UA-34182763-1

3. Vortrag

Hauptaufgaben künftiger Geschichtswissenschaft


Meine Damen und Herren,

   nachdem wir gestern die Voraussetzungen eines künftigen Geschichtsverständnisses besprochen haben, wollen wir nun heute einiges ausführen über die verschiedenen konkreten Aufgaben, die sich nach dieser Richtung hin ergeben. Aus allem, was gestern ausgeführt worden ist, ging ja dieses eine hervor, daß die Ur- und Grundvoraussetzung für ein wissenschaftliches Geschichtsverständnis - da es in der Geschichte schließlich um den Menschen geht - eine Menschenerkenntnis ist, die sowohl ihren Methoden wie ihren Ergebnissen nach eine wahrhafte Menschenwissenschaft darstellt. Wenn ich diesen Begriff "Menschenwissenschaft" einmal prägen darf, im Unterschied zur Naturwissenschaft. Eine solche echte Menschenwissenschaft, das muß der Wahrheit halber gesagt werden, liegt heue allein in der Anthroposophie vor, wie sie von Rudolf Steiner begründet worden ist, und die Forschungsmethoden dieser Menschenwissenschaft müssen eben auch gleichzeitig diejenigen einer künftigen Geschichtswissenschaft sein. Ich könnte auch umgekehrt sagen, die Erkenntnismethode einer künftigen wirklichen Geschichtswissenschaft kann gar keine andere sein als die Erkenntnismethode einer Menschenwissenschaft. Nun habe ich ja gestern Abend diese Methode auf eine Frage hin bereits in einer bestimmten Weise prinzipiell wenigstens angedeutet. Ich habe nämlich gesagt, da der Mensch das Wesen ist, das die natürliche und die geistige Welt als verbindendes Mittelglied nicht nur miteinander verbindet, sondern sogar in sich selbst alle diese Welten umfaßt, kann eine wirkliche Menschenwissenschaft auch nur dadurch zustande kommen, ihrer Methode nach, daß die beiden Grundkräfte der menschlichen Seele, die einerseits der S64 Naturerkenntnis zugrundeliegen, andererseits dem religiösen Erleben - das ist einerseits das Denken, auf der anderen Seite der Wille -, daß auch diese beiden Grundkräfte der menschlichen Seele miteinander zu einer Einheit verschmolzen werden. Eben auf dem Wege einer entsprechenden seelisch-geistigen Schulung, eines seelisch-geistigen Trainings, das in ganz bestimmten Übungen verläuft, welche diese Verschmelzung von Denken und Wollen in der menschlichen Seele zum Ziele haben. Ich habe Ihnen aber auch geschildert, wie dann, wenn man eine solche Schulung durchläuft, dies sich nicht so vollzieht, daß eben die Kraft des Denkens und die Kraft des Willens immer mehr und mehr zu einer Einheit zusammenwirken; zu irgend etwas, was dann als neue Fähigkeit in der menschlichen Seele sich ausbildet, sondern es verhält sich da auch so, wie auf einem anderen Gebiete in der Natur, z.B. beim Wachstum einer Pflanze. Wenn die Pflanze wächst, dann bildet sie ja nicht nur einen Stengel und grünes Laub immer weiter und weiter, sondern an einer gewissen Stelle entsteht dann plötzlich etwas Neues, eine farbige Blüte, und dann verläuft die Entwicklung auch nicht so, daß die Pflanze nun immer nur weiter Blüten und Blüten bildet, sondern plötzlich entsteht in der Blüte wiederum etwas Neues, die Frucht. Und so ist es auch, wenn eine solche Verschmelzung des Denkens und des Willens vollzogen wird in der menschlichen Seele. Ich habe das so ausgedrückt: Es kommt zu einer ersten Vermählung dieser beiden Kräfte, aus der etwas Neues geboren wird, eine neue Fähigkeit der Seele - es ist diejenige, die Rudolf Steiner im technischen Terminus als Imagination bezeichnet hat. - Wenn die Schulung weitergeht, dann kommt es zum zweiten Mal zu einer Vermählung dieser beiden Kräfte in der menschlichen Seele, eben in einer höheren Form, und es wird eine neue Kraft in der menschlichen Seele daraus geboren, das, was Rudolf Steiner die Inspiration genannt hat. Und ein ebensolches vollzieht sich dann zum dritten Male, der Frucht des ganzen Prozesses entsprechend, in dem, was Steiner als Intuition bezeichnet hat. Es bildeten sich also im menschlichen Wesen drei neue höhere Erkenntnisfähigkeiten heraus, in denen die polaren Kräfte der Seele, das Denken, das S65 Vorstellen, das Wollen auf der anderen Seite miteinander verschmolzen werden. Und diese drei höheren Fähigkeiten können wir als die spezifisch-geistigen Fähigkeiten des Menschen bezeichnen, im Gegensatz zu den seelischen, die wir im Denken, Fühlen und Wollen vor uns haben. Man kann daher diese höhere Entwicklung, die der Mensch durchlaufen kann, noch in einer anderen Weise kennzeichnen.


