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IV

Die Ausgestaltung des anthroposophischen Weltbildes


   Um die weitere Entwicklung zu verstehen, welche die anthroposophische Bewegung genommen hat, ist es notwendig, noch einen Blick auf die Theosophische Gesellschaft zu werfen, in deren Rahmen jene ja die erste Zeit ihrer eigentlichen Entfaltung verlebt hat.


   Die Theosophische Gesellschaft geht zurück auf Helena Petrowna Blavatzky, eine Persönlichkeit, die teils durch eine abnorme Veranlagung, teils durch eine esoterische Schulung, die sie von seiten gewisser okkulter Gesellschaften auf einem in diesen seit uralten Zeiten überlieferten Wege genoss, zu tiefen Einblicken in die übersinnliche Welt gelangte. Zur Pflege der von ihr in mehreren umfangreichen Schriften dargestellten geistigen Erkenntnisse gründete sie in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Theosophische Gesellschaft, die rasch eine große Ausbreitung erlangte. Es war also in dieser Gesellschaft zu der Zeit, da Rudolf Steiner in sie eintrat, ein bedeutender Schatz wirklicher esoterischer Erkenntnisse lebendig; daher konnte innerhalb derselben auch gleich mit Verständnis aufgenommen werden, was Rudolf Steiner als seine eigenen übersinnlichen Erkenntnisse darzustellen hatte. Auf der anderen Seite fehlte aber der theosophischen Bewegung, wie sie in der Theosophischen Gesellschaft lebte, doch ein Dreifaches, um dasjenige wirklich werden zu können, als was sie von ihren Gründern gedacht worden war: eine Bewegung, durch die in die moderne abendländische Zivilisation der Strom spiritueller Weisheit hineinfliessen sollte, den diese aus den tiefsten Notwendigkeiten der Menschheitsentwicklung heraus von unserer Gegenwart an in sich aufnehmen muß. Und dieser dreifache Mangel lag schon in der Art begründet, wie die spirituelle Weisheit, die in ihr gepflegt wurde, durch H.P.Blavatzky zur Offenbarung gebracht worden war. Diese Art war in allem der vollständige (S63) Gegensatz zu derjenigen, in der Rudolf Steiner seine übersinnlichen Erkenntnisse an die Zeitkultur heranzubringen suchte. Sie rechnete nach keiner Richtung hin mit den Forderungen, die aus dem ganzen Charakter der modernen Zivilisation heraus heute einer geistigen Bewegung erwachsen und von denen wir in einem der vorangehenden Aufsätze zeigten, in wie strenger und gewissenhafter Art Rudolf Steiner sie klarzustellen und ihnen zu genügen sich bemühte.


   Fürs erste war die Darstellung der geistigen Welt, wie sie Frau Blavatzky gab, in keiner Weise das, was man "wissenschaftlich" hätte nennen können. Sie vermochte nicht ihre übersinnlichen Erlebnisse in eine logisch aufgebaute Form zu gießen. Der moderne "wissenschaftlich denkende" Mensch mußte daher ihre Darstellungen dilettantisch, ja verworren finden; er konnte nichts mit ihnen anfangen. Denn es hat sich nun einmal in der modernen Geistesentwicklung dieses herausgebildet, daß nur diejenige Erkenntnis als eine gültige angesehen werden kann, die als eine exakt wissenschaftliche auftritt. Und dieses Verarbeiten seiner Erfahrungen zu strengen wissenschaftlichen Erkenntnissen erweist sich durchaus auch für den Erforscher der übersinnlichen Welten in unserem Zeitalter als notwendig. Denn dieses gedankliche Durchdringen seiner übersinnlichen Erlebnisse wird für ihn zu einem Mittel, sie zu prüfen, zu verbinden, zu ordnen; es weist ihm Richtlinien und Fingerzeige, nach denen sie auszugestalten, zu ergänzen usw. sind. Es macht ihn erst zum Herrn über sie und ihre Darstellung zur Sache seiner wirklich eigenen Beurteilung und Entschliessung. Blavatzky vermochte nicht, ihre übersinnlichen Erlebnisse mit wissenschaftlich geschultem Denken zu durchdringen, zu ordnen und aufzubauen. Daher sind diese vielfach lückenhaft, falsch, subjektiv gefärbt. Was sie gegeben hat, sind zwar umfassende Erfahrungen, aber keine im strengen Sinne als solche anzusprechenden Erkenntnisse.


