UA-34182763-1

Die folgenden acht Aufsätze sind 1927 erschienen. Zwei Jahre zuvor war Rudolf Steiner verstorben, dessen grösster Kongress in Wien 1923 von Hans Erhard Lauer mitorganisiert wurde. 50 Jahre lang hat Lauer danach als Geschichtsphilosoph die verschiedensten Darstellungen zur Entwicklung der Anthroposophie gebracht, bis er selber 1979 über die Schwelle gegangen ist. 1973 habe ich seine Vorträge über die Dreigliederung des Sozialen Organismus gehört. Als Dokumentation seiner schon sehr frühen geistigen Reife sei dieses Buch hier anschliessend an die vorangehenden Arbeiten gebracht.


Hans Erhard Lauer 1899-1979

Rudolf Steiners Anthroposophie

im Weltanschauungskampfe der Gegenwart

Acht Aufsätze, Verlag von Rudolf Geering Basel

Inhalt:

Vorwort

- Der Goethe-Schillersche Freundschaftsbund und seine Bedeutung für das kommende Zeitalter

- Von Goethe zur Anthroposophie

- Die weltgeschichtliche Bedeutung der Erkenntnistheorie Rudolf Steiners und ihr Zusammenhang mit seiner  

  Anthroposophie

- Rudolf Steiners Leben und Lehre, wie sie einander gegenseitig beleuchten

- Zur geistesgeschichtlichen Stellung der Anthroposophie

- Anthroposophie und Weltanschauungsideale der Gegenwart

- Anthroposophie und Christentum

- Anthroposophie und Menschheitsentwicklung

-------------

Vorwort

   Von den nachstehenden Aufsätzen erscheinen der vierte, sechste und der achte hier zum erstenmal. Sie sind, teilweise umgearbeitet, mit den neugeschriebenen zu diesem Bande vereinigt worden, weil alle miteinander sowohl der Entstehung wie dem Inhalte nach ein zusammengehöriges Ganze bilden. Sie sind die Früchte einer eingehenderen Beschäftigung mit den Quellen und der geistesgeschichtlichen Stellung der Anthroposophie. So zeigen die drei ersten zwei hauptsächlichste Entwicklungslinien auf, die man zur Anthroposophie ziehen muß, wenn man ihre geistesgeschichtliche Stellung verstehen will. Der vierte stellt dann sie selbst von einem bestimmten Gesichtspunkt aus und im Zusammenhang mit Rudolf Steiners eigener Entwicklung dar. Die zwei weiteren beleuchten das Verhältnis der Anthroposophie zu verschiedenen Problemen und Erscheinungen unsrer Zeit. Und die beiden letzten endlich, in denen sich die Standpunkte der Betrachtung zur höchsten Höhe erheben, wollen die Stellung der Anthroposophie im Ganzen der Menschheitsentwicklung erkennen lassen.
   Durch die verschiedenen Gesichtspunkte, von denen aus die einzelnen Darstellungen gegeben sind, wird man vielleicht zunächst manchen Widerspruch zwischen ihnen empfinden können. Allein bei eingehenderem Studium wird man doch finden, dass es sich nicht um wirkliche Widersprüche, sondern nur um die Darstellung verschiedener Seiten handelt, die, wie nun einmal jedes Ding, so auch die Anthroposophie hat. Solche von verschiedenen Aspekten her gegebene Darstellungen kann man gerade dann als Bedürfnis empfinden, wenn man eine Sache einmal so vollständig wie möglich von einem einzigen Gesichtspunkte aus betrachtet hat. (S7)
   Das habe ich versucht in meinem vor einem Jahr in demselben Verlag erschienenen Buch "Rudolf Steiners Lebenswerk", in welchem ich einen systematischen Gesamtüberblick über dasselbe gegeben habe. Denn eine einheitliche Darstellung kann im wesentlichen nur auf einen Gesichtspunkt aufgebaut werden. Dann aber empfindet man ein natürliches Bedürfnis, denselben Gegenstand nun auch von den verschiedensten andern Aspekten aus anzuschauen. Dies jedoch kann dann nur in solchen gesonderten Darstellungen geschehen, wie sie dieses Buch vereinigt. Es bildet insofern zu dem oben genannten eine für ein gewisses lebendiges Erkenntnisstreben notwendige Ergänzung.
    Mai 1927                                                                                                                         Dr. Hans Erhard Lauer


Der Goethe-Schillersche Freundschaftsbund
und seine Bedeutung für das kommende Zeitalter

