Der Siebenstern, Kreis und Kreuz

  Für den Menschen der früheren Jahrtausende war alles Symbol. Er erlebte die Natur wie das menschliche Leben auf dem Hintergrund geistiger Urkräfte und göttlicher Urbilder. Der Himmel war ihm der Wohnsitz der Götter, die Erde das Wohnhaus des Menschen, die unterirdischen Tiefen die Stätten des Hades, wo die Toten wohnten. Noch in Dantes >Göttlicher Komödie< hat sich diese Weltordnung erhalten. Das ganze menschliche Leben war transparent für das Walten geistiger Mächte, die durch Kultus und Riten, in Jahresfesten und Feiern beschworen und hereingerufen wurden in das irdische Leben. In den sieben chrstlichen Sakramenten von Taufe, Firmung, Beichte, Kommunion, Trauung, Priesterweihe und Sterbesakrament feiert dieser Symbolismus, der durch Christus entsiegelt wurde, seine Auferstehung.

  Man muß sich hineinversetzen in das Seelenleben der Menschheit, die sich vor dem Erwachen zum intellektuellen Bewußtsein noch verbunden fühlte mit den tragenden Schöpfermächten der Welt. Für sie war jeder Ort durchwaltet von geistigen Kräften: der Baum, der heilige Hain, der rieselnde Bach, der drohende Fels und der erhabene Berg. Dies galt besonders für die kosmischen Himmelserscheinungen, für Sonne und Mond und die strahlende Sternenwelt. Schiller hat dies mythische Naturerleben in seinem Gedicht >Die Götter Griechenlands< in einem begeisterten Hymnus wiedergegeben:

 

>Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, seelenlos ein Feuerball sich dreht,

lenkte damals seinen goldnen Wagen Helios in stiller Majestät.

Diese Höhen füllten Oreaden, eine Dryas lebt' in jenem Baum,

Aus den Urnen lieblicher Najaden sprang der Ströme Silberschaum...

Damals trat kein gräßliches Gerippe vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß

nahm das letzte Leben von der Lippe, seine Fackel senkt' ein Genius.

Selbst des Orkus strenge Richterwaage hielt der Enkel einer Sterblichen,

und des Thrakers seelenvolle Klage rührte die Erinnyen...

Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder, holdes Blütenalter der Natur!

Ach, nur in dem Feenland der Lieder lebt noch deine fabelhafte Spur.

Ausgestorben trauert das Gefilde, keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,

Ach, von jenem lebenwarmen Bilde blieb der Schatten nur zurück...<

 

  Wenn der heutige Mensch in diesem mythenbildenden Bewußtsein eine willkürliche Phantasietätigkeit erblickt, welche die Welt mit Fabelwesen bevölkerte, so projiziert er seine eigene Phantasie in jenes alte hellseherische Bewußtsein, für das die Welt noch durchlässig war für objektive Geistesmächte, die sich ihm im imaginativen Bilde offenbarten. Im symbolschaffenden Traume lebt noch ein Rest dieses Urbewußtseins, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden.

  Das Wesen dieses alten Bewußtseins ist sein bildhaftes Element. Aus diesen Bildern sind dann die Zeichen und Symbole entstanden, wie sie zum Beispiel in den Planeten- und Tierkreizeichen überliefert worden sind. Was einst Bild war, schrumpfte zum Zeichen zusammen und erstarrte im Symbol. Durch ein magisches Willenselement, wie es im Kultus der Kirche sowie in den Zeremonien der Freimaurer erweckt wird, kann das Symbol wieder wirksam werden und Leben erhalten. Es ergreift dann die unterbewußten Willenskräfte und gibt ihnen Prägung und Form, indem geistige Wesenheiten in sie einströmen. Dadurch wirken sie gemeinschaftsbildend. Allerdings werden solche Kulthandlungen und Symbole für den heutigen Menschen nur förderlich sein, wenn das Ich-Bewußtsein sich mit ihnen verbinden kann und Einblick in ihre tiefere Bedeutung erhält. Sonst wird der Mensch an magische Willenskräfte gebunden, die ihn an ein Gattungsmäßiges fesseln und ihm den Weg zu seiner freien Persönlichkeit verbauen. Aus diesem Grunde kann es als eine wichtige Aufgabe betrachtet werden, die Geheimschrift der überlieferten Symbole zu entsiegeln...

