9. Die neue Vermenschlichung der Gesellschaft


S77   In den vorangehenden Kapiteln wurde gezeigt, daß jedem der bisherigen Gesellschaftssysteme - und es handelt sich hierbei, wenn wir von den späteren Rekapitulationen derselben absehen, im wesentlichen um drei - ein umfassendstes Ordnungsprinzip zugrunde lag. In der alten Theokratie war es, wie schon der Name sagt, das Prinzip der Herrschaft des Geistig-Göttlichen über das Menschliche. Denn die Priesterherrschaft innerhalb jener Gesellschaft war ja als bloße Stellvertretung der Gottesherrschaft zu verstehen. In der Gesellschaft der Mittelmeerantike - wir nannten sie deshalb die humanistische - war es das Prinzip der Herrschaft des Menschlichen im Menschen über das Ganze der Gesellschaft. Sie fand ihren Ausdruck in der Herrschaftsposition, die innerhalb desselben dem Staate zukam. Und in der modernen Industriegesellschaft ist es das Prinzip der Herrschaft des Materiell-Nützlichen über das Menschliche. Es hat seine Verkörperung erfahren in der Herrschaftsstellung, die innerhalb desselben die Wirtschaft einnimmt.

   So, wie das erste dieser Systeme durch das zweite abgelöst werden mußte - sonst hätte das Menschliche im Menschen nicht zur Entfaltung kommen können - , so muß in Zukunft das dritte derselben durch ein viertes abgelöst werden - sonst müßte das Menschentum im Menschen zugrunde gehen. Wir brauchen also für die Zukunft als neues oberstes Prinzip wieder das Menschliche im Menschen. Aber nicht mehr im alten, das heißt im Sinne der griechisch-römischen Antike und ihrer verschiedenen Renaissancen verstanden, sondern in einem neuen Sinn. Wir brauchen einen neuen Humanismus. Worin unterscheidet er sich von dem ehemaligen? Für diesen war der Mensch identisch mit dem Staatsbürger. Er war das "Zoon S78 politikon". Die Menschlichkeit der Gesellschaft bestand deshalb darin, daß diese vom Staate beherrscht wurde. Insofern war auch diese Gesellschaftsform ein Herrschaftssystem, nur von anderer Art als das ihm vorangehende und das ihm nachfolgende.

   Für den neuen Humanismus repräsentiert den Menschen nicht nur der Staat, sondern die Gesellschaft in ihrer Ganzheit - und zwar als ein dreigliedriger Organismus von geistigen, rechtlich-staatlichen und wirtschaftlichen Funktionen, deren jede ihre eigenen Bedingungen besitzt und die dadurch im Gleichgewicht miteinander stehen, daß jede gemäß ihren Bedingungen sich selbst organisiert. Die neue Gesellschaftsform stellt insofern keine Herrschaftsordnung mehr dar, sondern ein Gleichgewichtssystem. Nun liegt auch dieser Gesellschaftsform ein umfassendstes Prinzip zugrunde. Welches ist dieses?

   Wie soeben wieder erwähnt, war bei zweien der früheren Gesellschaftssysteme als Träger der Herrschaft ein Außermenschliches in die Ordnung derselben miteinbezogen: bei der Theokratie das Übermenschlich-Göttliche, bei der Industriegesellschaft das Untermenschlich-Natürliche.

   Der Mensch älterer Zeiten fühlte sich, wie ebenfalls früher schon bemerkt, als das Kind Gottes beziehungsweise als der Nachkomme von Göttern. Er hatte noch kein voll entwickeltes Verhältnis zur Erdennatur. Er war noch nicht ganz verkörpert, denn die menschliche Leiblichkeit befand sich damals noch in Entwicklung. Bis verhältnismäßig kurz vor dem Beginn der eigentlichen Geschichte war die Menschheit auf der Erde noch nicht seßhaft geworden. Sie stand noch auf der Jäger- und Sammlerstufe. Erst in der letzten Phase der Vorgeschichte: in der Jungsteinzeit (Neolithikum) ließ sie sich in festen Wohnsitzen auf der Erde nieder, begann den Acker zu bebauen, Vieh zu züchten und Behausungen für sich zu errichten. Aber auch da hielt sich ihre Beziehung zur Natur noch in engen Grenzen.