   Das zweite, was der theosophischen Bewegung fehlte, war ein wirklich aus dem modernen Bewußtsein heraus beschreitbarer Weg (S64) zur Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse. Blavatzky selbst hatte, wie angedeutet, ihre Schulung mittels Methoden erhalten, die in gewissen Geheimgesellschaften aus Zeiten der Menschheitsvergangenheit überliefert waren, in denen das menschliche Bewußtsein noch ganz anders geartet war als heute. Darin lag ja auch die Ursache, warum ihre Erlebnisse im wesentlichen nur nach einer bestimmten Richtung hin - die gleich zu bezeichnen sein wird - gingen und von ihr nicht in das Licht der vollbewußten gedanklichen Verarbeitung hereingeholt werden konnten. Sie hatte sich auch mit dem Charakter des modernen Bewußtseins zu wenig bekannt gemacht, als daß sie einen aus seinen Entwicklungstendenzen heraus gestalteten und seinen Lebensbedingungen angemessenen neuen Weg in die geistige Welt hätte bahnen können. Ohne daß aber dem modernen Menschen aus seiner Bewußtseinslage heraus ein gangbarer Weg zur Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse eröffnet wurde, war eine geistige Bewegung mit den Zielen, wie sie der theosophischen gestellt waren, zur Unfruchtbarkeit verurteilt.


   Und das dritte, was infolge der beiden gekennzeichneten Mängel der theosophischen Bewegung notwendig ebenfalls fehlen mußte, war die Fähigkeit, Aufschlüsse zu geben über diejenigen Fragen, die gerade für die abendländische Menschheit die eigentlich brennenden sind. Durch ihre atavistischen Seelenfähigkeiten und dern alten Weg der Schulung, den sie gegangen war, konnte Blavatzky zwar gewaltige, umfassende Aufschlüsse geben über alles, was Geheimnisse der vorchristlichen, namentlich der alten orientalischen Kulturen sind. Das Wesen der verschiedensten alten Mysterien enthüllte sie in großartiger Weise. Zur Lösung derjenigen Fragen aber, mit denen die abendländische Menschheit als mit ihren eigensten Erkenntnisrätseln seit Jahrhunderten und mehr als je in der Gegenwart ringt, wußte sie nichts beizutragen. Diese Erkenntnisrätsel haben sich für diese ja dadurch ergeben, daß in ihre Gestaltung schon in früher Zeit als einer ihrer wesentlichsten Faktoren miteingeflossen ist die (S65) christliche Offenbarung. Ohne das Christentum wäre weder die äußere noch die innere geistige Geschichte Europas überhaupt zu denken. Alle großen historischen Ereignisse, alle bedeutenden kulturellen Schöpfungen hat es mittelbar oder unmittelbar hervorgerufen. Aber diese christliche Offenbarung als die eine bestimmende Macht der europäischen Kulturentwicklung hatte sich von Anfang an und durch die Jahrhunderte immer intensiver auseinanderzusetzen mit dem, was nun deren anderes eigentümlichstes Erzeugnis ist: das philosophisch-wissenschaftliche Denken. Wir sehen einen ersten Höhepunkt dieser Auseinandersetzung zur Zeit der Gnosis und des Augustinus, einen zweiten zur Zeit der mittelalterlichen Scholastik, einen dritten am Ende des 19. Jahrhunderts. Aber die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung haben sich zwischen dem Anfang und dem Ende dieser zwei Jahrtausende in vollkommene Gegensätze verkehrt, zwischen denen die Anschauungen der Scholastik, genau die Wage haltend, in der Mitte stehen. Während Augustinus und die Gnostiker noch das Denken lediglich als Mittel anwandten, um die Geheimnisse der Offenbarung zu durchdringen und darzustellen, standen sich in der Scholastik bereits Denken und Offenbarung als zwei selbständige, verschiedene Gebiete der Welt erschließende, daher einander ergänzende, aber sich nicht widersprechende Quellen der Erkenntnis gegenüber, und am Ende des 19. Jahrhunderts war das wissenschaftliche Denken vollends zur alleinigen Quelle der Erkenntnis geworden, und die Offenbarung, deren Inhalt man mit jener im Widerspruch empfand, wurde aber schlechthin abgelehnt. Dadurch ist aber der moderne Mensch in eine tragische Situation versetzt worden, indem die zwei wertvollsten Güter, die ihm seine Zivilisation überliefert, sich gegenseitig auszuschließen scheinen. Denn einerseits muß er als moderner Mensch in bezug auf die Erkenntnis das wissenschaftliche Denken als die allein maßgebende Instanz anerkennen; vor dieser aber kann der Inhalt der christlichen Offenbarung nicht bestehen. Auf der anderen Seite sieht er, daß die höchsten Schöpfungen der abendländischen Kultur auf dem Boden dieser Offenbarung (S66) erwachsen sind, und er kann wenigstens fühlen, daß in der christlichen Lehre doch ein höchstes Mysterium des menschlichen Daseins enthalten ist. So widersprechen sich in ihm selbst die Aussagen seines Denkens und seines Fühlens. Und es ist der damit angedeutete Zwiespalt etwas, woran die moderne Zivilisation im tiefsten leidet und krankt, und was zu lösen für sie eine Lebensnotwendigkeit und ihre große weltgeschichtliche Aufgabe bedeutet. Über dieses Problem konnte nun Blavatzky und die von ihr ausgehende theosophische Bewegung keine Aufklärung bringen, weil sie weder zum modernen wissenschaftlichen Denken noch zum Christentum ein Verhältnis hatte. Mit den gegenüber ihren umfassenden okkulten Einsichten geringfügigen Ergebnissen der modernen Wissenschaft verachtete sie diese selbst; und über das Wesen des Christentums konnte ihre ganz den Mysterien der orientalisch-vorchristlichen Kulturen hingegebene Seele nie zu völliger Klarheit kommen.