    (S9) Das Erscheinen des dichterischen Doppelgestirns Goethe und Schiller ist noch immer das glanzvollste Ereignis, das die Menschheit am Himmel ihrer neuzeitlichen Geistesentwicklung hat aufgehen sehen. Ein Jahrhundert ist seit ihrem Auftreten verflossen, und noch lange nicht ist ihre Wirkung erloschen; ja, man muss im Gegenteil sagen, sie hat ihre eigentlichen Kräfte noch gar nicht entfaltet. Denn noch haben wir kaum jene Distanz zu ihnen gewonnen, von der aus ihr Wesen und Werk in seiner Ganzheit und tiefsten Eigentümlichkeit überschaut werden könnte. So sonderbar es klingen mag: Goethe und Schiller werden in ihrem wahren Wesen verdeckt durch die Popularität, die ein bestimmtes Bild von ihnen erlangt hat. Sie sind in Wahrheit heute Unbekannte. Ihr traditionelles Bild aber ist heute, wie die Weltanschauung des vergangenen Jahrhunderts im ganzen, aus der es gebildet wurde, in Auflösung begriffen; was es von ihnen beinhaltet, genügt den Anforderungen nicht mehr, die wir Heutigen an unsere Dichter stellen. So kommt es, dass viele in unserer Zeit, von jenem traditionellen Bild unbefriedigt, überhaupt kein Verhältnis mehr zu diesen beiden Geistern finden können.
   Ein neues Bild muss sich die Gegenwart von ihnen erringen; ein Bild, aus dem die Züge entfernt sind, die man aus den politisch-nationalen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts heraus in sie hineingesehen hat, und in dem dafür diejenigen hervortraten, die ihre wesentlichen und ewigen sind. Diese sind bis heute noch wenig gesehen worden. Denn sie können erst aus den Empfindungen heraus erschaut werden, mit denen sich der heutige Mensch, namentlich der jüngere, in das Dasein hineingestellt findet. Goethe und Schiller sind die ersten (S10) Vorboten des neuen Zeitalters, das sich in den Geburtswehen unserer leidensvollen Gegenwart ans Licht ringt.
   Zwar gehören sie, soweit sie bisher zu wirken vermochten, längst der Menschheit an. Sie sind nicht mehr nur der kostbarste Besitz ihrer Nation, sondern als die jüngsten in den Kreis der wenig dichterisch-künstlerischen Gestalten eingetreten, die im Lauf der Jahrtausende als Menschheitsrepräsentanten auftreten.
   Vielleicht hat es in der neueren Zeit Dichter gegeben, die reicher veranlagt waren als Schiller. Was ihm aber in seiner Gemeinsamkeit mit Goethe die einzigartige welthistorische Stellung verleiht, ist die Reinheit und die Höhe der Menschlichkeit, zu der er sein Wesen und Schaffen gesteigert hat. Man darf ja behaupten, Goethe und Schiller haben ebensosehr wie als Dichter ihre Bedeutung als Repräsentanten der Menschlichkeit schlechthin, die sie aus Urquellen des Daseins heraus zu neuer Gestalt geboren und sowohl ihrem Begriffe wie ihrer Wirklichkeit nach auf den höchsten Gipfel geführt haben, den sie bis dahin in der Geschichte erreicht hat. Dieses ist es eigentlich, was ihnen im Kreise der übrigen weltgeschichtlichen Dichtergestalten ihre Eigentümlichkeit verleiht: sie sind im besonderen die Dichter der Humanität. Sie haben in ihrem dichterischen Schaffen einem Menschheitsideal Gestalt gegeben, das noch auf Jahrhunderte hinaus menschlich-sittlichem Streben Ziel und Vorbild sein kann. Das ist auch der Grund, warum ihren Schöpfungen eine so unversiegliche Wirkung entströmt, von der Menschenherzen immer wieder wie zum erstenmal ergriffen und über sich selbst erhoben werden - warum insbesondere ein so unvergleichlicher erzieherischer Impuls, im rein menschlichen Sinne, von ihnen ausgeht.
   In ihrem Leben, so sagten wir, hat sich dieses vorbildliche Menschentum nicht weniger dargestellt als in ihren Werken. Sie sind ebenso grosse Menschen wie Dichter. Von keiner anderen dichterischen Erscheinung der neueren Zeit gilt in solcher Art und solchem Grade wie von ihnen, dass eine nicht geringere Erhebung als aus ihren Werken aus einer Betrachtung ihrer Lebensgestaltung (S11) selbst geschöpft werden kann. Ihr Leben allein stellt eine der reichsten Schatzkammern erzieherischer Impulse dar. Sind doch Goethes wirkliche Lebenstaten nicht weniger gross als die dichterischen seines "Faust", und Schillers menschlich-künstlerische Entwicklung nicht weniger begeisternd und hinreissend als die Darstellungen menschlicher Ideale in seinen philosophischen Dichtungen und Schriften.
   Es zeigt sich diese Höhe ihres Menschentums in der Art, wie sie rastlos an ihrer künstlerischen Vervollkommnung arbeiteten, wie sie an der geistigen Entwicklung ihrer Zeit stets wachsamen und tätigen Anteil nahmen, wie sie die Gesetze des künstlerischen, ja alles geistigen Schaffens zu ergründen und nach den erreichten Einsichten ihre Arbeit und Lebensführung zu gestalten suchten, kurz, wie sie nach jeder Richtung hin zu einem reinen und vollen Menschentum strebten. Sie zeigt sich aber mit am schönsten und bedeutsamsten in ihrem Freundschaftsbund.
   Noch lange nicht genug ist ja erkannt worden, was uns eigentlich durch diese einzigartige Freundschaft Goethes und Schillers vorgelebt worden ist.
   Vergegenwärtigen wir uns doch nur, wie sonst Freundschaften im Leben grosser Geister zu entstehen und zu vergehen pflegen, und was hier geschah!
   Nicht selten sehen wir ja Freundschaften dadurch zustandekommen, dass die Anschauungen oder Bestrebungen der betreffenden Persönlichkeiten in einer gewissen Phase ihrer Entwicklung zusammengehen; von dem Augenblick an jedoch, wo sie wieder zu divergieren beginnen, sehen wir in der Regel auch die freundschaftlichen Gefühle erkalten, oft sogar später in ihr Gegenteil umschlagen. Noch häufiger ist der Fall, dass der eine, um eine Generation jünger als der andere, dessen Anschauungen oder Leistungen als Schüler begeistert in sich aufnimmt, vertritt, weiterbildet, endlich über sie hinauswächst und den einstigen Meister dann verleugnet. Ein naheliegendes Beispiel solcher Freundschaften bieten ja gerade jene drei Männer dar, von denen neben Schiller und (S12) Goethe der hellste Glanz in jene Zeit ausstrahlte: Fichte, Schelling, Hegel. Sie waren im Leben miteinander verbunden durch philosophische Anschauungen, die so notwendig auseinander hervorgingen, dass man sie ohne Schwierigkeit als die naturgemässe Entfaltung einer einzigen entwickeln könnte, ohne auf ihre menschlichen Träger Rücksicht zu nehmen. Sie gaben durch ihre Veranlagungen gleichsam nur die menschlichen Schauplätze und Kräfte her, auf denen und durch die sich ein objektiver Weltanschauungsimpuls folgerichtig entwickeln konnte. Und doch ist bekannt, wie alle drei nach den Zeiten gemeinsamen Strebens und Wirkens sich gegenseitig in bedauernswerten Formen befehdet haben.
   Hier aber verbanden sich die zwei grössten Dichter ihrer Nation, beide im reifen Mannesalter, auf der Höhe ihres Schaffens, beide von ausgeprägter und geradezu gegensätzlicher künstlerischer Eigenart, zu einer Freundschaft, die von unvergleichlicher Tiefe und Innigkeit und durch zehn Jahre bis zum Tode des einen ohne die leiseste Trübung andauernd, beide über sich selbst erhoben und ihr Schaffen, ohne ihren gegensätzlichen künstlerischen Charakter im geringsten zu verwischen, doch zu einer höheren geistigen Einheit verschmolzen hat.
   Wie war dieses ohne Beispiel in der neueren Geistesgeschichte dastehende Freundschaftsverhältnis möglich geworden?
   Was Goethe und Schiller  zusammenführte, lag nicht in ihrem Persönlichen als solchem begründet; dieses stiess sie vielmehr, solange es ihrem Schaffen und Empfinden noch das Gepräge gab, wegen seiner vollkommenen Polarität geradezu voneinander ab. Man stelle sich nur lebendig vor: Goethe, der in all seinem Schaffen und menschlichen Benehmen sich verhielt wie die Natur selbst, der ein jegliches in still geduldigem Warten reifen liess und nie von aussen künstlich erzwang, und dem auch in der Tat alles im Leben reifte, was in ihm angelegt war oder von ihm angelegt wurde, wenn auch oft in vielfach sich wandelndem Wachstum und in geheimnisvollem Wechselwirken, so doch mit derselben Leichtigkeit und Überfülle, mit der die Natur ihre Gebilde hervorbringt. (S12) Schiller, dessen stürmender Feuergeist überall die Schranken der Natur, die ihn schmerzvoll hemmten und seinem Schaffen die schwersten Hindernisse in den Weg legten, zu durchbrechen und in unstillbarem gewaltsamen Freiheitsstreben seinen Geistesflug stets nach dem Unendlichen, Unbegrenzten zu nehmen getrieben wurde. Wie sollten sich diese zwei Welten, in allem die äussersten Gegensätze, je verständigen können!
   Wenn sie trotzdem zusammengeführt wurden - und wie das geschah. gehört zu den grossartigsten Bildern, die die neuere Geistesentwicklung darbietet - so kam das allein daher, dass in ihnen beiden eben jenes Ideal der Menschlichkeit in solcher Stärke lebte, dass es allmählich alles andere Streben in ihnen aufzehrte und zum alleinigen Inhalt aller ihrer Wesensäusserungen wurde. Es lebte dieser Impuls der Vollmenschlichkeit in ihnen am stärksten von allen ihren Zeitgenossen, die ja allgemein von ihm erfüllt worden waren; er lebte in ihnen in so elementarer Art, dass sie in einem heroischen Selbstbefreiungskampfe ihr Persönliches in sich vollkommen zu überwinden und zum geläutertsten Träger desselben umzuwandeln vermochten. Und erst in dem Zeitpunkt ihres Lebens, als beide diesen höchsten menschlichen Freiheitskampf in sich siegreich bestanden und in ihrem Leben und Schaffen den in ihnen wirksamen Impuls zur reinen Ausprägung gebracht hatten, fanden sie die Wege zueinander. Als Verwandelte, aus dem Geiste Wiedergeborene, lernten sie sich also freundschaftlich schätzen und lieben, und die Kraft der Selbstverwandlung, das in ihrem Herzen Leben gewordene höchste Menschenideal waltete fortan als das Band der Treue, gleichsam als der zwischen ihnen immer unsichtbar anwesende verbindende Dritte in ihrem Bunde. Der zog sie nun immer wieder zueinander hin; denn aus ihren gegensätzlichen Anlagen heraus lebte jetzt jeder das Vollmenschliche auf eine Art dar, die der andere als seine notwendige Ergänzung empfand. Und es war, als wenn erst durch die fortdauernde Verschmelzung dessen, was ja aus dem Reichtum ihrer grossen Persönlichkeiten unversieglich an neuen Schöpfungen sich gebar, das wahre volle Menschenbild (S14) erstünde, das sich durch sie offenbaren wollte. Ein Objektiv-Geistiges waltete nun in der innigen Zuneigung, die sich menschlich zwischen ihnen entwickelte; und die schönsten menschlichen Beziehungen waren es, in denen sich dieses Objektiv-Geistige darlebte. Alles Persönliche, das jetzt zwischen ihnen sich abspielte, war zugleich von überpersönlicher Bedeutung;; und das Überpersönliche war ganz eingegangen in die freie Neigung der Herzen zueinander. Deshalb vermochte sie von da an auch nichts mehr zu trennen als der Tod.
   Goethes und Schillers Freundschaft kann in ihrer menschlichen Vorbildlichkeit nur verstehen und würdigen, wer zu erkennen vermag, wie sie nur möglich geworden ist auf der Grundlage des in beiden Persönlichkeiten ihr vorangegangenen Selbstverwandlungsprozesses. Bei der Gegensätzlichkeit ihrer Anlagen ist ihre Freundschaft selbst der deutlichste Beweis für diese vorhergehende Selbstverwandlung. Dieses Sichbestimmen aus dem Geiste, dieses Sichgründen auf seine Kraft ist es aber, was ihr Leben und ihre Freundschaft auch uns Heutigen noch zu einem hohen Vorbild macht. Versuchen wir, uns dieses in seinem wesentlichen Verlauf zur Anschauung zu bringen.

