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Die Symbolsprache in der Apokalypse des Johannes

Die Grundsymbole der Apokalypse

Die Apokalypse vom mystischen Aspekt

   Jedes Symbol hat ein Janusantlitz: mit dem einen blickt es in die Vergangenheit, mit dem anderen ist es der Zukunft zugewandt. Dieser Januscharakter offenbart sich bereits im Zeichen des Kreuzes, dem Ursymbol der Menschheit. An ihm können wir die ganze Entwicklungsgeschichte des Menschen ablesen: es wurzelt im mineralischen Reich der Erde und richtet sich zur Höhe auf. In dieser vertikalen Richtung ist es ein Sinnbild der aufrechten Haltung des Menschen. Bevor dieser aber sein Ich erhielt und sich aufrichten konnte, mußte die Evolution das mineralische, pflanzliche und tierische Reich durchlaufen. Die Pflanze ist vom geistigen Blickpunkt der umgekehrte Mensch: sie wurzelt mit den Kräften, die beim Menschen die Haupteskräfte sind, in der Erde und streckt ihre Fortpflanzungsorgane (Blütenkelch) zur Sonne empor, die sie befruchtet. Daher wirken die unter der Erde reifenden Früchte der Pflanze (wie die Kartoffel) auf den Kopf des Menschen. Der Mensch mußte also eine Drehung um 180° vollführen, um sein Haupt zur Sonne zu wenden. Dies geschah, als die Sonne sich von der Erde trennte. Solange sie noch mit der Erde verbunden war, wandte sich der Mensch in seiner ätherischen Organisation dem Mittelpunkt der Erde zu. Als sie sich von der Erde löste, folgte er ihrer Bahn und richtete sich in die Höhe empor. Dabei durchlief er die Horizontale, die ein Abbild der Mondbahn ist, in welcher das Tier heute noch lebt, indem es parallel zur Erde sich fortbewegt.  So erhalten wir das Weltenkreuz, in dem die dem Menschen vorangegangenen Naturreiche bis zum Menschen enthalten sind: Daher ist das Kreuz das Zeichen der Erde. Der Mensch trägt alle Reiche der Erde in sich, um sie zur Höhe emporzuführen und wieder mit dem Himmel zu verbinden. Indem er seine Arme ausstreckt, umfaßt er segnend alle Kreatur. Dabei aber erlebt er den Kreuzpunkt in sich selbst, den Schnittpunkt der Horizontalen und der Vertikalen. Es ist die Diskrepanz, die er in moralischer Beziehung erlebt, indem er selbst noch an das Tierreich gefesselt ist. So wird ihm das Kreuz zur Mahnung, das Tierreich in sich zu überwinden und es zu erlösen. Solange er dies nicht vollbracht hat, ist er mit seiner Seele an das Kreuz des Leibes gefesselt.

  Das Kreuz, das bei fast allen Völkern als Zeichen der Erde bekannt war, erhält erst seinen Sinn und damit seine Erfüllung in dem Augenblick, als die Weltenseele sich durch Christus mit dem Weltenleibe verband. Das ist der historische Augenblick der Kreuzaufrichtung auf Golgatha. Was vorher als schöpferischer Keim in der Schöpfung schlummernd ruhte, das empfing jetzt die Kraft zur Auferstehung. Doch diese Auferstehung zur Erlösung aller Kreatur kann nur durch den Menschen sich vollziehen: so wird der Mensch zum Vorbild und Ziel aller Kreatur, wie es Richard Wagner im >Karfreitagszauber< seines >Parsifal< als Sehnsucht nach Erlösung musikalisch so wunderbar zum Ausdruck gebracht hat. Beschreitet der Mensch diesen Weg, dann verwandelt sich das rote Blut aus den Wunden des Erlösers zu den sieben roten Lichtesrosen. Das Rosenkreuz wird so zum Symbol für den Sie des unvergänglichen Geistes über den Tod.  

