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VII

Die Begründung der freien Hochschule für Geisteswissenschaft

Goetheanum in Dornach


   Von den im letzten Kapitel geschilderten Ideen und Impulsen zur Erneuerung der verschiedenen Gebiete des sozialen Lebens, die von Rudolf Steiner als Früchte seiner anthroposophischen Geistesforschung der Menschheit geschenkt wurden, darf man wahrlich sagen, daß sie aufs glänzendste die Richtigkeit der Meinung erwiesen haben, die sich Rudolf Steiner am Ausgangspunkte seines geistigen Strebens gebildet hatte über dasjenige, was unser Zeitalter bedürfe, und über die Wege, auf denen diesen Bedürfnisse ein Befriedigung verschafft werden müsse. Denn auf der einen Seite haben sie sich durch die lebenerneuernden Wirkungen, die auf allen Gebieten von demjenigen ausstrahlten, was aus der geistigen Welt heraus gegeben werden konnte, gezeigt, daß die Wiedererschließung der letzteren für die Weiterentwicklung der modernen Zivilisation in der Tat eine Lebensnotwendigkeit war - auf der andern Seite aber ist, im Gegensatz zu anderen auf das Übersinnliche hinzielenden Bestrebungen der Gegenwart, auch klar geworden, daß solche fruchtbaren, kulturaufbauenden Impulse aus der geistigen Welt einzig und allein auf dem von der Anthroposophie gebahnten Weg in die menschliche Zivilisation einfliessen können. Dieser Weg ist, wie wir in den vorangehenden Abschnitten dargestellt haben, gekennzeichnet nach der einen Richtung hin durch eine Erhebung des bewußten menschlichen Erlebens über den Umkreis seiner gewöhnlichen Inhalte hinaus zur Erfassung übersinnlicher Weltgebiete, nach der andern Richtung hin durch ein Hereingiessen dieser übersinnlichen Weltinhalte in die Formen der wissenschaftlichen Begriffe, welche die Menschheit in den letzten Jahrhunderten zunächst für die Darstellung ihrer Naturerkenntnisse ausgebildet und verwendet hat. Und hierin liegt die epochale Bedeutung von Rudolf Steiners Auftreten innerhalb der neueren (S116) Menschheitsentwicklung, daß durch ihn nicht nur eine noch nie dagewesene Fülle von Offenbarungen aus der geistigen Welt in die sinnliche heruntergetragen worden sind, sondern daß zugleich auch das zunächst von der Naturwissenschaft ausgebildete moderne Denken, indem er es zum Gefäß für diese geistigen Offenbarungsinhalte machte, durch ihn ein gewaltiges Stück zum Geiste hinaufgehoben und zu ganz neuen Aufgaben befähigt worden ist.


   Durch dieses sein Wirken, namentlich in der geschilderten dritten Epoche der Entwicklung der Anthroposophie, war nun aber durch Leistungen und Tatsachen, die vor die Welt hingestellt waren, erwiesen, daß durch eine solche moderne Geistes-Wissenschaft diejenige Verbindung zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt wiederhergestellt sei, von der aus in alle Gebiete der modernen Zivilisation die Lebenskräfte einfliessen können, die diese für ihre weitere Entwicklung von der Gegenwart an brauchen. Und wenn nun Rudolf Steiner zuletzt noch daranging, dieser Bedeutung des anthroposophischen Geistesstrebens für die moderne Zivilisation einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen durch die Begründung einer Institution, die als geistiges Zentrum der anthroposophischen Bewegung zugleich der Quellpunkt für die Neugestaltung und fortdauernde Befruchtung aller Lebensgebiete durch die Impulse einer neuen Geisteserkenntnis werden, d.h. in neuer Weise eine Funktion übernehmen sollte, wie sie in alten Zeiten die Mysterienstätten gehabt haben - so bedeutete diese Gründung nicht ein bloßes Programm - es lag in ihr auch nicht eine unbegründete, überhebliche Anmaßung -  sondern es wurden dadurch nur demjenigen sein wahrer Name und die durch sein eigenes Wesen geforderten sozialen Formen gegeben, was tatsächlich schon seit vielen Jahren das Wirken der anthroposophischen Bewegung, wo es aus ihrem Zentrum heraus geschah, geworden war. In dem damit angedeuteten Sinne sind denn auch, als die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft anläßlich einer Tagung der Anthroposophischen Gesellschaft zu Weihnachten 1923 in Dornach eröffnet wurde - zu einer Zeit also, da eine äußere Stätte für sie gar nicht vorhanden war - ihre (S117) Aufgaben von Rudolf Steiner in aller Deutlichkeit bezeichnet und in ihrem Statut festgelegt worden. Diese Hochschule soll nicht als ein Konkurrent der heutigen Universitäten und Akademien dasselbe auf eine andere oder bessere Art lehren, was diese auch lehren; sondern sie soll dasjenige sein, was diese letzteren Institute ihrem Wesen nach nicht sein können und nicht sein wollen: eine esoterische Schule. Ihre Aufgaben liegen einerseits in der Pflege einer übersinnlichen Forschung, anderseits in der Fruchtbarmachung von deren Ergebnissen für die verschiedenen Lebensgebiete. Und diesen ihren beiden Aufgaben entsprechend wurde auch ihre Einrichtung gestaltet. Sie ist einerseits "vertikal" in drei Klassen gestuft, die in gewisser Weise der Stufenfolge der geistigen Forschungsmethoden entsprechen. Sie gliedert sich anderseits "horizontal" in sieben Fachsektionen: eine allgemein anthroposophische und pädagogische, eine medizinische, eine naturwissenschaftliche, eine astronomische, eine für bildende Künste, eine für redende und musikalische Künste, eine für schöne Wissenschaften. (Später ist dann noch eine Sektion speziell "für das Geistesstreben der Jugend" hinzugefügt worden.) Dem oben gekennzeichneten Ziele der Schule gemäß, die einzelnen Fachgebiete aus den Ergebnissen der esoterischen Forschung heraus zu bearbeiten, besteht jedoch die Einrichtung, daß Mitglied einer der Fachsektionen nur werden kann, wer vorher als Mitglied der allgemein anthroposophischen Sektion in die Schule aufgenommen worden ist. Die Leitung der Schule und der allgemein anthroposophischen Sektion übernahm bei ihrer Eröffnung Rudolf Steiner selbst; zu Leitern der übrigen Sektionen berief er Albert Steffen (schöne Wissenschaften), Marie Steiner (redende und musikalische Künste), Dr. Ita Wegmann (Medizin), Dr. Günther Wachsmuth (Naturwissenschaft), Dr. Elisabeth Vreede (Astronomie), Miss Marion (bildende Künste). In den neun Monaten, die ihm nach der Begründung der Schule innerhalb derselben zu wirken noch vergönnt waren, konnte Rudolf Steiner das, was man ihren "Lehrgang" nennen könnte, noch zu einem großen Teil ausgestalten. Dieser Lehrgang besteht in einem (S118) dem spezifischen (und sogleich zu schildernden) Charakter dieser Schule angemessenen, streng methodischen Schulungsweg der Seele zur Erlangung übersinnlicher Erkenntnisse; durch dessen Vermittlung soll die Schule künftig jedem, der ihr Mitglied wird, die Möglichkeit bieten können, zur Erkenntnis der geistigen Welt aufzusteigen.