      So lebte die theosophische Bewegung trotz des reichen Schatzes übersinnlicher Erkenntnisse, die die pflegte, doch wie ein Fremdkörper in der abendländischen Zivilisation. Sie konnte keine Beziehung zur ihr finden, viel weniger ihre Weistümer ihr zugute kommen lassen. Der einzelne Theosoph lebte sozusagen in zwei Welten, zwischen denen keine Verbindung bestand und in die er seine Seele immer herüber oder hinüber umschalten mußte.


   Aus eben diesen Gründen aber konnte nun Rudolf Steiner sich mit seinem geisteswissenschaftlichen Wirken sinnvoll in diese Bewegung hineinstellen. Eine Summe von okkulten Erkenntnissen war als Grundlage da; zu diesen konnte ja als Weiterführung, als Ergänzung gegeben werden, was er aus sich selbst zu sagen hatte. Und dieses Hinzufügen neuer Erkenntnisse zu den schon vorhandenen konnte ja als durchaus im Sinne des Zweckes der theosophischen Bewegung liegend empfunden werden. Denn es war ja das Neue, das er zu bringen hatte, geeignet, die theosophische Bewegung zu dem zu befähigen, was sie leisten sollte, aber bisher zu erfüllen nicht vermocht hatte. Denn, was er ihr zu geben hatte, das waren ja nun gerade die drei Dinge, die, wie wir schilderten, (S67) der theosophischen Bewegung zur Verwirklichung ihrer Ziele fehlten. Und so konnte auf seiner Seite die Hoffnung damals eine durchaus berechtigte und erlaubte sein, daß die Theosophische Gesellschaft durch sein Wirken allmählich sich dem Gefäß sich heranentwickle und umbilde, durch das die geistigen Impulse, die in unsere Zeit hereinwollen, in der dem Zeitbewußtsein angemessenen Form, welche er ihnen zu geben versuchte, würden in sie hineinfließen können.


