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5. Absolutismus und Merkantilismus


S37                                          Mit dem 15 Jahrhundert überschreiten wir die Schwelle zur Neuzeit, zur Epoche der "Bewußtseinsseelenentwicklung". Wie während des Mittelalters die seelische Entwicklungsstufe und damit auch die Gesellschaftsform der altorientalischen Kulturen in einer neuen Variante rekapituliert worden war, so folgt jetzt zunächst eine noch kürzere Wiederholung der Entwicklungsstufe der griechisch-römischen Antike: des "Verstandesseelenwesens". Es ist die vom 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts sich erstreckende Periode der verschiedenen Renaissance-Bewegungen: der italienischen (15. und 16. Jahrhundert), der französischen (im dortigen Klassizismus des 17. und 18. Jahrhunderts) und der deutschen im Ausgang des 18. Jahrhunderts: im Zeitalter Goethes. Auch diese "Wiedergeburt" vollzieht sich, wie wir sogleich sehen werden, im Zeichen einer bestimmten Abwandlung.

   Fürs erste ist zu sagen, daß ebenso, wie durch die ganze Mittelmeerantike hindurch das im alten Orient entstandene Kastensystem sich forterhalten hatte, so auch während der jetzt zu besprechenden Zeit die Ständeordnung des Mittelalters noch weiter fortbestand mit alle dem, was als Herrschaftsregiment, als blutsmäßige Abgeschlossenheit der verschiedenen Stände gegeneinander zu ihr gehörte. Noch am Beginn der Französischen Revolution tagten die vom König einberufenen Etats généraux in drei getrennten Versammlungen. Und wie die in der Frühzeit der griechisch-römischen Antike entstandenen Staaten zunächst reine Adelsstaaten gewesen waren, so sind es auch jetzt wieder die Staaten, die im Aufgang der Neuzeit sich herausbilden. Ihre Regierung liegt ausschließlich in den Händen des Adels beziehungsweise der dieser Kaste angehörigen Könige - ja man kann behaupten, daß diese niemals vorher S38 und nachher in der europäischen Geschichte eine solche Machtstellung eingenommen hat wie in diesem Jahrhundert. Ihre Gipfelerscheinung stellt der "Sonnenkönig" Ludwig XIV. von Frankreich dar, der von sich sagte: "L'Etat, c'est moi." Zu den - um einen modischen Ausdruck zu gebrauchen - "Chefideologen" dieser Fürstenherrschaft gehörte wohl an erster Stelle in Italien Nicolo Machiavelli mit seiner Schrift "Il Principe", in Frankreich Jean Bodin, in England Thomas Hobbes. Sie hat diesen Jahrhunderten die Bezeichnung des Zeitalters des Absolutismus gegeben. Als die in diesen Staaten herrschenden Stände waren Adel und auch Geistlichkeit von direkten Steuern befreit. Diese waren ausschließlich vom Nährstand: Bürgern und Bauern, zu entrichten.

   Zum zweiten ist zu erwähnen, daß, was in den Staaten der Antike sich erst im Lauf ihrer Entwicklung allmählich herausbildete: die Oberherrschaft des Staates über das Priestertum, das heißt der Politik über die Religion, wenigstens bei einem Teil der neueuropäischen Staaten schon sehr früh in Erscheinung trat. Der Hauptgrund hiefür lag in der Kirchenspaltung, die durch die Reformationsbewegung erfolgte. Mit ihr war die Machtstellung für immer dahin, welche die Kirche im Mittelalter eingenommen hatte. Die neuentstandenen protestantisch-reformierten Bekenntnisgemeinschaften organisierten sich als National-, Landes- oder Staatskirchen, zu deren Oberhäuptern die betreffenden weltlichen Fürsten beziehungsweise Regierungen wurden. Und schon im Augsburger Religionsfrieden von 1555 wurde das Prinzip formuliert, das dann der westfälische Frieden von 1648 erneut statuierte: Cuius regio, illius religio - Wer in einem Staate die politische Herrschaft ausübt, hat auch die Konfession der Landeskirche zu bestimmen. Und in welchem Grade sehr bald konfessionelle Streitigkeiten in den Dienst staatlicher Machtpolitik gestellt wurden, zeigte in grellstem Lichte der Dreißigjährige Krieg. Nur in den katholischen Ländern der deutschen und der spanischen Linie der Habsburger, später dann auch weitgehend in Frankreich, behielt die Kirche ihre ehemalige Übermacht über die politische Führung. Von diesen Ländern aus war es darum auch, daß sie in den Kriegen der Gegenreformation zum Vernichtungsschlag gegen die S39 neuentstandenen Bekenntnisse ausholte, der dann allerdings mit einem Patt zwischen den Gegnern endete.