Rudolf Steiner - Rosenkreuz, nicht in Poeppigs Buch enthalten:

 

 

 

 

Es ist in die Zukunft gerichtet und lehrt uns, was die vergängliche Erdenschöpfung überdauert! -  

Alles, was diesen Keim, der den Tod überwindet, in sich aufgenommen hat, wird als Blüte und Frucht im geistigen Kosmos auferstehen, wenn die Erde als Leichnam zerfällt, und das durch das Opfer von Golgatha verwandelte und vergeistigte Leben hinüberretten in die Zukunftserde, die die Geistewissenschaft den >Jupiterzustand< nennt, die Offenbarung Johannis das >himmlische Jerusalem<...

 

Die vier Grundsymbole der Apokalypse

  Da es uns in diesem Rahmen nur möglich ist, von den überreichen Bildern der Offenbarung Johannis einge der Grundmotive darzustellen, so müssen wir uns hier beschränken auf die vier wichtigsten Symbole, welche die Struktur und zugleich die Bewußtseinszustände des dramatischen Geschehens wiedergeben. Dabei müssen wir uns grundsätzlich klar sein, was uns gerade die Apokalypse in ihrer Bilderschrift lehren kann: daß jedes Symbol im Wesen die irdische Projektion einer Himmelsschrift darstellt, die urbildhaft in der übersinnlich-geistigen Welt erglänzt. Beachtet man dies nicht, dann gerät man in die Gefahr, die Bilder und Symbole der Apokalypse zu vermaterialisieren und rein irdisch zu deuten. Dies ist ja auch in allen Zeiten immer wieder geschehen. Erst wenn man durch die Zeichen und Bilder die geistigen Urbilder und Quellkräfte gewahr wird, werden die Bilder und Vorgänge transparent, und man blickt in geistige Weltenkräfte, die um das Ziel der Erde in einem gigantischen Kampf miteinander ringen.

  Das erste Bild, das wir besprechen wollen, ist die Gestalt eines Menschen, der inmitten sieben goldener Leuchter steht, dessen Augen wie Feuerflammen leuchten, dessen Füße wie Golderz erglühen und dessen rechte Hand sieben Sterne trägt (1,12-16). Diese Gestalt spricht zu dem Seher, als dieser vor ihrem Glanz geblendet zur Erde stürzt: >Fürchte dich nicht. Ich bin der Erste und der Letzte. Ich lebe. Ich bin gestorben, und dennoch trage ich das Leben der Welt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und ich habe den Schlüssel zum Reich des Todes und der Schatten< (1,17-18).

  Von diesem Bilde erstrahlt ein Motiv, das alle Geschehnisse der ersten Bewußtseinsstufe überleuchtet. Es sind die sieben Sterne in der Hand des >Menschensohnes< sowie die sieben goldenen Leuchter: >Die sieben Sterne sind die Engel der sieben Gemeindn, und die sieben Leuchter sind die sieben Gemeinden.< (1.20).

  Dieses Bild entfaltet sich nun bis zum 4. Kapitel und wird zum Licht, das die sieben christlichen Gemeinden in Vorderasien inspiriert und ihr Wesen offenbart. Stern und Leuchter: das sind hier die beiden Ursymbole, die uns den Weg weisen können. Versuchen wir in schlichten Worten das Geheimnis dieser beiden Symbole zu enträtseln.