   Für die ersten beiden Dinge, die der theosophischen Bewegung fehlten, eine wissenschaftliche Darstellungsweise der geistigen Welt und einen von der Grundlage des modernen Bewußtseins aus in die übersinnliche Welt hineinführenden Erkenntnisweg, bedeutete ja dasjenige, was wir im letzten Kapitel als den Inhalt der beiden Bücher "Theosophie" und "Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?" skizzierten, bereits die Erfüllung. Mit dem dritten aber: einer geisteswissenschaftlichen Aufklärung über das Wesen des Christentums und sein Verhältnis zur europäischen Zivilisation, war von Rudolf Steiner ja bereits vor seinem Eintritt in die Theosophische Gesellschaft in seinem Buche "Das Christentum als mystische Tatsache" ein erster Anfang gemacht worden. Dessen weitere Ausgestaltung ergab sich nun nach der Grundlegung der modernen Geistes-Wissenschaft in den genannten zwei Schriften als die hauptsächlichste Aufgabe seines weiteren Wirkens in der Theosophischen Gesellschaft. Da in den Schriften Blavatzkys und ihrer Schüler gerade über diese Dinge wenig Befriedigendes zu finden war, so trat aus dem Mitgliederkreis der Theosophischen Gesellschaft selbst an Rudolf Steiner hauptsächlich der Wunsch heran, über die Entstehung und die religiösen Urkunden des Christentums geisteswissenschaftliche Aufschlüsse zu erhalten. Durch viele Vortragszyklen über das Wesen des Christus und des Christentums und über die einzelnen Teile des Alten und Neuen Testaments hat er diesem Wunsche gerecht zu werden versucht. In seinem 1910 erschienenen umfassenden Werke "Die Geheimwissenschaft im Umriß" und in der 1911 erschienen Schrift (S68) "Die geistige Führung der Menschen und der Menschheit" hat er dann einiges von dem, was er in diesen vor den Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft gehaltenen "Zyklen" vorgetragen hat, zur öffentlichen Darstellung gebracht.


   Will man im Sinne dieser Schriften, das heißt auf geisteswissenschaftliche Art, die Christuserscheinung verstehen, so muß man den ganzen Gang der Welt- und Menschheitsentwicklung ins Auge fassen, wie er sich für die übersinnliche Forschung darstellt. Denn in ihrem Lichte erscheint das Christuereignis als das größte, das Mittelpunktsereignis des ganzen Welten- und Menschheitswerdens, zu dem alles, was im Laufe des letzteren geschieht, in irgendeiner Beziehung steht. Und so wird in der "Geheimwissenschaft" zu diesem Behufe eine geisteswissenschaftliche Kosmogonie gegeben. Ihre wesentlichsten Züge sollen im folgenden kurz skizziert werden.