   Heute hat der Mensch durch die moderne Naturwissenschaft die Natur in unermeßlichem Umfang erforscht, hat seit den Entdeckungsfahrten die ganze Erde in Besitz genommen und beutet sie durch Technik und Industriewirtschaft bis zu ihrer Zerstörung aus. S79 Ja er lebt geradezu von ihrem Abbau. Zum Göttlichen hat er keine Beziehung mehr. An die Stelle der Religion ist der Atheismus getreten, und seinen Ursprung sieht der Mensch heute im Tierreich.

   Wie war es in der klassischen Antike? Da verlor der Mensch schrittweise sein Verhältnis zu den Göttern. Die meisten der griechischen Heldensagen (Prometheus, Tantalos, Sisyphos, Ödipus usw.) berichten von irgendwie gearteten Aufständen gegen die Götter, die dann von diesen entsprechend bestraft wurden. So entstand in Hellas erstmals in der Geschichte das Moment der Tragik; in den Tragödien der drei großen attischen Dramatiker erlangte es seine großartigste dichterische Verkörperung. Als Paulus nach Athen kam, um dort das Christentum zu verkündigen, fand er dort einen Altar, der dem "unbekannten Gotte" errichtet worden war. Auf der anderen Seite aber hatte sich der Grieche mit der Erdennatur noch nicht so intensiv verbunden wie der heutige Mensch. Er entwickelte zwar schon eine Naturphilosophie und seit Aristoteles auch bereits eine Naturwissenschaft. Aber diese war im Vergleich mit der heutigen noch recht bescheiden. Die Erde war damals in ihrer Ganzheit noch nicht bekannt. Auch gab es noch keine Maschinentechnik. Der Mensch stand für die Auffassung der Griechen irgendwie in der Mitte zwischen Gott und Natur, zwischen Göttern und Tieren als das staatenbildende Wesen. Diese seine Entwicklungssituation hat ihre erschütterndste mythische Verbildlichung erfahren in der Ödipussage. Insofern nimmt diese unter den griechischen Sagen eine zentrale Stellung ein. Geht man ihr nicht mit den Begriffen der Freudschen Psychoanalyse zu Leibe, sondern mittels der wahren Bedeutung der mythischen Sinnbilder, so offenbart sie folgendes: Das Göttliche, dem der Mensch seinem Wesenskern nach entstammt, versinnlichte sich die ältere Menschheit im Bilde des Väterlichen. Selbst im Zentralgebet des Christentums wird es noch als "unser Vater im Himmel" angesprochen. Die Erdennatur dagegen erschien ihr in Gestalt des Mütterlichen. Sie war die Große Mutter, die "alma mater". Daß Ödipus seinen Vater erschlug, deutet auf die Loslösung vom Göttlichen hin, die in der geschichtlichen Mission des Griechentums begründet lag. Denn diesen Mord vollzog er nicht absichtlich, nicht freiwillig - er hatte S80 ihm sogar entgehen wollen -, sondern weil es ihm schicksalsmäßig vorbestimmt war, ihn auszuführen. Später heiratete er ebenso unabsichtlich seine Mutter, weil ihm auch dies durch das Schicksal vorbestimmt war. Aber er beging damit ein Verbrechen und strafte sich, als er dessen inne ward, dafür selbst, indem er sich die Augen ausstach und fortan blind durch die Welt wandelte. Andererseits war er derjenige, der das Rätsel der Sphinx löste. Die Lösung lautete: der Mensch. In ihm trennte sich das Griechentum von den Göttern, durfte sich aber noch nicht voll mit der Natur verbinden, wurde sich jedoch erstmals des Menschentums des Menschen bewußt.