  Wenn der Mensch in innerer Versenkung in sich ruht, dann beginnt seine Seele, wenn sie alle äußeren Kräfte nach innen kehrt, zu leuchten. Ein Licht geht ihr auf, das von der geistigen Welt aus gesehen wird. Erst wenn der Mensch dieses Licht in seiner Seele entzündet, wird das Dunkel der geistigen Welt um ihn her hell. Dies Licht aber ist nur der Widerschein eines anderen Lichtes, das unsichtbar über jedem Menschen schwebt. Es ist das Licht seines Genius oder Engelwesens, das als Stern über dem Haupt des Menschen erglänzt. Von dorther empfängt der Mensch seine Inspiration und Weisungen. Noch die Römer verehrten ihren Genius und brachten ihm Opfer auf ihrem Hausaltar dar. Das Wesentliche des Christusimpulses ist, daß er dieses Licht zu neuem Leuchten bringt. Es empfängt erst jetzt seinen geistigen Inhalt. Schließt der Mensch sich in seine Egoität ein, so erhält dieses Licht einen trüben Glanz. Er schließt sich ab vom Menschheitslicht, das die Urquelle allen Lichtes ist. Darin liegt das Wesen des Christusimpulses, daß der große Menschheitsbruderbund durch ihn erwachsen kann, der den Einzelnen aus seiner Egoität und Vereinsamung befreit. Überall, wo sich solche Gemeinschaften bilden, die sich zu diesem Geiste bekennen, erstrahlt das Licht des Engels vom Ostermorgen, der Christus vorausgeht, und entzündet das Licht des Einzelnen  an der Flamme des Menschheits-Genius. Und von seinem Licht wird offenbar, was sich schon in den Dienst des neuen Impulses gestellt hat und  noch im absterbenden Alten verharrt und dadurch zum Hemmenden, Retardierenden wird.

  Jede Gemeinschaft, die Licht such und entzündet, wird zu einem Urbild und zur Keimzelle des großen Bruderbundes. So wendet sich der im Ätherlicht Auferstandene, der dem Seher in seiner kosmischen Gestalt erscheint, an die Genien der sieben Gemeinden, die hier repräsentativ für die ganze Menschheit stehen, welche sich durch das Licht des Osterengels zu einer durchchristeten Gemeinschaft heranbilden soll. Sprechen wir im Sinne der Zahlenmystik, die ja in der Apokalypse eine große Rolle spielt, so stehen die sieben Gemeinden hier stellvertretend für die sieben nachatlantischen Kulturperioden, welche sich nach der atlantischen Katastrophe (34.Fred Poeppig: Das Rätsel der Atlantis und die Eiszeit. Die Kommenden Freiburg) von der alt-indischen Kulturperiode zur persischen, ägyptischen, griechisch-römischen bis zu unserer 5. Kulturperiode entwickelt haben. Sie alle sollen zu Gemeinschaften des neuen Geistes heranblühen, indem sie dies Licht in Gemeinsamkeit zum Leuchten bringen.

  Bemerkenswert ist, mit welchen Worten der Genius der 5. Gemeinde von Sardes angesprochen wird, die stellvertretend für die 5. Kulturperiode, unsere Gegenwart, steht: >...Du hast den Namen, daß du lebst, aber du bist tot. Strebe danach, zu erwachen, und erkrafte, was in deiner Seele noch lebendig ist, damit es nicht auch stirbt. Ich kann dir nicht bestätigen, daß dein Tun vor der göttlichen Welt volle Wirklichkeit besitzt. Belebe, was du empfangen und gehört hast, pflege es und wandle deinen Sinn. Wenn du nicht erwachst, so werde ich kommen wie ein Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich komme< (3,1-3).

  Zusammenfassend für diese erste Bewußtsseinsstufe können wir sagen: Die sieben Sterne und Leuchter stehen hier als Sinnbilder für das in der Menschheit erwachende neue Licht des Christusgeistes, das in das irdische Bewußtsein der Menschheit Einzug halten soll.

  Die zweite Bewußtseinsstufe spiegelt sich in den sieben Siegeln. In früheren Zeiten pflegte man einen Brief mit einem Petschaft zu versiegeln, damit der Inhalt geheim bleibe, bis der Empfänger das Siegel eröffnen und wir während unseres Erdenlebens in das Buch unseres Lebens hineinschreiben. Alle Sinneseindrücke, alle Freuden und Leiden, alles, was wir uns errungen haben an Fähigkeiten, wird eingetragen in dies Buch unserer Seele und wird erst nach dem Tode entsiegelt. Da zeigt sich, welche Lebensfrüchte wir auf Erden aufgenommen haben. Doch nur diejenigen Lebensfrüchte sind bleibend, welche das Siegel des Christusgeistes tragen. Denn dieser hat die Macht, das Vergängliche zum Unvergänglichen umzuwandeln. Ist es doch das Ziel unserer Erdenleben, die Erde zu vergeistigen und alle Erdenschlacken in unserer Seele im Schmelztiegel dieses Feuers zu läutern.

