Zweiter Vortrag

Heidentum und Judentum

als Wurzeln des Hauptgegensatzes innerhalb moderner Geschichtsauffassungen


   Am Schluß meines heutigen Vormittag-Referates habe ich von den zwei gegensätzlichen Hauptrichtungen gesprochen, die sich in der Geschichtsphilosophie unseres 20. Jahrhunderts gegenüberstehen. Auf der einen Seite haben wir diejenige Richtung, welche die Beschäftigung mit der Geschichte zu einer Wissenschaft machen, oder wie man zu sagen pflegt, in den Rang einer Wissenschaft erheben möchte. Die aber deshalb, weil nach ihrer Meinung die Wissenschaft ihrem Wesen nach immer auf das Allgemeine, auf das Gesetzliche in den Erscheinungen geht, auch in der Geschichte das Gesetzmäßige sucht. Ihr steht die andere Richtung gegenüber, die geltend macht, daß, was die Geschichte eigentlich zur Geschichte macht, dieses sei, daß sie aus lauter einmaligen Ereignissen besteht, uns lauter einmalige Gestalten vor Augen stellt. Diese Richtung geht darauf aus, diese einmaligen Ereignisse, diese einmaligen Gestalten in ihrer Einmaligkeit zur Darstellung zu bringen. Sie leugnet eigentlich alles Allgemeine, alles Gesetzmäßige in der Geschichte, weil sie glaubt, sie würde der Geschichte damit Gewalt antun.

   Ich habe nun zu zeigen versucht, daß beide Auffassungen, bis in ihre letzte Konsequenz hinein verfolgt, die Geschichte aufheben; denn wenn man in der Geschichte nur das Gesetzmäßige, das Allgemeine sucht, dann verwandelt man sie in einen Naturprozeß, man hebt also gerade das Geschichtliche auf, und auf der anderen Seite, wenn man in der Geschichte alles Allgemeine wegläßt, was die einzelnen Fakten miteinander verbindet, und nur noch Einzelfakten hat, dann hebt man die S38 Geschichte ebenfalls auf. Dann bleibt von der Geschichte eigentlich auch nichts mehr übrig. Oder man ist dann eben genötigt, das, was den Zusammenhang zwischen den einzelnen Fakten herstellt, als das Walten der göttlichen Vorsehung zu betrachten, die die geschichtlichen Ereignisse ordnet, leitet und lenkt, aber ohne daß wir sie durchschauen können. Sie bleibt für uns Mysterium, Geheimnis. Wir können nur an sie glauben, und so könnte man von dieser Richtung der Geschichtsphilosophie auch das bekannte Kantische Wort aussprechen: Sie hebt das Wissen auf, um zum Glauben Platz zu bekommen. Sie hebt eine wissenschaftliche Geschichtserkenntnis auf, um zum Glauben Platz zu bekommen. Ich habe weiter zu zeigen versucht, daß in beiden Anschauungen, nur eben in gegensätzlicher Art, zum Ausdruck kommt, daß unsere ganze neuere Zeit unter der geistigen Herrschaft der Naturwissenschaft steht. Denn im Grunde halten beide Auffassungen - das haben sie miteinander gemein - an dem Wissenschaftsbegriff fest, der eben derjenige der Naturwissenschaft ist, der nichts anderes in der Welt kennt als den Gegensatz zwischen Einzelnem und Allgemeinem. Denn in der außermenschlichen Natur finden wir nur Einzelnes, Einzelexemplare, Einzelfälle und demgegenüber allgemein Gesetzmäßigkeiten oder allgemeine Gattungen. Weil man nur diesen naturwissenschaftlichen Wissenschaftsbegriff hat, weil man ihn auf die Geschichte anwendet, vernichtet man entweder die Geschichte oder man hebt die Wissenschaft auf.


   Zuletzt habe ich zu zeigen versucht, wie man der Geschichte erkenntnismäßig nur beikommen kann, durch eine wirkliche Wissenschaft vom Wesen des Menschen, die das spezifisch Menschliche am Menschen erfaßt, und das ist diejenige, die den Begriff Individualität zu fassen vermag, der unserer gesamten Wissenschaft bis heute fehlt, denn das Eigentümliche der Individualität liegt eben darin, daß sie zugleich Einzelwesen ist und das Allgemeine. Sie ist beides in einem. Und diese Eigentümlichkeit der menschlichen Individualität zeigt S39 sich in der Tatsache ihrer Reinkarnation. Sie tritt zwar auf der einen Seite immer wieder in Erscheinung in der Form eines einzelnen Menschen, der uns als ein Individuum, als ein bestimmter Einzelner entgegentritt; aber im Laufe ihrer Reinkarnation bildet sie viele solche Einzelerscheinungen ihres Wesens aus und verbindet sie miteinander zu einem Ganzen, das eben das Ganze der Geschichte ist.


   Ich möchte an dieser Stelle zunächst noch etwas erweiternd hinzufügen, daß der Mensch in seinem Wesen diesen Gegensatz nicht nur überbrückt, sondern daß er außerdem diese Gegensätze ja auch noch in ihrer Reinheit in sich enthält. Denn diese wirkliche Menschenwissenschaft zeigt uns ja außerdem, daß der Mensch seiner Gesamtheit nach ein dreigliedriges Wesen ist, ein leibliches, ein seelisches und ein geistiges Wesen. Als Leib ist ja der Mensch ein Gattungswesen. Die Leiber aller Menschen sind gleich gebildet. Wenn wir den Bau des menschlichen Leibes an irgend einem beliebigen Menschen studieren, dann wissen wir, wie er bei jedem Menschen gebaut ist. Seinem Leibe nach ist der Mensch Gattungswesen, seiner Seele nach ist er ein Einzelwesen, also unter Seele verstehe ich die Persönlichkeit, als welche der Mensch in einem einzelnen Erdenleben erscheint. Da ist jeder ein einzelner, jeder ein anderer als der andere. Seinem Geiste nach ist er aber Individualität, d.h. als solche ist er Synthese von Gattung und Einzelnem. Als solcher steht er über diesem Gegensatz. Und nun zeigt ja diese Menschenerkenntnis uns weiter, daß die Entwicklung der gesamten Menschheit so vor sich geht, daß zuerst das Leibliche im Menschen sich entfaltet, dann das Seelische und zuletzt das Geistige. Die Entfaltung des Leiblichen ist das, was wir unter Vorgeschichte zu verstehen haben. Die Entfaltung des Seelischen vollzieht sich in der Geschichte, denn streng gesehen umfaßt ja die Geschichte nur das, S40 was wir anthroposophisch kennen als die dritte, vierte und fünfte nachatlantische Entwicklungsperiode. Die Geschichte beginnt erst in Ägypten und Chaldäa. Urindische und urpersische Kultur gehören noch zur Vorgeschichte  und zur Frühgeschichte, sie bilden den Übergang von der Vorgeschichte zur Geschichte. Im eigentlichen Sinn beginnt die Geschichte erst mit der Entwicklung der Empfindungsseele, schreitet dann fort durch die Entwicklung der Verstandesseele bis zur Entwicklung der Bewußtseinsseele. Dann hört die Geschichte auf. Dann kommt das, wofür wir noch keinen Namen haben, und ich will hier nur provisorisch hinschreiben "Nachgeschichte" als Gegenbild der Vorgeschichte. Und sehen Sie, in der Nachgeschichte, in dem, was in unserem Jahrhundert heraufdämmert, da haben wir es dann mit der Entwicklung der Individualität zu tun. Darum ist es so, daß doch jede der verschiedenen Auffassungen eine relative Gültigkeit hat in Bezug auf den Menschen. Sie wird falsch, wenn man sie verabsolutiert, auf das Ganze anwendet. Aber wenn man sie an ihren richtigen Ort stellt, dann hat sie durchaus ihre Gültigkeit. Und so können wir sagen: Die Vorgeschichte, die kann mit naturwissenschaftlichen Begriffen durchaus erforscht werden, denn die Vorgeschichte ist ja die Geschichte der Bildung der menschlichen Differenzierung in Hautfarben. Diese bilden sich ja bekanntlich, wie Sie aus der Anthroposophie wissen werden, an verschiedenen Orten der Erde. Die schwarze Hautfarbe in Afrika, die braune in Indonesien, die gelbe in Ostasien, die weiße in Vorderasien, in Europa, die rote in Amerika. Sie müssen also im Zusammenhang mit der Erdgeographie studiert werden. Sie gehören eigentlich mit in die Naturwissenschaft, in die Anthropologie hinein. Da können wir also durchaus naturwissenschaftliche Begriffe anwenden. In der Vorgeschichte begegnet uns kein einziger Name eines einzelnen Menschen, weil die Menschen da noch nicht Persönlichkeiten sind, das werden sie ja erst in der Seelenentwicklung. Sie sind noch nicht Persönlichkeiten, daher kennen wir keinen einzigen Namen von Persönlichkeiten, da haben wir es tatsächlich nur mit Allgemeinem zu tun. S41. Es ist ja in den 30er Jahren eine "Weltgeschichte der Steinzeit" erschienen von Oswald Menghin, ein großes, umfangreiches Werk. Also eine Weltgeschichte eigentlich der vorgeschichtlichen Zeit. Und wenn Sie diese Weltgeschichte der Steinzeit lesen, dann wird wirklich nur von allgemeinen Dingen gesprochen. Aber hier mit vollem Recht. Es wird die Bildung der Menschenformen geschildert. Es werden die Lebensverhältnisse der Menschen geschildert, die Lebenszustände, die Art, wie die Menschen Werkzeuge verfertigt haben, wie sie gewohnt haben usw. Also lauter allgemeine Verhältnisse werden geschildert, durchaus im Stile der Naturwissenschaft. Da hat diese Auffassung ihre volle Gültigkeit, und es ist deshalb auch sehr merkwürdig, daß diejenigen, die naturwissenschaftlich orientiert sind in Bezug auf die Geschichte, sich mit Vorliebe mit der Vorgeschichte, mit der Frühgeschichte beschäftigen. Sie finden das z.B. bei Spencer, dem Engländer, der zwar eine Soziologie, eine Sozialgeschichte geschrieben hat, aber ganz aus dem naturwissenschaftlichen Geist heraus, die fast ausschließlich mit vor- und frühgeschichtlichen Zuständen sich beschäftigt. Da paßt es wirklich hin, da ist es an seinem richtigen Orte. Nun gehen wir aber zur Geschichte über. Da treten uns lauter einzelne Namen entgegen, je weiter wir in die Geschichte hineinkommen. In Ägypten fängt das schon an, in Griechenland und in Rom kennen wir überhaupt fast nur einzelne Namen. Das geht so weiter bis in unsere Gegenwart herein, und für die Geschichte ist es eben bezeichnend - da gibt es ja zunächst noch keine Geschichtsschreibung, da tritt die Geschichtsschreibung erst auf, schon in Griechenland mit Herodot, Thukydides, in Rom mit Livius, Tacitus und wie sie alle heißen. Aber diese Geschichtsschreiber haben ja nie ihre Aufgabe darin gesehen, Geschichtswissenschafter zu sein, das hat es ja bis ins 19. Jahrhundert gar nicht gegeben, sondern die Geschichtsschreiber haben immer ihre Aufgabe darin gesehen, als Künstler die Geschichte darzustellen, einzelne Ereignisse zu schildern. Der Geschichtsschreiber hat immer mehr oder weniger als ein Künstler gegolten, und die Bedeutung der großen S42 Geschichtsschreiber liegt ja in ihrer künstlerischen Darstellung der Geschichte. Also, das Geschichtliche, weil es sich um Einzelereignisse, um Einzelgestalten dabei handelt, kann nur beschrieben werden in nüchterner oder in künstlerischer Form, aber da ist noch keine Geschichtswissenschaft möglich. Das ist die Geschichte. Und nun kommen wir dann zur geistigen Entwicklung, die heute beginnt. Ich habe ja schon geschildert, was ihr Charakteristikum ist. Das ist dieses, daß wir es nicht mehr mit der Geschichte einzelner Völker zu tun haben. So wie wir einzelne Menschennamen haben, so treten uns in der Geschichte ja auch erst einzelne Völker entgegen - in der Vorgeschichte gibt es das noch nicht. Die Inder, die Perser, die Griechen, die Römer, die Deutschen, Franzosen, Norweger, Russen usw., das sind ja auch Einmaligkeiten, einmalige Erscheinungen. Ich habe ja gesagt, heute, wo wir in das dritte Zeitalter eintreten, haben wir es mit der einheitlichen Menschheitsgeschichte zu S43 tun, nicht nur mit der Völkergeschichte. Aber diese einheitliche Menschheitsgeschichte wird zugleich die Geschichte einzelner Individualitäten, die durch ihre wiederholten Erdenleben hindurchgehen, die sind ja in ihrer Wanderung durch die Reinkarnationen die eigentlichen Träger dieser gesamtmenschheitlichen Geschichte. So haben wir etwa in den Karmavorträgen, wie sie Rudolf Steiner in seinem letzten Lebensjahr gehalten hat, ein Musterbeispiel, einen Anfang davon, wie Geschichte in der Zukunft geschrieben werden wird in dieser dritten Zeit. Da wird Menschheitsgeschichte geschrieben, nicht mehr Geschichte einzelner Völker, aber die ist repräsentiert in ihren wesentlichen Ereignissen durch menschliche Individualitäten, die durch wiederholte Erdenleben hindurchgehen. Da wird die Geschichtsschreibung in der bisherigen Art aufhören, die Geschichtsschreibung gehört auch der Vergangenheit an. Da wird man Geschichte darstellen in Form einer Geschichtswissenschaft, die den Charakter der Anthroposophie hat, den Charakter, wie er in den Vorträgen von Rudolf Steiner über okkulte Geschichte oder namentlich in den Karmavorträgen veranlagt worden ist. Und ich möchte sagen: das, was als solche Darstellung der Weltgeschichte nachher entstehen wird, das wird die wahre Futurologie sein, das wird die wahre Wissenschaft von der Zukunft sein, die heute Robert Jungk anstrebt, aber natürlich nicht leisten kann. Und so sehen wir das Merkwürdige, daß doch alle drei Auffassungen der Geschichte relative Gültigkeit haben, wenn man sie richtig eingrenzt, an ihren richtigen Ort stellt.