   Um nun die volle Bedeutung zu verstehen, die der Begründung dieser modernen Mysterienschule und dem wenn auch nur mehr kurzen Wirken Rudolf Steiners innerhalb derselben im Ganzen seines Lebenswerkes zukommt, ist es notwendig, die ganze in den bisherigen Kapiteln geschilderte Entwicklung der anthroposophischen Bewegung von einem bestimmten Gesichtspunkte noch einmal zu überblicken.


   Wir haben gesehen, wie die anthroposophische Geistesoffenbarung, nachdem sie als solche einmal ihren Anfang dadurch hatte nehmen können, daß aus dem modernen Denken die Begriffsformen herausgearbeitet worden waren, in die sie hineingegossen werden konnte - wir sahen wie sie von da an in dem Maße, als sie sich über immer neue Weltgebiete erweiterte, allmählich auch zu immer höheren Darstellungsformen aufstieg. Zunächst eben trat sie als Wissenschaft auf, eingekleidet in - dem Tode des Materialismus entrungene - lebendige Begriffe. Dann aber genügten ihr diese allein nicht mehr, und sie ergriff die Offenbarungsmöglichkeiten, die in der künstlerischen Gestaltung liegen; wir sahen, wie dadurch auch die Künste vom Tode zu einem neuen Leben erweckt wurden. Und endlich erreichte sie in dieser ihrer Entwicklung einen gewissen Gipfelpunkt, indem sie zuletzt sittlich-soziale Ideale und Impulse hervorbrachte, in welchen sie höchste Geheimnisse der geistigen Welt zur Offenbarung bringen konnte, und durch welche, wie wir zeigten, schließlich auch dem sozialen Streben der modernen Menschheit ein Weg eröffnet wurde, auf dem es wieder in eine fruchtbare Lebenspraxis hineinkommen kann.


   Diese Entwicklung der Offenbarungsformen der Anthroposophie ist ja nun in gewissem Sinne ein Abbild der Stufenfolge (S119) der Erkenntnisformen, die ihren Offenbarungen zugrunde liegen. Und von diesen Erkenntnisformen: Imagination, Inspiration, Intuition, haben wir in einem früheren Kapitel gezeigt, wie sie sich der Mensch erringen kann durch die Umwandlung seiner drei Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen zu höheren Erkenntnisorganen. Nun ist ja diese Umwandlung nicht eine willkürliche, der menschlichen Natur von außen aufgezwängte Betätigungsart dieser Seelenkräfte, sondern nur das Zuendeführen der menschlichen Wesensentwicklung nach derselben Gesetzmäßigkeit, nach welcher sich diese auch auf den niedrigeren Stufen des menschlichen Daseins vollzieht. Denken, Fühlen und Wollen sind ja nur eine Offenbarungsform der drei Grundkräfte des menschlichen Wesens, in deren fortwährender, auf immer höherer Stufe sich wiederholender Metamorphose in Wahrheit dasjenige besteht, was wir, auf welcher Stufe immer, Entwicklung des Menschen nennen. Zu einer ersten Ausgestaltung kommen diese drei Grundkräfte im heranwachsenden Menschen; die drei deutlich zu unterscheidenden Epochen, in denen das Heranwachsen sich vollzieht, werden ja nur hierdurch verständlich. Die Richtlinien, die aus der Anthroposophie in so fruchtbarer Weise für die Pädagogik erflossen sind, liegen eben in den Aufschlüssen, die sie über das wahre Wesen dieser Entwicklungsvorgänge im Kinde liefert. In einem ersten Lebensabschnitt bis etwa zum siebenten Jahre kommt zunächst jene Kraft auf einer ersten Stufe zur Entwicklung, die sich auf einer späteren dann im Denken offenbart. Das ganze Kind ist in dieser Zeit gleichsam ein Sinnesorgan; all seine Tätigkeit besteht einerseits im staunenden Anschauen der Welt, anderseits im Nachahmen ihrer Vorgänge und Tatsachen. Und in diesem sinnlichen Bestaunen und körperlichen Nachbilden der Erscheinungen liegt eine primitive Form dessen vor, was dann später in einem verinnerlichten Befragen und seelischen Nachbilden derselben durch Vorstellungen als Erkenntnisbetätigung erscheint. Die Zeit vom siebenten bis etwa zum vierzehnten Jahr ist dann bestimmt durch die vorherrschende Entwicklung der Gefühlskräfte: das Kind ist jetzt ganz Künstler, und nur der (S120) Schulunterricht wird seinem Wesen in diesem Lebensalter gerecht, der (wie es in der Waldorfschule geschieht) ihm alle Lehrgegenstände in künstlerisch gestalteter Form nahebringt. Malend und zeichnend, singend und eurythmisierend will da das Kind aufnehmen, was es sich aneignen soll. Vom vierzehnten bis etwa zum einundzwanzigsten Jahre kommt dann der Wille zur Entfaltung, und er bereitet der Offenbarung der eigentlichen Individualität des Menschen den Weg, mit der er ja am innigsten von allen Seelenkräften verbunden ist. Der Mensch beginnt jetzt nach eigenem Urteil, nach selbstgebildeten sittlichen Idealen zu streben.