   Dasselbe Phänomen tritt uns, nur in anderer Nuancierung, beim Judentum entgegen, das ebenfalls zu den Trägern der Kultur der Mittelmeerantike gehört. Die Loslösung vom Göttlichen findet hier ihren Ausdruck in dem Begriff der Sünde, der moralischen Schuld, der im Judentum erstmals auftritt. Denn "Sünde" ist mit "Sonderung" verwandt. Sie ist das jüdische Gegenstück zum griechischen Begriff der Tragik. Sie wird vom Judentum schon in den Beginn des Menschheitsdaseins projiziert als die Ursünde im Paradies, welche die Ausstoßung des Menschen aus diesem und seine Trennung von Gott zur Folge hatte. Andererseits konnte auch das Judentum noch nicht im vollen Maße auf der Erde heimisch werden. Sein Stammvater wandert aus seiner Heimat Ur in Chaldäa aus nach Palästina. Aber schon in der übernächsten Generation zieht das entstehende Volk nach Ägypten, um dort durch einige Jahrhunderte ein sklavenartiges Dasein zu führen. Moses bewerkstelligt seinen Auszug aus Ägypten und führt es nach vierzigjähriger Wanderung durch Meer und Wüste in das "gelobte Land", das er selbst nicht mehr betreten kann. Nach einer mehrhundertjährigen Blütezeit wird der nördliche der beiden Teile, in die sich der Staat gespalten hat: Israel, von den Assyrern erobert und die gesamte Bevölkerung in die Gefangenschaft verschleppt, aus der sie nie mehr zurückkehrt. Kurze Zeit danach wird auch der südliche Teil: Judäa, von Nebukadnezar erobert, der Tempel in Jerusalem zerstört und die Bevölkerung nach Babylon verschleppt, von wo sie einige Jahrzehnte später durch Kyros wieder in ihre Heimat entlassen wird. Kurze S81 Zeit nach der Erscheinung Christi wird das Land in einem Aufstand gegen die Römer von diesen abermals verwüstet und seine Bevölkerung in alle Welt zerstreut. Erst in unserem Jahrhundert ist sie zu einem großen Teil aus der Diaspora in ihre Heimat zurückgekehrt und hat den neuen Staat Israel gegründet. Aber dieser geriet mit den inzwischen dort ansässig gewordenen Arabern in einen so tödlichen Konflikt, daß es fraglich geworden ist, ob er sich auf die Dauer wird behaupten können. Zum mythischen Repräsentanten des Volkes war inzwischen Ahasver, der "ewige Jude", geworden, der nicht sterben, aber auch nirgends auf der Erde eine Bleibe finden kann. Sein anderer Repräsentant war Judas Ischariot. Von ihm erzählt eine alte Sage, daß er, wie Ödipus, seinen Vater erschlagen und seine Mutter geheiratet habe. Später wurde er zwar einer der Jünger Christi, lieferte diesen aber durch seinen Verrat an die Juden aus - und erhängte sich danach. So zeigt dieses Schicksal eine ähnliche Tragik wie diejenige des griechischen Heros und beweist damit, daß die damalige Form des "Humanismus" nicht die endgültige sein konnte, sondern die Entwicklung einer weiteren, neuen forderte. Der Keim zu dieser wurde durch das Christusereignis in die Menschheit gepflanzt. Wir deuteten an, wie dieser hinsichtlich der Gestaltung der Gesellschaft erst in den letzten Jahrhunderten schrittweise aufzugehen begonnen hat. Allerdings konnte er sich gegen das inzwischen entstandene naturwissenschaftlich-materialistische Weltbild bisher nicht durchsetzen.. Der Grund dazu wurde erst gelegt, als mit dem Beginn unseres Jahrhunderts Rudolf Steiner die naturwissenschaftliche Forschungsmethode zu einer wahrhaft menschenwissenschaftlichen fort- und umbildete. Wie und wodurch geschah das?

