich doch wenigstens etwas wissen.

Margit (aufstampfend):     Stör' mich nicht! (Wieder aus Vergangenem schöpfend): Ich war ein ganz kleines Kind und du warst ein großer König, und du saßest auf einem hohen Thron und hattest deine Krone auf dem Haupt und eine schöne Kette um deinen Hals geschlungen, und du throntest inmitten deines Volkes, und dein Volk ging an dir vorüber, aber du hattest keinen freundlichen Blick für sie, du schautest so streng drein, so böse...

Käsebier (hört lächelnd, kopfschüttelnd zu).

Margit:     ...so böse schautest du drein, aber mir gefiel dein königlicher Blick und ich schaute dich an, und ich nahm mir vor, mir ihn abends in mein Bettchen zu nehmen, und mit dir zu schlafen und mit dir zu träumen. Und so hab' ich dich angeschaut, bis mich die Leute wegstießen, und da ging die Sonne auf und warf einen goldenen Strahl auf dein Gesicht, - das heißt, sie warf ihn auf eine Heiligenstatue, die auf langer Säule stand, und die warf ihn auf dein Gesicht, aber du schautest böse auf die Mariensäule - - (froh aufschreiend): Mariensäule, - jetzt weiß ich auch, wo es war, auf dem Ringplatz auf der Altstadt, ja ja...

Käsebier (springt auf und schaut sie erregt an):     Wo...?
Margit:     ...und so hast du geschaut, wie du jetzt schaust. Und so habe ich dich in meinen Augen nach Hause getragen und mit dir geschlafen, ohne daß du's wußtest... Nun, hatte ich recht, habe ich dich so gesehen?

Käsebier:     Du hast mich so gesehen!

Margit:     Und war es nicht so? Warst du nicht der König?

Käsebier:     Es war nicht so. Ich war nicht der König.

Margit:     Doch! Ich weiß es.

Käsebier:     Nein. (Er wendet sich um, ob hn niemand hört. Leise zu Margit, die sich an ihn schmiegt.) Damals, am Altstädter Ringplatz, - damals, als du mich gesehen hast und noch ein Kind warst...

Margit:     Ja?

Käsebier:     Damals stand ich - auf - dem - -  Pranger. (Er schaut sie fast ängstlich an, erwartend, daß sie sich von ihm losreißen werde. Aber sie schmiegt sich fest an ihn.) Verstehst du, mit Schelmenmütze und gefesselt mit einer großen Kette, - stand ich auf dem Pranger, - verstehst du mich nicht?

Margit:     Ja, Ja.

Käsebier:     Auf dem Schandpfahl stand ich, - begreifst du endlich? - gefesselt, als ein Dieb, - verstehst du mich nicht?

Margit:     Also war es doch so, wie ich sagte! Ich hab' dich nie vergessen.

Käsebier:     Das Volk verhöhnte mich: "Dieb, Dieb, Dieb!"

Margit:     Ich habe dich so lieb. (Sie versteckt ihren Kopf an seiner Brust.)

Käsebier (streichelt zärtlich ihr Haar):     Mein kleines Mädel!

Margit (zärtlich):     Mein großer König.

Käsebier (bitter):     Ein König der Diebe.

Margit:     Bist du das geblieben?

Käsebier (achselzuckend):    Ja, das bin ich geblieben.

Margit:     Das ist schön.

Käsebier:     Das ist nicht schön.

Margit:     Warum sprichst du immer solche Dinge? Es ist schön. Ist es mühevoller, ein Zepter zuerben, als es zu stehlen? Dir mußte man eigens den Thron zimmern, auf dem du damals standst, - die anderen warten ungeduldig, bis der Vater stirbt und den Platz verläßt. Die Könige der Völker sind meist ungeschickt, - wie hättest du König der Diebe werden können, wenn du nur einmal ungeschickt gewesen wärst!

Käsebier:     Das hätte ich heute morgens dem König Friedrich sagen sollen!

Margit:     Du kommst vom König Friedrich?

Käsebier (beißt sich auf die Lippen):    Ich - ich -

Margit:     Ich werde dich nicht verraten. Aber es gefällt mir nicht, daß du ein Spion bist.

Käsebier:    Du bist Österreicherin...

Margit:     Ach was, - ich bin nichts. Und freue mich des Lebens. Was geht uns die Kaiserin an und was der König! Was kümmert mich ihr Streit um Schlesien! Deshalb muß die Welt verwüstet werden, und tausend schöne Burschen müssen stzerben und tausend Mädchen müssen weinen! Sollen Sie das miteinander allein ausmachen, der Herr König und die Frau Kaiserin. (Man hört auf der Straße die Trommeln den Fußmarsch schlagen.) Wir sollen ihnen nicht helfen, es geht uns nichts an.

Käsebier:     Hunderttausende ziehen doch mit ins Feld!

Margit:     Traurig genug. Sie müssen, man zwingt sie zu etwas, was man ihre Pflicht nennt, aber wer kann dich zwingen, schlau zu sein und verwegen und geschickt? Wer kann einen König zwingen, einem anderen König zu dienen? Wer kann- (Das Trommeln der draußen vorbeiziehenden Infanterie ist stärker geworden, und schließlich in die Klänge einer Musikbande übergegangen, die einen österreichischen Militärmarsch, z.B. "Prinz Eugenius" spielt. Sie übertönt den weiteren Verlauf des Gesprächs zwischen Margit und Käsebier. Die Türe öffnet sich, herein treten in Viererreihen etwa zwanzig Stromer mit aufgeschlagenem Rockkragen, die Mütze schief aufgelegt, einander untergefaß haltend, die Hände in den Hosentaschen; auch ein paar Dirnen und verwundete Soldaten sind darunter. Sie marschieren, - die Fußspitzen ein wenig nach innen gedreht, kurze Schritte machend und mit den Schultern zuckend -- im Takte der Musikkapelle am Bühnenrand auf, und bleiben hier auf das Kommando eines der ihren "Ganze Bataillon, Halt!" stehen. Auf das Kommando "Abtreten" stieben sie auseinander, und setzen sich lachend, sich unterhaltend zu den Tischen, kaufen vom Apotheker Jakob Schnaps; Kartenspiel, Mundharmonika.)

Wenzel Strupp (kommt zu Pepik Mazany):     Willst du wissen, was los war?

Pepik Mazany (uninteressiert):     Es ist schon alles gleichgültig.

Wenzel Strupp    Beim Königshof ist eine Kanonenkugel mitten in den aufgestellten Kavalleriezug hineingefahren. Drei Dragoner waren gleich tot, und ein Pferd, einige sind verwundet.

Pepik Mazany:     Das ist jetzt schon alles gleichgültig.

Wenzel Strupp:     Der Prinz Karl ist hinter dem Sarg gegangen. (Ironisch:) Und hat ein sehr trauriges Gesicht gemacht.

Pepik Mazany:     Hm, das sind schöne Schwindler, die hohen Herren! Vor sechs Wochen hat er seinem Bruder nach Wien gemeldet, am ganzen Unglück der Prager Schlacht sei niemand anderer schuld, als der Feldmarschall Browne. Und nun macht er ein trauriges Gesicht! Überhaupt: das ganze Begräbnis war nur eine Komödie!

Wenzel Strupp:    Glaubst du, ich weiß es nicht? Während die Garnison und die Bürger der Trauerfeier beiwohnen, haben im Klementinum die Herren vom Oberkommando unauffällig alle Kriegsakten verbrannt und alle Pläne, und die Kassen in sichere Verstecke bringen lassen.

Pepik Mazany:    Und das Begräbnis ist die Prager Abschiedsvorstellung der österreichischen Armee. Prag kriegen die Oesterreicher nie mehr wieder

Wenzel Strupp:     Glaubst du, daß es einen Zweck hat, wenn ich noch Äußerungen des Publikums melde?

Pepik Mazany:     Unsinn! Du bist verrückt! Um sechs Uhr reitet der Obristleutenant Laudon als Parlamentär durchs Wyschehrader Tor, und bietet die Übergabe der Stadt an. Diesmal bedingungslos... Heute abend ist Prag schon preußisch...

(Am Tische rechts haben inzwischen Käsebier und Margit zärtlich miteinander gesprochen.)

Margit:    Der Käsebier bist du! Haha, ich habe so viel lustige Stücke von dir gehört!

Käsebier:     Man hängt mir viele Sachen an.

Margit:     Man hängt nur dem Sachen an, dem sie passen.

Käsebier:     Aber es ist doch meistens Lüge.

Margit:     Die Lüge ist ein Wunsch. Der Wunsch: so sollte die Wahrheit sein. - Und nun begreife ich es erst recht nicht, weshalb du den Spion machst. Du bist der König der Diebe, - warum erniedrigst du dich zum Dieb des Königs?! Warum dienst du, wenn du herrschen kannst?

Käsebier:    Er hat mich aus dem Kerker kommen lassen.

Margit:     Und was verspricht er dir?

Käsebier:     Die Freiheit.

Margit:     Die hast du doch!