   Die Entwicklung, die dann der erwachsene Mensch weiterhin durchmachen kann, besteht ihrem Wesen nach darin, daß die drei Seelenkräfte wieder in derselben Reihenfolge nun von der Individualität, die erst mit dem Eintritt des Erwachsenenseins voll zum Durchbruch kommt, durchdrungen und in immer höherem Grade zum Ausdruck ihres eigensten Wesens umgestaltet werden. Denn so vollzieht sich die Gesamtentwicklung des Menschen, daß sein Ich in der physischen Welt erst dann in die volle Erscheinung tritt, wenn ihm während des Heranwachsens gleichsam die Natur die drei Seelenkräfte zubereitet hat, die es dann als Werkzeuge für seine Wesenheit gebrauchen und sich immer mehr zu eigen machen kann. Die menschliche Individualität schickt sich in der Entwicklung die drei Seelenkräfte gleichsam voraus und erscheint selbst auf dem Schauplatz der physischen Welt erst, wenn jene zu voll brauchbaren Werkzeugen ausgebildet sind. Man kann deshalb die Entwicklung des Menschen auch in der Weise charakterisieren: während ihrer ersten Epoche, welche die Zeit der Heranwachsens umfaßt, werden dem Menschen die drei Seelenkräfte gewissermaßen durch die Natur zubereitet; aus ihrer Hand übernimmt er sie dann in der zweiten Epoche in seine eigene und wandelt sie fortschreitend zum Ausdruck seines eigenen Wesens um. Und hiermit haben wir nun den Gesichtspunkt gewonnen, von dem aus das innerste Wesen jener Art der Umwandlung der drei Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen erkannt werden kann, welche (S121) die geisteswissenschaftliche Schulung darstellt und durch die diese zu übersinnlichen Erkenntnisorganen werden. In dieser liegt nämlich eine spezifische dritte und letzt Stufe vor, zu der sich die menschliche Wesensentwicklung nun dadurch schließlich erheben kann, daß der Mensch die drei Seelenkräfte, wie er sie auf der ersten Stufe von der Natur ausgebildet erhält, auf der zweiten mit seinem eigenen Wesen durchdringt, nun als ichdurchdrungene, d.h. aber durchgeistigte, der Welt in gewissem Sinne zurückgibt. Werden sie nun, in dieser Weise zu Geisteskräften verwandelt, der Welt wieder zurückgegeben, dann haben sie sich für diese zu Organen gebildet, durch die sie ihr eigenes Wesen offenbaren kann. Und in diesem selbstlosen, gleichsam hinopfernden, stufenweisen Zur-Verfügung-stellen seiner voll durchindividualisierten Seelenkräfte an die Welt, damit diese durch dieselben ihre Geheimnisse enthüllen kann, liegt der innerste Nerv der anthroposophischen Geisterkenntnis - liegt auch dasjenige, was diese ganz scharf und wesenhaft von jeder nur philosophischen Weltanschauung unterscheidet. Der Anthroposoph erwirbt sich durch die geisteswissenschaftliche Entwicklung seiner Seelenkräfte die Fähigkeit, sich mit diesen in einem solchen Grade an die Welt hinzugeben, daß, was er ausspricht, nicht mehr nur seine eigene, sondern gleichsam die innerste Meinung der Dinge selbst ist, und daher auch für die Dinge selbst, nicht nur für ihn, eine Bedeutung hat. Philosophische Weltanschauungen, wie immer sie geartet sein mögen, gehören alle der oben charakterisierten zweiten Stufe der menschlichen Wesensentwicklung an, d.h. sie sind ein Ausdruck der Durchdringung der menschlichen Seelenkräfte mit dem Ich. Daher ist auch eine philosophische Weltanschauung von ihrem Schöpfer nie abzutrennen, sie hat letzte Wahrheit eigentlich nur für ihn; denn sie ist im Grunde die tiefste Offenbarung seines Wesens. Eine Geisterkenntnis aber, wie die anthroposophische, weil sie zustande kommt, indem der Mensch seine von seinem Ich voll eroberten Seelenkräfte der Welt als Sprachorgane hinschenkt, wird eine von ihrem Schöpfer sich loslösende, in sich ruhende, objektive Offenbarung der Welt (S122) selbst und kann als solche für jeden Menschen Wahrheit werden. Eine solche Erkenntnis bekommt ein eigenes, von ihrem Schöpfer unabhängig werdendes Leben. Hierin liegt nun die Ursache dafür, warum die Anthroposophie jene gesetzmäßige Entwicklung nehmen konnte, die wir in den vorangehenden Abschnitten geschildert haben. Eine Entwicklung, in welcher die drei Seelenkräfte nun nicht mehr bloß als menschliche Fähigkeiten, sondern gleichsam als die Organe der sich offenbarenden Welt selber eine höchste Art der Entfaltung erlebten nach derselben Gesetzmäßigkeit, nach welcher sie auf einer niedrigeren Stufe als menschliche Seelenkräfte zur Entwicklung kommen. Eine Entwicklung, durch die sich Anthroposophie als etwas in sich selbst Lebendiges so entfaltete, wie sich ein menschliches Wesen entfaltet. Liegt doch geradezu die eigentümliche - und keineswegs zufällige, sondern tief in dem Geschilderten begründete - Tatsache vor, daß die drei Entwicklungsepochen der Anthroposophie, die wir darstellten (Kapitel IV,V,VI), auch jeweils etwa sieben Jahre dauerten. Im Jahre 1902 wurde Rudolf Steiner Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, und von da ab hat seine Darstellung der geistigen Welt in Form einer Geistes-Wissenschaft erst so recht begonnen. Ungefähr sieben Jahre später, etwa vom Jahre 1909 an, setzte dann die zweite, künstlerische Epoche in der Entwicklung der Anthroposophie ein, und wieder sieben Jahre später, 1916, sprach Rudolf Steiner zum ersten Male die Dreigliederungsidee aus, welche dann die geschilderte dritte Epoche einleitete. Man kann sagen: nachdem die Anthroposophie als die geistige Offenbarung der Welt selbst, als die sie soeben im Gegensatz zu einer bloß philosophischen Weltanschauung gekennzeichnet wurde, einmal "geboren" war, entwickelte sie sich aus ihrer eigenen Lebensgesetzmäßigkeit von Jahrsiebent zu Jahrsiebent zu immer höheren Lebensformen; aber wodurch? Dadurch, daß ihr Schöpfer zunächst seine Denkkräfte, dann seine Gefühlskräfte, dann seine Willenskräfte in einem immer sich steigernden Opferdienste dem Weltenwesen hinschenkte. Und wer Rudolf Steiners Wirken miterlebt hat, der weiß, daß mit einem (S123) solchen Wort weder eine ausgeklügelte Theorie noch eine Phrase ausgesprochen, sondern nur enthüllt wird, was das innerste Wesen seiner Wirksamkeit war, und worin ja auch die Ursache zu suchen ist für die einzigartige, grenzenlose Verehrung, die sein Wesen bei jedem als die selbstverständliche Empfindung auslöste, der mit ihm in Berührung kam. Erkennt man dann aber in dieser Charakteristik der Anthroposophie und ihres Entwicklungsweges nicht eine bloße Theorie, sondern eine ihren Wesenskern treffende Kennzeichnung, dann wird einem nun die Tatsache bedeutsam erscheinen können, daß jene Weihnachtstagung vom Jahre 1923, auf welcher die Hochschule für Geisteswissenschaft eröffnet wurde, wiederum gerade sieben Jahre nach dem Beginn der dritten Epoche der Entwicklung der Anthroposophie stattgefunden hat, also gewissermaßen in das 21. Lebensjahr der anthroposophischen Bewegung fiel. Und die Frage wird sich einem dann aufdrängen können: Kam in dieser Begründung der Hochschule vielleicht der Beginn einer neuen Entwicklungsepoche der Anthroposophie zum Ausdruck? Welcher Art müsste eine solche dann aber sein?