   Noch bedeutsamer aber ist ein weiterer Unterschied, der sich zwischen den neuen europäischen Staaten und den einstigen der Antike herausbildete. Die letzteren waren durchwegs Stadtstaaten gewesen. Die griechische Nation war, solange sie politisch selbständig blieb, niemals in einem Staate zusammengefaßt. Ebenso war Rom ursprünglich und durch lange Zeit hindurch ein Stadtstaat. Die Bevölkerung Italiens, die der Reihe nach in politische Abhängigkeit von ihm gerieten, hatten den Status von bloßen Bundesgenossen und erhielten erst gegen das Ende der Republik das Bürgerrecht. Und auf die Bewohner der außeritalienischen Länder wurde es sogar erst während der Kaiserzeit ausgedehnt, als das Reich zum Weltimperium geworden war.

   Die Staaten dagegen, die sich in der neueren Zeit in Europa formierten, waren trotz der absolutistischen Herrschaft, welche in ihnen die Fürsten ausübten, insbesondere im Westen von Anfang an zugleich Nationalstaaten. Es hatte dies seinen Grund in den so verschiedenen Nationalcharakteren, die sich aus der Mischung der eingewanderten und der von älterer Zeit her ansässigen Bevölkerungen in den verschiedenen Teilen unseres Kontinents herausgebildet hatten, aber auch in der weitgehenden rein geographischen Abgeschlossenheit der Länder, Halbinseln und Inseln gegeneinander, in welche Gesamteuropa sich gliedert. Mit diesen Nationalcharakteren hatten zugleich die verschiedenen Nationalsprachen im Beginne der Neuzeit eine relative Ausreifung erlangt. Und so waren die nationalen Gemeinschaften, die jetzt in Erscheinung traten, wesentlich Sprachgemeinschaften. Durch die staatliche Organisation, in welcher sie sich zusammenfaßten, wurden ihre Sprachen zu Staats- und Amtssprachen. Und da im Elemente der Sprache ein großer Teil der nationalen Geisteskultur: Dichtung, Literatur, Wissenschaft, Philosophie sich verkörpert, so wurde auch diese weitgehend zur Angelegenheit der Nationalstaaten. In Frankreich gründete der Staatsmann Richelieu die "Académie francaise" und stellte ihr zur vornehmlichsten Aufgabe, der französischen Sprache die letzte formale Durchbildung zu verleihen. Denn gerade in der S40 Zeit, von der hier die Rede ist, war es, daß auch in der Wissenschaft das Lateinische, das im Mittelalter die universelle Sprache der Gelehrten gewesen war, allmählich durch die Landes- das heißt Nationalsprachen ersetzt wurde. Mit all dem wurde der Grund dazu gelegt, daß nicht nur das religiöse, sondern auch das weltliche Geistesleben im Lauf der folgenden Jahrhunderte in immer weiterem Umfange in die staatliche Verwaltung überging.

   Wenden wir uns dem entgegengesetzten Pol der Gesellschaft: dem Wirtschaftsleben, zu, so gewahren wir auch hier eine für diese Zeit sehr bezeichnende Entwicklung. Schon im späteren Mittelalter hatte sich zu der beherrschenden Stellung, die innerhalb dieser Sphäre das Handwerk einnahm, als eine Macht nicht geringere diejenige der Händler, der Kaufleute hinzugesellt. Man denke etwa an die Bedeutung, welche damals der Bund der Hansestädte Nordeuropas erlangte. Mit dem Anbruch der Neuzeit jedoch ging die führende Position im Bereich der Wirtschaft völlig an den Kaufmannsstand über. Denn durch die Entdeckungsfahrten und die an sie sich anschließenden Gründungen von Kolonien in den neuentdeckten Erdteilen entstand erstmals in der Geschichte der Menschheit ein die ganze Erde umfassender Welthandel. In den Küstenländern Westeuropas bildeten sich allüberall Handeskompanien, deren Mitglieder die Ozeane befuhren und den Austausch von wirtschaftlichen Erzeugnissen zwischen den verschiedenen Ländern der Erde besorgten. So wurde diese Zeit zu der des Merkantilismus.