Käsebier:     Ich habe sie noch nicht.

Margit:     So stehle sie, du bist doch ein Dieb!

Käsebier:     Das wäre kein Diebstahl, das wäre eine Unterschlagung! Er hat mir sie anvertraut, ich darf sie nicht veruntreuen. Ich bin keine Defraudant, ich bin ein Dieb!

Margit:     Das sind Unterschiede aus der Welt des Pfahlbürgers. Ich anerkenne sie nicht.

Käsebier:     Schau, wenn mir ein Freund etwas anvertraut oder ein armer Mann, so darf ich - -

Margit:     Ach was, einen Freund oder einen armen Mann bestiehlst du ja auch nicht! Aber der Preußenkönig ist weder dein Freund, noch ein armer Mann, er braucht deine Haft nicht, das weißt du ja alles selbst. Sage mir die Wahrheit: Was hat er dir als Belohnung versprochen?

Käsebier (beißt sich auf die Lippen):     Nichts.

Margit:     Du hast auch nichts verlangt?

Käsebier (zuckt die Achseln).

Margit:    Du hast etwas verlangt, und er hat es dir nicht gewährt?

Käsebier (zuckt die Achseln).

Margit:    Ist es so?

Käsebier:    So ähnlich.

Margit:    Siehst du, wie die hohen Herrschaften sind, die Herren und die Damen. Ich kenne sie gut. Und du willst ihnen noch helfen?

Käsebier:     Gerade deshalb. Ich will ihnen zeigen, wer Käsebier ist, der Dieb. Ich will die Stadt stehlen und ihnen bringen. Nur damit sie sehen, wer ich bin, was ich kann.

Margit:     Ein Mann macht sich nicht groß vor einem Mann. Nur vor Frauen. Ist vielleicht eine Frau oben im Lager?

Käsebier (ist überrascht).

Margit:     Also so ist es! (Pause.) Die liebst sie?

Käsebier (will Margit anfassen, aber sie weicht zurück):    Nein

Margit (scharf):    Du liebst sie?

Käsebier:     Nein, ich liebe sie nicht.

Margit:     So willst du nur großtun vor ihr? Aber du wirst ihr nicht imponieren. Ich kenne die hohen Herrschaften! Wenn sie nicht vorher Achtung vor dir haben, - wenn du einmal etwas für sie getan hast, so haben sie erst recht keine Achtung vor dir. Wie macht es denn ein feiner Herr mit den Mädchen? Hat sich eine für ihn geopfert, so läßt er sie hinauswerfen. Ich weiß das. Und du glaubst, daß die Frauen anders sind? Die Frau da oben?

Kaesebier:     Du weißt ja nicht, um was es sich handelt.

Margit:     Hat sie sich dir versprochen, nicht? Eine Nacht als Taglohn. "Trage er nur für mich seine Haut zu Markte, er darf dafür die meine streicheln, - wenn er nicht vorher krepiert ist."

Käsebier:    Aber Kind, die Frau will doch nicht, daß ich ihretwegen meine Haut zu Markte trage: Was hat sie denn davon? 

Margit:     Weiß ich's denn? Vielleicht liebt sie den König und hofft, er werde im Bett gnädiger zu ihr sein, wenn er die Stadt erobert hat. Oder ist ein Anderer ihr Geliebter und kriegt für ihre Tat einen Orden. Oder macht sie sich wichtig und kommt sich groß vor, "indem sie sich opfert". Einem Verbrecher hingibt, einem Dieb! Was hat sie im Feldlager zu suchen? Reizt es sie, zu sehen, wie Männer sterben? Ist es nicht genug, daß alle Burschen morden gehen müssen und sich ermorden lassen, was drängen sich noch Frauen dazu? Eine Frau soll Kinder warten oder mit Männern schlafen - -

(Der Schwarze Ritter kommt herein. Zwei Trainsoldaten halten ihn untergefaßt und schleppen ihn nach vorne; Gassenbuben und anderes Volk laufen ihm lachend und gröhlend nach. Er trägt eine schwere, schwarze Eisenrüstung, hohen Helmbusch, spricht ordinärstes Wienerisch und hat ein blondes aufgezwirbeltes Schnurrbärtchen unter roter Nase, - was man allerdings erst sieht, als ihn die beiden Trainsoldaten auf einen Stuhl gesetzt und mühselig das Visier geöffnet haben.)

Der Schwarze Ritter:     Scheißt der Hund drauf, auf dös Glumpert, dös ölendige. An Durscht hab' i, zum Taifi. (Jemand reicht ihm ein Waserglas an die Lippen, der Schwarze Ritter macht einen Schluk, speit ihn aber gleich wieder aus.) Dös is ja Wasser, - gehst weg mit dem Gsöff. (Er schlägt dem "jemand" da Glas aus der Hand.) Wasser wir i trinke auf meine olten Täg', Prager Wasser noch dazu, aan Tyfus hole, net - - - Kruzifix nomol! (Zum Schänker): Du Wirtshaus, aan Schnaps will i hom, sunsten hau i alles zsam, - i bin Eisen.

Der Schänker:     Ich hab' ich gar nix mehr, kaan Schnaps nicht, kaan Kaffe nicht!

Der Schwarze Ritter (zu Jakob):     Also gieß du mir a Stamperl ein, olter, jüdischer Giftmischer umanand.

Jakob:     Bedaure, kann leider mit nix mehr dienen. Die Flasch' is leer.  

Der Schwarze Ritter:     Schön schaun m'r aus, meiner Söl und Gott! Kaan Fleisch net, ka Brot aa net meh un kaan Rauchtabak, und jetzern kaan Schnaps a net meh!

Frieske:     Sajense mal, Herr Kamrad, was bedeutet denn eigentlich dieser mittelalterliche Aufzug?

Der Schwarze Ritter:     Dös bedeutet, daß i a Mordstrumm von a Viech bin, a Viech mit Haxen, verstehns dös jetzn?

Frieske:     Bedaure, noch immer nich im Bilde zu sein.

Der Schwarze Ritter:     Alsdern, wann näümli a Generalsleich ist, -

Frieske:     Sie meinen wohl die Beerdijung eines Herrn Jenerals?

Der Schwarze Ritter:     Dös is a Sprachn! Alsdern heißens mit meinswegen "Beerdijung eines Herrn Jenerals". Alsdern wird der Kondukt - wissen's leicht nöt, was a "Kondukt" is...?

Frieske:     Der Leichenzug, nicht wahr?

Der Schwarze Ritter (bemüht, hochdeutsch zu sprechen):     Alsdern der Leichenzug, was der Kondukt is, wird dann von aan Mann eröffnet, als welcher zu Rosse sitzet, und a schwarze Kluft aus Eisen auf dem Leibe traget, wie selbige is, die Sie hier auf meinem Leibe söhen. Selbigen Schwarzen Ritter stellt immer aan Mann von der Traineschkadron vor, als welcher dafür eine Extrafikation von einöm Gulden österreichischer Währung erhalten tut...

Frieske:     Verzeihnse mal, das is doch wohl eine dienstliche Anjelejenheit, nich?

Der Schwarze Ritter:     Dös glaub' i, zum Gspaß macht dös kaaner.

Frieske:      Erlaubense mal, ein Soldat kann doch nich für seine Dienstleistung eine besondere Verjütung erhalten?

Der Schwarze Ritter:     Sö, seins so gut, 'leicht glauben Sö, i wer für sechs Kreuzer Löhnung bei dera Hitzen in a eiserne Kluft einirutschen und zwaa Stund aufn Pferd obnsitzen und mit'n Kopf nicken? (Zu den Begleitern): Wie hab' ich denn mit'n Kopf genickt, was, tulli? Glauben's, daß dös 'leicht a Gaudee is? Vorige Wochen, wie die Leich' vom Feldmarschalleutnant Clerici war, hat der Koprol Stahlehner den Schwarzen Ritter gmocht, aber vurgestern, wie der Kondukt zsmgestellt wurn is, fürn Feldmarschall Browne hat er sulln wieder derzu bschtimmt wern, aber do hot er gsagt, "dank' schön, Herr Rittmeister", hot er gsagt, der Stahlehners, "aber i hob' scho von aamol gnua. Aan Schwarzen Ritter mach' i net mehr und wann i noch so schwarz bin", hot er gsagt, der Stahlehner, no und da hob' i mi halt gmeldt, von wegen dem Gulden...

Frieske:     Ja, sajense mal, wird man denn bei Ihnen nich einfach zum Dienste kommandiert?

Der Schwarze Ritter:     Freili wird man kommandiert, aber man wird doch noch a Wörtl reden dörfen, als olter Diener, net? Tut mir eh' leid, daß i mi meld hob, i hab die ganze Ration Rum für dera Wochn auf aan Zug austrunkn, daß i aa Kroft hob und bin doch ganz matsch, vom Glumpert, dem ölendigen. Was kauf' i mir denn von dem Gulden, sogen's selbst, is ja eh nix z'hobn, nicht amol a Schnaps mehr, is dös a Leben?? Kaan Fressen kriegt ma net, ka Saufen kriegt ma net...

