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III
Die grundlegenden anthroposophischen Schriften

      Wir haben in den vorangehenden Kapiteln geschildert, wie Rudolf Steiner einerseits aus dem, was er als Entwicklungszustand und Bewußtseinsverfassung seines Zeitalters kennen lernte, anderseits aus dem, was ihm seine übersinnlichen Seelenerlebnisse als Triebkräfte und Entwicklungsimpulse des menschlichen Geisteslebens offenbarten, es als die Aufgabe der Zeit erkannte, daß das menschliche Bewußtsein von unserer Gegenwart an sich die geistige Welt wieder erschließe und deren Inhalte in die weitere Entfaltung seiner Kultur einfliessen lasse. Wie er dann in seinen erkenntnis-theoretischen Darlegungen und in seiner Wiederaufnahme und Fortbildung der naturwissenschaftlichen Forschungsart Goethes die Weiterentwicklung des modernen Bewußtseins vorausnehmend zunächst bis an die Schwelle der geistigen Welt heranführte. Und wie er endlich durch genaue Feststellung des Punktes, an dem die Menschheit auf der Bahn ihrer Entwicklung am Ende des 19. Jahrhunderts angekommen, und durch deutliche Kennzeichnung und unzweideutige Bejahung der Forderungen, die ihr auf diesem Punkte für die Gestaltung sowohl des Erkenntnislebens als auch des sittlichen Lebens erwachsen waren, allen Mißverständnissen über dasjenige vorbeugen wollte, was er als echte und mit ihrem ganzen Sinn im strengsten Einklang stehende Erfüllung dieser Forderungen zu verwirklichen beginnen wollte.

   Um die Jahrhundertwende hatte dieses Durchdringen und Durcharbeiten des Zeitbewußtseins und das Prüfen und Durchleben seiner übersinnlichen Seelenerfahrungen die Reife erlangt, durch die er sich nun für fähig und damit für verpflichtet halten mußte, mit der Darstellung der übersinnlichen Welt in der Form einer aus der Naturwissenschaft als ifhre objektive Fortbildung herausentwickelten Geisteswissenschaft zu beginnen. Diesem Beginnen (S48) standen gleichwohl auch jetzt große Schwierigkeiten im Wege. Und es waren schwere Entschlüsse dazu notwendig, mit ihm hervorzutreten. Denn Rudolf Steiner mußte sich ja gestehen, daß die Welt noch nicht mitgemacht hatte, was er erarbeitet, daß sie noch nicht erfaßt hatte, worauf all sein geistiges Ringen hinzielte. Und so notwendig ihm das Hereintreten eines neuen spirituellen Impulses in die moderne Zivilisation erschien, so wenig wollten die Menschen von einem solchen vorläufig doch wissen; so stark sich viele in ihrem Unterbewußtsein nach einem solchen sehnten, so wenig konnten sie ihn mit ihrem Oberbewußtsein ergreifen. Langsam, Stück für Stück nur konnte daher die Darstellung einer übersinnlichen Welt, höherer Erkenntniserlebnisse gegeben werden.

   Den Anfang machte Rudolf Steiner damit, daß er, was er über diese Dinge zu sagen hatte, zunächst in Anknüpfung an historische Geisteserzeugnisse und Erscheinungen aussprach, die aus übersinnlichen Impulsen oder Erfahrungen hervorgegangen sind, indem er sie aus einen eigenen übersinnlichen Erlebnissen heraus so darstellte und erklärte, wie man sie in den aus em geistentfremdeten Bewußtsein unserer Zeit heraus gegebenen Darstellungen eben nicht geschildert finden konnte.

   Es stehen diese seine Darstellungen gewissermaßen in der Mitte und bilden den bedeutungsvollen (und viel zu wenig beachteten) Übergang zwischen seinen früheren Schriften, in denen er von einer übersinnlichen Welt und übersinnlichen Erkenntnissen noch nicht als solchen gesprochen, und seinen späteren, in denen diese rückhaltlos und ausschließlich zum Gegenstand der Darstellung gemacht sind. Und zwar gehören zu diesen Übergangsschriften seine Aufsätze über Goethes Märchen mit dem Titel "Goethes geheime Offenbarung" (1899), über "Goethes Faust als Bild seiner esoterischen Weltanschauung" (1902), die er später, mit einem dritten zu einem eigenen Bändchen vereinigt, unter dem Titel "Goethes Geistesart" wieder herausgegeben hat, ferner das Buch "Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens" (1901) und endlich (S49) "Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums" (1902).