   In Goethe lebte schon von Kind an als die Grundveranlagung seines Wesens eine Naturanschauung, wie sie in so schöner Art bereits zum Ausdruck kommt in dem seltsamen Gottesdienste, den er - nach seiner Schilderung in "Dichtung und Wahrheit" - als Knabe eines Morgens dem Naturwesen dargebracht hat auf einem Altar, den er aus mannigfaltigen, dem Naturalienkabinette seines Vaters entnommenen Repräsentanten der Naturreiche stufenweise aufgebaut hatte und dessen Lichter er bei Sonnenaufgang mittels eines Brennglases anzündete: ihm waren Gott und die Natur eines, die Natur nicht ein toter Mechanismus von Stoffen und Kräften, sondern ein lebendiges, durchseeltes, durchgeistigtes, gotterfülltes Wesen und der Mensch als ein Glied in den Organismus ihres Lebens hineinverwoben. Die Natur lebt im Menschen; und er kann als erkennender in und mit ihr leben.
   (S15) In grandioser Art hat dann der Jüngling dieser Grundempfindung seines Daseins Ausdruck verliehen in dem Hymnus an die Natur: "Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen, unvermögend, aus ihr herauszutreten, und unvermögend, tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf und treibt sich mit uns fort, bis wir ermüdet sind und ihrem Arme entfallen... Gedacht hat sie und sinnt beständig, aber nicht als Mensch, sondern als Natur. Sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht. Ich sprach nicht von ihr, nein, was wahr ist und falsch ist, alles hat sie gesprochen, alles ist ihre Schuld, alles ist ihr Verdienst." Ein ähnliches Naturerleben, in anderer Sprache, wird in dieser Zeit ja auch z.B. im Werther geschildert.
   Aber es fehlte Goethe damals - aus dem Zitat geht es unmittelbar hervor - einerseits noch eine deutliche Anschauung darüber, welche Stelle der Mensch innerhalb des Naturganzen eigentlich einnimmt - er war gleichsam noch nicht zu einem menschlichen Eigengefühl gegenüber der Natur erwacht - anderseits empfand er das Wirken des Geistig-Göttlichen in der Natur nur im allgemeinen, konnte sich aber dessen konkretes "Wie" noch nicht anschaulich machen. Für das letztere glaubte er viel zu gewinnen aus der Lektüre des Spinoza, der in seiner "Ethik" eine ähnliche Weltempfindung zu einem philosophischen Gedankensystem gestaltelt hatte. Aber, wie mächtige Eindrücke er anfänglich auch aus diesem empfing, auf die Dauer war das abstrakte, bildlose Gedankenelement des Spinoza doch keine Luft, in der sein anschauungsdurstiger Künstlergeist hätte atmen können. Anregungen zu lebensvollen Anschauungen konnte er von Herder empfangen, in dessen Dichtergemüt das spinozistische Weltbild Farbe und Fülle bekommen hatte. Allein Herder verfolgte die spinozistischen Grundgedanken doch mehr im geschichtlichen Leben der Menschheit, namentlich in ihren kulturellen und poetischen Erzeugnissen. Und indem er in den letzteren überall das Ursprünglich-Natürliche, das Gesetzmässig-Notwendige aufwies, regte er Goethe als Dichter (S16) unmittelbarer an denn als Wissenschafter. Goethe suchte zunächst durch ein emsiges Naturstudium seine Gefühle zu Erkenntnissen zu konkretisieren, und es gelang ihm dabei auch die berühmte Entdeckung des menschlichen Zwischenkieferknochens, durch die sein Empfinden von der Verwobenheit des Menschen in das Naturganze sich als ein fruchtbarer Wegweiser für die Erkenntnis erprobt und durch diese wiederum in seiner Richtigkeit bestätigt hatte. Zugleich war durch diese Entdeckung ein Hinweis auf die Richtung gegeben, in der die wahre Stellung des Menschen innerhalb des Weltganzen gesucht werden müsse. Aber Goethe fühlte trotz diesen Einblicken, die in das Naturwirken zu tun ihm geglückt war, dass er in Weimar zu einer vollen Entfaltung der ihm eingeborenen Natur- und Weltanschauung nicht gelangen, dass er eine Befriedigung seiner tiefsten Erkenntnisbedürfnisse nicht finden könne. Es waren ja diese Erkenntnisprobleme zugleich auch die Lebensfragen, mit denen er als Künstler rang. Er strebte in seinem dichterischen Schaffen danach, das Wesentliche, Notwendige, Ewige in Menschenschicksalen und Naturerscheinungen darzustellen; aber dies hing aufs innigste davon ab, ob er dieses Ewige in differenzierter Gestalt in seinem innern Erleben aufzuerwecken imstande war.
   So riss er sich mit Gewalt aus den tausend Beziehungen los, durch die er unlöslich an Weimar gekettet schien, und floh nach Italien, wo er die Erfüllung seines Sehnens einzig glaubte finden zu können. Es hat dieses fluchtartige Hinuntereilen nach dem Lande seine Sehnsucht etwas Dramatisches in dem Leben Goethes, das sich sonst in so ruhigem, fast epischem Schritte bewegt.
   Da wurde ihm nun freilich in reichstem Masse zuteil, was er erhofft hatte. Im Anschauen der griechischen Bildwerke ging ihm zuerst auf, wonach er so lange gerungen hatte: eine konkrete Vorstellung von den göttlich-geistigen Bildekräften in der Natur. Mit deutlichem Bezug auf Spinoza, dessen abstrakte Begriffe ihm dieses Erlebnis nicht hatten geben können, ruft er aus: "Da ist Notwendigkeit, da ist Gott!" Und: "Die griechischen Künstler (S17) verfahren nach denselben Gesetzen, nach denen die Natur schafft, und denen ich auf der Spur bin." Auf dem Weg über die Kunst also fand er die Erfüllung seines Erkenntnisstrebens. Denn in ihr schaute er zu sinnlicher Offenbarung gebracht das Gesetzmässig-Notwendige, das in den Erscheinungen der Natur als ein Verborgenes wirkt. So wurde ihm die Schönheit zum Tor der Wahrheit. Und dadurch gelangten nun, zugleich im Umgange mit der üppigeren italienischen Natur, einerseits seine Erkenntnisbemühungen zur vollen Reife: in dem Bilde der "Urpflanze" vermochte er das aller pflanzlichen Gestaltung zugrunde liegende Geistige nun nicht mehr nur in unbestimmten Empfindungen oder abstrakten Begriffen, sondern in konkreter sinnlich-übersinnlicher Anschauung festzuhalten. Als eine plastische, sich metamorphosierende Lichtgestalt, die den Sinnen des Körpers zwar verborgen, den Augen des Geistes aber in jeder einzelnen Pflanzengestalt erschaubar ist, erschien ihm dasjenige, was die Pflanze erst zur Pflanze macht und ihr Gestalt, Wachstum, Fortpflanzung gibt. Weil Goethes Natur sich immer vollmenschlich, das heisst in der ungeteilten Ganzheit ihrer Kräfte betätigte, deshalb konnte er nicht eher befriedigt sein, als bis es ihm gelungen war, das Wesen der Pflanze sich als eine zugleich ideelle und anschaulich-reelle Gestalt vorzustellen. Es war diese Erkenntnisbetätigung eine wesentlich künstlerische. Deshalb förderte ihn, wie er durch die Kunst zur Erkenntnis gelangt war, nun die Entwicklung seiner wissenschaftlichen Anschauungen zugleich wieder als Künstler. Er strebte, nach dem Muster der griechischen Bildhauer, fortan als Dichter danach, das Gesetzmässig-Notwendige, dessen Wirken in der Erscheinungswelt anzuschauen er sich nun die Organe gebildet hatte, immer reiner und deutlicher in seinen dichterischen Gestaltungen zu verkörpern. Alles Zufällige, Willkürliche, das aus der Persönlichkeit des Dichters in sie mit hineinfloss, suchte er aus seinen Dichtungen zu entfernen. Gleichsam als höhere Naturwerke, nach ihren eigenen Gesetzen wie von selbst entstanden, sollten sie dastehen können, ganz losgelöst vom Dichter, selbständig in sich (S18) ruhend. Man vergleiche daraufhin die erste Weimarische und die zweite italienische Fassung der Iphigenie. Zwischen beiden liegt derselbe Fortschritt, wie er für die Naturanschauung erreicht war: die Weimarer Fassung in starken, oft aber unbestimmten Empfindungen gehalten, die italienische zur plastischen, bestimmten, in sich ruhenden Gestaltung durchgebildet.