   In unserer Weltenzeit ist der Mensch das Wesen, das die obere und die untere, die geistige und die physische, die himmlische und die irdische Welt miteinander verbindet. Unter ihm stehen die drei Naturreiche, als deren höchstes, viertes er zwischen Geburt und Tod bezeichnet werden kann; über ihm stehen die drei Geisterhierarchien, als deren unterste, vierte er zwischen Tod und neuer Geburt angesehen werden kann. Als das dreigliedrige Wesen, als das er im vorangehenden Kapitel charakterisiert wurde, nimmt er im Kreislauf seines Daseins an allen Reichen des Weltenwesens teil. In dieser Vermittlung der oberen und der unteren Welt liegt sein eigentliches "Wesen", sein Weltenberuf; sie wird daher nicht nur in dem gegenwärtigen, sondern wurde in allen Weltzeitaltern von ihm besorgt. Freilich auf andere Arten als heute; denn die Welt hatte nicht immer die gegenwärtige Gestalt. Je weiter man mit dem geistigen Auge in die Weltvergangenheit zurückschaut, desto näher kommen sich die geistige und die physische Welt. Die geistige erscheint weniger geistig, noch mehr im Physischen wirkend; die physische weniger physisch, auf geistigere Art lebend. Der Abstand zwischen beiden wird immer größer, je mehr man sich der Gegenwart nähert. Die Geisteswissenschaft unterscheidet in dieser (S69) Entwicklung vier deutlich voneinander geschiedene Epochen, die sie, mit der gegenwärtigen angefangen, nach rückwärts als Erden-, Mond, Sonnen- und Saturnzustand bezeichnet (welche Epochen zunächst mit den gleichnamigen heutigen Himmelskörpern nichts zu tun haben). Während des ersten, des Saturnzustandes, waren Geistiges und Physisches noch eine ungeschiedene Einheit: das Physische war noch ganz geistig und das Geistige unmittelbar physisch wirkend. Demgemäß war auch die "Vermittlung" der beiden Welten durch den Menschen noch eine ganz andere als heute: die drei Glieder seines Wesens, Leib, Seele, Geist, hatten sich noch nicht auseinandergefaltet, sondern waren selbst noch eine ungeschiedene keimhafte Einheit. Aber als solche waren sie doch schon da. Hier wird nun ein Weltengeheimnis offenbar: der Mensch ist so alt wie die Welt. Denn von dem Augenblick an, da eine wenn auch noch einheitliche, aber doch mit dem Trieb zur Entzweiung erfüllte Welt vorhanden war, mußte auch das mit der Aufgabe der Vermittlung begabte Wesen da sein. Ja, noch mehr: sollte der Mensch ins Dasein treten, so mußte eine zunächst einheitliche, aber mit dem Trieb zur Entzweiung erfüllte geistig-physische Welt geschaffen werden. Und sollte das Menschenwesen sich entfalten - denn es kann dies nur im Verbinden der Gegensätze - so mußte die Entzweiung in die Erscheinung treten. Solange aber die geistige und die physische Welt noch ungeschieden waren und der Mensch selbst als solch einheitlich geistig-physisches Wesen lebte, gab es noch keinen Unterschied zwischen ihm und der Welt. Er war selbst die Welt, und die Welt war der Mensch. Und hier enthüllt sich ein zweites Geheimnis: der Mensch ist nicht nur so alt wie die Welt, er ist selbst das älteste Wesen der Welt. Er war im Anfange die ganze "Welt"; und was mit der Entstehung der "Welt" ins Dasein trat, das war er. Indem nun aber sein ursprünglich einheitliches Wesen in die Entzweiung, das heißt in die Entfaltung eintritt, macht sich ein allumfassendes Weltengesetz geltend, das auch heute überall waltet, wo Entwicklung stattfindet. Nicht alle "Menschenkeime" können die Entwicklung mitmachen; ein Teil von ihnen bleibt (S70) zurück und wird aus ihr ausgeschieden. Während des zweiten, des Sonnenzustandes, ist nun schon ein gewisser Grad der Trennung von Geistigem und Physischem eingetreten. Die normal fortgeschrittenen Menschenwesen haben entsprechend der Verdichtung ihres Physischen ein reineres Geistiges aus sich zur Entfaltung gebracht, durch welches sie die entzweite Welt in sich verbinden. Die zurückgebliebenen sind durch den Weltenfortgang ebenfalls physischer geworden, haben aber kein entsprechendes Geistiges in sich entwickelt; sie sind daher vom Geistigen losgerissen. Sie bilden den Anfang dessen was später zu den Naturreichen geworden ist. Während des dritten, des Mondenzustandes, hat die Loslösung von geistiger und physischer Welt weitere Fortschritte gemacht. Die normalen Menschenwesen haben zu ihrer weiter verdichteten Leiblichkeit ein noch höheres Geistiges aus sich hervorgetrieben und verbinden so wiederum die getrennten Welten. Unter ihnen stehen nun schon zwei Naturreiche. Denn auch auf der Sonnenstufe ist wieder ein Teil von ihnen stehen geblieben. Diese sind also in verschiedenem Grade vom Geistigen losgerissen und in die weitere Verdichtung des Physischen mithineingezogen. Auf der vierten gegenwärtigen Erdenstufe endlich haben wir den höchsten Grad der Getrenntheit der geistigen und der physischen Welt. Der Mensch hat jetzt seine volle Entfaltung zu dem dreigliedrigen Wesen erlangt, als welches er in der oben angedeuteten Art die obere und die untere Welt vermittelt. Unter ihm stehen die drei Naturreiche, vom fortwirkend schöpferischen Geistigen losgerissen, als auf drei verschiedenen Stufen seiner Entwicklung stehen gebliebene Menschenanlagen und in die volle Entgeistung, das heißt Verdichtung des Stofflichen hinuntergezogen. Die Naturreiche in ihrer Gesamtheit aber sind die Erde. Welches ist also das wahre Verhältnis des Menschen zur Erde? Er kann in ihr eine Welt geschwisterlicher Wesen sehen, die auf ihre Entwicklung verzichtet haben, damit er  zur vollen Entfaltung seines Wesens aufsteigen konnte. Denn überall, wo Wesen eine Entwicklung finden, ist dies nur dadurch möglich, daß ein Teil von ihnen auf diese Verzicht leistet. Daraus ergibt (S71) sich nun aber die verantwortungsvolle Aufgabe, die dem Menschen gegenüber den Naturreichen, gegenüber der Erde erwachsen ist. Der Mensch ist auf der Erde im vollen Sinne Mensch geworden. Er kann "Ich" zu sich sagen, das heißt sich selbst als ein in sich ruhendes Wesen erfassen. Die Geschichte der Erdenmenschheit ist zunächst in ihrem Wesen nichts anderes als die Geschichte des Ich-zu-sich-sagen-lernens des Menschen. Sie ist in ihrem Verlauf wiederum ein Abbild des ganzen kosmischen Menschenwerdens. Wie in der Weltenzeit, da die physische Welt sich am weitesten von der geistigen entfernt hatte, das Menschenwesen zu seiner vollen Entfaltung kam, so erlangte die Erdenmenschheit in der Erdenzeit, da die vorübergehende Abgeschnürtheit ihres Erdenbewußtseins von der geistigen Welt den tiefsten Punkt erreichte, die volle Fähigkeit des Ichbewußtseins. Diese innere Entwicklungsgesetzmäßigkeit wurde nun aber für sie und damit für die ganze Erde zugleich eine Gefahr. Denn in dem Maße, als der Mensch sein volles Ichbewußtsein erlangte, das heißt zur vollen Ausbildung seines Menschenwesens aufstieg, erwuchs ihm gegenüber der Natur die Aufgabe, ihr von sich aus das Geistige schenkend einzuverleiben, das zu entwickeln sie in ferner Weltenvergangenheit verzichtet hat, und das sie sich jetzt nicht mehr selbst geben kann. Es entsteht für sein ferneres Erdendasaein die Aufgabe, den Naturreichen das zurückzugeben, was er ihnen in gewissem Sinne einstmals genommen hat. Aber, indem er zur vollen Ausgeburt seines Menschenwesens gerade in dem Zeitalter kam, in dem sein Bewußtsein am meisten der geistigen Welt entfremdet und ganz der irdischen Stoffeswelt zugewandt war, hätte er aus eigener Kraft seine Aufgabe gar nicht erfassen und in Angriff nehmen können. Anstatt daß er die Erde aus ihrer Verstofflichung zu erlösen und mit dem Geiste wiederzuverbinden begonnen hätte, wäre er von ihr in die Stofflichkeit ganz hinabgezogen worden und mit ihr zusammen der vollkommenen Abschnürung vom lebendigen, schaffenden Geiste, das heißt dem Ersterben im Stoffe verfallen, in das er ja zur vollen Entfaltung seines Wesens mit ihr bis zu einem gewissen Grade zunächst (S72) hatte hinuntersteigen müssen. Da geschah durch die "Leitung" des ganzen Menschen- und Weltenwerdens eine Tat, durch die dieses vor dem Scheitern, das ihm drohte, bewahrt wurde und die große Umkehr erfuhr. Diese "Leitung" wird von den Wesen der geistigen Welt besorgt und geht letzten Endes aus von einer höchsten geistigen Wesenheit, die bis dahin von der Sonne als dem Mittelpunkt des zum Menschen gehörenden Kosmos aus ihre Wirksamkeit entfaltet hatte. Diese Wesenheit, als welche die Geistesforschung den "Christus" anerkennt, stieg von der Sonne herunter, verkörperte sich durch das Ereignis, das die Evangelien als die Jordantaufe schildern, in dem Menschen Jesus von Nazareth und zog bei dessen Kreuzestod in die Erde ein, von der aus sie seitdem ihre leitende Tätigkeit fortsetzt. Durch dieses Ereignis änderte sich alles im Weltenall. Dem Menschen wurde, indem der Christus in der Persönlichkeit des Jesus im Felde seines historischen Erdenbewußtseins erschien, die Möglichkeit gegeben, aus diesem seinem Erdenbewußtsein heraus die Verbindung mit ihm und durch ihn als das Mittelpunktswesen der Geistwelt, mit dieser selbst zu finden. Den Naturreichen, der Erde aber wurde, indem der Christus sie zu seiner Wohnstätte machte, die Fähigkeit verliehen, sich durch die Arbeit des Menschen durchgeistigen zu lassen, was im Laufe des Weltenfortganges immer mehr und mehr geschehen soll. Dadurch wird das in Verbindung mit dem Christus geschehende Wirken des Menschen das Erdensein in den künftigen Epochen des Weltenwerdens auf dem Wege der Vergeistigung alle die Stufen wieder hinaufführen, die es auf der Bahn der Verstofflichung zunächst hat herabsteigen müssen. Einer jeden Stufe des Abstieges wird eine solche des Wiederaufstieges entsprechen. Und dadurch wird immer mehr in die Offenbarung treten, was durch das Mysterium von Golgatha eigentlich geschehen ist: daß der geistige Mittelpunkt des Weltenalls von der Sonne auf die Erde verlegt worden ist. Die geistige Sonnenkraft des Christus, die heute noch eine recht verborgene ist, wird immer mehr die Erde vergeistigend von innen heraus durchleuchten. Sie wird aus der Erde in das Bewußtsein (S73) des Menschen herausstrahlen und die Weltengeheimnisse in ihm offenbar werden lassen, die sie in sich birgt. Freilich ist dazu der Wille des Menschen notwendig, dieses Christuslicht in sich aufzunehmen und sich mit ihm zu verbinden. Wird dieser Wille aber entwickelt, dann wird der Christus ihm alle die Weltgeheimnisse fortschreitend wieder enthüllen, die der Mensch in Urzeiten einmal, als er mit der geistigen Welt noch verbunden war, aber noch nicht die volle Entfaltung seines Eigenwesens erlangt hatte, in einer instinktiv-traumhaften Weise noch "gewußt" hat. Und diese beiden Dinge unterscheiden die christliche von jeder anderen im Laufe der Menschheitsentwicklung aufgetretenen Religionen: an ihrem Ausgangspunkt steht nicht eine Lehre, sondern eine Tat, und zwar die entscheidende Tat des ganzen Weltenwerdens. Und nachdem der Christusimpuls einmal auf der Erde erschienen ist, veraltet er niemals, sondern erneuert sich für jedes Zeitalter in immer reicherer Gestalt. Seine Entwicklung vollzieht sich nicht durch Bewahrung und Fortbildung eines einmal gegebenen Lehrgehaltes, sondern sie wird bewirkt durch ein von Epoche zu Epoche geschehendes ursprüngliches Hervorbrechen immer neuer umfassenderer Offenbarungen seines Wesens, im Sinne des Wortes: "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."