      Wir haben ja gesehen, daß ein anderes Hauptergebnis oder einfach das allerhauptsächlichste Ergebnis dieser Menschenwissenschaft in der Erkenntnis besteht, daß der Mensch seiner Gesamtheit nach ein dreigliedriges Wesen ist, ein leibliches, ein seelisches und ein geistiges Wesen. Und daß alles das, was wir menschliche Entwicklung nennen, in irgendeiner Form durch diese drei Stufen hindurchgeht. Es ist zunächst eine leibliche Entwicklung, dann haben wir es mit einer seelischen Entwicklung zu tun und zuletzt mit einer geistigen Entwicklung. Wir haben das ja gestern auch schematisch an der Tafel angezeichnet. Wir haben gesehen, wie in dem, was wir in dem Worte "Vorgeschichte" zusammenfassen können, das Leibliche zunächst zur Entfaltung kommt, in dem, was wir Geschichte im speziellen Sinne nennen, ist es das Seelische, und in dem, was ich einmal provisorisch als "Nachgeschichte" bezeichnet habe, kurz in der Epoche, in welcher die Menschheit in der Gegenwart einzutreten im Begriffe ist, da wird nun das Geistige zu seiner vollen Entfaltung im Menschen kommen. Nun gilt aber dasselbe auch vom einzelnen menschlichen Lebenslauf. Auch der verläuft ja so, daß wir einen ersten Abschnitt haben, ein erstes Drittel, also von der Geburt bis zum Erwachsensein, in welchem die leibliche Entwicklung im Vordergrund steht. Dies brauche ich im Einzelnen ja nicht zu schildern, wir sehen es ja unmittelbar bei dem heranwachsenden Menschen, wie seine Leiblichkeit sich stufenweise ausgestaltet bis zu dem Abschluß hin, den sie dann im Erwachsensein erreicht. Dann folgt eine mittlere Epoche des menschlichen Lebens, die 20er, 30er, 40er Jahre, also bis gegen die 50er Jahre hin, wo vor allen Dingen die seelischen Kräfte zur Entfaltung kommen, das, was wir S66 zusammenfassen in dem Ausdruck: menschliche Persönlichkeit. Da stellt sich der Mensch auch am meisten als Persönlichkeit in das Leben hinein - und nun folgt darauf eine dritte Epoche, also etwa von den 50er Jahren an, es ist das letzte Drittel des menschlichen Daseins. Diese Epoche enthält nun in sich die Möglichkeiten, das spezifisch Geistige im Menschen zur Entwicklung zu bringen. Aber da ja die Menschheit bis heute erst die zwei ersten Hauptepochen ihrer Entwicklung durchlaufen hat, die leibliche und die seelische, das heißt die vorgeschichtliche und die geschichtliche, da die Menschheit im Ganzen also erst heute an dem Punkt angelangt ist, wo die seelische Entwicklung in die geistige übergehen soll, da die geistige Entwicklung menschheitlich noch der Zukunft angehört, so sehen wir auch, wie im einzelnen menschlichen Lebenslauf - von einzelnen Ausnahmen abgesehen - im Allgemeinen, Durchschnittlichen der Mensch, wenn er in die 40er, 50er Jahre hineinkommt, in seiner inneren Entwicklung mehr oder weniger stehenbleibt. Er macht in den 40er oder 50er Jahren nicht mehr - im allgemeinen, wie gesagt einen ähnlichen Sprung in seiner Entwicklung, wie er ihn um das 21. Jahr herum macht, sondern die seelische und die geistige Entwicklung, die differenzieren sich im allgemeinen heute noch nicht auseinander im Menschen, wir sehen vielmehr oftmals, wie die Menschen, sagen wir in den 50er Jahren in eine gewisse Verfestigung hineinkommen. Wir können dies ja deutlich bei Künstlern sehen, wie sie in der Mitte ihres Lebens deutlich einen bestimmten Stil ihres Schaffens herausbilden, der dann immer mehr und mehr zur Manier wird, also sich verfestigt, wenn sie älter werden, und über den sie dann eigentlich nie hinauskommen. Oder wir sehen bei anderen, wie sie nach einer gewissen Zeit immer wieder beginnen sich zu wiederholen in einem gewissen Sinne. Nun, in der Zukunft, das wird auch ein Kennzeichen sein der zukünftigen Menschheitsentwicklung, wird immer mehr und mehr der Mensch im höheren Lebensalter sich innerlich noch weiterentwickeln, und es ist ja von diesem Gesichtspunkt aus interessant, daß nun auch von außen her durch Medizin und Hygiene das menschliche Leben bedeutend verlängert worden ist, so S67 daß das Alter überhaupt dem Menschen auch von außen her in der Zukunft viel größere Möglichkeiten bietet als in der früheren Zeit. Der Mensch wird die Möglichkeit bekommen, in seinen 50er Jahren, im Übergang von den 40er zu den 50er Jahren noch einmal eine solche innere Umwandlung zu erleben, die sich vergleichen läßt - es ist natürlich wieder anders -, aber die sich vergleichen läßt etwa mit der, die er etwa um das 20., 21. Jahr herum durchmacht. Und er wird die Möglichkeit haben, etwa in den 60er, 70er Jahren noch immer neue geistige Fähigkeiten in sich zu erwecken, in einem Maße, wie er das heute noch nicht kann. Aber derjenige, der nun ein Menschenwissenschafter werden will im anthroposophischen Sinne, für den ergibt sie die Aufgabe, und das ist dasselbe, was ich schon vorher geschildert habe, nur von einer anderen Seite her, eben durch ein solches seelisch-geistiges Training, - ich möchte sagen in der Altersphase seines Lebens, also sagen wir von den 40er Jahren an, in den 50er, 60er Jahren, eine Entwicklung zu durchlaufen, durch die er nun spezifisch-neue Fähigkeiten in seinem Inneren entwickelt. Nicht wahr, es gibt einzelne Ausnahmen, wie etwa Goethe oder Schelling, bei denen man das auch besonders sehen kann, wie sie im höheren Lebensalter noch tatsächlich ganz neue Fähigkeiten in sich entwickelt haben. Es gibt noch andere Beispiele, die genannt werden könnten. Aber im allgemeinen ist das bisher noch nicht der Fall gewesen. Also, man könnte so sagen: das, was als Altersentwicklung im Menschen veranlagt ist, das nun zu realisieren in einer antizipierenden Weise, in einer Art durch welche die allgemeine Menschheitszukunft in gewisser Weise vorausgenommen wird, das ist die wesentliche Aufgabe, die eben dem Schüler der Geisteswissenschaft oder dem Vertreter einer Menschenwissenschaft erwächst. Und was geschieht denn dadurch, wenn man es dahin bringt, also sagen wir von seinen 50er Jahren an in eine neue Entwicklung einzutreten, die sich deutlich unterscheidet von derjenigen, die man in der Mitte seines Lebens durchlaufen hat? Dann differenziert sich im Menschen selber, im einzelnen Menschen immer deutlicher heraus die Dreigliedrigkeit seines Wesens. Es differenziert sich dann S68 vor allen Dingen das Geistige und das Seelische deutlich voneinander. Der Mensch hat im eigenen Leben erlebt, wie sein ganzes Leben anders geartet ist in der Mitte seines Lebens und dann im letzten Drittel seines Lebens und wiederum auch im ersten Drittel. Das wird sich viel stärker differenzieren, als das bis heute der Fall war. Und dadurch geschieht dieses, daß der Mensch sich selbst zum - ja wie soll ich nun sagen - zum Beobachtungsinstrument bildet, durch welches er in die Tiefen der Geschichte der Menschheitsentwicklung sozusagen hineinschauen kann. Ich habe Ihnen gestern geschildert, wie man im 19. Jahrhundert die Meinung hatte, etwas Ähnliches, wie für die Naturwissenschaft das Mikroskop oder das Teleskop, das uns möglich macht, in die Tiefe des Raumes hineinzuschauen, etwas Ähnliches bedeuten für die Geschichte die Quellen und die Dokumente. Das ist aber ein Irrtum das ist durchaus eine falsche Analogie. Sondern das, was dem Mikroskop und dem Teleskop in der Naturwissenschaft entspricht auf menschenwissenschaftlichem Gebiete, das ist der Mensch selber. Der Mensch muß sich selber sozusagen zum Okular bilden, zum Mikroskop, zum Teleskop, wenn Sie so wollen, durch das er hineinschauen kann in die Zeiträume der Menschheitsentwicklung. Und das kann er, indem er sein eigenes Wesen in einer solchen Weise gliedert, wie ich es jetzt geschildert habe. Denn er wird dann immer mehr nach dem alten Grundsatz, daß Gleiches nur durch Gleiches erkannt werden kann, indem er eben selbst ein dreigliedriges Wesen geworden ist, eine Empfindung entwickeln für den Unterschied von Vorgeschichte, von Geschichte und derjenigen Zeit, in die die Menschheit heute eintritt. Ich bin mir natürlich vollkommen klar darüber, wie wenig in der heutigen Wissenschaft noch ein Verständnis für so etwas vorliegt, vielleicht kommt man den heutigen Menschen ganz verrückt vor, wenn man solche Dinge ausspricht, wie ich es jetzt getan habe, aber es ist eben doch eine Wahrheit, daß gegenüber der Menschheitsentwicklung, auch der geschichtlichen Menschheitsentwicklung irgendwelche äußeren technischen Beobachtungsinstrumente nicht in Frage kommen, daß da nur der Mensch S69 selber das Okular sein kann, durch das hindurch man in die Geschichte blicken kann. Und ich muß da noch etwas anderes sagen, das, sagen wir, für noch jüngere unserer Zeitgenossen vielleicht nicht sehr erfreulich klingt, aber was eben doch auch eine Tatsache ist: daß man nämlich für die Menschheitsgeschichte, um, ich möchte sagen, ein wirkliches inneres Verständnis zu finden, einfach im einzelnen Leben ein bestimmtes Alter erreicht haben muß. Gewiß, es gibt ja auch das, daß, so wie der eine besonders für Naturwissenschaft begabt ist, der andere besonders für Geschichte begabt ist, jedenfalls diese Veranlagung gibt es, aber trotz dieser Begabung stimmt auch das andere, daß man ein tiefes, innerliches Verständnis für die Wandlungen der Menschheitsgeschichte, für das, was eben die einzelnen Epochen der Menschheitsentwicklung charakterisiert und voneinander unterscheidet, eben doch erst im höheren Lebensalter gewinnen kann. Das ist einfach an eine gewisse Altersstufe gebunden, weil eben erst im Laufe des Lebens der Mensch die Möglichkeit findet, sich selbst zu einer Dreiheit des Leiblichen, des Seelischen und des Geistigen zu differenzieren. Und, in dem Maße, als das nun im Menschen geschieht, entwickelt sich das Verständnis dafür, daß man es in der ganzen Menschheitsentwicklung, auch in der geschichtlichen Menschheitsentwicklung mit dem zu tun hat, was ich im Titel meines Geschichtswerkes bezeichnet habe als "Stufengang der Menschwerdung". Die Menschheitsentwicklung, die geschichtliche Menschheitsentwicklung ist eine stufenweise Entfaltung oder Verwirklichung des menschlichen Wesens. Stufenweise eben in dem Sinne, daß drei Hauptstufen durchschritten werden, eine leibliche, eine seelische und eine geistige. Und das, was wir speziell Geschichte nennen, das ist ja nur das Mittelstück dieser Gesamtentwicklung der Menschheit. Und sehen Sie, es ergibt sich einem dann, - ich möchte sagen von selbst - immer mehr und mehr das Verständnis dafür, daß der leiblichen Entwicklung des Menschen im Einzelleben von der Geburt bis zum 20ten Jahre ungefähr die Vorgeschichte entspricht, daß man da analoge Vorgänge findet (ich kann das S70 jetzt nicht ausführen, möchte nur darauf hindeuten, es wäre durchaus möglich, das im einzelnen auszuführen). So wie beim einzelnen Menschen am Beginne des Lebens in allerersten Zeiten der aufrechte Gang erworben wird, die Fähigkeit des Sprechens, die erste Veranlagung der Denkfähigkeit, so hat es auch in der Vor- oder Urgeschichte der Menschheit Prozesse gegeben, in welcher die Menschheit zuerst sich leiblich aufgerichtet hat, zuerst die Sprache erworben hat, die allerersten leiblichen Anlagen des Denkens entwickelt hat. Hier gibt es also durchaus Parallelen. Auch zu dem, was wir dann in der Pubertätszeit sehen, wo sich dann die Geschlechter deutlich voneinander differenzieren, was ja beim Kinde noch nicht deutlich der Fall ist. Auch ein entsprechender Vorgang hat sich eben in den vorgeschichtlichen Zeiten der Menschheit vollzogen. Und ebenso ist es auch in der mittleren Zeit, in der eigentlich geschichtlichen Zeit, wo nun das Seelische entwickelt wird. Es ist ja so, daß nun wiederum - ich möchte sagen - das Ganze der Menschheit auch in jenem Drittel sich widerspiegelt und daß auch das Seelische wiederum durch drei Entwicklungsstufen durchgeht. Es gibt eine erste Entwicklungsstufe des Seelischen, die der leiblichen noch näher steht, es ist das, was wir Empfindungsseele nennen, es gibt dann eine mittlere Form des Seelischen, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, und eine dritte Form des Seelischen, es ist das Seelische, das sich bereits dem Geiste aufzuschließen beginnt, es ist das, was wir Bewußtseinsseele nennen. Und so geht dann auch die Geshichte durch drei hauptsächliche Phasen der seelischen Entwicklung hindurch, eine Empfindungsseelenentwicklung, eine Verstandes- und Gemütsseelenentwicklung und eine Bewußtseinsseelenentwicklung. Und dann wird eben die dritte Hauptepoche des Menschheitswerdens folgen, an deren allerfrühestem Beginn wir heute im 20. Jahrhundert stehen. Auch für das Wesen dieser Epoche ergibt sich dann zunächst eine Empfindung, die sich aber immer mehr klärt zu deutlichen Vorstellungen von dem Wesen dieser dritten Hauptepoche. Es ist also das, was man nennen könnte eine wirkliche Futurologie, eine wirkliche Wissenschaft der Zukunft. Also, in S71 dieser Weise erbildet sich das, was man nennen kann eine Gesamtanschauung des Menschheitswerdens. Ich möchte sagen, das Neue, was die Zukunft bringen wird, also gerade auch in Bezug auf die Geschichte, das ist eine solche Gesamtanschauung der Menschheitsentwicklung. Gewiß wird die Tatsachenforschung auch im Stile des 19. Jahrhunderts weitergehen selbstverständlich, aber das ist nicht das eigentlich Neue, was die Zukunft zu bringen hat, sondern das Neue, was zu dieser Tatsachenforschung hinzukommen muß, ist nun nicht etwa eine Geschichtsphilosophie, wie das im 20. Jahrhundert der Fall war, das ist nur, man möchte sagen, wie ein allererster Anfang. Aber diese Geschichtsphilosophie kann ja in ihrer Form nicht bleiben, sie wird sich eben fortentwickeln müssen zu einer solchen Gesamtanschauung der Menschheitsentwicklung. Das ist das Neue, das Wesentliche, worauf es in der Zukunft ankommt. Wenn ich von einer Gesamtanschauung der Menschheitsentwicklung spreche, meine ich eben, daß für die Zukunft eine bloße Anschauung der Geschichte nicht mehr genügt. Wir haben ja gesehen, wie im Laufe unseres 20. Jahrhunderts der Schwerpunkt selbst der geschichtlichen Forschung sich immer mehr und mehr nach der Vorgeschichte hin verlagert hat. Diese steht ja hauptsächlich im Vordergrund dieses heutigen Interesses. Wir brauchen heute, genauso wie wir eine Geschichte gehabt haben, auch unbedingt in der Zukunft nicht nur eine Vorgeschichtsforschung, sondern eine deutliche Vorstellung von dem, was das Wesen der Vorgeschichte ist, was sie unterscheidet von von der geschichtlichen Entwicklung. Es ist ja in unserem Jahrhundert, wie ich schon erwähnt habe, bereits durch Menghin einmal eine "Weltgeschichte der Steinzeit" geschrieben worden, also der Vorgeschichte, da fängt das an. Hinzu kommt ja dieses, wie ich auch schon erwähnt habe, daß heute ein großer Teil der Menschheit, der im vorgeschichtlichen Zustand stehengeblieben war, also die Menschen des schwarzen Kontinents, in die Geschichte eintreten. Um das zu verstehen, was da heute in die Geschichte hereinkommt, brauchen wir eine konturierte Anschauung von dem, was das Wesen der vorgeschichtlichen Entwicklung ist. Auf der S72 anderen Seite genügt es auch in Zukunft nicht, nur von der Geschichte zu wissen, sondern wir brauchen tatsächlich eine Futurologie, das ist durchaus richtig empfunden von Jungk, wir brauchen - so sonderbar es klingen mag - eine Wissenschaft von dem, was noch in der Zukunft ist, und zwar in ganz anderer Weise, als das Jungk versucht. Diese Wissenschaft der Zukunft, die wir notwendig haben, kann nur dadurch entstehen, daß zunächst einzelne Menschen in sich selbst die Zukunft antizipieren, durch die geistige Entwicklung, die sie durchlaufen, daß sie also die Zukunft in sich selbst vorwegnehmen, dadurch bekommen sie erst die Möglichkeit, etwas Konkretes über die wirkliche Gestalt der Menschheitszukunft auszusagen.