   Nun möchte ich diese ganze Geschichte jetzt noch konkreter darstellen, indem ich sie noch von einer anderen Seite her charakterisiere. Nämlich die Gegensätzlichkeit dieser mehr naturwissenschaftlichen und dieser historischen Auffassung der Geschichte, die tritt uns in der Menschheitsentwicklung nicht nur entgegen in einem Nacheinander von Vorgeschichte und Geschichte, sondern zugleich auch innerhalb der Geschichte selbst in einem gleichzeitigen Nebeneinander, in einem der größten Gegensätze, S44, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte herausgebildet haben, nämlich in dem Gegensatz zwischen Heidentum und Judentum. Und da in der Blütezeit des Judentums der geistig bedeutendste Repräsentant des Heidentums das Griechentum war, können wir auch von dem Gegensatz zwischen Griechentum und Judentum sprechen, obwohl also dabei, wie gesagt, es sich um einen umfassenderen Gegensatz handelt und das Griechentum nur dasteht als der Repräsentant von etwas viel Umfassenderem, als der Repräsentant des Heidentums. Deshalb hat z.B. auch der Heidenapostel Paulus, der das Christentum zu den Heiden brachte, es vor allen Dingen im griechischen Kulturraume vertreten, weil eben die Griechen die maßgebenden Repräsentanten des Heidentums gewesen sind in der damaligen Zeit.


   Nun, worin unterscheiden sich eigentlich Heidentum und Judentum? Für alles Heidentum und auch für das Griechentum im besonderen ist ja charakteristisch die Naturreligion. Die Götter aller heidnischen Völker waren Naturgötter, Himmelsgötter-Erdengötter, uranische Götter - tellurische Götter. Man hat also in Sonne, Mond und Sternen das Göttliche verehrt, daran erinnern ja noch die heutigen Namen der Planeten, Jupiter, Saturn, Venus, Mars usw. Sie sind zugleich die Namen der griechischen Götter. Man hat die Götter verehrt in den Elementen der Erde, Hades - die Erde, Poseidon - das Wasser, Zeus - in gewisser Weise das Luftelement, ja auch den Gott des Äthers. Also wir haben die Götter als Naturgötter in allen heidnischen Religionen, und deshalb bilden ja auch alle heidnischen Völker Kosmologien aus, Weltbilder, und auch im besonderen Astrologien. In allen heidnischen Kulturen der Frühzeit war das menschliche Leben bis in alle Einzelheiten von Astrologie durchsetzt, in einem Maße, wie wir es uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Man hat keinen Schritt in alten Zeiten getan im menschlichen Leben, ohne sich nach den entsprechenden Sternkonstellationen zu richten. Im Griechentum hat sich diese Naturreligion in der Zeit, S45 wo nun der Intellekt, die Verstandesseele, zur Entwicklung kam, verwandelt in Naturphilosophie. Anstelle der alten Naturgötter sind im Griechentum die Ideen getreten, die in ihrer Gesamtheit das ausmachen, was die Griechen den Logos oder den Nus genannt haben, den die ganze Welt, den ganzen Kosmos durchdringenden und durchwaltenden Weltenverstand, die kosmische Intelligenz. Und dadurch, daß die ganze Welt von dieser Intelligenz durchdrungen ist, dadurch wird sie von ihr zum Kosmos gestaltet, und Kosmos heißt ja bekanntlich nichts anderes als das Geordnete, das Gestaltete, denn die Idee ist ja zugleich das Formprinzip in den Dingen, das ihnen ihre Gestalt gibt. Indem nun die ganze Welt von dieser Ideenwelt durchdrungen wird, wird sie von ihr zum Kosmos geordnet und gestaltet. Das Griechentum kennt nicht den Begriff einer Weltschöpfung aus dem Nichts wie das Judentum, sondern nur den Begriff einer Ordnung der Welt aus einem uranfänglichen Chaos. Der Urzustand der Welt ist das völlig ungeordnete Chaos, und indem nun in dieses Chaos eindringt die Ideenwelt, ordnet sie es zum wohlgeordneten, gestalteten Kosmos. Die griechische Kosmologie hat dann als ihr letztes Endprodukt aus sich hervorgebracht das sogenannte ptolemäische Weltbild. Jenes Bild, das uns also schildert die Erde mit den Menschen und den vier Elementen als den Mittelpunkt des Kosmos, eingebettet in die sieben Kugelschalen der Planetensphären, dann darum als letzte die Fixsternsphäre, - jenes Bild, das uns noch entgegentritt im Mittelalter in der Göttlichen Komödie des Dante. Und die Welt zu erkennen, war für den Griechen gleichbedeutend mit: die Ideen erfassen, die der Welt diese Ordnung geben, indem sie das Weltganze durchdringen. Die Ideen waren für den Griechen das Allgemeine, das Gesetzgebende, sie waren das Wesen gegenüber der Sinneserscheinung, sie waren das Dauernde, das Ewige gegenüber dem Vergänglichen und damit waren sie das eigentlich Seiende im Gegensatz zu dem bloß Scheinenden. Und Welterkenntnis S46 bedeutete ja für die Griechen Seinslehre, die Lehre von dem wahrhaft Seienden, oder wie man das auch genannt hat: Ontologie, und das Sein hat eben der Grieche gesehen im Wesen, in den Ideen, im Allgemeinen. Das ist das eigentlich Seiende für den Griechen, das, was man später auch die Essenz genannt hat, durchaus entsprechend jenem Doppelsinn, den auch unser heutiges deutsches Wort "sein" oder "ist" hat. Wir können sagen: ein Baum ist, da meinen wir, er existiert. Wir können aber auch sagen, ein Baum ist eine Pflanze, da meinen wir damit, der Baum ist seinem Wesen nach eine Pflanze. Also das Wort "Sein" hat ja auch im Deutschen die Doppelbedeutung des Wesens und des Seins. So kann man sagen, noch das Griechentum war ganz und gar der Natur, dem Kosmos zugewandt, und zugleich waren die Griechen das Erkenntnisvolk par excellence, weil nämlich an der Natur der menschliche Erkenntnistrieb zunächst erwacht. An nichts anderem erwacht der menschliche Erkenntnistrieb als an der Natur. Und obwohl das Griechentum ja nun ganz in die Geschichte eingetreten ist - ich möchte sagen, von seinem Anfang bis zu seinem Ende im hellsten Licht der Geschichte verläuft -, hat doch auch das Griechentum, und darin erweist es sich als der letzte Ausläufer und Nachzügler des vorgriechischen, heidnischen Orients, kein Geschichtsbewußtsein entwickelt. Weil es eben ganz der Natur zugewendet war, hat es keinen Sinn entwickelt für das Einmalige der Geschichte, trotz seiner Geschichtsschreibung. Auch die Griechen haben die Geschichte durchaus unter dem Bilde des Kreislaufs betrachtet. Sie haben, weil ihr Interesse hauptsächlich dem politischen Leben gegolten hat, immer wieder davon gesprochen, wie das politische Leben, das für sie identisch war mit dem geschichtlichen, in jenem Kreislauf verläuft, der ausgeht von der Monarchie, wo einer herrscht, dann über die Aristokratie, die zugleich eine Oligarchie ist, eine Herrschaft der Wenigen, sich fortsetzt zur Demokratie, wo alle herrschen, schließlich entartet die Demokratie in die Ochlokratie, in die Pöbelherrschaft. Die wird dann wieder gebändigt, indem ein Tyrann S47 aufsteht und wieder die Alleinherrschaft begründet. Nun beginnt das Spiel wieder von vorne. Das war ja die griechische Auffassung von dem Verlauf der Geschichte, daß sich immer wieder dieselbe Abfolge wiederholt.