  Was der Mensch so nach jedem Tode an bleibenden Lebensfrüchten aus seinem >Lebensbuche< entsiegelt, das vollzieht sich für die ganze Menschheit, wenn die physische Erde in eine ätherische Daseinsform übergeht. Dann soll der Mensch die nächste Bewußtseinsstufe erlangt haben, durch die er ohne sein physisches Gehrinn ein Ich-Bewußtsein entfalten kann. Man nennt diese Bewußtseinsstufe das imaginative oder Bilderbewußtsein, in welchem der Mensch einst in traumhafter Art die Mythenbilder erlebte. Jetzt soll er sich in vergeistigter Art bewußt dazu erheben.

  Wiederum steht vor dem Seher ein großes Bild, das auf diesen Übergang deutet, der sich am Ende der 7. Kulturperiode der nachatlantischen Zeit abspielen wird, wenn die Erde die in ihr verborgenen ätherischen Bildekräfte offenbart. Darin sind alle Taten und Ereignisse eingezeichnet. Es ist das >Lebensbuch<, das nur von der Wandlungsmacht des Christusgeistes >entsiegelt< werden kann. Und wiederum sehen wir, wie den vergeistigten Kräften die retardierenden gegenüberstehen, welche dem neuen Impuls wiederstrebten und nun in ihrer Zerstörungskraft sich zeigen. Es sind die vier apokalyptischen Reiter, welche in bildhafter Form auf die im alten Gattungsblut stehengebliebenen Menschheitskräfte hinweisen. Jetzt offenbaren sie sich in ihrer ganzen Zerstörungskraft.

  Erst das 5. Siegel enthüllt die >Menschen in weißen Kleidern<, die den neuen Wandlungsimpuls in sich aufgenommen haben. Es sind diejenigen, welche sich geopfert haben, um dem Christusimpuls zum Siege zu verhelfen (6,9-11). So erscheinen hier auf der zweiten Bewußtseinsstufe die Bilder und Gegenbilder der aus dem Wandlungsimpuls hervorgehenden Menschheitsfrüchte des Christusimpulses.

  Die ganze Macht dieses Wandlungsimpulses zeigt sich erst auf der dritten Bewußtseinsstufe im Bilde der sieben Posaunen. Vorbereitet wird diese neue Stufe durch eine große Stille im Himmel, wo ein übersinnlicher Kultus zelebriert wird. Ein grandioses Bild erscheint: Feuer vom himmlischen Altar wird den sieben posaunenblasenden Engeln gegeben, damit sie es auf die Erde fallenlassen wie einen Meteorregen, der ein Drittel aller Wachstumskräfte vernichtet. >Und da geschahen Stimmen und Donner und Blitze und Erdbeben< (8,5).