   Diese Frage muß nun in der Tat bejaht werden, und der vorangehende Gedankengang war ja nicht bloß ein gelegentliches Apercu, sondern er mußte aus dem Grunde an dieser Stelle angestellt werden, weil erst eine solche, das innerste Wesen der Sache erfassende Betrachtung der Begriffsgrundlagen lieferte, auf denen es möglich wird, den spezifischen Charakter der ganz neuen Art zu kennzeichnen, die von diesem Ereignis an Rudolf Steiners Wirken innerhalb der anthroposophischen Bewegung, wenn es auch nur mehr kurze Zeit dauerte, tatsächlich angenommen hat. Denn indem wir gesehen haben, daß die Anthroposophie eine Entwicklung nahm, die sich mit der eines menschlichen Wesens vergleichen läßt, hindurchgehend durch drei Jahrsiebente, in deren erstem zunächst im Gedankenelemente lebend, im zweiten im Gefühlelemente, im dritten vornehmlich im Willenselemente, können wir nun ahnen, was für eine Epoche nach dem 21. Jahr ihres Lebens für sie (S124) eingesetzt hat. Denn indem sich uns zeigte, daß im Menschen erst in diesem Lebenszeitpunkt seine eigentliche Individualität so recht zur Geburt kommt, können wir uns den Gedanken bilden, daß auch die anthroposophische Bewegung in dem entsprechenden Zeitpunkt eine Art Mündigkeit dadurch erlangt habe, daß erst jetzt ihr allerinnerster Kern in ihr zum Durchbruch gekommen sei und seine innere Herrschaft in ihr angetreten habe.


   Um nun zu verstehen, worin dieses "Mündigwerden" bei ihr zum Ausdrucke kam, ist es notwendig, an diesem Punkte einmal das Verhältnis etwas genauer ins Auge zu fassen, in welchem die Anthroposophische Gesellschaft, deren Begründung wir in einem früheren Kapitel erwähnt haben, eigentlich zur Anthroposophie selbst stand, wie sie von Rudolf Steiner entwickelt und vertreten wurde. Dieses Verhältnis gehört nämlich auch zu den Dingen, durch die der oben charakterisierte Unterschied sich offenbart, der zwischen der Anthroposophie als einem esoterischen Impuls und einer nur philosophischen Weltanschauung besteht. Denn eine Gesellschaft, die sich an den Begründer einer esoterischen Strömung anschließt, ist etwas grundsätzlich anderes, als eine solche, die an irgendeine sonstige geistig bedeutende Persönlichkeit anknüpft. Und so war auch die Anthroposophische Gesellschaft - sie hieß ja darum auch nicht "Rudolf-Steiner-Gesellschaft", sondern eben "Anthroposophische Gesellschaft" - etwas durchaus anderes, als es etwa eine Fichte- oder eine Goethe-Gesellschaft ist. Denn für so etwas, wie Rudolf Steiner in seiner Anthroposophie geschaffen hat, ist sein Schöpfer nur eine Art Geburtshelfer. Ist es durch ihn einmal in dieser Welt zur Geburt gebracht, dann macht es sofort seine über dessen Persönlichkeit hinausragende, ihr gegenüber selbständige Wesenheit geltend. Und indem es sich als solche gleichsam verkörpert, braucht es als "Leib" eine ganze Menschengemeinschaft. Das von dieser gemeinsam gepflegte geistige Leben ist sein Leben. Denn dieses ist viel zu reich und umfassend, als daß es von einer einzigen Persönlichkeit, selbst derjenigen seines Begründers, vollständig zum Ausdruck gebracht (S125) werden könnte; daher fühlt sich der einzelne, der von diesem Leben wahrhaft berührt wird, über sich selbst hinausgetrieben zu einem solchen Zusammenschluß mit andern Menschen, durch den dieses Leben in seinem ganzen Reichtum zur Offenbarung gelangen kann.


   So entwickelte sich also die Anthroposophie vom Beginn des Jahrhunderts an, da sie als solche "geboren" worden war, in der Gemeinschaft zunächst der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft und dann der Anthroposophischen Gesellschaft; und es bedeutete die Führung und Heranbildung dieser Menschengemeinschaft zu einer gesunden, brauchbaren "Leiblichkeit" für diesen anthroposophischen Impuls eine ebenso wichtige Aufgabe für Rudolf Steiner wie die Darstellung der geistigen Welt selbst. Aber auch in der Art dieser Führung mußte nun wieder jener Charakter der Anthroposophie zum Ausdruck gebracht werden, den wir oben gekennzeichnet haben. D.h. aber: es mußte in demselben Maße, wie die Anthroposophie sich immer mehr von der Persönlichkeit ihres Begründers ablösend ein in sich selbständiges Dasein gewann, die Anthroposophische Gesellschaft als ihr "Leib" sie in sich aufnehmen und dadurch gegenüber Rudolf Steiner ebenfalls selbständig werden. Wie beim Menschen während seines Heranwachsens sein Seelisch-Geistiges immer mehr in sein Leibliches hineinwächst, so mußte auch die Anthroposophie immer mehr in die Gesellschaft als ihren Körper hineinwachsen. Die Gesellschaft aber mußte sich dadurch immer mehr selbst führen lernen aus dem, was sie an anthroposophischen Einsichten in sich aufnahm. Aus diesem Grunde war es, daß Rudolf Steiner, nachdem er während der ersten Zeit die Bewegung als Generalsekretär der deutschen Theosophischen Gesellschaft noch selbst geführt hatte, in der Anthroposophischen Gesellschaft, die dann nach seinem Ausschluß aus der Theosophischen Gesellschaft gegründet wurde, kein Amt mehr bekleidete. Er löste sich von der Gesellschaft bis zu dem Grade los, daß er eigentlich gar nicht ihr Mitglied war. Seine Führung der Bewegung bestand von da an nur mehr darin, daß er die anthroposophische Erkenntnis für immer weitere (S126) Welt- und Lebensgebiete ausgestaltete. Die Art aber, wie die hieraus sich ergebenden Richtlinien für die Lebensgestaltung durch die Gesellschaft ins Leben eingeführt wurden, überliess er ganz der Initiative und der Urteilsfähigkeit ihrer Mitglieder bzw. ihres Vorstandes. Er selbst trug nur mehr die Verantwortung für die anthroposophische Lehre als solche und die aus ihr fließenden kulturellen und sozialen Ideen, die wir in den früheren Kapiteln geschildert haben. Für die Art aber, wie die Gesellschaft diese für das Leben fruchtbar zu machen versuchte, fiel die Verantwortung ihren Mitgliedern zu, aus deren freiem Antrieb sie auch erfolgte. Rudolf Steiner gab nur mehr, wenn man ihn darum bat, seine Ratschläge. Aber wie wenig er selbst in den zahlreichen Fällen, wo gegen dieselben gehandelt wurde, sich in die Tätigkeit der Gesellschaft hineinmischte, ist heute noch fast gar nicht bekannt. So hatte sich also ein Verhältnis voller gegenseitiger Freiheit und Unabhängigkeit zwischen Rudolf Steiner und der Anthroposophischen Gesellschaft herausgebildet. Denn seinerseits wahrte sich auch Rudolf Steiner wiederum in bezug auf die Art der Darstellung der anthroposophischen Lehre die volle Freiheit gegenüber allen von der Gesellschaft kommenden "wohlgemeinten" Ratschlägen. Die Gesellschaft sollte auf diese Weise sich immer mehr selbst aus der anthroposophischen Erkenntnis heraus führen lernen. Aber so, wie in die leibliche Organisation des Menschen, bevor sie ganz erwachsen ist, sein Ich noch nicht vollkommen einziehen kann, sondern immer noch mehr oder weniger "über ihr schwebt", so konnte in den drei ersten Epochen ihrer Entwicklung die Anthroposophie noch nicht vollständig von dem Körper der Anthroposophischen Gesellschaft aufgenommen werden, den sie sich aus der modernen Zivilisation heraus gebildet hatte. Erst als sie das Alter erreicht hatte, in welchem auch der einzelne Mensch "mündig" wird, d.h. sein Ich ganz in seine Leiblichkeit aufnehmen kann, da vermochte nun die Anthroposophische Gesellschaft sich vollständig mit ihr zu durchdringen. Und dies geschah eben, allerdings auf den Anstoß Rudolf Steiners hin, auf der Weihnachtstagung 1923. (S127)