   Im vorangehenden Kapitel wurde geschildert, wie das Geistesleben im Lauf der Geschichte aus einer Organisation der Züchtung bestimmter Fähigkeiten eines Blutsverbandes sich verwandelt hat in eine Veranstaltung der seelischen Bildung menschlicher Persönlichkeiten. Und ich erwähnte, wie dieser Bildung eine bestimmte Gesetzmäßigkeit innewohnt, gemäß welcher sie bis zum Erwachsensein des Menschen hin den Charakter der Fremderziehung trägt, dann aber, wenn sie weitergehen soll, in zunehmendem Maße den S82 einer Selbsterziehung annehmen muß. Diese Zunahme erfolgt aber nur dann, wenn anstelle der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Umwelt, mittels welcher die Selbsterziehung zunächst stattfindet, mit steigendem Alter eine aus freiem Entschluß zu praktizierende reine Selbstschulung tritt. Dies geschieht heute im allgemeinen noch wenig; denn die Erwachsenenbildung, auch wenn sie in Frankreich als "éducation permanente" bezeichnet wird, dient doch größtenteils einer spezialistisch-beruflichen, nicht einer reinmenschlichen Weiterbildung. Eine solche, im Sinne einer Höherentwicklung der Gesamtheit der Seelenkräfte des Denkens, Fühlens und Wollens war es, die Rudolf Steiner als Methode ausbildete und praktizierte. Was dadurch erreicht werden kann, läßt sich so charakterisieren, daß aus dem gewöhnlichen, seelischen Selbst ein höheres, geistiges Selbst gleichsam herausgeboren wird, das sich immer deutlicher von dem ersteren abhebt. Es kennzeichnet sich dadurch, daß es in einem vom Leibe unabhängigen Erleben erfahren wird - in einem Erleben, dessen Inhalt sich zeitlich nach vorwärts über den Tod hinaus, nach rückwärts hinter die Geburt zurück erweitert und zuletzt gipfelt in der Erfahrung der Tatsache, daß dieses höhere Selbst durch wiederholte Verkörperungen hindurchgeht. Hinsichtlich der Welt aber eröffnet sich diesem Erleben in ganz neuer Art die Erfahrung dessen, was man früher das Reich des Geistig-Göttlichen, des Himmlischen genannt hat. Der Mensch erfährt sich dadurch seinem höheren Selbst nach zwar wieder als den Abkömmling dieser Welt, aber nicht mehr wie in früheren Zeiten als ihr unmündiges Kind, sondern gleichsam als ihren mündiggewordenen Sohn und freien Partner - hat er sich doch auch aus freiem Entschluß und durch eigene Bemühung diese neue Begegnung mit ihr errungen.

   Damit aber gliedert sich das Erleben des eigenen Wesens in seiner Gesamtheit immer entschiedener in dasjenige dreier Sphären desselben: der leiblichen, der seelischen und der geistigen. Denn mit der Geburt des Geistigen aus der Seele verselbständigt sich gegenüber dieser zugleich auch der Leib in stärkerem Maße, als dies bis dahin der Fall war. Der Mensch erlebt diesen jetzt als die Organisation, die durch die Phasen von Jugend und Alter, durch die S83 Zustände von Gesundheit und Krankheit hindurchgeht, die in all dem bedingt ist durch die Kräfte, die von den Vorfahren ererbt wurden - als die Organisation, die ein Exemplar der menschlichen Gattung schlechthin ist, durch das er deshalb letztlich mit allen anderen Menschen verwandt ist, das heißt durch die er ein Bruder jedes anderen Menschen ist. Er erlebt sich außerdem aber durch seine Leiblichkeit mit der ganzen Natur verwandt, und zwar in differenzierter Art mit der mineralischen, der pflanzlichen und der tierischen Welt trotz der Verschiedenheit, die ihn zugleich auch von jeder derselben trennt -, und er wird sich dessen bewußt, daß sein physisches Dasein unlösbar mit dem der Naturreiche verknüpft ist. So wird er auf diesem Erkenntniswege in neuer Art auch mit der Natur wieder verbunden, der er sich ja in den letzten Jahrhunderten trotz der Naturwissenschaft, ja im tiefern Sinne gerade durch sie wie auch durch die Technik immer mehr entfremdet hatte. Eine Entfremdung, die in einem grotesken Widerspruch dazu steht, daß er sich während dieser Zeit seinem Gesamtwesen nach für ein bloßes Produkt der Naturentwicklung glaubte halten zu müssen.