  Die kosmische Weltordnung, wie sie in den priesterlichen Geheimsymbolen gepflegt wurde, die bis auf die babylonisch-chaldäischen Mysterien zurückgehen, erklingt noch in den Jubelchören von Haydns >Schöpfung<. Er selbst bekennt, daß er dies Werk nur unter einer tiefen Erschütterung und unter fortwährenden Gebeten schaffen konnte. Kaum ein anderes Menschheitsdokument außer den Evangelien hat so tief der Menschheit eingeprägt und sie durch Jahrtausende getragen wie die Genesis des Moses. In ihren machtvollen Bildern, die noch einen Michelangelo zu seinen kraftvollen Schöpfungen in der Sixtinischen Kapelle inspirierten, ist der Menschheit eine Wegzehrung mitgegeben, die in der rhythmischen Folge der sieben Wochentage unserer Kultur das tragende Grundgerüst gegeben hat. Vermessen ist es daher, an diese kosmische Ordnung zu rühren, wodurch der Mensch die letzte Verbindung verlieren würde, die ihn noch mit den Rhythmen des Kosmos verbindet.

  >Nach der Lehre der Alten war die Erde umgeben von den Sphären der sieben Wandelsterne, deren Abstände man nach ihren Umlaufgeschwindigkeiten ordnete. Am schnellsten bewegt sich der Mond, der also die erste, dann der Merkur und die Venus, die die zweite und dritte Sphäre beherrschten. Diese drei Wandelsterne können die Sonne überholen und dann wieder zurückbleiben, sie sind also schneller als diese, der man die vierte Sphäre zuteilte. An fünfter, sechster und siebenter Stelle folgten dann die Planeten Mars, Jupiter und Saturn.< (5. Bernhard Wittlich: Symbole und Zeichen, Bonn 1965).

  Das Symbol des Siebensternes veranschaulicht diese kosmische Ordnung, wie sie unseren Wochentagen zugrunde liegt.

  Geht man vom Samstag aus, dem der Saturn entspricht, und begibt sich dann auf dem Strahl zur Sonne, von dort zum Mond und so weiter, so kehrt man von der Venus wieder zum Saturn zurück und hat auf diesem Wege alle Planeten, die den einzelnen Wochentagen zugrunde liegen, durchwandert. Denn auch die Planeten waren in der Anschauung der Alten von geistigen Kräften beseelt. Jedem Planet kam ein Herrscher zu. (Man findet diese Zuordnung tief begründet in der geistigen Weltevolution, wie sie in Rudolf Steiners >Geheimwissenschaft< dargestellt ist.)

 

Saturn - Samstag (samedi, saturday - Satun-Tag)

Sonne - Sonntag (sunday - Sonnen-Tag)

Mond - Montag (monday, lundi - Luna-Tag)

Mars - Dienstag (tuesday, mardi - Mars-Tag)

Merkur - Mittwoch (mercredi - Merkur-Tag)

Jupiter - Donnerstag (jeudi - Thors-Tag)

Venus - Freitag (Freya-Tag) vendredi (Venus-Tag)

 

  Der Siebenstern, eingeschlossen vom Kreis als dem Symbol des Alls, kann uns so zum Zeichen für die kosmische Ordnung des Weltalls werden, wie sie auf den sieben Saiten der kosmischen Leyer in den sieben Wochentagen erklingt. Versuchen wir uns dieser Zusammenhänge wieder bewußt zu werden, so fügen wir uns wieder bewußt in die kosmische Ordnung ein, der wir mehr und mehr entfallen sind, so daß unser Seelenleben ein Ausdruck der Harmonie des Weltalls wird...

  Von alters her wurde der Kreis als Sinnbild des Weltalls empfunden, lange schon bevor die Kugelgestalt der Erde entdeckt worden war. Der Kreis ist das Zeichen der Unendlichkeit, die sich, in sich selbst zurückkehrend, wie die Schlange in den Schwanz beißt. So wird das Bild des Kreises zum Symbol der Weltenschöpfung im Urbeginn - und des Weltendes, wenn der Mensch sich im Weltall wieder findet.