   Diese ganze Menschheitsentwicklung, die so durch drei Epochen hindurchgeht, kann ja dann von den allerverschiedensten Aspekten geschildert und charakterisiert werden. Man könnte ja diese ganze Menschheitsentwicklung auch bezeichnen mit dem Ausdruck "Metamorphose des Menschen" oder "Metamorphose der Menschheit", so wie etwa Goethe der Entdecker der Pflanzenmetamorphose gewesen ist, wie er gezeigt hat, daß das Leben der Pflanze ein Prozeß der Metamorphose ist vom Blatt über die Blüte zur Frucht hin, in der ja der Keim entsteht und sich so eine neue Pflanze entwickelt. So haben wir es in dem ganzen Menschheitswerden, in dem Menschheitsprozeß in Wirklichkeit mit einer Metamorphose des Menschen zu tun, in deren Verlauf das menschliche Wesen immer wieder in einer neuen Gestalt erscheint. In der Vorgeschichte hat es eine bestimmte Gestalt. Die ist eben zu charakterisieren. In der Geschichte nimmt es eine andere Gestalt an, und in der Nachgeschichte wird es wiederum eine andere Gestalt annehmen. Und die Voraussetzung dafür, daß man diese Metamorphose der Menschheit schildern kann von verschiedenen Aspekten, ist eben die, daß man sich selbst dreigegliedert hat im Verlauf seines Lebens, daß sich deutlich differenzieren die leibliche Entwicklung in der Jugend, die seelische in der Lebensmitte und die geistige Entwicklung im letzten Drittel des Lebens. S73 Und was die Geschichte im besonderen betrifft, also das Mittelstück dieser Gesamtmenschheitsentwicklung, so ist es eben notwendig, um sie verstehen zu können, daß man sich eine ganz klare - ich möchte sagen - eindringliche Vorstellung von dem erwirbt, war wir unter Empfindungsseele, Verstandesseele und Bewußtseinsseele verstehen. Ohne daß man sich diese drei Seelenglieder, Seelengestalten ganz deutlich vor seinen inneren Blick bringt, kann man eigentlich speziell den Gang der Geschichte nicht verstehen im tieferen Sinne. Nun, wie könnte man eine solche Betrachtungsweise der Menschheitsentwicklung auch nennen? Rudolf Steiner hat einen bestimmten Ausdruck öfter dafür gebraucht und geprägt. Er sagt, Geschichtsbetrachtung muß werden eine geschichtliche Symptomatologie. Er wollte damit ausdrücken, geschichtliche Ereignisse können nicht so verstanden werden, wie es die naturwissenschaftlich orientierte Geschichtsforschung versucht, indem man den Kausalbegriff zugrundelegt, indem man das eine geschichtliche Ereignis als Ursache, das andere als Wirkung betrachtet. Dieser Kausalbegriff, der ja an der Natur gewonnen ist, wo wir es wirklich mit Kausalität zu tun haben, der kann nicht auf die Geschichte übertragen werden, jedenfalls nicht in der Weise, wie es die heutige Forschung im allgemeinen tut. Auf der anderen Seite kann es sich auch nicht darum handeln, Geschichte so zu "interpretieren", wie das heute vielfach geglaubt wird, daß der Geschichtsforscher an die Geschichte herangeht und die Tatsachen in der einen oder in der anderen Weise interpretiert, sondern die wirkliche Bedeutung der geschichtlichen Ereignisse liegt darin, daß sie alle miteinander Symptome sind, in denen dieser Prozeß der Metamorphose der Menschheit auf seinen verschiedenen Stufen zum Ausdruck kommt. Alle geschichtlichen Ereignisse sind Symptome dieses Metamorphoseprozesses der Menschheit. Und erst wenn man ein Geschichtliches in seiner symptomatischen Bedeutung durchschaut hat, dann hat man es eigentlich verstanden. Das ist das eigentliche Geschichtsverständnis. Aber um so eine geschichtliche Symptomatologie entwickeln zu können, muß die Voraussetzung da sein, daß man sich in sich selber S74 gegliedert hat, daß man eben dieses Bild des Menschenwesens, dieses Gesamtbild in seiner Seele trägt, sonst kann man eine solche Symptomatologie gar nicht treiben, denn wenn man nicht weiß, wofür ein Ereignis Symptom sein soll, dann kann man es auch nicht als Symptom verstehen. Aber das, was es symptomatisch zu Ausdruck bringt, ist eben jener Stufengang der Menschheitsentwicklung. Man kann das noch anders ausdrücken, was Rudolf Steiner geschichtliche Symptomatologie nennt: die Geschichte oder sagen wir die ganze Menschheitsentwicklung wird einem zu einer Schrift, die man liest. Alle Ereignisse der Geschichte werden einem immer mehr und mehr - je mehr man sich mit der Geschichte beschäftigt - zu Schriftzeichen, in denen man die Geschichte dieses Metamorphosenprozesses liest. Und so wie wenn Sie eine Schrift im gewöhnlichen Sinne des Wortes lesen, dann ist ja das nicht ein willkürliches Interpretieren dessen, was da geschrieben ist, sondern es ist ein Erkennen dessen, was der, der da geschrieben hat, durch diese Schrift ausdrücken wollte. Also der Sinn dieser Schrift liegt ja drinnen, er wird nicht willkürlich hereingetragen beim gewöhnlichen Lesen. Und so handelt es sich also bei diesem Lesen in den Ereignissen der Geschichte nicht um eine "Interpretation", sondern um ein Herauslesen des Sinnes, der diesen Ereignissen inneliegt, der sich in diesen Ereignissen offenbart.