   So hatte sich Goethe in Italien eine Weltanschauung errungen, durch die er sein Vollmenschentum nach allen Seiten zur höchsten Entfaltung hatte bringen können. Als Erkennender hatte er den Schlüssel zu den inneren Wirkenskräften der Natur gefunden, als Künstler hatte er seinen Stil errungen. Worauf aber beruhte dieser? In der erlangten Fähigkeit, das verborgene Wesen der Dinge, für das er sich nun das Auge gebildet hatte und fortan unablässig übte, in sinnlichen Formen darzustellen. Für Goethe fliessen Erkenntnis und Kunst aus einer Quelle: beide haben es mit der inneren Wahrheit der Dinge zu tun. In der Erkenntnis leuchtet diese Wahrheit in unserem Innern auf; in der Kunst bringen wir sie an den Dingen selbst zur Offenbarung. Auf beiden Gebieten kann sich unser volles Menschentum betätigen. Damit kam ihm nun auch die Stellung und Bedeutung des Menschen innerhalb des Weltganzen zur vollen Klarheit. Indem im menschlichen Gemüt das verborgene Wesen der Dinge offenbar wird, kommt in ihm die Welt sich selbst zum Bewusstsein. Der Weltenprozess als ganzer gelangt dadurch erst auf seinen Höhepunkt. "Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als in einem schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt: dannn würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Wesens und Werdens bewundern." Aber der Mensch kann noch einen Schritt weitergehen, indem er als Künstler das im eigenen Innern offenbar gewordene Wesen der Dinge nun an ihnen selbst zur sinnlichen Anschaulichkeit erhebt; dann führt er den Weltenprozess selbst weiter. "Indem der Mensch auf den Gipfel der Natur gestellt ist, so sieht (S19) er sich wieder als eine ganze Natur an, die in sich abermals einen Gipfel hervorzubringen hat. Dazu steigert er sich, indem er sich mit allen Vollkommenheiten und Tugenden durchdringt, Wahl, Ordnung, Harmonie und Bedeutung aufruft und sich endlich bis zur Produktion des Kunstwerkes erhebt, das neben seinen übrigen Taten und Werken einen glänzenden Platz einnimmt."
   Mit diesen Errungenschaften, als ein geistig Wiedergeborener, kehrte Goethe nach Deutschland zurück. Er hatte, was ihm angeboren war an Erkenntniskräften und künstlerischen Fähigkeiten, zur höchsten Blüte entwickelt. Aus der Empfindung, einen Höhepunkt in seinem Leben und Schaffen erreicht zu haben, veranstaltete er eine Gesamtausgabe seiner Werke. In den nächsten Jahren versiegte seine poetische Produktion fast ganz, so dass viele seiner Zeitgenossen sein dichterisches Werk im wesentlichen für abgeschlossen hielten. Dieses sein Verstummen wurde jedoch einerseits bewirkt durch die vollkommene Verständnislosigkeit, auf die er mit demjenigen auf allen Seiten stiess, was er aus Italien an menschlichen und künstlerischen Idealen mitgebracht hatte. Es konnte dadurch, was in ihm gereift war, sich gar nicht zu Früchten entfalten, sondern wurde gewaltsam zurückgestaut, so dass es endlich ganz versiegt schien. Anderseits aber konnte Goethe in der Tat von sich aus zunächst nicht über den erreichten Höhepunkt hinaus. Was er mitgebracht hatte, war eine höchste Blüte; Früchte aber konnte diese doch nur tragen, wenn sie von aussen her eine anregende Befruchtung erfuhr.
   Worin konnte aber eine solche Befruchtung allein bestehen? Goethe hatte in seinem Erleben und Schaffen einen höchsten Grad der Vollmenschlichkeit zur Verwirklichung gebracht. Aber er hatte damit nur dasjenige ausgebildet, was instinktiver Drang in ihm war. Die Vollmenschlichkeit lebte in ihm durchaus in naiver Weise. Er war sich des Besonderen, Aussergewöhnlichen derselben gar nicht bewusst. Er hielt sie für das Selbstverständliche, Natürliche. Konnte sie ihm nun so ins Bewusstsein gehoben werden, dass er sie in einem Alter, wo die Instinkte allmählich nachlassen, als bewusste (S20) Maxime weiterentwickeln und immer umfassender ausgestalten konnte, so musste das für ihn ein Ungeheures bedeuten, es musste wie das Erwachen aus einem Lebenstraume wirken. Am frühesten musste das Eigentümliche seines vollmenschlichen Verhaltens auf dem wissenschaftlichen Gebiete hervortreten; denn da hatte es ihn zu Anschauungen und Methoden geführt, die von den allgemein herrschenden gar sehr abwichen. Von daher erfolgte denn auch zunächst seine Erweckung zu sich selbst, und zwar durch niemand anderen als durch Schiller.
   Wie naiv Goethe in seinen wissenschaftlichen Anschauungen lebte, geht ja deutlich aus jenem ewig denkwürdigen ersten Gespräch mit Schiller nach einer Versammlung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena, Juli 1794, hervor, das den Grundstein zu ihrer Freundschaft legte und übrigens ebenso deutlich zeigt, was Schiller seinerseits von Goethe zu lernen hatte. Goethe entwirft Schiller ein Bild seiner Anschauungen über das Pflanzenwesen und zeichnet ihm sogar "mit manchen charakteristischen Federstrichen" ein Schema der "Urpflanze" auf ein Blatt Papier. Schiller, mit grossen Augen die Zeichnung betrachtend, sagt: "Aber das ist doch keine Erfahrung, sondern eine Idee"; denn, so glaubt er als Kantianer, die "Erfahrung" zeige uns nur sinnliche Formen, das Ideelle aber lebe lediglich im menschlichen Geiste. Goethe, empört und wie ein Nachtwandler angerufen: "Das kann mir sehr lieb sein, wenn ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe."
   Er hatte sich also in der Tat noch nie klargemacht, mit welchen Augen er eigentlich die Urpflanze sehe; er hatte noch keine erkenntnistheoretischen Überlegungen darüber angestellt, wie er zu ihr gekommen - wie sein Erkenntnisvermögen wirke.
   Immerhin: der Anstoss zur Besinnung über das eigene Wesen war gegeben; und was Goethe in der Folge durch Schiller erfuhr, war nichts Geringeres als eine umfassende "Psychoanalyse" seiner geistigen Persönlichkeit. Diese aber wirkte auf ihn so befreiend, dass der verschüttete Quell seiner dichterischen Produktion von neuem aufbrach und eine neue Epoche fruchtbarsten künstlerischen (S21) Schaffens erblühte, in der nun in verwandelter, reiferer, vervielfältigter Gestalt seine Auferstehung feierte, was seit seiner Rückkehr aus Italien in ihm geschlummert hatte.