   Seine Seele dagegen erlebt er als denjenigen Teil seines Wesens, dessen Gestaltung durch alles das bewirkt wird, was im Leben an schicksalsmäßigen Beziehungen sich entwickelt zu Alters-, Berufs- und Zeitgenossen, zu Mitgliedern des anderen Geschlechts, zu Landsleuten, Lehrern und Schülern, Vorgesetzten und Untergebenen, kurz: zu all jenen, die die Gesellschaft ausmachen, in die der Mensch in einem Leben durch das Schicksal hineingestellt wird.

   Seinen Geist schließlich erlebt er einerseits als den Träger des Freiheitsimpulses, hat er ihn doch selbst in sich für sein Bewußtsein zur Geburt gebracht - andererseits als das, was ihn mit dem Schicksal der ganzen Menschheit verbindet, erweist er sich doch in seinem Hindurchgang durch die Folge seiner Reinkarnationen an der Gestaltung desselben als mitbeteiligt und deshalb für sie mitverantwortlich. Schließlich aber erfährt er sich durch seinen Geist als Glied und freien Partner der göttlich-geistigen Welt, aus der ihm ebenso seine Schöpferkräfte zufließen, wie der Leib seine Lebenskräfte der Erdennatur verdankt, von der er sich ernährt, deren Luft er atmet und deren Erscheinungen er durch seine Sinne wahrnimmt. S84

   Damit geht ihm auf, daß er Mensch im wahren Sinne nur in dem Maße sein kann, als die drei Glieder seines Gesamtwesens in Harmonie miteinander, im Gleichgewicht zueinander sich befinden oder immer wieder ins Gleichgewicht gebracht werden können. Und zugleich damit wird er dessen inne, wie zwischen diesem seinem vollen Menschseinkönnen und der vollen Vermenschlichung der Gesellschaft eine wechselseitige Abhängigkeit besteht. Denn er bemerkt, wie die Dreigliedrigkeit seines Wesens und diejenige der Gesellschaft einander entsprechen: wie das Wirtschaftsleben der Erhaltung des leiblichen Daseins der Menschheit dient, das politische den menschgemäßen Beziehungen der menschlichen Seelen zueinander durch entsprechende Rechtsverhältnisse zwischen ihnen, und das Geistesleben der Entfaltung des geistigen Wesens der Menschen. Wie das alles aber nur dann in der rechten Weise wirken kann, wenn auch in der Gesellschaft zwischen ihren drei Bereichen ein Gleichgewicht besteht oder immer wieder hergestellt werden kann - was nur möglich wird, wenn jedes dieser Gebiete sich seiner Eigenart gemäß zu gestalten vermag. Diese Eigenart aber verlangt für die Wirtschaft eine Ordnung im Sinne der Brüderlichkeit, für den Staat eine solche gemäß der Rechtsgleichheit, für das Geistesleben im Zeichen der Freiheit.