   Man könnte da Unzähliges anführen. Ich will, um nicht ganz im Abstrakten und Allgemeinen zu bleiben, irgend ein beliebiges Beispiel anführen. Nehmen Sie so etwas wie den Übergang der vorgriechischen Geschichte zur griechischen Geschichte. Da steht ja als eines unter manchen Ereignissen, wie gesagt, man kann immer nur Beispiele herausgreifen, die man aber beliebig vermehren könnte, da steht z.B. das Ereignis des Trojanischen Krieges, wie es uns von Homer geschildert wird. Dieses Ereignis ist dadurch hervorgerufen worden, daß der Paris, der Sohn des Priamos, nach Griechenland kam und die Helena geraubt hat. Griechenland hat sich dann aufgemacht, um die Helena den Räubern zu entreissen, und sie haben S75 eben diese Stadt Troja zerstört. Dieser Trojanische Krieg erscheint wie ein prophetisches Vorbild der wesentlichsten Geschehnisse der griechischen Geschichte. Zu diesen Geschehnissen gehören ja auf der einen Seite die Perserkriege, wie da der Osten in Darius und Xerxes nach Griechenland kommt, um dieses Griechenland dem Osten einzuverleiben, so wie eben der Paris die Helena dem trojanischen Leben hat einverleiben wollen. Also der Osten greift da herüber nach Griechenland in den Perserkriegen, um dieses Griechenland dem Osten zu unterwerfen - ich möchte sagen, in seiner Eigenart zu zerstören. Das Wort Helena heißt ja eigentlich die Griechin, die Verkörperung des Griechentums, das da durch Paris geraubt und nach Osten gebracht werden sollte. Aber diese Perser werden in den Befreiungskriegen der Griechen zurückgeschlagen und in Alexander dem Großen ziehen dann die Griechen selber nach Persien und zerstören dieses Persische Reich. Es ist dieser große Zug der griechischen Geschichte, die Perserkriege dann mit dem Umschlag der Alexanderzüge, etwas wie eine historische Verwirklichung dessen, was am Beginn der griechischen Geschichte uns entgegentritt in der Sage vom Trojanischen Krieg. Und Sie wissen ja, wie Alexander der Große selber, wie er an die Stelle kam, wo früher Troja gestanden hatte, ein Opfer darbrachte, wie er sich selber sozusagen als eine historische Achillesgestalt empfunden hat. Und das ist auch in einem tieferen Sinne wahr, denn, wenn wir nun die Griechen vor Troja anschauen, dann sehen wir, wie da vor allen Dingen zwei Gestalten sich hervorheben. Auf der einen Seite Achilles als der Bedeutendste dieser griechischen Helden und auf der anderen Seite Odysseus. Nun, das, was Achilles betrifft, macht den Inhalt der Homerischen Ilias aus. Und Sie wissen ja, daß dieser Inhalt schon im ersten Vers dieser Ilias bezeichnet wird: Der Zorn des Achilleus. "Singe, o Muse, vom Zorn des Peliden Achilleus". Der Zorn des Achilles ist ja der wesentliche Inhalt der Ilias. Und da wird darauf hingedeutet, daß dieser Achilles ein Mensch ist, der eigentlich noch gar nicht voll das griechische Wesen repräsentiert, denn der Zorn ist eben die charakteristische Äußerung der Empfindungsseele, derjenigen S76 Stufe, die vor dem Griechentum lebt. Und in Achilles lebt eigentlich noch ganz und gar die Empfindungsseele, noch nicht das, was dann für das Griechentum das Charakteristische ist, das Verstandesseelentum. Indem dieser Achilles nach Troja kommt und sich da in diesen Trojanischen Kampf verwickelt, wird er selbst vom Geist des Orients angesteckt, indem er auch den Zweikampf mit Hector besteht. Und als Jüngling fällt er in diesem Kampf. Er ist seiner ganzen Natur nach gar nicht geeignet, diesen Kampf zu überleben. Und wir sehen nun etwas Eigentümliches auch bei Alexander dem Großen, wo sich das historisch wiederum darlebt. Alexander der Große überwindet zwar diesen Orient, aber er fällt eigentlich auch im Kampf mit dem Orient und er orientalisiert sich ganz und gar im Laufe seines kurzen Lebens. Er stirbt ja dann so jung wie auch Achilles gestorben ist. Und was ist ein besonderes Charakteristikum des Alexander? Es ist auch sein Zorn, dieses ungeheure Leben in den Emotionen. Seinen nächsten Freund tötet er ja, indem er den Speer nach ihm wirft. Wir haben auch in dieser Hinsicht etwas wie ein Wiederaufleben dieses zornigen Achilles in Alexander dem Großen. Er stirbt jung. Er kann eben das auch seiner ganzen Wesensart nach nicht überleben und etwa nun ausbauen, was er da als Alexandrinisches Reich geschaffen hat. Und dem steht bei Homer nun Odysseus gegenüber. Er ist ja der, dem allein Homer ein eigenes Epos gewidmet hat, das Gegenstück zur Ilias. Die Ilias handelt ja mehr von Achilles, die Odyssee mehr von Odysseus. Odysseus ist der Listige, der Kluge, der Verschlagene. Er ist der, in dem die Verstandesseele zuallererst erwacht. Und Odysseus ist auch der, der allein wieder nach Hause kommt vom Trojanischen Krieg. Er ist nun eigentlich der, in dessen Schilderung dann die ganze Geschichte des Trojanischen Krieges ausmündet. Dieser Odysseus ist ja der Prototyp des Griechentums. Und, sehen Sie, so ist es dann eigentlich auch Odysseus, nicht Achilles, dem die Griechen den Sieg über Troja verdanken. Erst durch die Verstandesseelenkraft des Odysseus wird diese Empfindungsseelenkultur des Orients überwunden, und zwar wodurch? S77 Indem Odysseus den Griechen den Rat gibt, das hölzerne Pferd zu bauen, das dann nach Troja hereingezogen wird. Nun, das Pferd ist in aller Mythologie das Symbol des Verstandesseelentums. Indem die Menschheit, die früher mehr mit der Kuh verbunden war, sich dann mehr mit dem Pferd verbindet, entwickelt sich die Verstandeskraft. Die Griechen waren ja bekanntlich leidenschaftliche Rossezüchter. Denken Sie nur an den wunderbaren Parthenonfries mit den Rossen. Diese besondere Verbindung des Griechentums mit dem Pferd ist es, die die Verstandesseele im Griechentum anregt. Also durch die Kraft des Pferdes wird Troja wirklich überwunden. Und an der Stelle, wo im Mythos Odysseus steht, steht dann in der Geschichte Aristoteles. Er ist zwar der Lehrer Alexanders, aber Alexander sinkt eigentlich wieder mehr in das Empfindungsseelentum zurück. Erst von Aristoteles geht die Entwicklung wirklich weiter in die Zukunft hinein. Nun, das ist ein Beispiel, wie die Geschichte zu einer Schrift wird, in der man Übergänge lesen kann von der einen Epoche zur anderen Epoche.


   Solche symptomatischen Ereignisse gibt es ja in jedem Zeitalter. Nehmen Sie etwa den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, von der Verstandes- zur Bewußtseinsseele. Da sehen wir ja, wie im 15. Jahrhundert die Menschen - und darin drückt sich eben die Bewußtseinsseele aus, ich kann das jetzt nicht näher schldern - plötzlich auf die Weltmeere hinaus getrieben werden und die Erde erforschen wollen, wozu sie ja früher nicht in der Lage waren. Oder, wie man da plötzlich anfängt, zum ersten Mal Leichen zu sezieren, also das Tote zu erforschen, was man früher nicht gemacht hat. Im Mittelalter hatte man eine große Scheu, eine menschliche Leiche aufzuschneiden, das war einfach verboten. Wir wissen, wie Leonardo sich die Leichen heimlich beschafft hat, um sie sezieren zu können. Wir wissen, wie der Arzt Vesalius, der Begründer der Anatomie, zuerst solche Leichensektionen vorgenommen hat, wie also nun da der Sinn der Menschheit erwacht für das Tote, für das Anorganische, für das rein Materielle. Oder es ist auch wieder interessant, wie da am Beginne der Neuzeit die Physik begründet wird, auf der einen Seite durch S78 Galilei, auf der anderen Seite dann als kosmische Physik durch Newton. Und wodurch nimmt die moderne Physik ihren Anfang? Durch die Entdeckung des Fallgesetzes. Galilei ist der Erste, dem dieses Herunterfallen durch die Schwere zum wirklichen vollen Erlebnis wird. Die Menschheit hatte ja auch früher Steine fallen sehen, aber mit dem geistigen Auge hat sie das nicht gesehen. Sie hat nicht erlebt die Schwere, die da den Stein herunterzieht, Galilei erlebt zuerst den Fall und erforscht zuerst die Gesetze, nach denen der Stein zur Erde fällt. Etwas ähnliches erzählt man sich von Newton. Man sagt, ein Apfel, der von einem Baum gefallen sei, habe ihn zur Entdeckung des Gravitationsgesetzes geführt. Jedenfalls ist charakteristisch, daß diese beiden bedeutenden Naturforscher zuerst das Erlebnis der Schwere haben, in der das rein Physische zum Ausdruck kommt. Und es ist interessant, wenn man nun dagegen hält die allerersten Anfänge der Physik im Altertum, da gibt es ja nur Vorstufen der Physik, noch nicht Physik im eigentlichen Sinne. Aber das Einzige, was man da als Vorstufe der Physik im Altertum anführen kann, das ist, was Archimedes gefunden hat, also das Archimedische Prinzip. Aber was hat er nun entdeckt? Nicht die Schwere, sondern die Leichte, den Auftrieb, das, was den menschlichen Körper leicht macht im Wasser. Und das ist ganz typisch für die Verstandesseele, daß man noch nicht den Sinn für die Schwere hat, sondern im Gegenteil den Sinn für das Leichte, für das, was die Schwere überwindet. Das ist für den Archimedes das Entscheidende gewesen. Das hängt dann natürlich ebenso mit dem Lebensprinzip, mit dem ätherischen Prinzip zusammen wie die Schwere mit dem physischen Prinzip. Aber das sind nur solche Beispiele, wie einem einfach die geschichtlichen Ereignisse so zu Schriftzeichen werden, indem man immer mehr lernt, in der Geschichte zu lesen wie in einer Schrift.