   Es sollte nämlich auf dieser Tagung die Gesellschaft eine neue Organisation erhalten, die dadurch notwendig geworden war, daß die Mitglieder in den verschiedenen europäischen Ländern seit der Beendigung des Weltkrieges sich zu selbständigen Landesgruppen zusammengeschlossen hatten, welche nun wiederum durch ein internationales Zentrum zusammengefaßt werden sollten. Rudolf Steiner wies nun darauf hin, daß die Weltbedeutung der Anthroposophie, die in dieser Neuorganisation der Gesellschaft zum Ausdruck kommen müsse, nur dann recht zum Ausdruck gebracht werden könne, wenn die neue Form der Gesellschaft jetzt überhaupt ganz und gar aus dem Wesen der Anthroposophie herausgestaltet werde. Zugleich legte er ihr ein Statut vor, das er in diesem Sinne verfaßt hatte, und schlug ihr eine Reihe von ihm erwählter Persönlichkeiten als Vorstand vor, die nach seiner Meinung die Gesellschaft in diesem Sinne zu leiten imstande wären. Für den Fall, daß diese seine Vorschläge angenommen würden, versprach er, selbst den Vorstand dieses Vorstandes zu übernehmen. Und da dies geschah, so trat er nun als Vorsitzender des Vorstandes in die Gesellschaft ein.


   Äußerlich betrachtet, könnte es so erscheinen, als habe durch diesen seinen Schritt die Gesellschaft ihre Selbständigkeit gegenüber Rudolf Steiner wieder verloren, die ihr von ihrer Begründung an gegeben worden war. In Wahrheit ist aber gerade das Gegenteil davon der Fall. Das während seiner ganzen Führung von Rudolf Steiner verfolgte Bestreben, die Gesellschaft immer mehr von sich loszulösen und auf ihre eigenen Füße zu stellen, hat, so paradox das klingen mag, durch die Ereignisse dieser Weihnachtstagung erst seinen vollen Abschluß gefunden. Denn das Wesentliche, worauf es ankommt, ist die neue Verfassung, in deren Rahmen er jetzt innerhalb der Gesellschaft wirkte. Diese war jetzt eben eine ganz andere, als es einstmals diejenige der deutschen Theosophischen Gesellschaft gewesen war. Durch sie hatte er die Gesellschaft statuarisch von seiner Person ganz unabhängig gemacht. So unabhängig, daß sie sich auch nach seinem Weggang als Vorsitzender (S128) des Vorstandes aus den Impulsen der Anthroposophie heraus selbst weiterführen konnte.


   Hier kann dieses neue Statut nicht im einzelnen charakterisiert werden. Nur soviel sei gesagt, daß durch dasselbe die Gesellschaft, die bisher noch immer bloß der "Rahmen" war, innerhalb dessen Anthroposophie als Lehre vorgetragen wurde, die Möglichkeit erhalten hat, immer mehr der lebendige Leib zu werden, durch dessen Tätigkeit Anthroposophie als Leben pulst. Dasjenige allein soll hier hervorgehoben werden, worin diese völlige Verschmelzung von Anthroposophie und Anthroposophischer Gesellschaft ihren stärksten Ausdruck gefunden hat: daß der letzteren durch die neue Verfassung die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft als ihr eigentliches Rückgrat eingegliedert wurde. Denn durch diese wurde dasjenige, was das Zentrum der Anthroposophie bildet, was aber bisher nicht eine gesellschaftliche, sondern eine persönliche Angelegenheit zwischen den einzelnen Mitgliedern und Rudolf Steiner war: die esoterische Schulung, der Gesellschaft übertragen und zur wichtigsten Angelegenheit und Aufgabe derselben gemacht. Und das macht den Charakter jenes "Lehrganges" aus, den Rudolf Steiner für diese Schule ausgearbeitet hat, daß er in ihm dasjenige, was er bis dahin nur in persönlicher Unterweisung hatte geben können, von seiner Person gänzlich losgelöst und zu einem objektiven, systematischen Schulungsweg gestaltet hat, den die Schule nun jedem vermitteln kann, der ihr Mitglied wird. So wird also der Charakter und die Bedeutung dieser Schule erst voll verständlich, wenn man ihre Gründung als ein Teilgied jenes umfassenden Ereignisses sieht, welches die völlige Verschmelzung der Anthroposophie mit der Anthroposophischen Gesellschaft durch die Neubegründungg der letzteren bildet, und welches nicht nur das wichtigste und abschließende in der ganzen bisherigen Entwicklung, sondern auch das entscheidende für das zukünftige Schicksal der anthroposophischen Bewegung geworden ist.