   Denn Schiller war nun in geradem Gegensatz zu Goethe derjenige, der in klarster Bewusstheit das Idealbild der Vollmenschlichkeit sich als innere Schau errungen hatte und mit höchster Anspannung aller seiner Wesenskräfte zu verwirklichen strebte. Goethe lebte das Vollmenschliche instinktiv in allem dar, was er tat. Er handelte immer aus der ungeteilten Ganzheit seines Wesens heraus. Alle seine Leibes- und Seelenkräfte wirkten in schönem Gleichgewicht, in vollkommener Harmonie zusammen. Aber er musste sich dessen erst bewusst werden lernen. Denn die Bewusstheit gehört in unserem Zeitalter zur Realisierung des vollen Menschentums wesentlich hinzu.
   Schiller, von Natur aus unter einer Disharmonie seines Geistes und Körpers leidend, mit der Disharmonie seines inneren und äusseren Lebens in fortwährendem Kampfe, hatte sich das Ideal des harmonischen, ganzen Menschen erbildet und rang in unerhörten Anstrengungen danach, es in seinem Leben und Schaffen darzustellen. Diese Gegensätzlichkeit ihres Wesens ist es, was die erhebenden Wirkungen zu so tief und genau sich ergänzenden macht, die man aus der Betrachtung des Goetheschen und des Schillerschen Lebens und Schaffens sich immer wieder zufliessen spürt: Nie ist das volle Menschentum reiner und vollkommener dargelebt worden als durch Goethe, aber nie auch ist sein Bild leuchtender gemalt und nach seiner Verwirklichung mit hinreissenderem Enthusiasmus gestrebt worden als durch Schiller. Jener wirkt als ein grösstes Vorbild, dieser als ein grösster Lehrer. Vorbild und Lehre zusammen aber machen erst eine ganze menschliche Erziehung aus.
   Ich deutete schon an: Schiller war ausgegangen von dem Erlebnis der menschlichen Dualität, des Widerspruches zwischen seiner sinnlichen und geistigen Natur. Seine Doktordissertation hatte das (S22) Thema behandelt: Über den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen. Der Geist aber war für ihn der Herrscher im Menschen. Sein freies Schaffen kann die Nötigung der Natur immer wieder überwinden. In seinen Jugenddramen hatte Schiller Dichtungen in die Welt gestellt, die das moralische Wesen des Menschen gegen den Zwang der Sitte, die Selbstbestimmung des Einzelnen gegenüber dem Gesetz des Staates, die Freiheit des Willens selbst gegenüber der moralischen Weltordnung zur Geltung bringen sollten. Die Schaubühne betrachtete er als eine "moralische Anstalt" - wie er sie in einem vor einer Mannheimer Theatergesellschaft gehaltenen Vortrag nennt. Von ihr aus wollte er als ein moralischer Reformator den in Entsittlichung erschlafften Geist seines Zeitalters wachrütteln. Aber auch er fühlte bald, dass, was in ihm als menschlicher Impuls lebte, auf diesem Wege seine weitere Entfaltung nicht finden könne. Auf der Suche nach Klarheit wurde für ihn nun die Kantsche Philosophie, was für Goethe das Studium der Naturwissenschaften bedeutet hatte. Die Art, wie Kant das Sittliche im inn ersten Wesen des Menschen begründete, befriedigte ihn aufs tiefste. Nicht zustimmen aber konnte er ihm darin, dass dieses Sittliche sich im Menschen nur durch die Unterdrückung und Vergewaltigung seiner sinnlichen Natur sollte zur Geltung bringen können. Er war sich doch bewusst, wieviel er als Künstler dieser sinnlichen Natur des Menschen zu verdanken hatte. Dies ging ihm aber erst in voller Klarheit auf, als ihm das Prinzip der Bekämpfung der sinnlichen Natur durch die Kantische Philosophie von aussen her entgegentrat. Er fühlte, welche Verkümmerung des wahrhaft Menschlichen dies in Wahrheit bedeute. Da wurde ihm nun ein Kapitel der Kantischen Philosophie zum Anknüpfungspunkt, von dem aus er seine eigenen Gedanken weiterentwickeln konnte. Kants Lehre vom Schönen. Er wendete die negative Behauptung Kants, dass im ästhetischen Verhalten weder die sinnliche noch die geistige Natur des Menschen die ausschliesslich bestimmende sei, in die positive um, dass in ihm beide Naturen in gleicher Kraft, in harmonischem (S23) Gleichgewicht zusammenwirken, und fand dadurch im wahren Künstler den Repräsentanten des vollen harmonischen Menschentums. Der wahre Künstler ist der wahre Mensch. Auf welchem Gebiete immer wir uns als volle Menschen betätigen wollen, müssen wir die Seelenverfassung des Künstlers in uns herstellen, in der alle Kräfte unseres Wesens in harmonischem Gleichgewicht angreifen können. Und wenn das wahrhaft moralische Handeln das im höchsten Sinne menschliche Handeln ist, in dem wir uns weder der Nötigung unserer Sinnlichkeit noch dem Zwange einer eingebildeten Maxime unterwerfen, sondern uns in Freiheit aus uns selbst bestimmen, und wenn diese höchste Darstellung unseres Menschentums das Ziel der Menschheitsentwicklung ist, so ist der Künstler, ist die Kunst der wahre Erzieher des Menschengeschlechtes. Aus diesen Anschauungen entstanden nun die unsterblichen "Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen".
   Aber auch die Umkehrung seines Satzes bedachte Schiller aufs ernstlichste: dass nur derjenige Künstler seinen Namen verdiene, der ein ganzer harmonischer Mensch sei. Und er wandte diese Erkenntnis in erster Linie auf sein eigenes Schaffen an. In seinen früheren Dramen lag noch zuviel Tendenz; er hatte gepredigt, anstatt dargestellt. Es war ihm weniger auf die künstlerische Gestaltung als solche angekommen als auf ihren moralischen Gehalt. Er hatte noch zu wenig Welterfahrung, um seine Ideenfülle künstlerisch zu verkörpern; der Kreis seiner Anschauungen war zu eng. Diesen galt es vor allem zu erweitern. Wie Goethe zur vollen Entwicklung seiner Kunstideale seine räumliche Umgebung vertauschen musste, so Schiller seine zeitliche. Goethe suchte die wärmere Natur Italiens auf, Schiller die reichere Gestaltenwelt der Geschichte. Aus den vielseitigen historischen Studien, in die er sich jetzt vertiefte, erwuchsen ihm die Stoffe für seine späteren Dramen.
   So hatte sich Schiller in mühsamem, zähem Ringen das Bild des wahren Künstlers, des vollen Menschen erkämpft und alle ihm (S24) möglichen Anstrengungen unternommen, um es durch sein Schaffen dereinst zur Darstellung bringen zu können. Auch er war durch diese philosophischen und wissenschaftlichen Bemühungen, aus denen er als ein geistig Wiedergeborener hervorgehen sollte, von seiner poetischen Produktion ganz abgekommen. Und es erfüllte ihn ein gewisses Grauen davor, zu dieser zurückzukehren. Denn die Aufgaben, vor denen er sich nun sah, die Anforderungen, die er jetzt an sich stellte, waren ins Ungeheure gewachsen. Er brachte nichts mit als ein unendliches Ideal. Aber wie es verwirklichen?
   Was ihm fehlte, war eine sichtbare Verkörperung dieses Ideals, der er als Muster und Vorbild hätte nacheifern können. Denn das im Unendlichen sich verlierende Ideal selbst lähmte die erschöpften Kräfte mehr, als dass es sie zu neuem Schaffen begeistert hätte. Man wird ermessen können, was die Begegnung mit Goethe für Schiller bedeutete. Hier fand er das Heissersehnte, doch Nicht-zu-Erwartende: einen Menschen, der aus seiner instinktiven Natur heraus als die sichtbare Verkörperung des Vollmenschlichen über die Erde dahinwandelte.
   Wie Goethe auf der Höhe seines Lebens in Schiller seinen Erwecker gefunden, durch den all der in ihm gereifte menschliche und künstlerische Reichtum, wie mit einem Zauberstabe berührt, zu neuem, höherem Leben erblühte, so fand Schiller in Goethe die gestaltete Erfüllung des in seiner Seele erstandenen Ideals, dessen Anblick nun alle seine Kräfte zu neuer Tätigkeit entflammte. Das war im Jahre 1794.
   Noch ein Jahr früher hatten sie sich nicht finden können. Schiller stak mit der in diesem Jahr entstandenen Abhandlung über "Anmut und Würde" noch in seiner Auseinandersetzung mit Kant drinnen. Goethe hatte seine tragische Vereinsamung noch nicht bis zum Grunde durchgekostet. Erst als Schiller im Winter 1793/94 auf der Reise in seine schwäbische Heimat seine "ästhetischen Briefe" geschrieben und sich damit in voller Klarheit zu seinem Ideal durchgerungen hatte, Goethe von der letzten der (S25) zahlreichen Reisen dieser Jahre zurückgekehrt, sich in Weimar auf neue Tätigkeit verwiesen fand, war der Zeitpunkt ihrer Verbindung gekommen.
   Nur aus dieser seelischen Situation Schillers heraus, wie sie eben geschildert wurde, ist es zu verstehen, wie schnell er das Wesen der Goetheschen Persönlichkeit in seinem berühmten Geburtstagsbrief an diesen vom 23.8.1794 in einer so tiefen, umfassenden und endgültigen Weise zu zeichnen vermochte, dass sie bis heute nicht übertroffen worden ist. Aus ihr heraus ist auch das Entstehen der Abhandlung zu erklären, die er nun zunächst gewissermassen im geistigen Anblick der Goetheschen Persönlichkeit verfasste: über "Naive und sentimentalische Dichtung". Ihm wurde die Gegensätzlichkeit des Goetheschen und des eigenen Wesens zum Problem. Es erschienen ihm die beiden als besondere Ausgestaltungen der zwei überhaupt möglichen Typen des modernen Künstlers. Der wahre Dichte stellt immer wieder das reine, ursprüngliche Bild des Menschen in sein Zeitalter hinein, wie weit und nach welcher Richtung immer dieses von ihm abgeirrt sein mag, indem er die menschliche Natur in ihrer Einheit und Ganzheit wiederherstellt. Er tut dies entweder durch sein blosses Sein, in welchem sich die Vollmenschlichkeit darlebt: dann wirkt er "naiv". Oder durch ein immerwährendes Streben nach dem wiedererschauten Ideal: dann wirkt er "sentimentalisch".
   Goethe seinerseits bekannte in einem Briefe an Schiller, dass ihm die Briefe über die ästhetische Erziehung, die ihm dieser zugesandt hatte, "so angenehm und wohltätig waren, wie uns ein köstlicher, unserer Natur analoger Trank willig hinunterschleicht und auf der Zunge schon durch gute Stimmung des Nervernsystems seine heilende Wirkung zeigt. Hatte ich das erstemal die Briefe bloss als betrachtender Mensch gelesen und dabei viel, ich darf fast sagen, eine völlige Übereinstimmung mit meiner Denkweise gefunden, so las ich das zweitemal im praktischen Sinne und beobachtete genau: ob ich etwas fände, das mich als handelnden Menschen von seinem Wege ableiten könnte: aber auch da fand (S26) ich mich nur gestärkt und gefördert, und wir wollen uns also mit freiem Zutrauen dieser Harmonie erfreuen."