Haschile:     Dos werd' sich nix haltn...

Der Schwarze Ritter:     und kaan Rauchen kriegt man aa net. Da soll man do kaan Krieg net führn, wann man nix zum Fressen hot, und zum Saufen, dös müssen's doch selber sogn...

Frieske:     Verzeihnse, aber ich muß mich diesbezüglich jeder Äußerung enthalten. Gun Tach!

(Ab. Die anderen schauen ihm lachend nach.)

Der Schwarze Ritter (geht auf Margit zu, die noch immer intensiv mit Käsebier spricht): Na, Margit? Gefall i dir 'leicht heute, indem daß i aan edler Rittersmann bin?

Margit:     Geh fort!

Der Schwarze Ritter:     Na, na, mußt nöt glei granti sai, i waaß eh, daßt auf kaan Ritter net steigst. Dö laßt aan jeden Offizier glatt sterben, unser Oberleutnant hat a scheene Wut auf di, weil du ihn angfahrn hast, vor der Kasern, wie er hat anbandeln wolln mit dir... "Die Margit", hot er gsagt, "dös is a Frondeurin", und i waaß nöt, was dös is, aber recht hat er, der Oberleinwand, i sag's ja eh, die Margit, dös is Aane, die kann die reichen Leut net leidn. Und warum kann sös net leidn, weil sö reich sein, und warum sein sö reich, weils aan Göld hobn...

Margit:     Geh schon fort!

Der Schwarze Ritter:     I dräng' mi kaanem net auf, i geh ja eh schon. I wollt di ja nur was fragen. Ja, was hab' i di denn nur frogen wollen? Jo, richti: Wie gehts dr denn alleweil, Margit?

Margit:     Du sollst fortgehn, hab' ich dir gesagt.

Der Schwarze Ritter:     I geh' eh schon, i dräng' mi kaanem net auf, (zu den Andern): kann aaner von mir sagen, daß i mi' leicht aufsdrängt hab'? - Alsdern bittä! I muß schon weggehn, Margit, du entschuldigst mi, daß i schon fortgehn muß, mei Pferd wart draußen, mein Leibroß schnaubet schon vor dem Schlosse, pfuat di Gott, Margit, - sie schwärmt halt nöt für uns Ritter, sie kann uns reichen Leut nöt leidn, Pfuat di Gott, Margit, Servas! (Ein Lied gröhlend geht er mit Zubehör ab.)

Margit (zu Käsebier):     So schöne Hände hast du, wunderbare Hände. Weißt du, ich habe auch eine sehr kleine Hand, das sagt mir jeder, aber ich habe etwas zu dicke Finger.

Käsebier:     Du dummes Mädel! (Er küßt ihr die Hände.)

Margit:     Bin ich ein dummes Mädel?

Käsebier:     Ja, ja, du bist dumm und klug, du bist gut und böse, und ich habe dich lieb. (Er küßt sie; sie ist selig.)

Margit:     Wirklich, du hast mich lieb?

Käsebier:     Sehr lieb habe ich dich, ich möchte mit dir zusammenbleiben.

Margit:     Das wäre schön! (Sie umschlingt ihn): Gehe nicht mehr fort von mir!

Käsebier:     Ja, wir wollen beisammen bleiben.

Margit:     Und du wirst nicht mehr hinaufgehen ins Preußenlager?

Käsebier:     Das muß ich.

Margit:     Siehst du, so lieb hast du mich, so willst du mit mir zusammenbleiben, indem du (sie weint) zu dieser Frau hinaufgehst?

Käsebier:     Schau, ich muß hinauf, der König hat mir sein Vertrauen geschenkt, -

Margit:     Er hat dir sein Vertrauen geschenkt? Seit wann nimmst du Geschenke an? Ich glaube das nicht. Wodurch hat er dir sein Vertrauen geschenkt?

Käsebier:     Er hat mich nach Prag gelassen, trotzdem er weiß, daß ich ihn verraten könnte.

Margit:     Hat er dir etwas anvertraut?

Käsebier:     Das eben nicht, aber er weiß, daß ich etwas weiß.

Margit:     Nein, er weiß nicht, daß du etwas weißt. Er ahnt nur, daß du etwas ahnst.

Käsebier:     Das ist dasselbe. Es wäre ebenso schlimm für ihn, wenn ich meine Ahnung verraten würde. Und doch hat er mich ins Feindeslager gelassen.

Margit:     Und du glaubst, er hat es getan, weil er dir vertraut? Nein, sondern weil du schon aus Stettin herbeigeholt worden warst, weil er dich brauchte, und weil er glaubte, daß man dir nicht glauben werde! Weil er dich unterschätzt.

Käsebier:     Du meinst...?

Margit:    Ja, natürlich ist es so. Er weiß gewiß, daß man dich in Prag als Spitzbuben kennt, daß du hier am Pranger standst...  

Käsebier:     Ja, das weiß er sehr wohl.

Margit:     Siehst du! Du siehst ein, daß ich recht habe.

Käsebier:     Du bist so klug, Mädel, (er umarmt sie) unverständlich klug.

Margit:     Weil ich dich lieb habe. So lieb! Bleib bei mir! Nicht wahr, du gehst nicht mehr hinauf?

Käsebier:     Das muß ich. Ich habe es versprochen und mir vorgenommen.

Margit:     Wenn es dir aber nicht glückt?

Käsebier:     Was ich mir vorgenommen habe, muß mir gelingen. Höre, Margit, binnen vier Tagen muß ich die Stadt abliefern können und die Ablieferung muß mein Werk sein, und du sollst mich nicht daran hindern, verstehst du, erst Herrendienst, dann Frauendienst.

Margit:    Das ist Frauendienst, dein Dienst für die Frau dort oben, und Herrendienst ist der Dienst für dich. Den setzt du hintan! Trotzdem du weißt, daß die dort oben deine Feinde sind. Aber ich werde dich hindern. Vier Tage hast du also nur Zeit für deinen "Herrendienst"? Nun, du wirst vier Tage lang müßig sein oder länger, (weinend) - glaubst du, ich lasse jemand so leicht ziehen, den ich liebe?

Käsebier:     Was willst du tun?
Margit:     Anzeigen werde ich dich, verstehst du?

Käsebier:     Dann werde ich gehenkt:

Margit (schlägt die Hände vor den Kopf).

Käsebier:     Du willst, daß ich gehenkt werde?

Margit:     Besser, als daß du zu dem Mannweib hinaufgehst, (weinend): besser, als wenn du von mir fortgehst. (Sehr rasch und erregt): Nein, ich lasse dich nicht fort, du wirst ja nicht gehenkt werden, du wirst nur eingesperrt werden, und ich werde dich befreien, ich hole dich aus dem Kerker, aber erst nach vier Tagen, - vier Tage lang werde ich deine Zelle bewachen, damit du nicht entfliehst, und dann werde ich dich befreien, vorher darfst du nicht fort. (Sie läuft zum Tisch von Pepik Mazany und zieht diesen zu Käsebier): Pepik Mazany, komm' her, das ist ein preußischer Spion...

Pepik Mazany (verneigt sich sehr respektvoll):     Oh, freut mich außerordentlich Ihre werte Bekanntschaft zu machen, mein Namen ist "Mazany", ich bin bis zum heutigen Tage im Dienste bei der österreichischen Kundschaftsstelle gestanden, das wird ihnen ja das Fräulein gesagt haben; wenn Sie vielleicht ein Wörtchen für mich einlegen könnten, daß ich von heute abends an bei den Preußen angestellt werde.,.? Ich spreche perfekt böhmisch und deutsch, in Wort und Schrift, bitte...

Margit:     Du sollst ihn verhaften, verstehst du?

Pepik Mazany:     Ist schon zu spät, mein Kind, das hätte keinen Zweck mehr.

Margit:     Wieso zu spät?

Pepik Mazany (zu Käsebier):     Sie wissen es noch nicht? Eine schöne Nachricht, aber leider können Sie sie nicht mehr melden, es ist schon zu spät... Also, um sechs Uhr reitet der österreichische Parlamentär durch's Wyschehrader Tor ins Preußenlager, und meldet die Kapitulation der Stadt...

Käsebier:     Heute?

Pepik Mazany:     In anderthalb Stunden.

Käsebier:     Warum? Konnte sich die Stadt nicht mehr halten?

Pepik Mazany:     Sie werden ja die Magazine gesehen haben, Herr Kollega: Es ist wirklich nicht mehr viel dda. Na ja, so eine Woche, zehn Tage vielleicht, hätte man sich noch halten können, - wozu denn? Inzwischen werden alle Häuser zusammengeschossen, und das Elend wird immer größer, und eine Entsatzarmee kommt ja doch nicht.

Käsebier:     Es kommt keine Entsatzarmee? Wieso weiß man das?