  Das Symbol des Kreises mit dem Mittelpunkt bildet ein wichtiges Meditationsbild, wie es in Indien viel meditiert wird. Es ist durch mehrere konzentrische Kreise, die ineinanderliegen und welche die verschiedenen Bewußtseinsebenen der einzelnen Welten darstellen, zur Meditationsfigur erweitert worden, die von Brahman, dem Schöpfergott, gehalten und in Bewegung gesetzt werden. Das Ziel dieser Meditation ist, sich zu befreien aus dem kreisenden Rad der Wiedergeburten und der einzelnen Welten, um sich im Brahman, dem Mittelpunkt der Welt, zu finden. Wer dies Ziel erreicht, der vermag sich aus der Illusion der Sinneswelt und der anderen Bewußtseinsebenen herauszulösen und kehrt in das Nirwana ein.

  Dem Europäer, dem das Ich als Mittelpunkt seines Lebens gilt, kann dieses Symbol noch etwas anderes sagen: Es veranschaulicht die Beziehung und das Verhältnis seines Selbstes zur Umwelt. Von der Peripherie dringen immerzu Einflüsse auf uns ein, positive wie negative, aufbauende wie zerstörerische. Heute, im Zeitalter der Technik, überwiegen oft die letzteren. Deshalb müssen vom Zentrum unseres Wesens diese abbauenden und zerstörerischen Einflüsse ausgeglichen werden. So entsteht diese Figur, die in der Wellenlinie das Gleichgewicht darstellt, das vom Ich aus immer wieder hergestellt werden muß: >Das Innere siegt<. Überwiegen die äußeren Einflüsse, die vom Ich aus nicht mehr bemeistert werden, so entstehen seelische und physische Krankheitskeime, das das Selbst die äußeren Eindrücke nicht mehr bewältigt, wie es in der zweiten Figur wiedergegeben ist: >Das Äußere siegt<.

   Nach alten Überlieferungen ist der Kreis das Abbild der Sonnenbahn, welche die Sonne in ihrer Wanderung durch die zwölf Tierkreiszeichen ausführt. Man teilte ihn in zwölf Abschnitte, die an ihm als die einzelnen Tierkreisbilder erscheinen. Die wichtigsten beiden Punkte sind diejenigen, wo die Sonnenbahn den Äquator schneidet.

In der östlichen Welt bildet das Symbol des Kreises mit dem göttlichen Mittelpunkt, von dem aus sich die verschiedenen Bewußtseinsebenen entfalten, eine wichtige Meditationsfigur. Unsere Abbildung gibt ein tibetisches "Weltrad" wieder (Jung: Psychologie und Alchimie. Rascher-Verlag, Zürich S143)

  Es ist der Frühlingspunkt und der Herbstpunkt, Frühlings- und Herbstäquinoktium. Diese Schnittpunkte wandern im Zeitraum von 25920 Jahren durch den ganzen Tierkreis (Präzessionsbewegung). So lag der Frühlingspunkt der ägyptischen Kultur im Tierkreiszeichen des Stieres, weshalb zu jener Zeit der Apis-Stier in Ägypten verehrt wurde. Um Christi Geburt stand die Sonne im Zeichen des Widders, um dann in das Zeichen der Fische überzugehen.

  Im Bilde des Lammes und der Fische werden kosmische Werte versinnbildlicht. Es sind dies Sonnenkräfte, die, von den einzelnen Tierkreisbildern modifiziert, den menschlichen Kulturen ihr Gepräge verleihen. Daher tauchen in den verschiedenen Kulturperioden bestimmte Symbole auf, durch welche man gleichsam in den Kosmos schaute, um sich mit den spezifischen Tierkreiskräften zu verbinden, die für eine Kultur maßgebend sind. Da Christus in den ersten Jahrhunderten als >Sonnenwesen< verehrt wurde, so verehrte man in ihm die Sonnenkräfte, welche durch seine Fleischwerdung auf die Erde gekommen waren. Hiermit hängen die beiden Symbole des Lammes und der Fische zusammen, die in den ersten christlichen Gemeinden eine so große Rolle spielten.

