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7. Die Industriegesellschaft


S51   Der ungeheure Antrieb, den der Industrialismus dem Wirtschaftsleben zunächst in England, bald aber auch auf dem europäischen Kontinent verliehen hatte, ermöglichte ihm nicht nur seine weitgehende Verselbständigung gegenüber dem Staat. Er hatte darüber hinaus zur Folge, daß es seinerseits immer mehr die Übermacht über den Staat erlangte und damit einen ständig zunehmenden Einfluß auf diesen ausübte. Da es zufolge der Massenproduktion und des freien Wettbewerbs, von dem es impulsiert wurde, zu fortwährender Expansion drängte, war es wesentlich mitbeteiligt an den Bestrebungen nationalstaatlicher Einigung, wie sie in Mitteleuropa im 19. Jahrhundert zum Zuge kamen. Daß diese nicht nur in der Idee des Nationalstaates ihre Wurzel hatten, sondern ebensosehr in den Entwicklungsbedürfnissen des aufkommenden Industrialismus, zeigte sich am deutlichsten in Deutschland, dessen nationalstaatliche Einigung im Bismarckreich ihren Vorgänger und Wegbereiter im deutschen Zollverein hatte. Aber nicht nur in solchen staatlichen Zusammenschlüssen kam der wachsende Einfluß der Wirtschaft auf die Politik zum Ausdruck, sondern noch mehr in der neuen Welle des Kolonialismus, die sich im 19. Jahrhundert von Europa über die Welt ausbreitete. Denn trotz des zunehmenden Freihandels war es für die modernen Industriestaaten immer noch einträglicher, über Rohstoffgebiete und Absatzmärkte verfügen zu können, die ihrer eigenen politischen Hoheit unterstanden. Und so sehen wir, wie die europäischen Großmächte im 19. Jahrhundert fast ohne Ausnahme sich zu wirtschaftlichen Kolonialimperien ausdehnen. England erweitert das seinige zum allbeherrschenden Wirtschaftsimperium. Frankreich eignet sich in Nordafrika und Indochina neue Kolonialgebiete an, die Niederlande in Indonesien, S52 Belgien im zentralafrikanischen Kongogebiet, zuletzt ergattert sich das neugegründete Deutsche Reich noch in West- und Ostafrika einige Reststücke des schwarzen Kontinents. Rußland erweitert seinen Machtbereich über ganz Sibirien bis an die Ostküste Asiens. Mit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bricht das Zeitalter des Imperialismus an, und mit ihm entbrennt der Kampf um die Herrschaftsposition innerhalb der sich bildenden Weltwirtschaft. Da die neuen Kolonialgebiete nicht bloß durch Kauf oder Vertrag erworben werden können, sondern in vielen Fällen durch Krieg erobert werden müssen, so wird dieses Zeitalter zugleich zu dem der Kolonialkriege, wie sie vor allem England in Süd- und Ostasien, Frankreich in Nordafrika führen. Mit ihnen werden die Kriege überhaupt immer mehr zu Wirtschaftskriegen, wofür als Musterbeispiel der englisch-chinesische Opiumkrieg gelten kann.

   Im Beginn des 20. Jahrhunderts heben sich als die beiden Hauptkonkurrenten um die wirtschaftliche Weltmacht das Britische und das Deutsche Reich heraus; genauer gesagt: wächst sich das letztere, dessen Schwergewicht bisher in der industriellen Produktion lag, durch seine merkantilen Ambitionen zum hauptsächlichsten Rivalen der englischen Weltmachtstellung aus, die noch immer im Welthandel ihren Schwerpunkt hatte. Neben allen anderen Ursachen, die dem Ersten Weltkrieg zugrunde lagen, steht an erster Stelle doch die Auseinandersetzung zwischen England und Deutschland um die weltwirtschaftliche Führungsrolle. Dies trat vor allem in dem Versailler Friedensdiktat zutage, das dann dem besiegten Deutschland aufgezwungen wurde: Abgesehen von mehrfacher Amputation seines Staatsgebietes verlor es seine sämtlichen Kolonien und mußte eine Reparationsverpflichtung übernehmen, die es auf Generationen hinaus in den Zustand einer wirtschaftlichen Sklaverei versetzen sollte. Das britische Imperium aber erlangte nach dem Ersten Weltkrieg seine größte geographische Ausdehnung.