   Daß Rudolf Steiner mit diesem Ereignis einen für die Zukunft der anthroposophischen Bewegung schicksalentscheidenden Schritt (S129) getan hat, braucht ja wohl nicht näher dargetan werden. Es liegt auf der Hand, daß damit gleichsam zum Ausdruck gebracht wurde: das weitere Schicksal des anthroposophischen Geistesimpulses wird an das Verhalten der Anthroposophischen Gesellschaft geknüpft sein. Was das aber heißt, wird man ermessen, wenn man bedenkt - und diese Erkenntnis konnte der Leser aus unseren Ausführungen ja vielleicht gewinnen - daß die Anthroposophie als ein Menschheitsimpuls mit Menschheitsaufgaben in unsere Zeit hereingetreten ist. Es wurde der Anthroposophischen Gesellschaft damit also eine menschheitliche Verantwortung von Rudolf Steiner aufgeladen.


   Nun geschah dies von ihm durchaus nicht in leichtfertiger Weise, sondern es wurden von ihm gleichzeitig in umfassender Art die Hilfsmittel gegeben, die die Gesellschaft imstand gesetzt haben, die ihr zugefallene Verantwortung auf sich zu nehmen. Als das Herbeischaffen der Hilfsmittel zur Erfüllung dieser Aufgabe kann nämlich die Verschmelzung von Anthroposophie und Anthroposophischer Gesellschaft, die von ihm seit der Weihnachtstagung vollzogen wurde, geradezu bezeichnet werden, wenn man sie von der andern Seite aus betrachtet: von derjenigen der Anthroposophie selbst. Denn worin lagen diese Hilfsmittel? Sie lagen in nichts anderem als in dem, was die Anthroposophie selber durch ihre Verschmelzung mit der Anthroposophischen Gesellschaft geworden war. Auch die Anthroposophie nämlich, nicht nur die Gesellschaft, hatte durch dieses Ereignis wiederum eine Metamorphose erfahren. Denn dieses Ereignis ist ja, unserer obigen Schilderung zufolge, nicht als eine bloß äußerlich-organisatorische Angelegenheit, sondern eben geradezu als Ausdruck des Beginnes einer neuen Entwicklungsphase richtig zu verstehen, in welche die Ausgestaltung der Anthroposophie als geistiger Offenbarung der Welt eingetreten ist.


   Welchen Charakter die anthroposophische Geistesoffenbarung nun aber in dieser neuen, vierten Epoche ihrer Entwicklung annahm, kann wiederum verständlich werden durch den Vergleich mit dem Mündigwerden des Menschen, durch welches dieser ja auch in (S130) einen vierten Abschnitt seiner Entwicklung eintritt. Auch dieses kann ja von zwei Seiten her charakterisiert werden. Von seiten der Körperlichkeit stellt es sich dar als ein vollständiges Hereintreten der Individualität in dieselbe. Von seiten der Individualität dagegen erscheint es als ein vollständiges Heraustreten aus ihrer Verborgenheit in die physische Welt, von der ja der menschliche Körper ein Stück bildet. Der heranwachsende Mensch lernt die Außenwelt mit seinen Seelenkräften ergreifen, wie sich diese der Reihe nach entwickeln. Seine eigene Individualität aber kann er noch nicht ergreifen; diese lebt noch im verborgenen Hintergrunde seiner Seele. Beim Erwachsenen ist sie in den Umkreis seines physischen Erlebens eingetreten; er kann sein Ich im Leibe selbst erfassen.


   In ähnlicher Weise kann man nun sagen: Rudolf Steiner schilderte in den ersten drei Entwicklungsepochen der Anthroposophie die Welt, wie sie sich offenbart, indem die menschlichen Seelenkräfte der Reihe nach zu ihren Sprachorganen umgewandelt werden. Die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft lernten die Welt mit den höheren Organen des Geistes anschauen. Die eigene Wesenheit des anthroposophischen Impulses aber konnten sie auf diese Art noch nicht voll ergreifen; denn diese blieb immer im verborgenen Hintergrunde der Schilderungen Rudolf Steiners. Erst als die Anthroposophische Gesellschaft so weit herangereift war, daß auf der Dornacher Weihnachtstagung die Anthroposophie ganz in sie einziehen konnte, da begann für Rudolf Steiner die Möglichkeit, im Kreise der Anthroposophischen Gesellschaft die innere Wesenheit der Anthroposophie selber so zu offenbaren, daß sie nun von jedem ihrer Mitglieder fortan so erfaßt werden kann, wie der erwachsene Mensch sein Ich erfassen kann. Und darin bestand eben der ganz neue Charakter, den die anthroposophische Geistesoffenbarung seit der Dornacher Weihnachtstagung annahm: daß Rudolf Steiner jetzt Stück für Stück zu enthüllen begann, was früher noch nicht hatte ausgesprochen werden können: die geistigen Hintergründe der anthroposophischen Bewegung selber. Dies (S131)war das Thema, das sich wie ein roter Faden durch alle Vorträge und Aufsätze hindurchzieht, die er nach der Weihnachtstagung gegeben hat, und das sie alle zu einem einzigen, großen, zusammenhängenden Ganzen zusammenschließt. Dadurch erhielt nun die anthroposophische Geistesoffenbarung, wie sie bisher im Gedanken-, Gefühls- und Willenselemente gelebt hatte, gewissermaßen Ich-Charakter; sie wurde jetzt zur Offenbarerin ihrer eigenen innersten Wesenheit, so daß die Mitgieder diese von nun an so erfassen konnten, wie der erwachsene Mensch sein Ich erfaßt. Und damit eben wurden den Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft die Grundlagen dafür gegeben, um nun künftig aus ihrer eigenen Einsicht und Urteilsfähigkeit heraus das zu finden, was für die weitere Entwicklung des anthroposophischen Gedankengutes aus dessen innerstem Wesen heraus jeweils zu geschehen hat. Sie wurden in bezug auf die Anthroposophie ganz auf ihre eigenen Füße gestellt.


   Fragen wir nun aber auch hier wieder nach der Kraft, die hingegeben werden mußte, damit die anthroposophische Geistesoffenbarung in diesem Sinne "Ich-Charakter" bekommen konnte, so müssen wir sagen: Es wurde von Rudolf Steiner zu dem Opfer seiner Denk-, Fühlens- und Willenskräfte noch als letztes und größtes hinzugefügt das Opfer seiner Individualität selber. Denn ein Hinopfern seiner Individualität an die Weltoffenbarung war die Enthüllung der geistigen Impulse, die hinter der anthroposophischen Bewegung stehen. Und ein höchstes Opfer lag auch in dem vollständigen Sichverknüpfen mit der Anthroposophischen Gesellschaft, wie er es seit der Weihnachtstagung getan hat.


   In großen Zügen soll nun zum Abschluße dieser Ausführungen noch skizziert werden, was der Inhalt dieser Offenbarungen über die Anthroposophie selbst war. Nach zwei Richtungen hin bewegten sie sich. Einerseits bezogen sie sich auf die Mächte, die aus der geistigen Welt heraus die anthroposophische Bewegung vorbereitet haben und weiterhin impulsierend hinter ihr stehen. Anderseits betrafen sie die schicksalsmäßige (S132) Vorbereitung, welche die heute in der anthroposophischen Bewegung stehenden Menschenseelen in früheren Erdenleben und Leben zwischen Tod und neuer Geburt auf dieses Ziel hin durchgemacht haben.