  Das Lamm als Symbolum für das >Opferlamm<, das der Welt Sünden trägt; die Fische bilden im Griechischen ein Geheimwort, dessen einzelne Buchstaben die Anfangsbuchstaben des Erlösers darstellen: Ichthys = Jesus Christus, Gottes Sohn, Erlöser. Deshalb wurde das Fisch-Symbol zu einer Art Erkennungszeichen für die Christen untereinander.

  Allerdings beruht das Symbol der Fische für den Christus auf einem noch tieferen okkulten Hintergrund. In der dritten Erdperiode, der früh-lemurischen Zeit (Perm und Trias) trat im Tierkreiszeichen der Fische die Sonne aus der Erde. Was sich damals physisch abspielte, war der Ausdruck für dahinterstehende geistige Kräfte und Wesen, die damals die Sonne aus der Erde lösten. Und obwohl die Wiederkehr des Christus-Wesens zur Erde sich noch im Zeichen des Widders (Lamm) vollzog, so werden seine Sonnenkräfte doch erst in der Fischkultur, unserer Gegenwart (der 5. nachatlantischen Kultur), wirksam, worauf die Speisungsszene der 5000 hinweist, welche durch die >fünf Brote und zwei Fische< gespeist werden. Wir werden noch sehen, wie solche Bilder in den Evangelien überall auf kosmische Symbole deuten, wie sie hier mit den fünf nächtlichen Tierkreiszeichen zusammenhängen, in welche die Menschheitsentwicklung eingetreten ist (6. vgl. die Evangelienbücher des Verfassers).

  In diesem Sinne spricht sich im Fischsymbol die kosmische Zugehörigkeit des Christus zur Sonne aus, deren geistige Kräfte sich durch seine Menschwerdung wieder mit der Erde vereinigt haben.

  Zeichnet man das Kreuz in den Kreis hinein, so erhält man den Sonnenstand im Frühling, Sommer, Herbst und Winter zur Zeit der ägyptischen Hochkultur um 1300 v.Chr. Diese vier Sonnenorte, die an den Enden des Kreuzes stehen, bilden die Zeiger einer Sonnenuhr, welche auf die vier >apokalyptischen Tiere< Stier, Löwe, Adler (Skorpion) und Wassermann weisen. Die Sphinx enthält alle diese kosmischen Kräfte in sich vereint: >Sie wird uns geschildert als ein Wesen mit dem Leibe eines Stieres, Pranken und Schweif eines Löwen, Flügeln eines Adlers und einem Menschenhaupt. Die Sphinx ist Symbol des Adam Kadmon, Symbol der Menschheit selbst. Sie kann keine tiefere Rätselfrage stellen als die nach dem Rätsel ihres eigenen Wesens, denn noch nie wurde enträtselt, was das ist, dieses Ich, dieses Selbst.<

  So ist das Kreuz in den Kosmos eingeschrieben als die kosmische Weltenuhr, die zugleich den Himmelsmenschen, Adam Kadmon, wie er in der jüdischen Geheimlehre heißt, oder die Sphinx offenbart, welche auf das kosmische Geburtsgeheimnis des Menschen hindeutet. Denn aus vier Seiten des Weltenalls wurde der Mensch herausgeboren: Es sind die Kräfte des kosmischen Willens, Fühlens und Denkens, die sich im Wassermann harmonisch vereinigen. Sie liegen als Gattungskräfte der Tierheit zugrunde, woher der Tierkreis seinen Namen trägt. Der Mensch hat die Aufgabe, diese Kräfte zu individualisieren, um sie im Ich zu vereinigen. Daher sind die Symbole des Tierkreises den vier Evangelien beigegeben, der STIER dem Lukasevangelium, der LÖWE dem Markusevangelium, der ADLER, in den sich der Skorpion verwandeln soll, Johannes und der WASSERMANN Matthäus.

  >Anstelle des Skorpions, der im Tierkreis am Ende des vierten Kreuzbalkens zu finden ist, steht in der Symbolik der Adler. Das hat seinen Grund darin, daß über dem Tierkreiszeichen Skorpion zum Himmelspol zu das Sternbild Adler steht. Die alten Geheimlehren, die esoterischen Lehren, sprachen davon, daß der Skorpion sich in den Adler verwandeln würde. Die beiden astrologischen Symbole für Adler und für Skorpion zeigen diese Beziehung noch heute deutlich< (7. Bernhard Wittlich: Symbole und Zeichen, Bonn 1965).