   Der Zweite Weltkrieg, wenn auch erst zwanzig Jahre nach Beendigung der ersten ausgebrochen, war doch nur die Fortsetzung desselben, in welcher das besiegte Deutschland den aussichtslosen Versuch unternahm, die Entscheidung umzustoßen, die im ersten S53 gefallen war. Nachdem es darin zum zweitenmal besiegt worden und nun, total niedergeworfen, bedingungslos kapitulieren mußte, wurde es in zwei Teile gespalten, welche die neuen Weltmachtblöcke des Westens und des Ostens, die sich inzwischen herausgebildet hatten, sich einverleibten. Allerdings hatte der Krieg auch die westeuropäischen Mächte Frankreich und England so entkräftet, die USA als mit ihnen verbündeten Teilnehmer an beiden Kriegen dagegen militärisch so erstarken lassen, daß sowohl die politische Führung der westlichen Welt als auch die weltwirtschaftliche Herrschaftsposition an diese überging. Hinzu kam, daß mit dem allgemeinen Entkolonialisierungsprozeß, der nach der Selbstentmachtung Europas im Zweiten Weltkrieg einsetzte, das britische Imperium liquidiert wurde und auch Frankreich seinen Kolonialbesitz verlor. Von einer eingehenderen Charakteristik des kommunistischen Gesellschaftssystems und weltpolitischen Machtblocks, die sich seit der russischen Revolution von 1917 und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg im Osten herausbildeten, kann an dieser Stelle aus Gründen abgesehen werden, die sich aus den folgenden Hinweisen ergeben:

   Die gewaltigen Fortschritte auf technischem Gebiete (Entfesselung der Atomenergie, Computerwesen, Massenmedien), welche der Zweite Weltkrieg mit sich gebracht hatte, und der in diesen Dimensionen nie dagewesene wirtschaftliche Wiederaufbau und Nachholbedarf, den die ungeheuerlichen Verwüstungen hinterlassen hatten, gaben der Wirtschaft einen neuen unerhörten Auftrieb und erzeugten in den Industrienationen als das vielberedete "Wirtschaftswunder" einen allgemeinen materiellen Wohlstand und einen technischen Lebenskomfort, wie ihn die Welt nie gesehen hatte. Hierdurch wurde die Wirtschaft zum alles andere absolut beherrschenden Sektor der Gesellschaft überhaupt und verwandelte diese damit in die Industrie- oder Wohlstandsgesellschaft. Zwar war sie in der westlichen Welt nach wie vor vom Staate bis zu einem gewissen Grade frei. Da sie aber ihre eigenen Probleme selbst immer weniger zu bewältigen vermochte, erwiesen sich allüberall immer massivere Eingriffe der Staaten in ihren Betrieb notwendig. Und in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, in der sich bald S54 nach dem Kriege die meisten westeuropäischen Industrieländer zusammenschlossen, etablierte sich geradezu eine neue Form ihrer staatlichen Reglementierung. Dennoch erfolgte dieser Zusammenschluß, wie ja auch sein Name besagte, in erster Linie in ihrem Interesse. Und so war und ist dennoch sie es, die de facto die bestimmende Rolle in ihm spielt.

   Da aber die Staaten zugleich die fast ausschießlichen Verwalter des Erziehungs- und Bildungswesen aller Stufen sind, so geriet durch sie auch dieses insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg in immer größere Abhängigkeit von der Wirtschaft. Hatte die staatliche Verwaltung im 19. Jahrhundert die Heranwachsenden noch vor allem zu Patrioten, das heißt: zu Nationalisten, Beamten und Soldaten herangebildet, so züchtete sie diese seitdem unter möglichst restloser "Ausschöpfung aller Begabungsreserven" und mit allen Mitteln technischer Wissensvermittlung zur Arbeitskräften und Berufsspezialisten nach dem jeweiligen Bedarf der Wirtschaft heran. Schulen und Hochschulen werden immer mehr zu gigantischen Wissensfabriken nach dem Muster industrieller Großbetriebe. Ausbildung ist neben Kapital und Arbeit zum dritten und hauptsächlichsten Produktionsfaktor geworden.