  Gott spricht zunächst mit leiser Stimme, wie es im Alten Testament heißt. Er ermahnt und weist die Menschen durch geheime Zeichen und Winke. Wenn die Menschheit diese Warnungstafeln aber übersieht und überhört und dafür taub bleibt, dann spricht die Gottheit durch Donner und Erdbeben! Wie vom Posaunenschall die Mauern von Jericho fielen, so werden die harten Mauern unserer Kultur gesprengt, um das Gotteswort zu vernehmen. Haben wir nicht schon einen Vorgeschmack dieses Posaunenzeitalters in den zusammenstürzenden und brennenden Städten Deutschlands erlebt? - Das michaelische Motiv hebt hier seinen Posaunenklang an. Denn nun tritt der starke Engel, der vor der Sonne steht, selbst auf den Plan der Weltgeschichte: er kämpft mit dem Drachen, der zur Erde herniedergestürzt wird, so daß die Aussicht zum Himmel, der geistigen Welt, frei wird. Jetzt muß die Menschheit selbst eintreten in den Kampf wider die Drachenmächte. Es ist der große Übergang zur Geburt des Christusimpulses in jeder Seele. Er erscheint als Kind, das zunächst zu Gottes Thron entrückt wird, bis er reif geworden ist, im Menschen selbst gegen die Drachenmächte zu kämpfen (12,5). Die Wandlungsmacht hat jetzt das Ich ergriffen, das sich in den Schauplatz des Kampfes zwischen Christus und Ahriman hineingestellt sieht. Diejenigen, die in diesem Kampf >neutral!< bleiben wollen, werden >ausgespien<, da sie ihr Menschsein verspielt haben! Mit den Posaunenklängen erhebt sich der Apokalyoptiker zur Stufe der Inspiration, so wie die Siegel die im Lebensbuch versiegelten Bilder der Imagination enthüllen. Darin drückt sich der Grundzug dieser Offenbarung aus: denn Apokalypse bedeutet die >Enthüllung< der verborgenen Lebensschrift der geistigen Welt. Und wiederum kündigt sich jetzt bei der 5. Posaune die große Entscheidung an, da die Fünf im mystischen Zahlenwert die Rolle der Entscheidung zwischen Gut und Böse spielt. Der >Brunnen des Abgrunds< öffnet sich, und aus dem Brunnen steigt der >Rauch wie eines großen Ofens<, der das Licht der Sonne verfinstert. >Und aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, denen Macht gegeben war, die Menschen zu peinigen, die nicht das Siegel Gottes an ihren Stirnen tragen (9,3-4). Wer aber öffnet den Brunnen des Abgrunds? - Hier sehen wir, wie alle bisherigen kosmischen Verhältnisse der Weltenordnung sich umkehren. Kam bis jetzt >alles Gute von oben<, so fällt jetzt durch den fünften posaunenblasenden Engel ein Stern zur Erde herab, dem Macht verliehen wird, den Brunnen des Abgrunds zu öffnen.

  Die Weltenordnung scheint sich verkehrt zu haben. Der Himmel beginnt zu sprechen, er öffnet sich und sendet furchterregende, zerstörerische Kräfte zur Erde hernieder. Wurde zuerst ein Drittel der Lebenskräfte vernichtet, so wendet sich jetzt die Zerstörung nach innen: die Menschen selbst werden den Zerstörungskräften ausgesetzt, die nicht das Siegel des Geiste an sich tragen. Wir verstehen diese Bilder nur richtig, wenn wir uns das Wesen dieser >Enthüllung< der bisher verborgenen göttlichen Kräfte zum Bewußtsein bringen. Dies geht besonders aus den Bildern der vierten Stufe, der sogenannten Zornesschalen hervor. Es sind die letzten sieben Engel, die die Erde heimholen und ernten. >Denn mit ihnen ist vollendet der Zorn Gottes< (5,1).

  Der Zorn Gottes! In San Marco in Venedig findet sich ein Christusbild in byzantinischem Stil. Wer es zuerst erblickt, kann erschrecken von dem ernsten, richtenden Blick. Er scheint alles abzuweisen, was dem göttlichen Schicksalswillen nicht standzuhalten vermag. Vor dem kosmischen Ernst in seiner unerbittlichen Strenge muß alles zurückweichen, was am irdisch-vergänglichen Scheine haftet und das Licht scheut, weil es sich fürchtet, daß seine Werke am Licht offenbar werden: >Das aber ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse. Wer Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht an das Licht, damit seine Werke nicht enthüllt werden< (Joh. 3,19-20).