   Durch den Spiegel der Schillerschen Darlegungen in seinem Streben bewusst und bestärkt sich neu ergreifend, holte Goethe zunächst den angefangenen Wilhelm Meister wieder hervor und vollendete ihn unter Schillers unermüdlich beratender, kritischer, aufmunternder Assistenz, er nahm die Arbeit am Faust wieder auf und dichtete den Prolog im Himmel, durch den Fausts Streben und Schicksal in ein ähnliches Licht höherer zielbewusster Führung gerückt wurde, wie sich ihm sein eigenes durch die Berührung mit Schiller aufzuhellen begonnen hatte. Es folgte dann das Jahr der Balladen, das in edelstem Wetteifer die meisten und schönsten der epischen Gedichte beider entstehen sah.
   Schiller eröffnete mit dem Wallenstein, den wiederum Goethes Rat und fortgesetzter Antrieb vollenden half, die Reihe seiner unsterblichen Meisterdramen, in die nun der erneuerte Strom seiner dichterischen Produktion in ununterbrochenem Flusse sich ergoss, bis ihm sein früher Tod mitten in der Arbeit am Demetrius die unermüdliche Feder aus der Hand nahm.
   Dieses ihr gemeinsames künstlerisches Schaffen, wie es in ihren so unvergleichlichen Werken aus dieser Zeit zum Ausdrucke kommt, hat seine menschheitlich vorbildliche Bedeutung darin, dass Hand in Hand mit ihm ein gemeinsames Streben nach immer allseitigerer Erkenntnis der Gesetzmässigkeiten des künstlerischen Schaffens, der dichterischen Kunstformen einherging. Durch ihr dichterisches Schaffen selbst suchten sie diese Erkenntnis sowohl zu erringen als auch unmittelbar wieder zu verwirklichen. Sie strebten also einerseits nach höchster Bewusstheit in ihrer künstlerischen Produktion, anderseits nach solchen Einsichten in die Gesetzmässigkeiten derselben, die ihnen für ihre unablässige künstlerische Selbstzucht zu fruchtbaren Richtlinien, zu praktischen Zielen werden konnten. Denn sie rangen in ihren Dichtungen nach Darstellung der höchsten Ideale, die sie sich vom künstlerischen Schaffern bilden mussten. Diese ihre Einsichten, die sie - namentlich (S27) in ihrem Briefwechsel, aber auch in vielen, zum Teil sogar gemeinsam verfassten kunsttheoretischen Arbeiten - uns ja nur zum kleinsten Teil überliefert haben, sind heute nicht nur bei weitem noch nicht ausgeschöpft, sondern uns im Gegenteil fast vollständig verlorengegangen. Sie sind aber noch immer von unabsehbarer Zukunftsbedeutung dadurch, dass sie überall aus dem vollen Menschenwesen als dem Mass aller künstlerischen Dinge hergeleitet sind und auf der gemeinsamen Grundüberzeugung beruhen, dass nur aus dem harmonisch entwickelten Vollmenschentum heraus wahre Kunst entstehen könne.
   Einzelne diese Erkenntnisse hier anzuführen, würde den Rahmen dieser Darstellung überschreiten. Nur die Grundlagen dieser Goethe-Schillerschen Ästhetik seien hier noch einmal bezeichnet, weil auch aus ihnen ersichtlich wird, wie durch das Zusammenfliessen dessen, was jeder von ihnen aus seiner besonderen Wesenart heraus als Errungenschaften mitbrachte, erst ein volles Ganzes geworden ist. Die beiden Grundsäulen, auf denen die Goethe-Schillersche Ästhetik ruht, sind ja einerseits die Überzeugung, dass durch die Kunst das wahre Wesen der Dinge zur Offenbarung gebracht werde. Wie diese Erkenntnis durch Goethe in Italien errungen wurde, haben wir ja geschildert. "Die Kunst", so sagt er einmal, "ist die Manifestation geheimer Naturgesetze, die ohne sie ewig wären verborgen geblieben." Und ein andermal: "Der Stil ruht auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis, auf dem Wesen der Dinge, insofern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greifbaren Gestalten zu erkennen." Dass aber diese künstlerische Offenbarung des Wesens der Dinge nur aus dem in sich harmonisierten Vollmenschen heraus kommen könne, ist die Erkenntnis, die Schiller zu jener ersten als ihre notwendige Ergänzung hinzugefügt hat. "Denn", so heisst es in seinen ästhetischen Briefen, "um es endlich herauszusagen: der Mensch spielt nur da, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." (Unter "Spielen" versteht hier Schiller das ästhetische Verhalten.) Oder, nach einem Worte Goethes, nur (S28) derjenige Mensch kann als Künstler die Natur fortsetzen, der sich selber wieder zu einer ganzen Natur bildet und alle seine Wesenskräfte zur Wirksamkeit aufruft. So liegt also das Reich der Kunst in der Mitte zwischen dem Ideal wahrer Erkenntnis und demjenigen wahren sittlichen Strebens. Und nur, wer es in seiner wesensnotwendigen Ausdehnung nach diesen beiden Richtungen hin zu überblicken vermag, kann die Bedeutung der beiden Grundeinsichten richtig würdigen, die von Goethe und von Schiller zum Aufbau ihrer gemeinsamen Ästhetik beigetragen worden sind. (Für Heinrich v.Stein z.B. steht in seinen sonst vortrefflichen "Vorlesungen über die Schiller-Goethesche Ästhetik" die Schillersche Leistung im Vordergrund. Aus den Vorlesungen selbst geht auch unmittelbar hervor, warum: Er hat für die Bedeutung der naturwissenschaftlichen Anschauungen Goethes kein volles Verständnis sich erringen können.)
   Als eine schönste Frucht dieser ihrer gemeinsamen ästhetischen Untersuchungen ging auf seiten Goethes "Hermann und Dorothea" hervor, das Goethe in vollbewusster, strenger Durchführung seiner kunsttheoretischen Einsichten gestaltet hat. In der "Natürlichen Tochter" erreichte dann dieses bewusste Hinstreben auf ein künstlerisches Stilideal einen äussersten Gipfel: Das Typische, dessen Darstellung Goethe in jener Zeit als das Ziel des künstlerischen Schaffens erschien, hat dort eine höchstgesteigerte Ausprägung erfahren.
   Schiller wurde durch die fortgesetzte theoretische und praktische Beschäftigung mit den Gesetzen des dramatischen Schaffens in seinen Werken immer näher an das Urwesen des Dramas herangeführt. Von der "Jungfrau von Orleans" schon kann man den Eindruck empfangen, dass hier die äussere historische Handlung so stark zum Ausdruck eines inneren urbildlichen dramatischen Geschehens umgestaltet ist, dass diese dramatischen Vorgänge als die offenbarende Darstellung eines Urphönomens menschlichen Seins empfunden werden können. Denn die Urgestalt des Dramas ist in der innersten Wesenheit des Menschen selbst begründet. Innere (S29) Notwendigkeit führte ihn daher auf diesem Wege in der "Braut von Messina" zu dem Versuch, die antike Tragödie in erneuerter Form nachzugestalten. Denn diese war der Urgestalt des Dramas noch näher gestanden als die unsrige, hatte es sich doch unmittelbar herausentwickelt aus den Einweihungshandlungen der griechischen Mysterien. Und Aristoteles deutet für den, der ihn zu lesen versteht, in seiner Poetik ja deutlich genug darauf hin, dass der Ursinn des Dramas die Verwandlung der Menschenseele im Durchgang durch Furcht und Mitleid sei. Diese Selbstverwandlung des Menschen als das menschliche Urgeschehen wurde aber in höchster Form zu allen Zeiten in den Mysterien vollzogen. Und sie hätte durch das Schillersche Drama wieder zur Offenbarung kommen müssen, wäre dem Dichter nicht vorzeitig der Mund geschlossen worden. Im "Wilhelm Tell", im Demetriusfragment kann man Ansätze dazu erkennen; in Goethes Faust ist ja dann in anderer Art die erstarrte dramatische Form wieder zum künstlerischen Gewand für mystische Seelenvorgänge umgebildet worden.
   Nicht weniger fruchtbar und bedeutsam jedoch als auf künstlerischem Gebiet war das gemeinsame Arbeiten der beiden Freunde auf dem der Wissenschaft. Was sie hier voneinander zu empfangen hatten und einander schenken konnten, kam ja in ihrem oben erwähnten Gespräch deutlich zum Ausdruck. Goethe musste sein wissenschaftliches Verfahren, das er bis dahin, von einem sicheren Instinkte geleitet, geübt hatte, als bewusste Methode in seiner Eigentümlichkeit kennzeichnen und ausgestalten lernen.
   Schiller aber musste im Anblicke von Goethes wissenschaftlicher Betätigung sein Ideal des vollmenschlichen Verhaltens, das er sich bis dahin erst für das künstlerische und sittliche Gebiet errungen hatte, auf das wissenschaftliche ausdehnen. Auf diesem nämlich war er noch Kantianer geblieben und konnte sich ein gleichzeitiges harmonisches Wirken der sinnlichen und der geistigen Natur des Menschen, wie er es auf dem künstlerischen und sittlichen Gebiet als möglich erkannt hatte, noch nicht vorstellen. Da klaffte ihm (S30) Natur und Geist: Anschauen und Denken noch auseinander. Es bedeutete daher für ihn eine ungeheure Bereicherung, als er es in Goethes Verhalten vor sich sah, wie das Anschauen zugleich ein Denken und das Denken zugleich ein Anschauen sein, mit anderen Worten, wie unser Menschenwesen sich auch als erkennendes in seiner ungeteilten Ganzheit betätigen köne. So konnte er sein vollmenschliches Ideal dahin erweitern, dass auch wahre Wissenschaftlichkeit nur aus dem vollen Menschentum, das heisst aber aus einem künstlerischen Verhalten geboren werden könne.
   Goethe seinerseits war der Bewusstmachung seines vollmenschlichen Wesens, die ihm dadurch von seiten Schiller zuteil wurde, in jenem Zeitpunkte seines Lebens von sich aus einen Schritt entgegengeführt worden. Er hatte unter vielem anderen aus Italien auch das Streben nach einer Einsicht in das Farbenwesen mitgebracht, aus dem in der Folge seine epochalen Erkenntnisse über das Wesen des Lichts und der Farben hervorgehen sollten. Auf diesem Gebiete lagen nun aber zu seiner Zeit die Verhältnisse ganz anders als auf dem der Botanik und Biologie. Dort hatte er zwar die starren Klassifikationen Linnés vorgefunden, deren Unzulänglichkeit für eine wirkliche Erkenntnis des Pflanzenwesens ihn gerade auf seinen eigenen Weg des Forschens getrieben hatte. Aber diese seine eigenen Anschauungen konnte er weiterhin in vollkommener Ungestörtheit und Naivität ausbilden. Ganz anders lagen die Dinge in der Optik. Da fand er sich schon nach seinen ersten Versuchen in einem radikalen Gegensatz gegen ein allmächtig herrschendes wissenschaftliches Dogma. Zwischen diesem und seinen eigenen Anschauungen gab es keine Verständigung. Das eine schloss das andere aus. Was er vorbrachte, wurde daher entweder abgelehnt oder nicht ernst genommen. Das aber hatte ihn schon zu der Frage geführt, worin eigentlich die Gegensätzlichkeit begründet liege, die zwischen seinen eigenen und den herrschenden Anschauungen der Zeit bestehe. Er hatte bereits den Anfang mit einer Untersuchung über die Methoden des wissenschaftlichen Forschens gemacht. Da war es nun, wo ihm in Schiller der möchtige Helfer zustiess.