   Nun, diese Metamorphose der Menschheitsentwicklung durch diese drei Epochen hindurch, die kann man von den allerverschiedensten Aspekten her schildern, und darin scheint mir eben eine hauptsächlichste S79 Aufgabe künftiger Betrachtung der Menschheitsentwicklung zu liegen, denn wir brauchen ja in Zukunft ein umfassenderes Bild als ein bloß geschichtliches, ein Bild, das die ganze Menschheitsentwicklung umgreift. Und ich will nun zum Abschluß meiner Ausführungen nur ganz kurz beispielsweise ein paar wenige Aspekt andeuten, von denen aus man diese Metamorphose charakterisieren kann. Also wir haben es da immer wieder mit diesen drei Hauptepochen zu tun, der Vorgeschichte, der Geschichte und dem, was ich als Nachgeschichte bezeichnete, also die leibliche, die seelische, die geistige Entwicklung. Wir können einmal diese ganze Entwicklung betrachten z.B. unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Gemeinschaftsbildung. Wie wandelt sich menschliche Gemeinschaft in diesen drei Epochen? In der Zeit der Vorgeschichte, wo die Menschheit noch im Zeichen der leiblichen Entwicklung steht, ist auch das menschliche Gemeinschaftsleben vom Leibe her bedingt. Die charakteristische Gemeinschaftsform aber, die im Leibe begründet ist, das die Gemeinschaft der Herkunft aus der Vererbung, der Hautfarbe. Die Menschheit gliedert sich da in solche Gemeinschaften. Die Merkmale gehören ja dem Leibe an, Hautfarbe, Haarfarbe, Physiognomie usw. Die Menschheit lebt in Butsgemeinschaften. Das Blut gehört ja auch dem Leibe an. Also der Leib stiftet die Gemeinschaftsform in der Vorgeschichte. Früher nannte man das die Rassen, heute ist das durch die jüngste Entwicklung verpönt bzw. wird mit gutem Recht als faschistisch diskriminierend betrachtet. Gehen wir dann zur Geschichte über, wo das Seelische entwickelt wird, dann sehen wir, wie die alten Formen zwar nicht völlig verschwinden, aber sie verlieren immer mehr und mehr ihre Bedeutung. Dagegen treten in der Geschichte nun die ganz neuen Gemeinschaften auf, die wir die Völker nennen. In der Vorgeschichte gibt es keine Völker. Es gibt nur die Blutsgemeinschaften, Stämme, Sippen. Die Völker treten erst in der Geschichte auf. Sie sind die typisch geschichtliche Gemeinschaftsform, denn die Völker sind nun im Seelischen begründete Gemeinschaften; denn im Gegensatz zu den Blutsgemeinschaften sind ja die Völker zunächst einmal Sprachgemeinschaften. Wie die alten Gemeinschaften durch dasselbe Blut zusammengehalten wird, so das Volk durch dieselbe Sprache. Die Sprache ist aber der umfassendste Ausdruck der menschlichen S80 Seele. Und insofern haben wir es also dann mit seelischen Gemeinschaften zu tun. Wir sprechen ja deshalb auch von Volksseelen, von Volkscharakteren. Man kann nicht von einer Blutspsychologie sprechen, sondern nur von einer Blutsphysiologie, weil die Vererbung im Physiologischen begründet ist. Dagegen ist es richtig, eine Völkerpsychologie zu entwickeln. Das ist ja auch geschehen, indem wir die verschiedenen Charaktere der Völker kennzeichnen. Also das ist das Typische für die Geschichte, daß wir es da mit Völkern zu tun haben, mit Sprachgemeinschaften, die verschiedene Charaktere zeigen.


   Und in der Nachgeschichte, in der Zeit, der wir entgegengehen, der geistigen Entwicklung, da wird auch das menschliche Gemeinschaftsleben im Geistigen begründet sein. Wir haben ja schon gesehen, da schweißt sich die ganze Menschheit zu einer einzigen Gemeinschaft zusammen. Es sind nicht mehr partikulare Gemeinschaften wie die Blutsverbände und die Völker, sondern wir haben es da mit der Menschheitsgemeinschaft zu tun. Die ist aber nun im Geistigen begründet, d.h. in der menschlichen Individualität selber. Was sich herausbilden wird in der Zukunft, das ist dieses, daß das, was die Menschen untereinander verbindet, das Geistige in ihnen ist, nämlich das Individuelle, das durch die aufeinanderfolgenden Inkarnationen hindurchgeht. Und das begründet eben nicht nur eine partielle, sondern eine gesamtmenschliche Gemeinschaft. Denn das, was ich mit jedem anderen Menschen gemeinsam habe, der auf der Erde überhaupt da ist, das ist ja nicht dasselbe Blut, es ist auch nicht dieselbe Sprache, er kann einem anderen Volk angehören, das ist nur, daß jeder Mensch auch durch wiederholte Erdenleben hindurchgeht, durch seine geistige Individualität. Und auf das, was die geistige Individualität ist, was durch Reinkarnationen hindurchgeht, auf das wird in der Zukunft die menschliche Gemeinschaft begründet sein, so wie sie in der Vergangenheit auf die Sprache begründet war oder noch früher auf das S81 Blut. Also es ist die allgemein-menschliche Gemeinschaft, die zugleich in der Individualität begründet ist, aber keine Sprachgrenzen kennt, keine Blutsgrenzen kennt, die alle Menschen der Möglichkeit nach umfaßt, auf die das menschliche Gemeinschaftsleben in der Zukunft sich begründen wird müssen. Da haben wir also die Metamorphose dessen, wodurch die Menschen im Leben, so wie sie nebeneinanderstehen, zu einer Gemeinschaft verbunden werden.


   Nun, schauen wir einmal auf das hin, was die Menschen miteinander verbindet, insofern sie in der Zeit aufeinander folgen, also im zeitlichen Nacheinander, so sehen wir auch da eine Metamorphose. In der Vorgeschichte, in der Zeit der Blutsgemeinschaften, da war ja das, was die aufeinanderfolgenden Generationen miteinander verbunden hat, die Vererbung. Die Vererbung hat bestimmt, welchen Platz der Mensch im Leben eingenommen hat. Je nachdem, von wem er abstammte, was für ein Blut er in sich trug, war sein Platz im Leben bestimmt. Die Vererbung prägte das gesamte menschliche Leben in den alten Zeiten. Und aus jener alten Zeit hat sich ja noch erhalten als ein letztes Überbleibsel das, was wir die Ständeverfassung, die Kastensysteme nennen in seinen verschiedenen Formen. Und zum Kastensystem, auch zum Ständesystem, wie es selbst in Europa sich noch lange in seinen Ausläufern erhalten hat, gehört ja, daß, wenn man in einer bestimmten Kaste geboren ist, man seinen bestimmten Platz hat im Leben. Man gehört entweder der Adelskaste an, der Priesterkaste oder der Händlerkaste usw. Man kann aus einer Kaste nicht austreten. Da ist also die Vererbung noch das Maßgebende. Das war ja auch in alten Zeiten das allein Maßgebende. Und wir haben ein allerletztes Überbleibsel bis in die Gegenwart erhalten von dieser uralten vorgeschichtlichen Zeit in den erblichen Monarchien. Was heute noch da, wo erbliche Monarchien bestehen, die Mitglieder derselben befähigt zu ihrer Regierungsgewalt, das ist ja gar nichts anderes als nur das S82 Blut, das sie in sich tragen, daß sie Kinder bestimmter Eltern sind. Fähigkeiten usw., auf das kommt es ja nicht an, sondern nur auf das Blut. Da haben wir also ein letztes Überbleibsel dieser ältesten Zeit der Menschheit, der Vorgeschichte. Darum sind sie ja auch im Großen und im Ganzen im Aussterben begriffen.