Pepik Mazany:     Na, weil man nichts weiß. Wenn irgendwo eine Entsatzarmee wäre, müßte man doch davon erfahren. Sie würde schon so viele Boten nach Prag zu schicken versuchen, daß doch Einer oder der Andere durch die preußische Linie hereinrutschen würde. Wir sind ja alle schon spionieren gewesen, aber nirgends die Spur von einer Armee. Heute kam ein Bursch aus Budweis, und hat sich in die Stadt geschlängelt. Er wurde vorgeführt und ausgefragt: Kein österreichischer Soldat ist in Südböhmen zu sehen. Die Wiener geben einfach die Armee des Prinzen Karl verloren, und die Stadt Prag auch, recht haben sie.

Käsebier:     Keine Entsatzarmee...

Margit (froh):     Nun, willst du noch immer die Stadt stehlen, die Entscheidung bringen...?

Käsebier:     Ja, jetzt bring' ich erst recht die Entscheidung. Jetzt stehle ich die Stadt, - dem König. (Zu Pepik Mazany): Können Sie mich sofort zum Prinzen Karl bringen? Ich habe eine wichtige Meldung.

Pepik Mazany:     Nein, das ist schon zu spät.

Käsebier:     Es handelt sich um die Entsatzarmee. Sie ist schon in Böhmen. Ganz nahe von Prag. Vier Tagmärsche nur.

Pepik Mazany:     Was? Wie? Sie wissen das bestimmt?

Käsebier:     Ganz bestimmt.

Pepik Mazany:     Man wird es Ihnen nicht glauben, man wird Sie nicht vorlassen... Wieso wissen Sie es?

Käsebier:     Ich habe heute früh mit König Friedrich gesprochen.

Pepik Mazany:     Das können Sie beweisen?

Käsebier:     Ja.

Pepik Mazany:     Dann kommen sie rasch. Werden Sie eine große Belohnung verlangen? Ich möchte auch etwas an dem Geschäft verdienen.

Käsebier:     Ich will überhaupt kein Geld. Ich will mir eine Gnade ausbitten.

Pepik Mazany:     Das ist gut. Das Geld bekomme also ich. Kommen Sie rasch. Aber auf eines mache ich Sie gleich aufmerksam: Man wird Sie sicher in Schutzhaft nehmen, in Arrest setzen und solange festhalten, bis sich die Wahrheit Ihrer Angaben erwiesen hat!

Käsebier:     Das schadet nichts.

(Alle ab).

Der Apotheker Jakob:     No, wos hab' ich gesagt? Er is mir gleich nix koscher vorgekommen, der Goj.

Haschile:     No - und?

Jakob:     Hast du denn nicht gehört, wie der Mazany gesogt hot: "Man wird Sie in Arrest setzen!"?

Haschile:     Dos werd' sich nix halten.

 

Vorhang.

 

Dritter Akt

Am 20. Juni 1757

Wieder die Operationskanzlei des Marschalls Keith. Alles in großer Bewegung. Soldaten schleppen Koffer durch den Saal, ein Offizier nimmt die Landkarten von den Wänden und vom Fenster und rollt sie zusammen, daußen hört man den Lärm abfahrender Fuhwerke, immerfort blitzen Kanonenschüsse auf und man vernimmt gleich darauf ihren Einschlag. - Keith schaut durch ein Fernrohr in die Stadt hinunter. - Ilsebill  verteilt die Befehle an die bei ihrem Tisch aufgestellten Ordonnanzen, die bei Aufruf der Namen "Hier" rufen, den Briefumschlag in Empfang nehmend, salutieren und eilig den Saal verlassen.

 

Ilsebill:     Für Seine königliche Hoheit den Prinzen Heinrich von Preußen! Für Generalleutnant v. Winterfeldt! Für Generalleutnant Graf Schmettau! Für Obrist Tauentzien! Für Oberst von Dieskau! Für die Streifabteilung Hirsekorn! Pionierkompanzie Major Lyner! (Setzt sich und schreibt.)

Der König (tritt ein. Er trägt keine Reitpeitsche mehr, sondern einen Krückstock. Seine Uniform ist mit Staub und Straßenkot bedeckt. Man sieht ihm die Aufregungen, die Anstrengungen und den Schmerz der drei letzten Tage an): Guten Tag, Marschall! Guten Tag, Fahnenjunker! (Er sinkt auf den Stuhl.)

Ilsebill (aufspringend):     Guten Tag, Ew. Majestät!

Keith:     Majestät, - Sie hier? Ich habe Ew. Majestät längst auf der Fahrt nach Leitmeritz vermutet.

Der König:     Auf der Flucht wollen Sie sagen - ja, Keith, es ist viel arriviert in den paar Tagen, da wir einander nicht gesehen haben... Es ist zu Ende mit meinen Hoffnungen.

Keith (ohne Wärme):     Ja, es sieht schlimm aus.

Der König (über die Fühllosigkeit Keiths etwas erstaunt, schaut ihn an):     Hä? Was beliebten Herr Marschall zu bemerken?

Keith:     Ich erlaubte mir bloß die allgemeine Vermerkung zu machen, daß die Lage schlimm sei.

Der König (wieder in Apathie zusammengesunken):     "Das die Lage schlimm sei." Ja, die Lage ist sehr schlimm. So schlimm, daß es für mich das Beste wäre, ich läge auch bei Kolin, (ausbrechend): unter meinen vierzehntausend braven Toten!

Keith:     Majestät sollen auch versucht haben, solches herbeizuführen. Sollen versucht haben, allein in eine feindliche Batterie zu reiten...

Der König (apathisch):     Hab' ich das?

Keith:     Und Major Le Grant hat Sie im letzten Augenblick zurückgerissen.

Der König:     Hat mich zurückgerissen, kann sein. - - Warum hat er mich zurückgerissen?! - - Aber er hatte vielleicht recht. Ich habe auch das Pistol da zurückgerissen, als ich es an meine Schläfe gesetzt hatte. Habe noch kein Recht auf den Tod. Jetzt erst recht nicht.

Keith (ohne Wärme):     Majestät sollten nicht ein Beispiel von Mutlosigkeit geben. Majestät haben gewiß nicht geschlafen?

Der König:     Seit drei Tagen nicht geschlafen.

Keith:     Und gegessen?

Der König:     Gegessen? Ich weiß nicht... Ich muß essen. Gut. Ich werde hier essen.

Keith:     Jawohl. Ich werde die Tafel decken lassen. (Gibt Ilsebill ein Zeichen, die das Zimmer verläßt, aber nach zwei Minuten zurückkommt): Aber nach der Tafel sollten Majestät das Lager verlassen.

Der König:     Nein, ich will die Aufhebung der Belagerung bis zum letzten Momente auskosten, mein trauriges Werk.

Keith:     Ich glaube doch, Majestät sollten nach der Tafel das Lager verlassen...

Der König:     Warum? Ist etwas los?

Keith:     Um zwei Uhr soll unter Kommando des Feldzeugmeisters Kheul der allgemeine Ausfall durchs Karls- und Reichstor mit 24000 Mann Infanterie, 2800 Kroaten und 3000 Reitern gegen uns erfolgen. Gleichzeitig soll Obristleutnant Laudon mit 4 Grenadierkompagnien, 2000 Kroaten und 600 Husaren durch das Augezder Tor gegen unsere rechte Flanke und unseren Rücken vorgehen.

Der König:     Das weiß man woher?
Keith:     Kundschaftermeldung, vor einer halben Stunde eingetroffen.

Der König:     Von Käsebier?

Keith:     Nein, einem kriegsgefangenen preußischen Lieutenant gelang es aus der Stadt zu kommen, um uns die Nachricht zu bringen.

Der König:    Und Ihre Gegenmaßnahmen?

Keith:     Ich gedenke den Anprall in unserer vordersten Linie abzuwarten. Inzwischen lasse ich die vorbereitete Rückzugsstellung hier auf dem Weißen Berge durch Redouten und Verschanzungen ausbauen und bei Rusyn mit Artilleristellungen beseitigen.

Der König:    Gut.  Die Kriegsbrücken?

Keith:     Die Schiffsbrücke bei Branik ist bereits abgebrochen, die Pontons sind verladen und bis Welwarn zurückgeschafft worden. Zur Verladung des Brückenmaterials von Podbaba wird kaum mehr Zeit bleiben; wir haben bisher die Bespannungen zur Rückschaffung des Artilleriematerials gebraucht.

Der König:     Das schwere Belagerungsgeschützß?

Keith:     Wir in die hinteren Linien...

Der König:     Nein, bleibt vorne. Haben keine Zeit. Die Mörser sind bis zum letzten Augenblick und bis zum letzten Mann zu bedienen, auch wenn das Fußvolk bereits zurückgegangen ist. Sind erst bei unmittelbarem Herannahen des Feindes zu vernageln und dann erst zu verlassen. Herr Marschall werden den Batteriekommandanten sagen, daß ich darauf rechne, daß sie ihre Todesverachtung diesmal durch Ausdauer zu beweisen haben. Die Familie jedes gefallenen Artillerieoffiziers erhält den Adel, jedes gefallenen Kanoniers tausend Reichstaler.