  Diesen Griechen stehen nun die Juden entgegen, als das einzige unter allen älteren Völkern, das eine rein geschichtliche Religion hat, nicht eine Naturreligion. Jahve, der Gott der Juden, war zwar ursprünglich auch ein Naturgott, ein Mondgott, weil ja auch das Judentum in Abraham aus dem Heidentum hervorgegangen ist, Abraham kam ja aus Ur in Chaldäa. Aber dieser Jahve hat nun den Charakter der Naturgottheit immer mehr und mehr abgestreift im Verlaufe der jüdischen Entwicklung und hat sich nur geoffenbart in der geschichtlichen Führung des jüdischen Volkes. Er war es, der die Juden nach Ägypten führte, er war es, der die Juden wieder herausführte aus Ägypten, durch das Rote Meer hindurchgeführt hat, der ihnen vorangegangen ist in der Nacht als Feuersäule, am Tag als Wolke. Er hat ihnen die Gesetzgebung durch den Mund des Moses auf dem Berge Sinai gegeben. Er hat die Propheten inspiriert. Kurz, dieser Jahve wirkt in der geschichtlichen Führung dieses Volkes. Darum hat auch das Judentum keine Kosmologie entwickelt, auch keine Astrologie als einziges unter allen älteren Völkern. Es hat ja seinen Gott nicht verehrt im Bilde irgendeiner Naturerscheinung, weder im Bilde des Menschen noch im Bilde eines Tieres, wie andere Völker. Bildlos sollte der Gott verehrt werden. Er sollte an nichts in der äußeren Natur erinnern, rein im Inneren sollte er gefühlt werden. Und darum, während in griechischen Tempeln die Götterstatuen standen, war der Tempel der Juden in Jerusalem leer, in ihm stand nur die Bundeslade, in welcher das Gesetz aufbewahrt war, das Jahve dem Volke auf dem Sinai gegeben hat. Und dadurch sind nun die Juden die eigentlichen Begründer des Geschichtsbewußtseins geworden, d.h. des Sinnes für das Einmalige, für S48 das Einzigartige der geschichtlichen Ereignisse. Und das weltgeschichtliche, weltliterarische Dokument der Geburt des Geschichtsbewußtseins ist das Alte Testament. Dieses kennzeichnet sich ja dadurch, daß es lauter einmalige Ereignisse erzählt. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dann wird gesagt, was er am ersten Tag, zweiten, dritten, vierten, fünften, sechsten Tag geschaffen hat, zuletzt den Menschen; er setzt ihn ins Paradies. Dann erfolgt der Sündenfall, die Austreibung des Menschen aus dem Paradies, dann die Geschichte der Patriarchen, die Geschichte der Sintflut, Noahs und seiner Söhne, die Geschichte des babylonischen Turmbaues, der Sprachenverwirrung, schließlich die Geschichte Abrahams, seiner Nachkommen, die Auswanderung nach Ägypten, die Rückkehr unter Moses usw., lauter einmalige Tatsachen, nichts gibt es darin, was sich wiederholte. Also, damit wird das Geschichtsbewußtsein in der Menschheit geboren. Und sehen Sie, für die Juden ist Jahve nicht der Ordner der Welt, sondern der, der die Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Er wohnt nicht in der Welt wie die griechischen Götter in den Sternen oder Elementen gewohnt haben, sondern er steht über der Welt, die Welt ist nur sein Werk, seine Schöpfung. Dieser Jahve, er ist nicht ein Wesen, er ist nicht eine Intelligenz, sondern er ist eine Person. Er ist durch und durch Wille, er nennt sich selbst der Ich-bin. Und so, wie wir im Griechentum alles hingeordnet haben auf die Erkenntnis der Essenz der Welt, des wesenhaften Seins der Welt, so ist das Judentum hinorientiert auf den Glauben an die Existenz des Jahve, der Person des Ich-bin. Und weil die Juden nun ganz an die Geschichte hingegeben waren, darum sind sie das Moralvolk par excellence geworden, wie die Griechen das Erkenntnisvolk par excellence waren. Denn so, wie an der Natur der Erkenntnistrieb des Menschen erwacht, so steht der Mensch in der Geschichte drinnen in erster Linie durch sein Wollen, durch sein Handeln, nicht durch sein Erkennen. Er steht durch sein Handeln darin und deshalb steht ja einander gegenüber bei dem Griechentum seine Naturphilosophie, seine Philosophie überhaupt, S49 die Begründung der Wissenschaft. Die Juden dagegen haben der Welt das mosaische Gesetz gegeben. Das sind ja die beiden großen weltgeschichtlichen Leistungen des Griechentums und des Judentums. Aber was war die Geschichte für das Judentum? Wenn ich vorhin gesagt habe, die Religion der Juden war eine geschichtliche, so muß ich jetzt umgekehrt sagen, die Geschichte war für die Juden Religion. Es war eines und dasselbe. Es war die Geschichte des Sündenfalles, des Abfalles der Menschheit vom Göttlichen und nach der Zukunft hin war es die Erwartung des kommenden Messias, der die Erlösung bringen wird. Das Judentum stand durch seinen religiösen Glauben in der Geschichte drin, durch seinen Glauben an Jahve, nicht etwa durch seine Erkenntnis. Und so sehen Sie, daß schon in der damaligen Zeit im Griechentum und Judentum die beiden Auffassungen einander gegenüberstehen, die ich heute vormittag geschildert habe, die das wiederkehren in der Geschichtsphilosophie unseres Jahrhunderts. Auf der einen Siete die, die ganz der Natur zugewendet ist, die Geschichte zum Inhalt der Erkenntnis machen will, auf der anderen Seite jene, die ganz der Einmaligkeit der Geschichte zugewendet ist, aber für die die Geschichte identisch ist mit Religion, mit religiösem Glauben. Also das tritt uns schon damals in diesen beiden Völkern entgegen. Wir sehen damit also die historischen Wurzeln der beiden Richtungen der modernen Geschichtsphilosophie. Sie liegen in der griechischen und jüdischen Kultur. Nun, aus dem Judentum ist ja dann das Christentum hervorgegangen. Und das Christentum hat jenes Geschichtsbewußtsein übernommen und vollendet, das die Juden veranlagt haben. Denn nach der Lehre des Christentums ist ja der Messias, den das Judentum erwartet hatte, in Christus als Gott-Mensch auf dem Plane der Geschichte als geschichtliche Erscheinung erschienen und hat die Menschheit von den Folgen der Erbsünde erlöst. Er wird nach christlicher Auffassung am jüngsten Tag bei der Auferstehung der Toten in den Wolken wieder erscheinen und das Weltgericht abhalten. Und so kommt es im Christentum zum ersten Mal zu S50 einem Gesamtbild der Geschichte, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende. Sie erstreckt sich zwischen der Austreibung aus dem Paradies durch den Sündenfall und der Auferstehung der Toten am jüngsten Tage und dem Weltgericht. Und in ihrer Mitte steht das Ereignis von Golgatha als die entscheidende Wende. Wir haben also hier die Geschichte als einen einmaligen Prozeß, der nur einmal in der Welt sich abspielt, der Anfang hat, Mitte hat und Ende hat. Dieses Bild der Welt- oder Menschheitsgeschichte in ihrer Einmaligkeit kommt in der Bibel zum Ausdruck in der Zusammenfügung von Altem Testament, das mit