   Kommen wir nun in die zweite, in die geschichtliche Epoche der seelischen Entwicklung, da sehen wir, wie die Vererbung - natürlich wirkt sie noch weiter - allmählich immer mehr und mehr ihre Bedeutung verliert und an ihre Stelle tritt etwas anderes als das prägende Prinzip. Ich habe ja schon gesagt, die Gemeinschaften der Geschichte sind im Seelischen begründete Gemeinschaften, sind Völker, sind Sprachengemeinschaften. Aber was ist das Charakteristische der menschlichen Sprache? Daß sie sich nicht vererbt, daß sie sich nicht durch die Vererbung fortpflanzt wie das Blut, sondern die Sprache pflanzt sich durch die Zeiten fort auf dem Wege der Überlieferung, der Tradition, die von jeder neuen Generation auf dem Wege des Lernens, der Erziehung, der Bildung wieder angeeignet werden muß. Und, indem das Blut abgelöst wird durch die Sprache, wird zugleich abgelöst in der Menschheit das Vererbungsprinzip durch das Überlieferungsprinzip. Das Überlieferungsprinzip ist der Geschichte ureigentümlich, das charakterisiert die Geschichte genauso wie die Vererbung die Vorgeschichte charakterisiert. Die Sprache lebt also im Element der Überlieferung, sie wird von der Überlieferung getragen durch die Zeiten. Aber indem nun die Sprache immer größere und größere Bedeutung erlangt in der Geschichte, wird sie selbst ihrerseits wiederum der hauptsächlichste Träger der Überlieferung. Denn damit, daß die Sprache so große Bedeutung erlangt in der Geschichte, hängt es wieder zusammen, daß am Beginn der Geschichte die Schrift erfunden wird, daß nämlich die Sprache nun auch fixiert wird. Zwar entsteht sie zunächst überall als Bilderschrift, wandelt sich aber sehr rasch in Silbenschrift, später in Lautschrift um, also in die Schrift, in die Fixierung der Sprache. S83 Und in ihrer fixierten Form, als Schrift, ist ja die Sprache das wichtigste Mittel der Überlieferung der religiösen Überlieferung, der wissenschaftlichen, der politischen Überlieferung, alles das wird durch das Vehikel der Sprache durch die Zeiten hin überliefert. Zu dieser Überlieferung, die die Geschichte charakterisiert, gehört ja auch das, was wir nun im Speziellen als Geschichtsschreibung bezeichnen, als Geschichtsaufzeichnung, gehört alles das, was auch die geschichtlichen Quellen und Dokumente sind. Darum ist es berechtigt, wie ich gestern gesagt habe, zu behaupten, die Geschichte reicht soweit zurück, als Geschichtsschreibung zurückreicht. weil ein wesentliches Charakteristikum der Geschichte seinen Ausdruck findet in der Geschichtsschreibung, in der Geschichtsauffassung, in Dokumenten, Memoiren usw. Und daraus sehen Sie nun auch wieder von dieser Seite her, daß es völlig falsch ist, wenn man im 19. Jahrhundert die Dokumente und die Quellen parallelisiert hat mit den Beobachtungsinstrumenten der Naturwissenschaft. Die Dokumente sind keine Beobachtungsinstrumente, durch die hindurch wir die Geschichte wahrnehmen können, sondern die Dokumente gehören selbst zu den geschichtlichen Tatsachen. Sie sind ein wesentliches, charakteristisches Merkmal des geschichtlichen Lebens selber. Darum hat ja auch dieser Carr mit Recht gesagt, wenn ich ein Geschichtswerk lese, muß ich mich eigentlich viel mehr interessieren für den Historiker, der es geschrieben hat, als für das, was er geschrieben hat. Denn die Geschichtswerke selber sind zu einem großen Teil Geschichte. Wir lernen außerordentlich viel über die Geschichte, wenn wir den Unterschied der Geshichtsdarstellungen verfolgen, sagen wir, wie ein Grieche die Geschichte dargestellt hat, wie ein Römer die Geschichte dargestellt hat, wie ein mittelalterlicher oder ein neuzeitlicher Mensch Geschichte dargestellt hat. Das ist selbst Geschichte. Das ist nicht Instrument, durch das wir die Geschichte wahrnehmen, weil eben die Geschichte ganz und gar im Element der Überlieferung lebt. Es gehört zu ihrem Wesen. Und nun hat das auch noch eine andere Seite. Ich sagte, das Eigentümliche der Überlieferung ist ja das, das man die S84 nicht von selbst bekommt, sondern daß man sie sich immer aneignen muß durch das Element der Erziehung, Bildung, des Unterrichts, und das ist ein anderes Charakteristikum der Geschichte, daß da nun die Erziehung, alles das, was Bildungs- und Erziehungswesen ist, eine immer größere Bedeutung erlangt. In der Vorgeschichte hat das keine große Bedeutung. Was die Menschen können, das können sie aus den Vererbungskräften heraus. In der Geschichte müssen sie das, was sie können, in der Erziehung, in der Bildung sich aneignen. Und die wesentliche Aufgabe aller Erziehung wird ja auch in geschichtlichen Zeiten in der Übermittlung der Überlieferung gesehen. Was man in der Schule lernt, das ist die wissenschaftliche Überlieferung, das ist die politische Überlieferung, das ist die religiöse Überlieferung. Was man in Kunstschulen lernt, ist die künstlerische Überlieferung. Die Aufgabe aller Erziehung ist, die Überlieferung zu übermitteln. Und was nun einer in dieser Beziehung kann, das gibt ihm seine Stellung in der Welt. Nicht mehr seine Vererbung, wie es in den früheren Zeiten der Fall war, sondern im Wesentlichen ist das, was dem Menschen seine Stellung im Leben anweist, das, was er erlernt. Darum hat ja die Erziehung in der neueren Zeit die große Bedeutung erlangt. Man braucht für das oder jenes Menschen, man sucht sie sich nicht ihren Erbanlagen nach aus, sondern ihrem Bildungsgange nach. Also der Bildungsgang, den der Mensch durchläuft, das, was er an Überlieferung sich aneignet, das ist das, was ihm seine Stellung in der Welt gibt. Und wie wird das nun in der Zukunft werden? In der Zukunft wird die Vererbung ihre Bedeutung noch weiter verlieren, aber auch das, was man die Überlieferung nennt. Wir haben ja gesehen, wie heute schon die Überlieferung, die Tradition immer mehr abreißt, wie sie die Menschen nicht mehr anspricht. Was wird denn in der Zukunft das Verhältnis des Menschen zu früheren Generationen herstellen? Nun, das wird dieses sein, daß, je mehr das Individuelle, das Geistige im Menschen sich entfaltet, der Mensch vorrücken wird zu der Fähigkeit, sich seiner früheren Erdenleben zu erinnern. Und das, was man nennen könnte das S85 Reinkarnationsgedächtnis, die Rückschau auf frühere Erdenleben, die wird im Wesentlichen die Beziehung zur Vergangenheit wieder herstellen. Wir erleben das ja heute schon. Was der Mensch in der Schule als Geschichte lernt, das läßt ihn mehr oder weniger kalt. Das interessiert ihn nicht mehr, das ödet ihn an. In der Zukunft wird immer mehr - natürlich ist es eine Perspektive auf Jahrhunderte und auf Jahrtausende hin - dem Menschen das die Beziehung zur Vergangenheit vermitteln, was er in sich selber entdecken wird als das, was er als Individualität aus vergangenen Inkarnationen herüberbringt. Also Vererbung, Überlieferung, Reinkarnationsgedächtnis, das sind die Metamorphosen, die uns da entgegentreten. Und wir können das ja schon heute an einzelnen Menschen sehen, die sozusagen in dieser Beziehung Vorläufer der Zukunft sind, sie treten ja verhältnismäßig zahlreich auf, ich will nur beispielsweise einige herausgreifen. Ich habe in dem Aufsatz über Dante und Goethe, den ich kürzlich in den "Kommenden" veröffentlicht habe, darauf hingewiesen, wie es für Goethe charakteristisch war, daß er die Empfindung hatte, er sei nicht nur der Goethe, der da in Frankfurt geboren ist, sondern er trage noch einen anderen in sich, in den Tiefen seiner Seele. Und das ist es ja, was ihn dann nach Italien getrieben hat. Er hatte die dumpfe Empfindung, dieser andere, den er in seiner Seele trug, der kommt irgendwie aus der griechisch-römischen Antike. Er hatte die deutliche Empfindung schon davon. Er fühlte, daß da ein zweiter Mensch in ihm ist und er hatte das Bedürfnis, diesen Menschen in sein Bewußtsein heraufzuheben. Das ist ihm dann erst in Italien gelungen. Da hat er nun die Verbindung schlagen können zur griechischen Antike. Er sagte das selbst, in Italien habe er eine geistige Wiedergeburt durchgemacht. Jetzt hat er erst die Empfindung, jetzt hat er diesen zweiten Menschen in sich gepackt innerlich und kann ihn mit seinem gegenwärtigen Menschen verbinden. Und das hat er ja zur dichterischen Darstellung gebracht dann in seiner Faust-Dichtung, wo er Faust nach Griechenland ziehen läßt und mit der Helena, die da wieder auflebt in S86 in seinem Inneren, sich vermählen läßt. Da sehen wir in einem ersten grandiosen Beispiel eines modernen Menschen, wie er auf dem Wege eines sich ankündigenden Reinkarnationsgedächtnisses seine Verbindung mit der Vergangenheit findet. Etwas ähnliches tritt uns ja - wieder in einer anderen Art - bei Richard Wagner entgegen. Er schreibt in seiner Biographie, wie er da aus Paris, wo er ja einige Jahre verlebt und gehungert hat, nach Deutschland zurückkam, hat er auf der Reise schon unterwegs zum ersten Mal gelesen "Die deutsche Mythologie" von Jakob Grimm. Und er sagt, das sei wie ein Erwachen für ihn gewesen. Wie er das gelesen hat, hat er plötzlich die Empfindung gehabt, das ist ja meine Heimatwelt, da bin ich zuhause. Da ist ein zweiter Mensch, der bisher in ihm geschlummert hat, in ihm erwacht, und diese Mythologie von Grimm hat ihn ja nur dazu angeregt, war nur der äußere Anstoß. Und nachdem er nun zu dem Menschen erwacht ist, den er als einen zweiten in sich trug, erst da ist er ja der eigentliche Wagner geworden, der dann, angefangen mit dem Fliegenden Holländer, Tannhäuser, Lohengrin, sein eigentliches Lebenswerk geschaffen hat. Und darum, so wie in Goethe wirklich das Griechentum geistig wieder aufgelebt ist, freilich in verwandelter Form, so ist ja auch in Wagner diese ganze nordisch-germanisch-mittelalterliche Vergangenheit in künstlerischer Gestaltung verwandelt wieder aufgelebt. Ich habe in diesem Aufsatz auch darauf hingewiesen, daß in der Zukunft es immer mehr dahin kommen wird, daß der Mensch sich als ein gespaltenes Wesen empfindet. Man spricht ja heute schon von Spaltung der Persönlichkeit, von die Schizophrenie, die immer häufiger auftritt. Der Mensch wird sich erleben als zwei Wesen, das, was er äußerlich ist, und er wird die Empfindung haben, es ist noch ein Zweiter in ihm, er wird das Gefühl haben, ich bin so langen nicht Vollmensch, ich kann meine Lebensaufgabe nicht voll erfüllen, bis ich diese Spaltung überwunden habe, bis ich diese zwei Menschen in mir irgendwie zur Versöhnung gebracht habe. Rudolf Steiner hat auch ein Beispiel öfter geschildert, bei dem das so erstmalig bedeutsam aufgetreten ist in der neueren Zeit, das ist Ernst Haeckel S87 gewesen. Rudolf Steiner hat ihn öfter geschildert, wie es ja das eigentliche Geheimnis Haeckels ist, daß er auf der einen Seite dieser wunderbare Naturforscher gewesen ist, der mit einem liebevollen Blick die Naturerscheinungen beobachtet, beschrieben, ja auch als Maler dargestellt hat, darauf beruht ja seine Größe, und im Hintergrund steckte ein Zweiter, ein religiöser Fanatiker. Der war es, der ja dann Haeckel zum Papst der Monisten hat werden lassen, der mit einer ungeheuren Leidenschaft die katholische Kirche bekämpft hat. Das waren wie zwei Menschen in Haeckel, die eigentlich nicht recht zueinanderpassten. Und Haeckel war, weil er diesen zweiten Menschen nicht ins Bewußtsein heraufheben konnte, wie es Goethe auf seine Weise versucht hat, wie tyrannisiert von diesem zweiten Menschen, wie besessen zeitweise. Er konnte das nicht überbrücken. Und wenn Sie ins Leben hineinschauen, heute tritt ja das schon viel häufiger auf, werden Sie immer wieder Menschen finden, von denen Sie die Empfindung haben, es sind eigentlich zwei. Auf der einen Seite der gegenwärtige Mensch, wie er einem heute entgegentritt, und nun hat man das Gefühl, manchmal ist dieser Mensch besessen von einem zweiten, der in ihm ist, der ihn manchmal packt, dann ist er ein anderer Mensch. Sie werden das immer wieder heute finden an vielen Beispielen. Und diese merkwürdige Art von Besessenheit durch ein Altes, ein Uraltes, was die Menschen von früher herbringen, aber nicht bewältigen können, nicht in ihre Herrschaft bringen können, weil sie es eben nicht ins volle Bewußtsein heraufheben können, das wird das Problem der Menschen in der Zukunft werden. Das, was sie durch die Inkarnationen hindurchtragen, mehr oder weniger in ihr Bewußtsein heraufzuheben und in Harmonie zu setzen mit dem, was sie ihrer Geburt nach sind durch ihre Vererbungskräfte, das wird das Problem des künftigen Menschen sein. Aber in dem Maße, als er dieses Problem bewältigen kann, gewinnt er auch zugleich ein Verhältnis zu den früheren Epochen der Menschheitsgeschichte. S88