  Damit ist das Wesen dieser Enthüllung bereits ausgesprochen. Nicht die Gottheit tritt als strafender Weltenrichter dem Menschen entgegen, sondern der Mensch selbst erlebt im Angesicht der göttlichen Welt seine Nichtigkeit, seine Bosheit und Verworfenheit und verhärtet und verschließt sich in seiner Egoität. Oder er öffnet seine Seele, in der der Funke des göttlichen Lichtes glimmt, dem göttlichen Christuslicht, ums sich mit ihm zu vereinigen. Es ist ein Gericht, das in den Seelen selbst sich abspielt: >Wer mein Wort hört und sich nicht daran hält, den richte ich nicht. Denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu heilen. Wer mich von sich stößt und meine Worte nicht aufnimmt, der hat schon seinen Richter gefunden. Das Wort, das ich gesprochen habe, wird selbst sein Richter sein am Ende der Zeiten< (Joh. 12,47-48).

  Von diesem Aspekt müssen die Zornesschalen gesehen und erlebt werden, es sind zugleich die Schalen der göttlichen Liebe. Die Liebe Gottes verwandelt sich für den in den göttlichen Zorn und wird ihm zum Gericht, der sich mit der Finsternis verbunden hat.

  In zwei großen Bildern spricht sich die Entscheidung und die Krise aus: im Bilder der >Hure Babylon< und im Bilde des >himmlischen Jerusalem<, das sich von oben niedersenkt, um die letzte große Transsubstantiation einzuleiten, die die Erde in den Jupiterzustand vergeistigt. In diesem Bilde vollzieht sich die >Hochzeit des Lammes< mit der Seelenbraut: es ist das Bild für die Einweihung und Vollendung. In dem anderen Bilde spricht sich der >kosmische Ehebruch< aus: >Unzucht treiben mit der Materie< heißt den Geist verraten und sich dem vergänglichen Sein hingeben.

  Das ist der große Wandlungsimpuls, der durch das ganze göttliche Drama sichtbar wird: >Wer überwindet, der wird alles ererben und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein!< (21,7).

  In dieser Art erhebt sich der Seher zur höchsten Bewußtseinsstufe der Intuition, die ihn mit der Gottheit verbindet. Die göttliche Welt senkt sich herab und schüttet ihre Schalen geistig-göttlicher Wesenskräfte hernieder. Sie verbrennen alles Niedere, um es in dem Schmelztiegel der göttlichen Liebe zu läutern und zum Geiste zu erheben, so wie sie alles Widerstrebende zurückweisen. In diesen vier Symbolen der Lichter, Siegel, Posaunen und Opferschalen erfüllt und vollendet sich die große Transsubstantiation der Erdenmenschheit...

 

Die Apokalypse vom mystischen Aspekt

  Anhand der wesentlichen Symbole haben wir versucht, eine Skizze als Überblick über das göttliche Weltendrama zu geben, wie es dem Seher aus den Urbildern der göttlichen Welt aufleuchtet. Den inneren mystischen Aspekt wird derjenige darin entdecken, der die >Offenbarung Johannis< als Einweihungsbuch meditiert. Dann wird er gewahr, wie in den genannten vier Stufen der Lichter, Siegel, Posaunen und Opferschalen jene Bewußtseinsstufen durchlebt werden, wie sie sowohl im christlichen Kultus wie auch in der Meditation erfahren werden können. Stellen wir zur Übersichts diese vier Stufen des inneren Erlebens vor uns hin:

 

Meditation

1. Gegenständliches Bewußtsein: Inhalt der Meditation

2. Wandlung des Denkens zur Imagination

3. Wandlung des Fühlens zur Inspiration

4. Wandlung des Wollens zur Intuition

 

Kultus                Symbole    

1. Evangelienlesung     Leuchter 

2. Opferung               Siegel    

3. Wandlung               Posaunen  

4. Kommunion             Opferschalen

 