der Weltschöpfung und Sündenfallgeschichte beginnt, und dem Neuen Testament, das mit der Apokalypse aufhört, dem Blick auf das Ende der Welt. Abgesehen aber von der Bibel hat dieses Bild der Weltgeschichte seine erste großartige Darstellung erfahren in dem "Gottesstaat" des Augustinus um das Jahr 400. Augustinus polemisiert in diesem Werk ausdrücklich und scharf gegen die ungeschichtliche Kreislauftheorie der Griechen. Er stellt also dieses wahrhaft geschichtliche Bild der Geschichte ganz ausdrücklich dem ungeschichtlichen heidnischen Bilde der Griechen gegenüber als eine christliche Geschichtsphilosophie. Und dieses Werk des Augustinus ist in einem gewissen Belang das Grundwerk der ganzen späteren christlichen Kultur geworden. Alle spätere christliche Geschichtsauffassung hat ja ihre Wurzeln in dieser ersten Darstellung der Weltgeschichte durch Augustinus. Und so ist ja das Abendland überhaupt zum Träger eines Geschichtsbewußtseins geworden, dem nun der heidnische Orient bis zum heutigen Tag gegenübergestanden hat als derjenige, der kein Geschichtsbewußtsein hat, der immer noch an dem Kreislaufbewußtsein festhält. Und, wenn ichg nun gesagt habe, seit dem 17./18. Jahrhundert bildet sich die moderne Universalgeschichte heraus, so haben wir da die letzte Frucht, die gereift ist aus dem Samen, die eben das Judentum, das Christentum und Augustinus gesät haben. Und diese letzte Frucht hat ihre großartigsten höchsten Erscheinungen gezeitigt in den Geschichtsphilosophien des deutschen Idealismus, schon in Lessings "Erziehung des Menschengeschlechts", in Herders "Ideen zur Philosophie S51 der Geschichte der Menschheit", bei Fichte, bei Schellings "Philosophie der Offenbarung", in Hegels Geschichtsphilosophie, auch bei Schlegel. Da gipfelt nun diese ganze Entwicklung des Geschichtsbewußtseins. Was ist aber die Geschichte für alle diese Geschichtsphilosophen? Für sie alle ist die Geschichte Heilsgeschichte. Sie ist im Wesentlichen die Geschichte des Sündenfalls und der Erlösung der Menschheit vom Sündenfall. Herr E. hat uns das ja heute auch geschildert an dem Geschichtswerk von Johann Gottlieb Fichte: "Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters". Auch diesem Werk liegt ja zugrunde der Gegensatz vom Sturz in die Sünde bis zum vollendeten Sündenbewußtsein und dann wiederum die Erhebung aus der Sünde. Dasselbe kann auch von Schellings und Hegels Geschichtsphilosophie gesagt werden. Es ist im Grunde Geschichtstheologie, im Gewande der Geschichtsphilosophie verkappte Geschichtstheologie. Und so schein es sich doch zu bewahrheiten, daß da, wo sich ein Geschichtsbewußtsein entwickelt, das die Einmaligkeit der geschichtlichen Ereignisse, des Geschichtsprozesses im Ganzen bejaht, daß das einfach einen religiösen, einen theologischen Charakter hat, daß da die Geschichte verschmilzt mit der Theologie. Dasselbe sehen wir auch schon im Hochmittelalter in einer Gestalt wie Joachim de Fiore, der das Geschichtsbild des Augustinus weiterentwickelt, indem er die ganze Geschichte in drei Hauptepochen einteilt, in die Epoche des Vaters, in die Epoche des Sohnes und in die Zukunftsepoche des Heiligen Geistes. Ich brauche jetzt nicht näher darauf einzugehen. Aber schon diese Namen zeigen es ja, es sind theologische Begriffe, Vater, Sohn und Geist, nach denen er die Geschichte einteilt. Und es ist das deshalb charakteristisch, weil ja diese Einteilung der Geschichte, die Joachim getroffen hat, also am Anfang des 13. Jahrhunderts, dann mitgewirkt hat, wenn auch auf geheimnisvolle Weise, an der Ausbildung jener Dreiheit, die dann dem 16./17. Jahrhundert unterschieden worden ist: Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Wenn wir heute auch noch, obwohl ja die Bezeichnungen nicht mehr ganz passen, vom Altertum, Mittelalter und S52 Neuzeit sprechen und wenn nun auch die Grenzmarken anders gesetzt sind, als sie Joachim de Fiore gesetzt hat, so geht doch diese Dreigliederung der Geschichte auch in gewisser Weise auf Joachims Drei Zeitalter zurück, und so sieht man auch rein in dieser Dreigliederung der Geschichte, wie da theologische Begriffe zugrundeliegen.


   Nun aber hat sich ja das Christentum mit dem Heidentum verschmolzen und zwar zweimal, schon in der urchristlichen Zeit, ich brauche nur die Gestalten des Johannes und des Paulus erwähnen. Johannes hatte den Christus gleichgesetzt mit dem, was die Griechen den Logos oder den Nus genannt haben, die Weltenintelligenz. Paulus hatte den Athenern auf dem Markt von Athen gesagt, daß der unbekannte Gott, den sie verehren, in Christus sich geoffenbart habe. Wir können auch erinnern an Gestalten wie Origines oder Clemens von Alexandrien, also die urchristlichen Gnostiker, die das Christentum mit dem griechischen Heidentum verschmolzen haben. Ein zweites Mal erfolgte eine solche Verschmelzung im Mittelalter, in der Zeit der Scholastik. Zunächst die Schule von Chartres durchchristet ja den Platonismus oder ich könnte auch sagen: platonisiert das Christentum, und dann die Dominikaner, Albert der Große und Thomas sind ja Aristoteliker, sie verbinden das Christentum mit der aristotelischen Philosophie des Griechentums. Und durch diese Verschmelzung von Christentum und Griechentum übernimmt ja das Christentum aus dem Griechentum das ptolemäische Weltbild, das griechische Bild des Kosmos. Ich habe schon erwähnt, bei Dante tritt es uns dann wieder entgegen in der Göttlichen Komödie und ganz durchsetzt eben mit dem Geiste des Griechentums. Was ist aber die Folge dieser Verschmelzung von Christentum und Griechentum? Die Folge ist die, daß das Geschichtsbewußtsein, das eigentlich im Christentum veranlagt wird, durch die Verschmelzung mit dem ungeschichtlichen, in der Kreislauftheorie lebenden Griechentum, daß die Weiterentwicklung des Geschichtsbewußtseins im Christentum gehemmt wird im Mittelalter. S53 Sie wird zurückgedämpft während des Mittelalters durch die Verbindung des Christentums und des Griechentums. Es ist eigentlich so, daß die geschichtliche Auffassung des menschlichen Lebens im Mittelalter nur angewendet wird auf das religiöse Leben. Also nur, insoweit die Geschichte Heilsgeschichte, Religionsgeschichte ist, wird sie wirklich geschichtlich betrachtet, als ein einmaliger Prozeß. Dagegen wird sie nicht angewendet auf das profane Leben, auf das weltliche, auf das staatliche Leben. Und das ist das Merkwürdige auch schon bei Augustinus im Gottesstaat: er vertritt in strengstem Sinne seine geschichtliche Auffassung, Einmaligkeit aller Ereignisse, aber nur auf dem religiösen Gebiet. Auf dem weltlichen Gebiet läßt er die alte griechische Auffassung bestehen, da sagt er: Nun, auf dem weltlichen