   Hieraus wird nun auch der tiefste Impuls dessen verständlich, was heute mit der Anthroposophie als neue Geistesoffenbarung auftritt. Diese ist nicht ein Wiederaufwärmen alter vorchristlicher Weltanschauungen oder eines traditionellen christlichen Bekenntnisses, sondern ein von jeder Überlieferung unabhängiges, ursprüngliches Heraufbrechen neuen Offenbarungslichtes aus der Wirksamkeit des gegenwärtigen lebendigen Christus heraus. Daher steht auch die Gestalt des Christus im Mittelpunkte der anthroposophischen Geistesoffenbarung.


   Daß in diesem Sinne Christus für das Erleben der Menschen in unserem Zeitalter "wiedererscheinen" werde, hat man in den Kreisen, in denen ein wirkliches Wissen von den Geheimnissen des Christentums gepflegt wurde, seit lange gewußt und ist auch in der (S74) Prophezeiung von der "Wiederkunft Christi" in die äußere Welt hinausgedrungen. Allerdings hat man da den wahren Sinn dieses Wortes nicht mehr verstanden. Diese okkulte Überlieferung wurde nun auch von den nichtdeutschen Kreisen der Theosophischen Gesellschaft aufgenommen, die im wesentlichen doch bei den Blavatzkyschen Offenbarungsgütern stehen geblieben waren. Ja, die sich, wie schon Blavatzky in ihrer letzten Lebenszeit selbst, immer mehr aus der abendländisch-christlichen Geistesentwicklung herausgestellt und der Pflege und Erneuerung der altorientalischen Mysterienweisheit zugewandt hatten, was ja darin auch seinen äußeren charakteristischen Ausdruck fand, daß das Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft nach Adyar in Indien verlegt worden war. Mit den neuen von Rudolf Steiner ausgehenden Offenbarungen war mit Ausnahme kleiner in den verschiedenen europäischen Ländern bestehender Kreise nur die deutsche Sektion mitgegangen. So war es kein Wunder, daß die gekennzeichnete Prophezeiung von der Wiederkunft Christi bei den anderen Teilen, und vor allem bei der Leitung der Theosophischen Gesellschaft, mißverstanden und, mit anderen okkulten Vorstellungen zusammengeworfen, zu dem Glauben führte, Christus werde in unserer Zeit in einer physischen Verkörperung wiedererscheinen. Und aus diesem Glauben heraus wurde von der Leitung der Theosophischen Gesellschaft ein besonderer "Orden vom Stern im Osten" begründet, der diese Wiederkunft Christi vorbereiten sollte.