   (S31)   Nach der kühlen Aufnahme seiner "Beiträge zur Optik" seitens der wissenschaftlichen Welt, nach einigen fruchtlosen Verständigungsversuchen mit zeitgenössischen Physikern hatte Goethe seine optischen Studien nur mehr in der Stille weitergeführt und machte bald, neben seinem Hausfreund Meyer, Schiller zu seinem einzigen Vertrauten und Berater in diesen Angelegenheiten. Aus dem Briefwechsel geht hervor, wie hingebungsvollen und tätigen Anteil Schiller an Goethes optischen Arbeiten genommen hat. Der "Entwurf der Farbenlehre" wird immer von neuem zwischen ihnen durchgesprochen. Schiller sendet einmal eine Disposition dazu, die mit der dann von Goethe ausgeführten im wesentlichen übereinstimmt.
   Goethe schickt Schiller gelegentlich einen Aufsatz über die drei Grundtypen wissenschaftlicher Forschung, den er kurz vor ihrer Verbindung geschrieben hat. Er unterscheidet darin einer erste Art des Forschens, den gemeinen Empirismus, die durch die vorherrschende Sinnlichkeit bestimmt wird: sie führt dazu, Beobachtungen und Materialien zu häufen, ohne sie zu einer begrifflichen Einheit verbinden zu können. Eine zweite Art, den gemeinen Rationalismus, bestimmt die einseitig vorwaltende Geistigkeit: auf einem engen Ausschnitt von Erfahrungen, oder gar unter völliger Abwendung von denselben baut man Theorie über Theorie auf, die dann naturgemäss keine Dauer haben können. In der dritten Art der Forschung endlich, dem rationellen Empirismus, wirken Anschauung und Denken, Sinnlichkeit und Geistigkeit in gleicher, harmonischer Stärke zusammen, wie ein gesundes Ein- und Ausatmen. Sie ist es, die er selber von jeher zu üben instinktiv bemüht war. Man sieht: er fühlte schon, aus dem Menschentum, seiner einseitigen oder allseitigen Ausbildung, gehen die verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsarten hervor.
   Schiller beantwortet die Übersendung des Aufsatzes damit, dass er die drei Typen der Forschung an Hand der philosophischen Kategorien nach allen Richtungen hin in ihrem Verhalten zu charakterisieren sucht. Goethe wird zu weiteren (S32) Ausführungen veranlasst, und im Wechsel der folgenden Briefe entstehen lichtvollste Beiträge über Wesen und Ziele der menschlichen Erkenntnis, die nichts Geringeres als die Elemente einer vollkommen neuen Wissenschaftslehre - einer Wissenschaftslehre des Vollmenschlichen - enthalten. Manches davon ist dann in den Entwurf der Farbenlehre mit hineingearbeitet worden; und wenn dieses Werk, das sich von den früheren morphologischen Arbeiten Goethes durch die bewusste und systematisch-umfassende Durchführung eines aus dem Wesen der menschlichen Erkenntnis selbst begründeten methodischen Verfahrens unterscheidet, dadurch zum Grundstein einer erst heute heraufdämmernden neuen Epoche menschlichen Erkenntnisstrebens geworden ist, so konnte es dies eben nur durch die Verstärkung der inneren Stosskraft werden, die die Erkenntnisbemühungen Schillers durch ihre Verschmelzung mit den Goetheschen diesen verliehen haben.
   So kann man sagen: Schiller wurde durch Goethe vor allem als Künstler, dieser durch jenen hauptsächlich als Wissenschafter gefördert. Als Künstler schafft man ja im wesentlichen aus dem, was man ist, als Wissenschafter aus dem, was man im Bewusstsein hat. Schiller hätte seine Meisterdramen ohne Goethes Freundschaft nimmermehr zu der künstlerischen Vollendung gebracht, die er ihnen so zu geben vermochte. Er ist als Künstler nur durch Goethe zu dem geworden, als der er seine reifsten Werke schuf.
   Goethe stände rein dichterisch vielleicht auch ohne Schiller im wesentlichen als derselbe vor uns. Ganz richtig ist dies zwar nicht, da er ja mittelbar für seine Kunst durch die Entwicklung seiner Erkenntnisse Unendliches gewonnen hat. Seinen Naturerkenntnissen aber und damit seiner Weltanschauung hätte er ohne Schillers Hilfe nimmermehr diejenige Durchbildung zu geben vermocht, in der er sie uns als die Grundlage eines neuen Weltbildes hinterlassen hat. Nur wer weiss, wie wesentlich für Goethes Gesamtwirken seine Weltanschauung ist (Goethe hat bekanntlich im Alter den Wert seiner Naturerkenntnis höher eingeschätzt (S33) als den seiner Dichtungen!), der wird die Bedeutung Schillers für Goethe richtig würdigen können. Er kann dieses keineswegs leichtverständliche Freundschaftsverhältnis eben nur unter dem Aspekt des Impulses des Vollmenschentums, der gerade durch die harmonische und innerlich übereinstimmende Ausbildung von Kunst und Wissenschaft in ihm zur Offenbarung kam, in seiner Bedeutung nach beiden Seiten hin gerecht beurteilt werden. (Herman Grimm, der Goethes Naturerkenntnis in ihrer epochalen Bedeutung nicht erkannt hat, unterschätzt daher naturgemäss in seinen sonst ausgezeichneten "Vorlesungen über Goethe" die Bedeutung stark, die die Freundschaft mit Schiller für Goethes Gesamtschaffen gehabt hat.)
   Wie sehr Goethe lieben lernte und schätzen durfte, was er durch Schillers philosoophierende Art zu der seinigen hinzugewann, spricht er in einer schönen Briefstelle vom 10. Februar 1798 aus: "Die Philosophie wird mir deshalb immer werter, weil sich mich täglich immer mehr lehrt, mich von mir selbst zu scheiden, das ich um so mehr tun kann, da meine Natur, wie getrennte Quecksilberkugeln, sich so leicht und schnell wiedervereinigt." Und wieviel er dadurch auch für sein dichterisches Schaffen gewonnen, zeigt eine andere Briefstelle, die auch aufs genaueste seine eigene Bedeutung für Schiller kennzeichnet: "Das günstige Zusammentreffen unserer beiden Naturen hat uns schon manchen Vorteil verschafft und ich hoffe, dieses Verhältnis wird immer gleich fortwirken. Wenn ich Ihnen zum Repräsentanten mancher Objekte diente, so haben Sie mich von der allzu strengen Beobachtung der äusseren Dinge und ihrer Verhältnisse auf mich selbst zurückgeführt. Sie haben mich die Vielseitigkeit des inneren Menschen mit mehr Billigkeit anzuschauen gelehrt, Sie haben mir eine zweite Jugend verschafft und mich wieder zum Dichter gemacht, welcher zu sein ich so gut als aufgehört hatte."
   Was endlich für das sittlich-moralische Gebiet durch ihre Verbindung erreicht wurde, ist zwar im Konkreten schwer aufzuweisen, durch eine Betrachtung der von ihrem Schaffen (S34) ausgehenden Wirkungen im ganzen aber doch deutlich zu erkennen: der Impuls einer wahrhaft freien Sittlichkeit, das heisst einer Lebensgestaltung, die weder der Übermacht der angeborenen natürlichen Triebe sich ergibt noch aber auch unter ein von aussen angenommenes oder aufgedrungenes Sittengesetz sich beugt, sondern in Freiheit sich selbst zu einer harmonischen Entfaltung der ganzen Menschennatur bestimmt - einer Sittlichkeit, die in der Ausprägung des Ewigen im Menschen durch alle seine sinnlichen Daseinsäusserungen, das heisst in der Durchseelung und Durchgeistung des Menschenlebens zum höchsten, weil realen Weltenkunstwerk unser höchstes Lebensziel erblickt. Das zeigt der Wilhelm Meister, zeigt z.B. die unmittelbar dem Märchen vorausgehende Erzählung in den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter" - oder aber Schillers "ästhetische Briefe" oder dessen kleine Abhandlung "Über den moralischen Nutzen ästhetischer Sitten".
   Alles in allem dürfen wir sagen: durch den Goethe-Schillerschen Freundschaftsbund wurde um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts der Impuls des Vollmenschentums aus Urtiefen des Daseins heraus in die Menschheitsentwicklung hineingestellt als ein Ideal, das erst viele Jahrhunderte zum Gemeingut der Menschheit werden reifen lassen. Dass der Mensch auf allen Gebieten des Daseins sich mit seinem vollen Wesen bewegen und betätigen könne, das ist es, was sie durch ihre Weltanschauung, durch ihr künstlerisches Schaffen, durch ihr Leben zum erstenmal erwiesen haben. Es ist dies ja der menschheitliche Grundimpuls, der in unserer Epoche zur Verwirklichung kommen soll. In früheren Zeitaltern konnte der volle Inhalt der Menschlichkeit nur durch die menschliche Sozietät als Ganze realisiert werden. In dem unsrigen kann er es durch die einzelne menschliche Individualität. Darauf beruht der Fortschritt in der Menschheitsentwicklung. Freilich sind in diesem umfassenden Ideal Einzelimpulse beschlossen, die sich auf den entsprechenden Lebensgebieten erst langsam Geltung erobern werden: so der Gedanke, dass das wissenschaftliche Forschen erst (S35) durch seine Erhebung zu einer künstlerischen Betätigung seine höheren Ziele erreichen kann - dass der Künstler hinwiederum nur durch das Erringen einer erkenntnismässigen Bewusstheit über sein Schaffen dieses zur höchsten Höhe steigern kann - endlich das Ideal der freien Sittlichkeit. Wie wenig ist heute noch von jedem einzelnen dieser grossen Gedanken verwirklicht! Wie viel ist noch zu tun, bis sie in das allgemeine Bewusstsein aufgenommen sein werden! Aber sie können es. Denn es sind diese Impulse durchaus von überpersönlicher, menschheitlicher Bedeutung. Weil sie dies sind, darum konnten sie auch nur durch die Verbindung dieser beiden grössten Geister ihres Zeitalters zum erstenmal in Erscheinung treten. Was durch die Vereinigung von Schiller und Goethe zustande kam, ist eben durchaus mehr als eine blosse Addition ihres vereinzelten Wirkens. Es war ein schlechthin Neues, Grösseres, Überindividuelles, was aus ihrer Freundschaft erwuchs. Es war mehr, als was ein Mensch hätte umspannen können. Zwei so gegensätzliche Naturen wie die ihrigen mussten es sein, durch deren ununterbrochenes Ineinanderfliessen allein dieser Impuls in seinem umfassenden Wesen zur Offenbarung kommen konnte.