Keith:     Sehr wohl, Majestät! Die Loslösung beginnt vom rechten Flügel des Korps Winterfeldt bataillonsweise, über Motol, der Prinz von Preußen marschiert mit dem linken Flügel über Weleslawin und Wokowitz nördlich des Tiergartens Stern auf Rusyn in die vorbereiteten Stellungen. Graf Schmettau deckt mit sechs Grenadierbataillonen, dem Freibataillon Angelli, 8 Eskadrons und 2 Zwölfpfündern als Arrieregarde den Abzug beider Kolonnen. Rallierung der abziehenden Belagerungsarmee morgen in Minkowitz. Die Loslösung vom Feinde beginnt heute beim Anbruch der Dunkelheit.

Der König:     Nein, nicht bei Anbruch der Dunkelheit. Da entsteht schon Chaos beim Marsch. Und in den neuen Deckungen findet man sich im Dunkeln nicht zurecht und kann keinen Ausschuß suchen. Die Loslösung vom Feinde soll um drei Uhr beginnen.

Keith:     Majestät, da wird der Gegner den Rückzug gleich bemerken und die Verfolgung aufnehmen, bevor noch alles...

Der König:     Umso überraschter wird er sein, wenn wir uns ihm wieder stellen. Die Loslösung beginnt um drei Uhr nachmittags. Bin ich verstanden worden?

Keith (nicht überzeugt):     Wie Majestät befehlen.

Der König:     Veranlassen Sie das Nötige, Herr Marschall.

Keith:     Sehr wohl, Majestät. (Ehrenbezeugung, ab.)

Der König (schaut ihm nach):  Und Sie, was haben Sie mir vorzuwerfen, Herr Fahnenjunker, vormals Madame Hohenau?   

Ilsebill (kühl):     Ich habe meinen Abschied eingereicht, und hoffe bald wieder Madame Hohenau, vormals Herr Fahnenjunker zu sein.

Der König:     Ah? Reiche ich nicht einmal mehr dazu, das Ideal für eine Frau zu sein? Als ich das letzte Mal hier war, und wir einander kennen lernten, war's wie der Beginn eines Komödienspiels: Ein König und eine als Soldat verkleidete Dame. Und Frau Fahnenjunker gestand dem König, daß sie für ihn schwärme und bloß seinetwegen im Lager sei. War's nicht so?

Ilsebill:     Es war so.

Der König:     Und schon im zweiten Akt der Komödie kündigt sie mir die Verehrung auf. Die Treue scheint nicht ihre Sache zu sein.

Ilsebill:     Es ist nicht der zweite Akt. Es liegt ein Akt dazwischen.

Der König:     Jawohl, und ich weiß auch bereits, wie er verlief. Mein Herr Bruder war gestern hier im Lager und hat hier weidlich gegen mich geklagt. Aber ich werde ihm Ursache geben, sich über mich zu beklagen, dem Dafaitisten und Malcontenten! Ich jage ihn mit Schimpf und Schande aus der Armee, so wahr ich Friedrich heiße! Er gibt mir die alleinige Schuild an der Débacle von Kolin. Aber er war schuld oder seinesgleichen, - Hohlköpfe und Frondeure sind meine Generale, die Herren Manstein und Hülsen, unfähig zur Initiative und unfähig zur Subordination.

Ilsebill:   Majestät sollten auch im Unglück nicht ungerecht sein.

Der König:     Ich bin nicht ungerecht. Ungerecht wäre ich, wenn ich die Schuld an der Katastrophe mir allein zuschreiben wollte.

Ilsebill:     Ich erlaube mir, daran zu erinnern, daß vor kaum einer Woche an dieser Stelle der Kundschafter Käsebier stand, und zu behaupten wagte, daß die Erfolge Ew. Majestät nicht allein die Ihrigen seien, - damals haben Majestät scharf widersprochen, so weit ich mich erinnere.

Der König:     Ich habe nicht widersprochen. Ich habe mich nur schroff dagegen verwahrt, daß sich dieser Dieb über mich zu stellen wagte, indem er die Leistung des Individuums über die des Organisators erhob. Vielleicht hab ich's zu heftig getan, das kann sein, und der Strafgegangene Käsebier hat ein Recht darauf, mich in schlechtem Angedenken zu behalten. Aber ihm, Herr Fahnenjunker in statu demissionis, will ich heute eine Sentenz auf den Weg geben, die er sich merken soll: Es ist die einzige schlimme Species von Frauen, die einen Mann im Augenblick des Mißerfolgs verläßt, es ist...

Ilsebill:     Oh, Majestät! Wenn ich einen Seladon hätte, der allabendlich vor meinem Fenster verliebte Serenaden sänge und ich würde ihn deshalb lieb haben, so könnte man mir ihn sonst als den lächerlichsten Narren und dümmsten Patron schelten, dies könnte meiner Neigung nichts anhaben. Würde ich aber hören, er singe auch vor dem Fenster einer anderen Frau, so wäre er für mich erledigt. Und hätte ich einen Freund, der mir sein Herz ausschüttet und sich bei mir Rat holen kommt und ich würde ihn deshalb lieben, so würde ich es ihm verzeihen, wenn er sonst ein Kartenspieler wäre und ein Hurenjäger und ein Liederjahn und ein Betrüger. Würde ich aber erfahren, daß er auch einer Anderen seine Herzensnöte ausschüttet und ihren Rat verlangt, so wäre er für mich erledigt. Und hätte ich Einen, der mich küßt und ich liebte ihn deshalb, so könnte er ein Mörder sein oder ein Feigling und ich hätte ihn lieb. Aber küßte er ein anderes Weib, so würde ich ihn eher töten und eher mich töten, bevor er noch einmal meinen Mund berühren dürfte. Denn ich verzeihe alles, - außer, daß man micht betrügt!

Der König:     Und auf den gegebenen Fall angewendet?

Ilsebill:     Meine Liebe zu Ew. Majestät war darauf gegründet, daß Sie mir unfehlbar erschienen und unbesiegbar. Dieser Glaube hat mich befriedigt und glücklich gemacht. König Friedrich mußte nicht mit mir sprechen, König Friedrich mußte mich nicht ansehen, König Friedrich mußte bloß das sein, was er war, unfehlbar und unbesiegbar und unanfechtbar, und ich besaß ihn. Aber als er vorgestern besiegt wurde, und vom Schlachtfelde gejagt, da hat er mich betrogen, und - und -

Der König (ergänzend):     "Und war für mich erledigt."

Ilsebill:     Als Gegenstand meiner Liebe.

Der König:     Madame, ich will über Ihren Standpunkt kein Wort verlieren, - ich habe seit vorgestern genug dergleichen zu hören bekommen, Undan, Untreue, Unglauben. Aber bevor ich das Gespräch mit Ihnen begann, habe ich etwas anderes zu hören erwartet, - weil Sie die erste Frau waren, die ich seit meinem Unglückstag sprach. Wissen Sie, was der einzige Beruf der Frau ist? Aufzurichten! Aufzurichten, wenn man kopfhängerisch geworden ist und schlappschwänzig. Aufzurichten - in jedem Sinne des Wortes! Gehen Sie an Ihre Arbeit, Herr Fahnenjunker, - er ist keine Frau (Ilsebill setzt sich zu ihrem Pult.) Mich richtet niemand auf, niemand. (Er setzt sich auf einen Stuhl.) Ich muß mich selber aufrichten. (Er reckt sich ein wenig in die Höhe und sinkt wieder zusammen.) Aufrichten!

(Man hört eine Trompete blasen. Ilsebill geht zum Fenster und schaut durchs Fernrohr hinaus.)

Ilsebill:     Ein Parlamentär zu Pferde. Wollen ihn Majestät selbst abfertigen?

Der König:     Nein.

Ilsebill:     Soll ich ihn warten lassen, bis Marschall Keith zurückkommt?

Der König:     Zuerst fragen, was er will.

Ilsebill (ohne Fernglas aus dem Fenster sehend): Es ist bloß ein Verwundetentransport. Preußische Offiziere. Den kann ich selbst übernehmen.

Der König:     Ein Verwundetentransport! Gestern hat mir Daun zwanzig blessierte Offizieren von Kolin mit Eilkarossen nachgeschickt. Heute tut es der Prinz Karl. Großmut des Siegers! Sie beeilen sich mir ihrer Großmut.

Ilsebill:      Ich werde den Transport übernehmen.

Der König (dreht den Lehnstuhl so, daß er der Türe den Rücken kehrt).

(Der Parlamentär, von einem Offizier leicht am Arme geführt, tritt in Begleitung einer Krankenschwester und eines österreichischen Trompeters, der eine weiße Fahne in der Hand hält, in das Zimmer. Parlamentär und Trompeter haben die Augen verbunden. Der Parlamentär trägt eine weiße Galauniform mit reichen goldenen Fangschnüren, Goldkragen und Goldmanschetten, hohe Lackstiefel mit Silbersporen, Tschako mit weißem Federbusch, Zopfoerrücke, Schnurrbart.)