   Ein solches Beginnen konnte natürlich nur aus einer vollkommenen Verkennung des Christuswesens und des Mysteriums von Golgatha hervorgehen. Wer diese im okkulten Sinne wirklich kennt, der weiß, daß eine physische Verkörperung des Christuswesens nicht ein zweites Mal eintreten kann; denn dadurch würde die Tat auf Golgatha als eine vergebliche hingestellt.


   Rudolf Steiner mußte daher aus seiner Geisterkenntnis diesen Aberglauben und dieses Beginnen aufs deutlichste als die Absurdität bezeichnen, die sie waren, und die Beteiligung daran für die deutsche Sektion aufs entschiedenste ablehnen. Diese führte dazu, (S75) daß er von der Leitung der Theosophischen Gesellschaft aus dieser ausgeschlossen wurde. Dieselbe geistige Verkündigung, namentlich auch über das Wesen des Christentums, wie sie in seinen Schriften aus dem Anfang des Jahrhunderts, in seinem "Christentum als mystische Tatsache", wenn auch in den Anfängen, durchaus schon vorlag und die sich in nichts geändert hatte, war es also, um derentwillen man ihn  zuerst in die Theosophische Gesellschaft "einschloß" und ein Jahrzehnt später wieder "ausschloß". Mit ihm traten die meisten Mitglieder der deutschen Sektion aus der Theosophischen Gesellschaft aus und gründeten die "Anthroposophische Gesellschaft", welche fortan den Rahmen bildete für die weitere Verkündigung, Pflege und Ausgestaltung der von Rudolf Steiner ausgehenden geisteswissenschaftlichen Offenbarung.