  Die große Wende, die sich durch das Mysterium von Golgatha vollzogen hat, liegt darin, daß die kosmischen Kräfte, welche den Menschen aus dem Weltenall geformt und geprägt haben, wie sie noch in den alten Symbolen zum Ausdruck kommen, heute entsiegelt und vom Ich aus durchleuchtet werden müssen. Was der Mensch einst aus dem Kosmos als Göttergaben empfangen hat, das soll er ihnen jetzt als vom Ich aus entsiegelte und umgewandelte Erdenfrüchte zurückgeben. Somit ist die Erde und alles irdische Geschehen zum geistigen Mittelpunkt der Schöpfung geworden.

 

  Wir sahen, wie jede Kulturperiode bestimmte Kräfte offenbart, die ihr zugrunde liegen und die ihrem Wesen nach kosmischer Natur sind. Das Symbol der FISCHE weist auf die Vergeistigung der materiellen Erdenkräfte, wie sie gegenwärtig in der 5. nachatlantischen Kulturperiode in der Technik zum Ausdruck kommen. So wie der WIDDER dem Haupte des Menschen entspricht, so entsprechen die Füße den FISCHEN. Noch nie war der Mensch so erdverbunden und dem Diesseits zugewandt wie in unserer Kultur, die so stolz ist auf ihre materiellen Errungenschaften.

  Versucht man die treibenden Kräfte in der Menschheitsevolution in Zeichen und Bild zu fassen, so findet man auch den Kreis am Ausgangspunkt der Menschheitskulturen. In Mykene betritt man ein solches uraltes Heiligtum, wenn man das Löwentor durchschreitet, zwei verwitterte Steinkreise als Reste eines Sammelgrabes aus der Megalithkultur. Ähnliche Grabstätten sind in Afrika, Asien und Europa anzutreffen. Auch die Menhire wie in Stonehenge (England), deren Alter man jetzt durch die neuesten wissenschaftlichen Forschungsmethoden berechnen konnte, zeigen eine Kreisform als Abbild des Kosmos, dessen Erscheinungen man an den aufgerichteten Felsblöcken wie an einer Weltenuhr ablesen konnte. Daraus ergibt sich, daß die vorhistorische Menschheit bis in die geschichtlichen Zeiten hinein ihre Grabstätten, Bauten und Erinnerungsmale in runder Form als Abbilder des Himmelsgewölbes anlegte. Vom Kosmos empfing sie die Kräfte, die sie formten und führten. Erst um 1000 vor Christus wandelte sich der Kreis in das Viereck mit dem schützenden Dach, das den Menschen vom Himmel abschloß. Ist das Symbol des Kreises noch ein Zeugnis der kosmischen Verbundenheit, wie sie in Asien noch lange vorhanden war, so stammt der rechteckige Bau mit dem abschließenden Dach von den griechischen Stämmen, die vom Norden hereindrängten. Jetzt erst beginnt der Mensch sich vom Kosmos abzuschließen, er betritt den Innenraum: Zeichen und Ausdruck für das sich entfaltende Ich-Erleben.

  Das kosmische Gleichgewicht von innen und außen spiegelt sich im griechischen Tempelbau. Er ist noch nicht für die betende Gemeinde gedacht, sondern er ist das Haus des Gottes, der die Landschaft beherrscht. Daher waren die meisten Tempel in Griechenland an solchen Stätten errichtet, wo starke Einstrahlungspunkte für ätherische Strömungen waren, wie der Poseidontempel in Kap Sounion bei Athen. Die Tempelstätten Griechenlands sind Zentren für kosmische Einstrahlungen, für welche die betreffende Gottheit das Symbol ist.