   Denn - und damit ist auf das Umgekehrte hingewiesen, das in gleichem Maße gilt: Da der Mensch sich durch seinen Leib als den Bruder jedes anderen Menschen erfährt, wird das Wirtschaftsleben nur dann ein menschenwürdiges, wenn es aus dem Geiste der Brüderlichkeit heraus geordnet wird. Da der Mensch als Seele sich heute als einen jedem anderen Menschen gleichberechtigten erlebt, wird das Staatsleben nur in dem Maß ein wahrhaft menschliches, als es diese Rechtsgleichheit verwirklicht; und da der Mensch in seinem Geiste sich als Träger der Freiheit erfährt, wird das Geistesleben nur so weit ein menschengemäßes, als seine Ordnung und Verwaltung sich auf das Prinzip der Freiheit begründet.

   Dazu kommt aber noch ein weiteres von nicht geringerer Bedeutung. Mit der Entwicklung des Geistigen im Menschen in dem Sinne, wie sie im vorangehenden gekennzeichnet wurde, ist untrennbar verknüpft die allerdings ganz neuartige Wiederverbindung S85 des Menschen mit der Welt des Geistig-Göttlichen - eine Wiederverbindung nämlich im Zeichen der Freiheit und damit einer freien Partnerschaft. Die Wege zu solcher Entwicklung zu erschließen, zu weisen und zu beschreiten wird in der Zukunft die zentrale Aufgabe des Geisteslebens bilden müssen. Denn ohne die Pflege der Beziehung des Menschen zur Welt des Göttlich-Geistigen in dieser neuen Art wird das Geistesleben seine Selbständigkeit und sein Machtgleichgewicht gegenüber Staat und Wirtschaft niemals gewinnen und behaupten können. Daß es dieser Selbständigkeit in der neueren Zeit so gänzlich verlustig gegangen ist, war die Folge davon, daß es seine Beziehung zu dieser Welt völlig verloren hatte. Denn damit hatte es sich von seinem Wurzelboden und Quellgrund abgeschnürt und damit seine Eigenwirklichkeit eingebüßt. Es erstarrte zur bloßen Ideologie und verfiel damit ganz dem Sklavendienst für den Staat und die Wirtschaft. Es würde darum die Forderung nach Verselbständigung des Geisteslebens eine niemals realisierbare Utopie bleiben müssen, wenn mit ihr nicht verbunden würde die Eröffnung des neuen Weges zur Erkenntnis der Geistwelt. Deshalb wird diese Forderung heute auch überall da noch als eine unmögliche beziehungsweise ganz illusionäre betrachtet, wo jener neue Weg zur Geisterkenntnis nicht mit in Betracht gezogen wird. Dieses "überall" ist freilich nicht die Gesamtheit unserer Zeitgenossenschaft. Wir sehen vielmehr im Gegenteil, wie heute die westliche Welt, soweit sie von diesem neuen Weg zur Geist-Erkenntnis nichts weiß oder keine Kenntnis nimmt, geradezu überschwemmt wird von jenen alten Wegweisungen zur Erkenntnis des Übersinnlichen, Okkulten, die einstmals im Orient in seinen Mysterienstätten und Weisheitsschulen ausgebildet worden waren. In Amerika sind diese Lehren und Schulungspraktiken schon in breitem Strom in die Universitäten eingedrungen. Andererseits vernehmen wir, daß dort schon seit längerer Zeit Observatorien eingerichtet worden sind zur Gewahrwerdung von Zeichen, welche möglicherweise von außerirdischen Zivilisationen kosmischer Intelligenzen zur Erde gesendet werden, um mit diesen in Verbindung treten zu können. Es darf hier des weiteren an die Millionenauflagen der Bücher von Erich von Däniken erinnert werden in S86 welchen von übermenschlichen Astronauten gefabelt wird, die in alten Zeiten auf die Erde herabgestiegen seien und die menschliche Kultur begründet hätten. Und - last not least - sind hier die Mondlandungen der letzten Jahre sowie auch die Abschüsse von Venus- und Marssonden zu nennen, die in West und Ost stattgefunden haben. Das alles beweist, daß wir heute an einer Zeitenschwelle stehen, an der die Wiederverbindung der Menschheit mit außerirdisch-übersinnlichen Welten und Wesen als eine Notwendigkeit beziehungsweise ein elementares Bedürfnis empfunden wird. Freilich erfolgen Geschehnisse, die zu bestimmten Zeiten fällig werden, immer in verschiedensten Abwandlungen: in echten und unechten Formen, in Urbildern und Zerrbildern, in normalen und Mißbildungen, ja auch in Gegenbildern. Und zu der letzteren Art ist das meiste von dem zu rechnen, was soeben erwähnt wurde. Es breitet sich heute immer mehr die Empfindung aus, daß die Menschheit nicht ein bloß irdisches, sondern ein dem Gesamtkosmos angehöriges Wesen ist, und in Verbindung mit der Raumfahrt wurde schon verschiedentlich die Idee entwickelt, sie im Falle einer allzu großen Zerstörung der Erde auf einem anderen Planeten anzusiedeln. Wessen sie wirklich für die Zukunft bedarf, das ist ein neuer und neuartiger Anschluß an die Welt des Geistig-Göttlichen; denn nur im Zusammenleben mit dieser kann die Entwicklung ihres Wesens, die heute die Stufe des Geistigen zu erklimmen im Begriffe ist, ihren weiteren Fortgang finden.