   Durch all dies hat in unserem Jahrhundert die Gesellschaft eine Gestalt angenommen, die in jeder Hinsicht das polarische Gegenbild zu derjenigen darstellt, die einst im alten Orient als theokratisches Kastensystem bestanden hatte. Gemeinsam ist beiden nur der Charakter einer scharf ausgeprägten Herrschaftsorganisation. Entgegengesetzt dagegen sind die Pole des Herrschens und Dienens. Während einstmals die Herrschaft dem Geistig-Göttlichen, die Dienstbarkeit dem Materiell-Natürlichen zukam, haben sich diese Funktionen heute ins Gegenteil verkehrt. Außerdem sind als die Repräsentanten der Herrschaft und der Dienstbarkeit an die Stelle der einstigen Kasten beziehungsweise Blutsverbände nun die verschiedenen Sachbereiche und Funktionsgebiete der Gesellschaft getreten. Die einstige Herrschaft von Menschen über Menschen hat sich damit in eine solche verwandelt, die primär eine Herrschaft von Sachgebieten über Sachgebiete darstellt.

   So war in alten Zeiten die Herrschaft dem Priesterstand und den S55 Repräsentanten eines Priesterkönigtums zugekommen, die den Verkehr zwischen Göttern und Menschen (durch Gebet und Kultus) zu vermitteln hatten. Der tiefsten Knechtschaft dagegen waren jene ausgeliefert, die durch körperliche Arbeit der Natur abzugewinnen hatten, was die Bevölkerung an Lebensmitteln für ihr leibliches Dasein benötigte. Dazwischen standen die Krieger und die Handwerker. Ein Hinüberwechseln von einer Kaste zur andern war unmöglich.

   In unserer Zeit ist die Herrschaft dem Wirtschaftsleben zugefallen. An die Stelle der Priesterkönige sind die Auto-, Öl-, Stahl-, Bankenkönige usw., genauer und richtiger gesagt: ist das Produktionskapital getreten, dessen Besitz immer mehr in die Anonymität übergeht. Von der Wirtschaft gehen die bestimmenden Antriebe für alle übrigen Lebensgebiete aus. In die tiefste Knechtschaft ihr gegenüber ist das geistige Leben, vor allem das gesamte Bildungswesen versunken. Zwischen beiden steht der Staat in der Mitte. Einerseits ist auch er ganz in die Abhängigkeit von der Wirtschaft geraten, andererseits gibt er die Befehle derselben als Verwalter des Bildungswesens an dieses weiter. Da seit der Französischen Revolution das ehemalige Ständewesen grundsätzlich abgeschafft ist, kann heute jedermann durch Berufswechsel seine Tätigkeit von einem in das andere der drei Lebensgebiete verlegen. Auch kann von drei Söhnen eines und desselben Vaters je nach Neigung und Fähigkeit der eine den Beruf eines Gelehrten oder Künstlers, der andere den eines Staatsbeamten oder Politikers, der dritten den eines Kaufmanns ergreifen. Und da die beherrschende Stellung in der Gesellschaft heute der Wirtschaft zukommt und die Beschäftigung in ihr durchschnittlich das höchste Einkommen erzielt, erleben wir gegenwärtig eine ständige Abwanderung der Berufstätigen aus den anderen Lebensgebieten in die Wirtschaft, so daß vor allem die Berufe des geistigen Lebens: Priester, Ärzte, Lehrer, Krankenwärter usw., zu Mangelberufen geworden sind. Trotz der Zuwendung der Mehrzahl der Menschen zu wirtschaftlichen Betätigungen in den Industrieländern vermochten diese das Angebot an Arbeitsplätzen nicht zu befriedigen, und so mußten in den letzten Jahrzehnten aus anderen, weniger "entwickelten" Ländern die S55 Millionenheere von Fremdarbeitern angeworben werden, die heute in den Industriestaaten beschäftigt sind.