Gebiet, da wiederholt sich immer wieder dasselbe. Das ist eben das Merkwürdige. Nur ist es so, daß für die Christen des Mittelalters das Weltliche gar keine Rolle spielt. Was auf dem weltlichen Gebiet geschieht, war für sie unwichtig. Das Wesentliche war für sie das, was auf dem Heilsgebiet, auf dem religiösen Gebiet geschieht. Die Geschichte war im Wesentlichen Religions- oder Kirchengeschichte. Das geschichtliche Denken hat sich noch nicht eigentlich auf das profane Leben erstreckt im Mittelalter. Damit hängt es z.B. zusammen, daß Karl der Große das römische Reich erneuerte im Jahre 800. Das römische Reich hat einmal gelebt, es ist dann gestorben, es kehrt dann wieder in Karl dem Großen und läuft dann noch einmal ab. Und es ist ja charakteristisch, daß bis auf den heutigen Tag gerade der Katholizismus nicht ganz und gar in die geschichtliche Auffassung des Lebens eingetreten ist. Er hat eigentlich etwas Ungeschichtliches bis auf den heutigen Tag behalten. Also durch die Verschmelzung von Christentum und Griechentum wird die Entwicklung des Geschichtsbewußtseins im Mittelalter zurückgehalten. Nun, im 16. Jahrhundert entsteht aber der Protestantismus. Er streif ja die scholastische Philosophie ab und mit ihr den ganzen Einfluß des Griechentums und wendet sich wieder viel stärker dem vorchristlichen Judentum zu. Alle S54 Reformatoren machen das, Luther, Zwingli; aber am ärgsten, möchte ich beinahe sagen, hat das Calvin getrieben, der ist ja ganz und gar in das Alttestamentliche zurückgekehrt. Er hat ja versucht, in Genf einen Gottesstaat im Sinne des Alten Testaments wieder aufzurichten. Was heißt das aber? Das heißt, daß der Protestantismus - er wollte ja die ursprüngliche Form des Christentums wiederherstellen, jene Gestalt des Christentums, wie sie in der Bibel niedergelegt ist, wo es sich noch wenig mit Griechentum durchdrungen hatte - und so ist er eben wieder ganz ins Judentum zurückgekehrt und hat sich ganz wieder in das geschichtliche Denken hineingelebt. Und so hat die modern Geschichtsphilosophie, wenn auch ihre Wurzeln schon bei Augustinus liegen, auch bei Joachim de Fiore liegen, ihre volle Ausreifung doch nur durch den Protestantismus erfahren können. Und so ist es charakteristisch, daß alles, was als moderne Geschichtsphilosophie wirklich entstanden ist, auf protestantischem Boden erwachsen ist. Lessing, Herder, die grossen Philosophen des deutschen Idealismus, Ranke, bis zu dem letzten Vertreter des Historismus in unserem Jahrhundert, bis zu Troeltsch hin, waren nicht nur Protestanten, sondern zum großen Teil sogar ursprünglich oder überhaupt protestantische Theologen. Also die letzte Vollendung hat das Geschichtsbewußtsein durch den Protestantismus erfahren, weil dieser so stark zum Judentum zurückgekehrt ist. Aber außerdem ist ja bis ins 20. Jahrhundert herein dieses Geschichtsbewußtsein, da wo man eben auf das Einmalige hingeschaut hat, verbunden geblieben mit dem Theologischen Wesen, mit dem Religiösen, mit dem Glaubensmäßigen, sogar dort, wo aus diesen Voraussetzungen dann ein Umschlag erfolgt ist ins Materialistische bei Marx. Marx ist ja bekanntlich Hegelschüler gewesen, hat den Hegelismus nur ins Materialistische umgewendet. Aber wenn Marx spricht von der sozialen Revolution usw., so haben da nur Vordergrundserscheinungen vor uns. Im Hintergrund wirken die alten theologischen Grundbegriffe weiter, nur eben auch wieder in einem anderen Gewand. Was früher das Weltgericht war, wird für Marx die soziale Revolution. Der Erlöser, das ist das S55 Proletariat. Die ewige Seligkeit, das ist dann der Kommunismus. Wenn wir den Kommunismus verwirklicht haben, dann haben wir das erreicht, was die Christen unter ewiger Seligkeit verstehen, wo die Geschichte dann aufhört. Und so hat mit Recht ein Geschichtsphilosoph der Gegenwart, Löwith, in seinem bekannten und bedeutenden Werk "Weltgeschichte und Heilsgeschehen" behaupten können, daß alle Geschichtsphilosophie, womit ich jetzt diese historische Strömung meine, die da begründet ist auf die Einmaligkeit der Geschichte, in Wirklichkeit Geschichtstheologie, d.h. Glaube sein, keine Erkenntnis. Er sagt, von der Erkenntnisseite ergibt sich so etwas nicht, das beruht alles auf Glaube. Dem steht nun eine andere Tatsache sehr merkwürdig gegenüber, auf die man da hinweisen darf. Ein auch sehr bedeutender protestantischer Theologe, von dem in den letzten Monaten viel die Rede war, weil er an dem Konzil in Rom teilgenommen hat, Oskar Cullmann, hat ein bedeutendes Werk geschrieben "Christus und die Zeit", in welchem er gezeigt hat, daß das Christentum so, wie es uns in der Bibel, im Neuen Testament, entgegentritt, einen rein zeitlich-geschichtlichen Gottesbegriff hat, durchaus ähnlich dem altjüdischen. Also so, wie Jahve in der Geschichte wirkt seinem Wesen nach, so ist das Christentum von allem Anfang an eine in Elementen der Zeit, der Geschichte webende Religion und Gottesverehrung. Es scheint mir deshalb bedeutsam, weil das zusammenhängt mit den Ausführungen, die Rudolf Steiner gemacht hat im Jahre 1924, wo er einmal sagt - Sie kennen vielleicht diesen Pfingstvortrag - daß der Christus aus der Welt der Zeit, aus dem Elemente der Zeit in die Menschheitsentwicklung eingetreten sei und eigentlich erst das Element der Zeit in die Menschheitsentwicklung voll hereingebracht habe. Das Buch von Cullmann ist wie eine von unten her gesehene ausführliche Bestätigung dieser Darstellung Rudolf Steiners. Denn Sie müssen bedenken, daß wir von Zeit im eigentlichen Sinne des Wortes nur da sprechen können, wo wir die lineare Geschichtsauffassung haben, also bei der S56 Einmaligkeit der Ereignisse. Denn damit wir Zeit wirklich erleben können, ist notwendig, daß die verschiedenen Dimensionen der Zeit sich reinlich voneinander trennen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Das ist aber nur bei dieser Auffassung möglich, denn wenn wir hier stehen, dann ist das, was vergangen ist, absolut vergangen, es kommt nie wieder und das, was Zukunft ist, ist noch nicht da, das war noch nie da, das ist echte Zukunft. Und die Gegenwart ist eben der Schnittpunkt. Wenn Sie aber eine Kreislaufanschauung haben, dann fallen Vergangenheit und Zukunft in eins zusammen. Das, was von einem Punkt aus gesehen, Zukunft ist, das ist ja auch zugleich Vergangenheit, denn wir sind ja von daher gekommen an diesen Punkt. Und was Vergangenheit ist, ist also auch zugleich Zukunft, weil wir da wieder hinkommen müssen. Also, die Dimensionen der Zeiten sondern sich noch nicht voneinander beim Kreislaufgeschehen. Daher hat man dort noch kein volles Erlebnis der Zeit, erst, wenn man in diese Auffassung der Einmaligkeit eintritt.