  Die große Wende in der Kräfterichtung beginnt erst mit dem Christentum. In den romanischen Kirchen überwiegt noch der Himmelsbogen, unter dessen Schutz die Krypta ruht mit der Grabstätte eines Heiligen oder Märtyrers. In den Katakomben, tief unter der Erde, vollzieht sich die große Wende: auf den Gräbern der ersten Christen feiert die urchristliche Gemeinde die Auferstehung. Daraus erwachsen die romanischen und gotischen Kirchenbauten, mit ihren gen Himmel gerichteten Türmen. Es sind die Kräfte des Auferstehungsleibes, die geheimnisvoll ihnen zugrunde liegen. Jetzt ist der Mensch Mittelpunkt des Erdengeschehens geworden und gibt der Gottheit zurück, was er von ihr empfangen hat. Das geht aus den gotischen Kirchenbauten hervor, welche in ihren nach oben sich verjüngenden Formen die Gebärde der nach oben gefalteten Hände der christlichen Gemeinde zum Ausdruck bringen.

  Nach der Renaissance, die ja im wesentlichen eine Wiederbelebung der griechischen Kunst darstellt, wird der künstlerische Stil im Barock und im spielerischen Rokoko immer mehr Ausdruck der subjektiven Persönlichkeit, das heißt, die Kunst verliert ihr Verhältnis zum Übersinnlichen. In der modernen Architektur sinkt sie zum >Warenhausstil< der bloßen Zweckbauten herab. Man könnte auch sagen: sie wird stillos, da das Formprinzip, das stets seine künstlerische Prägung dem Einschlag aus dem Geistigen verdankt, sich zum Sklaven des äußeren Nützlichkeitsprinzips macht und darin untergeht. So sieht man sich vergebens nach einem künstlerischen Leitmotiv um, wie es in allen Kulturen richtunggebend war. Ein neuer Einschlag kann heute nur aus dem konkreten Erleben der geistigen Welt kommen. Dieser Einschlag hat sich wie immer abseits der lauten Heerstraße und von vielen noch unbemerkt in der goetheanistischen Kunstform des ersten Goetheanumbaues in Dornach vorbereitet, der in der Silvesternacht 1922/23 ein Opfer der Flammen wurde. Das statische Element der Renaissance und der griechischen Tempel wird hier in die musikalische Linie aufgelöst und schwingt wie ein Melos in den ätherischen Formen der Architrave und Säulenmotive der beiden Kuppelräume, den Menschen über sich hinausführend und verbindend mit den kosmischen Sternenklängen. Der Grundriß der beiden ineinander übergehenden Kuppeln zeigt zwei Kreisformen: Vom Westen aus, den größeren Kuppelraum betretend, erlebte der Mensch sein Verhältnis zum Kosmos, der in den Säulenmotiven und Gemälden der Kuppelmalerei zu ihm sprach, um dann in dem kleineren Kuppelraum sich in seiner eigenen Wesenheit zu finden. Mikrokosmos und Makrokosmos verbanden sich so, um eine neue Einheit zu bilden. In der Mitte des Baues, dort wo die Schnittflächen der beiden Kuppeln waren, stand das Rednerpult, wo der Mensch im Worte dem Kosmos zurückgab, was er von ihm empfangen und was er zur Erdenfrucht vergeistigt hatte (8. vgl. Carl Kemper: Der Bau. Freies Geistesleben Stuttgart).

  Vom Kreis sind wir ausgegangen: Der Kreis steht am Ausgangspunkt der Menschheitskulturen. Und wir kehren zu ihm zurück. Jetzt aber mit dem vollerwachten Menschheits-Ich als dem Erträgnis der Erdenentwicklung. Darin offenbart sich der Sinn der ganzen Menschheitsevolution. Es ist die Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Es ist das ICH, das sich in der Welt wiederfindet. Dieses Siegel, wie es auf dem vierten Mysteriendrama Rudolf Steiners, >Der Seelen Erwachen<, steht, enthält das Geheimnis unserer Kulturepoche:

>>Ich Erkennet Sich<<

Die Menschheitsevolution kann im Bilde einer sich in den Schwanz beißenden Schlange dargestellt werden, so wie es uns in dem Siegel auf der Titelseite des 4. Mysteriendramas von Rudolf Steiner, >>Der Seelen Erschen<<, als das Geheimnis unserer Kulturepoche entgegentritt (Rudolf Steiner: Der Seelen Erwachen. Verlag der Rudolf-Steiner Nachlaßverwaltung, Dornach).