   Bezüglich der ersteren wies Rudolf Steiner zunächst auf die Mission hin, welche die Kraft der Intellektualität im Verlaufe der Menschheitsentwicklung zu erfüllen hat. Nicht immer hatte die Menschheit die Fähigkeit des Denkens; sie mußte sie aber in sich aufnehmen, weil sie nur dadurch die ihr vorbestimmte volle Entfaltung ihrer Wesensanlagen finden kann. Denn darin liegt das Mysterium des Denkens (der Intellektualität), daß es der stärkste Erzieher des Menschen zur Selbständigkeit und Freiheit ist. Im alten Griechenland kommt die Denkkraft zum erstenmal in der irdischen Menschheitsgeschichte zur Entfaltung. Das Erwachen des Menschheitsbewußtseins in Wissenschaft, Kunst, Religion, die schöne, harmonische Menschlichkeit, durch die die althellenische Kultur sich auszeichnet, hängen innigst zusammen mit dem Enthusiasmus, mit dem damals die Menschheit sich zuerst in die Denkkraft eingelebt hat. Woher aber kam diese? Rudolf Steiner erzählte, daß sie aus den Höhen der geistig-kosmischen Welt heruntergesunken sei unter dem Antrieb der geistigen Wesenheit, die gewissermaßen ihr kosmischer Verwalter ist und die in früheren Zeiten unter dem Namen Michael bekannt war. Michael lenkte aus dem Wissen, daß nur durch die Aufnahme der Intelligenz die Erdenmenschheit ihre Wesensentfaltung finden könne, die Intellektualität aus kosmischen Höhen seit Jahrtausenden hinunter zur Erde, und war in der Folge immer bestrebt, sie auf der Erde so weiterzuführen, daß die Menschheit dadurch in ihrer Entfaltung weiterkommen kann. In Hellas war die Intellektualität im Umkreis der Erde angekommen, im Mittelalter war sie bereits ganz in das Menscheninnere eingezogen. Plato fühlte noch die kosmische Herkunft der Ideen, Aristoteles schaute sie bereits in den Dingen, die Scholastiker empfanden sie schon als aus der eigenen Seele herausgeboren. In dieser Zeit begannen nun die aus der Erde (S133) herauswirkenden, der Menschheitsentwicklung feindlichen, von der Anthroposophie mit dem altpersischen Ausdruck ahrimanisch bezeichneten Mächte den Versuch, die irdisch gewordene Intelligenz an sich zu saugen, und dadurch deren weitere Entwicklung und damit auch die Menschheitsentwicklung unmöglich zu machen. Der Ausdruck ihres Wirkens ist alle nominalistische Auffassung des Denkens. Mit dieser kämpften schon im Mittelalter, zunächst siegreich, die Realisten unter den Scholastikern, indem sie die geistig-kosmische Herkunft und Wesenheit der Gedanken zu erweisen suchten. Hierin erblickten sie das eine Ziel ihres Strebens. Das andere bestand darin, die Intelligenz in Einklang zu bringen mit der christlichen Offenbarung. Zwar glaubten sie, daß sie auf ihrer damaligen Entwicklungsstufe noch nicht fähig sei, die letztere voll zu durchdringen; aber in Widerspruch dürfe sie wenigstens nicht mit ihr geraten. Denn nur im Einklang mit dem Christusimpulse, glaubten sie, könne die Intelligenz ihre weitere Entwicklung finden. In der neueren Zeit hat dann der Nominalismus das Feld behauptet. Er bildet die philosophische Grundlage der modernen Naturwissenschaft. Ahriman hat das Denken ganz in seine Fesseln geschlagen. Mit dem zwanzigsten Jahrhundert ist aber die Zeit herangekommen, wo der Mensch die Denkkraft als von ihm ganz durchdrungen dem Kosmos wieder zurückgegeben werden soll. Denn sie hat ihre Erdenmission, dem Menschen die Selbständigkeit und Freiheit zu bringen, im wesentlichen erfüllt. Dadurch wird das Denken, indem es zum Geistigen aufsteigend, zum Schauen sich wandelt, dem Menschen die geistige Welt wieder aufschließen, die es ihm einstmals verdunkelt hat, als es, aus ihr heruntersteigend, sich mit ihm verband. Nach dieser Durchgeistigung des Denkens weist heute Michael - durch die Anthroposophie, deren Weg derjenige der Umwandlung des Denkens zum Schauen ist - derjenige jenes opfernden Zurückschenkens des durch das menschliche Ich hindurchgegangenen Denkens an die Welt, damit sie ihren Geist durch es offenbare - wie wir es oben als den innersten Nerv des anthroposophischen Erkenntnisstrebens geschildert haben (S134) und das wir erst jetzt in seinem weltgeschichtlichen Zusammenhang erfassen.


   Mit dieser Erdenmission des Denkens - und damit berühren wir kurz die andere Seite dieser Offenbarungen - die sie heute auf ihren Höhepunkt hinaufführen sollen, hängt nun das Schicksal der gegenwärtig als Anthroposophen verkörperten Menschen schon von ihren früheren Erdenleben her zusammen. Als in Griechenland die Intellektualität als die Waffe Michaels zuerst vom Himmel herunterkommend die Erde berührte, da verbanden sich mit ihr und ihrer Mission für die weitere Entwicklung der Menschheit vor allem die Angehörigen der platonisch-aristotelischen Geistesströmung. Sie waren die vornehmlichsten Träger und Repräsentanten der in der Intelligenz wirkenden Michaelsimpulse. Und sie sind es im wesentlichen wieder - den Schilderungen Steiners zufolge - die als die großen Realisten unter den Scholastikern wiederverkörpert die Entwicklung der Intelligenz weiterführen, gegen Ahriman zu schützen und mit dem inzwischen vollzogenen Mysterium von Golgatha in Verbindung zu bringen suchten. Und wiederum sind sie es im wesentlichen, die in unserer Zeit als Anthroposophen verkörpert den Kampf mit Ahriman wiederaufnehmen, den sie als Scholastiker mit ihm geführt, ihm das Denken für immer entreissen, das ihm inzwischen ganz verfallen war und es als ein völlig Durchmenschlichtes dem Kosmos zurückgeben wollen, seine irdische Entwicklung zum Abschluß bringend, wie sie es einstmals in Hellas aus der Hand der Götter empfangen haben. Entreißen können sie es Ahriman aber nur, indem sie es nun ganz mit dem Christus verbinden. Und das ist heute möglich. Wie ein Same seine Zeit braucht, um aufzugehen, so brauchte jene Saat, die durch das Mysterium von Golgatha in die Erde versenkt wurde, ihre Zeit, um aufzublühen. Sie konnte zunächst erst in die Willens- und Gefühlskräfte aufgenommen werden. Heute ist sie so weit herangereift, daß sie auch das Denken durchdringen kann. Das ist aber zugleich eine Notwendigkeit in unserer Zeit; denn nur dadurch kann das Denken Ahriman entrissen werden. "Das denkende (S135) Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen", schrieb Steiner schon 1887 in einer seiner frühesten Veröffentlichungen und deutete dadurch selbst schon auf den großen, entscheidenden Schritt hin, den er über die Scholastik hinaus getan hat: indem er die Vereinigung mit Christus im Denken fand, die der mittelalterlich-scholastische Mensch durch das Abendmahl im Gemüte erlebte.