   Dieser ganzen Strömung vom Judentum durch das Christentum, durch den Protestantismus bis zu der Gipfelung der Geschichtsphilosophie, also etwa im deutschen Idealismus, der steht dann gegenüber die andere Strömung, die ich geschildert habe, also die naturwissenschaftliche, die im 15. Jahrhundert heraufkommt, und die ist ja nun, ganz deutlich gesehen, die Fortsetzung des Griechentums. Die Naturwissenschaft wird geboren in der Renaissance, und Galilei und manche andere sind ja die Begründer der modernen Naturwissenschaft. Also aus der Wiederbelebung des Griechentums heraus wird die Naturwissenschaft geboren. Sie ist wirklich die Fortsetzerin der griechischen Naturphilosophie. So wie damals die Naturreligion in Naturphilosophie übergegangen war, ist in der neueren Zeit die Naturphilosophie in Naturwissenschaft übergegangen. Die Götter haben sich zuerst in Ideen verwandelt, die Ideen nun in der Naturwissenschaft in Naturgesetze. Und diese moderne Naturwissenschaft, die ist es ja nun, die auch die Geschichte, wie sie sagt, nicht S57 nur zum Rang einer Wissenschaft, sondern zum Rang einer Naturwissenschaft erheben will, die also Gesetze in der Geschichte sucht, das Dauernde, das Beständige, das eigentlich Seiende in der Geschichte. Und sie ist eben die, die nun, wie wir gesehen haben, die Geschichte in einen Naturprozeß verwandelt. Diese Strömung ist hauptsächlich in Westeuropa zuhause, in Frankreich Comte, in England Spencer, sind charakteristische Vertreter dieser Auffassung. Es ist also die Auffassung, die die Geschichte als Wissenschaft betreiben will, nicht nur als bloße Geschichtsschreibung, nicht mehr als Kunst, sondern als Wissenschaft. Aber die die Geschichte verwandelt in Soziologie oder in Massenpsychologie oder wie etwa der französische Geschichtsphilosoph Lacombe, der ja der Meinung ist, es gäbe gar keine Geschichte von Menschen, das könne man gar nicht schreiben, nur eine Geschichte von Einrichtungen. Geschichte von Staaten, von Kirchen, Parteien, von Organisationen kann man schreiben, aber nicht Geschichte von Menschen, die kann man nur erzählen. Aber wissenschaftliche Geschichte kann man nur darstellen von Einrichtungen, von Allgemeinheiten. Und wir haben gesehen, wie in Deutschland Lamprecht, Breysig, Spengler diese westliche Geschichtsauffassung übernehmen, die in der Geschichte nur das Allgemeine sieht und die Geschichte zu einem Naturprozeß degradiert.


   So können wir also sagen, indem wir nun diese beiden Strömungen der modernen Geschichtsphilosophie einander gegenüberstellen, die ich geschildert habe, was ist das eigentlich? Nun, das ist gleichsam eine Art Reinkarnation von dem, was einstmals in Hellas und Juda in der Geschichte da war. Die griechische und jüdische Kultur, die kommen wiederum heraus in der neueren Zeit in ihrer Gegensätzlichkeit in den beiden gegensätzlichen Geschichtsauffassungen. Aber so wie das Christentum schon einmal sich mit dem Heidentum verschmolzen hatte - allerdings hat diese Verschmelzung sich in der neueren Zeit seit dem Jahr 15-1600 wieder aufgelöst-, so können wir nun die Aufgabe, die uns S58 heute eigentlich gestellt ist auf geschichtlichem Felde, auch so charakterisieren, daß es zu einer neuen Verschmelzung kommen muß zwischen dem Christentum, insofern es aus dem Judentum hervorgegangen ist, und dem Heidentum. Aber nun zu einer Verschmelzung erfolgen in unserer Zeit? Ich habe ja auch schon darauf hingewiesen, was uns eigentlich gegenübersteht im Gegensatz der beiden geschichtsphilosophischen Strömungen, der naturwissenschaftlichen und der historischen. Ich habe gesagt, es ist derselbe Gegensatz, der die gesamte neuere Kultur durchzieht als Urgegensatz zwischen Wissen und Glauben, Naturwissenschaft und Religion, Hingabe an die Naturerkenntnis und Hingabe an das Göttliche. Dieser Gegensatz, den wir ja alle durch und durch kennen, in dem wir als moderne Menschen drinnen stehen, der zum Urgegensatz der neueren Zivilisation geworden ist, er bedeutet ja nichts anderes als daß die Verbindung von Christentum bzw. aus dem Judentum hervorgegangenem Christentum und Heidentum, die zweimal stattgefunden hatte, sich wieder aufgelöst hat in der neueren Zeit. Das hat sich wiederum voneinander geschieden. Das ist eigentlich das, was dem zugrundeliegt. Weil aber diese Gegensätze heute nicht mehr uns entgegentreten, ihrer äußeren Benennung nach, als Griechentum und Judentum, sondern als Gegensatz von Wissen und Glauben, als Gegensatz von Naturwissenschaft und Religion, von Natur und Gott, deshalb kann ihre Verschmelzung, ihre Versöhnung heute nur darin bestehen, daß wir eine Wissenschaft von dem Wesen entwickeln, das in der Mitte zwischen Natur und Gott steht, eine Wissenschaft vom Menschen. Der ist ja das Bindeglied zwischen beiden. Er steht als das Dritte in der Mitte, ja er steht nicht nur mitten in ihnen drin, sondern er umfaßt zugleich die Gegensätze, indem er ja ein dreigliedriges Wesen ist. Als Leib gehört er selber der Natur an, als Geist gehört er selber der göttlich-geistigen Welt an und als Mensch, als Seele ist er Mensch, der zwischen beiden in der Mitte steht. So hat also der Mensch an beiden Anteil, er umfaßt ja beides, und S59 darum habe ich auch gesagt, das Menschliche umfaßt die Gegensätze und überwindet sie zugleich. Und so kommen wir also schießlich wiederum zu dem selben Resultat: Das, was uns als Aufgabe in der Zukunft gestellt ist, auch in Bezug auf die Geschichte, das ist eine wirkliche Wissenschaft vom Menschen, denn nur aus der heraus können wir zu einer Erkenntnis der Geschichte endlich fortschreiten, die es ja bisher noch nicht gegeben hat und nicht geben konnte. Methodisch könnte man das auch nennen die Versöhnung von Wissen und Glauben. Wir brauchen eine Wissenschaft, die zugleich für uns das bedeuten kann, was die Religion früher den Menschen bedeutet hat. Oder umgekehrt gesagt: wir brauchen eine Religiosität, die den Charakter der Erkenntnis trägt, oder wie Schelling es einmal gesagt hat: Wiedergeburt der Religion aus dem Geiste der Wissenschaft heraus. Das ist sehr schön