   Das 19. Jahrhundert vermochte ihn zunächst nicht aufzunehmen und fortzubilden. Nach dem Abfluten der idealistischen Geistesströmung gegen die Mitte des Jahrhunderts war er von der Oberfläche des historischen Geschehens völlig verschwunden. Im Verborgenen aber lebte er als eine geistige Realität, die er ist, dennoch weiter. Und erst am Ende des Jahrhunderts, als eine neue Weltenkonstellation für die Menschheitsentwicklung eintrat, rang er sich, in reicherer Gestalt, von neuem ans Licht in der Anthroposophie Rudolf Steiners. Diese ist nichts anderes als die entwickeltere Form dieses Impulses, zu der er in den Untergründen der Geistesentwicklung unterdessen herangereift war und in der er unter den neuen Bedingungen wieder hervortreten konnte. Und sie verhält sich zu jener Gestalt, in der dieser Impuls am Anfange des (S36) Jahrhunderts sich durch Schiller und Goethe geoffenbart hat, wie die Blüte zum Keim. Die Blüte kann äusserlich nicht dieselbe Gestalt haben wie der Keim. Wer daher in Goethe und Schiller nur ihr zeitgebundenes Sterbliches sehen kann, der wird ihren inneren Zusammenhang mit der Anthroposophie leugnen. Wer aber das fortwirkende Ewige in ihnen, den in ihrem gemeinschaftlichen Wirken sich ankündigenden Menschheitsimpuls erschauen kann, wie er im vorangehenden zu zeichnen versucht wurde, der wird das dort keimhaft sich Offenbarende in der entfalteten Blüte wiedererkennen.
   Zu der Art freilich, wie sich dieser Impuls aus jenem Keim zu dieser Blüte entfaltet hat, hat etwas beigetragen, das man nur verstehen kann, wenn man die Menschheitsentwicklung als eine geistige Realität anzusehen vermag: die besondere Stellung, die das 19. Jahrhundert im Ganzen der Menschheitsentwicklung einnimmt. Durch diese musste, was Goethe das "Wesen der Dinge" nannte, am Ende des Jahrhunderts in ganz anderer Form erlebt werden als an seinem Anfange. Wen diese Andersheit zu einem Zweifel an der menschlichen Erkenntnis führen könnte, der wüsste eben nicht, was Wahrheit ist. Diese besteht nicht in einer toten, endgültigen Formel, sondern muss sich, gerade wenn sie Wahrheit bleiben will, mit der Wandlung der menschlichen Organisation selbst mitwandeln zu immer neuer Gestalt. Denn - so lautet eine ausgezeichnete Definition derselben von Goethe - "kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Aussenwalt, so heiss ich's Wahrheit; und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige". Und Rudolf Steiner sagt einmal: "Die Wahrheit erkennen heisst: in der Wahrheit leben." Zur Zeit Goethes konnte man noch so in der Wahrheit leben, wie Goethe und Schiller sie ergriffen haben. Man konnte sie, wie Schiller, als blosses inneres Gefühl, als Ideenorganismus, oder, wie Goethe, als solch zarte, bildhafte Anschauung erleben, wie sie seine Imagination der "Urpflanze" und des "Lichtwesens" war. Die moderne Naturwissenschaft trat einem noch nicht mit dem brutalen (S37) Anspruch ihrer Sinnesbeobachtungen auf alleinige Wahrheit entgegen, der jene inneren Empfindungen und Anschauungen erdrückt hätte. Am Ende des Jahrhunderts war es aber dahin gekommen. Der Überfülle der mit dem Anspruch auf alleinige Wirklichkeit und Wahrheit auf den Menschen einstürmenden Sinnestatsachen, das heisst der mit ihrer ganzen Brutalität auf ihn eindringenden Aussenseite der Welt musste ein Bild ihres wesenhaften Innern entgegengestellt werden, das unerschütterlich in sich begründet, von derselben Konkretheit, Universalität und seelenergreifenden Macht, dem Ansturm der Tatsachen standhalten konnte. Die Schau des Wesens der Dinge mit den Augen des Geistes, die in Goethes Metamorphosen- und Lichtlehre in zarten Anfängen erkeimte, musste in voller Klarheit, mit deutlichen Umrissen hingestellt werden. Nichts anderes als dies ist es, was wir in dem Weltbild der Anthroposophie vor uns sehen. Das Anschauen des Wesens der Dinge mit den Augen des Geistes, das für Goethe die Wissenschaft bedeutete, und das er mit Schillers Hilfe als Methode in seinen elementaren Stufen begründet und ausgearbeitet hat, ist in der Anthroposophie zu einem ausgebildeten Schulungsweg zu übersinnlicher Erkenntnis erweitert worden, wie er heute an der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft "Goetheanum" in Dornach gelehrt wird. Der immer mächtiger sich ausbreitenden Naturwissenschaft musste eine ihr ebenbürtige Geisteswissenschaft als Ergänzung gegenübergestellt werden. So allein kann heute vollmenschliches Erleben verwirklicht werden. Dadurch aber sind auch für die Entwicklung der Kunst die Wege fortgeführt worden, die Goethe und Schiller angebahnt haben. In genauer Entsprechung zu der Wandlung und Entwicklung, die die wesenhafte Wahrheit der Dinge für das erkennende Erleben erfahren hat, musste sie auch in ihrer Offenbarung durch die Kunst in verwandelt-entwickelterer Gestalt erscheinen. Nicht mehr nur als innere Empfindung oder erst aufkeimende Anschauung, sondern als deutliche Bilder seelisch-geistigen Wirkens musste sie nun aus den verborgenen Tiefen der Dinge an ihre sinnliche Oberfläche hervorgezaubert werden. Dieses (S38) sehen wir, um nur eine der künstlerischen Auswirkungen der Anthroposophie zu nennen, z.B. an den Mysteriendramen Rudolf Steiners. Zwischen den Dichtungen Schillers und Goethes und diesen liegt künstlerisch derselbe Fortschritt wie erkenntnismässig zwischen Goethes Metamorphosenlehre und Steiners "Geheimwissenschaft". Das bedeutet nun aber nichts anderes, als dass echtes künstlerisches Schaffen heute nur in dem Grade erreicht werden kann, in dem man das Wesen der Dinge, wie es in der unserer Zeit angemessenen Gestalt die Anthroposophie heute enthüllt, in seiner eigenen Seele lebendig werden zu lassen imstande ist. Denn zunächst lebt der Mensch heute nicht mehr in den geistigen Wirklichkeiten darinnen, in denen sich Schiller und Goethe noch unmittelbar erfühlten. Die Manifestation geheimer Naturgesetze durch den Menschen, die für Goethe die Kunst ist, vollzieht sich heute nicht mehr von selbst. Die Natur offenbart ihr Inneres heute nicht mehr durch den Menschen, es sei denn, dass er sie durch die Verwandlung seiner Seele zum Sprechen auferweckt.
   Aber es wird diese Fortsetzung des Naturschaffens durch die menschliche Kunst doch nur in ein Reich des Scheines hinein fortgeführt. Wenn der Mensch, auf den Gipfel der Natur gestellt, durch das Aufrufen aller seiner Wesenskräfte das Kunstwerk als abermaligen Gipfel in sich selbst hervorbringt, dann steht - so führt Goethe dieses Wort in seinem Buche über Winckelmann selbst weiter - dieses doch nur "in seiner idealen Wirklichkeit vor der Welt". Und auch Schiller betont immer aufs neue, dass die Kunst es nur mit dem schönen Scheine zu tun habe. Ihre Werke haben kein wirkliches Leben in sich, im trivialen Sinne des Wortes.
   Was aber der Mensch als Künstler nicht vermag, das tut er als moralisch handelnder. Auch durch sein sittliches Handeln führt er den Weltenprozess fort, aber nun nicht in ein Reich des Scheines hinein, sondern in der Realität. Durch seine sittlichen Taten gestaltet er die Welt faktisch um, indem er verwirklicht, was noch an unvollendeten Zielen und Absichten im Schosse des Weltenseins schlummert. Darum empfanden ja Goethe und Schiller (S39) die sittliche Gestaltung des Lebens selbst als das höchste, weil reale künstlerische Schaffen, zu dem sich der Mensch erheben kann. Wie er aber als Künstler nur aus der künstlerischen Phantasie heraus schaffen kann, so als moralischer nur der moralischen Phantasie. Dies ist der Ausdruck, den Rudolf Steiner in seiner "Philosophie der Freiheit" zum erstenmal für die Quelle der menschlichen Sittlichkeit geprägt hat. Er hat dadurch auch für das sittliche Gebiet erst auf die volle Höhe geführt, was bei Schiller und Goethe erst Anlage gewesen ist. Auch für das sittliche Handeln gilt ja - das lehrt das gegenwärtige Leben auf Schritt und Tritt -, dass es aus unseren instinktiven sittlichen Anlagen allein keine Nährkräfte mehr empfangen kann, sondern nur aus einer bewussten Erkenntnis der sittlichen Weltenziele, die dem Weltenwerden zugrunde liegen, aus der tätigen Anteilnahme, die der Mensch aus solcher Erkenntnis heraus am Weltenfortgang ergreifen kann.
   Daher darf gesagt werden, dass das Ewige, Menschheitliche, das in Schillers und Goethes Wirken aufgezeigt wurde, heute in der Anthroposophie lebendig sich fortentwickelt. In jenen Persönlichkeiten ist es zum erstenmal in Erscheinung getreten und, soweit es in den Möglichkeiten ihrer Zeit lag, vorbildlich dargestellt worden. Heute aber leben wir in einer Zeit, da jene andere Seelenverfassung, die dem einzelnen Menschen nur einen Teil des Vollmenschlichen zu entwickeln gestattet, ihre wirkende Kraft verloren hat. In der Generation, die in unsere Zeitenwende hineingeboren ist, kommt allgemein ein starker Trieb nach vollmenschlichem Erleben dem geschilderten Menschheitsimpuls entgegen. Es kann deshalb als eine Notwendigkeit begriffen werden, dass ihr dieser in seiner wahren Gestalt, in seinen Quellen und in seinem lebendigen Fortwirken aufgezeigt wird, damit sie den Anschluss an ihn finden kann, der eine Lebensfrage für sie bedeutet.
   Es wird diese Menschheitsimpuls durch seine weitere Entfaltung allmählich auch zu einer Wiedervereinigung der drei grossen Ströme menschlichen Geisteslebens führen, die eine Zeitlang in getrennten Betten fliessen mussten: von Wissenschaft, (S40) Kunst und Religion. Denn indem das volle Menschenwesen auf jedem der drei Gebiete sich wird betätigen können, wird es zugleich sich bewusst werden, dass es auch nur durch die Teilnahme an allen dreien seine volle, harmonische Entfaltung finden kann. Im sozialen Leben aber wird die Offenbarung dieses in jeder einzelnen Menschenindividualität lebenden Allgemein-Menschlichen zur Bildung neuer wahrhafter Menschengemeinschaften im umfassendsten Sinne führen, wie eine solche in der Freundschaft Schillers und Goethes als einzelnes Beispiel uns vorgelebt worden ist.
   Es steht vor uns das Bild des Menschen, der durch sein seelisch-geistiges Streben zu einer inneren Realität verwirklichen wird, wozu ihn die Götter veranlagt haben, indem sie ihm seine aufrechte Gestalt gaben: mit den Füssen sicher und fest im Irdischen sich zu gründen, mit dem Haupte in Andacht und Ehrfurcht zur himmlischen Geistwelt aufzublicken, im Herzen aber seine Lebenssonne zu erfühlen, dessen kreisender Blutstrom Haupt und Gliedern erst Leben und Wärme schenkt und sie zu einem lebendigen Ganzen verbindet. Und in dieser einigen Dreiheit, dreiheitlichen Einheit sein Wesen und seine Würde als Mensch zu fühlen.
   Dies lehrt uns heute Anthroposophie. Dies lehren uns Goethe und Schiller als Vorbilder durch ihr Erkennen, ihr Schaffen, ihr Leben und ihre Freundschaft.

-.-