Ilsebill:     Sie sind im Hauptquartier, Herr... (Die Distinktion auf dem Kragen des Parlamentärs betrachtend): ... Major. Ihr Wunsch?

Der Parlamentär:     Ich habe mit der Krankenschwester von Sr. königlichen Hoheit dem Feldmarschall Carl von Lothringen, den Auftrag erhalten, dreißig schwerverwundete preußische Offiziere und einen unverletzten Offizier hierher zu transportieren. Ich bitte um Unterschrift und Petschaft auf Quittung und Gegenschein.

Ilsebill:     Weshalb bringen Herr Major auch einen unblessierten Offizier?

Der Parlamentär:     Auf meine persönliche Fürbitte hat Se. königliche Hoheit der Feldmarschall gestattet, daß der Major Ewald von Kleist gleichfalls repatriiert werde.

Der König (den Sessel etwas zurückdrehend):     Kleist!

Der Parlamentär:      Ich hoffe damit dem König Friedrich eine Freude zu bereiten, da mir seine Verehrung der Kunst und seine Schätzung des Dichters bekannt ist.

Der König:      Ihr Namen, Herr Major?

Der Parlamentär:     Der tut nichts zur Sache. Ich wünsche keine Anerkennung. Ich bitte aber, dem König zu melden, daß die Freigebung des Majors von Kleist auf die Bitte eines Gegners erfolgt ist, der dem Genie Friedrichs von Preußen fanatisch huldigt.

Der König:     Friedrich von Preußen ist nicht im Lager.

Der Parlamentär:     Ich bedaure das lebhaft. Ich hatte bestimmt gehofft, diesen größten Mann der neuzeitlichen Geschichte hier wenigstens von der Ferne sehen zu können.

Der König:     König Friedrich hat das Hasenpanier ergirffen, haha.

Der Parlamentär:     König Friedrich wird niemals flüchten und niemals irgendwohin reisen, wo seine Anwesenheit nicht für das Gemeinwohl erforderlich wäre. Es würde bedauerlich sein, wenn im Ernste jemand seiner Armee geringer von ihm dächte als ich, der ich von seinen Gegnern bin, Herr Offizier.

Der König:     Bis vorgestern dachten wir so wie Sie über unseren König, aber seit er sich bei Kolin verprügeln ließ, wie ein junges Windspiel...

Der Parlamentär:     Gegen eine doppelte Übermacht, gegen einen länger vorbereiteten Feind, gegen offenkundiges Mißgeschick.

Der König:     Unglück eines Schlachtenlenkers ist seine Schuld. Einen unglücklichen Feldherrn kann man nicht verehren.

Der Parlamentär:     Man darf einen Feldherrn verehren, wenn er einmal ein Unglück gehabt hat. Und zur Verehrung muß nun der Glauben treten. Solange jemand Glück hat, kann es sein, daß er nichts andere hat, als Glück. Solange er nur siegt, ist es keine Kunst zu siegen, - es kann eine natürliche Veranlagung, eine angeborene Überlegenheit seines Geistes, eine bessere Art seiner Waffen und seiner Helfer sein. Es ist keine Größe, wenn man bloß im Glück groß ist, im Unglück groß zu sein, ist die wahre Größe! Und es ist keineswegs ein Kunststück zu siegen, wenn man unbesiegbar ist, aber einen Sieg zu erringen, wenn man auch unterliegen könnte...

Der König:     Aber meine Soldaten, - sie verlieren das Vertrauen, wenn sie sehen, daß ich - daß die Führung Fehler begehen kann.

Der Parlamentär:     Nur eine ehrgeizige Frau, also eine schlechte Frau verlangt von einem Manne Unfehlbarkeit. (Der König schaut Ilsebill an.) Ein Mann liebt den deren mit seinen Menschlichkeiten.

Der König (aufspringend):     Wunderbar, wunderbar! (Er gibt Ilsebill ein Zeichen, dem Parlamentär die Binde von den Augen zu nehmen, was sie tut. Der Parlamentär springt einen Schritt zurück, als ob er erst jetzt erkennen würde, daß er mit dem König gesprochen habe, und salutiert auf österreichische Manier.)

Der Parlamentär:     Majestät selbst...

Der König (ihm die Hände schüttelnd):     Ich danke Ihnen, Herr Major. Oh, wie ich Ihnen danke! Seit zwei Tagen habe ich nichts als böse Blicke gesehen und Vorwürfe darin gelesen und Mißtrauen gehört. Sie sind gekommen, aus dem Feindeslager gekommen, mich aufzurichten. Mich aufzurichten. (Er wirft den Krückstock auf den Stuhl.) Ich danke Ihnen, auch für den Kleist. Sie speisen doch mit mir, Herr Major?

Der Parlamentär (zur Krankenschwester):     Wenn die Dame erlaubt?

Der König ( zur Krankenschwester):     Madame werden wir wohl gleichfalls die Ehre geben? Ich habe auch Ihnen zu danken. (Er will ihre Hand küssen, die sie ihm schroff entzieht. Der König, etwas frappiert): Nicht alle im österreichischen Lager denken wie Sie, Herr Major, über mich!

Die Krankenschwester:     Ich liebe die Kriege nicht, und jene, die sie führen.

(Keith ist aufgetreten, er gibt dem König ein Zeichen, der in die Ecke des Zimmers auf ihn zutritt; sie sprechen miteinander über die militärischen Maßnahmen. Inzwischen tragen Ordonnanzen einen Tisch herein, und decken ihn mit einem weißen Tischtuch, Granatenhülsen als Blumenvasen und fünf Gedecken.)

Ilsebill (zur Krankenschwester):     Der Krieg hat doch auch sein Gutes -

Die Krankenschwester:     Für die, die sonst nichts Gutes zu finden vermögen.

Ilsebill:     Der Mann kann sich im Kriege als Mann zeigen -

Die Krankenschwester:     Ich habe solche gekannt, die das auch im Frieden vermochten.

Ilsebill:     Aber gerade in Ihrem Beruf, als Krankenpflegerin, finden Sie im Kriege ein weites Feld -

Die Krankenschwester (träumerisch):     Ein weites Feld - ein weites Feld, auf einem weiten Feld möchte ich gehen, Hand in Hand mit einem, der micht liebt und (sie schaut den Parlamentär an): den ich liebe, - das ist mein Beruf.

Ilsebill:     Sie sind wohl im Frieden nicht Krankenschwester gewesen?

Die Krankenschwester:     So wenig wie Sie wohl im Frieden Soldat waren. (Der König geht zur Tafel. Mit ihm Keith, der sich der Krankenschwester und dem Parlamentär vorstellt. Der König weist der Krankenschwester den Platz zu seiner Rechten, dem Parlamentär zu seiner Linken an. Neben der Krankenschwester nimmt Keith, neben dem Parlamentär Ilsebill Platz. Hinter dem Stuhl des Parlamentärs steht dessen Trompeter, die weiße Fahne bei Fuß.)

Der König (zum Parlamentär):     Meine Hoftafel, - sie sieht etwas simpel aus, nicht wahr.

Der Parlamentär:     Wir waren da untten in Prag in den letzten Wochen nicht besser daran. (Sie essen die Suppe.)

Der König (erhebt sich, die Anderen springen auf):     Ich trinke auf das Wohl meiner freundlichen Gäste aus feindlichem Lager.

(Keith und Ilsebill trinken dem Parlamentär und der Krankenschwester mit Verbeugungen zu, die Bescheid tun. Man setzt sich und ißt Fleisch.)

Der König (zur Krankenschwester):     Das ist noch echtes Pilsner Bier - vielleicht das letztemal, daß wir's trinken.

Die Krankenschwester:     Warum? Wenn bald Frieden gemacht wird, können sich ja Ew. Majestät einige Fässer nach Potsdam bestellen.

Der König:     Madame, das hängt nicht von mir allein ab.

Die Krankenschwester:     Nein, nur zur Hälfte. Ich würde auch der Kaiserin Maria Thereia dasselbe sagen. (Man ißt.)

Der Parlamentär (erhebt sich, die Anderen desgleichen):     Ich trinke auf das Wohl unseres königlichen Gastgebers und erkläre, daß es unser unvergeßlicher Stolz bleiben wird, von ihm zur Hoftafel zugezogen worden zu sein.

(Er und die Krankenschwester tun Bescheid. Man setzt sich, es wird Speise serviert.)

Der König (zum Parlamentär):     Herr Major, was bedeutet dieses Schild auf dem Ärmel?

Der Parlamentär:     Das ist das Stadtwappen von Prag. Ich trage die Uniform der Prager Bürgergarde.

Der König:     Sie sind also nicht Berufssoldat, Herr Major?

Der Parlamentär:     Nein, Ew. Majestät, ich habe einen Zivilberuf.

Der König:     Die Prager Bürger, - ehrlich gesagt, ich habe sie in keiner guten Erinnerung. Vor dreizehn Jahren, als meine Armee die Stadt besetzt hatte, kamen sie uns sehr feindselig entgegen; und als wir abziehen mußten, schossen sie uns aus den Fenstern nach.