   Nun lassen Sie mich zum allerletzten Schluß noch einen anderen Aspekt hervorheben, weil wir gerade davon gestern so viel gesprochen haben, nämlich der Aspekt des Verhältnisses zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen, weil ja das der große Gegensatz ist in den beiden Hauptströmungen der heutigen Geschichtsphilosophie. Wie verhält sich das Einzelne zum Allgemeinen in der Menschheitsgeschichte? Da können wir so sagen: In der Vorgeschichte, da hat es den Menschen als Einzelnen noch gar nicht gegeben. Der Mensch hat sich noch gar nicht als Einzelner gefühlt, da war noch die Gattung, das Allgemeine das Wesentliche. Darum kennen wir aus der Vorgeschichte keinen einzigen Namen eines einzelnen Menschen. Wir kennen kein einziges konkretes Ereignis aus der Vorgeschichte. Wir kennen nur allgemeine Zustände, Lebensweisen, Wohnweisen, Ernährungsweisen usw. Wir kennen nichts Einzelnes, wir kennen nur Allgemeines. Und dieses Allgemeine, zu dem sich ein einzelner Mensch zugehörig gefühlt hat, das war seine Rassengemeinschaft, seine Blutsgemeinschaft, seine Stammesgemeinschaft. Und wir sprechen ja deshalb mit Recht von "Stamm" im Deutschen, nehmen ein Bild, das von der Pflanze hergenommen ist. So wie ein Blatt an einem Baumstamme, wenn es sich fühlen könnte, sich so fühlt, daß es sich sagt, ich lebe nur, solange ich am Baum hänge; wenn ich vom Baum weggerissen werde, dann verdorre ich, verwese, habe gar kein Leben. Das Blatt ist nur so lange lebendig, als der Saft des ganzen Baumes es durchströmt. So hat sich in alten Zeiten der einzelne Mensch am Stamme hängend seiner Blutsgemeinschaft gefühlt, gar nicht als Einzelwesen. Wenn er Einzelwesen hätte sein müssen, losgerissen von seinem Stamm, wäre er seelisch oder geistig zugrunde gegangen, er wäre verdorrt. Also das Wesentliche war das Allgemeine, das war die Blutsgemeinschaft, das war die Gattung, der er als Einzelner angehörte. Ich glaube, das ist irgendwie verständlich.

   Nun, in der Geschichte, da wird der Mensch ein Einzelner. Da wird er ein seelisches Wesen. Da fühlt er sich nur als ein Einzelwesen, als S89 ein bestimmtes Einzelwesen. Auch die Völker sind Einzelwesen. Und der einzelne Mensch ist ein Einzelwesen. Aber nun können wir fragen: Geht in der Geschichte das Allgemeine ganz verloren, ist nicht etwas da, was nun das Allgemeine repräsentiert? Dann können wir sagen: Doch, es ist auch da, eben in den Völkern. Der einzelne Mensch fühlt sich als Deutscher oder Franzose oder Grieche oder Römer. Das ist sozusagen das Gattungsmäßige. Nur ist ein Unterschied zwischen Völkern und Blutsgemeinschaften von einer anderen Seite her gesehen. Die alten Blutsgemeinschaften, die haben einfach durch das Blut den Zusammenhang gehabt, das Blut hat sie verbunden. Aber die Sprache, die die Völker zusammenhält, verbindet die einzelnen Mitglieder der Völker nicht so stark wie das Blut. Da stiftet die Natur den Zusammenhang. Indem ich in eine Familie hineingeboren werde - das ist ein Naturereignis -, gehöre ich diesem Zusammenhang an. Ich kann eigentlich gar nicht aus ihm austreten, denn ich habe das Blut meiner Eltern in mir. Die Natur stiftet den Zusammenhang der einzelnen Fakten. So eng ist der Zusammenhang innerhalb eines Volkes nicht, da muß er organisiert werden. Er muß gestiftet werden und er entsteht im Staate. Es ist das Typische der Völker, daß sie sich in Staaten organisieren, was ja die Rassengemeinschaften noch nicht getan haben. Der Beginn der Geschichte ist ja zugleich der Beginn des staatlichen Lebens. Jedes Volk hat einfach das Bedürfnis - das sehen wir schon im Altertum bei Griechen, bei Römern, sogar schon bei Ägyptern und Babyloniern - sich, außer dem, daß es durch die Sprache zusammengehalten wird, im Staat zu organisieren. Und der Staat repräsentiert da das Allgemeine und diesem Allgemeinen stellt sich nun der Einzelne gegenüber als Gegenpol. Da bildet sich nun die Polarität heraus zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen. Der Einzelne verfolgt seine Einzelinteressen erst jetzt in der Geschichte. Ihm steht der Staat als der Repräsentant der Allgemeinheit gegenüber. Und das ist ja die Empfindung, die wir bis heute gegenüber dem Staat bewahrt haben. Der Staat, der repräsentiert S90 die Allgemeinheit, die Allgemeininteressen. Und darum haben heute noch die Menschen die Empfindung, wenn irgend etwas, was eigentlich Sache des Allgemeininteresses ist, richtig verwaltet werden soll, dann muß man es verstaatlichen, weil der Staat die Allgemeininteressen vertritt. Der Staat ist der Repräsentant des Allgemeinen. Ihm steht der Einzelne gegenüber, der eigentlich nur seine egoistischen, persönlichen Privatinteressen verfolgt. Das ist das Typische der Geschichte, daß da die Polarität sich entwickelt zwischen Einzelnem und Allgemeinem und daß das Allgemeine nicht mehr durch die Gattung, durch das Blut, durch die Natur bestimmt wird, sondern etwas Organisiertes ist, eine Institution, eine Einrichtung.


   In der Zukunft wird sich das wiederum wesentlich ändern. Da wird der Mensch natürlich auch ein Einzelner bleiben. Aber wo werden wir in der Zukunft das Allgemeine finden? Ich habe ja gesagt, das Wesentlich in der menschlichen Individualität ist das, daß sie das Einzelne und das Allgemeine in sich vereinigt. In der Zukunft müssen wir das Allgemeine in der Individualität finden, die ist der Repräsentant des Allgemeinen in der Zukunft, nicht mehr das Blut, auch nicht mehr der Staat, sondern der einzelne Mensch ist der Repräsentant des Allgemeinen. Und diesen Übergang sehen wir heute ja schon deutlich, nämlich darin, daß die Staaten, überhaupt alle organisierten Gesellschaften, immer mehr die Fähigkeit verlieren, die Allgemeininteressen wirklich zu wahren. Man glaubt zwar, der Staat repräsentiere die Allgemeininteressen. In Wirklichkeit repräsentiert er die Interessen derer, die gerade an der Regierung sind, oder die die Macht im Staate haben. Er verliert die Möglichkeit, der Repräsentant der Allgemeininteressen zu sein, und deshalb wird in der Zukunft das Verstaatlichen aufhören müssen, weil es sich als zwecklos erweist, irgendeine Sache zu verstaatlichen, um sie dem Allgemeinwohl wirklich dienstbar zu machen. Die Staaten werden immer mehr und mehr auch Egoisten sein, egoistische Interessen S91 verfolgen derjenigen, die gerade an der Macht sind. Und das Allgemeininteresse wird in der Zukunft nur mehr aufgehoben sein beim einzelnen Menschen. Das werden die wirklichen Repräsentanten des Allgemeininteresses sein. Nehmen Sie, um irgend welche Beispiele zu nennen, in unserer Zeit solche Persönlichkeiten wie etwa Albert Schweitzer oder Hammarskiöld, wenn Sie wollen auch Kennedy. Das sind Individualitäten, weil sie das Überpersönliche in sich gefunden haben, bei denen die Allgemeininteressen am besten aufgehoben sind, einzelne Menschen, die das höhere Ich in sich gefunden haben, die wirkliche Individualität. Und so wird in der Zukunft der Gegensatz zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen, wie er sich in der Geschichte herausgebildet hat, verschwinden. Freilich, das ist Zukunftsmusik, wir sind noch weit davon entfernt. Aber es ist doch das, was die Zukunft charakterisieren wird, daß das Allgemeine gerade im Einzelnen aufgefunden wird, in der menschlichen Individualität, allerdings nur in den Menschen, die das wahrhaft Individuelle in sich entdecken, das ein Menschheitliches ist. Und so können wir auch sagen: Da ja das Allgemeine immer durch Gemeinschaften repräsentiert wurde, früher durch Blutsgemeinschaften, das sind Naturgemeinschaften, dann durch Staatsgemeinschaften, das sind organisierte Gemeinschaften, wird in der Zukunft gerade die menschliche Individualität der Quell der Gemeinschaftsbildung sein. Sie wird nicht der Gegensatz der Gemeinschaft sein, sondern der Ausgangspunkt der Gemeinschaft. Gemeinschaften werden sich bilden um Menschen herum, die gemeinschaftsbildende Kraft ausstrahlen. Und Gemeinschaft wird in der Zukunft ja auch nur zwischen Menschen entstehen können, nicht durch das Blut, auch nicht mehr durch staatliche Organisierung, das wird nicht wirklich gemeinschaftsstiftend sein, sondern nur die Kraft, durch die ein Mensch in sich das Geistige zur Entwicklung bringen kann, von seiner bloßen Persönlichkeit zu seiner Individualität aufsteigt. In dem Maß, als er das kann, wird er S92 gemeinschaftsbildende Kraft entwickeln. So kann man auch sagen: die Gemeinschaft ist in Zukunft der Menschheit als Aufgabe gestellt. Die Naturgemeinschaft des Blutes, die wird von der Natur gestiftet, da braucht der Mensch gar nichts zu tun. Die Staatsgemeinschaft, die wird zwar einmal begründet, lebt dann in der Tradition weiter, die übernimmt man. Die künftige Gemeinschaft, die ist dem Menschen immer von neuem als Aufgabe gestellt, die er als Individualität angreifen muß, und das ist ja auch der Grund, warum die Grundfrage unserer Zeit die soziale Frage geworden ist. Das, was wir als soziale Frage bezeichnen, das hat allerdings eine viel tiefere Bedeutung, als die Menschen gewöhnlich meinen. Der Grund liegt darin, daß menschliche Gemeinschaft zum ersten Mal heute an diesem Wendepunkt der Geschichte zur Aufgabe des einzelnen Menschen geworden ist. Sie entsteht nicht mehr von selbst. Sie muß immer von neuem wiederum hergestellt werden, aus der inneren Entwicklung des Menschen heraus. Aber wir können auf der anderen Seite sagen: Das wird aber auch zum allerersten Mal wirklich menschliche Gemeinschaft sein. Denn sehen Sie, die Blutsgemeinschaft war ja ein Kollektiv, war ja eine Art Herde. Der Staat, das ist zum Teil eine Gemeinschaft, zum Teil ist er eine Einrichtung. Wirkliche menschliche Gemeinschaft wird überhaupt erst eine Zukunftsaufgabe sein. Denn menschliche Gemeinschaft ist nur dann vorhanden, wenn sie eine Gemeinschaft von einzelnen Individualitäten ist. Mit alledem hängt es zusammen, daß eben das soziale Problem eine zentrale Rolle in der Gegenwart spielt und auch in der Zukunft immer spielen wird.