   Den Anfang mit diesen Darstellungen, und das heißt: mit seinem öffentlichen geisteswissenschaftlichen Wirken überhaupt, machte also bedeutsamerweise der Aufsatz über Goethes Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie. Goethes hat in diesem Märchen in lebensvollen Bildern die Erlebnisse zur Darstellung gebracht, die die Lektüre von Schillers ästhetischen Briefen in ihm über diejenigen Angelegenheiten der menschlichen Seele entzündet hatte, de Schiller in diesen Briefen in philosophischer Art behandelt. Goethe fühlte sich durch die Briefe einesteils aufs tiefste befriedigt, weil er in ihnen in systematisch-philosophischer Weise als ein aus dem Wesen des Menschen heraus sich ergebendes Ideal begründet fand, was er sein eigenstes tiefstes Streben nennen mußte. Andernteils empfand er aber, daß man mit philosophischen Begriffen eigentlich nur wie von ferne auf das hindeuten könne, was in dieser Beziehung die Wirklichkeit ist. Und daß man, wenn man ein adäquates Bild von den Tatsachen und Kräften malen wolle, mit den man es in bezug auf das Streben nach Verwirklichung des höchsten Menschenideals zu tun hat, von den starren Begriffe des Verstandes übergehen müsse zu lebendigen Bildern der Phantasie. Und so stellte er denn in den Bildern seines Märchens Tatsachen einer inneren Entwicklung der menschlichen Seele dar, die mit den Mittel des philosophischen Denkens nicht voll erfaßt werden können. Es bedeutet dieses Märchen einen ersten aus der modernen Geistesentwicklung heraus versuchten Ansatz, durch Entwicklung einer über das Denken hinausgehenden imaginativen Seelennbetätigung diejenigen Gebiete menschlichen Seelenseins und Seelenwirkens darstellend zu erfassen, die dem in bloßen Begriffen sich bewegenden Bewußtsein verborgen sind. Man steht mit dem Märchen nach Rudolf Steiners Worten "im Vorhof der Esoterik", und darin liegt es begründet, daß die Anknüpfung an dasselbe zum ersten Ausgangspunkt für das anthroposophische Wirken werden konnte.

   In anderer Art bot solche Anknüpfungspunkte der "Faust". (S50) Auch in ihm wird die innere Entwicklung einer Menschenseele geschildert. Faust ist ja der Mensch, der durch dasjenige, was ja erst im 19. Jahrhundert als die moderne naturwissenschaftliche Weltauffassung sich zu seiner vollen Ausprägung entwickelte, und was er auf allen Gebieten "mit heißem Bemühn studiert" hat, zur Verzweiflung an aller Erkenntnis, ja am Leben selber getrieben wird, und der dann von dieser überall nur den Tod erfassenden Erkenntnis zu einer solchen sich erhebt, die zu den Quellen des Lebens, zu den Müttern des Daseins dringt. Aber auf diesem Wege erfährt er, wie eine solche Erkenntnis nur durch eine innere Verlebendigung des Menschen selber und durch eine höhere Harmonisierung seiner einzelnen Seelenkräfte erlangt werden kann. Und auch auf die Kraft wird - in der Osterszene schon - hingewiesen, mit der der Mensch die Verbindung finden muß, wenn er - auf welchem Gebiet immer - aus dem Tode das Leben auferwecken will.

   Wiederum in anderer noch unmittelbarerer Art bot die Darstellung der mittelalterlichen Mystiker Gelegenheit, von Seelenerlebnissen zu sprechen, die in ähnlicher Art über diejenigen des gewöhnlichen Bewußtseins hinausgehewn, wie diese beim Erwachsenen über diejenigen des Kindes. Von höheren Seelenerlebnissen, die sich einstellen, wenn der Weg gesucht wird von dem Alltagserleben, das in die Dinge zerstreut ist, zu einer wahren Erkenntnis des eigenen Selbst, wie wir ihn die Mystiker beschreiten sehen. Eine höhere Erweckung der Menschenseele vollzieht sich da, wenn sie aus dem Lärm der Außenwelt in ihr Inneres einkehrt; was aber durch diese Erweckung aus ihren verborgenen Tiefen als ein Göttliches herausgeboren wird, von dem macht sie die Erfahrung, daß es nicht, wie das gewöhnliche Ich, von dem Wesen der Dinge getrennt, sondern mit dem Göttlichen innig verbunden, verwandt, wesenseins ist, das die Welt geschaffen, das wirkend und erhaltend sie ausfüllt. So wird Gott in der Menschenwelt wiedergeboren; und in dem Lichte, das von ihm ausstrahlt, werden nicht nur die Geheimnisse der eigenen Seele, sondern auch die verborgenen Namen (S51) der Dinge offenbar. Nicht als ein bloßes, nebuloses Insichhineinbrüten, sondern als ein in exakter Art beschreibbarer realer Entwicklungsprozeß der menschlichen Seele wird hier das mystische Erleben geschildert durch den diese zu einer höheren Stufe ihres Daseins in einem ähnlichen Sinne aufsteigt, wie die Pflanze einen höheren Entwicklungszustand erreicht, wenn sie von der Bildung des Laubblattes zu der des Blütenblattes übergeht. Als eine im Wesen der Menschenseele objektiv begründete, in sich gesetzmäßige, allgemein-menschlich bedeutsame Fortsetzung ihrer normalen Entwicklungsvorgänge wird namentlich im ersten Kapitel der "Mystik" das mystische Erleben gekennzeichnet, und aus diesem heraus werden dann die Anschauungen der einzelnen Mystiker erklärt. Und man spürt es dieser einleitenden Darstellung an, wie sie aus dem persönlichen Erleben des Verfassers herausgeschrieben ist, das aber von ihm nach seiner nicht nur persönlichen, sondern überpersönlichen, allgemein-menschlichen Bedeutung so erfaßt und ausgestaltet worden ist, wie dies eben nur nach einem vieljährigen inneren Durchleben und Durcharbeiten möglich ist. Und so ist in diesem bedeutungsvollen Einleitungskapitell der anthroposophische Erkenntnisweg, wenn auch in einer Form, wie sie gerade das mystische Suchen des Mittelalters zu beleuchten geeignet ist, doch durchaus schon ausgearbeitet vorhanden.