und tief wahr ausgedrückt. Wir brauchen eine Wissenschaft, die eben in die Gebiete eindringt, die früher nur dem Glauben reserviert waren. Und so kann ich es zum Schluß nun noch einmal sagen: Der Mensch, er hat ja an allen diesen drei Welten Anteil, er umfaßt sie alle in sich selbst in der Weise, wie ich es geschildert habe. In der Vorgeschichte erscheint der Mensch als ein bloßes Naturwesen. Wir dürfen ihn da sozusagen als Naturwesen auffassen. Er ist noch ichlos, er hat das Seelische, das Persönliche noch nicht entwickelt, er lebt ganz und gar in dem Elemente der Wiederholung des Kreislaufes. Und weil in gewisser Weise diese Vorgeschichte in ihren letzten Ausläufen noch in die Geschichte hinein nachwirkt bis etwa zum Mysterium von Golgatha hin, also durch die ganze Vorgeshichte, vorchristliche Zeit, deshalb können wir auch die ganze vorchristliche Zeit durchaus nach dem Schema darstellen wie es Spengler und Toynbee machen. Für das Vorchristliche hat das nämlich volle Berechtigung, es ist ein Kreislauf von Kulturen. Indische Kultur, persische Kultur, ägyptische Kultur, griechisch-römische Kultur. Eine Kultur folgt der anderen, da paßt Spengler hin, auf die vorchristliche S60 Zeit. Denn da haben wir noch nicht etwas Durchgehendes, sondern es entstehen immer wieder neue Kulturen und sie klingen dann wieder ab. Daß das eine durchgehende Weltgeschichte ist, das ist noch gar nicht im Bewußtsein der Menschen. Da paßt also diese Auffassung der Geschichte, die Spengler hat, und die auch andere haben, das ist vorchristlich, aber da paßt es hin. Da haben wir es also mit dem Kreislauf zu tun. Natürlich und ganz besonders noch in der früheren Vorgeschichte. Da ist alles im Element der Wiederholung, weil der Mensch noch ichlos ist, er ist noch keine Persönlichkeit. Und das geht so weit ins Paradoxe hinein, daß ja auch das einzelne menschliche Leben durchaus vom Bilde des Kreislaufgeschehens her gefaßt wird, indem wir nämlich in der Frühgeschichte eine Reinkarnationslehre haben, die sich im fernen Osten noch erhalten hat, in Indien und in China, eine Reinkarnationslehre ohne Ich. Das ist ja bekanntlich das Hauptkennzeichen der indischen Reinkarnationslehre, daß man von Reinkarnation spricht und gleichzeitig das Ich des Menschen leugnet. Es ist kein Ich, das durch die aufeinanderfolgenden Reinkarnationen hindurchgeht, sondern es ist eine Reinkarnation des Karmas. Gewisse Tatenwirkungen des menschlichen Lebens verschwinden in die geistige Welt, kommen dann später wieder aus der geistigen Welt zum Vorschein, verkörpern sich in einem neuen Menschen. Es ist also das Prinzip der Wiederholung, des Kreislaufes ohne Ich. Das gilt für den einzelnen Menschen, das gilt für den einzelnen Menschen, das gilt für die Kulturen.

   Dann kommen wir in die Geschichte herein, da wird der Mensch zur Seele, zur Einzelpersönlichkeit, zum einmaligen Wesen. Da ist er sozusagen ganz und gar Seele, da ist er ganz und gar Einzelwesen und darum verschwindet die alte Wiederverkörperungslehre, und man redet davon, daß auch der Mensch nur einmal auf der Erde lebe. Also es ist die Einmaligkeit ins einseitigste Extrem getrieben. Alles ist einmal, jedes geschichtliche Ereignis, jede geschichtliche Gestalt, es gibt keine Wiederholung. Das einmalige Erdenleben. Aber - daran entwickelt sich das Geschichtsbewußtsein der Menschheit. Aber diese Geschichte kann S61 nur aufgezeichnet werden, sie kann beschrieben werden, künstlerisch beschrieben werden. Und von Geschichtserkenntnis kann da noch nicht die Rede sein. Und so, wie für die ganze Vorgeschichte das Heidentum repräsentativ ist, ist für die ganze geschichtliche Phase der Menschheit repräsentativ zuerst das Judentum und dann das Christentum, das sich an das Judentum anschließt. Das Judentum ist Repräsentant der vorchristlichen Hälfte der Geschichte, das Christentum der Repräsentant der nachchristlichen Hälfte der Geschichte. So hat es ja auch Augustinus dargestellt in seinem Gottesstaat. Er sagte: In der vorchristlichen Zeit war der Gottesstaat das Judentum. In der christlichen Zeit ist der Gottesstaat die Kirche. An die Stelle des auserwählten Volkes treten ja die Mitglieder der christlichen Kirche. Das ist das Gottesvolk, die Nachfolger des Judentums. Also Judentum und dann hier das Kirchenchristentum müßte hierher geschrieben sein (Zeichnung).
Das ist eben der Träger des eigentlichen Geschichtsbewußtseins. Sie sehen also da, Geschichte wird ganz theologisch aufgefaßt. Und dann haben wir nun das, was kommt in der Zukunft. Da haben wir die Menschheitsgeschichte, wie ich schon gesagt habe, die Geschichte der einheitlichen Menschheit. Aber sie wird sich zugleich darstellen als die Geschichte der wahren Individualitäten, die durch wiederholte Erdenleben hindurchgehen. Das ist das, was die neue Epoche kennzeichnen wird, in die wir eintreten. Sie sehen auch da wiederum, wie die beiden Gegensätze synthetisiert werden. Wir halten an der Einmaligkeit fest und zugleich tritt das Element der Wiederholung wieder auf. Wir sprechen von den wiederholten Erdenleben. Aber das hebt hier das Einmalige nicht auf, denn jedes Erdenleben, das wir durchleben, ist in seiner Qualität ein einmaliges. Ja, jedes Erdenleben, durch das wir hindurchgehen, ist ein einmaliges, weil es der Geschichte angehört. Aber trotz dieser Einmaligkeit haben wir zugleich das Element der S62 Wiederholung. Und das wird die Geschichtsauffassung sein, mit der man einzig und alllein zurechtkommen wird mit den Verhältnissen, die sich in dieser dritten Epoche der Menschheitsentwicklung herausbilden werden. Nun habe ich das jetzt noch einmal von einer anderen Seite her dargestellt. Ich glaube, wir haben damit jetzt sozusagen die prinzipiellen Grundlagen geschaffen für das, was ich als Zukunftsaufgabe darstelle, und ich möchte dann morgen diese Aufgabe etwas differenzieren, etwas konkretisieren und zeigen, wie sich nun diese Aufgabe in bestimmte Einzelaufgaben aufgliedert.

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Dritter Vortrag: Hauptaufgaben künftiger Geschichtswissenschaft