   Nun, aus all dem sehen Sie aber etwas Bestimmtes. Sie sehen, daß man eine Polarität feststellen kann. Zwar der Gegensatz von Einzelnen und Gemeinschaft wird in der Zukunft sich aufheben, wie ich gesagt habe, aber eine andere Polarität sehen Sie. Nämlich hier in der Vorgeschichte ist das Allgemeine durch die menschliche Gattung gebildet worden S93, die Rassengemeinschaft, die Stammesgemeinschaft, die bildete das Allgemeine. Hier (heute) müssen wird das Allgemeine in der Individualität suchen. Wir sehen also eine Polarität zwischen Vorgeschichte und Nachgeschichte. Es ist die Polarität von Individualität und Gattung. Sie verhält sich wie die Polarität von Nachgeschichte und Vorgeschichte. Und in der Mitte der Staat, das ist wie ein Mittleres, Ausgleichendes. Das, was im Staat als Rechtsgefühl sich entwickelt, das hat ja die Aufgabe, die Ansprüche der Individualität und der Gattung gegeneinander auszugleichen. Aber wir können sagen: Die Vorgeschichte steht im Zeichen der Gattung, die ist eigentlich das Reale, die verschiedenen Formen der menschlichen Gattung. Die Zukunft wird im Zeichen der menschlichen Individualität stehen. Wir können das auch so ausdrücken: Die Gattung, die nimmt im Laufe der Menschheitsentwicklung immer mehr ab, die Individualität nimmt immer mehr zu. Die Individualität ist das Fortschrittselement in der Menschheitsentwicklung, die Gattung ist das Rückschrittselement. Und jetzt kommen wir auf das Problem von Fortschritt und Rückschritt in der Menschheitsgeschichte, das gestern (in der Aussprache) angeschlagen wurde. Es ist nämlich in Wirklichkeit so, daß man nicht sagen kann, die Menschheitsgeschichte ist ein Fortschrittsprozeß, es ist zwar richtig, aber sie ist gleichzeitig auch ein Rückschrittsprozeß. Wenn wir ein symbolisches Bild wählen wollen, können wir die Menschheitsentwicklung nicht so darstellen (Zeichnung), sondern wir müssen sie so darstellen. Sie ist weder nur ein Abfall, noch nur ein Aufstieg, sondern sie ist gleichzeitig beides, das sich aber überkreuzt. Das fortschreitende Element ist die menschliche Individualität. Die Menschheit wird sozusagen immer individueller. Und das Gattungselement, das Naturelement ist das Rückschrittselement in der Menschheit. Und worin kommt das zum Ausdruck? Wodurch wird denn die menschliche Individualität immer reifer und reifer im Laufe der Menschheitsentwicklung? Dadurch, daß S94 sie durch wiederholte Erdenleben hindurchgeht, dadurch wird sie immer reifer, dadurch wird sie immer älter. Und wenn wir die Menschheitsgeschichte als Fortschrittsprozeß anschauen wollen, dann müssen wir sagen, das Grundgesetz der Menschheit ist das Gesetz der Reinkarnation. Durch die Reinkarnation ist es in Wirklichkeit, daß der Fortschritt in der Menschheit zustandekommt. Ich kann das jetzt nur andeuten, das könnte viel weiter ausgeführt werden. Fortschritt in der Menschheit läßt sich nur verstehen als Fortschritt in der Individualisierung auf dem Wege über die Reinkarnation. Worin kommt der Rückschritt der Menschheit, des Gattungselementes zum Ausdruck? In dem, was Rudolf Steiner bezeichnet hat als das Jüngerwerden der Menschheit. Er sagte nämlich, als Gattung angesehen wird die Menschheit immer jünger, während sie als Individualität angesehen immer älter, d.h. immer reifer wird. Was versteht Rudolf Steiner unter dem Jüngerwerden der menschlichen Gattung? Dieses, daß in älteren Zeiten der einzelne Mensch in seinem Leben einfach durch Naturkräfte eine gewisse Entwicklung in seinem Leben durchgemacht hat bis in sein Alter hinein. Er konnte sich immer wieder wandeln, aber aus Naturkräften heraus. Darum sind in alten Zeiten die alten Leute weise geworden. Das ist ja ein altes Wort, daß man sagt: Die Charakteristik der Jugend ist die Torheit, die Jugend darf töricht sein, das gehört zu ihrem Wesen. Das Alter ist weise, weil die Menschen in alten Zeiten von Natur aus weise geworden sind. Darum hat man auch das Alter so ungeheuer verehrt. Im Orient ist das ja heute noch der Fall, daß man dem Alter eine große Ehrfurcht entgegenbringt. Also von Natur aus sind die Menschen im Leben immer mehr und mehr gereift. Das ist immer mehr und mehr zurückgegangen, man kann das im Einzelnen schildern von Jahrsiebent zu Jahrsiebent. Heute ist, Rudolf Steiner hat das so ausgedrückt, die Menschheit 27-jährig geworden. Nur noch ungefähr bis zum 27. Jahr ist es so, daß der S95 Mensch von Natur aus weiter reift durch Naturkräfte. Nach dem 27. Jahr hört das auf. Wenn er 27 geworden ist und er tut nun nicht selber aus seinem individuellen Bemühen heraus etwas für seine Weiterentwicklung, dann kommt er nicht mehr weiter und wird auch nicht weiser und reifer. Und das ist tatsächlich auch ein Grundmerkmal unserer heutigen Zivilisation, das von Kulturbetrachtern ja schon vielfach gesehen und geschildert wird. Es gibt ein bekanntes Buch von dem Arzt Bodamer "Der Mensch ohne Ich", wo er das sehr ausführlich beschreibt, daß ein Grundkennzeichen der Gegenwart darin besteht, daß die Jugend weit überschätzt und das Alter immer mehr unterschätzt wird. Man kann nichts mehr anfangen mit den alten Leuten, als sie in Altersheimen unterzubringen und hinvegetieren zu lassen. Man überschätzt die Jugend, weil in der Jugend der Mensch noch weiter reift. Wenn er mal 27 geworden ist, dann geht es schon abwärts. Und die Menschen haben das Gefühl, weil sie nichts tun für ihre innere Entwicklung, daß sie von den 30er Jahren an schon steril werden. Daher die völlige Abwertung des Alters. Nun, dieser Prozeß wird sogar immer noch weiter fortschreiten in die Zukunft hinein, bis in die Kindheit. In der Zukunft werden die Menschen von Natur aus nur noch die Reife von Kindern haben. Wenn sie wirklich weiterkommen wollen, müssen sie selbst etwas dazu tun. Das ist also das Jüngerwerden der menschlichen Gattung. Wenn wir nun schon von Gesetzen der Menschheitsentwicklung sprechen wollen, können wir die ganze Menschheitsentwicklung auf zwei Grundgesetze zurückführen: Das Gesetz des Fortschritts und das Gesetz des Rückschritts, die sich aber überkreuzen. Das Gesetz des Fortschritts kommt zum Ausdruck in der Tatsache der Reinkarnation, das Gesetz des Rückschrittes in der Tatsache des Jüngerwerdens der Menschheit. S96


   Damit, liebe Freunde, habe ich einiges angetönt im Sinne von Beispielen, was für Aufgaben sich im Konkreten ergeben für eine künftige Betrachtung der Menschheitsgeschichte. Zu diesen Aspekten können natürlich viele andere hinzugefügt werden, aber ich glaube, darin liegen wohl die Aufgaben, die sich uns ergeben auf diesem Gebiet, daß wir immer wieder von neuen Aspekten in solcher Art die Metamorphose des Menschen und der Menschheit durch die Geschichte hin schildern. Dann wird dieses Bild immer lebendiger, immer plastischer und immer farbiger werden. Das ist das, was in Zukunft an die Stelle der bisherigen Darstellungen der Weltgeschichte wird treten müssen.