Der Parlamentär:     Da unten hat man sich jetzt oft daran erinnert. Und die Angst vor der Rache Ew. Majestät war fast so groß, wie die Not.

Der König:     Die Not war wohl beträchtlich?

Der Parlamentär:     Sie war furchtbar, Ew. Majestät. Der Jammer ist nicht zu beschreiben. Wissen Ew. Majestät, daß vor sechs Tagen die bedingungslose Übergabe der Stadt endgültig beschlossen war?

Der König (fährt zurück):     Was? Das ist nicht möglich!

Der Parlamentär:     Während des Begräbnisses von General Browne wurden im kaiserlichen Hauptquartier im Klementinum 1600 Akten verbrannt, - sämtliche Kriegsakten. Die Kriegskasse ist zu gleicher Zeit an sieben Orten versteckt worden. Um halb sechs sollte Obristleutnant Laudon als Parlamentär durchs Wyschehrader Tor reiten und die Übergabe der Stadt melden. Die Kapitulationsurkunde hatte der Kriegsrat am Abend vorher verfaßt, - die Sitzung hatte kaum eine Stunde gedauert.

Der König (hält den Kopf in beiden Händen):     Schrecklich, schrecklich! Wußte man denn nichts von der Herannäherung Dauns?

Der Parlamentär:     Man hatte nicht einmal vom Vorhandensein einer Entsatzarmee eine Ahnung.

Keith:     Ja, die Blockade war lückenlos. Meine Vorposten!

Der Parlamentär:     Ein Junge, der sich aus Südböhmen zu seiner kranken Mutter nach Prag eingeschlichen hat, hatte nirgends die Spur eines österreichischen Soldaten gesehen. Ebensowenig ein Reisender, der aus Eger kam. Uns sonst war in den ganzen Wochen kein Mensch in die Stadt gelangt, und keine Nachricht vom Hof und der Armee. Von den Spionen, die Prinz Carl abfertigte, kam keiner hinaus oder zurück.

Keith:     Meine braven Vorposten!

Der König:     Schrecklich, schrecklich! So nahe war also mein Sieg, als mein Unglück kam. Hätte ich die ganze Belagerungsarmee abziehen lassen und gegen Kolin werfen können, wie hätte ich Daun besiegt! Die Schlacht, die ohnedies beinahe für mich gewonnen gewesen war, hätte dann den ganzen Krieg entschieden! Beide Armeen wären dann vernichtet gewesen, Prinz Carl und Daun! (Zur Krankenschwester): Dann wäre der Krieg zu Ende gewesen, und Ordnung in Europa! (Zum Parlamentär): Und Ihr Böhmen, Mähren und Schlesien wär für immer vereinigt, unter der Regierung eines Königs...

Der Parlamentär:     ...von Preußen.

Der König:     Unter Ihrem König, den ich eingesetzt hätte und der regiert hätte, wie es für sein Volk am besten gewesen wäre. Haben die Böhmen nicht schon selbst deutsche Fürsten zu ihren Königen gewählt? Und wäre es nicht besser, als der Vasallenstaat seiner habsburgischen Unterwerfer zu sein, von Wien aus regiert zu sein, von der letzten Habsburgerin und ihrem lothringischen Beschälker? Nun ist das alles vorbei! Jetzt werden sie Mut fassen, meine Herren Gegner, die Elisabeth von Rußland, die Pompadour und die Maria Theresia, jetzt glauben sie wieder, daß ich mich unterkriegen lasse und ihre Krinolinen, und sie werden nicht eher ruhen, - bis ich - - Und so nahe war mein Sieg! Wie kam es denn, Herr Major, daß man von der Kapitulation Abstand nahm?

Der Parlamentär:     In der letzten halben Stunde erfuhr man von dem Vorhandensein einer nahen Entsatzarmee.

Der König:     In der letzten halben Stunde?

Keith:     Von wem? An welcher Stelle kam jemand in die Stadt?

Der Parlamentär:     Am Dienstag um fünf Uhr ließ sich ein Mann ins Hauptquartier führen, der am selben Tage in die Stadt gelangt war. Er brachte die Meldung, daß die Entsatzarmee höchstens vier Tagmärsche von Prag entfernt sein könne.

Keith:     Ein Kurier des Marschalls Daun?

Der Parlamentär:     Nein, der Mann wußte nicht einmal die Richtung anzugeben, aus welcher die Österreicher heranrücken sollten.

Der König:     Wieso glaubte man ihm also?

Der Parlamentär:     Der Mann wußte Glauben zu erwecken, indem er im voraus erklärte, keinerlei Belohnung in Geld zu beanspruchen und sich in Haft nehmen zu lassen, bis sich die Richtigkeit seiner Behauptung herausgestellt habe. Auch wußte er die Quelle seiner Kenntnisse äußerst glaubhaft zu schildern, so unwahrscheinlich sie auch anfangs erschienen war.

Der König:     Woher wußt er denn von der Nähe der Österreicher?

Keith:     Wo war er durch unsere Vorposten gekommen?

Der Parlamentär:     Er behauptete, ein preußischer Kundschafter zu sein ...

Ilsebill (fieberhaft):     ... ein preußischer Kundschafter ...

Der Parlamentär:     ... und am selben Vormittage hier im Schlosse Stern von Ew. Majestät persönlich abgefertigt worden zu sein. Dabei hätten ihn Ew. Majestät so verletzend behandelt, daß er willens sei, seinen Wert zu beweisen, indem er - halten zu Gnaden, Ew. Majestät, aber der Mann drückte sich so aus - dem preußischen König eine Lehre erteile. Der Mann, ein gewisser Käsebier ...

Der König, Keith, Ilsebill:     Käsebier!

(Pause.)

Der König:     Käsebier! Welch ein Schurke!

Der Parlamentär:     Er hatte sich wohl selbst zur Spionage gemeldet?

Der König:     Nein. Aber er hatte sie freiwillig übernommen.

Der Parlamentär:     Was wäre geschehen, wenn der den Kundschaftsdienst abgelehnt hätte?

Der König:     Er wäre wieder nach Stettin zurückgebracht worden, wo er vorher gefangen saß.

Der Parlamentär:     Zu lebenslänglicher Haft? Das ist keine Freiwilligkeit. Aber Majestät haben ihm gewiß für seine Dienste die Belohnung zugesagt, die er beansprucht hatte?

Der König:     Ach was, man soll einen Dieb nicht zum Bundesgenossen machen!

Der Parlamentär:     Und wenn man es tut, soll man den Dieb auch als Bundesgenossen behandeln.

Der König:     Ein Dieb als Bundesgenosse, - das hat sich mir verteufelt bewährt! Wenn's nicht so furchtbar tragisch für mich wäre, so wäre es ja zum Lachen: Der Käsebier hat die Entscheidung herbeigeführt...

Ilsebill:     "Wenn ich die Entscheidung herbeiführe und an der Hoftagel neben dem König sitze"...

Der König:     Was spricht sie, - was spricht er da?

Ilsebill:     So sagte mir Käsebier zum Abschied: "Wenn ich die Entscheidung herbeiführe, und an der Hoftafel neben dem König sitze"...

Der König:     Ha, an der Hoftafel neben mir, - ja, das wollte er von mir, der Kerl - er soll es nur wagen, mir in die Nähe zu kommen! Auf der Stelle ließe ich ihn füsilieren.

Der Parlamentär (nimmt Perrücke und Schnurrbart ab, es ist Käsebier):     Das werden Ew. Majestät nicht tun.

Der König, Keith, Ilsebill (springen auf, Käsebier und die Krankenschwester erheben sich ruhig von ihren Stühlen).

Der König (schreiend):     Wie? Ich werde ihn nicht füsilieren lassen, sagt er? Er irrt sich! Wer soll mich hindern?

Käsebier (gibt dem hinter ihm stehende Trompeter ein Zeichen, worauf dieser die weiße Fahne über Käsebier schwingt):
Das Völkerrecht!

Der König (ist frappiert. Dann geht er erregt auf und ab):     Ich werde... - Und das ist der Mensch, der mir als Erster im Unglück Worte des Vertrauens gesagt hat! Gute Worte. Der Einzige, der mich getröstet hat, der mich beinahe aufgerichtet hätte. Nein, der mich wirklich aufgerichtet hat! (Ausbrechend): Und das war alles gegen bessere Überzeugung gesprochen, nur aus Schlauheit gesprochen, daß ich ihn zur Tafel einlade! Er hat mir die Stadt aus der Tasche gestohlen, und wollte nun zu meinem Verderben noch den Hohn fügen. Und ich, Narr, ich ...

Käsebier:     Majestät, was ich von meiner Verehrung für Sie sprach, von meinem Glauben an Sie und Ihre Größe, das war meine ehrlichste Überzeugung. Wie war ich glücklich, als ich auf der Fahrt aus Stettin erfuhr, daß ich bestimmt sei, dem großen Friedrich zu dienen! Mein Leben schien mir in die Welthistorie gestellt, ich freute mich, den größten Mann meiner Zeit sprechen und ein Meisterwerk für ihn verbringen zu können. Wir haben auch unseren Stolz, - "unsere Eitelkeit", wie Ew. Majestät es nennen können. Aber gerade in dieser Eitelkeit haben mich Ew. Majestät tief verletzt...