   Aber nicht nur innerhalb der Gesellschaft im engeren Sinne haben sich die Verhältnisse so ins Gegenteil der einstigen verkehrt, sondern auch hinsichtlich ihrer in umfassenderem Sinne verstandenen Totalität. Wie in einem früheren Kapitel gezeigt wurde, gehörten im alten Orient zum Ganzen der Gesellschaft auch die von der jeweiligen Bevölkerung verehrten Götter hinzu, ja diese waren sogar ihre eigentlichen Herrscher, und die Herrschaft der Priesterkaste hatte nur die Bedeutung einer Stellvertretung derselben. Genauso gehört zur heutigen Gesellschaft die irdisch-materielle Natur hinzu. Denn die Herrschaftsstellung, welche die Wirtschaft in ihr einnimmt, verdankt sie dem Umstand, daß ihr Naturwissenschaft und Technik die Möglichkeiten verschafft haben, die Kräfte und Stoffe der Erdennatur in einem Maße nutzbar zu machen und auszubeuten, von dem sich ältere Zeiten auch nicht im entferntesten eine Vorstellung hätten bilden können. Was früher gegenüber der göttlich-geistigen Welt der religiöse Kultus gewesen war: das Instrument, die Offenbarungen, Moralgebote und sozialen Gestaltungskräfte derselben der Erdenmenschheit zu vermitteln, das ist heute gegenüber der Natur die Technik geworden: die Apparatur, mittels deren sie sich die Stoffe und Kräfte derselben zueignet. Geradeso, wie die theokratische Gesellschaft alter Zeiten ohne das sie bestimmende Hereinwirken der Götter nicht zu denken gewesen wäre, so ist unsere heutige Gesellschaft ohne die Materialien und Energien, die sie Tag für Tag der Natur abgewinnt, nicht zu denken.

   Aber nicht nur die Wirtschaft ist heute in nie dagewesenem Maß der materiellen Natur zugewandt, sondern auch das Geistesleben. Als seine Beherrscherin ist an die Stelle der Religion die Wissenschaft getreten. Durch jene war das Geistesleben der Vermittler zwischen Göttern und Menschen gewesen. Heute gibt es eine solche Vermittlung nicht mehr. Denn "Gott" - so lautet das Schlagwort unserer Zeit - "ist tot". Auch eine philosophische Metaphysik hat sich überlebt. Die Wissenschaft hat sich restlos der Natur, der materiellen Welt zugewandt. Ihre wichtigste Erkenntnisquelle ist die S57 sinnliche Erfahrung. So ist sie wesentlich Naturwissenschaft. Die materielle Welt ist ihr die einzige Wirklichkeit, die es gibt. In alten Zeiten fühlte sich der Mensch als "Kind Gottes". Das Erdenleben bedeutete für ihn eine Zeit der Vorbereitung auf das nachtodliche Leben in der geistig-göttlichen Welt, in dem das Ziel des menschlichen Daseins erst erreicht wird.

   Der Mensch unserer Zeit fühlt sich als bloßes Naturwesen, genauer - seit Darwin - als das höchstentwickelte der Tiere, im übrigen als ein Produkt des bloßen Zufalls. Mit dem Tode ist sein Dasein definitiv zu Ende. Also gilt es, solange man lebt, den Kräften und Trieben der Natur: "Hunger und Liebe", soweit wie möglich Befriedigung zu verschaffen. Den Hunter im weitesten Sinn des Wortes: nämlich nach all dem, was an Unterhaltsmitteln, Besitz, Macht zum Leben gehört, stillt die Wirtschaft. Das Liebesverlangen befriedigt die Betätigung des Geschlechtstriebes. Er hat in unserem Jahrhundert eine nie gekannte Entfesselung erfahren. In vielen Gebieten wurde in jüngster Zeit in den Schulen der Religionsunterricht durch die Sexualkunde ersetzt.

   Es braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden, daß im Zuge dieser Entwicklung der Gesellschaft das Humanitätsideal als Leitgedanke ihrer Gestaltung wieder völlig verlorengegangen ist. War es im 19. Jahrhundert schon durch den Nationalismus mehr und mehr verdrängt worden, so hat der naturwissenschaftliche Materialismus es in dem unsrigen vollends ausgelöscht. An seine Stelle sind als Lebensziele materieller Wohlstand und technisch-wirtschaftliche Macht getreten, für deren Erreichung die allbeherrschende Position der Wirtschaft die Gewähr leistet. Allerdings befand sich die Wirtschaft bereits im 19. Jahrhundert auf dem Wege zu dieser Position. Unter dem Eindruck dieser Tatsache wurde Karl Marx damals zu der Meinung verführt, diese Stellung habe sie zu allen Zeiten eingenommen und sie sei überhaupt die einzige Realität der Gesellschaft. Staatlich--rechtliches und geistig-kulturelles Leben stellten bloß einen ideologischen Überbau derselben dar. So kam er zu seiner materialistischen Geschichtsauffassung. Sie wurde zur Grundlage des von ihm begründeten Kommunismus und ist es bis heute geblieben. da dieser durch Lenin in Rußland zur Herrschaft S58 gelangte, gilt für dieses Gesellschaftssystem im Prinzip dasselbe, was soeben für dasjenige der westlichen Welt ausgeführt wurde. Nur ist dort mehr die Theorie von diesen Verhältnissen das Bestimmende, während die westliche Gesellschaft mehr durch die Faktizität dieser Verhältnisse bestimmt wird.