   Auf der anderen Seite bedarf die Menschheit für die Zukunft jener neuen Verbindung mit der Natur, auf die soeben auch schon hingewiesen wurde. Denn durch die moderne Naturwissenschaft, die Technik und den Industrialismus hat sie zu dieser eine Art der Beziehung entwickelt, die es in keiner früheren Zeit gegeben hat. Diese Beziehung ist geprägt durch die Herrschaft, die sie heute über sie ausübt, durch die rücksichtslose und grenzenlose Ausbeutung derselben, die sie betreibt, und durch die fortschreitende Zerstörung, die sie unter ihren Materialien, Elementen und Lebewesen anrichtet. Durch all dies hat sie sich ihr zugleich, wie auch schon erwähnt, in einem Maße wie nie zuvor entfremdet. Da Naturwissenschaft, Technik und Industrie, nachdem sie einmal entstanden sind, S87 für die Fortexistenz der Menschheit aber nicht mehr entbehrt werden können, wird das Verhältnis zur Natur, das sich dadurch herausgebildet hat, nicht mehr aufgehoben, im besten Fall gemildert werden können. Was dagegen notwendig wird, das ist, daß zu ihm ausgleichend ein anderes hinzuentwickelt wird, wie es eben durch die oben angedeutete innere Wiederverbindung mit der Natur, und nur durch sie, entstehen kann. Dieses Verhältnis kann dahin charakterisiert werden, daß zum Abbau der Wiederaufbau, zur Zerstörung die Wiederherstellung, zur Kränkung die Heilung der Natur hinzugefügt wird. Dies wird dadurch möglich werden, daß durch die Ausbildung der höheren bio-, psycho- und pneumatologischen Erkenntnisarten, die mit der Entwicklung des Geistigen im Menschen erarbeitet werden, die Fähigkeit errungen werden wird, die Natur nicht mehr nur mit physikalischen und chemischen, sondern auch mit echt biologischen Methoden zu behandeln, das heißt nicht nur mit todbringenden, sondern auch mit lebenfördernden Kräften. Und so wie ihre Behandlung mittels der ersteren durch Industrie repräsentiert wird, so wird diejenige mittels der letzteren ihren Repräsentanten finden müssen in einer neuartigen Landwirtschaft. Die heutige ist sowohl in ihrer technischen wie in ihrer kommerziellen Handhabung gänzlich industrialisiert, sie ist zur "Agrarindustrie" geworden und trägt dadurch zur Zerstörung der Natur noch mehr bei als die Industrie im engeren Sinn. Sie wurde dadurch allerdings zugleich sich selbst und ihren eigenen Funktionsbedingungen entfremdet. Anstatt die Menschen zu ernähren, geht sie mehr und mehr dazu über, sie zu vergiften. Ihr erwächst für die Zukunft in der angedeuteten Richtung eine neue, große Aufgabe. Diese wurde bereits vor fünfzig Jahren durch die aus der Anthroposophie heraus begründete biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in Angriff genommen.