   Der beginnende Welthandel gab natürlich auch der wirtschaftlichen Produktion einen mächtigen Auftrieb. Sie trug technisch zunächst auch weiterhin den Charakter des Handwerks. Aber die gesellschaftliche Stellung des letzteren erfuhr nun eine Wandlung. Im Mittelalter hatte der Handwerker seine Erzeugnisse selbst auf dem Markte seiner Stadt feilgeboten, also unmittelbar für den Konsumenten gearbeitet. Für die Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs hatte der Handel nur eine geringe Rolle gespielt. Jetzt verwandelten sich die Handwerker großenteils in Heimarbeiter, das Handwerk in die "Manufaktur". Das heißt: der Handwerker verkaufte seine Erzeugnisse in zunehmendem Maße nicht mehr direkt an den Verbraucher, sondern an den Händler. Und dieser konnte sie jetzt nicht S41 mehr nur in der näheren und ferneren Umgebung absetzen, sondern im ganzen je betreffenden Lande, ja über die Staatsgrenzen hinaus im Ausland bis nach Übersee.

   Denn der Staat bemächtigte sich jetzt weitgehend auch der Wirtschaft. Er ließ ihr zwar mächtige Förderung zuteil werden, unterwarf sie aber zugleich einer strengen Reglementierung. Beispielgebend wurde hierfür vor allem Frankreich unter dem Finanzminister Ludwigs XIV., Colbert, nach welchem das neue System auch als Colbertismus bezeichnet wurde. Zur Förderung von Handel und Gewerbe wurden neue Straßennetze angelegt, Kanäle gezogen, Brücken gebaut, die vom Mittelalter her bestehenden Binnenzölle abgeschafft, damit der Handel frei und intensiv über das ganze Staatsgebiet sich entfalten konnte. So erweiterte sich die Wirtschaft, die ehemals in engebegrenzte, autarke Regionen gegliedert war, erstmals zu einheitlichen Volks- oder Nationalwirtschaften. Um diese auch als solche immer ertragreicher zu machen, wurden für die Ausfuhr von Landeserzeugnissen Prämien erteilt, dagegen für die Einfuhr ausländischer Erzeugnisse hohe Zölle erhoben oder Verbote erlassen. All dies diente dem Zweck, möglichst viel Geld ins Land zu bekommen, das je eigene Volk immer reicher werden zu lassen - was freilich nur auf Kosten anderer Völker geschehen konnte. Und so setzte zwischen den verschiedenen Staaten nun ein gegenseitiges wirtschaftliches Rivalisieren ein. Was für ein Antrieb lag all dem zugrunde?

   Es wurde schon erwähnt, daß die gesamten Steuern für den Staat nur der dritte, der Nährstand: Handel, Gewerbe und Landwirtschaft, aufzubringen hatte. Und der Staat benötigte für damalige Verhältnisse außerordentlich viel Geld. Erstens für die prunkvoll verschwenderische Hofhaltung, welche die damaligen Herrscher, allen voran die französischen Könige, führten. Zweitens für die Söldnerheere, die seit der Erfindung der Feuerwaffen die früheren Ritterheere abgelöst hatten. Mit ihnen entstanden erstmals "Soldaten", das heißt Kriegsleute, die den Waffendienst als Gewerbe gegen Besoldung ausübten. Bei Ausbruch von Kriegen wurden sie angeworben, nach Beendigung wieder entlassen. Ludwig XIV. aber führte nicht nur zahlreiche Kriege, darunter die drei "Raubkriege" S42 gegen Spanien, Holland und die deutsche Pfalz. Er war es auch, der erstmals stehende Heere unterhielt, die auch in Friedenszeiten unter den Waffen standen, kaserniert und erstmals hinsichtlich Bekleidung und Bewaffnung uniformiert waren. All das verschlang Riesensummen von Geld, die nur durch die geschilderte Förderung des Wirtschaftslebens aufgebracht werden konnten.

   Nach diesem Muster wurde auch in anderen Staaten, besonders auch in Preußen schon seit dem Großen Kurfürsten, sodann durch die ersten Könige, vor allem durch Friedrich den Großen, regiert - selbst in Rußland unter Peter dem Großen.

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