Der König:     Und da beschloß er schon, dem "so verehrten, großen Friedrich" zu schaden?

Käsebier:     Nein, Ew. Majestät. Ich schlich mich mit der festen und einer (auf die Krankenschwester zeigend) selbst durch die Liebe unverrückbaren Absicht in die Stadt, dem großen Friedrich einen entscheidenden Dienst zu erweisen, dem Manne, der mich schlecht behandelt hatte, meine Bedeutung zu zeigen. Aber als ich hinunterkam, war es zu spät...

Der König:     Und da hat er mich einfach verraten!

Käsebier:     Ja. Es war die einzige Möglichkeit, mich zu beweisen. Als ich hörte, daß Prag vor der Kapitulation stehe, hätte ich auch vom nahen Entsatz schweigen können. Das wäre eine große Tat zugunsten Ew. Majestät gewesen. Aber Ew. Majestät hätten nie davon erfahren, hätten die Größe eines solchen Dienstes nie anerkannt und nie geglaubt, daß die Entscheidung in meinen Händen lag.

Der König:     Da hat er recht. Aber es wäre müßig, ihm zu erklären, daß sich in den durch Unterlassung begangenen Taten die Größe eines Menschen beweist, durch Taten, von denen andere nichts wissen, die kein anderer anerkennt und die kein anderer glaubt.

Käsebier:     Das trifft für Menschen zu, in deren Hände man Vertrauen gelegt hat. Deren bestes Tun ist, wenn sie es unterlassen, ihr Amt zu mißbrauchen, Bestechungen anzunehmen, ihre Macht an Untergebenen auszulassen!

Keith:     Bewies es nicht Vertrauen genug, daß wir ihn über meine Vorpostenkette hinausließen?

Käsebier:     Weil man mich brauchte, Herr Marschall. Ich war aus dem Zuchthause berufen worden, um mich nach Prag einzuschleichen. Und Sie haben mir nichts davon gesagt, daß die Entsatzarmee nahe sei.

Keith:     Aber wir wußten, daß sie das ahnten. Und ich habe Seiner Majestät abgeraten, Sie über den Vorposten zu lassen.

Käsebier:     Und der König hat nicht auf Sie gehört, Herr Marschall? Er hat dem Dieb, den er so schroff behandelt und dessen Bedingungen er abgelehnt hatte, doch sein Schicksal anvertraut? Nicht einmal gesagt, daß er ihm sein Vertrauen leihe? Der König hat nicht bedacht, daß ich ungeheuren Schaden stiften könne? Welch ein Fehler! Nie hätte ich einen solchen dem großen Friedrich zugemutet!

Keith:     Sei er nicht frech. Werfe er dem König keine Fehler vor. Der König hat alles bedacht, aber nicht geglaubt, daß er einen allfälligen Verrat bis zur letzten Folgerung durchzuführen vermöge.

Käsebier:     Das ist es, was ich hören wollte! Majestät haben mich nur deshalb ziehen lassen, weil Sie glaubten, man werde mir unten nicht glauben, weil ich dort einmal gestäupt und an den Pranger gestellt worden war, und weil ich meine Ahnung nicht beweisen könne. Das also war das "Vertrauen", das man in mich gesetzt hatte und das ich nicht mißbrauchen durfte!

Der König:     Wenn er das wußte, so hatte er vielleicht das Recht, den Vollzug meiner Aufträge zu unterlassen. Aber nicht das Recht, seinen Auftraggeber dem Feinde auszuliefern.

Käsebier:     Ich war gekommen, mein großes Gaunerstück zu verüben, die Stadt zu stehlen. Trotz alledem: für Ew. Majestät. Als ich sie aber im Besitze Ew. Majestät sah, mußte ich sie Eurer Majestät stehlen. Ich bin ein Dieb.

Der König:     Schade, Käsebier, schade! Werde er ein ehrlicher Mensch!

Käsebier:     Das würde sich mich ebensowenig schicken, als wenn Ew. Majestät ein unehrlicher Mensch werden würden, - halten zu Gnaden.

Der König:     Käsebier, werde er ein ehrlicher Mensch!

Käsebier:     Es muß auch unehrliche Menschen geben. Durch Ihre Feinde werden Ew. Majestät groß.

Der König:     Ich mag ihn aber nicht unter meinen Feinden haben.

Käsebier:     Ich bin nicht mehr Ihr Feind, Majestät.

Der König:     Trete er in meine Dienste. Ich brauche ihn.

Käsebier:     Nein, Majestät brauchen mich nicht. Es genügt, daß ich nie mehr auf der Seite Ihrer Feinde stehen werde, Ew. Majestät sind so groß, daß keiner Ihrer Widersacher gegen Sie aufzukommen vermag. Meine Wünsche sind bei Ew. Majestät und die Wünsche eines Diebes gehen in Erfüllung. Und trotz Kolin und trotz Europa werden Ew. Majestät den Krieg gewinnen.

Der König:     Auch wenn er noch Jahre dauert?

Keith:     Seine Majestät sprachen von sieben Jahren.

Käsebier:     Dann erst recht! Denn sieben ist die Glückszahl bei uns Dieben.

Der König:      Sieben Jahre wirkt ein Diebssegen?

Käsebier:     Noch länger, Majestät: bis ins siebente Geschlecht. (Die Kanonade verstärkt sich plötzlich sehr stark. Der König und Keith stürzen ans Fenster und zum Fernrohr.)

Der König (beobachtend):     Die Kaiserlichen setzen über die Moldau.

Keith:     Ja, auf der Brücke und auf Kähnen.

Der König:     Unsere Artillerie kommt gut ab. (Sie beobachten weiter. Inzwischen hat sich Käsebier auf die andere Seite des Zimmers begeben. Ilsebill tritt zu ihm. Margit beobachtet sie trotzig von der Ferne.)

Ilsebill:     Und ich?

Käsebier:     Bleiben Sie beim König!

Ilsebill:     Ich habe meinen Abschied eingereicht.

Käsebier:     Ei!

Ilsebill:     Ich mag nicht mehr hierbleiben. Ich gehöre Ihnen.

Käsebier:     Ich nehme nicht, was mir nicht gehört. Ich bin ein Dieb.

Ilsebill:     Ich bewundere Sie.

Käsebier:     Mich bewundert jemand, der mir höher steht: Der König.

Ilsebill:     Aber ich liebe Sie.

Käsebier (mit Blick auf Margit):     Mich liebt jemand, eine Frau, die mir näher steht.

Ilsebill:     Aber Sie haben doch um mich geworben!

Käsebier:     Und Sie haben sich mir entzogen. Ich mußte erst die Bedingung stellen, von der Sie nicht glaubten, daß ich sie erfüllen kann.

Ilsebill:     Glauben Sie, daß ich mich Ihnen jetzt anbiete, bloß weil ich mein Wort gegeben habe? Nein, weil ich Sie bewundere und weil ich Sie liebe.

Käsebier:     Ich weiß: Bis zum nächsten Mißerfolg. Dann würden Sie Ihren Abschied einreichen. Was Sie bewundern und lieben ist der Erfolg, das geglückte Abenteuer.

Ilsebill:     Sie wollen mich also nicht? Aber vor einer Woche haben Sie mich um meine Gunst gebettelt und haben mich angespornt, und mich angefleht, ich möge der Ansporn sein zu einer großen Tat?!

Käsebier:     Ich kam aus Jahren einer Kerkerzelle. Mit gebrochenem Selbstbewußtsein kam ich hierher. Und meine Augen waren geblendet. Und ich verlangtze gleich die Freundschaft eines Königs, die Einladung zur Hoftafel und den Besitz einer Frau aus Herrengeschlecht. Jetzt aber habe ich mich wieder gefunden. Ich weiß wieder, wer ich bin, und wer zu mir gehört. Komm, Margit.

(Margit ist zu ihm gekommen und schmiegt sich glückselig an ihn. Inzwischen sind Ordonnanzen in den Saal gelaufen gekommen, die - alle in gleichen Worten - dem König gemeldet haben, daß die Österreicher die Moldau übersetzt haben.)

Der König (setzt den Dreispitz auf, Käsebier die Hand reichend):     Adieu, Käsebier. Also wir gehen von nun an jeder auf anderem Wege.

Käsebier:     Jawohl, Majestät, jeder auf seinem Wege.

Der König:     Und sehen einandern niemals wieder?

Käsebier:     Vielleicht begegnen wir einander einmal in effigie. In zwei Jahrhunderten einmal, als Figuren eines Kupferstichs oder als Gestalten einer Komödie.

Der König:     Also, auf Wiedersehen!

 

Vorhang. 

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 Es folgen noch verschiedene Anmerkungen von Egon Erwin Kisch. 

wird vervollständigt...