   Was im übrigen das östliche Gesellschaftssystem vom westlichen unterscheidet, hat darin seinen Grund, daß die freie Wettbewerbswirtschaft, zu der sich der Industrialismus gestaltete, durch das Privateigentum an seinen Produktionsmitteln, wie es innerhalb desselben gehandhabt wurde, eine neue Klassenschichtung zur Folge hatte: nämlich in die Klasse der Besitzenden und in die der besitzlosen Arbeiter, welch letztere wieder in einen sklavenartigen Zustand versank. Hinzu kam, daß dieses Privateigentum immer mehr dazu verführte, die Produktion nicht auf die Befriedigung des Konsumsbedarfs, sondern auf den durch sie zu erzielenden Gewinn auszurichten. Das egoistische Gewinnstreben wurde so zum ausschließlichen Antrieb wirtschaftlicher Betätigung und verlieh diesem dadurch immer mehr einen antisozialen Charakter.

   Marx glaubte, diese beiden Übel ließen sich nur durch Überführung des Produktionsmittelbesitzes aus dem privaten in das Allgemein-, das heißt: Staatseigentum sowie durch Umwandlung der freien Wettbewerbswirtschaft in eine staatliche Planwirtschaft überwinden. Das führte dazu, daß die kommunistische Revolution von 1917 in Rußland das Wirtschaftsleben in der angegebenen Weise völlig verstaatlichte. Daß außerdem auch das Geistesleben restlos vom Staat übernommen wurde, war angesichts der marxistischen Auffassung von diesem als bloß ideologischem Überbau der Wirtschaft selbstverständlich. So erlangte hier der Staat wieder eine Herrschaftsposition, die an die griechisch-römische Antike erinnert, ja die selbst die damalige an Macht noch bei weitem übertrifft, da die gesamte Gesellschaft in aller Form verstaatlicht ist. Hinzu kommt, daß - bedingt durch den russischen Volkscharakter - trotz der marxistischen Lehre von der alleinigen Realität der Wirtschaft (in welcher Lehre sich westliche Verhältnisse widerspiegelten) und der restlosen Verstaatlichung des Geisteslebens als bloßer Ideologie diese Lehre als solche zum bestimmenden Element der S59 Gesellschaft geworden ist - nicht der Inhalt derselben oder die Tatsachen, von denen sie hergeleitet wurde. Und so wird, wie einstmals im alten Orient die Religion und damit die Priesterkaste die Gesellschaft beherrschte und bestimmte, in der heutigen Sowjetunion die Gesellschaft von den Vertretern der marxistisch-sozialistischen Heilslehre machtmäßig beherrscht und bestimmt. Es ist, angesichts des Materialismus der letzteren, eine sozusagen atheistische Theokratie, repräsentiert durch eine verweltlichte Kirche in Gestalt der kommunistischen Partei, welche, als Bastard von orientalisch-theokratischer und westlich-materialistischer Zivilisation, die Züge des Antlitzes prägt, welches das heutige Rußland darbietet.

   Die bisherigen Betrachtungen haben gezeigt, daß die menschliche Gesellschaft auf dem Wege ihrer geschichtlichen Metamorphosen durch Gestaltungen hindurchgeht, die von polarer Gegensätzlichkeit sind. Nur dadurch können alle Möglichkeiten und Tendenzen ihrer Formbildung, die ihr innewohnen, sich auswirken. In welcher Richtung sich ihre heutige Gestalt in eine künftige wird umbilden müssen, soll in den restlichen Kapiteln dargestellt werden.

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nächstes Kapitel:  8. Die Dreigliederung des sozialen Organismus