  Was vollzieht sich bei der Meditation? - Auf der ersten Stufe des gegenständlichen Bewußtseins wird der Inhalt der Meditation zunächst aufgenommen. Dieser Akt entspricht der Lesung des Evangeliums im christlichen Kultur. Je mehr das Denken sich damit verbindet, je größer die Opferkraft der Hingabe ist, um so inniger durchdringt die Meditation alle Bildekräfte des Denkens. In tiefer Verehrung wandelt sich das intellektuelle Denken zum Organ für die göttlichen Bildekräfte, die nun >entsiegelt< werden und auferstehen. Sie erscheinen dem leibfeien Bewußtsein, das sich von den Fesseln des gehirngebundenen Denkens befreit hat, in der imaginativen Bilderschrift. Was bisher versiegelt war, offenbart sich in den symbolischen Bildern der geistigen Welt.

  Doch nicht nur das Denken ergreift der meditative Vorgang: auch das Fühlen wird davon erfaßt und durchdrungen. Je tiefer die Kräfte der Verehrung sind, um so mehr senkt sich der meditative Strom in die Herzenskräfte und vermählt diese mit dem Licht des Hauptes. Jede wahre Meditation besteht in der Vermählung der Haupteskräfte mit den Herzenskräften, wodurch sich Licht und Wärme miteinander vermählen. Dadurch wandelt sich die Seele zum Geist: die Wände der Seele öffnen sich, und herein flutet das geistige Leben. Auf dieser Stufe der Transsubstantiation lernt der Mensch die imaginative Bilderschrift als Weltenwort lesen. Er erhebt sich zur inspirierten Erkenntnis. Und damit füllt sich die Schale der Seele, die der Mensch nun geläutert der geistigen Welt entgegenträgt, mit göttlicher Substanz: er ruht im Weltengrund und erlebt die göttliche Wesensverbindung (Kommunion).

  Jede Meditation ist ein Wandlungsprozeß und bildet in der persönlichen Zwiesprache mit der geistigen Welt diese vier Stufen nach, die der Gläubige im Zelebrieren des christlichen Kultus in der Gemeinschaft erlebt. Hier kann ersichtlich werden, wie auf diesem mystischen Wege die große Erdentranssubstantiation, die der Seher beschreibt, nachgebildet wird. Dadurch wird das Christusopfer nacherlebt. So wirkt der Mensch durch Kultus und Meditation mit an der Vergeistigung der Erde, damit sie ihr Ziel erreichen kann. Denn das ist das große Ziel des Christusimpulses, die Erde zu ätherisieren und wieder aus der Materie loszulösen, damit ihre Früchte dem Ewigen zurückgegeben werden können. Als das Blut auf Golgatha aus den Wunden des Erlösers floß, begann dieser Wandlungsprozeß, durch den die Erde den Impuls bekam, sich mit der Sonne wieder zu vereinen. Das Bild des >Menschensohnes< am Anfang der Apokalypse offenbart dem Seher die sonnenhaft leuchtende Christusgestalt in ihrer kosmischen Größe und Erhabenheit, wie sie fortan in der ätherischen Welt lebt, um ihr Sonnenlicht der dunklen Erde zu spenden.

  Die symbolische Bildersprache dieser Offenbarung verstehen wir nur richtig, wenn wir ihre Bilder vom Geistigen aus deuten und durchleuchten. Dann verstehen wir auch, wie in diesen Urbildern stets die größeren Rhythmen sich in den kleineren Rhythmen voraus ankündigen. Denn im Geistig-Übersinnlichen hat >die Zukunft immer schon begonnen<. So kann in den gegenwärtigen Ereignissen bereits der Klang des Posaunenzeitalters in allen seinen Erschütterungen erlebt werden, so wie der >Brunnen des Abgrunds< sich schon heute aufgetan hat und die Menschen, die nur dem Vergänglichen hingegeben sind, in ihrem Bewußtsein verdunkelt. Wir sind in dem gegenwärtigen michaelischen Zeitalter bereits in diese große Menschheitsentscheidung eingetreten...