   Im Zusammenhang mit all dem wird sich zugleich eine auf die wahren Konsumbedürfnisse der Menschheit ausgerichtete, das heißt eine vom Geiste der Brüderlichkeit impulsierte Wirtschaftsordnung ausbilden lassen - so wie ein vom Geiste der Freiheit getragenes Geistesleben durch den neuen Weg zur Geist-Erkenntnis sich wird entfalten können. S88

   Und was schließlich das Staatsleben betrifft, so wird, wenn aus seinen Kompetenzen alles das ausgeschieden wird, was der Ordnung der beiden anderen Lebensgebiete als solcher angehört und ihm nur die Regelung und Sicherung der Rechtsverhältnisse als Aufgabe zufällt, als Quelle desselben das heute weitgehend verschüttete und verkümmerte Rechtsgefühl wieder zur Geltung kommen und durch dieses die Gleichheit der Rechte aller als die selbstverständliche Zielsetzung desselben sich verwirklichen lassen. Da alle Rechtsverhältnisse zwischenmenschliche sind, wird sich die Erkenntnis durchsetzen, daß jedem Recht eine Pflicht und jeder Verpflichtung eine Berechtigung entspricht und daß deshalb die Gleichheit der Rechte ebensoviel bedeutet wie die gerechte Ausgleichung von Rechten und Pflichten. Eine solche aber wird nicht nur im Verhältnis von Menschen zu Menschen, sondern auch zwischen den Einzelnen und der Allgemeinheit angestrebt werden müssen. Dadurch wird das staatliche Leben zugleich auch insofern ausgleichend in der Mitte zwischen geistigem und wirtschaftlichem Leben stehen, als das erstere vom Einzelnen, das letztere von der Gesamtheit der ganzen Menschheit her heute geordnet zu werden verlangt. Als diese Mitte zwischen beiden aber wird der Staat das Menschliche schlechthin repräsentieren, als dessen beide Pole der Einzelmensch und die Gesamtmenschheit betrachtet werden können. Insofern behielte also die griechische Antike doch recht, die das Menschliche im Menschen mit dem Staate beziehungsweise dem Staatsbürgersein identifizierte. Das soll auch nicht bestritten werden. Nur muß zu dieser Erkenntnis heute die andere hinzugewonnen werden, daß der Mensch nicht nur Mensch ist und als solcher in der Mitte zwischen Gott und Natur steht, sondern in der leiblich-seelisch-geistigen Dreigliedrigkeit seines Gesamtwesens zugleich als Mikrokosmos den Makrokosmos in sich zusammenfaßt, das heißt Bürger dreier Welten ist: der göttlichen, seiner eigenen menschlichen und der natürlichen, und fortan nur wird existieren können, insoweit er nicht nur als Mensch das Allgemeinmenschliche (nicht bloß Blut, Nation oder Stand) in sich verwirklicht, sondern auch die Beziehungen zum Göttlichen und zum Natürlichen S89 in rechter Weise pflegt. Das ist das neue, umfassendste Ordnungsprinzip, das wir für die Zukunft brauchen. Man könnte es auch kennzeichnen als die kosmologische Dreigliederung der Welten des Göttlichen, des Menschlichen und des Natürlichen, die als ein zwar dreiheitliches und doch einheitliches Ganzes zu erfassen sind und als solches das Urbild der dreigegliederten Gesellschaft darstellen.

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