   Michael und Ahriman kämpfen heute hinter den Schleiern der Sinneswelt um das menschliche Denken und in ihm um den Menschen selber. Ahriman will ihn an die Erde fesseln und ihn zum Tier oder zur Maschine entmenschen. Michael will das Denken durch den Menschen dem Kosmos zurückgegeben wissen, er will, daß der Mensch selber dadurch weiterkomme auf der Bahn seiner Entwicklung. Das Bild von Michaels Kampf mit dem Drachen stellt sich, ihre Gegenwartsaufgaben zeigend, heute wieder vor die Menschheit hin; aber in neuer Weise. Denn dieser Kampf spielt sich heute nicht mehr außerhalb des Menschen, sondern auf dem Schauplatz seines eigenen Innern ab. Der Mensch ist zu seiner Entscheidung mitaufgerufen. Er muß, weil ihn die Denkentwicklung selbständig und frei gemacht hat, selbst die Entscheidung treffen, auf wessen Seite er sich stellen will. Michael übt keinen Zwang auf ihn aus; Ahriman aber will ihn vergewaltigen. Ihn kann der Mensch aber besiegen, wenn er sich mit Christus verbindet, den er in sich finden kann. Das ist die geistige Konstellation unserer Zeit, das sind die geistigen Hintergründe, aus denen Anthroposophie in der Gegenwart herausgeboren ist.


   Damit schließen sich die Betrachtungen dieses Buches zum Kreise, indem wir von hier aus nun wieder an den Ausgangspunkt der Darstellung zurückverwiesen werden, wie wir ihn im ersten Kapitel genommen haben: nur sehen wir jetzt von innen her, was wir dort nach seiner äußeren Erscheinung geschildert haben. Wir zeigten dort, wie Rudolf Steiner, bevor er mit der Offenbarung der geistigen Welt begann, es als eine notwendige Vorarbeit ansah, zuerst das Denken dem Materialismus zu entreißen, damit dann (S136) in dieses befreite Denken die Geistesoffenbarungen hineingegossen werden könnten, und damit, indem die sie aufnehmende Menschheit sich so denkend in die geistige Welt hineinlebe, dadurch das Denken sich allmählich zum Schauen umwandeln könne. Jetzt wissen wir, warum das so sein mußte: weil Steiner ein Michaelit war, und weil er als solcher wußte, was von unserer Zeit für das Heil der ganzen Menschheitsentwicklung gefordert wird: daß das Denken dem Ahriman entrissen und zum Auge gebildet werde, das die geistige Welt wieder schauen kann. Denn anders hätte die Wiederschließung der geistigen Welt der Menschheit keinen Segen gebracht. Dann drangen wir in dem mittleren Kapitel unserer Einführung bis in deren tiefsten Impuls vor, der in der Anthroposophie wirkt, und erkannten diesen in dem Heraufdrängen einer neuen Offenbarung des in die Erde eingezogenen Christusimpulses. Wir sahen, wie Anthroposophie zutiefst wurzelt in der Menschheitsführung des Christus, der sich heute in neuen Offenbarungen der Menschheit enthüllen will. Und jetzt können wir genau bezeichnen, worin die Eigenart dieser neuen Christusoffenbarung liegt, die zu der bisherigen heute hinzukommen will: zu der Durchchristun des Wollens und Fühlens soll heute hinzutreten die volle Durchchristun des Denkens. Durch die Anthroposophie wurde dies dadurch verwirklicht, daß in ihr eine wissenschaftliche Erkenntnis begründet worden ist, die nicht wie die moderne Naturwissenschaft und die an ihr orientierte Geschichtsauffassung den Christus ausschließt, sondern ihn im Gegenteil als zentrale Gestalt in ihrem Mittelpunkte stehen hat. Und endlich hat sich in diesen letzten Offenbarungen noch der persönlich-karmische Ursprung und Hintergrund der anthroposophischen Bewegung enthüllt: es zeigte sich, daß diejenigen Seelen, die heute diese Christus-Michael-Strömung tragen, schon in früheren Erdenleben in Griechenland, im Mittelalter die Träger dieser in der Denkentwicklung lebenden Michaelswesenheit waren und durch ihr heutiges Streben diese ihre Mission auf ihren Höhepunkt führen. Und daraus geht hervor, daß Anthroposophie nicht aus (S137) dem Nichts heraus auftritt, sondern in Wahrheit die abschließende Krönung der ganzen Entwicklung bildet, die in Griechenland durch Plato und Aristoteles eingeleitet, im Mittelalter durch Thomas von Aquino u.a. fortgeführt wurde, und an der die edelsten und größten Geister der Menschheit mitgearbeitet haben.


   So haben wir in diesen Darstellung ein Bild von Rudolf Steiner und seinem Lebenswerk: der Begründung der Anthroposophie gewonnen, haben gesehen, wie er im ganzen Entwicklungsgang der Menschheit, und in unserm Zeitalter im besondern darinnensteht, und dürfen nun, im Hinblick auf all dies Geschilderte, abschließend sagen: an einer der entscheidungsvollsten Zeitenwenden der Menschheitsgeschichte wirkte er als Führer der Menschheit (zur Vermeidung eines Mißverständnisses: der Text wurde 1926 veröffentlicht, als der Begriff des "Führers" noch nicht mißbraucht worden war), der ihr eine Brücke baute über die Abgründe und Irrweg des Niederganges, vor dem sie angekommen war, und den Weg in die Zukunft wies, auf dem sie die ihr vorbestimmte weitere Entwicklung ihrer Wesensanlagen finden kann, - eine Persönlichkeit, mit übermenschlichen Gaben ausgestattet, diese Gaben aber auch in übermenschlichen Opfern dem Menschheitsfortschritt hinschenkend - hier auf Erden ein gewaltiges, unübersehbares, unerschöpfliches Vermächtnis hinterlassend, droben in der geistigen Welt nun als der mächtigste Helfer am Fortgange der Menschheitsentwicklung weiter mitwirkend.