   Und in ähnlicher Art wird endlich im "Christentum als mystische Tatsache" die Bedeutung des vorchristlichen Mysterienwesens aus dem eigenen mystiscvhen Erleben heraus enthüllt. Wiederum wird zunächst in einem Einleitungskapitel das Wesern des mystischen Weges charakterisiert von der Seite her, von der besonderes Licht auf die alten Mysterien fallen kann. Dargestellt wird, wie alle alten Mysterien darauf ausgingen, in jedem Einzuweihenden das Weltenschicksal der Menschenseele lebendig werden zu lassen, von ihrem Herabstieg aus dem Schoße der Götter, durch die Leiden, die ihr die Verstrickung ins Irdische gebracht, bis dahin, wo sie sich reinigend von den Befleckungen der sinnlichen Erkenntnis in keuscher Hingabe an den verborgenen Weltenvater von diesem den (S52) Gottessohn empfangen und in sich zur Geburt bringen kann. Ind dem vielleicht großartigsten Mysterienmythus von Persephone-Dionysos wird dieses Schicksal ja in so gewaltiger Art dargestellt. Und wie das alte Mysterienwesen dann den Abschluß und die Krönung, auf die es seit Urzeiten hinzielte, gefunden hat in der Geburt Christi als des Gottessohnes in dem Menschen Jesus. Als eine zugleich äußere historische und innere mystische Tatsache wird das Christusereignis geschildert, durch welche, was zu allen Zeiten das höchste Ziel mystischen Strebens war, eine einmalige vollkommene Verwirklichung gefunden hat. Und wie alles vorchristliche mystische Streben Vorbereitung dieses höchsten Ereignisses bedeute, alles nachchristliche aber "Nachfolge Christi" sein müsse. So wurde also schon in diesem Buche von einer bestimmten Seite her nach seiner wahren Bedeutung gekennzeichnet, was später als das Zentralmysterium der Menschheitsentwicklung in umfassendster Art von den mannigfaltigsten Gesichtspunkten aus immer wieder in den Mittelpunkt anthroposophischer Darstellungen gerückt werden mußte.

   Alle die genannten Darstellungen sind zuerst in Form von Vorträgen gegeben worden, die Rudolf Steiner in den ersten Jahren des Jahrhunderts in Berlin in einem kleinen Kreise von Menschen gehalten hat. Dieser Kreis hatte ihn, nachdem Rudolf Steiner den ersten Vortrag über Goethes Märchen in ihm gehalten hatte, zu weiteren Vorträgen eingeladen, um mehr von ihm nach dieser Richtung zu hören. Er bestand nämlich zum größten Teil aus Persönlichkeiten, die der damaligen theosophischen Bewegung angehörten und für solche Darstellungen einen offenen Sinn hatten. Daher auch konnte vor ihnen in den Vorträgen gleich so tief in die Geheimnisse der übersinnlichen Welt hineingeführt werden, wie dies die genannten Bücher zeigen. Diese Vorträge führten nun dazu, daß Rudolf Steiner von diesen Persönlichkeiten eingeladen wurde, der Theosophischen Gesellschaft beizutreten, und als man kurz danach eine deutsche Sektion derselben gründete, zu deren Generalsekretär gewählt wurde. Man hatte in diesem Kreise die Empfindung, die (S53) dann beim Theosophischen Kongreß in London 1902 eine der leitenden Persönlichkeiten Rudolf Steiner mit den Worten ausdrückte, daß, was er in seinem Buche über die Mystik ausgesprochen habe, die wahre Theosophie sei. ...





wird fortgesetzt